Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Montag, (3. Zu» 1925
Rt. (61 Zweites Blatt
Jugend und Hochschuleo
ist jedoch nicht obdachlos geworden. Dr. Hoffmann und feine Frau stellten unter denselben Bedingungen wie früher ein Haus im Erlanger Villenviertel zur Verfügung: die Einrichtung des eingeftürzlen Hauses konnte rechtzeitig dorthin geborgen werden, so daß wiederum ausgezeichnet eingerichtete Räume und eine vorzügliche B aliothek bereitstehen.
Unterstützt werden die Ziele der Akademie durch den „Verlag der Philosophischen Akademie", ein selbständiges Unternehmen, der die philosophische Zeitschrift „Symposion" in Gemeinschaft mit neun Mitgliedern der Akademie herausbringt (als Beilage dazu erscheinen die „Mitteilungen der Philosophischen Akademie") und auch sonst mit ihr aufs engste zusammenarbeitet.
Trotzdem wird die Philosophische Akademie auf die Dauer nicht weiterbestehen, und sich vor ollem nicht ausbauen können, wenn sie nicht die Unterstützung weiterer Kreise findet. Es ist deshalb die „Gesellschaft der Freunde der Philosophischen Ako- demie e. V." gegründet worden, in der sich alle Freunde und Gönner ihrer Bestrebungen zusam- menfinden sollen. Und sie glaubt, daß sie mit diesen Bestrebungen, der Förderung der philosophischen Wissenschaft, dem Austausch geistiger Werte, der Anbahnung besserer geistiger Beziehungen zwischen den Kulturvölkern, einer Unterstützung wert ist und nicht zuletzt einer deutschen Kulturpropaganda im besten Sinne dient.
Gymnastik im Dienste der nationalen Hygiene.
Wir haben Geheimrat Bier, den ersten Chirurgen Europas, den Protektor der Hochschule für Leibesübungen, gebeten, anläßlich des 5jährigen Bestehens der Hochschule einiges aus seinen Ersah- rungen mitzuteilen, und sind in der Lage, die nachfolgenden Ausführungen zu veröffentlichen.
„Die harte Zeit fordert ein starkes Geschlecht. Drum frisch ans Werk, es gilt dem Daterlande"... Wenn nichts auf dem Gebiete der Leibesübungen geschieht, so werden wir Deutschen schnell der kör- lichen und sittlichen Entartung zutreiben . . . Die Leibesübungen dienen nicht nur zur körperlichen und sittlichen Erstarkung des Volkes, sondern gleichermaßen zur Ueberbrückung der spzialen Gegensätze!" — Der Mann, der vor fünf Jahren diese Sätze in eine Werbeschrift schrieb, stand damals mit seinen Plänen noch ziemlich allein. Heute blickt er bereits aus ein gewaltiges Werk, Scharen tüd)tiger Männer hängen ihm an, er ist Rektor der Hochschule für Leibesübungen im deutschen Stadion bei Berlin.
Groß und stark steht die Person August Biers vor uns, nichts vom „Geheimen Medizinalrat", nichts vom „Professor". Die Gestalt ragt, jede Bewegung dieses Chirurgen ist kraftvoll, und nur die Gemessenheit feiner Worte und Blicke verrät uns den Arzt. Es geht eine Sicherheit von ihm aus, die ihn autti Führer vrädestiniert und eine Bescheidenheit, die ihn liebenswert macht. Als Mann der Tat ist er wortkarg, fast schüchtern. Er fürchtet nur eines, — das Mißverständnis und lehnt deshalb rundweg ab, sich für die Zwecke der Tages- preffe zu äußern. „Was Sie als mein Schüler gehört haben", sagt er mir, „dürfen Sie schreiben." Und die wenigen Sätze, die wir außerdem tau- scheu, zeigen mir, daß er heute noch restlos hinter dem steht, was er die Jahre hindurch häufig mit uns besprach.
Da erinnere ich mich denn eines vor 5 Jahren geführten Gesprächs mit ihm auf dem Wege nach Hohenlychen. Es war die Zeit kurz nach dem obigen Aufruf und Bier war ganz von den Plänen für den körperlichen Neuaufbau Deutschlands mit dem Ziele des griechischen Ideals erfüllt. „Unsere Gymnasien nennen sich humanistische Bildungsanstalten, d. h. sie wollen den ganzen Menschen har
monisch durchbildea, m Wirklichkeit aber reden jie nur von Humanismus. Denn sie beschränken ihre Erziehung nur auf den Geist und üben weder den Körper noch den Charakter des Zöalings. „Kalos kagathos" hieß der griechische Wahlspruch, d. h. schön soll der Mensch sein und gut. und Platon nennt den einen Lahmen, der lediglich seinen Geist übt und den Körper untätig verkommen läßt. Machen wir uns diese alte Weisheit in ihrem ganzen gewaltigen Umfang wieder zunutze! Sie sehen, ich scheue mich nicht, in der Tat das „Gymnasion" zu fordern, die „Stätte der Nacktübung", und Sie erinnern sich wohl des schönen Wortes von Platon, in dem er die Gymnastik der Heilkunst verwandt nennt und sie höher noch schätzt als diese, „ähnlich", — so sagt er — „wie die Gesetzgebung der Rechtspflege vorangeht, denn die Gymnastik soll die Heilkunde unnötig' machen, so daß diese nur für den Notfall gebraucht wird."
Dieser Gedankengang schien mir kühn. Mein verdutztes Gesicht aber bewog den Sprecher sogleich, sich als Arzt über die Nacktübung des näheren zu verbreiten. „Schon das bloße Luft- und Sonnenbad", fuhr er fort, „von dessen Heilwirkung bei der chirurgischen Tuberkulose Sie sich nachher überzeugen werden (ich erwähnte bereits, daß dies Gespräch auf dem Wege zur Hohenlychener Heilstätte geführt ward), ist eine Leibesübung in des Wortes eigenster Bedeutung. Denn sie übt ja tatsächlich eines unserer größten Organe, die Haut, das wie kein zweites unsere Beziehungen zur Außenwelt vermittelt. Wir fanden z. B. — ganz zu schweigen von der Tuberkulose — daß die Nacktübung vor Erkältungen schützt, daß Schnup- fen 'und Mandelentzündungen ungeahnt selten werden, und unsere Beobachtung spricht dringend dafür, daß die Sonnenbräunung auch gegen die meisten akuten Infektionskrankheiten — Grippe. Typhus, Lungenentzündung, Diphtherie und Scharlach nicht ausgenommen — eine nicht unbeträchtliche Immunität für den Menschen verleiht! Und selbst der uralte Glaube des Volkes und der Aerzte, das „utNerdrückte Hauttätigkeit selbst die Gicht, die Arterienverkalkung und den chronischen Rheumatismus begünstige", scheint des richtigen Kerns keineswegs zu entbehren. — Daß also unbedingt nackt (vielmehr mit einem ganz leichten Schutz bekleidet) geübt werde, ist eine Forderung der Hygiene. Es kommt nur darauf an, diese 'Nacktübung so zu betreiben, daß sie mit den sittlichen Anschauungen weiter Kreise nicht in Widerstreit gerät. Und das läßt sich ausführen.
Um diesen Ideen Eingang in die Herzen und Sinne unserer Aerztegeneration zu verschaffen, liebt August Bier es, mitunter im Freien zu dozieren. Er verlegt ab und zu sein Kolleg aus der Ziegelstraße ins deutsche Stadion und zeigt dort den Studenten den Unterschied bei der Erörterung des Konstitutionsbegriffes, den Unterfchied zwischen der angeborenen Konstitution (also dem, was wir mitbekommen haben bei unserer Geburt) von den erworbenen Eigenschaften (also dem, was „wer immer strebend sich bemüht" aus sich zu machen ver- mag). Wie?, sagt er dort, die vererbten Anlagen sind unzerstörbar und lassen sich nicht sehr erheblich verbessern? Unsere herkulisc^n Schwerathleten, unsere edel und schön gebauten Mehrkämpfer haben nicht durch eigene Arbeit sich ihren Körper gebildet, sondern ihr Bau und ihre Fähigkeit seien angeborene? Diese Lehre ist einseitig und gefährlich, denn sie führt zu einem recht schädlichen Nihilis- mus. Man könnte ja ebensogut behaupten, auch die geistigen Fähigkeiten seien angeboren und das Stu- bium erübrige sich . . . Nein, man kann seine Erbanlagen zur höchsten Blüte entwickeln, und man kann sie verkümmern lassen, je nachdem man sie pflegt ober schäbigt. Ein Beispiel: Die beiden Ka- rifaturen unserer Jugend sind die Astheniker, die typischen langaufgeschossenen engbrüstigen Sekun- dauer und Primaner unserer höheren Lehranstalten und die Aufgeschwemmten, die typisch feisten Bierstudenten. Beide Typen sind unnötig und nicht allein durch die Konstitution bedingt. Gymnastik hätte leidlich harmonisch gebildete Menschen aus ihnen machen können!
Die Philosophische Akademie zu (Erlangen.
Im Sommer 1922 wurde auf Anregung von Dr. Rolf Hoffmann, einem Erlanger Prioatgelehr- ten, unter dem Präsidium des verstorbenen Berliner Religionsphilojophen Ernst Troltsch die „Philosophische Akademie", eine Vereinigung oon in- und ausländischen Philosophen, gebildet. Nach Tröltschs Tod ging das Präsidium an Professor Dr. Hans Driesch-Leipzig, über.
Ziel der Akademie soll sein, dem Zusammen- schluß der philosophischen Arbeit durch Verstand,, gung und Gemeinschaft der Philosophierenden aller Länder zu dienen. Während dieser Zusammenschluß auf dem Gebiet der Naturwissenschaften schon langst erreicht ist, so daß z. B. die Forschungsergebnisse eines amerikanischen Chemikers alsbald von dem deutschen Wissenschaftler zur Kenntnis genommen und nachgeprüft werden, herrscht auf dem Gebiet der Geisteswissenschaften und vor allem in der Philosophie eine geradezu erstaunliche Fremdheit und Zersplitterung. Db sie jemals zu einer Einheit geführt werden kann, diese Frage ist selbst ein Problem: aber eines kann erreicht werden, gegenseitiges Kennen- und Berstehenlernen. So will denn die Philosophische Akademie einer Zusammenarbeit der verschiedenen philosophischen Schulen und Richtungen die Wege ebnen und insbesondere solche Hemmungen zu überwinden suchen, welche diesem Ziele auf nationalem, sozialem und wirtschaftlichem Gebiet entgegenstehen. Sie will das dadurch erreichen, daß sie einen Mittelpunkt für den Austausch philosophischer Gedanken und die Pflege geistiger Beziehungen schafft. In dem Heim der Akademie soll dem philosophischen Forscher die Möglichkeit längerer oder kürzerer gemeinsamer Zusammenarbeit mit Philosophen anderer Schulen und vor allem anderer Länder durch Aussprache, Dor- tragskurse und Tagungen im intimen Kreis geboten werden.
Für die Verwirklichung dieser Ausgaben hatten Dr. Hoffmann und seine Frau ein ihnen gehöriges Haus auf dem Burgberg in Erlangen der Akademie zur Benutzung überlassen, das mit der Zeit noch ausgebaut werden sollte. Da aber aus finanziellen und organisatorischen Gründen der Arbeitsplan der Akademie noch nicht realisiert werden konnte, erfüllte dieses Haus vorübergehend den Zweck, Gäste von Dr. Hoffmann zu beherbergen, die zum Teil Studierende und Gelehrte der Philosophie, mitunter auch Mitglieder der Akademie waren. Doch konnten auch schön philosophische Kurse und Zusammenkünfte darin stattfinden.
Mit der zunehmenden Gesundung unserer deut- schen wirtschafttichen Verhältnisse war es nun der Wunsch aller Angehörigen der Akademie, zu denen unterdessen 35 der bedeutendsten Philosophen des In- und Auslandes zählen,das Unternehmen auf eine rechtlich und organisatorisch bessere Grundlage zu stellen, die eine aussichtsreiche Weiterentwicklung ermöglichte.
Zu diesem Zweck hielt die Akademie im März d. Js. ihre Mitgliederversammlung ab, die sehr gut besucht war, unter anderem auch von je einem Gelehrten aus Amerika, Japan und Schweden. Dor allem wurden neue Satzungen beschlossen: Die Arbeiten der Akademie werden von nun an ausschließlich durch einen örtlichen Vorstand geleitet und erledigt, dessen Präsident der Erlanger Philosophenprofessor Geheimrat Dr. Hensel ist, Prof. Driesch bleibt Ehrenpräsident.
Dor den Mitgliedern und einem geladenen Kreis fanden Vorträge von Prof. Driesch, Geheimrat Hensel und Dr. Hoffmann über Wesen, Ziel und Bedeutung der Philosophischen Akademie statt. Weiterhin wurde das Arbeitsprogramm beschlossen: die Ziele sind dieselben geblieben.
Leider ist gerade jetzt ihre Verwirklichung zwar nicht unmöglich gemacht, aber sehr erschwert wor- den :ein tückisches Schicksal wollte es, daß das Haus auf dem Burgberg infolge von Erdbewegungen im Innern des Berges zusammenstürzte. Die Akademie
Friedrich Zarncke.
Don Dr. Carl Walbrach.
Je merkbarer Technik und Naturwissenschaften ihre Kreise ausdehnen und immer mehr unser ganzes Leben durchdringen, um so großer wird — trotz der weitverbreiteten irrigen Ansicht des Gegenteils — die Bedeutung des Philologen. Unbeirrt steht er in dem tollen Jagen und Hasten, den Blick rückwärts gewandt, und zeigt uns die großen Geister der Vergangenheit, lehrt uns die Dichtigkeit der kleinen Dinge, die den Alltag beherrschen, hilft uns erkennen, daß es höhere Ziele gibt, als unsere an Idealen so arme, dem Materialismus verfallene Zeit zu glauben geneigt ist. Und einer dieser Bannerträger des Ideals ist der Germanist Friedrich Zamcke gewesen.
In dem mecklenburg-schwerinschen Dorfe Zah- renftorf kam Zarncke am 7. Juli 1825 zur Welt. Sein Vater war ein hochgesinnter Geistlicher von feiner Geistes- und edler Herzensbildung, Eigenschaften, die er auf seinen Sohn vererbte. Wie Friedrich Zarncke den Vater und dessen Erziehung und Unterricht — er wurde zu Hause bis Obersekunda vorbereitet — einschähte, schrieb er selber lurz vor seinem Tod: .Wenn es mir später in einem langen Leben geglückt sein sollte, in wissenschaftlicher Tätigkeit Einiges zu leisten, so hat mich nie der Gedanke verlassen, daß ich dies alles doch nur dem wunderbar klaren Unterrichte verdanke, durch den unser Vater die Grundlagen meines Denkens geschaffen hatte."
Ostern 1844 bezog Zarncke als Student der Theologie und Philologie die Universität Rostock, nachdem er dort die obersten Klassen des Gymnasiums besucht hatte. Das theologische Studium scheint ihm nicht zugesagt zu haben, da er sich schon Im zweiten Semester ganz der Philologie zuwandte. Vom Sommersemester 1845 ab horte er in Leipzig, wo besonders Moriz Haupt den wißbegierigen jungen Studenten forderte. Aus Haupts väterlichen Rat hin vernachlässigte er aber über seiner .Vorliebe für das Altdeutsche" nicht die klassische Philologie: auch hielt er sich auf dessen Warnung vom politischen Treiben fern, wie er auch später sich nie der Parteipolitik hingab, sich aber allezeit bewußt als Deutscher
im Sinne der „Göttinger Sieben" fühlte. Er gehörte in Leipzig der Burschenschaft an, wo er in den wissenschaftlichen Kränzchen die Dramen der deutschen Klassiker behandelte, und seinen Kommilitonen als Autorität auf dem Gebiet der Literaturgeschichte galt. Er war mit Robert Blum befreundet, und hat noch in späteren Jahren gern von seiner Zugehörigkeit zur Burschenschaft gesprochen.
Im Herbst 1846 wandte Zamcke sich, mit Empfehlungen von M. Haupt an die Brüder Grimm und Lachmann versehen, nach Berlin. Sein letztes Studiensemester verbrachte er wieder in Rostock, wo er am 20. Oktober 1847 promoviert wurde. Die Zeit bis Ostern 1350 füllte seine Tätigkeit in der Meusebachschen Bibliothek aus. deren überaus wertvolle Sammlung alter deutscher Literaturwerke auf Grund des von Zarncke angefertigten Katalogs von der Preuh. Staatsbibliothek erworben wurde. Seinen früheren Plan, Gymnasiallehrer zu werden, gab Zamcke zugunsten der astidemischen Lehrtätigkeit auf und ging wieder nach Leipzig.
Im Sommer 1850 faßte er den Plan, ein großes deutsches Rezensionsorgan zu schaffen, das über alle philologischen Neuerscheinungen fortlaufend unterrichten sollte. Unb schon am 1. Oktober konnte das erste Heft des „Literarischen Centralblattes" erscheinen. Am 30. Juli 1852 habilitierte er sich in Leipzig und wurde schon 1854 nach Haupts Amtsentsetzung dessen Rachfolger als a. o. Professor der deutschen Sprache und Literatur. Am 9. April 1855 verheiratete er sich mit Anna Pauline ©eitner; die glückliche Ehe sollte aber nur 9 Jahre währen. 3m Oktober 1858 wurde er Ordinarius. Eine schwere tuberkulöse Lungenerkrankung schien seinem Leben im Sommer 1859 ein Ende zu sehen, aber fein an sich gesunder Organismus kämpfte nach langem Ringen die Krankheit so nieder, daß er bts zu seinem Tod am 15. Oktober 1891 nie mehr erkrankte. Die Universität Leipzig betrauerte in Zarncke einen ihrer bedeutendsten Lehrer, der beinahe vier volle Jahrzehnte ihr alle Kraft gewidmet hatte. Wie Zamcke von seinen Kollegen geschätzt wurde, geht zur Genüge daraus hervor, daß er nicht weniger als dreimal zum Rektor gewählt worden ist.
Was seine wissenschaftliche Stellung und seine Leistungen betrifft, so gestattet der knappe Raum, nur ganz kurz darauf einzugehen. Die beiden Richtungen in der germanischen Philologie. die einerseits von den Brüdern Grimm, andererseits von Lachmann und Haupt vertreten wurden verband Zarncke in glücklicher Weise, und nahm so eine durchaus selbständige Stellung ein. Daß er keine eigentliche „Schule" hinterlassen hat, liegt wohl zunächst daran, daß es ihm immer als Ziel vorschwebte, „jede einzelne Individualität zu freister und vollster Entwicklung bringen“. Bei allen Arbeiten, schon in der Schule, ging Zarncke in seinem Streben nach Objektivität ' mit pedantischer Gewissenhaftigkeit vor. und so gehört er in eine Reihe mit Männern wie Liebig. Virchow und Wundt, den Vertretern exakter wissenschaftlicher Forschung. Seine peinlich genaue, nüchterne Lehr- und Arbeitsweise fand in Leipzig eine glückliche Ergänzung in der großzügigen Art Rudolf Hildebrands. der die Hörer begeistert mitzureihen verstand. In dem Ringen, das die Germanistik um ihre Anerkennung durch die klassische Philologie zu führen hatte, hat Zarncke stets in vorderster Linie gestanden. Wie schwer dieser Kamps war erhellt daraus, daß Zarncke noch in einem Brief vom 6. Oktober 1875') an feinen Freund K. Weigand, den ersten Vertreter der germanischen Philologie in Gießen, über die Behandlung des „Deutschen" im Examen schreiben mußte: „Das Deutsche wird also auch bei uns ferner obligatorisch bleiben. Freilich muß der Examinator so verständig sein, die Ansprüche nicht hoch zu schrauben: denn da die klassischen Studien fürs Gymnasium im allgemeinen doch die Hauptsache sind, so würde es ungerecht sein, hohe Ansprüche zu machen".
Das von Friedr. Vogt zusammengestellte Verzeichnis der Schriften Zamckes weist über 100 selbständige Arbeiten auf. abgesehen von den vielen Rezensionen im „Literarischen Zentralblatt" von
•) Dieser Brief gehört neben einigen anderen, die im wesentlichen das Wörterbuch und Rezensionen Weigands betreffen, zu dem im Besitz der Universitäts-Bibliothek Gießen befinb- lichen Nachlaß K. Weigands.
Deshalb hat man neuerdings den Begriff der Ausgleichsgymnastik geschaffen. Diese Form der Körperübung dient recht eigentlich zur Verbesserung der Konstitution. Denn hier haben Fachleute in jahrelanger theoretischer und praktischer Arbeit darüber gegrübelt, wie den besonderen Fehlern des Einzelnen am zweckmäßigsten abzuhelscn sei, und so reichen sich Arzt und Sportmann zum Wohl ihres Schützlings die Hand!
Die Unterentwicklung der Muskulatur z. B. wird durch Widerstandsbewegungen und Gewichtsheben mit einem verhältnismäßig geringen Kraftvcrbrauch ausgeglichen, das schwache Herz wird durch Lauf und Äingkamps gekräftigt, ja sogar die Gesäße las- scn sich üben: Nacktubungen. Wasserbädcr und Lauf tun das ihre. Wir sind durchaus imstande, aus einem Engen einen Weitbrüstigen zu machen und Lunge und Brustkasten in ungeahnter Weise zu stärken. Der „Athenikcr", also jener langaufgcschos- kne, engbrüstige, muskel-, Herz- und gefaßschmache Mensch, der gewöhnlich energielos und weichlich ist, wäre selten, wenn er zur richtigen Zeit die richtige Gymnastik getrieben hätte. Von der Fettsucht biaiicht wohl kaum gesprochen zu werden, und was die Verdauungsbeschwerdcn anlangt, so hat ja die erste Kriegsze't gezeigt, welche Wunderheilkraft Luft, Bewegung und einige Strapazen besitzen.
„Ich verachte die Einseitigkeit", sagte Geheimrat Bier mir vor wenigen Tagen. „Die richtig betriebene Leibesübung aber enthält ungeahnt viele Heilfaktoren, deren wir mit der fortschreitenden Industrialisierung unseres Vaterlandes, welche immer mehr Menschen in unhygienische Lebensbedingungen und Tätigkeiten zwingt, als Gegengewicht immer dringender bedürfen.
Man versteht jetzt, was die Gründer der „Deut- schen Hochschule für Leibesübungen" wollten. Sie erzieht diplomierte Turnlehrer, bildet Sportärze aus, umfaßt das gesamte Gebiet der Leibesübungen überhaupt, hat Fachkräfte für jede Spezialität und verbindet die Wissenschaft mit der Praxis. Die Theorie der einzelnen Sportarten wird hier studiert, Röntgenaufnahmen, anthropometrische Messungen werden vorgenommen, Konstitutionsverbesserungstabellen werden geführt. Der Einfluß der verschie- denen Leibesübungen auf die Herztätigkeit, aus den Stoffwechsel und die Verdauung, die erfolge der Ausgleichsgymnastik, die Psychologie des Sports wird studiert und körperliche und seelische Eignungsprüfungen für die einzelnen Sportarten werden zum Nutzen der Sportbewegung gefunden. Denn: „Keine gesunde Öffentlichkeit ohne öffentliche Gesundheit" sckgt der um die Sache der Leibesübungen hochverdiente Professor Hueppe.
Nordisch-deutsche Volkshochschulwoche.
Mit ilnterftütjung des sächsischen Ministeriums für Volksbildung veranstaltet der Arbeitskreis von skandinavischen und deutschen Volkshochschullehrern in der Zett vom 2. bis 8. August in der Albrechtsburg in Meissen e.ne nordisch-deutscheDolks- hochschulwoche.
Angesichts der gefährdeten Gesamtlage der europäischen Kultur soll, wie es in der Einladung heißt, ein freies Zusammenarbeiten von Erziehern, Lehrern und Schülern der verschiedenen Volker des Nordens im Rahmen der Volksbildungswesen im sächsischen Ministerium Reihe hervorragender deutscher, dänischer, schwedischer und norwegischer Persönlichkeiten hat bereits Vorträge und Mitwirkung zugesagt. Näheres ist durch die Landesstelle für freies Volksbildungswesen im sächsischen Ministerium für Volksbildung in Dresden zu erfahren.
Im Anschluß an die nordisch-deutsche Woche findet ebenfalls in der Albrechtsburg zu Meissen am 8. und 9. August die diesjährige Hauptversammlung der Volkshochschule Sachsen unter dem Vorsitz von Dr. Franz Mockrauer statt.
1851 bis 1891 und einer Menge Heiner Aufsätze. Seine bedeutendsten Leistungen sind die Herausgabe von Sebastian Brants „Narrenschifs". verschiedene Abhandlungen zur deutschen, insbes. der Leipziger Llniversitätsgeschichte. die Herausgabe des Nibelungenliedes ldie 1887 schon in 6. Auslage vorlag), mehrere Untersuchungen über das Nibäungenlied, Arbeiten zu Deneckes mittelhochdeutschem Wörterbuch und vor allem in späteren Jahren kleinere und größere Arbeiten über Christian Reuter und Goethe, toorunter in erster Linie das „Kurzgefatzte Verzeichnis der Originalaufnahmen von Goethes Bildnissen" (1888) erwähnt zu werden verdient. Sein letztes Werk ist das als Manuskript gedruckte Buch „Aus dem Leben 7>es Großvaters und dem 3ugenblebeni des Vaters" (1891).
Der Lehrberuf hat für Zarncke immer, schon als junger Student, im Vordergrund gestanden, und so ist es erklärlich, daß seine Lehrtätigkeit! der Mittelpunkt seines ganzen Wirkens war. Seine allgemeine Beliebtheit beruhte aber vielleicht weniger darauf, was er als Kollege unh Lehrer war. denn auf dem, was er als Mestsch, als Persönlichkeit bedeutete. Diesem Gedanken hat Wilh. Wundt an Zamckes Sarg in seinen Worten Ausdruck verliehen. „Was Friedrich Zamcke seinen Freunden gewesen, können Worte nicht aussprechen. Ihn umgab jener Zauber einer alles überwältigenden Liebenswürdigkeit, gegen den keine Verstimmung auf die Dauer aufkommen konnte. Der Jüngling vergaß im Verkehr mit ihm des Alters Unterschied, und dem gereiften Manne wurde an ihm gegenwärtig, daß eS eine Jugend des Geistes gibt, die allem Wandel der Jahre entrückt ist, und die den, der sie be- seffen, verllärend umgibt, auch nachdem er selbst dem Leben entrückt worden. Ob es ein Glück oder ob es ein Unglück sei, als Jüngling zu sterben, daS zu entscheiden überschreitet wohl menschliche Einsicht. Aber glücklich nach menschlichem Ermessen ist sicherlich der zu preisen, dem es. nach- berrc er des LeberrS Mittag längst überschritten, vergönnt war. noch als ein Jüngling aus dem Leben zu scheiden. In dieser Jugend des Geistes wird Friedrich Zamcke unter uns fortleben."


