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12.5.1925
 
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Ur. (10 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderhessen)Dienstag, 12. Mai 1025

Marokko.

Obwohl man den Argwohn nicht abtocifen fann, bafa Frankreich sich den Angriff der Rif. Stabilen auf fein Gebiet selbst bei Abd el Krim be- jreli; habe, um Spaniens Unfähigkeit zum Schule <C3ncr Atlas Grenze für den CinfaU verantwortlich nzachen ,)u können, bleibt natürlich auch die Mög. lichkeit nicht au'geschloffen, daß der eigene Uebcrmul brr Lieger überyrinio be Rivera sie auf den Kriegspsab gegen den stärkeren Gegner verlockt har. Denn auf durchgreifende Erfolge ihrer Offensive werden sie nicht rechnen dürfens auch mit Waffen Marseiller Herkunft ausgerüstete Zehntausend? ab- gehärteter Knegerstämmc vermögen den Hundert- tausendeu, die Frankreich schließlich allein aus feinen Uänbern der Schwarzen hinter der Wüste aufzubieten vermöchte, das Scherifische Kaiserreich schwerlich wieder aus den Alauen zu reißen.

Es ist eigenttich merkwürdig, daß die Mauren ihren Charakter sv stark verändert haben, seit sie die Herrschaft auf der Pyrenäen-Halbinsel verloren. Aus verschiedenen altspanischen Romanzen, wie sic z. B. in Herders Volksliederjammlung ausgenommen worden sind, geht hervor, daß der wilde Haß, mit dem die spanischen Christen die auf ihrer Halbinsel ansässigenMohren" unter denen niemals An­gehörige einer schwarzen Rasse zu verstehen sind verfolgten, mehr einem sozialen als einem rett- giösen oder nationalen Gegensätze entsprungen ist. DerMohr" war der beneidete Reiche und die be­sondere Liebhaberei der christlichen Jünglinge für seine dunkeläugigen Töchter, angereizt freilich noch durch die schwere Zugänglichkeit der Harems, pflegte doch auch daneben sich auf die Juwelenschachtel des Herrn Papas zu beziehen. Aber seit Lultan Voabdil (Pater des Gotteslnechtes" mit seinen legten Mauren über den Padul nach einem schmerzlichen Rückblick auf bas herrliche Granada abgezogen ist, hört man nichts davon, baß diese '.Uation auch ihren Charakterzug gewerblicher Be­triebsamkeit mit in die alte Heimat Hinübergenom- men habe, dem Spanien in den K00 Jahren arabisch­maurischer Herrschaft seine hohe, seitdem noch nicht wieder erreichte Blüte verdankt hatte. Ob es daran lag, daß bloß der Adel mit Boabdil gegangen war, die dienenden Stände aber sich unter das Joch der Christen gebeugt hatten und im Lande blieben, bis König Philipp 111. nach mehr als hundert Jahren auch sie austrieb, weil er selbst ihrem von bar Inquisition mit strengem Späherauge kon­trollierten ?>iutirg£d)riltenium noch nicht traute, inzwischen über die Verfolgungen ihnen ihre Ar­beitslust gründ'>ch auegm cven hatten ? Tatsache ist. daß Marokko in der Folge ein Räuberstaat wurde, her freilich durch mehrere Jahrhunderte kräftig genug blieb, um sich gegen fremde Eroberungs- versuche zu behaupten -- als Portugals vorletzter Burgunder König Sebastian einen solchenKreuz- zug" unternahm, wurde binnen einer Viertelstunde aus der marokkanischen Frage eine portugiesische, da Dom Sebastiano auf dem Schlachtfelde von Ale azar mitsamt seinem Heereverschwand", ober w^rtschastsgeschichtlich trotz mannigfacher Bo­denschätze niemals wieder etwas bedeutet hat.

Die berüchtigftenCorsaren-Nefter" lagen frei- lich nicht auf marokanischem Boden, sondern weiter östlich: Bugia und Algierr. Tunis wurde 15-35 durch Kaiser Karl V.'überwältigt und vielen Tausenden von Lhristensklavcn die Freiheit zuruckgegeben. 'Iber Algier widerstand ihm sechs Jahre später. Im j^eften schützten Leula und die drei anderen spani­schen presidios, zu denen bis Ende des 18. Jahr­hunderts das jetzt zu Algerien gehörige Oran kam, einigermaßen den Schiffsverkehr in der Meerenge. Tanger war im 17. Jahrhundert auf kurze Zeit durch eine portugiesische Heirat an England gekommen, wurde aber »on den Stuart-Königen wieder aus- gegeben, weil eine Verrohung der Besatzungs­truppen durch den dortigen Aufenthalt befürchtet wurde.

Die französischen Gelüste aus Marokko datieren leit der Einnahme von Algier, drei Wochen vor der Juli-Revolution. Es wurde behauptet, daß die lang­wierige Eroberung des Binnenlandes durch die un­geschützte Grenze des Sultanates noch weiter er­schwert werde. Aber die Rif-Kabylen sind in den Vordergrund des europäischen Interesses erst durch die Gefangennahme des preußischen Prinzen Adal­bert getreten, die sic sich zu Anfang der fünfziger Jahre herausgenommen hatten. Möglich, daß Pi­raterie nicht der Ausgangspunkt der dreisten Hand­lung gewesen ist, sondern die Aufwühlung der reit-

giösen und nationalen Leidenschaften durch einen Krieg, den Spanien in jener Periode mit einigem Erfolge gegen das Sultanat führte (Eroberung von Teiuon) Aber dauernd ist ihm eine Erweiterung des Gebietes feiner alten presidios niemals ge­lungen, auch nicht, seitdem durch ein Mandat der Konferenz von Algeciras und spätere Verträge sie ihm seitens der Mächte zugestaubcn ist. Schon im Jahre 1909 brachte Unzusr edenheit über die schwe- ren Verluste das europäische Mutterland an den Rand einer Revolution. Daß schon damals, ebenso wie in den jüngsten Jahren, die Räuberstämme mit heimlichen Wasfensendungen aus Marseille unterstützt worden sind, unterliegt gar, keinem Zweifel. Wenn sie Frankreich jetzt selbst Schwierigkeiten bereiten, so erntet es, was es gesät hat. Aber zweifelhaft bleibt der Zusammenhang. Verdächtig war auch, daß vor einigen Wochen wieder einmal der Tod des mindestens schon hundertmal totgesagten Rai- suli gemeldet wurde, der in den Kämpfen um die französische Zone eine bedeutsame, aber niemals ganz klare Rolle gespielt hat.

Es mag seine Richtigkeit haben, daß der Spa­nien zugefallene Teil der wirtschaftlich weniger zu­kunftsreiche ist. Dem französischen Machtstreben liegt er doch im Wege, weil er die Verbindung über See mit Marseille und Toulon erschwert. Aber selbst eine gutwillige Abtretung an Frankreich würde dessen Ländersucht schwerlich fälligen. Auf der zweiten Stufe würde es bann heißen, ganz Spanien läge einer engen Verbindung zwischen dem euro­päischen und dem afrikanischen Frankreich im Wege ....

Festflug nach München.

Don unserem Sonderberichterstatter.

eil. München , 7. Mai.

Das ganze Deutschland soll cs fein! Dieser schöne Wahlspruch, der für das Deutsche Museum in München gilt, Hal sich für die Reichsrcgierung in ganz besonderer Weife in die Wirklichkeit umge'ehl, als die 3 u n l e r 6 - Flug-Verkehrs-- A -G. sie einlud, in ihren dreimotorigcn Großflugzeugen von Berlin nach München zu fliegen, um als Auftakt zu den Ein- weihungsseierlichkeilcn des Deutschen Museums einen tiefen Eindruck von der Schönheit der deutschen Landschaft in sich auszunehmen. Wer noch nie flog, dem mag auch ein 'Runbflug über einer Großstadt oder der nahen Umgebung den tiefsten Eindruck machen. Von größter Rachhaltig» feit und nicht mehr auszulöschen ist aber nur der Eindruck eines Fluges weil über das Land, über dessen wechselnde Gestalt, über Tiefebenen, große Wälder. Ströme, über waldiges und kahles Ge­birge. über weite, tief unten in der Sonne ruhende Landschaften der Hochebene.

2116 wir furz nach 10 Uhr vom neuen (Ber­liner Flugplatz des Tempelhofer Feldes aus­stiegen, in der Runde die arbeitende Großstadt unter uns Iahen, dann den Flug nach Süden watrdten, über die tiefen, in Grün gebetteten Vororte, glitten wir hinaus ins weite ßanb. Hnö da die erste Stadl: Luckenwalde. Dann die tiefen Furchen des ehemaligen Truppenübungsplatzes Jüterbog, das malerische Elbknie östlich von Wit­tenberg und die vielgewundene 2Eeanc der Schwarzen Elster. Rechts in der Ferne ruhend Golpa und die Großkraftwerke Delitzsch. Sodann die Großstadt Leipzig. Es grüßt das alte Rathaus, der Augustusplatz, er grüßen die Dächer des Hauptbahnhofs und grüßt, die Ge­schichte umspannend, das Völterschlacht- d e n k m a l. 3n der Ferne leuchtet die Berg- kuppe des Thüringer Waldes auf; in der Rahe die sächsischen Braunkohlenwerke.

Das Flugzeug steigt. Das zweite lii ks von uns steuert, st--ht in Sicht näher und überfliegt uns von 250 Meter, wendet sich von hier etwas nach rechts ab, um feinen Weg über Aürn - berg zu nehmen, während wir mit unserem Weihblauen" Regensburg und die Wal­halla begrüßen wollen. Berg um Berg baut sich unter uns auf. Links winkt Plauen, rechts Greiz und Schleiz. Die Malle des Thüringer- Waldes gleitet weit außen rechts vorbei, vor uns tauchen die steilen Bergformen des leuchtenden Gebirges auf.

Wir sind in Bayern. Unten liegt Hof, dec große Dcchnhof, kleiner als ein Finger ihn zeigt. 2lun geht es quer über das lachende Ge­

birge bintoeg. durch die weiten Gegenden der Poizellonfabriken Selb und Wunfirdl. 2luS dem steinbruchvc. witterten Waldstein grüßt cinr Ruine auf dem Schneeberg und dem östlichen Gipfel des Gebirges ein AuZs.ch'.Lturmi herüber. Flüstr und Eisenbahnen find lief in das Land eingegraben und winden sich wie durch Hindernisse vorwärts. Dann der Truppenü v. ngsplah Grasennöbr. 3n Allcn-Amlcrg und bei der Wallfahrt Zlnche in Mariahilf tauch: der erste mächtige Zwiebelturm auf. dann kommt allmählich die Raab, die uns durch R c g c n 6 b u r g -begleitet. Stolz steht im alten Regensburg der Dom. Die Donau glänzt im Mittagssonnenschein. 2Beit und leuchtend unter uns die Walhalla. Mehr zierlich und be­scheiden wirft bei Oclheim die B?sreiungöballe. Wie von der Vatur geschaffen sieht hier der Platz aus. wo die Altmühl zue Donau kommt. Und zu­letzt die alte Difchofsstadt Freising, in viel- gewundencm Band Dachau, der Flugplatz S ch l e i s b e i m und kann, als ungeheuerer Lust­eindruck, leuchtet in der Sonne München. Als wir den Flugplatz sahen, wurde uns noch eine Ehrenfchleife zugedacht über München, über den Hauptbahnhvf, die Bavaria hinüber zur Isar, zum weißglänzenden Deutschen Museum, zurück über Schwabing, eine Runde um die ehrwürdigen Türme der Frauenkirche . .. sanft hinab .... kaum spürbar der Aufprall.

Präsent iermarsch und Rationalhymne emp­fangen die Reichsreg-erung ...

Die ganze Festlichkeit zu Ehren des Deutschen Museums und feines 70jährigen Schöpfers Os­kar von Miller ist ein einziges Dokument bodenständiger bayerischer Kultur und hervor­ragenden Münchener Kunstgeschmacks. Schon der erste Eindruck ist überwältigend. Was keine Stadt vermocht hat. München hat es geschafft, hat einen einheitlichen Strahenfchmuck zuwege gebracht. Weiß-gelb und Orang>gelb find das Wahrzeichen zugleich des Straßenschmuckes und des Festzuges, der sich durch die enge innere Stadl und durch weitere Außenstraßen windet, immer wieder durch Tannentriumphbögen hin­durch, von Künstlerhand geschasfen. Mehrdcnn 50 Gruppen umfaßt der Zug. jeder geschaffen von einem Professor, einem Künstler. Maler oder einem Kunstgewerbler. Voraus Gruppen, die Verkehr, Farbe und Elektrizität darstellen, wie sie im Deutschen Museum veranschaulicht. Dann ein ungeheuerer künstlerischer Wurf des Malers Schmalz!, eine Darstellung der vier Elemente der alten Welt, das Feuer als Kugel, das Wasser als Halbkugel, die Luft als goldgleißen- des Planetarium, die Erde in ihrer ganzen Schwere mit Modellen großer Münchener Bau­ten. Hinter ihnen die Münchener Gewerbezünfte als Symbol deutscher Technik, jede einzelne rund unb kraftvoll aus ihren Werkzeugen und Zielen

gestaltet Aber nicht die einzelnen Gruppen, nicht einmal die vier Elemente als solch?, sw? > , den tiefen und starten Eindruck.

Es ist vielmehr die ganze Wucht deS Ge­schmackes und der Kultur, die uns hier innerlich packt und auch z:igt. daß nicht nur weltmännische Geschwindigkeit und raschestes Vorwär löst reden, sondern and) bodenständige konserva­tive Festigkeit stärkste K u 11 u r ö> e r l c erzeugen kann. Bodenständigkeit und Gefühl für daS Volkstümlich? sind auch Motiv des EmpsangsabendS im Löwenbräukeller den die Rarhalla den Gästen bietet. einaclcUct durch Hans Sachsens Ansprache aus denRk. istersingem. E-s folgen bunte Hörnersoli bn- letzten bayerischen blauw ißen Postillone, ein Wiener Wal.cr v?i» Hofballett getanzt, und laufend schnurrig' Dinge.

Höhepunkt des Abends ist eine lustize Rede des Oberbürgermeisters an den spät von feinen: Pflichten befreiten Reichskanzler unb e n? humor­volle Antwort des Kanzlers mit Apof'rovhi r mg der deutschen Frau. Der Höhepunkt der Bc- grüßnngsfeierlichkeiten ist aber doch der 2lb'nd. den die Stadt in der neuen riesigen Ausstel- lungShall? der kommenden Verkehi saussie'l mg ihren 2500 Gästen gab. Riemerfchmid hat eine im rnaurisch-gotifchen Stile anschließende Hall" gefchaffen. in d?r 3000 Personen bequem an Tischen sitzen können. 3n bi'fern R esonraum müssen die Reden durch Warben und vlastllche Gestalten erseht werden. Darum fbielt sich d r ganze Empfana in sechs 2l"f ügen ab. di?, jeweils zwischen die Gänge d's Essens cinqcftreut, zu­gleich den nächsten anlündig'n. Zuerst de>- Auf­zug der 150 Kellnerinnen, dann d.r 150 rot- b fradten Kellner, die zu dem Weiß bei Tisch­tücher und dem Schwarz der gastenden n?r l"ife das in München schon jetzt so sehr gcbrv'fne Schwarz-W^ß-Rot ankü"digen lassen. Sch^xtrz- Rol-Gold sah man in dielen Festtag"' nur an Gebäuden, die dein 2te;d> gehören, von allen Münchnern viel bestaunt unb nur selten frebig begrüßt. Mittelpunkt der Auszüge war die An­kündigung des Tischgangeo mit Köchen und grünen Jsarnixen, war die lleberbiingung einer Ehrengabe an Oskar v. Miller durch einen liebreizenden Reigen kleiner und II' alter Kinder, war der Ehrentanz, den schlankwüch'ige Rachkommen erster bayerischer Famllien unter weiß blauem Maibaum den Gästen dirbr.ichten.

Immer wieder könnt' man es von d n ifen aus Rah und F n. vo i D Nischen un? A >U ' h rn hören, so ein Fest, solch eine in sich gef " ne künstlerische Kultur könne in Deutschland ->ur München zeigen. Unb so hat München auf diefem unpolitischen Gebiet aus Anlaß der Feier der deutschen Technik im neuen Deutschen Museum sich den ihm in den letzten Jahren oft nicht zu erkannten ersten Platz an der Sonne deutschen Lebens wieder erobert.

Die Hindenburg-Ehrung in (Siesten.

"Gießen. 12. Mai 1925.

Der Gießener Lokalgeschichte wurde mit dem gestrigen Fackelzug der im Reichsblvck zusammengesahten Parteien, Verbände und Ver­eine zu Ehren des Reichspräsidenten Generalseld marschall von Hinden­burg ein Ereignis eingereiht, das als über- wäüigender Ausdruck vaterländischer Gesinnung für immer einen besonders hervorragenden Platz einnehmen wird. Schon am Sonntagabend er­schienen dem neuen Reichsoberhaupt zu Ehren an vielen Häusern die Fahnen, im Laufe des gestrigen Tages wurde aus den Anfängen vom Vorabend eine Fahnenfülle, besonders in den Hauptverkehrsstraßen, wie man sie gleich stark lange nicht mehr bemerken konnte. Die alten Reichsfarben Schwarz-Weiß-Rot und die hessi­schen Landesfarben Rot-Weiß waren dabei der Trumpf des Tages. Rarnentlich der Seltersweg, der Kreuzplay und die Mäusburg haben sich mit ihrem Flaggenschmuck besonders lobenswert hervorgetan. Aber auch in den andern Straßen- zügen zeigten zahlreiche Häuser die Fahne, die man sonst mit diesem Schmuck nicht bemerken konnte. Rur eine Anzahl öffentlicher Gebäude lag auch gestern abend nochkahl und tot" 'da, sie wurden erst heute in früher Morgenstunde geschmückt.

Durch diese prächtig hergerichteten-.naßen bewegte sich nun gestern abend der F a-ck e l z u g zu Ehren des Reichspräsiden te.i von Hindenburg. Langjährige Ke in r der Gieße­ner Lokalgeschichte betonen, einen sulchen Fackel zug habe unsere Stadt noch nie gesehen, und etwas gleich Glanzvolles werde sie wohi auch sobald nicht wieder erleben - wenn niS; etwa der Reichspräsident. Generalfeldmarschall von Hindenburg in eigener Person mal nach Gieß m kommt. 3n der Tat muß man befennen. daß dieser Fackelzug ein außerordentlich glanzvoller war, sowohl hinsichtlich seiner Länge, wie auch der vortrefflichen Marschdisziplin und vor allem wegen des gewaltigen nationalen Schwunges, der jeden Teilnehmer bis in die Fingerfp Yen be­seelte und der zündend ausstrahlte aus die vi len Tausende von Zuschauern, die sich da in dichter Kette zu beiden Seiten der Marschstraßen aus­gestellt halten bzw. in großer Menge dem Zug voranschritten. Der Zug hat eben schlechthin nach jeder Richtung die hochgespanntesten Er War­tungen noch weil übertroffen. Die Zuglönze wird auf 2 bis 3 Kilometer geschäht, das richtige Längenmaß dürfte wohl ungefähr in der 21iittc zu suchen fein. Der Vorbeimarsch dauerte über 20 Minuten. Heber 1100 Wachsfackeln wurden ausgegeben und angebrannt, und selbst diese hohe

Menfchheitsdämmerung.

Der Fund des Taungs-Schädels in Südafrika, der eine Zwischenstufe zwischen Mensch und Affe offenbarte, HM wiederum unsere Blicke auf jene Dämmerungszeit der Erdgeschichte gelenkt, da der Mensch sich allmählich aus dem Tierreich los­löste und seinen Aufstieg zur Höhe der Kultur be­gann. In diese Zeiten der Menfchheitsdämnierung läßt uns lein Kiwchenfund einen Einblick tun, der uns die Gestalt der ältesten Menschen enthüllte, aber aus aufaesundenen Werkzeugen, den ältesten, die cs gibt, können wir Schlüße auf den Urbeginn aller Kultur ziehen. Das betont der bekannte Prä- hiswriker Dr. O. Hauser in seinem neuesten so­eben bei der Thüringer Verlagsanstalt in Jena er­schienenen WerkUrgeschichte", das einen knappen unb klaren lleberblitf über den Bau der Erde, die Menschwerdung und den allmähligen Aufstieg der Menschenrassen zu den vorgeschichtlichen Kulturen bietet.

Damit, daß der intelligente Menschenaffe sich in die Höhe reckt und auf den Hinteren Extremitäten marschiert, wird er noch lange kein Mensch.Mensch­heitsdämmerung beginnt erst da," sagt der Verfasser, , u)0 das uralte Wesen bewußte Handlungen bis Zu einem zweckdienlichen Ende durchzuführen ver­mochte und sich endlich Kräfte dienstbar machten, die ihm bisher wesensfremd geblieben. Mit Steinen sich seiner Haut wehren. Rüste mit vom Boden aufge­hobenen Kieseln zu tnaden, sind keineswegs '23er- richtungen, die Menschen geprägt haben. Aber einen Stein auszuwählen, ihn mit einigen Schlägen zu einer scharf schneidenden Klinge zu ipalten, den Span in weiterer Ausführung zum Schaben von Fellen erschlagener oder verendeter Tiere zu ge­stallen, das uenjwdjtc kein Menschenaffe. Das sich langsam zum Menschen entfaltende Urwesen be­herrschte ober lernte diese Dinge ober war damit Mensch geworden: ein willenbeseeltes Wesen, in sich die Fähigkeit tragend, jeden Stein in eine gewollte Form zu schassen und ihn so seinen Zwecken dienst- bar zu machen." Hauser hebt hier die Bedeutung der non ihm in Aurillac ausgegrabenen sog. Foli then hervor, die er für die ältesten Kunstvrodukte des Menschen aus dem Tertiär hält. Den Beweis dafür erbringt ihm dieHandlichkeit" dieser Steinstücke,

denn sie passen in die Hand, konnten von Daumen und Zeigefinger gehalten werden und verraten da­mit, daß ihren Benützern die Opposition des Daumens möglich war, die den Menschen vom Tier unterscheidet. Diese ersten einfachen Werkzeuge sind aber zugleich ein Zeugnis für den Tertiär- menschen, von dem wohl auch noch einmal kör­perliche Reste zutage gefördert werden.

Die ältesten Werkzeuge, deren Charakter ganz zweifellos ist, wurden von Hauser im Quartär in der tiefsten Schicht der Chelles-Funde auf seiner Grabungsstation Longueroche ans Licht gefördert Da sanden sich große rohe Feuersteinklumpen, die bas Rohmaterial barftelüen, bann andere Slum pen, von denen Absplissc weggeschlagen waren, nicht in der Form der gewöhnlichen Kernstücke, sondern als erste absichtlich gewollte Werkzeuge. Noch waren aber die Stücke nicht handlich gemacht, und es war nicht zu ersehen, in welcher Richtung sie gebraucht wurden. Da tritt in anderen Steinen die erste Schneidekante in Erscheinung: in geschickter Weise wird der ursprünglich heriimgelagerte Kalkmantel stellenweise belasten unb bilde? so ben Anpassungs­rücken «ür den Handballen. Die Steine mit richtiger Schneidekante unb Handballenanpassung sind die ersten fertigen primitiven Werkzeuge. Bei ber hanb werksmäßigen Herstellung biefer Instrrumente sinb manche Stücke entzweigebrochen ober burch unge­schickte Schläge unbrauchbar gemacht. Auch das Werkzeug zur Herstellung kam zum Vorschein, näm­lich Schlag- und Klopfsteine, mit denen die Roh­materialien zertrümmert wurden, co waren an einer seit Jahrtausenden überdeckten Stelle die Zeugen frühester Werkzeugentwick­lung gefunden. Das Wesen, das diese Werkzetige schuf, war bereits durch die Befriedigung des ele­mentarsten aller Triebe, des Hungers, zu einer Ur­form des Denkens gezwungen worden, unb dieser Denkreflex löste die Anwendung der Opposition des Daumens aus und gestaltete den Stein zum Werk­zeug. So war dies Wesen zum einfachsten Hand- werker, zum Steinschläger, und damit zum Men­schen geworden. Dem Raubtier aber stand der Mensch noch fast wehrlos gegenüber, und fo erwuchs ihm den aus dem Brand der Bäume, die der ein­schlagende Blitz im Urwald entjübete, der Gedanke, bie Flam m c zur Abwehr zu verwenben, das

Feuer zum Rösten, so wie er bei solchen Wald­bränden halbverkohlt Tiere gefunden.Brennende Aeste und Stämme wurden zur Wohnhöhle ge­schleppt", so schilb? i Hauser das Herandämmern der Menschheit.So rasch die plumpen Beine tru­gen, rannte der Steinzeitmenjch, fachte glimmende Funken zu kleinzüngelnber Flamme unb rettete sich ein Feuer ins Wohnverließ. Man schürte unb legte neu auf das Feuer war da, unb mit ihm ber anberc gewaltige Großschritt der Menfchheitsdäm­merung. Werkzeug und Feuer wurden so in der Hand des aufsteigenden Urmenschen zum ersten und ältesten Kulturbesitz."

Anekdoten.

Kardinal Wolsey war eines Fleischers Sohn. Er stieg von einer geistlichen Würde zur anderen, bis er Kardinal und Erzbischof von York wurde.Gottlob, daß Sie nun Kardinal geworden sind," sagte einer seiner Bedienten, nun wünsche ich nur noch, daß Sie recht bald Papst würden." Der Kardinal fragte, aus wel­chem Grunde er das denn wünschte.Ja," er­hielt er zur Antwort,der heilige Peter war Fischer von Beruf, darum setzte er die Fasten ein, damit die Fische um so teuerer verkauft werden sollten. Da aber Eure Eminenz aus der Fleischerzunft stammen, werden Sie doch wohl die Fasten, die ich gar nicht liebe, abschaffen, damit die Fleischer desto mehr verdienen.

Den neapolitanischen Gesandten in Lon­don, Marquis Caraccioli, fragte man einst, wie es ihm in England gefalle.Wie soll es mir in einem Lande gefallen, in dem es hundert Religionssekten, aber zu allen Gerichten nur eine Soße gibt", erwiderte der Gesandte.

Zur Zeit der Reifrockmode erschien ein­mal die Frau des englischen Konsuls im höch­sten Staat neben' der Favoritin des Kaisers von Marokko. Staunend betastete die Schöne

das Kleidungeheuer der Engländerin und fragte lachend:Bist du das alles selbst?"

Rabelais war nicht nur Satiriker, sondern auch Mediziner und als solcher eine Zeitlang Leibarzt eines Kardinals. Als er eines Tages dort Tischgast war, wurde dem Kardinal eine Schüssel mit Oieunaugen vorgesetzt. Rabelais schlug mit einem Stäbchen auf den Rand der Schüssel und sagte:Schwer verdaulich!" Darauf­hin wies der Kardinal die Fische zurück, die nun Rabelais sich nahm und schleunigst vertilgte. Was soll das heißen?" fragte der Kardinal, Ihr habt doch die 2leunaugen für schwer ver­daulich erklärt!"Ein kleines Mißverständnis," antwortete Rabelais,ich meinte die Schüssel"

Wir entnehmen diese Anekdoten dem 14. Heft berGroßen Welt". Verlag. Leipziger Verlags- brutferci G. m. b. H., norm. Fischer & Künsten, Leip zig. Johannisgasse 8.

Bescheidenheit ist eine Zier.

Bon Professor Kreuzfeld, der zu Anfang des neunzehnten 3ahrhunderts in Göttingen lehrte, erzählt man ein Beispiel ungewöhnlicher Be­scheidenheit Als er einmal im zweiten Bänd­chen derBesten prosaischen Aussätze der Deut­schen" auch einen Beitrag seiner eigenen Feder entdeckte, erklärte er resigniert:Die Sammlung wird schlechter, jetzt hat man sogar schon einen Aufsatz von mir ausgenommen." (E. B.)

Dom Professor Kästner.

Als Kästner eines Morgens mitgeteUt wurde, sein Kollege 21. fei in der Rächt verrückt ge­worden, beantwortete er diese Rachricht mit b?r kurzen Bemerkung.Erst?"

Ein ander Stücklein noch erzählt man vom Witze Kästners. Aus dem Musemn der Göttinger ilninerfität wurde ein Geschenk des Landes- Herrn gestohlett, eine kostbare Silberftufe, nur der leere Behälter blieb zurück. Der Inspektor des Museums fragte nun Kästner, warum wohl der Dieb den Behälter zurückgelassen haben möge. 3e nun antwortete Kästner,damit Sie die Rase hineinstecken formen, die Sie zweifellos voll ber Regierung bekommen werbe." (E.B.)