Ausgabe 
12.8.1925
 
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Ur. 18Z Erster

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Blatt

175. Jahrgang

Mittwoch, 12. August (925

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Drud und Verlag: vrühl'sche Universitätr-Vuch- und Stcinörudcrct R. Lange in Sietzen. Schriftleitung und Seschäftrftelle: Schulsttatze Z.

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Preis für 1 mm höhe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlich8, auswärts 10 Goldpfennig; für Re« Klame-Anzeigen p.70mm -Breite 35 Goldpfennig, Platzvorschrift 20°, Auf­schlag. Verantwortlich für Politik u. Feuilleton: Dr. Friedr. WUH. Lange; für den übrigen Teil: Ernst Blumschein; für den Anzeigenteil: Hans Beck, sämtlich in Gießen.

Die Berliner Berfassungsfeiern.

Berlin, 11. Aua. (XU.) In den frühen Mor- genftunben des Berfasiungstages ging über Berlin fine Reihe schwerer Gewitter nieder, die be- anders in den nördlichen Vororten zu zahlreichen Betriebs st örungen führten. Der Blitz zün­dete an verschiedenen Stellen, doch verminderte der moltenbrud)iirtig niedergehende Regen eine gesöhr- lichere Ausdehnung. Die Feuerwehr wurde wegen Ueberschwemmungen mehrmals alarmiert. Kurz nach 10 Uhr heiterte sich der Himmel auf und die wenigen Unentwegten, die schon in den frühen Morgenstun­den vor dem Reichstagsgebäude Posten gefaßt hat- len, wagten sich langsam aus ihrem schützenden Unterschlupf hervor. Um 411 Uhr rückten starke Ko- lonnen Schutzpolizei zu Fuß, zu Pferde und auf Lastautos vor den Reichstag. Der Zustrom des Publikums verstärkte sich rasch. Schon Hegen 11 Uhr war der Königsplatz von einer dichten Menschenmenge belagert. Die Stabt zeigt Flaggen- schmuck. Dao abwechslungsreichste Bilb bietet bie Strafte Unter den Linden und bie Wilhelmstrafte, wo neben den Reichsfarben fast von jedem Gebäude die preuftifche Fahne weht und in unmittelbarer Nachbarschaft bie Fahnen der Ländervertretungen im Winde flattern. Auch die diplomatischen Vertre­tungen des Auslandes haben ihre Landesfarben ge- luftt. Auf dem Präsidentenpalais weht bie Stanbarbe bes Reichspräsibenten.

Um 11'/« Uhr begibt sich der Reichspräsident In Begleitung des Reichskanzlers. des Staatssekretär Dr. Meißner und seines Lohnes bom Reichspräsiden p-npalais in der v, Wilhelmstrafte ZU der rückwärtigen Auffahrt des Reichstages Am Brandenburger Tor hört man aus der Menge hin und wieder fom- iiunistische Zwischenrufe. An der rückwärtigen Auffahrt des Reichstages wird der Reichsprä­sident vom Präsidium des Reichstages unter I Führung deS Reichstagpräsidenten L o e b e emp­fangen. Aus dem Königsplatz hat sich eine riesige Menschenmenge angcfammelt. Große Auf­gebote von Schutzpolizei grenzen den Königsplatz ab. Polizeivizepräsident Dr Friedensburg feitet die Aufstellung. Um 12.05 Uhr rückt mit lingendem Spiel die Ehrenkompanie des Dachtregiments Berlin an. An der Verschiedenheit der Abzeichen am Stahlhelm erkennt man. daft auch diesmal Männer aller deutschen Stämme in der Ehrenkompanie ver- treten sind Die Truppe zieht im Parademarsch an dem Stadtkommandanten von Berlin vorbei. Wenige Minuten später beginnt Mili - ' : ärkonzert. 3m Plenarsitzungssaal des Reichstages hat inzwischen der offizielle Festakt begonnen.

Der Festakt im Reichstag.

Der Reichstogssitzungssaal ist festlich gc- chmückt. Die Tribünen und die dahinter liegen­den Wände, sowie die Emporen prangen in rischem Grün. Uebcr dem Präsidentenstuhl hängt bie schwarz-rot-goldene Flagge. Don den Tri­bünen hängen farbenfreudig die Wappen der Länder und groften Städte. Der Saal ist stark gefüllt. Abgeordnete aller Parteien, mit Ausnahme der Völkischen und der Kommu- mften, haben sich eingefunden. Kurz vor 12 Uhr treten der Reichskanzler, der Festredner, ber preuftifche Innenminister Severing. die Minister Dr Strefemann, Brauns.Fren- en, Graf Kaniy und die Ländervertreter ein. Punkt 12 Uhr erscheint Reichspräsi- i>e n t von Hindenburg, gefolgt von den Drei Reichstagspräsiden ten. Zu seiner Linken 'etzreitet der Innenminister Schiele. Während Id» die Versammelten erheben, nimmt der Reichs­präsident in der früheren Hof löge Platz. In der Diplomatenloge bemerkt man aufter dem Vizepräsidenten des Reichstages Dr. Bell, Staatefelretär Meift ne r. den sohn des Reichs­präsidenten und seine militärischen Abgesandten. Auch Gerhart Hauptmann und der Rektor >r 'Berliner Universität Geh. Rat Holl sind intocfcnö. Qlun setzt das philharmonische Or­chester ein>Iulius P r ü w e r dirigiert den ersten Lay der ersten Symphonie von Johannes Brahms. Nachdem die letzten Klänge vorhallt mb, betritt der Bonner Honorarprofessor Dr. Hermann Platz die Rednertribüne.

Die Festrede

des Prof. Dr. Hermann Platz.

Ein fesllichcr lag ist wie ein warmes Leuchten, d:s den grauen Alltag erhellt. Das schwere tritt für i nen Augenblick zurück, das Dunkle schwindet. Die I.inrisie der geistigen Welt, in der unsere Arbeit nein seelenvoll wirkt, werden wieder deutlich und . be Kräfte richten sich neu nach dem klar erschau- 1 t<n Ziel. Das ist der Sinn des Tages, den das bcutsche Doll an dieser hehren bedeutungsreichen etälte begeht, zur Erinnerung an den 11. August |1 1919, wo es inmitten der großen Erschütterung inö Not seine Lebenskraft zusammen- 71 ft, indem es sich eine 23erfaffung gab und sich . dem Chaos entwand. Diese Tat unseres Volkes, vollbracht nach den Leiden und der Enttäuschung des Weltkrieges, ist auch heute noch ein weithin .sichtendes Zeichen her Hoffnung und 3u d e r f i d) t, der nicht umsonst die Menge der ürrzweifellen und Rallosen ausgesetzt war und ift Darum sollten an diesem Tage auch alle diejenigen, dir lieber in der Abschlieftung verharren und in der > 3irftreuung leben möchten, den grauen Mantel des Gestern ablegen und teilnehmen am leben- digen Volk. Darum sollten die Pulsschläge deutscher Gläubigkeit und deutschen Vertrauens alle

durchgluhen, damit Volk werde und Staat erblühe. Die Zeit schreit nach Menschen, die dem Geiste bienen. Die Schwierigkeiten, die einer starken Ein­stellung auf den Menschen im Wege stehen, grün­den teils in unserer an furchtbaren Rückschlägen und Verdunkelungen so überaus reichen Geschichte, teils in unserer so überraschend entwickelten Groß- stadtzivilisation. Die Zurückhaltung, die aus an­deren geschichtlich nicht unverständlichen Einstellun­gen hervorgeht, berechtigt niemand zu dem aUgc- meinen Vorwurf, haft es uns mit dieser neuen Ordnung nicht ernst sei, daß unsere Besten nicht aus religiös ergriffenem Geist sich einsetzen wollen, damit Glück und Frieden werde. Das freilich ist nicht unwesentlich, daß wir an eine Verwirk lidjung glauben. Noch horcht die Welt auf, wenn der Name Weimar erklingt, noch zweifelt sie vielfach, wenn sieWeimarer Verfassung" hört.

Das Bild des vaterländischen Rheins, der Deutschlands Strom, nicht Grenze ift, soll wie Deutschlands Jugend uns allen vor der Seele stehen anb uns helfen, das in der Verfassung Riedergelegte gläubig zu fassen und in orga­nisches Leben umzusehen.

Soviel die Verfassung selbst nach rückwärts zer- rissen haben mag, sie hat doch auch organisch ge­dacht, die Kontinuität des Staatsgebil- des gewahrt. Sie hat in wesentlichen Punkten durch Anerkennen und Feststellen der geschichtlichen Entwicklung dafür gesorgt, daß die Lime nicht ganz verworfen wird. Gewiß ift alles nur Anfang, aber die Hoffnung, daß wir wieder neu ins Helle lammen, fo ober so, hat boch sie bieser Verfassung zur Seite geftanben. Das deutsche Volk hatte sich in historischer Stunbe, wo es um Sein ober Nicht­sein des Reiches handelte, zur republikanischen Staatsform gesunden, kraft des Selbftbeftimmungs- rechts der Völker, und zwar in allen feinen Län­dern. Mag uns auch noch manches vorenthalten fein, was klare Forderung der Selbstbestimmung ist und was wir nie aufgeben werden zu fordern. Die staatliche Einheit des deutschen Volkes ist nie in Frage gestellt worden. An das Gegebene knüpft die Verfassung an. Sie sucht den Bürger als den Träger politischer Energie aus der Passivität zu erlösen. Möge der Wille, dem Ganzen zu dienen, im Rahmen unserer Derfasiung geweckt und allseitig verwirklicht werden und einen freien machtvollen Morgen im Sinne des Friedens und des Rechts schaffen. Wenn wir dann der Welt nicht vorenthalten, was sie von uns erwarten darf, dann dürfen wir fordern, daß uns die Welt gibt, was uns unverkennbares Recht ift.

Die Ansprache des Reichskanzlers.

Das Philharmonische Orchester intoniert den vierten Satz der ersten Symphonie von Brahms. Reichskanzler Dr. Luther erhebt sich von seinem Platz und hält folgende Ansprache:

Herr Reich soräsident! Meine Damen und Herren! All unser Arbeiten gilt und muß gel- tim dem deutschen Volk, dem Vaterland! In der jetzt zu Ende gehenden Reichstagstagung, die Gesetzgebungswerke von höchster Bedeutung ge­soffen hüt, haben Reichstag und parlamentarische Opposition ihr größtes Können und ernsteste lieber- zeugung dem Wohle des deutschen Volkes gewidmet. Um des deutschen Volkes willen, das in vielleicht naher Zukunft noch sehr große Aufgaben, zumal in der Außenpolitik zu lösen und viele wirtschaftliche und soziale Nöte zu beseitigen haben mag, muß auch in Zukunft jeder einzelne seine besten Kräfte dem Vaterland zur Verfügung stellen. Le­bendig bleiben muß in uns der Geist des Z u f a m* m e i. h a 11 e n s und der Einigkeit, für dessen Unerschütterlichkeit auch nach den stärksten Erschüt­terungen des Weltkrieges uns die Reichsverfassung vom 11. August 1919 stärkste Psadweiserin ift. Wir begehen heute festlich den Tag dieser Derfassungg, die die tragen be Grunblage für bas jetzt so schwierige und so besonders verantwortungsvolle Wirken aller öffentlichen Kräfte bildet. Lasten Sie uns auch am heutigen Verfastungstag geloben, ge­loben mit mutigem Glauben an bie beutsche .Zu­kunft, bah wir nicht nachlasfen, in un­serem Dienst an Volk unb Vaterland. Als Reichskanzler habe ich die Ehre, Sie, Herr Reichspräsident, und Sie, meine Damen und Herren zu bitten, mit mir einzustimmen in ein Hoch auf unser geliebtes deutsches Volk. Das in der deutschen Republik geeinte Volt, es lebe hoch, hoch, Joch!

Die Anwesenden erheben sich von ihren Plätzen und stimmen in das Hoch mit ein. Die Versammlung singt die erste und die dritte Strophe bis Deuts ch- I a n b I i e b e 5. Dann verabschiebet sich der Reichs- vräsibent mit einer Verbeugung und begibt sich durch die Wandelhalle nach dem Hauptportal des Reichstages.

Dor dem Reichstag.

Kurz vor 1> Uftt tritt Der Reichskanzler aus bem Hauptportal des Reichstages, hinter ihm Reichskanzler Dr. Luther, das Präsidium des Reichstages und zahlreiche Mitglieder der Reichslagsfraktionen.^ Der Präsident begibt fiA in Begleitung des Stadtkommandanten von Berlin, Oberst Severin, an die Spitze der Ehrenkompagnie, deren Kapelle das Deutschland- lled spielt. Der Reichspräsident prüfte bie Rich­tung des zweiten Gliedes und schreitet in Be­gleitung des Stadtkommandanten die Front der EhrenkompaFnie ab. Aach kurzem Abschied be­steigt er den Kraftwagen. Während sich der Wagen langsam in Bewegung setzt, grüßen den

Reichspräsidenten brausende Hochrufe der zahlreichen Menge. 'Das Auto verschwindet, vom Jubel der Zuschauer geleitet, in der Richtung nach dem Präsidentenpalais. Unmittelbar folgen der Reichskanzler, die Reichsregierung und das Reichstags Präsidium.

Festessen

beim Reichspräsidenten.

Im Anschluß an die Derfassungsfeier ini Reichstag fand beim Reichspräsidenten ein Früh­stück statt, an dem der Reichskanzler und die R e i ch s m i n i st e r , der Präsident und die Vizepräsidenten des Reichstages, Ver­treter des Reichsrates, der preuftischen Regierung, bie Vorsitzenden der Fraktionen des Reichstages (mit Ausnahme der kommunistischen und völkischen), der Führer und die unmittelbaren Vorgesetzten der Ehren- kompagnie, der Festredner Prof. Platz und der Dirigent Prof. P r ü w e r teinahmen.

Die preußische Verfasiungsseier.

Eine Rede Minister Severings.

Berlin, 12. 2Iug. (TU.) In ber Staatlichen Hochschule für Musik fanb gestern abenb bie Ver­fassungsfeier ber oreutzischen Staatsregierung statt. In ber großen Loge hatten ber Reichskanz­ler, Reichsaußenminister Dr. Strefemann, Reichsimienminifter Schiele, Reichstagspräfibent L ö b e unb bie Vertreter ber Länber Platz ge­nommen. Nach bem Vorspiel aus benMeistersin- aern", oorgetragen vorn Philharmonischen Orche­ster unter Leitung bes Intenbanten Mas v. Shil­lings ergriff ber preußische Innenminister S e o e- r i n g bas Wort. Er erinnerte einleitend an ben Prolog Lubwig Uhlanbs zuHerzog Ernst":

Einige Tage später, als Brianb eigentlich ge- wollt hatte, ist ber Leiter ber fraruöfischen Außen­politik mit bem Direktor ber politischen Abteilung Berthelot unb bem juristischen Sachverstänbigen bes Quai b'Orsay Fromageot nach Lonbon gefah­ren, um in einigen wichtigen Fragen Fühlung mit bem britischen Außenministerium zu nehmen., Bri­anb hat zwei Dokumente nach Lonbon mitge­nommen: Den Entwurf einer Antwort auf bie beutsche Paktnote vom 20. Juli unb ben Entwurf bes Pakt-Vertrages selber.

Bei ber Reise Brianbs fällt auf, baß nicht gleich­zeitig Vertreter Belgiens unb Italiens nach Lonbon gebeten worben finb. Der belgische Außen­minister Vanbervelbe wirb erst am 22. Au­gust ber Sozialistentagung in Marseille beiwohnen unb sich bann erst nach London begeben, wo er am 29. August mit Chamberlain Fühlung zu neh- men gedenkt. Selbst wenn es dieTimes", ber Daily Telegraph" unb anbere Lonboner Blätter nicht ausdrücklich bestätigten, wäre bamit bie Reise Brianbs nach Lonbon als eine persönliche Konferenz der leitenben Außenpolitiker Frankreichs unb Englanbs charakterisiert, bie, nach ben Wor­ten besDaily Telegraph",rein informatorischen unb privaten Charakter" trage. Die Antwort auf bie letzte deutsche Pakt-Note soll anscheinend erteilt werden, ehe die Besprechung Chamberlains mit Vanderoelde stattgefunden hat. Der britische Mi­nisterrat soll bereits am Donnerstag zu dem von 'Brianb mitgebrachten Antwort-Entwurf enbgültig Stellung nehmen. Das würbe barauf hindeuten, baß in bieser Antwortnote feine materielle For­mulierung bes Paktes oder boch we­sentlicher Teile des Paktes enthalten sein wird.

Sehr unwahrscheinlich ist es, daft es Briand gelingen wird, die Zustimmung des Kabinetts Baldwin-Chamberlain zu dem Entwurf des Pakt­vertrages selber zu erlangen. DieTimes" hat eingehend nachzuweisen versucht, daft der deutsche Paktvorschlag einen wesentlich anderen Cha­rakter trage als das Genfer Protokoll vom vorigen Jahre. Der Unterschied besteht zunächst darin, daft Deutschland am Genfer Protokoll vom September 1924 überhaupt nicht mitgewirkt hat und sich wohl auch kaum entschlossen haben wurde, ihm nachträglich beizutreten. Die Redewendungen, mit denen sich Briand bei seiner Abreise aus Paris von den' Pressevertretern verabschiedete, waren von durch­aus gemäßigtem Optimismus. Briand erklärte im wesentlichen nur. daft er in London keine unangenehmen ileberrafcftungen erwarte. In der Pariser Presse kann man die boshafte Bemer­kung lesen, daß Briands Worte vor seiner Abreise nach Genf vor einem Jahre ähn- 1 i ch gelautet haben, und daft doch das be­rühmte Genfer Protokoll fang- und klanglos in den Orkus hinabgestürzt sei. Die Pariser Presse sucht den von Briand umfrisierten West- pakt den englischen Staatsmännern durch den Hinweis darauf schmackhafter zu machen, daft die deutsche Anregung vom 9. Februar unwider- sprochenermaften vom britischen Botschafter in Berlin. Lord DA b e r n o o n suggeriert worden sei. Es ift nicht wahrscheinlich, daft Baldwin und Chamberlain, hierin eine moralische Bindung erblicken werden, wenn sich bestätigen sollte, daß die Dominions in ihrer ablehnenden Haltung gegenüber dem Westpakt verharren.

Wieder einmal heißt es. daß in Kürze eine formelle Einladung an Deutschland er­gehen werde, an einer Paktbefprechung in Genf

Das ist ber Fluch des unglückseligen Landes, wo Freiheit unb Gesetz bnrnieberliegi, baß sich bie Besten, (Fbelflen verzehren müssen in eitlen Kämpfen, in fruchtlosem Horm.

baß bie, bie für bas Vaterland am meisten glühen, gebranbmarkt werben als bes Lands Verräter.

Unb während so bie beste Kraft oerbirbt, erblühen wuchernd, wie der Hölle Segen, Gewalttat, Hochmut, Feigheit, Schergenbienst. Wie aber, wenn aus sturmbewegter Zeit Gesetz und Ordnung.

Freiheit sich und Recht emporgerungen unb sich festgepflanzt.

Da drangen die. so grollend ferne standen, sich fröhlich wieder m ber Bürger Rechn, da wirken jeher Geist unb jede Hand .

gleichliebend förbemb für bes Ganzen Wohl.

Der Minister fuhr fort: Das Derk von Weimar ist rasch geschaffen worden. Wenn man sich aber der Jahre der Rot und des Krieges erinnert, so muft man anerkennen, daß die Ver­fassung von Weimar schnell eine Besserung ge­bracht hat. Vieles ist in der Verfassung noch nicht Verheißung und Ideal, aber die Weimarer Verfassung ist nicht das A und O des Staatsmannes, sondern nur der Rahmen, den man mit demokratischem Geiste ausfüllen muft. Wir sind noch zu sehr Preußen. Bayern und Sachsen und haben noch nicht gelernt, eine Ration zu sein. Wir kommen erst wieder mehr zur Geltung, wenn wir uns mehr als Deut­sche fühlen. Wir werden erst dann ein einiges Volk werden können und den Frieden erreichen, wenn auch Die übrigen Mächte gewillt sind, den Frieden zu wahren und dem deutschen Volk sein SelbstbestimmungSrecht geben. Ich glaube an das deutsche Volk, ich glaube an die Intelligenz und den Fleiß des deutschen Ar­beiters, ich glaube an die Schaffenskraft deS deutschen Kaufmanns und ich glaube an die In­telligenz des deutschen Technikers sowie an den deutschen Staatsgedanken. Den zwecken Teil des Abends füllte die Deethovensche ReunteSym- p h o n i c unter Mitwirkung des Berliner Volks­chors und unter Teilnahme namhafter Solisten.

teilzunehmen, lieber die Art der Einladung soll auf der französisch-britischen Konserenz die Ent­scheidung fallen. Allem Anschein nach ist beab­sichtigt, den deutschen Auftenministcr Dr. Stresemann zu laben. Jedenfalls werden in Genf aufter Briand und Chamberlain auch der belgische Auftenminister Vandervelde zu­gegen sein und aller Wahrscheinlichkeit nach auch ein beglaubigter und bevollmächtigter Ver­treter Italiens.

Es unterliegt keinem Zweifel, daft sich feit Auftauchen des Driandschen Reiseplanes das Bedürfnis der Pariser und der Londoner Re­gierung nach einer Aussprache über die schwebenden auftenpolitischen Probleme verstärkt hat. Rachrichten aus Marokko besagen, daß man dort mit einer allgemeinen Erhebung der Djeballa-Stämme rechnet.

In Syrien ist die Lage der französischen Truppen gleichfalls nicht besser geworden. Auf beiden kolonialen Kriegsschauplätzen, in Marokko und Syrien, ist es Frankreich, welches in kriege­rische Konflikte verstrickt ist. England ist im wesentlichen ausmerksamer Zuschauer. Wenn also jetzt in London, wie eS vor einigen Tagen hieß, ein sranzösisch-engli- sches Geschäft in drei Weltteilen zu­stande kommen feilte, so würde Frankreich, welches in Afrika, in Asien und in Europa der fordernde Teil ist, fqum allzu günstig ab­schneiden. Die Versicherung, daft Deutschland un­ter keinen Umständen vor vollendete Tatsachen gesteift werden würde, verdient an sich nicht allzu viel Vertrauen. Die geschilderten Umstande sind jedoch geeignet, einen einseitigen franzö­sischen Erfolg. der sich in der Hauptsache gegen Deutschland richten würde, unwahrschein- l i ch erscheinen zu lassen Trotzdem tut die Reichs­regierung gi*. wenn sie sofort nach Erledigung der parlamentarischen Arbeiten die unterbrochene Initiative in der Pakt-Frage wieder aufnimntL Es ist vorherzusehen, daß das amtliche (Kommu­nique über Die französisch-britische Konferenz ge- raDe das Wesentlichste verschweigen wird. Das hindert jedoch nicht. Daft Die Reichsremeruna von Den wichtigsten Punkten Der zwischen Briand und Chamberlain getroffenen ilebereinlunft Kenntnis erhält und danach Die Taktik ihreS weiteren Vorgehens einrichtet.

Briand in London.

Französisch-englische Einigung.

Paris, 11. Mug. (111.) Brianb begab sich heute vormittag in Begleitung bes Lonboner fran­zösischen Gesandten be Jleuriau zum Bucking- ham-palaff, wo er vom König empfangen würbe. Die Aussprache m i f Chamberlain begann gegen Mittag. Zugegeu waren von ftan- zdsischer Seite Berthelot, Fromageot. Leger unb ber Botschafter be Jleuriau. Nach einem haoasbericht haben Brianb unb Chamberlain ausführlich ben Text ber Antwort an Deutschland be­sprochen.

Heber bie Besprechungen wurde lolgenbec amtlicher Bericht veröffentlicht: Der fran- )öfifd)e Außenminister Brianb unb ber englische Auftenminister Chamberlain prüften gestern mit­tag eingehenb ben A n t w o r t e n t w u r f auf bie beutsche Sicherheitspaktnote. Die Unterhal­tung, bie von beiben Seiten In herzlicher anb freunbschaftlicher weise geführt würbe, ergab eine Regelung bes ersten Teils bes vorgesehenen pro-

Die französisch-englische Konferenz.