Ausgabe 
12.9.1925
 
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Nr. 2(4 Zweites Blatt

Vie Optantennot in Zchneidemühl

Don Ilse Hamel.

Ans Herz greifende Bilder von der Not der aus Polen vertriebenen Deutschen, die armseligste Unter­kunft m einem Lager bei Schneidemühl fanden, haben wir alle gesehen. Und doch ist das Elend, wenn man es in Augenschein nimmt, entsetzlicher, elementarer, drohender für die Zukunft, als die keineswegs übertriebenen Bilder oder die Zeituntzs- nötigen auch nur ahnen lassen. Es ist schwer, eine Vorstellung von dieser Tragik eines großen Volks- teils -u geben, und doch, es muh gelingen. He r - ien zu erweichen und Hände 3um (Be­ben zu bringen; sonst können diese Tausende von völlig schuldlos in tiefstes Elend Geratenen den für sie schon Monate dauernden Ucdcrgang aus einer sicheren, arbeitsamen Existenz durch völlige Verlassenheit und Entwurzlung hindurch in hoffentlich! ein neu zu erbauendes Leben hinein unmöglich überdauern. Sie müssen dran zugrunde gehen! _

Denkt doch, es sind Tausende von klei­nen Kindern dabei, seit Wochen auf der Flucht, notdürftig mitgespeist durch die Massenernährung; viele, Diele von ihnen ohne auch nur ein Zweites Rocklein oder Hemdlein, ja, es gibt ihrer, die gar kein» haben! Kleine Blondköpfe, die sich verängstigt in Mutters Nock krallen. Adere, noch auf dem Ann der Mutter, gesund und kräftig geboren und nun welke Pftänzchen, weil ihnen alles, aber auch alles fehlt, was so ein Kind braucht, alles außer her rührend sorgenden Mutterliebe, der aber unter diesen Verhältnissen enge Grenzen gezogen sind.

Eine stattliche Atttzahl von Frauenvcrbänden hat sich zusammengetan, um ben Vertriebenen zu Helsen.

Bewundernswert ist, was beherzte, tatkräftige Frauenarbeit in Verbindung mit den städtischen Behörden in Schneidemühl geleistet hat! Die Wohl- fahrtsstelle in Schneidemühl wird immer ein Ruh- mesblatt deutscher Frauen-Liebestätigkeit fein. Von früh an draußen im Lager, feuern diese Frauen alle Kräfte an, greifen selber zu, richten ein, trösten, bringen mit einem Stab von tatfreudigen Schwe­stern und Helferinnen Sonne und Seele in das Bild der Trübsal. In der ganzen Bevölkerung herrscht eine Arbeit und Opferfreudigkeit, wie man sie so nur an den Grenzen findet, wo man weiß, was deutsche Not ist!

Denn man denke: Seit Jahren flutet Unheil in immer neuer Gestalt über diese Grenze, und jede Not von Osten bleibt zunächst an dieser Stadt hän­gen und legt ihr schwere Opfer auf! Aber darum herrscht hier auch eine Einigkeit, die wir hier im Innern Deutschlands nicht finden, ist diese Be­völkerung lebendig bis in die letzten Glieder

Aber wir anderen Frauen, wollen wir keinen Teil haben an diesem Hilfswerk, bas bort versucht, ber Not Herr zu werben? Haben wir nicht auch ein Recht, an bieser echten Frauenausgabe mit- zuwirken? Sinb unsere Herzen nicht ebenso reich an Liebe? Muß sich biefe Last nicht a u f alle Schultern beutscher Frauen vorteilen? Das obenerwähnte kürzlich gegründete Hilfswerk ber Frauenverbänbe hat schon öelbfpcnbcn in er­freulicher Zahl unb Höhe bekommen. Aber es muß noch Diel, viel mehr geschehen!

Laßt euch nicht einreden, Frauen, daß die schlimmste Not jetzt behoben sei! Das ist wahr. Das, was wir Frauen an Liebesdienst zu leisten haben, fängt erst an! Freilich, ber Zustrom hat so ziemlich aufgehört. Die bann Eintreffenben werben größten­teils noch monatelang im Lager bleiben müssen; denn schnell unterbringen läßt sich nur ein Teil ber lanbroirtschaftlichen Arbeiter. Bei einigen Hanb- werkern ist bic Versorgung auch leicht, bei anberen weniger. Am schlimmsten ist ber Wohnungsmangel, ber überall herrscht. Arbeit ist leichter zu beschaffen als Wohnung. In seht vielen Fällen müßen Frauen unb fiinber im Lager bleiben, wenn ber Mann schon fort ist; oft ist auch eins ber Kinber krank. Die Wohlfahrtsstelle, in ber Frauen unb Schwe­stern besVctterlänbischen Frauenvereins", ber Caritas", berInneren Mission" unb besRoten Kreuzes" in oorbilblidjer Einigkeit arbeiten, ein­mütig unb ohne Reibung auch mit ben Regierungs- stellen, hat sich ber Frauen, Kinber unb Schwäch­lichen angenommen.

In wenigen Tagen ist bort unter ben primi- trösten Verhältnissen ein Säuglingsheim ent- ftanben. In einer Milchküche wirb für viele Hun- Der gefesselte Strom.

Roman von Hermann Stegemann.

S. Fortsetzung. (Nachbruck verboten.)

Der Tater? HannS, was wird denn aus Bem Tater, wenn du den Lauffen sprengst?"

Hanns Ingold audte zusammen. Eng an- einandergebrückt standen sie im schwarzen Schat­ten und sdhen.den Tatet über den mondhellen Platz in die Finsternis hingehen.

Geh' zu chm! Tleib bei ihm, Hermann!" murmelte Hanns, preßte den Trüber noch ein­mal an sich und stürmte in die schweigende Rocht.

Die Worgensonne knisterte im Heu, das rings um St. Ivfeph in breiten Schwaden gemäht log. Ruf den glänzenden TIättem der Nußbäume verdampfte der letzte Tau.

Rm Trunnentrog im Wirtschaftshof schuppte der Gärtner der Köchin den Hecht.

..Der reicht für siebenmal herum", sagte er und las die silbernen Schuppen aus dem grauen Schnurrbart, wohin sie bei jedem Zug deS WesserS wie von bet Feder geschnellt zu sprin­gen pflegten.

Die Köchin wusch den Salat und merkte nicht, daß er ihr die klebrigen Silberplättchen in die krausen Haare fallen ließ.

einmal herum unb damit ist's genug gab sie zurück.Daß ber Herr den Fisch koordi­niert hat. ist schon ein himmlisches TJunber."

Orbiniert heißt's, ©cbenebifte, verbesserte Hotz und warf der Katze, die ihm um die Teine strich, einen Grätling hin, den der Rheinräuber bei sich getragen hatte.

Benedikta heiß' ich, das könnt' so ein Heide endlich einmal behalten."

Unb den Salatkopf aus bem Wasser schwen­kend, spritzte sie ihm wie von ungefähr die Tropfen ins Gesicht.

Fluchend fuhr er empor und stieß den Fisch in den Trog.

Putz' dir deine Fisch' selber, bu He?'! Ich hab' mich gewaschen, wo bu noch bte Kissen im Arm gehalten haft."

Er hob die Sense von ber Trunnenröhre unb ging wieder auf die Grasmatte.

Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)

Samstag, 12. September 1925

iirri r?mui

berte von Kinbern einroanbfreie Nahrung bereitet, in einem Nebenraum werben von Schwe'lern unb Helferinnen täglich ein paar hunbert Säuglinge ge­badet. Ein Brausebab für Erwachsene ist geplant. Die Unglücklichen können sich in ihren engen burch einen Sackleinwanboorhang verschlossenen Kojen aus ungehobelten Brettern, in benen oft zwei viel­köpfige Familien ohne jegliche Möbel Hausen, ja nicht einmal waschen!

Noch ist es leiblich warm; (obalb es aber kalter wirb, werben bie großen Hallen, in benen bte ein­zelnen Kojen mit ihren Strohsacklagern abgeteilt (mb, zugig unb feucht. Schon jetzt klagen bie Leute über Rheumatismus. Der Schuljugend unb ben Halberwachsenen möchte man etwas Orbnung, An­leitung, Beschäftigung unb Zucht geben. Es ist schwer, weil bie Familien aus lauter Angst (wie begreiflich nach all ber Not!) ihre Kinber nicht für eine Stunbe fortlassen wollen. Ein Pfarrer, ein paar Lehrer, ein außerorbentlich umsichtiger Arzt, Dr. Weltli, bemühen sich, ber Fürsorge für bie Op- tantenlinber festere Gestalt zu geben.

Was sollen wir Frauen im Lanbe nun tun, wo fehlt es am meisten? Zunächst: Gelbspenben schicken, immer noch, unb zwar an: Deutsche Bank, Dcpositenkasse P.. Berlin W. 57, Potsbamer Straße 96, Konto:Ring nationaler Frauen" Ostspenbe. Don ben Regierungsgelbem kann nur bas AUernotwenbigste beschafft werben. Alles, was Pflege. Fürsorge,' Wohlfahrt heißt, muß burch Liebesgaben kommen. Bebenkt, biefe Men- (chen haben alles eingebüßt! Die fileibung, bie bic Säuglinge jetzt teilweise im Lager erhalten, können sie nicht mitbekommen. Sie reicht ohnehin nicht annähemb für bie Kinber im Lager. Die, welche bas Lager verlassen, sollen etwas Kleibung mitbekommen. Aber wo ist sie? Schickt beshalb Kleinkinberwäsche, viele, viele Dutzenbe von

Windeln! Hemden unb Röckchen nicht zu vergesien. Unb Gummiunterlagen, bie fehlen völlig! Bor allem Kleider unb Mäntel in großen Masten. Die Näh­maschinenfabriken werben um Maschinen gebeten, bic Frauen im Lager können nähen. Schickt Wolle für Strümpfe unb Stricknabeln, es finb viele Großmütter ba, bie stricken wollen. Ebenso sinb einfachst eingerichtete Nähkästen für bie Mabchen erwünscht. Schickt D ö r r 0 b st unb Schokolabe, um bie an unb für sich einroanbfreie, aber berbe Mas- senkost abwechslungsreicher zu gestalten. Schickt vor allem Seife, aber auch Nährpräparate! Ihr In- genbuerbänbe. schickt euren deutschen Kameraben Bälle, Schleuberbällc unb anbere Spiele. Aber an- ftänbige Sachen, nichts Ausgereihtes! Unb wohin bas alles? An bis Wohlfahrts st ekle des Optantenlagers in Schneibemühl (mit bem VermerkHilsswerk ber Frauenverbänbe"). Für größere Scnbungen wirb Freifracht auf ber Reichsbahn gewährt.

Wer aber irgenb Platz hat von all ben vielen guten Deutschen auf bem Lanbe, nehme eins ober mehrere ber größeren Optantenfinber, am besten Geschwister, ober Mutter unb Kinb, ein paar Wochen auf, bamit sie einmal roieber in georbnete Verhältnisse kommen. Es sinb boch heimatlose beutsche Kinder und so goldige Geschöpfe darunter! Wir alle müssen helfen, daß diese lebens­mutigen treuen deutschen Menschen wieder Herr ihres Schicksals werden und ihnen ihre augenblirT liche fast unerträgliche Lage erleichtern. Könnte man nur allen, die hier im Inlande gemütsruhig ihrem Handel unb ©anbei ober ihrem Vergnügen nachgehen, zeigen, wie bie Vertriebenen in Schneidemühl augenblicklich leben müssen, wie bie Not an ihnen zehrt wagenweise würben bie Liebesgaben ihnen zuströmen!

Die diesjährige Obsternte.

Von Kreisobstbauinspektor

Die Hoffnungen, bie auf bic biesjährige Obst­ernte unb -Verwertung gesetzt würben, finb zum großen Teil, wenigstens bis heute, nicht in Er­füllung gegangen. Kalte, nasse Witterung währenb ber burchweg äußerst reichen Kirschen-, Mirabellen-, Reinellauben-, Plaumen- unb Zwetschenblüte störte die Blütenentwicklung unb Befruchtung berart, baß schon von vornherein nur an eine geringe Ernte gebucht werben konnte. Nur bie Z w e t sch e n zeig­ten sich wiberstanbssähiger, unb alles beutete bei gutem Ansatz auf eine Tiittelernte, ausgenommen in ber Wetterau mit ben Frostschäben in 1923'24 unb im Gebirge. Leiber waren auch hier bie Hoff­nungen trügerisch. Schon Anfang Juni würbe ber größte Teil bes Ansatzes burch bie Taschen- ober Narrenkrankheit (Exoascus pruni) zerstört; weitere Vernichtung brachten Mehltau unb bie in Massen auftretenbe Blattlaus. Es kann deshalb nur von einer strichweisen geringen Ernte bie Rebe sein. Wenn bie für Zwetschen gezahlten Preise auch nicht dem geringen Ernteergebnis entsprechen, so finb sie, wie bie Nachfrage, doch zufriebenstellenb.

Was bie Birnen betrifft, so kann von einer ooUftänbigen Mißernte gesprochen werben, zurück- zusührcn auf bie reichen, aber minberroertigen Er­träge im Vorjahr unb auf ben Frost in 1923/24, ber leicht einen großen Teil bes Birnbaumbeftanbes hätte vernichten können, wenn im Frühjahr barauf nicht günstige Witterung eingetreten wäre.

Mit ben 21 c p f e l n als Hauptfrucht steht es günstiger, strichweise sehr günstig, boch bleibt bas Ernteergebnis hinter ben von vornherein gehegten Erwartungen zurück. Bei oberflächlicher Betrachtung der teilweise überreichen Apfelblüte schien es so, als sollte eine vorzügliche Ernte erfolgen. Dem Ein­geweihten konnte es aber nicht verborgen bleiben, baß bie scheinbar reiche Blüte eine entsprechende Ernte nicht bringen werde. Die Blüten wirkten in ber Masse, bie einzelne Blüte gestaltete sich jeboch vielfach mehr als mangelhaft; sie war verkümmert in ihrer ganzen Entwicklung, der natürliche Glanz ber Blütenblätter fehlte ganz. Daß aus diesem fehlerhaften Blütenmaterial normale, kräftige unb gefunbe Fruchtansätze heroorgehen sollten, burfte nicht angenommen werben. Die jungen Früchte, bie in ganzen Klumpen zusammenhingen, blieben bis in bie letzte Zeit hinein klein unb unansehnlich. Alles bies ist in erster Linie roieber zurückzuführen

Metternich- Tübingen.

auf bie Entkräftung ber Bäume burch ben Frost 1923/24.

Doch finb biefe unerfreulichen Feststellungen nicht allein ben Frostwirkungen zuzuschreiben, son- bern auch bte Züchter selbst tragen ein gut Teil ber Schutt». Währenb ber Kriegs- unb Nachkriegszeit ist in ber Schädlingsbekämpfung fast nichts geschehen. Die schon stark unter den Frostwirkungen verkümmerten Blüten unb Fruchtansätze litten noch schwerer burch ben Fraß ber Frostspanner-, Ringel­spinner» unb Oolbafterrraupen sowie burch bas massenhafte Auftreten ber Blattläufe. Eine solche Ungezieferplage ist in ber Vorkriegszeit nie festzu- stellen gewesen. Nicht genug bamit, es kam im Juli unb August noch ein anbercr, nur aus ben 90er Jahren her bekannter unb von ben meisten Obst- züchlern nicht gekannter Schäbling, bie Dbftminier- motte (Lyonetia clerkella) hinzu. In einem Zeit­raum von wenigen Tagen würbe ber größte Teil ber Blätter jüngerer wie älterer Obstbäume (vor- roiegenb Aepsel) bermaßen von ben Müßigen, win­zigen grünlichen Räupchen miniert, baß wenig ober keine Stärkeabfuhr mehr ftattfanb. Die befallenen Bäume sind zur Jetztzeit von weither zu erkennen an ben fast braun geworbenen Blättern, bie ein Aussehen haben, als seien sie versengt. Die Früchte berjenigen Bäume, deren Blattwerk vollständig Der- nichtet ist, stehen in der Entwicklung fest, und ge­langen somit nicht zur völligen Reife. Der durch diesen Schädling hervorgerufene Schaden ist man­cherorts recht bedeutend.

Dazu kommt noch, daß das F a 11 0 b ft, das fast wie gesät am Boden liegt unb verfault, 11 n verwertbar ist. Auch ein Zeichen ber Zeit, biefe traurige Tatsache! Zum Teil bürste bieser Zustanb auf bas Verbot bes Frankfurter Polizei- präfibiums, bas Fallobst zu sogenanntem Süßen" zu verarbeiten, zurückzuführen sein. Es mag nun sein, wie es will, Verfaulenlassen bes viel­fach wurmstichigen Obstes unter ben Bäumen sollte auf jeben Fall oermieben werben. Wirb bas Fall­obst im Haushalt verbraucht ober zur Viehfütterung benutzt, so ist eine zweckmäßige Verwertung er- reicht. Im letzten Jahre würbe nämlich von Lanb- roirten wiederholt fcftgefteUt, daß bie Verfütterung von Fallobst auf bie Milcherzeugung nicht unwesentlich einwirkt.

Wie sich bie spätere Verwertung bes Schüttel-

0 b ft e s gestalten wirb, ist nicht vorauszusagen. Der Apfelweinkonsum hat infolge bes vermehr­ten Traubenroeinkonsums bebeutenb a b ge­nommen; auch sinb bic Apfelweinkeller vielerorts noch gefüllt. Denn bies auch voraussichlli.b nur eine vorübergehende Erscheinung ist, so bleibt die Zorge um bic Verwertung ber dies­jährigen Äeltcrob ft ernte doch bestehen. Daß aber bic Apfelroeinkeltcrei für dieses Jahr ganz eingestellt wirb, ist trvtzbe innicht anzunehmen. Die inlänbische Ernte wird immer noch verwertet werben können, zumal der neue Zolltarif wesent­liche Besserung aufroeift, ein Umstand, der der Einfuhr sicherlich Einschränkung auferlegt; außer- dem ist mit einer geringen Ernte in Württemberg und Baden zu rechnen. Doch steht heute schon fest, daß mit der Abnahme von Keltcräpseln vor dem 1. Oktober nicht zu rechnen ist. und das ist zn be­grüßen. Immerhin liegt die Möglichkeit nahe, daß die Kelterobsternte nicht vollständig verwertet wer­den kann.

Da wirft sich nun die Frage auf: Wird nicht auch die Brechobstverwertung einer ähn­lichen Krise unterworfen sein? Darauf ist weder mit Ja, noch mit Nein zu antworten. Maßgebend wird hierbei fein, ob mit den Kriegs- und Rach kriegsgewohnheiten ober Untugenden gebrochen wird "ober nicht. Die 'Nachfrage wirb voraussichtlich gut fein, fo auch bic Preise. Der Handel wirb unter allen llmftänben gute Ware, in guter Sorlic rung verlangen. Kraut- unb Rübenware jeboch un beachtet lasten. Schon bei ber Ernte muß auf biefe Tatsache Rücksicht genommen werben. Will also ber beutsche Obstzüchter im Strubel ber Zeit nicht unter­geben, so muß er sich unter allen llmftänben ben bestehenben Verhältnissen anzupassen wissen; er bars nur Qualitätsobst auf ben Markt bringen unb sich nicht allein auf bie künftige Gestaltung neuen Zolltarife und Zufälligkeiten verlassen.

Daß nur mit der nötigen Sorgfalt das Ziel zu erreichen ist, hat besonders im letzten Jahre die amerikanische Einfuhr bewiesen. Der Reichsverband des Deutschen Gartenbaues hat durch feine un­ermüdliche Tätigkeit bei der Reichsregierung be­deutende Vergünstigung auf dem Gebiete der Obst- Verwertung erreicht. Es ist deshalb Ehrensache ber deutschen Obstzüchter, den Verband in seinen Be­strebungen durch sorgfältige Lieferung tatkräftig zu unterstützen und die von ihm eingeführte Einheits- Packung zu benutzen, ferner den Beweis zu er­bringen, daß er imstande ist, den Inlandbedars vollständig zu decken. Geschieht dies, so wird über mangelhaften Absatz unb schlechte Preise nicht mehr zu klagen sein.

Die kommenden hessischen Gemeindewahlen.

TI an schreibt uns:

Die hessischen Kommunalwahlen sieben vor der Tür. Lange genug hat man die Berwal- tungsreform in Hessen verschleppt, in letzter Stunde hat die Regierung einen rcotdürstigrn Gesetzentwurf vorgelegt, der die Wahlbest immun- gen der Gemeinde-. Kreis- und Provinzial- wghlen in wenigen Punkten abandern will. Aus den Bericht der Darmstädter Redaktion des Gießener Anzeiger" vom 8. und 9. Sept. 1925 in Ar. 210 und 211Gieß Anz." wird Bezug genommen. Der Landlagspräsident hat Torftanb und Aeltestenrat deS Landtags einberufen. 3n aller Eile soll der Landtag zusammentreten, um dieses Flickwerkin beschleunigter Beratung durchzubringen".

Wichtiger als sämtliche im Entwurf enthalte­nen neuen Einzelbestimmungen erscheint die Wiedereinführung einer verlänger­ten Wahlperiode. Die Wahldauer ist auch im neuen Entwurf wieder auf 3 Jahre festgesetzt, eine Zeit, die viel zu kurz ist, als daß sich ein Gemeinde-, Kreis- oder Provinziaiparlament mit der erforderlichen Gründlichkeit über alle Ge­meindeangelegenheiten informieren und in alle Terwaltungszweige einarbeiten kann. Mehrere Jahre sind nötig, um den erforderlichen äleber- blick und eine reichere Erfahrung in Gemeinde­dingen zu gewinnen. An der kurzen Lebensdaaer krankte seither besonders die geineindliche Ter- waltung. In der letzten Zeit der Wahlperiode wurden die gefaßten Beschlüsse häufig wieder

Ruth kam ihm entgegen.

Ist der Hecht geputzt, Joseph?"

Er hatte das Fräulein gekannt, als es noch kein Fräulein, sondern ein kleines Mädchen war, das gern mit nackten Deinen an 6t. Jo­sephs Acker in den Rhein watete, und konnte das nicht vergessen. Terlraulich antwortete er:

Er schwimmt weiß und fett im Brunnen. Lind wenn die Gebenedikte ihn nicht entwischen läßt, so kommt er heut auf den Tisch. Ein Pfaffenessen, Fräulein Ruth!"

Es ist gut, Joseph!"

Sie wollte weitergehen. Ein Klingelzeichen lief durch das Haus und rief nach ihr. Die Glocke des Sprechzimmers hatte angeschlagen.

Fräulein!"

Was habt Ihr noch?"

Fräulein, habt Ihr nichts bemerkt ge­stern abend?" fragte er und nahm die Sense von der Schulter, stellte sie mit dem Griff auf den Boden und blinzelte Ruch über die Schneide geheimnisvoll an.

Als sie ihn fragend anblickte, ein unsicheres Licht in den Augen, fuhr er fort:Wie wir heim sind, den Fußweg entlang, ist uns einer nach. Mein Seel, eS ist uns einer nach. Der hat gewiß gemeint, ich schlepp' einen Schatz auf dem Buckel, einen Silberschatz, mein' ich. weil doch der Hecht so gespiegelt hat im Mondschein."

Das bildet Ihr Euch ein, Joseph", versetzte Ruth rasch: sie konnte aber nicht verhindern, daß sie errötete.

Ich will den Rhein laufen, wenn'S nicht wahr ist, Fräulein. Er ist nachher um die Mauer gestrichen, so wie der 3ngolb Hanns vor sieben Jahren. Am End' ein Mordbrenner soll ich daS Chassepot von der Wand neh­men?"

Joseph!"

Die Farbe war aus ihren Wangen ge­wichen. Mit zürnenden Augen blickte sie ihn an, nicht mehr die Tochter, die dem alten Knecht manche Tertraulichkeit erlaubt und nachsieht, son­dern das in seiner Scham verletzte Weib.

Ehrlich erschrocken starrte er sie an, hob die Sense auf die Schulter und begann eine Ent­schuldigung zu stottern.

Du machst es mit jedem Wort schlimmer. Geh!"

Blaß, dunkle Tränen in den Augen, wandte sie sich ab.

Jetzt hack' mir einer die Zunge ab! Sie ist weiß geworden wie eine Leiche!"

Mit gekrümmtem Rücken zog er ins Feld.

. Ruth ging langsam ins Haus. Das Glöck­chen rief noch einmal, aber sie konnte nicht schneller ausschreiten und ging wie im Traum. Als ihr zwei Kurgäste entgegenkamen, bog sie in einen Rebenweg ein, um Der Begegnung aus­zuweichen.

Die Post ist gekommen. Drei Briefe und ein Schock Drucksachen!"

Mit diesen Worten empfing Engelhardt seine Tochter. Er ging ungeduldig im Zimmer auf und ab, nervös verstellte er den mechanischen- Stuhl, schraubte das Hörrohr ab und wieder an und blickte dabei immer wieder auf die Briefschaf­ten. die noch ungeöffnet auf feinem Schreib­tische lagen.

Ruch setzte sich mit einem Lächeln, bas einen mütterlichen Anflug hatte, auf den Arbeitsstuhl des Taters und sagte mit gemachter Heiterkeit, während sie die Briefe aufschnitt:

Papa, was machst du nur, wenn ich einmal nicht da bin? Du mußt dich doch noch gewöhnen, die Post selbst aufzumachen."

Tein, nein du hast eine glücklichere Hand als ich."

Er wehrte hastig ab und mit einer Bitter­keit, als hätte die kleine Eigenheit ihren tiefen Grund.

Das darfst du nicht mehr sagen, Papa. Mir zuliebe nie mehr."

Sie blickte ihn über die Briefe hinweg mit einem entschiedenen Ausdruck in den klaren Zü­gen vorwurfsvoll an.

Ra ja. Mädel, spieß mich nicht auf, ich will mir ja die unnützen Anspielungen verkneifen. Aber denken, daran denken werd' ich mein Leb­tag, Ruth, denn dazu ist mir die Sache doch noch zu tief gegangen. Hat mir kein Orakel gesagt, daß ich mal hier in der Stille hausen und natur- schwärmen und Rerveninenschen aufbügeln werde."

Papa!"

Ist es etwa nicht so! Unb du, du lebst wie eine Rönne dafür ist es ja ein Kloster und bemutterst den alten Herrn. Unb die Mutter, die liegt in der fremden Erde, und der Rhein singt ihr immerzu ins Grab, immerzu, immerzu. Siebzehn Jahre singt er ihr schon, und das ist das Schönste, daß der Lauffen noch sein Rauschen singt, wenn Mutter einmal nicht mehr allein liegt auf dem Friedhof von Rheinau."

Ruth tat, als hörte sie nicht, wie der Taler redete. Eie wußte, daß man ihn gewähren lassen mußte.

Gewissenhaft las sie die Briefe. Drei ent­hielten Anmeldungen für den Juli, zwei kamen von Herausgebern balneologischer Wegweiserund ersuchten um Einsendung von Indikation und Ortsbeschreibung der Anstalt.

Papa, Professor Lahmann schickt unS einen Patienten."

Mit diesem glücklichen Wort unterbrach sie seine bitteren Bemerkungen.

Lahmann! So? Ra. der Lahmann war immer ein anständiger Mensch, und seine Herz­therapie alle Lichtung. Wen schickt er mir denn?"

LieS selbst, Papa!"

Er nahm den Brief auS ihren Händen und fuhr fort, ohne ihn zunächst zu lesen:

Er wollte auch einmal Chirurg werden. Ein prächtiger Assistent, auf den man sich ver­lassen konnte. Besser als auf sich selbst. Er hätte die Ruptur"

Papa!" DieSmal rief sie ihn scharf zur Ordnung.

Engelhardt brach ab und rih den Brief wie schuldbewuht an die Augen.

Rekonvaleszent nach schwerem Unfall durch Berührung mit dem Starkstrom ein Sohn des Kommerzienrates Thlander in Berlin- Lichterfelde. Der gute Lahmann will wohl etwas für den Engelhardtschen Geldbeutel tun. Was sollen wir denn mit einem Industriekapitän hier anfangen? Der läuft uns am dritten Tag davon und geht nach St. Moritz oder in denWeihen Hirsch". Mit Barfuhlaufen und Abreibungen unb einer Hechtschnur halten wir ben nicht fest."

(Fortsetzung folgt.)