Aus der Provinzialhauptstadt.
Dietzen, den 13. November 1925.
Die Viehzählung am 1. Dezember in Hessen.
Am 1. Dezember findet in Hessen eine Viehzählung statt. Sie erstreckt sich auf Pferde, Maultiere und Maulesel, Esel, Rindvieh, Schafe, Schweine, Ziegen, Federvieh, zahme Kaninchen und Dien.'nvclker. Es ist dabei zu beachten, dah diese Viehgattungen auch bri R i ch t l a n d wir- t e n gezählt werden müssen, also in jeder Haus Altung, in der auch nur eine dieser genannten Viehgattungen vorkommt. Die Leitung der Zählung ist der Zentralstelle für die Lan- desstatistik in Darmstadt übertragen. Die Ausführung liegt den Hessischen Dürgermeistereien (Oberbürgermeister, Bürgermeister) ob. Auf der Zählliste sind Anweisungen aufgedruckt, aus denen zu ersehen ist, wie die Zählung im einzelnen durchzuführen ist. Wer vorsätzlich die Angaben, zu denen er bei dieser Zählung ausge- fordert wird, nicht erstattet, oder wer wissentlich unrichtige oder unvollständige Angaben macht, wirr» mit Gefängnis bis zu sechs QRonaten oder mit Geldstrafe bestraft. Auch kanw Vieh, dessen Vorhandenscin verschwiegen worden ist, im Urteil als dem Staat verfallen' erklärt werden.
Bornotizcn.
—* Tageskalender für Freitag. Stadttheater: 7.30 Uhr „Haus Rosenhagen"; Ende nach 10 Uhr. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Götz von Berlichingen" mit Eugen Klöpfer als Götz. — Astoria-Lichlspiele: „Die Karawane", dazu „Flammende Herzen". — Deutsche Demokratische Partei: 8.15 Uhr im Saalbau Sauer öffentliche Wählerocrsammlung. — Camera-Club Gießen: 8.15 Uhr im Hörsaol des Physikalischen Instituts, Sie- phanstraße, Vortrag Verwaltungsinspektor Wagner über „Die Farbenphotographie in der Praxis".
— Der Goethe-Bund lädt die hiesigen Kunstfreunde für nächsten Sonntag und Montag in das Kaufmännische DereinShaus zu einem vielversprechenden Kunstabrnd ein, für den er die Tan^künstlerin Irmgard Schütte aus Bremen zu einem Gastspiel gewonnen hat. Siehe Anzeige.
— Vornotizen. Sonntag Iahresfest der Stadtmission Gießen; 3 Uhr und 8.15 Uhr im Der- einshaus, Löberstraße.
und bedeckten die Erde mit weichem Flaum. Die Anlagen gewährten heute morgen in ihrer weißen Unberührtheit einen zauberhaften Anblick. Auf der Eiswiese liegt bereits eine leichte Decke, die jedoch an manchen Stellen noch nicht zugefroren ist.
*• Die Elektrizität im Haushalt heißt eine Ausstellung, die im früheren Hotel Einhorn, Lindenplatz 1, gezeigt wird. Das Tagesprogramm für Samstag enthält der heutige Anzeigenteil.
*• Zuziehung der Fleijchbeschau- er ber Rotschlachtungen. Das KreiSamt gibt bekannt: Es kommt immer noch häufig vor, daß bei Rotschlachtungen der zuständige Fleischbeschauer nicht zugezogen, sondern nur der Er- gänzungsbeschauec gerufen wird. Wir machen erneut darauf aufmerksam, dah dies in allen Fällen zu geschehen hat, insbesondere auch dann, wenn die Schlachtung von einem Tierarzt angeordnet ist und angenommen wird, dah auch für die Fleischbeschau noch der tierärztliche Beschauer zugezogcn werden muh. Die Ankunft des Fleischbeschauers zur Untersuchung des Tieres vor der Schlachtung ist nur dann nicht abzuwarten, wenn zu befürchten ist, dah der Zustand des Tieres sich bis zu dessen Ankunft verschlechtern wird oder das Tier gar verenden könnte. In diesen Fällen ist der Fleischbeschauer ebenfalls umgehend zu bestellen, damit er tunlichst bei der Ausschlachtung zugegen ist. Bei Rotschlachtungen haben die Fleischbeschauer die ganze Ausschlachtung zu beaufsichtigen. Verstöhe gegen diese Anordnung sind zur Anzeige zu bringen.
RDD. Fahrpreisermähigung für Gesellschaftsfahrten. Seit dem Frühjahr ist bekanntlich die im Jahre 1905 aufgehobene Fahrpreisermäßigung für GssellschaftSfahr- ten wieder eingeführt worden; das scheint in weiteren Kreisen noch nicht genügend bekannt zu sein. Die Ermäßigung beträgt in allen Wa?eu- klassen 25 Prozent des normalen Fahrpreises bei einer Mindestbrteiligung von 30 Personen und einer Mindestentsernung von 50 Km. Die Vergünstigung gewährt eine größere Bewegungsfreiheit als die Sonntagsrückfahrkarten, da sie nicht an bestimmte Stationen und Tage gebunden ist, und die Benutzung auch anderer als der für Sonntagskarten freigcgelbmen Züge zuläht. Die Ermäßigung ist in einfachster Form unter Angabe des Reiseziels, der zu benutzenden Züge und Dagenklassen sowie der Teilnehmerzahl möglichst frühzeitig bei der Abgangsstation zu beantragen. Unmittelbar vor und nach den großen Festen, bezw. bei übermäßig starkem Derkehrs- andrang kann die Ermäßigung versagt werden.
6* Falsche Einmarkstücke. In Offenbach ist in den letzten Tagen falsches Geld verausgabt worden. Es handelt sich um sehr schlecht hergesteUte Markstücke der ersten Prägung (ohne Eichenkranz), die den charakteristischen Bleikiang haben. Die Vorderseite ist schlecht leserlich und trägt außer der Randumschrift „Deutsches Reich" und der Wertbezeichnung „1 Mark" die Jahreszahl 1924 und das Prägezeichrn F. Auch der Adler auf der Rückseite ist schlecht auf geführt Die Randpraaung fehlt ganz. Man vermutet, daß die Falschmünzer in Offenbach ihren „Betrieb" haben; möglichrrwrise können die Falschstücke aber auch der kürzlich in Fechenheim entdeckten „ Fabrik entstammen. Dor Annahme der Falschstücke wird gewarnt.
** Einreise-Erleichterung nach Frankreich am Totensonntag. Deutschen Staatsangehörigen werden, wie wir zuverlässig erfahren, am Totensonntag, 22. November, die gleichen Erleichterungen jum Besuch von Gräbern Angehöriger aus französischem Gebiet zuteil werden, wie sie am Allerheiligentage gewährt wurden, mit anderen Worten, an den Grenzstationen kann die Einreiseerlaubnis erteilt werden gegen Vorlegung einer Identitätsbescheinigung der Ortsbehörde und einer Bescheinigung über den Zweck der Reise, falls der Reisende nicht vorher Zeit gefunden haben sollte, den Antrag beim zuständigen französischen Konsulat einzureichen.
•• Personalnotiz. Rach dem Amtlichen Preußischen Pressedienst beauftragte das preußische S aatsminifterium mit ler vertretungsweisen Wahrnehmung der Regierungspräsidenten st eilen in Wiesbaden den Po
LU. Don der Landesuniversität. Die letzte feierliche Immatrikulation findet morgen. Samstag, vormittags 12 Uhr, iir der kleinen Aula statt. — Dr. med. vet. O S k a r S e i f r t e Ö, der sich für das Fach der vergleichenden pathologischen Anatomie und Seuchenlehre an unserer Universität zu habilitieren wünscht, wird morgen, Samstag, 14. Rov., vormittags 11,30 Uhr in dem Hörsaal 44 im DvrlesungSgebäude seine öffentliche Probevorlesung halten über das Thema: „DieZellularpatholvgie im Lichte neuerer Anschauungen".
** Eine öffentliche Sitzung des Provinzialausschusses der Provinz Oberhessen findet am morgigen SamStaa, 14. Rovember, vormittags 8*/i Uhr beginnend, im Sitzungssaal deS Regierungsgebäudes zu Gießen statt. Tagesordnung: 1. Gesuch deS Hugo Döll zu Ober-Schmitten um Erlaubnis zum Betriebe einer Gastwirtschaft; hier: Berufung deS KreiSdirektorS deS KrerssS Schotten gegen das Urteil des Kreisausschusses des KveiseS Schotten vom 23. September 1925. 2. Dürger- mei st erwähl in Bönstadt; hier: Berufung der Reklamanten Friedrich Wagner II. und 16 anderer gegen daS Urteil des KreiSauS- schusses des Kreises Friedberg vom 10. August 1925. 3. Berufung des Kreisdirektors des KveiseS Friedberg gegen das Urteil des KreisauSschusses des KreiseS Friedberg vom 1Z. März 1925 betr.: Faselvieh zu Rieder-Weisel; hier: das Halten eines schwarzbunten Bullen.
*’ Der erste Schnee dieses Jahres kündigte sich dem Wetterkundigen schon aestern mittag durch die eigenartige Beschaffenheit der Luft an. Kurz vor Mitternacht sielen denn auch die ersten Flocken
lizeipräsidenten von Frankfurt a.M., Fritz Ehrler. und in Kassel den Ministerialrat im preußischen Innenministerium, Dr. Viktor von Leyden.
Lichtspielhaus Bahnhofstraße: „Götz von Berlichingen". ein Vorspiel, 6 Akte, nach Goethe und historischen Motiven. Ein ganz hervorragendes Werk der deutschen Filmkunst, ein Dildstreilen seltener Schönheit, der in srinen sämtlichen Rollen von prominenten Schauspielern besetzt ist. Die Darstellung erhält dadurch ein ganz außergewöhnliches Gepräge. Im Mittelpunkte der Handlung steht der zweifellos bedeutendste Menschendarsteller der Gegenwart auf unseren deutschen Bühnen, Eugen Klöpfer als Götz. Paul Hartmann spielt den Weislingen, Elisabeth <>nd Maria liegen in den Händen von Lucie Höflich und Grete Reinwald. Die nicht minder wichnge Rolle der Adelheid ist bei Gertrud Welker bestens aufgehoben. Kein Wort der Bewunderung ist hoch genug, um diesen in allen feinen Teilen überragenden Film herauszustcllen. Bei der Schwierigkeit, sich heute Berliner Ausführungen des östern anzusehen, ist cs dankbar zu begrüßen, daß die Leitung des Lichtspielhauses diesen Film vom Götz nach Gießen gebracht hat. Riemand. der Interesse am Theater, an der Schauspielkunst und an dieser schinslen deutschen Dichtung des jungen Goethe hat, sollte versäumen, sich diesen Film anzusehen. —d-
„Der goldene Hahn".
(£in Gaftsp-clim (tziefjener Dtadttheater
Don der DorauSsehung ausgehend, daß das Theater ein Kultursaltor fein soll, gilt es, zu diesem Gastspiel eine Kardinalfrage zu stellen:
Wer tragt für dieses Engagement die Der« antwortung?
Jede Theaterleitung, die es mit ihrer Mission ernst nimmt, wird, so glauben wir, durch ihre Arbeit Spiegel der Zeit sein wollen, wird sich ständig Rechenschaft ablegen, wie weit-sie Fühlung hat mit dem Lebendigen ihrer Epoche und wieweit sie in ihrem Mittleramt zwischen dem Dichter und dem Volk jedem von beiden verpflichtet ist.
DaS an Reuem und Fruchtbarem, notwendig zu Erfassendem, aus Rußland zu uns her- überlam, war TairoftS entfe'fcIteS Theater und, in kleinerem Rahmen, dabei nicht weniger lebendig und lebensberechtigt, der „Blaue Vogel". Wir sind für das Gastspiel dieser Kleinkunst-' bühne damals warm eingetreten, weil wir ihre befruchtende Wirkung zu erkennen und im Sinne einer Belebung unseres Theaters ihre Arbeit unterstützen zu müssen glaubten. Wir stellen uns auch heute noch dazu.
Schon die Durchsicht des Programms vom „Goldenen Hahn" hätte einer verantwortungsbewußten Theaterleituna (der das Programm des „Blauen Bogels" schon aus dem Grunde bekannt sein mutzte, weil sie hier vor noch nicht einem halben Jahr mit ihm verhandelt hatte) den Verdacht auftvmmen lassen müssen, daß es sich hier um einen stark verwässerten Aufguß -er Iushny-Truppe handelte. Ein Besuch Oer Vorstellung hätte derselben verantwortlichen Stelle zu der Lleberzeugung verhelfen müssen, dah es sich hier tatsächlich um ein durchaus minderwerttgeS Plagiat deS „Blauen Vogels" handelte. bas auf der Bühne eines Theaters von Qualität nichts zu suchen hat.
Die Kritik, in der Ansicht, daß sie zu ernsthafter künstlerischer Arbeit inS Theater geladen wird, glaubt am besten ihrer Ausgabe gerecht zu werden, wenn .sie über den Abend — schweigt.
e—s.
Gerichtssaal.
F r a n k f u r t a. M., 11. Rov. (WER.) Das hiesige Schöffengericht verurteitte heute den verheirateten 2bjährigen Karl Lämmer, der Frau und Kinder im Stiche lieh, um da» „Gewerbe" eines Zuhälters zu ergreifen, wobei er eine Frauensperson, die. wie sich aus dec Dechandlung ergab, nur mit Widerwillen dem
elenden Handwerk nachging, bis aufs Blut peinigte und auSfog. zu IVt Jahren ©efäng- n i S und den für Zuhälter üblichen Reben- ftrafen. AuS der Verhandlung ergab sich, baß Lämmer ein rührige» Mitglied deS seinerzeit aufgeflegenen ...ftickervereinS" und überhaupt einer der gefährlichsten Frankfurter Zuhälter trat. Der Bäckergeselle Ä a r I 11II- r i ch wurde wegen Zuhälterei zu der gleichen Strafe verurteilt.
Schöffengericht Gießen.
* Gießen, 9. Rov. Der Arbeiter F. K. und die in Scheidung lebende Ehefrau M. P, beide auS Frankfurt a. M, sind des gemeinschaftlichen Diebstahls angeflagt. Sie holten aus einem Anwesen in der Goelhestraße ein einem hiesigen Mädchen gehöriges Jah-.-rad heraus. Die Ehefrau P. führte den Diebstahl auS, während K. „Schmiere" stand. Letzterer befindet sich im Rückfall- DaS Gericht verurteilte ihn zu einem Jahre, wahrend die Angeklagte P. mit 4 Monaten Gefängnis davonkam. Beiden werden sechs Wochen der Untersuchungshaft angerechnet.
Der Schneider K. aus 21. ist beschuldigt, eine größere Anzahl Menschen, die sich b:i ei.e.n Feste angesammelt hatte, zum Widerstand gegen die Staatsgewalt aufgefordert und die diensttuenden Beamten öffentlich beleidigt zu haben; auch foll er e2 in dem anschließenden Verfahren unternommen haben, einen Zeugen zum Meineid zu verleiten. Die Beweisaufnahme gibt ein tla- res Bild der Vorgänge, soweit die beiden ersten Beschuldigungen in Betracht kommen. Dagegen ist der Zeuge, der zum Meineid verleitet werden sollte, in seiner Aussage schwankend und unsicher. ES erfolgte deshalb bezüglich dieses Punktes Freisprechung. Im übrigen wurde der Angeklagte zu zusammen 3 Monaten 2 Wochen Gefängnis verurteilt, unter Anrechnung von 1 Monat 2 Wochen Untersuchungshaft.
Eingesandt.
(Für Form und Inhalt aller unter dieser Rubrik stehenden Artikel übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüb»r f#;-"-'ei 'TV-i-v n-tuni)
Gießen. Es ist an dieser Stelle schon vielfach dem Wunsche Ausdruck verliehen worden, den Beginn der Theatervorführi'ngen jo ;cilig wie nur irgendmöglich anzusetzen. Die auswärtigen Besucher — und es sind deren nicht roemge — dürfen nicht gezwungen sein, noch während des Spiels aufzubrechen, um den letzten Zug nicht zu versäumen. Während früher die Intendanz diesen Erwartungen entsprochen und den Verhältnissen in ausreichendem Maße Rechnung getragen hat, ist es in dieser Spielzeit bisher versäumt worden, auf die unangenehme Lage der Auswärtigen Rücksicht zu nehmen. Wenn man wirklich mal ein Stück bis zum Ende sehen kann, muß man dann in einer Hetzjagd an die Bahn eilen, um ja nicht den Zug zu ver= passen. Daß dadurch der Eindruck der Aufführung wesentlich abgeschwücht wird und eine reine Freude über den Kunstgenuß nicht aufkommen kann, ist selbstverständlich. Eine Uebernachtung im Hotel kann sich heutzutage nicht jeder leisten. Und daß durch die mit einem vorzeitigen Aufvruch notwendig verbundenen Geräusche der Verlauf des Spiels gestört und auch die Zurückbleibenden in ihrem Genuß ganz erheblich geschmälert werden, bedarf keiner Betonung. Nur allzu oft macht sich der Unwille über die unvermeidbare Störung in nicht immer verständnisvoller Weise Luft. Dos Gießener Thegter ist ja für die ganze nähere Umgebung überhaupt das Theater, dem nichts Gleichwertiges an die Seite aestellt werden kann. Es wäre deshalb sehr zu wünschen, daß sich seine Einflußsphäre soweit wie möglich vergrößert, indem man Erleichterungen beim Bestich schafft. Im beiderseitigen Interesse: in dem des Publikums aus den oben angeführten Gründen, in dem des Instituts im Hinblick auf vermehrte Einnahmen. Hoffentlich bedarf es nur dieser Anregung, um die mit dem zu späten Schlüsse verknüpften Unannehmlichkeiten erträglicher zu machen, wenn nicht ganz zu beseitigen. Kr.
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