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Der gefesselte Strom.

Roman von Hermann Stegemann.

60. Fortsetzung (Nachdruck verboten )

(Fortsetzung folgt.)

Der grelle Pfiff aus Hanns Ingolds Signal­pfeife durchschnitt die Luft, aber die beiden Gen­darmen waren in der Menschenflut untergetaucht, und schon spritzte die Sperrstange, von unten her mit geschicktem Griff aus der Klammer geschlagen, in die Höhe, und ehe Hermann Ingold, von dem Ge- ivaltakt übermannt, mutzte, was geschehen war, wälzte sich die Menge herein. Quer über die Hyazin­then stampfte ihre Wut.

Er sprang nach der Tür. Hanns! Sie wollten an ihn. In milder Angst stemmte er sich ihnen entgegen.

Hanns!" schrie er und warf den ersten zurück.

Ein Mädcl:engesichtLa Golosa!", ein Fluch, eine Faust, ein Mester, und plötzlich brach er mit einem schrillen Schrei vornüber.

Und in den^ Schrei schmetterte wie Riesenpeit­schenknall ein Schutz.

Dann ein Kreischen, ein Fall, ein Rennen und Flüchten, Glas knirschte, schrille Rufe, und aus der Ferne der dumpfe Gesang der abziehenden Kolon­nen, die von dem tollen Wesen hinter sich nichts mutzten.

Joseph Hotz kommt Inngjam, wie betrunken über die Scherbcu gestolpert, sein altes Gewehr am Rie­men nachschleisend, und schließt mechanisch das Git­tertor. Er hatte das Ehassepot von der Wand ge­nommen und obgebrüdt er weitz selbst nicht wie.

Hanns Ingold und Doktor Engelhardt waren zugleich zur Stelle.

Hermann lag vorniibergefallen in den zertretenen Hyazinthen. Nicht weit von ihm lag ein Italiener auf dem Rücken.

Gestochen", sagte Hanns heiser, als im Schein eines elektrischen Taschenlichts das entfärbte Gesicht lind die Blutlache sichtbar wurden.

Auf langen Reißbrettern trugen sie die beiden ins Kloster hinüber.

Der junge Assistent verlor die Fassung, als er­den Stich sah. Bon unten nach oben war er in den Leib gedrungen.

Dem braunen Burschen war die Kugel quer durch die Schulter geschlagen. Er hatte das Be- ivußtsein verloren.

Sie trugen Hermann Ingold ins Operationszim­mer. Engelhardt ging mit.

Er hatte noch kein Wort gesprochen.

Die Reflektoren brannten, der weiße Raum war taghell.

Sie müssen sofort anfangen, sofort", sagte En­gelhardt plötzlich zum Arzt.

Sobald der Bezirksarzt da ist", entgegnete der Assistent und versuchte die Wunde zu komprimieren.

Hanns wandte sich an Engelhardt. Sein Gesicht mar starrer als das des Ohnmächtigen.

Der Bezirksarzt ist in Waldshut."

Die Worte fielen tonlos aus seinem Munde.

Engelhardt blickte ihn an, als habe er nicht recht gehört, warf einen zweiten Blick auf das Gesicht Hermanns, das schon ganz verfallen war, und ritz auf einmal den Rock herunter.

Gehen Sic, Ingold! Sic sind hier zttviel!"

Hanns Ingold ging. Mit Gemalt riß er sich auf, draußen wartete sein Werk.

Vorwärts, Kollege, Sie assistieren!"

Das war nicht mehr der Kräuterdoltor, der schrullige alte Herr, ein anderer wuchs plötzlich aus ihm heraus und griff in die klirrenden Messer und Scheren auf dem gläsernen Tisch.

Eine Stunde später lag Hermann Ingold im ersten Verband, lind "Dr. Engelhardt ging langsam wie im Traum den langen Gang hinunter und hin­über in sein Studierzimmer, stellte sich vor das Del= bild feiner Frau, nahm dann die Photographie seiner Tochter in die Hände, betrachtete sie lange und spürte sein Herz nicht, trotzdem es in ungleichen todjlägen, bald rasch, bald erschreckend langsam an seine Rippen schlug.

Mitten in der Nacht, als die Verhöre und die Verhandlungen vorüber waren und Joseph Hotz von dem Hyazinthenbeet weg, wo er mit der La­terne die zertretenen Blumen zusammenlas, in die Untersuchungshaft abgeführt worden war, kam Hanns Ingold und setzte sich in eine Ecke des Vor­raumes von Hermanns Krankenzimmer.

Er konnte das weihe Bett sehen, an dem der Diakon wachte. Die Nacht war totenstill. Zuweilen ein Seufzer, ein Wimmern sonst nichts.

Hanns Ingold war nicht mehr imstande, feine Gedanken in Ordnung zu halten, »ein ganzes Leben lag durcheinander geschüttet. Erinnerungen kamen und gingen. Einsam war er, und nebenan lag Her­mann, und um ihn schlich der Tod. Er dachte an Ruth, an Ruth Engelhardt, wie sie im Kahn ge­fahren waren, und wie sie Abschied genommen hat­ten, als er nach Aegypten ging, und wie er vor ihr niedergekniet war und sie zu ihm gehalten und an ihn geglaubt hatte, als niemand zu ihm stand, nie­mand als sie und der Junge mit dem schwärmenden Herzen, der jetzt dort drüben im Dämmerschlaf seine leisen Seufzer hauchte.

Einmal schlich er sich hin.

Fräulein Ruth", tarn es wie eine Klage, kaum vernehmbar von den trockenen Lippen des Kranken, und seine heißen Hände irrten suchend über die Decke.

Da schlich er sich zurück und vergrub das Gesicht in den Händen und konnte es nicht hindern, daß es zwischen den Fingern seucht hindurchsickerte.

Gegen Morgen kam Engelhardt, um nach dem Kranken zu sehen. Als wäre er nie aus der Klinik herausgewesen, stand er im weißen Schurz als ein ganz anderer neben dem Belt. Nicht mehr mit der erzwungenen Ruhe und der nervösen Gespanntheit, die er bisher nötig gehabt hatte, sondern wirklich ruhig und ausgeglichen. In seinem Gesicht lagen die Züge festgegossen.

, Hanns war sitzen geblieben. Engelhardt ging mit ernstem, sorgenvollem Ausdruck im Gesicht an ihm vorbei zur Tür. Mühsam raffte er sich auf und folgte ihm.

Wir wollen das Beste hoffen, Ingold", sagte Engelhardt kurz.

Hanns Ingold trat in den kommenden Tag. Jn- fanterieposten standen vom Bahnhof bis zum Werk­platz. Die Kompagnie war in der Nacht ange­kommen.

Um sieben Uhr hielt das Automobil mit dem Chirurgen der Basler Klinik vor St. Joseph.

Als Hanns ihn um neun Uhr vor der Rückfahrt begrüßte, erklärte der Professor, er hätte nichts mehr zu tun gefunden und könnte nur sagen, daß ohne das rasche, kühne und zweckmäßige Vorgehen Dr. Engelhardts der Verwundete jetzt schon nicht mehr lebte.

Hanns wollte Engelhardt danken, aber er brachte den Dank kaum zustande. Lange saßen sie stumm, bis Engelhardt leise sagte:

Ruth hat geschrieben."

Es war das erstemal, daß er den Namen vor Hanns in den Mund nahm.

Da schrie in Hanns Ingold, in dem alles auf« gewühlt mar, die innere Stimme nach Ruth, und in ihm und um ihn war Einsamkeit und Kälte: erstor­bene Sehnsucht reckte die Flügel, ungelebtes Leben schrie um Sonne, Arme sehnten sich nach Annen, sein fieberndes Haupt nach dem Ruheplatz in ihrem Schoß und seine von Gedanken zerschlagene Stirn nach ihren kühlen Händen.

Doch das war inwendig. Aenßerlich blieb er stark und ruhig und antwortete:

Morgen wird die Arbeit wieder ausgenommen!"

Hermann Ingold lag auf der Terrasse von Sankt Joseph unter der alten Muskatellerrebe, deren Trauben sich schon klärten. Er war der einzige Kranke. Neben ihm saß sein Arzt.

«eit die «tadt das neue Krankenhaus gebaut hatte, wurden die Kranken des Werkes dort unter­gebracht, und der linke Flügel des wurde

als Bureau benutzt für die Ingenieure der .Tylan- derschen Werkstätten.

Das Schachbrett stand verlassen zwischen Her­manns Liegestuhl und Engelhardts Sessel.

Hermann hatte fein Schreibheft und den Blei­stift in den Händen. Professor Engelhardt schlief. Das wiederfuhr ihm in der letzten Zeit häufig. Kaum hatten sie die ersten Züge getan, erschlaffte seine Aufmerksamkeit, und wenn Hermann mit den mageren Fingern die Königin ins Feld führte, traf er auf keinen Gegner mehr. Anfangs hatte er Engelhardt geweckt, jetzt ließ er ihn schlummern. Dr. Baum hatte ihm gesagt, das sei ein Symptom der zunehmenden Herzschwäche.

Die Mittagspause war längst vorüber, aber Hall und Widerhall der Arbeit weckten Engelhardt nicht auf. Das Werk war gewaltig in die Höhe geschossen.

Hermann Ingold hatte das Leben behalten, die Wunde war endlich ausgeheilt. Aber er mar sehr schwach.

Ebenso plötzlich, wie er einschlief, pflegte Engel­hardt aufzuwachen. 7 'iifctnma tolgt.)

Oessentliche MelmWmiW Donnerstag, den 12. November, abends 8'/j Uhr, im Saalbau Sauer

Thema:

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Baulustige, Wohnungs­lose und Mieter, erscheint in Massen!

Der Vorstand -er Wetervereinr.

DielHittentands«

Vereinigung

ist der Zusammenschluß von Kreisen des Handwerks, der Kaufmannschaft und derGewerbelretbenden, der Industrie, des HauS- und Grundbesitzes und der freien Berufe.

Die Mittelstandsvereinigung ist unabhängig von politischen und konfessionellen Parteiprogrammen.

Die Mittelstandsvereinigung verfolgt im Sladlparlament Kreistag und Provinzialtag ausschließlich Wirtschaftspolitik (als beste Bürgschaft für das Wohl der Allgemeinheit'.

Die Mittelstandsvereinigung bringt als Kandidaten nur Manner der verschiedensten Wirtschaftsgruppen in Bor- ichlag, die die Bot des Mittelstandes aus persönlicher Erfahrung kennen.

Die Vorschlagsliste der Mittelstandsvereinigung trägt die Br. 14 mit folgenden Bamen:

a) für die Stadtverordnetenwahl:

1. Philipp Bicolaus, Architekt,

2. Heinrich Launspach, Malermeister,

3. Alexander Ringel, Kaufmann,

4. Albert Rahneseld, Gastwirt,

5. Adolf Kurz, Oberingenieur,

6. August Balzer, Weinhändler,

7. Max Weihbäcker, Elektrotechniker,

8. Philipp Bausch, Oberpostsekretär i. 2t.,

9. Heinrich Blum, Spenglermeister,

10. Carl Seibel, Drogist,

11. Johannes Müller, Bäckermeister,

12. Karl Herbert, Kaufmann,

13. Hans Götz, Friseurobermeister,

14. Ernst Bücking, Oberlandmesser:

b) für die Äreistagswahl:

1. Johann Joseph Sauer, Kaufmann, Gießen,

2. Heinrich Weimer, Bauunternehmer, Gießen

3. Carl Seibel, Drogist, Gießen,

4. Georg Schnell, Schuhmachermeister, Lollar,

5. August Balzer, Weinhändler, Gießen:

c) für die Provinzialtagswahl:

1. Alexander Ringel, Kaufmann, Gießen,

2. Christian Sleuernagel, Bauunternehmer, Bad-Bauheim,

3. Karl Moh II., Rangiermeister, Lollar,

4. Dr. Walzer, Arzt, Bad-Bauheim,

5. Johann Joseph Sauer, Kaufmann, Gießen.

Diese Kandidaten bürgen für die Durchführung strengster Sparsamkeit auf allen Gebieten und Ablehnung jeder weiteren steuerlichen Belastung.

Der Wahlausschuß.

Wir möchten nochmals auf die heute abend 8 Llhr in der Turnhalle am OSwaldsgatten stattsindende Wahlver­sammlung Hinweisen. 10746D

ÄMHeater

Donnerstag, ö. 12. rimiM aöenos Vh M ... ,=

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Freitag, den 13. November 1925, 8/4 Uhr abends im Hörsaal des Physikalischen Instituts, Stephanstr. 24

DieFarbenphotographie in der Praxis

Vortrag des 2. Vorsitzenden an Hand naturfarbiger Aufnahmen unsererMitglieder. Gäste willkommen. Zur Deckung der Un­kosten wird ein Eintrittsgeld von 0,50 Mk.

erhoben. 10744D

Donnerstag, den 12. November

Schlachtfest

Brandgasse 8

Konzert 00,2i Verlängerung HANS KRATZ

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1 Kassenschrank, 2 Herde, 1 Klavier, 2 Büfetts, 1 Küchenbüfett, 3 Schreib­tische, 1 Regulator, 1 Plüschgarnitur, 1 Bähmaschine, 2 Sosas, 6 Kinder­wagen, 1 Bertiko, 1 Faß Lack, 1 Faß Talg, 65 Hoboks.

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Bekanntmachung

betr. die Wahlen der Stadtverordneten-, Kreis- und Provinzialtagsmitglieder am IS.Nov. 1925.

Es wird nochmals darauf hingewiesen, daß für folgende Straßen eine Änderung hinsichtlich der Wahllokale ein­getreten ist:

1. für ,,5chottstrahe" ist jetzt das zuständige Wahllokal im

Gewerbehaus Kirchstratze 16

2. fürAn den Bahnhöfen" ist jetzt das zuständige

Wahllokal im Schulhaus Westanlage 43

3. fürIhering- und Wilsonstratze" ist jetzt das zu­

ständige Wahllokal im Stadthaus Bergstraße 20

4. fürEichweg und Eichgärten" istjetzt das zuständige

Wahllokal in der Oberrealschule Stephanstr.12.

Gießen, den 11. November 1925.

Der Oberbürgermeister. 3. D.: Dr. Sctb. [10733B

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