Einzelbild herunterladen

begabten Sajuier zur yöheren Schule. Der Land­tag wolle beschließen, die Regierung zu ersuchen, mit Wirkung vom Beginn des neuen diesjährigen Schuljahres ab, begabten Schülern der Grundschule nach dreijährigem G r u n d sch u len b esuch den Niedergang in eine höhere Schule zu gestatten. Birn­baum. Dr. Keller. Scholz und die Fraktion der Deutschen Volkspartei.

Der Reichskanzler in Stuttgart.

Stuttgart. 11. Febr (SU.) Reichs­kanzler Dr. Luther ist heute mittag kurz vor 1 Uhr hier eingetroffen. Aus denk Bahnhof hatten sich zum Empfang der Staatspräsident mit einer großen Reihe prominenter Persönlich­keiten eingefunden. Der Reichs anzier begab sich in das Staatsministerium, wo ein Empfang der württembergischen Minister und anschließend ein Presseempfang stattfand.

3m Weihen Saal des neuen Schlosses fand am Abend ein geselliges Zusammensein statt, an dem die Spitzen der staatlichen und städti­schen Behörden sowie Vertreter aller Berufs- schichten leilnahmen. Die Begrüßungsansprache hielt Staatspräsident Bazille, in der er bemerkte, daß der Name Berlin seit einigen 3ahrcn keinen sehr guten Klang in den deut­schen Landen bekommen habe, wobei man aber nicht an die Bevölkerung Berlins, sondern a n die dort gemachte Politik denke. Die Auskünfte, die der Reichskanzler im engeren Kreis der württembergischen Regierung über manche wichtigen Fragen des Verhältnisses zwi­schen den Ländern und dem Reich gegeben habe, hätten in vielfacher Hinsicht recht beruhigt, aber man habe immer den Eindruck gehabt, daß man. um das Reich zusammenzuhalten, vielfach zu weit gegangen fei in der Zentralisierung auf Kosten mancher Teile des Reiches.

Der Reichskanzler erwiderte, die Tendenz, auf der die gegenwärtige Reichsregierung auf­gebaut sei. sei eine Mehrheitsregierung und als solche ja doch die eigentliche in Betracht kommenden Rogierungsform für den parlamen­tarischen Staat. Zum parlamentarischen System gehöre zwar auch zur Mehrheit auf der einen Seite die parlamentarische feste Opposition auf der andern Seite. Aber wir bleiben darum doch ein einheitliches Volk. Die Tendenz der Regierung werde immer sein für die bevorste­henden schweren Entscheidungen auch in der Innenpolitik eine so breite Grundlage zustande zu bringen, die alle staatsbejahenden Kräfte und der größte überwältigende Teil des deut­schen Volkes besteht aus solchen, miteinander vereint.

Um diese Einheit zu erzielen, darf man die Kräfte, die in den einzelnen Teilen Deutschlands vorhanden sind, nicht ungenützt lassen. Darin liege die Antwort auf die an ihn vom Staats­präsidenten gestellten Fragen über das Ver­hältnis vom Reich zu den Ländern. Rach dem geselligen Beisanrmensein wohnte der Reichs- ranzler einer Vorstellung tm Württembergischen Landestheater bei. Rach einem Imbiß im Turm- Restaurant dcs Hauptbahnhofs verließ er gegen Mitternacht Stuttgart. *

Deutscher Reichstag.

Berlin . 11. Februar. Vor Eintritt in die Tagesordnung erhält zu einer Erklärung das Mort Dr. Wirth (Z.). der sich gegen Ver­öffentlichungen deS ..Tag" wendet, in denen der frühere Reichskanzler Wirth mit den Ge­schäften der Firma Himmelbach in Verbindung gebracht wird. Der Redner t stellt fest, daß nach seinen Erkundigungen beim .. Gerichtsvorsihenden der Rame Wirth oder irgend- x wclche Beziehungen seiner Person zu der Firma Himmelsbach während des ganzen Prozesses r überhaupt nicht zur Sprache gekom­men sind. (Hört, hört! links und in der Mitte.) Trotz dieses Tatbestandes habe derTag" seinen Romen vor die Oesfentlichkeit gezerrt. Der Red­ner erklärt weiter, daß er in der fraglichen Zeit überhaupt kein öffentliches Amt bekleidet habe. Auch der jüngste Druckerlehrling einer kleinen Dvrortzeitung hätte das Unsinnige der Behaup­tungen desTag" durchschauen können. (Leb­hafte Zustimmung.) Nachdem diese Tatsache vom Gericht sestgestellt worden war. erklärte derTag" daß mit dem Ausdruck Reichskanzler nicht Dr. Wirth, sondern der damalige Reichskanzler Dr. Cuno gemeint sei. (Heiterkeit.) DerTag" fügt dann hinzu: Angesichts der Tatsache, daß die geschäftlichen Beziehungen Wirths mit der Firma Himmelsbach bekannt seien, ihn und nicht den anderen Reichskanzler als Quelle der In­formationen der Firma Himmelsbach zu betrach­ten. (Stürmische Pfuirufe, große Erregung links und in der Mitte.) Das Verhalten des ..Tag" muß als politische undmoralische Kor­ruption bezeichnet werden, wie sie schlimmer nickt gedacht werden kann. (Zustimmung links und in der Mitte.) Der Redner stellt dann weiter fest, daß auch Cuno mit der Sache nichts zu tun haben könne, da er zu jener Zeit

ebenfalls schon aus dem Amte geschieden war. (Erneut stürmisches: Hört, hört!) Sein Rach­folger war Dr. Stresemann. Der Redner be­zeichnet dann alle Vorwürfe, die über ein geschäft­liches Zusammenarbeiten zwischen ihm und der Firma Himmelsbach, erhoben worden seien, als unzutreffend, ebenso die Behauptung über verwandtschaftliche Beziehungen. Auf der Rech­ten scheine die Lüge zum politischen System zu werden. tStürmische Zustimmung links und in der Mitte.)

Zu einer weiteren Erklärung erhält dann der frühere Reichswirtschaftsminister Abgeord- nete Schmidt (Soz.) das Wort. Der Redner geht ein auf Behauptungen derDeutschen Tageszeitung" und desTag" im Zusammen­hang mit feiner Tätigkeit als Reichswirtschafts­minister. Er stellt fest, daß die Einfuhr eines großen Quantums Butter durch die Firma Darmat ohne fein Zutun erfolgte. Der Wirtschaflsminister habe selbstherrlich überhaupt keine Einfuhrgenehmigung erteilen können. Aus den Arten ergebe sich auch nicht das Geringste über eine persönliche Rücksprache mit Barmat, aus der sich erkennen ließe, daß irgendwelche Bevorzugung der Firma Darmat erfolgt sei. Der Vorwurf derDeutschen Tageszeitung" fei eine niederträchtige Lüge. (Zustimmung links.) Die Behauptung derDeutschen Tageszeitung", daß ein Teil der Gewinne an diesem Butter­geschäft in die sozialdemokratische Parteikasse geflossen fei, werde von der Staatsan­waltschaft nachzuprüfen sein. Es werde

sich Herausstellen. daß hinter Meter Behauptung ein elender Verleumder steckt. Der Redner stellt fest, daß dieDeutsche Tageszeitung" bereits feit mehreren Tagen im Besitz seiner Erklärung sei und trotzdem behauptet habe, daß er sich zu den Anschuldigungen bisher nicht geäußert habe. Ein solches Verfahren könne man nur als ganz perfide Handlungsweise bezeichnen. Der Redner stellt dann gegenüber der Behauptung desSag "fest, daß er nie an irgendwel­che n Dine rs. die Darmat gegeben habe, teilgenommen habe. Er gehöre feit 1893 dem Reichstage an und wisse, daß im politischen Leben die Leidenschaften oft sehr hoch gehen, aber eine solche Riederträchtigkeit der deutsch- nationalen Presse sei ihm noch nicht begegnet. (Lebhafte Zustimmung und Beifall links.)

Abg. Dr. Fricke (Rat.-Soz.) beantragt, daß als erster Punkt der Tagesordnung der Antrag der Staatsanwaltschaft auf Aufhebung der Immunität des Abg. Lange-Heger- mann auf die Tagesordnung gesetzt und erledigt werden solle. Es fei merkwürdig, daß eine Partei, deren Vertreter in so großen Worten eben ge­sprochen habe .... (Die nächsten Worte ver­lieren sich in dem großen Lärm und den ftür« mischen Pfuirufen des Zentrums.) Präsident Löbe teilt mit, daß ein derartiger Antrag von der Staatsanwaltschaft dem Reichstag nicht zu­gegangen fei. (Hört, hört!) Der Abg. Fricke ver­läßt die Tribüne unter lebhaften Pfuirufen der Linken. Der Lärm dauert noch einige Minuten an.

Das Haus tritt darauf in die Beratung der Tagesordnung ein und setzt die Aussprache über den Etat des Reichsarbeitsministeriums bei dem Kapitel über

Siedlungswesen

fort.

Abg. Dr. David (Soz.) fordert, daß jeder Besitzer das 3000 Morgen überschreitende land­wirtschaftlich genützte Ackerland an den Staat abtritt. Das Reichssiedlungsgesetz offne der Ver­schleppung der Siedlungsaroeit Tür und Tor.

Abg. Ohler (Deutsch-R.) spricht der So­zialdemokratie das Recht ab, für die Dauern zu sprechen, und fragt, was sie denn für die Dauern geleistet hätten, als sie die Macht besahen. Selbst die 22 000 Hektar, die man als Flüchtlingssied­lungsland gebraucht hätte, feien nicht beizutreiben gewesen. Wo solle man jetzt noch mehr Sied­lungsland hemehmen?

Abg. Rönneburg (Dem.) bezeichnet die Ergebnisse der Siedlungsarbeit als keineswegs befriedigend. Die Oesfentlichkeit müsse von der gewaltigen nationalen Bedeutung der Siedlungs­politik überzeugt werden. Der Redner fordert Reichsmittel für Kredite an die Sieb- lungsg enolsenschaften und Vorlegung einer Denkschrift, um festzustellen, was bisher auf dem Gebiete der Siedlungspolitik geleistet worden sei. Der Redner wünscht fernst eine Neuregelung des Pächterschuhes.

Abg. Behrens (Dtfchntl.) fuhrt die Rot­lage der kleinen Siedlungsgesellschaften auf die K r e d i t n o t zurück. Er fordert staatliche Hilfe. Es fehle nicht an Land und nicht an Siedlern; es fehle an Geld.

Abg. Luche (Wirtscht. Dergg.) warnt davor, bei den Siedlern zu große Hoffnungen zu erwecken. Man mühte darauf hinwirken, daß die Siedler Selbstversorger würden.

Damit schließt die Siedlungsdebatte. Die Er­örterungen wenden sich sonstigen sozialen Maß- nahmen zu.

Abg. 5rau Iuchacz (Soz.) warnt vor Experimenten in der Fürsorgetätigkeit.

Abg. Frau Müller-Ottfried (Dtntl.) empfiehlt vor allem die vorbeugende Für­sorge und fordert ein allgemeines Wohlfahrts- gesetz. Sie rühmt die Tätigkeit der Diakonissinnen und Wohlfahrtspflegerinnen und fordert deren materielle Besserung. Die Fürsorgesätze sollen so erhöht werden, daß sie ein Existenz­minimum böten.

Abg. Frau Dr. Matz (Dt. Vpt.) lehnt die Ueberführung der Einrichtungen der privaten Fürsorge auf die Gemeinden oder den Staat ab. Eine Schematisierung durch die Gemeinden ober den Staat fei von UebeL Die angestellten Wohl­fahrtspflegerinnen sollten besser gestellt werden. Die Rednerin beantragt Hilfsmaßnahmen für die Fürsorgeempfänger, die durch die Inflation ihr Geld verloren haben. '

Abg. Frau Lüders (Dem.): Das Reich müsse darüber wachen, daß die Länder und Ge­meinden die Bestimmungen über die Fürsorge- Pflicht ausführen.

Abg. Frau Arendsee (Kom.) bezeichnet die Fürsorgepflichtverordnung als eine unerhörte Maßnahme gegen 5 Millionen Hilfsbedürftige und fordert schleunigste Beseitigung.

Abg. Frau Seusch (Ztr.) bittet dringend, auf dem Fürsorgegebiet alle parteipolitischen Er­wägungen auszuschalten. Sie empfiehlt, alle Anträge in einem Ausschuß zu behandeln. Hoffentlich werden sie bann bald eine freudige Auferstehung erleben. Es wäre ungerecht, wenn die staatlichen und städtischen Anstalten große Vergünstigungen und den Vorrang vor den pri­vaten genießen. Die Konfessiona lität der privaten Liebestätigkeit müsse mau unter den heutigen Verhältnissen doppelt unterstreichen. Das Zentrum werde immer prak­tische Sozialpolitik treiben.

Abg. Munn (Dtntl.) hält es für notwendig, daß angesichts des großen Elends alle Par­teien zusammenstehen. Die Kommunisten sollten doch ihre Agitationsreden wenigstens bei diesem Gegenstand unterdrücken.

Das Haus vertagt sich auf Donnerstag.

Aufwertung und Steuerreform.

Das Präsidium des Hansabundes nahm eine Entschließung an, in der vor allem die Regelung der A u fw e r t u n g s f r a g e verlangt wird. Zu der bevorstehenden Steuer­reform gibt das Präsidium des Hanfabundes der Erwartung Ausdruck, daß das angekündigte Ueberleitungsgesetz den Wünschen der durch den Hanfabund vertretenen Wirtschaftskoe.se nach Steuermilderungen weitgehende Rech­nung tragen werde. Auch der Hypotheken- gläubiger-undSparer schütz verband befaßte sich in einer Versammlung mit der Auf­wertungsfrage. Es trab die Auffassung zutage, bah der in der Dritten Steuernotverordnung vorgesehene Zeitpunkt der beginnenden Rück­zahlung. nämlich das Jahr 1932, z u weit hinausgeschoben sei.

Italien und die Londoner Konferenz.

Rom, 12. Febr. (TU.) Der Regierung nahe­stehende Kreise sind der Ansicht, daß Italien

auf der Londoner Konferenz in Der Frage Der Räumung Kölns und in der der Sicherheiten bemüht sein werde, eine versöhnliche 5jal- t un g der Parteien zu fördern. Unter Erfüllung bet Verpflichtung verstehe die italienische Re­gierung,^ daß Deutschland abrüste und die Kölner Zone geräumt würde. Da man befürchtet, daß Italien leicht an die Be­zahlung feiner Schulden gemahnt werden könnte, beabsichtigt die Regierung, sich an der Erörte­rung der Schuldenfrage möglichst wenig zu be­teiligen. Sollte Italien wider Willen in Die Schuldenfrage entwickelt werden, so würde es sich auf die Seite Frankreichs als Hauptschuld- ner stellen.

Kleine politische Nachrichten.

In Darmstadt wurden gestern von Ver­tretern des Zentrums, der Sozialdemo­kratie und der Demokratie die Ver­handlungen über bie Regierungs­bildung toieber ausgenommen. Am Donners­tag werden die Fraktionen dieser Parteien zu den Ergebnissen dieser Besprechung Stellung nehmen.

Der Sozialpolitische Ausschuß des Reichstags nahm einen Antrag auf Einführung einer Arbeitslosenversicherung an. Die Höchstgrenze für die Dritragspflicht der Arbeit­geber und Arbeitnehmer zur Erwerbslosensür- forge soll von 3 auf 2 Proz. herabgesetzt werden.

DerVorwärts" meldet aus Weimar, daß die thüringische Regierung im Land­tag mitteilen lieb, bah in nächster Zeit bie Wohnungszwangswirtschaft abge = baut und bie Mi e t e. bie gegenwärtig 80 Prozent der Friedensmiete beträgt, auf den Friedens stand gebracht werden soll.

Offiziös wird mitgeteilt, daß es in Elsah- Lothringennichterlaubtist, irgendwelche neue deutsche Anleihen z u zeichnen, auch nicht solche, die früher in dem deutschen Reichsland valorisiert waren.

Aus aller Wett.

Hölzbanditcn.

Unter scharfen polizeilichen Vorsichtsmaß­nahmen begann in Charlottenburg die Verhandlung gegen die Arbeiter Bergemann, den Maurer G ö r i s ch und den Klempner Eyck, die sich wegen schweren Raubes unter An­wendung von Waffengewalt zu verant­worten Habern Alle brei Angeklagte, bie längere Zeit mit Hölz in Mitteldeutschland gekämpft haben, verbüßen gegenwärtig eine 12jährige Zuchthausstrafe, bie sie für einen Bandenüberfall auf das Postamt in Stolp in Pommern er­halten haben. Der heutigen Verhandlung liegt ein Raubüberfall aus den Kassenraum des Gas - Werks in CH arlottcnburg und ein Raub­überfall auf bie Margarinefabrik Cobu in Aichelsb orf bei Spanbau zugrunde. Mit Ausnahme von Eyjk sind bie Angeklagten in allen Punkten geftänbig unb bezeichnen sich als Mit» glieber ber geheimen Kampforganisation der kommunistischen Arbeiterpartei. Der Staatsan­walt hat gegen bie drei Angeklagten Zuchthaus­strafen von 6 bis 11 Jahren beantragt.

Raubüberfall auf einen Geldbriesträger.

In Köln schlugen zwei Telegraphenarbeit rr einen Geldbriefträger mit Totschlägern nieder als er eine von einem ber Arbeiter aufgegebene Postanweisung bestellte. Der Geldbriesträger ver­mochte jedoch noch den einen Täter zu verfolgen, der ebenso wie fein Helfershelfer festgenommen wurde.

Gastod einer Familie.

Der Werkmeister Richte.r in Köln, seine Ehefrau unb zwei erwachsene Söhne sinb in­folge von Gasvergiftung tot aufgefunben worden. Die Frau unb ein Sohn lagen tot in ben Betten, der Vater und der zweite Sohn in ber Küche unb im Flur hinter der Türe. Sie waren anscheinend im Begriffe, den Gashahn in ber Küche zu schließen. Infolge bes Gasdruckes war jedoch ber Gasschlauch abgerissen, so daß das ausströmende Gas sie sofort betäubte.

Ein Jahr Zuchthaus für gestohlene Akten.

Bor dem erweiterten Schöffengericht Schöne- berg-Derlin hatte sich gestern ber Iustizober-- sekretär Anders vom Kammergericht wegen schwerer Aktendiebstähle zu verantworten. Anders hatte, um sich eine Rebeneinnahme zu verschaffen, zunächst Akten, bie zum Einstampfen bestimmt waren, bann aber auch Akten, bie un­bedingt aufbewahrt werben mußten, ver­kauft. Richt weniger als 10 000 Aktenstücke hatte er veräußert. Das Urteil lautete auf ein Jahr Zuchthaus.

Aus Stobt und Land.

Gießen, den 12. Februar 1925.

Zn verkaufen".

Ist Ls Ihnen auch schon so gegangen, daß Sie etwas als gebraucht kaufen wollten und alles teuer bezahlen mußten? Die andern wußten bie Preise immer sehr gut und hatten ein richtiges , Empfinden Dafür, daß man den Gegenstand gerade brauchte. Unb ist es Ihnen nicht dann wiederum auch so gegangen, daß sie etwas ver­kaufen wollten und keinen Käufer dafür san­den, außer dem, der nichts dafür geben wollte?

Ich höre so viele Leute diese Weisheit aus- sprechen und wundere mich darüber nicht.

Doch sollte die Zahl ber geborenen Kaufleute wirklich so flein fein; sind wir anderen alle Stümper, die wohl das Geschick haben. Geld auszugeben, aber nicht wieder für dieselbe Sache einzufordern?

Im allgemeinen läßt man sich Dabei wohl von dem Gedanken leiten, daß der verkäufliche, uns so gut bekannte und von uns wenig ge­schätzte. da entbehrliche Gegenstand auch von der Gegenseite nicht sonderlich wertgeachtet wirb. Man versetzt sich nicht in die Lage des andern Teiles und raubt so ber verkäuflichen Sache etwas von ihrem wirklichen Wrrt, den sie ja in unseren Augen nicht mehr hat.

Der Käufer ist naturgemäß nicht leicht ge­neigt, mehr zu zahlen, als er irgend zahlen muh. So macht er sich die Situation zunutze, führt bie Schwächen ins Feld und tut. als ob ihm ein neuer Gegenstand lieber sei. Man kann dabei tatsächlich staunen lernen, welche Fehler ein uns bisher dienendes Debrauchsstück mit einem Male

berommen hat. ®r]t wundert man sich.^ ber Käufer für eine so geringwertige Sache über­haupt noch Interesse hat. Wenn er es gekauft hat. schlägt dann seine Stimmung um: mif einem Male ist es gewachsen, es ist sein.

Ich habe schon Leute fragen hören:WaS würde unsere Einrichtung wert sein, wenn bie Stück für Stück verkauft würde?" gerade bei der rapiden Geldentwertung war das ja eine beliebte Redensart und hätte ihnen aih lieb­sten immer geantwortet: Ihr habt scheinbar noch zu wenig verkauft, um zu wissen, daß man sehr viel weniger erhält, als man gedacht hat.

Es gehört ein großes Geschick dazu, alte Sachen an den Mann zu bringen; das kennt die Hausfrau nur au gut, weil der Lumpenmann nichts geben will und sehr wählerisch aussondert, ehe er ben Preis zahlt, den er zuerst geboten hat. Aerger gibt es fast immer dabei, und wenn es ein heiinl cher ist.

Man muh nur etwas zu verkaufen haben, um zu erfahren, daß es nichts wert ist! Ha.

Ein Kinderheim für Oderhefsen.

Von amtlicher Seite toxrb uns mitgeteilt. Die Verwirklichung des Gesamtprogramms der Gemeinwirtschaft Oberhessen" be­gegnet vorläufig noch Hindernissen, die ihren Grund in den widrigen Geldverhältnissen der Gemeinden haben. Wenn hiernach Such der finan­zielle Teil des Programms noch zurückgestellt werden muh, so konnte doch der soziale eine weitere Förderung erfahren.

Rachdem alle Möglichkeiten, in welcher Weise auf dem Gebiet der sozialen Fürsorge Eigenes, Selbständiges geschaffen werden könnte, einer ein­gehenden Prüfung unterzogen worden waren, entschloß man sich jetzt zur Errichtung eines Kinderheims. Cs soll in Dem zweiten Pa­villon der Provinzial-Pslegeanstalt Unterkunft finden, nachdem der andere Pavillon vor kur­zum zur Unterbringung von Kleinrentnern zur Verfügung gestellt worden ist. Das Kinder­heim soll ein Geschenk ber Heimat sein. Es nimmt also vorzugsweise die Kinder von in Oberhessen wohnenden oder aus Oberhessen ge­bürtigen Eltern auf. Es dient der Unterbringung aller Derjenigen Kinder vom zartesten bis zum schulpflichtigen Alter, denen entweder bas Ellern­haus ganz fehlt, ober bie aus irgenbwelchen Gründen nicht zuhause bleiben können, fei eS infolge Todes ber Mutter ober bei bevorstehen­der Fürsorgeerziehung bis zur Unterbringung in einer Familie ober nach schwerer Erkrankung für die Dauer bet Rekonvaleszenz, sofern eine Erhtlung im elterlichen Hause aus irgendwelchen Gründen nicht möglich ist, oder für die Dauer einer ambulanten Behandlung in einer der Uni­versitätskliniken ober auch aus anderen Gründen.

Die Notwendigkeit, Kinbern Unter­kunftsmöglichkeit für berartige Fälle zu schaffen, besteht zweifellos. Das Haus ist so geräumig, daß mindestens 30 Kinder Unterkunft fhv den können. Außerdem sind Spielräume innerhalb des Gebäudes vorgesehen, für ben Sommer ein Turn- unb Spielplatz im Freien. Eine gedeckte Ruhehalle wirb noch errichtet wer­den. Die Aufsicht unb Pflege wird erfahrenen Schwestern unb Kindergärtnerinnen übertragen werben. Die Kosten für die Unter­bringung ber Kinber sollen in erster Linie bie Unterhaltspflichtigen tragen, in zweiter Linie der Fürsvrgeverbanb. Mitglieber der Gemein­wirtschaft genießen besondere Dortelle sowohl hinsichtlich ber Aufnahme der Kinder als b»v Kosten. Für ben Teil der Kosten, ber hiernach keine Deckung finden wirb, hat der Provinzial­ausschuh einen Garantiefonds zur Ver­fügung gestellt. Das Heim soll spätestens bis 1. April 1925 eröffnet werben.

Bornotizen.

Tageskalen der für Donners» t a g. Vortrags-Vereinigung: 8l/t Uhr Licht- bilder-Vortrag. Akadem. Ausschuß für Lei­besübungen: 8l/t Uhr Palast-Lichtspiele (Kir­chenplatz) Vortrag unb Vorführung bes groben Sportfilms. Deutsch-Oesterreich. Alpen-Ver­ein: 8 Uhr Mineralogisches und Geologisches Institut Lichtbildervortrag. Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Mutter und Kind". Astoria* LichtspieleTot laut Gesetz".

Dom Stabttheater wirb uns ge­trieben:Die lustige Witwe", die am morgigen Freitag im Abonnement in Szene geht, gehört zu jenen Operetten, die seinerzeit eine Renaissance dieses Genres eingeleitet haben. Das Werk wird sicher so gut wie hie eigentlich klassi­schen Operetten auch jetzt hier sein Publikum finden, zumal es in guter Besetzung und hübscher Ausstattung gegeben wird.

Die Vereinigten Vaterländi­schen Verbände Oberhessens rufen zu einer großen Kundgebung für Recht und Freiheit an Rhein unb Ruhr zum nächsten Sonntag nach­mittag auf. Es werben spr«hen Professor Dr. K ü n tz e l - Frankfurt, ber bei ber kürzlichen Reichsgründungsfeier im Stabttheater eine glän­zende Rede hielt, unb ber bekannte Oberst a. D. Imm anuel-Marburg. Näheres im heutigen Anzeigenteil.

Wettervoraussage.

Wolkig, milde, etwas kühler, noch Nieder­schläge.

Die von gestern durch stetigen Barometer­fall sich anfünblgenbe Trübung der Wetterlage ist inzwischen eingetreten. Ausläufer ber nörd­lichen Depression beherrschen heute ganz West- unb Mitteleuropa, während eine Regenfront Mitteldeutschland erreicht hat. Der herrschend« Witterungscharakter bauert noch fort.

" Provinzialausschuh ber Pro­vinz Oberhessen. Am nächsten SamStaavor- mittag findet im Regierungsgebäude eine öffent­liche Sitzung des Provinzialausschusses mit fol­gender Tagesordnung statt: 1. Klage des H e i n r G ot t wa ls in Berstadt gegen bas Kreis- amt Bübingen auf Aufhebung des Bescheids vom 2. Januar 1925 wegen Versagung des Wan« bergewerbeschcins. 2. Klagen ber Armen a) Gieße­ner Brauhaus und Spiritusfabrik A. u. W. Den- ninghosf in Gießen, b) Ihring-Melchivr. Kom­manditgesellschaft in Lich. c) Heinrich Göbel in Niedershausen, gegen die Stadt Gießen wegen Heranziehung zur Getränkesteuer. 3. Klage des Hugo Schudt in Dorheim gegen das Kreis­amt Friedberg auf Aufhebung des Polizeibefehls vom 3. September 1924.

* Die Handwerkerversammlung, bie gestern im Saalbau Sauer überaus stark besucht war, wurde zunächst durch Berichte von Landtagsabgeorb. H a u r Y . Direktor Schütt­ler unb Beauftragten Nessel über die ver­schiedenen Handwerkerfragep erng^oitet Sen