Ur. (55 Zweites Blatt
Das Rätser von Gens.
Den Diplomaten soll nach einem Worte von lallehranb die Sprache gegeben sein, damit sie ihre Gedanken — sosern sic welche haben — verbergen können. Das ist ein aller Grundsatz, bei geradezu zu jeder diplomatischen Hausapotheke gehört. Daher die gestelzten Redensarten, die bet AUnislerzusammenküns.'en immer gebraucht werden, damit selbst, wenn wirklich nichts zu verbergen war. der großen Oeffentlichkeit der Schauer des Geheimnisvollen über den Rücken laust. An sich ist eS also kein Wunder, Daß, wenn wirklich einmal was geschehen ist, dann ein noch lehr viel gröberer Aufwand -u Verbergen der Tatsachen aufgewandt wird. Ader trotzdem, was wir jetzt als Rachwirkung der Aussprache zwischen vriand und Ehamberlaiu in Gens erleben, schlägt doch sämtliche bisher aufgestellten Rekorde, obwohl e« ja nichts ganz ReueS ist. daß die englischen und französischen Staatsmänner, nachdem He sich mündlich geeinigt haben, nachträglich ncrken, wieweit sie tatsächlich in ihrer Meinung noch auseinander wären. Man braucht nur au die Zusammenkunft von EhecquerS zu erinnern, um die Zusammenhänge dcS groben Mihver- tehenS wieder vor Augen zu Habern.
Aber ist es auch diesmal nichts anderes? Man wird sein Urteil noch etwas zurückstellen müssen, so sehr auch gegenwärtig der Eindruck überwiegt, bafi ber englische Außenminister vor seinem französischen Kollegen kapituliert bat. Das wäre an sich widersinnig, nachdem vor wenig mehr «IS einer Woche die englische Ro'.e in Paris ein- lief, die ganz genau die ®reinen anqab,innerhalb deren England zu einem Eicherheitsvertrag bereit war: und die barm auch den Erfolg hatte, baß Frankreich alle toeitergebenben Pläne aufgab. um sich dem englischen Diktat zu fügen. Damals konnte man fast annehmen, bah ber europäische Sicherheit-Vertrag so gut wie unter Dach imb Fach sei, währenb man nach den französischen Melbungen aus Genf mit derselben Bestimmtheit annehmen müßte, daß er endgültig gescheitert sei. Und gescheitert nur deshalb, weil ' Herr Driand es verstanden hat. auf allerbanb Umwegen trotz der scheinbaren Nachgiebigkeit gegenüber England die Wunsche, die von ber , französischen Politik feit sechs Jahren mit unverminderter Zähigkeit verfolgt werden, durch- K* en Glaubt man den Franzosen, dann ist die achung von Genf eine Wiederauflage des I englisch-amerikanischen S cherheitSvaktes von 1919, i ber damals wohl versprochen, aber nicht gehalten war. und eine Neuauflage des in Tannes durch Tnnland anfl'bitenen Garanti'wertrageS mi' de" Ergänzung, daß die Si^erheüen, die Frankreich erhält, noch a's Verstärkung einiger Besti nmunge" des Versailler Vertrages anzusehen sind, daß Frankreich also freie Hand bekommen hat. Das Rheinland als Militär s.ches A fmcrf<bqebiet zu betrachten, in dem es nach Gutdünken seine Truppen gegen Deutschland aufmarschieren lassen kann, von wo es auch ebenfalls nach Gutdünken durch Deutschland mi'l'ärische Spaziergänge machen i kann, sobald die Lage für Frankreichs Dundes- genoslen östlich unserer Grenze irgendwie bedrohlich wird.
DaS wäre dann also etwas ganz anderes 116 daS. was Deutschland in seinem Sicherhaits- 1 Vorschläge wollte, der damals, als er entstand, geeignet schien, den England rn auS der Verlegen- i heit zu Helsen. In die sie sich durch ihre franzö- rische Politik hineingerannt hatten. Was von deutscher Seite angeboten war. sollte ein europäischer Vertrag sein, der den Franzosen den Alpdruck vor dem revanchelüsternen Deutschland nahm und ihnen die Zusicherung gab. daß sie I jederzeit auf englische Hilfe rechnen könn'en. sobald Deutschland Miene machte übe'- Frankreich berzufallen. ber aber ebenso — und daS war für an6 bas Wichtigste — Deutschland die englische '! Garantie gab, baß Frankreich künftighin fich an j die Bestimmungen deS Versailler Vertrages hallen unb nicht noch einmal auf den Gebanken ! kommen könnte, das Ruhrgebiet zu besetzen. Der Vertrag, den wir anboten, war aufgebaut auf dem Prinzip ber Gegenseitigkeit unb auf ber l«lbstverstänblichen Voraussetzung, baß Deutsch- !<mD ein Staat ist, besten Grenzen nicht von jeder Seite überrannt werden formen. Was die Franzosen daraus machen wollen, ist eine vollendete Umkehrung. ist nur eine neue Zwangsjacke, die ans in unserer politischen Bewegungsfreiheit i hemmt. Daß wir uns darauf nicht einlaffen werben, ist selbstverständlich. Das weiß man in London sehr gut, und deswegen wäre es eigentlich unbegreiflich, wenn Herr Thamberlain so
Da ffapo!
Don Elisabeth Zoe st-Krüger.
Sie wußte ganz genau: der Tanz »Zirkus" rrar ihr Reißer. Man tobte, schäumte, brüllte, | während sie, in die Dorhangfalten ganz cinge- w wickelt, nur ihr lächelndes Gesicht zeigte. Diese DaSke des Lächelns nach einer so überaus an- \ strengenden Attraktion hatte sie monatelang ein- ftubiert, sie fiel immer wieder auf das ermüdete Erficht herunter. Run endlich war fie feftge- banden an ihr Wesen, mit zwei Grübchen eingenagelt in ihre Wangen: durch die manbelfor- irigcn Wimpernfransen blitzten ihre grünen 21m- ®tn. Doch man raste weiter, tobte weiter, pfiff and bettelte: Da Capol Illi
ßangiam ließen ihre Hände die Dorhang- s ilten loS. die wie cin Fächer ause.nanderschlugen. AuS ihren weiten schwarzen Hosen sprangen die runden Knie: sie setzte sich in tänzelnde Belegung unb peitschte mit den kleinen blauen Schühchen bas Orchester. Sie tanzte noch einmal den »Zirkus", boch diesmal: als habe sie einen Tropfen Wein getrunken, der vollständig in ihren Fliedern brannte unb sie in Flammen setzte. Man jeuchzte diesem ZirkuSponnh zu: entzückte Rufe sielen tote Rosen vor ihre schlanken Beine, und selbst die Frauen vergassen einmal ausnahms- veise, daß es eine Frau war. die hier tanzte.
Jetzt schlug ihr der rasende Applaus die beiden Grübchen wie mit einem Hammer in die Dangen, sie hob die schönen Arme, band die Daske fest und schaute durch die mandelförmigen Ausschnitte ihrer Augen auf den Erfolg hinunter, der nun plötzlich alle Lichter in den Kassetten ber Decke angezündet hatte, nippte vom Ruhm, der luß unb ohne Nachgeschmack war unb wandte sich beim mit vollen Schultern ab.
Hinter dem Vorhang wartete bereits ungeduldig der Impresario, um ihr den Fahrplan pprzulegen, Gern wäre sie jetzt allein gewesen,
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderhessen)
Zreitag, 12. Juni (925
vollkommen aus feiner alten Linie ausgebrochen fein sollte. Don englischer Seite werden jetjt Sn:- schuldigungsversuche gemacht, bi? eine starke Ableugnung der Pari'er Znterpre.a ionsversuche enthalten. aber doch zum minbeften erkennen lassen, baß auch Lonbon der französischen Psychose vorübergehend erlegen ist. Warten wir eS ab, wenn nicht alle Zeichen trügen, wird Ende der Woche die Note in Berlin vorliegen. Dann werden wir ja sehen, woran wir sind unb werben und selbst ein Urteil bi Iben können, ob es Frankreich tatsächlich gelungen ist. burch überlegene Diplomatie den ehrlich gemeinten Versuch Deutschlands, zum Frieden in Westeuropa zu kommen, zu sabotieren.
Die Finanzlage der Deutschen Reichsbahn.
Don Dr. Cremer, M. b. R.
Die Deutsche Reichsbahn ist auf Grund des Londoner Abkommens als eine besondere Gesellschaft öffentlichen Rechts unter Ausschaltung der unmittelbaren'Derwaltungsrechte des Reichs organisiert worden. Ihre Verwaltung ruht nach wie vor in deutschen Händen: in dem Der- woltungsrat (Aussichtsrat) sitzen bis auf vier Ausländer führende Persönlichkeiten der deutschen Wirtschaft, Technik und Verwaltung. Die Rechte des ausländischen Generalkommissars beschränken sich auf die Kenntnisnahme von Derwaltungsoorgän. gen, es fei denn, daß die Reichsbahn notleidend wird, d.h. die ihr auferlegten Reparations- l e i ft u n g e n nicht zu zahlen vermag. Diese Reparationsleistungen betragen im er ft en Reparationsjahr 200 Millionen, im zweiten Reparationsjahr 594 Millionen, im d r i t t e n Reparationsjahr 550 Millionen und dann laufend jährlich 660 Millionen Mark. Außerdem hat ble Reichsbahn die von ihr vereinnahmte Reichsoerkehrssteuer abzuliefern, welche 70 Prozent der Bruttoerträge der Frachteinnahme beträgt. Für das laufende Geschäftsjahr vom 1. Oktober 1924 bis 31. Dezember 1925 (8/< Jahre) ist ein Haushaltsplan ausgestellt, der in der A u s g a b e 5039 Millionen, in der C i n- nähme 5548 Millionen Mark ergibt, so daß aus der Differenz von 509 Millionen 200 Millionen für die Reparationsleistung des ersten Jahres, 200 Millionen als Rücklage für die Leistung des zweiten Jahres und 109 Millionen als satzungsgemäße Rucklage für etwaige künftige Zahlungen verfügbar sind.
Don diesem Etat fallen unter Ausgabe etwas über 3000 Millionen auf persönliche, rund 1600 Millionen auf sachliche Ausgaben: die übrigen Ausgaben dienen verschiedenen Zwecken.
An Einnahmen werden aus dem Personenverkehr rund 1750 Millionen, aus dem Güterverkehr rund 3500 Millionen, an sonstigen Einnahmen rund 300 Millionen erwartet.
Am 1. April ergab sich für die beiden ersten Vierteljahre des Geschäftsjahres gegenüber diesem Voranschlag ein Ueberschuß von 29 Millionen. Es ist sonach die Erwartung berechtigt, daß der Voranschlag ungefähr der Wirklichkeit entspricht und demnach die Reichsbahn zur Zeit die Reparationsleistungen ohne Inanspruchnahme der B-ü rgschaft des Reichs zu erfüllen vermag. Trotzdem ist die Finanzlage der Reichsbahn außer- ordentlich gefpannt; sie verfügt nicht über erhebliche fluffige Mittel, kann auch zur Zeit nicht auf die Aufnahme einer größeren Anleihe rechnen, da der Geldmarkt hierzu nicht aufnahmefähig ist. Aus den gleichen Gründen kann sie zur Zeit auch nicht durch den Verkauf von Vorzugsaktien ihre flüssigen Mittel vermehren. Durch diese Verhältnisse ist die Reichsbahn genötigt, sich eine außerordentliche Reserve bezüglich des weiteren Ausbaues ihres Betriebes aufzuerlegen, welcher bei normaler Finanzlage mit Anleihemitteln vollzogen werden müßte. Trotzdem werden im laufenden Geschäftsjahr immerhin etwa 240 Millionen für neue werbende Anlagen, insbesondere für die Fertigstellung früher schon begonnener Bauten aufgewandt. Die durchgreifende Erneuerung des Oberbaues und die weitere Erneuerung des ßofomotinen- unb Wagenparks kann nur schrittweise erfolgen, was natürlich für die Produktion von Eisenbahnbedarfsartikeln eine außerordentlich fühlbare Einschränkung bedeutet.
Die Einnahmen der Reichsbahn bauen sich auf den heute geltenden Tarifen auf, welche im Durchschnitt etwa 135 bis 140 Prozent der Friedens- tarifc betragen. Durch die im Jahre 1919 erfolgte radikale Beseitigung fast aller Ausnahme- und Sondertarife, die erst in den letzten Monaten in geringem Umfange wieder hergestellt wurden, ist die Auswirkung der geltenden Tarife im einzelnen na-
mit den Ghmbelschlägen des Erfolges in ihrem Blut. Doch mußte fie rasch mit dem Umkleiden beginnen? hinaus auf das harte kalte Pflaster der Nacht, wo ihr Wagen auf sie wartete. Sie fuhren durch die fremde kleine Stadt zum Bahn- Hof. hinein in die ewige Wiederholung dieses Daseins ....
Der Dogen des Mondes hing ganz niedrig über Urnen. Unb zwischen den eifrigen Abrechnungen und Vorschlägen des Impresarios stahl sich leise in ihr die Lust hervor, ihren Fuß auf dieses Sichelschwert zu sehen und sich in das goldene Ballett der Sterne hineinzuschwingen . . .
A Kinschtler.
Von Fritz Müller-Partenkirchen.
Strecke München—Schliersee. Mir schief gegenüber sitzt ein Musiker. Wie die Berge näherkom- men, packt ihn, man sieht es, ein Thema.
Ein Bauernweiblein steigt ein. Eine, die, man sieht es, für ausgiebige Aussprach stets zu haben ist.
Aber bei dem westentrückten Musiker kommt sie, man sieht es abermals, ganz und gar nicht auf die Rechnung. Obgleich fie’s wahrlich nicht an Versuchen fehlen läßt.
„Hoaß is’s, hoaß, Heerr."
Aber der Heerr wandest traumverloren in den kühlen Säulenhallen einer Sonate.
„Wenn ma denkt, Heerr, was des bifferl Fahrn da kost't, und was ma Zeit verliert dabei, grab beut, wo mei Gfcheckete kalbn kunnt, Heerr . . ."
Was aber kümmert das den Heerrn, der, wenn ich's recht verstehe, selbst gerab dabei ist — ich weiß nicht, darf man bei Musik vom Kalben reden? — also sagen wir halt gschwolln, der grab babei ist, etwas an das Licht Der West zu bringen.
.„Jaa, Heerr, und die Gfcheckete kalbt halt gar a so schwaar, net glaubn sollt ma's, wie schwaar daß die Gfcheckete kalbn tuat, Heerr . .
türlich vielfach ganz bedeutend höher. Die Frage, in welchem Umfange Tarifermäßigungen vorgenom. men werden können, ist in der Richtung des W ü n - fchenswerten leicht zu beantworten. Jede Tarifermäßigung muß direkt ober indirekt zur B e - lebung der Wirtschaft, zur Verwinde- r u n g der Selb ft t o ft en, zur Hebung des Absatzes beitragen: auf der anderen Seite muh die Möglichkeit für larifermäfjigungen entweder durch Ersparnisse oder durch Erhöhung der Einnahme infolge wachsenden Verkehrs geschaffen werden. Die Möglichkeit, Ersparnisie zu machen, ist beschränkt. Wahrend im Jahre 1913 auf den da- maligen Eisenbahnverwaltungen im jetzigen Reichs- gebiet eine Pensionslast von 114 Millionen lag, beträgt diese Last im Kalenderjahr 1925 rund 400 Millionen. Die Kopfstärke des Personals betrug 1913 693 00, war 1919 auf 1 122 000 gestiegen und wird im Laufe des Geschäftsjahres 1925 auf 765 000 Köpfe herabgebracht, was immer noch 10 Prozent mehr als im Frieden ist. Die Schwierigkeiten der Personaloerminderung find zur Genüge bekannt, und die Klagen über Die sozialen Folgen des starken Abbaues sehr groß.
Daneben hat die Eisenbahn mit der wachsenden Konkurrenz des Kraftwagenoerkehrs und anderer Verkehrsmittel zu rechnen. Eine Erhöhung der Einnahmen durch Steigerung des 93er- kchrs ist möglich. Der heutige Verkeyr beträgt durch- schnlttlich etwa 70 Prozent des Friedensverkehrs. Eine ansehnliche Verkehrssteigerung setzt naturgemäß eine entsprechende Wiederbelebung der Wirtschaft voraus, die den Verkehr im wesentlichen erzeugt. Wenn man die Herabsetzung der Tarife wünscht, um hierdurch die Wirtschaft zu beleben, so darf man nicht im Unklaren darüber sein, daß mindestens eine gewisse Zeit zwischen der Ermäßigung der Tarife und der Verkehrssteigerung liegen wird, während welcher die Reichsbahn einen Betriebsverlust erleidet. Die Deckung eines Derartigen Verlustes könnte nach Lage der Sache nur durch Mittel des Reiches erfolgen. Aus diesem Grunde ist es geboten, Die DringcnD erwünschte Verbilligung Der Eisenbahn schrittweise Durchzuführen, inDein in erster Linie Die WieDerherstellung Der wichtigen Ausnahmetarife bewirkt wirb, welche insbefonbere ber Hebung besExportes unb ber E r l e i ch t e- rung bes Rohstoffbezuges bienen. Es kann nicht erwartet werben, baß mit einem Schlag von ber Reichsbahn hier ein Sprung ins Dunkle unternommen wirb. Der Hinweis auf günstigere Tarife ber Eisenbahn in anberen Länbern zieht meistens nur ßänber mit schlechter Valuta in Betracht, in benen allerdings ber Eisenbahntransport zur Zeit ganz erheblich billiger ist als in Deutschlanb Die ßänber mit stabiler Valuta haben ganz erheblich höhere Tarife als in ber Vorkriegszeit: so Holland 183 Proz., Schweden 220 Proz., die Schweiz 267 Proz. ber Vorkriegszeit. Nachbem Deutschlanb roieber in Die Reihe ber Länder mit fester Valuta eingetreten ist, muß es mit den Vorteilen dieser Tatsache auch ihre Nachteile in den Kauf nehmen, die durch bas Valuta-Dumping der Nachbarländer mit schlechter Valuta verursacht werden.
Zufammenfassend ist hiernach zu sagen, daß die Derhältnisie ber beutschen Reichsbahn zwar e r n st, aber nicht hoffnungslos sind daß anderseits die Möglichkeiten der wirtschaftlich greifbaren Vorteile durch Verbilligung der Tarife beschränkt und zeitlich nur schrittweise erreichbar sind. Ausgabe aller Beteiligten ist es, diese Möglichkeiten durch verständnisvolle Behandlung ber beiden großen Probleme zu erleichtern, welche in ber Gehalts- unb Lohnfrage unb in der Aufrechterhaltung ter Lei- stungsfähigkeit des Bahnnetzes aus laufenden Mitteln beruhen.
Saupttagung des Vogelsberger Hv^enklubs.
!*! Lauterbach, 10. 3uni. Wohl kaum eine Hauptversammlung des Gesamt-D. H E. Dürfte so stark besucht geipcfcn fein, als gerade Die diesjährige in unterem StäDtchen. Das Wetter war auch so wunderbar, daß die V. H. C.er aus allen Ztoeigvereinen. ja, selbst aus Dem besetzten Mainz hierher eilten. Letztere wurden ganz besonders herzlich empfangen. Die Eisenbahn und Die Postautos hatten viel zu tun. Die Gastfreundschaft der Lauterbacher hatte sich wieder einmal auss beste bewährt, so daß die Gäste des Lobes voll waren, etwa 300 Wanderer waren untergebracht worden. Samstag nachmittag fand bereits eine Sitzung des Gesamt- vorstandes statt.
Abends 8 116r begann in ter schön geschmückten Spieß - Turnhalle eine Begrüßungsfeier, der geräumige Saal vermochte kaum
Die Gäste zu fassen. Stadtral Finger, der erste Vorsitzende des Zweigvereins Lauterbach, sprach herzliche Begrüßungsworte und wie- Darauf hin, daß Die Tagung heuer zum fünften Male in Lauterbach siattsändc Sehr cb- wechflungS- und genußreich gestalteten sich Die Darbietungen der V. H. E.-Brüder Gin gemischter GDor sang unter Leitung des Lehiei's Vogel schöne Volkslieder, Lichtbilder von Lauterbach und Umgegend wurden gezeigt, Die ..Bilsteincrinnen" trugen Lieder zur Lauie vor, Reigen schlossen sich an, Heimatdichter Heß, Leihgesterm. würzte der, Abend mit seinen Mrurd- artgcdichten, ein Sinak.er (Schwank) rief große Heiterkeit hervor und schließlich tat auch die Kapelle Otterbein ihr bcitcj. Vom Krers- direktor Michel traf aus seinem Ferienaufenthalt ein Glückwunschtelegramm ein.
Der Sonntag begann mit einer Gedächtnisfeier auf dem Friedho'. Pro' Bender. Frankfurt, gedachte der beiden verdienstvollen V. H. C.-BrüDer Bürgermeiste. Stüpler und 3. Becker, das langjährigen Führers des Ztoeigvereins Lauterbach und legte Kränze an ihren Gräbern nieder. Daran fchldß sich ein Gang durch die Stadt, c N e( n ' .
Derten bis zum Honigturm und biS zum Schloß Eisenbach.
Die 4 4. Hauptversammlung begann um 9*/i Uhr in der Turnhalle. Dr. B r u ch - Häuser, Ulrichstein, erster Vorsitzender des Gesamtvereins, Regierungsrat Nanz und Bürgermeister Walz begrüßten die D.H.E.-Brüder. Dr. Bruch hä ul er erstatte c Den Jahresbericht, aus Dem zu ersehen war, daß der Verein fich gut entwickelt und jetzt 7000 Mitglieder zählt. Der Vorsitzende berichtet ferner über Wandertätigleit, Vortrags, c en, Gesangs- abteilungen, Jugendheime und «Herbergen und günstige Entwicklung des „Frisch auf" unter dem bewährten Schriftleiter K. Link, Rudingshain. Der Obmann des 3ung-V. H. C . Prof. Bender, Frankfurt, sprach über die Iugendgruppen und teilte mit, daß Der 3ugenDtag 1925 am 8. unD 9. 21 u g u ft in Lauterbach stattsinde, Der Treuschwur Der Jugend finde alljährlich Anfang Januar auf Dem Hoherod^lopf statt, und berichtete übet die Grri Zugendheimes auf Der Her 'enfainer 5)5 c, dessen Einreibung in September erfolgen feile. — Fortbildungsschullehrer Hitz, S rot en, berichtet als Hausverwalter ber Klubhäuser ü er die Arbeiten an den Häusern. Der Voranschlag für 1 9 2 5 wird mit 9200 Ml in Einnahme und Ausgabe genehmigt. Die Jahresrechnung 1 9 2 4, welche Schatzmeister Glock vortrug, schloß mit c rcr C n- nahme von 12 000 Mk. ab. — Die Dorstand s- wahl ergab mit seltener (Sinmr.i i-e.t Die Wiederwahl ber bisherigen Herren: Erster Vv"- sitzender Dr. B r u ch b ä u 1 e r , illri s c >, z". eiter Vorf.tzender und Schri twa .t bei ,.Fn A a i “ Lehrer Karl Link, Ruding. ain, 2 ai er
Stadtrechner Glock, Schot en, £?.» , ; er
Fortbildungsschullehrer Hitz, 2. oi.e.i, Ob. ..an des Jung-V.H.E. Professor Gg. Bender, Frankfurt.
Als Ort der 45. 5)au: tce.-'a .mluag um De Alsfeld bestimmt, 1927 fr.-bet be vorn V t- lich in Kassel statt, Cd)'- : lern ist r Ort des Die 5 übrigen Her bst an.- j cS c i v. < en« tember, dagegen erhält Den Herbstaus!lug 1 26 der Zweigverein Hüttenberg, i\r ihn auf dem Schi ffenberg abhalten will.
Ein V e r ke h r s a u s s ch u ß to'u? U u.nnt, veranlaßt durch Den Antrag Her - -!, b-, i er eine beste.e Zugverbindung auf Der Do e * erg- bahu lorDert. Dem Antrag lüLdc,, ucr eine Früherlegung des Hoherodskopfsestes wünscht, wird ftattgegeben. Bei Der 0 'enbe/jn* Dircftion Frankfurt so l ein So il tragt werden, Der die Gäste um 6 rihr in Schotten landen läßt und sie abeni1 7 Ahr ab wieder nach Haufe befördert. Der Cc> . ig soll ab Frankfurt ober Gieß n gehe des 50jährigen Gedenktage» Der Errichtung des Hermannsdenkmals auf Dem Teutoburgerwald findet im September eine V. H. C.-ZugenDwanderung zum deutschen Ouaendtreffen nach dem Denkmal statt, Hühn, Gelnhausen, wird zum Führer bestimmt.
Mit einem Festessen schloß Die Tagung. Hierbei hielt Bürgermeister Walz namens dec Stadt eine Begrüßungsansprache. Nachmittags bewegte sich noch ein F e st z u g durch die Staat nach ber Turnhalle. Für die auotoärtigm Gäste aber hieß es scheiden von Dem gastlichen Tagungsorte Lauterbach.
Der Heerr, der, über allen Wipfeln, an die Fensterscheibe trommelt, glaubt in diesem Zustand alle^ unbesehn und ungehört.
Er bringt mit ein paar Noten, die er ins Notizbuch haut. Das Kalb — den springenden Sonatenpunkt zur Welt.
Er klappt das Büchlein zu. Er steckt Den Stift ein. Er lehnt sich zurück. Glückselig. Er gewahrt auch endlich seine Nachbarin. Er nickt ihr freundlich zu: ,^)eiß ist's heute, liebe Frau, heiß . .
Das Weiblein strahlt, und fröhlich plätschernd geht's dahin . . .
Als sie aussteigt, meint sie, mütterlich vertraulich ihm die Schulter klopfend: „Hab eabna alleweil studiert, Heerr, glei wie i eingstiegn Din, hab mir denkt: Hat er kei Geld? — naa: is er krank? naa; spinnt er? — naa; a Kintschler werd er fei, a Kintschler!"
Ein neu entdecktes Selbstbildnis Michelangelos.
Eine sehr interessante Arbeit hat Dr. La C a v a, Professor für Tropenkrankheiten an der Universität Rom, zu einem Thema veröffentlicht, das seinen Fachstudien fern liegt, das er aber mit feiner Intuition behandelt. Auf dem ,V ü n g ft e n Gericht", Michelangelos Meisterwerk, in der Siftinia, sitzt auf einer Wolke dicht unter den Füßen des richtenden Christus unter den anderen Märtyrern, S. Bartolomeo, eine vollkräftige nackte Männerfigur. In der rechten Hand hält der Heilige bas Mester, mit Dem ihm Die Haut vom Körper abgelöst würbe, und in der linken Hand, wie ein Fell zusammengerafft, seine Haut. In Den Falten Der Haut sieht man ein Gesicht, Das man bisher als eine WieDergabe Des Antlitzes S. Bartolomeos angesprochen hat. La Cava vergleicht Den kahlen, von einem wallenDen Bart umranDeten Kopf Des Heiligen, mit Der glatten Stirn unD einer scharfen gutgeformten Nase mit den Zügen, Die Das Bild auf Der Haut zeigt, und kommt zum
Schluß, daß Dieses ein Selb ft porträt Michelangelos ist.
Wenn man dieses Detail des „3üngften Gerichtes", am besten in einer größeren Photographie, vergleicht mit dem Bildnis Michelangelos, das Jacopo del Conto gemalt hat (UUäzien, Florenz), so fällt sofort eine frappante Aehnlichkeit in der Liniatur, vor allem aber in Der psychologischen Auffassung auf. Auch dieses wie nur angebeutete Bildnis auf Dem .Längsten Gericht" zeigt das kurzgejchorene schwarze Haupthaar, die Ansätze zum schwarzen Bollbart, wie das Porträt Jacooo Del Eontes. Die Stirn ist zerfurcht, hat über den Augen die charakteristischen Ausbachmngen, unb ber Aus- brutf ber Züge ist gramvoll, verbittert, so wie der Meister war. Jedenfalls ist gar nicht die Rede davon, daß bas aus Den Falten der Haut her- vorschauenDe Gesicht Das des Heiligen Bartolomeo sein konnte. Psychologisch sehr fein ist Die weitere Argumentation La Caoas, daß dieses gramdurch- furchte Bildnis gerade aus der Zeit Der tragischen Kämpfe Michelangelos mit großen unD kleinen WiDersachern stammt. Wie verbittert er war, wie oft er sich mit Selbstmordgedanken getragen hat, geht aus seinen Briefen und Sonnetten aus dieser Zeit hervor. Durchaus nicht verwunderlich, wenn Der Zürnende feiner Verbitterung in einer Porträtskizze Ausdruck gab, unb diese in die Falte der Haut des geschwundenen Heiligen einfügte. Die Antipathie Michelangelos gegen Porträtmalerei, wenn sie sich nicht zugleich mit ber Liebergabe einer vollenbeten Schönheit paarte, ist sattsam bekannt. Aus bemselben Oirunbe des Widerwillens, mit dem er von sich selbst ein Porträt anfertigen ließ.
Die Entdeckung ßa Cavas würde somit das einzige authentische von Michelangelo gemalte Selbftbilbnis sein, bas wir kennen. Es ist erstaunlich, baß von ben vielen Gelehrten, bie das «Längste Gericht" in allen Einzelheiten studiert haben, die Aehnlichkeit dieses Kopfes mit ben Zügen Michelangelos nicht ausgefallen ist.


