Hl 187 Zweites Blatt
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen,
Mittwoch, 12. August (925
Der Niedergang der deutschen Kampfkraft im Herbst 1918.
Aus dem Sachverftändigen-Guta ten des Generals der Ins. a. D. Kuhl.')
Als besonders maßgebenden Sachverständigen für die militärischen Fragen deS deutschen Zusammenbruchs im Ja pro 1918 hatte der Parlamentarische Unter- suchungSauSschuh den General a. S. von Kuhl eingesetzt, der als Ehes deS Stabes der Armee des Kronprinzen Rupprecht von Bayern, namentlich aber in seiner Eigenschaft als anerkannter Militärschriststeller, zur Beurteilung der zur Entscheidung stehenden Schuldfragen besonder- berufen ist.
Die Frage, welche Umstände den Umschwung der Kriegslage vom Juli bis zum November 1918 herbeigesührt haben, ist zum Teil bereits durch die bisherigen Darlegungen beantwortet. Bon entscheidender Bedeutung war der Zustand deS HeereS.
Daß das Heer nach vier KriegSjahren, nach den schweren Abwehrschlachten des Jahres 1917, nach der mit dem Aufgebot aller Kräfte im ersten Halbjahr 1918 durchgeführten Offensive und nach den andauernden hartnäckigen Rückzugskämpfen im Sommer 1918 stark erschöpft war, kann nicht wundemehmen. Die Stellungsdivisionen, die allzu lange tn den Stellungen hatten belassen werden müssen, waren ausgebrannt und dem feindlichen Ansturm nicht mehr durchweg gewachsen, alS die Offensive der Gegner im Sommer 1918 begann. Die bisherigen Angriffsdivisionen waren stark verbraucht.
Die schweren Derluste konnten nicht mehr erseht werden. Der Ersah ging zu Ende. 3m August 1918 mußten 10, im Oktober 22 Divisionen aufgelöst werden.
Die allgemeine Ersahlage war von ausschlaggebender Bedeutung. Wie sie auf die Verhältnisse an der Front cinwirkte. soll durch eine Darlegung der Lage bei der Heeresgruppe Kronprinz Rupprecht näher erläutert werden.
Die Grundlage für die Stärkeberechnung der Truppen bildete die „Feldstärke" der Bataillone. Satin waren außer den fechtenden Mannschaften auch die Abkommandierten, Kranken und Vermißten, der Troß und die Deurlauten enthalten. Diese Zahl gab somit die Derpslegungsstärke an und konnte nur mit Einschränkung zur Bewertung der Kampfkraft herangezogen werden. AIS Sollstärke war vor Beginn der FrühjahrS- ossensive die Zahl von 850 Unteroffizieren und Mannschaften für das Bataillon festgesetzt worden. entsprach dieS den tatsächlichen Verhältnissen. wie sie Ende 1917 vorgelegen hatten. Die durchschnittliche DataillonSseldstärcke kann Ende 1917 auf etwa 900 Mann angenommen werden. Aach Abrechnung der Kranken, Beurlaubten. Ab- lommandierten ufw. betrug die durchschnittliche Gefechtsstärke der Bataillone an der Westfront etwa 640 Mann.
Abgesehen vom Jahrgang 1899 standen als Ersah zunächst nur die Wieder genesenen und Abgaben der Ostfront zur Verfügung. Die Ersahlage erforderte daher, wie die Oberste Heeresleitung im Dezember 1917 betonte, »sparsamstes Haushalten mit dem verfügbaren Menschen- rnaterial".
Zu Beginn des Jahres 1918 wurden den Divisionen die ersten Rekruten des Jahrgangs 1899 überwiesen. Die Heeresgruppe erhielt im Januar und in der ersten Hälfte des Februar 26 350 Rekruten. Ihre Einstellung in die Front war für Ende März beabsichtigt.
Unter diesen Verhältnissen war es nicht möglich, allen Divisionen den vollen Ersah zuzu-
*) „Die Ursachen des deutschen Zusammenbruchs im Jahre 1918“. Vierte Reihe im Werk des Untersuchungsausschusses der Deutschen ver- lassunggebenden Rationalversammlung und des Deutschen Reichstages 1919—1926. D erhand- lungcn — Gutachten — Urkunden. Jm Auftrage deS Deutschen Reichstages. Unter Mitwirkung ton Dr. Eugen Fischer als Generalsekretär und Dr. Walther Bloch als Sekretär deS 4. Unterausschusses herausgegeben von Dr. Albrecht Philipp. M. d R. Vorsitzenden des 4. Unter- -ausschusses. 3 Bände l.Dand: Derhandlungs- bericht. Stenographische Protokolle. Entschließungen usw. 2. Band. Gutachten deS Sachverständigen Oberst a. D. Bernhard Schwertfeger. 3. Band: Gutachten des Sachverständigen Generals der <Vnf. a D. v. Kuhl. Korreferat des Sachverständigen Geheimrat Prof. Dr. HanS Delbrück. 1925. Deutsche Derlagsgesellfchaft für Politik und ®e- Ichichte in Berlin V/ 8.
führen. Die Masse des Ersatzes wurde daher den für den Angriff bestimmten Divts tonen überwiesen.
Der Verlauf der Kämpfe bei der Märzoffen, five ließ erkennen, daß die Derluste durch den Ersah nicht gedeckt werden konnten. Jm April wurden daher einzelne ÄaPaltertc- schühenregimenter aufgelöst, im Mai wurden der Heeresgruppe zwei aufzulösende Divisionen zur Aufteilung auf andere Divisionen zur Verfügung gestellt. Trohdem gelang es im April und Mai nicht, die durch die Offensive bei Armenti.-res entstandenen Lücken auszufüllen und die AngriffS- divisionen auf voller Stärke zu erhalten. Die durchschnittliche Dataillonsseldstärke. die Ende Februar noch 807 Mann betragen hatte, sank Ende Mai auf 692 Mann.
Jm weiteren Verlauf wurde der verfügbare Erfatz den von der Heeresgruppe für die Hagen- operation bestimmten Divisionen zugewiesen. Hm so mehr brannten die Stellungsdivisionen auS. Die Kämpfe bei der Heeresgruppe Deutscher Kronprinz im Mai. Juni und Juli brachten schwere Verluste. Die Oberste Heeresleitung fah sich daher genötigt. Ende Juli die Soll-Feldstärke der Bataillone an der Westfront von 850 auf 700 M«m herunterzufetzen.
Bald war jedoch zu übersehen, daß auch diese Stärke von 700 Mann nicht aufrechterhalten werden konnte. Es wurde versucht, neue Erfatz- ouellen zu erschließen. Aus dem Dienstbereich des Generalguartiermeisters, des Feldeisenbahnchefs, des Feldkraftfahrchefs und aus den öuftftreit- fräften wurden 60 000 kriegsverwendungsfähige Mannschaften freigemacht. Die Etappenbetriebe wurden eingeschränkt, die Stärken der Landsturmbataillone herabgesetzt, die Genesungsabteilungen verringert. Rachprüsungskommissionen zogen aus Heimat und Etappe den Rest brauchbarer Mannschaften heran. Die Auflösung weiterer Divisionen wurde erforderlich. Die bedenkliche Verminderung der Arbeitskräfte hinter der Front und die Einstellung minöer- wertigerMannschaften indie Front- truppen und die Rekrutendepots muhte in Kauf genommen werden.
Alle diese Hilfsmittel konnten das ständige Sinken der Feldstärken nicht aufhalten. Die Kämpfe an der Westfront forderten vom Juli ab immer größere Opfer. Jm August erreichten die Bataillone der Heeresgruppe nur eine durchschnittliche Feldstärke von 660 bis 665 Mann. Die tatsächliche Gefechtsstärke entsprach aber, besonders bei den andauernd in der Front befindlichen Stellungsdivisionen. bei weitem dieser Zahl nicht. Jn der Feldstärke waren nämlich außer den Lazarett- und Revierkranken, den Mr- laubern und Abkommandierten noch volle drei Monate lang die Vermißten, deren Zahl im Laufe deS Sommers ständig stieg, enthalten. Die tatsächliche Gefechtsstärke war daher bei Divisionen, die lange eingeseht waren und viele Gefangene verloren, ganz erheblich niedriger als die Sollstärke.
Mitte August mußte sich die Oberste Heeresleitung entschließen, anzuordnen, daß alle Divisionen mit durchschnittlichen Dataillonsfeldstärken unter 650 Mann ihre Bataillone nur noch in drei Kompagnien zu gliedern hatten. Ende September wurde bestimmt, daß bei weiterem Sinken der Dataillonsfeldstärken unter 400 Mann die Jn- fanterieregimenter in zwei Bataillone zu gliedern seien. Dis Mitte September waren 15 Divisionen aufgelöst worden. Durch die Einstellung des hiervon auf die Heeresgruppe entfallenden Ersatzes gelang es, eine Durchschnittsfeldstärke der Bataillone von 594 Mann Ende September zu erreichen.
Der Mitte Juni in die Ersatztruppenteile der Heimat eingestellte Jahrgang 1900 m Gesamtstärke von etwa 300 000 Mann wurde Ende September und Oktober den FeldrekrutendepotS übettoiefen Durch Zuführung aus dem Osten erhöhte sich die Stärke der Mannschaften in den Rekrutendepots weiterhin.
Eine Verstärkung der Kampfkraft wurde aber durch alle diese Mittel kaum erreicht. Die aus dem Osten, zum Teil aus russischer Gefangenschaft eintreffenden Mannschaften waren vielfach vom Dolschewismus angesteckt. Ein Teil des Ersatzes bestand aus jungen Leuten der Rüstungsindustrie. die bisher in den Fabriken hohen Verdienst gehabt hatten, zum Teil antimill- tärisch verhetzt waren und neuen zersetzenden Einfluß auf das Hee r aus-
Heue Sdfreibüorlagen von Ruöolf Noch und Friedrich heinnchsen?
Schreibvorlagen? Und auch noch „neue"? Ist las nicht ein Widerspruch in sich, das Jrrelaufen - «iner sehr altertümlidun Sache in die blankhelle Gegenwart? Bestenfalls etwas für ergraute Archivare, gelehrte Manuskriptenschnüffler, ein krampf- taffes Hervorzerren muffiger antiquarischer Triebe? Aahrhaftig, seit der Erfindung des Buchdrucks ist tas Bücher schreiben ins Maßlose gewachsen, tas geschriebene Buch aber ausgestorben. Und iUem Schreibwerk an sich geht es heule stramm an Jen Kragen. Das Schönschreiben blieb im Gang bei «in paar bestellten Kalligraphen, es verwuchs zu zespreizter Manier, und in den Staatskanzleien aiani) sich die geschraubte Ausdrucksweise eine zu ihr passende gestelzle Schrift. Briese und Hand- fchrifteii wurden mehr und mehr gehudelt und zuletzt las Feld der Autographensammler und Grapho- logen. Der anständige Manan von heute schreibt jar nicht mehr, er setzt mit einem kleinen Anflug ton eiliger Feierlichkeit seinen Namen unter bas. Das sein Tippfräulein auf der Maschine hervor- gebracht hat. 3h der Schulstunde werden binnen kurzem 30 Apparate mit ihren feinen Gliedern klappern und der säuische Klex wird zu den Wundern her Vorwelt gehören. De Federtätigkeit droht oer-
*) Neue Schreibvvrlagen zum Gebrauch für Schreiber, Maler, Buchdrucker. Stempelsthneiber unb Handwerker von Rudolf Koch und Friedrich Heinrichsen. Herausgegeben vom Hessischen Gewerbe- oiuseuin Sarmüabt. Wolfgang 3eß, Dresden.
lernt und höchstens in Ausnahmefällen als Luxus nebenbei betrieben werden. Bald wird, wer schreibt, am Außenrande der Gesellschaft stehen als ein Geächteter, vielleicht als ein . . . Künstler. Da der Alltag das Schreiben verschmäht, hat er wirklich die Bahn für den Künstler freigemacht und in „zweckloser" Ucbung könnte der Schreiber, bereits von außermenschlichen, von außersachlichen, zum wenigsten von außerbürgerlichen Antrieben befeuert, den Flug regen.
Wir kennen Rudolf Koch in Offenbach seit Jahren und wißen, daß er ein Schreiber und ein Schreiblehrer von dieser letzten und zweckbefreiten Art ist. Aus der schnöden Form, die nur eben den Bedarf erledigt, und aus der schnuddligen Subjek- tioität, die im Duktus das Wesen des Schreibenden für den Kenner bloßlegt, hat er die Schriftzüge ins Objektive gehoben, wo sie vom Inhalt des Geschriebenen Diel, sehr wenig aber über den Schreiber aussagen. Er entnimmt dem Sinn die Form der Buchstaben, die Art ihrer Verbindung und ihrer Ausbreitung aufs Blatt. Der Gedanke, die Abfolge, der Gefühlston werden Gegenstand und Sichtbarkeit als Schreibwerk, sie verdinglichen sich in der Schrift und können wahrgenommcn werden schon vor der Aufnahme des Textes durch den Leser. Das Ablesen, auch das (lumme’ ist e* Geschäft für die Ohren: Kochs Schrift wendet es in eine Augensache um. Der Anblick seiner Schrift ist ein Schauspiel auch ohne Zuhilfenahme des literarischen Bewußtseins, fast ein Ersatz desselben. Dazu kommt, daß alles Schreibwerk „Handarbeit" ist und deshalb reicher, biegsamer und treffsicherer als die bestgeschnittene Buchdrucktype. Wenn der Schreiber nur feiiisühlig und kaltblütig zugleich ist, d. h. von jener großen Art der Holder- Nnschen Begeisterung besessen, die aller Schwärmerei
übten. Der Rest endlich der zum Te.l körperlich nicht auf der Höhe war. hatte bisher nur bau ziemlich geregelte und gefahrlose Leben hinter der Front gekannt. Jn fremde Verbände geworfen, ungekannt von Vorgesetzten und Kameraden, brachten sie den Truppen keinen Kraftzuwachs, fonbern vermehrten di e Zahl der unsicheren Leute oder der Kranken
Während der schweren Abwehrkämpfe im Oktober sank die durchschnittliche Feldstärke der Dataillone ansangs des Monats auf 545. Mitte des Monats auf 508 und Ende deS Rlonats auf 450 Mann. Rechnet man hiervon die Richtlämpfer ab. so entsprachen diese Zahlen Kampfstärken von 250. 208 und 142 Mann. Die D,Visionen zählten schliehlich meist mft 800 biS 1200 Gewehre.
Am 22. Oktober befahl die Oberste Heeresleitung die Einstellung der ersten Rate des Rekruteniahrgangs 1900 in die Truppe. Dadurch kamen die Achtzehnjährigen an die Front.
Es ist erklärlich, daß unter dielen Hmständen im Sommer und Herbst 1918 die feindlichen Tanks eine entscheidende Wirkung gegen die
dünnen 2in.cn der erschöpften deutschen Truppen erreichten. Der Vertreter der Obersten Heeresleitung äuhene sich über die TankS am 2 Oktober 1918 gegenüber den Parteiführern deS Reichstags folgendermaßen
.Der Gegner tetzte sie in unerwartet großen Mengen ein. Wo sie, noch dazu nach sehr ausgiebiger Vernebelung unterer Stellungen, überraschend auftraten, waren ihnen häufig die Verven unserer Leute nicht mehr ac- wachsen. Dort brachen sie durch unsere vordersten Linien hindurch, bahnten ihrer Jnfantcrie den Weg. erschienen im Rücken, erzeugten örtliche Paniken und brachten die Gesechtssührung durcheinander Waren sie erst erkannt, wurden untere Tankabwehrwaffen und unsere Artillerie schnell mit ihnen fertig. Dann aber war da- Unglück kchon geschehen, und lediglich auS den Erfolgen der Tanks lind die hohen Ges an» genenzahlen. die untere Stärken so empfindlich berabtefcten und einen schnelleren Verbrauch der Reserven, als bisher gewohnt, herbeiführten. zu erklären. Dem Feinde gleiche Waffen deutscher Tanks entgegenzusteffen. waren wir n.cht
Schach-Ecke.
Bearbeitet von W. Orbach
Alle für die Redaktion bestimmten Mitteilungen. Lösungen usw. find zu richten an die Schachredaktion de« .Gießener Al-eigerS".
Problem Nr. 23.
Von K. Stal in Göteborg.
Schwarz.
Weih. 12 Steine. Kh4, Tc4, Leb, Lh5, Sc8, Sg6, Bb3, Ba4, Bb5, Bc7, Bd6, Bh6.
Schwarz: 5 Steine. Ke6, Sb7, Bd4, Be7, BfS.
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<i c t Weiß.
in drei Zügen.
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— a
Partie Nr. 15.
Die nachfolgende interessante Partie wurde in der 10. Runde des internationalen Meisterturniers zu Dreslau gefpielt.
Weiß: Rubinstein. Schwarz: Sämisch.
1. c2-c4 1. e7-e5
2. Sgl - f3
Dieser Zug verfolgt denselben Plan wie der Aljechinsche 1 .... Sf6, nach dem Vorrücken der Dauern dieselben später erfolgreich angreifen zu können.
2..... 2. e5-e4
3. Sf3-d4 Viemzowitsch empfiehlt hier Sf3-gl
3..... 3. Sb8-c6
4. Sd4-c2
5. Sbl-c3
4. Sg8-f6
5. Lf8-c5
6. b2 —b3 6. 0-0
7. g2-g3 7. Tf8-e8
8. Lfl-g2 8. a7-a5
Dieser Zug war nicht nötig und schwächt
nur die schwarze Position: besser war ruhige
Entwicklung durch d6 nebst Lf5 usw.
9. 0-0 9. d7-d6
10. Sc2-e2 10. Sc6-d4
11. d2-d3
Diesen Zug spielt in dieser Variante Rubinstein immer.
11..... 11. e4xd3
12. Ddlxd3
13. Se3-d5
14. Dd3-dl
12. Sf6-d7
13. Sd7-e5
14. c7-c6
Der Springer muß von seiner beherrschenden Position vertrieben werden.
15. Sd5-f4 15. g7--g5?
Diesem Zug ist hauptsächlich der Verlust der Partie zuzuschreiben. Schwarz sollte hier ruhig Lf5 spielen.
16. Sf4-d3 16. Se5xd3
17. Ddlxd3 17 Lc8-g4
Sämisch beginnt zu kombinieren, aber Rubinstein überfombiniert ihn.
18. Lcl-e3 18. Lg4 -f5
19. Lg2 —e4
Dieser Zug mußte genau berechnet werden.
19..... 19. Fe8xe4
Ein fehlerhaftes Qualitätsopfer, da- Rubinstein mit feinem 21. Zuge widerlegt.
20. Sc3Xc4 20. d6-d5
21. Dd3-d2!
Dieser unscheinbare Zug, welchen Sämisch bei seiner Vorausberechnung übersehen hatte, gewinnt die Qualität.
21..... 21. d5Xc4
auf Le4: folgt natürlich Ld4:
22. Tfl-dl 22. Sd4xe2-r
auf 22.....Se6 folgt Dd8-f~4-, Fd8 ■, Td8-+- 4-
Sd8:, Lc5: mit Derlustposition für Schwarz.
23. Dd2xe2 23. Dd8-e7
24. Le3Xc5
25. g3-g4!
26. Tdl-d7
27. Dc2-e3
28. Tal-dl
29. De3Xg5
24. De7xc5
25. Lf5-g6
26. Ta8-e8
27. Dc5-e5
28. Dc5-b8 Aufgegeben.
Lösung de« Problem- Rr. 22.
Von W. Done.
1. Sb4-c6, Kg3-f4
2. Kgl-f2, Kf4-e4
3. Dh5-f3 matt.
Die Narrenkappe.
Splitter und Sparren vom RedakttonSttfch.
— Kölner Humor. Ein richtiger Rheinkadett steht am Rhein und fischt. Da kommt em Schutz- mann und schreit ihn an: „Sie, was machen Sie denn da? Sie dürfen hier nicht fischen!" — „Ich fischen nich!" — „Also, was machen Sie denn sonst?" — „Ich lehr mei Wermcher schwimme!"
*
Ueber den Feuergeist der Italiener wurde ich von einem Südtiroler Weinbauern folgendermaßen aufgeklärt:
„Woaßt woll", sagte er, „so seins, die Katzelmacher. A unrechts Wort und er geht her, zieht sein Stilletto und stoßt's sein besten Freund mitten ins Herz. A Stund drauf aber seins wieder die besten Freund."
♦
Der Jnstruktionsoffizier hielt in der Offiziers- schule einen Vortrag üver „die Pflicht des Offiziersaspiranten, sich höheren Offizieren bei privatem Zu- fammentreffen vorzustellen."
Zum Schlüsse seiner Ausführungen fragte er den Aspiranten Berger: „Aspirant Berger, was machen Sie, wenn Sie ein Kupee kommen, in dem sich ein Vorgesetzter befindet' '
Berger überlegte keinen Augenblick: ,Lch gehe ins nächste!" ♦
— Trinkt Bitterwasser! In der Straßenbahn sitzt ein älterer Mann und raucht gemütlich seine Pfeife. Der Schaffner fragt, ob er denn nicht lesen könne, da stehe doch groß und deutlich, daß hier rauchen verboten sei! — „Du lieber Gott/ sagt der Mann, „muß man denn alles tun, was angeschrieben steht? Da steht z.B.: Trinkt Bitterwasser! Ich werde mich schwer hüten!"
und allem Schwarmwesen sernsteht, dann vermag er der letzten Beugung und dem ganzen Atmungs- prozeß des Textes zu folgen. Koch hat Schule ge- macht, und schon gibt es einige, die, wie in ältester Zeit für die Notdurft gut geschrieben wurde, heute für die Feier Schriftstücke und Bücher, Sprüche und Gedichte schreiben. (Das ist sogar in der Hand von Leichtfertigen und Ungenügenden bereits ein Zweig des liebhabernden Kunstgewerbes geworden.) Sie muhten bei der gegenwärtigen Verdorbenheit des Stil- und Kurrentschreibens, welche sie vorfanden, und da in der nächsten Umgebung die Tradition ganz erloschen war, weit zurückliegende Vorbilder greifen. Das Studium alter Kodizes und Meßbücher, alter Urkunden und Grabsteine, metallener Denk- tafeln und gerollter Pergamente ging ihrer eigenen Erfindung voraus. Das nahm ihr nichts von ihrer Präsenz und Lebendigkeit. Es lieferte lediglich das unentbehrliche Handwerksgeschick, es gehörte mit zur Ausbildung.
In feinem Schriftwesen nun sind die Vorlagen, welche Koch mit Heinrichsen zusammen . heraus- gebracht hat, als eine von selbst daraus gewachsene Nebenfrucht anzusehen. Sie bedeuten die Anwendung feiner freien Künstlerschaft auf diesem Gebiete, sie sind die Probe auf die Verwendbarkeit derselben im Handwerk. Es konnte dem rührigen Mann nicht verborgen bleiben, daß es Schriftmoglichkeiten von feststehendem objektiven Charakter gibt, und daß diese Möglichkeiten in der Tatsachenwelt wiederholbar sind; es mußte ihm im Verlaufe seiner lang- jährigen Versuche deutlich werden, daß er auf Schriften geraten war, die bestimmten, in der Handwerkswest oorkommenden Aufgaben entsprechen, nach denen aber der Handwerker im eingerissenen Schlendrian entweder nicht gesucht hatte oder ver-
gebens sich umgeschaut. In den Schreibvorlagen findet der verlegene Handwerker für fein Bedürfnis 16 Schriften vor, unter denen er feinem jeweiligen Zweck gemäß eine aussuchen kann. Acht lateinische Schriften sind es und acht deutsche. Die lateinischen beginnen mit einer ruhig-klaren, großzügigen Kapital nach klassischem Vorbild, vorzüglich für den Steinmetz bestimmt. Flüssig bewegte Versalien folgen, danach eine leicht liegende humanistische Kurs o. Hinter ihr schwer, wuchtig und lastend eine Blockschrift. In drei weiteren Schriften schlägt bas querköpfig deutsche Element durch das lateinische Grundwesen erregt durch: man möchte sie „roma- nisch" nennen. Die deutschen Schriften beginnen mit gotischen Formen bei sehr merkwürdiger mo- berner Abwandlung. Dann folgen solche mit aus- brucksreicher Verzierung. Besonders hübsch und charaktervoll, aus einer Art kindhaften Ernstes ftam- wend, ist die deutsche Kurrent. Die Fraktur am Schlüsse sehr bewegt und beweglich, frei und knorrig zugleich.
Wir stehen nicht an zu wünschen, daß diese Vorlagen nicht bloß benutzt werden, sondern auch den Benutzer, dem sie gewiß kein Sklavenjoch auferleaen sollen, zur Weiterarbeit, und zwar eigenen Erfindung anregen. Mag bas Schreiben hunberlmal ver- schwinben. die Schrift bleibt nach wie vor die Grunblage für bie Buchstabenarbett ber Grabmal- meßen, des Plakatmanns unb ber Gebrauchsgraphiker. der Schriftmaler unb Schriftaießer. 'ber Stempelschneiber unb sogar — man wirb ein leises Lächeln nicht los — ber Hersteller von Typen für bie Schreibmaschine, welche ber Tod des Schreiben» geworden ist.


