Ausgabe 
11.7.1925
 
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Ur. 160 Erstes Blatt

175. Jahrgang

Samstag, st. Juli 1925

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Der Aufmarsch der farbigen Franzosen.

Don Dr. Arthur D i x.

Die gegenwärtigen Kämpfe in Marokko sind für die Franzosen nicht nur aus Prestigegründen von so ungeheuer Bedeutung, sondern aus einer für Frankreich sehr wesentlichen militärpolitischen Ent­scheidung allgemeiner Art heraus. Eine endgültige Niederlage Frankreichs in Marokko würde einmal für die farbigen Franzosen in ganz Nordafrika ein im französischen Sinne höchst bedenkliches Vorbild zeiaen, und sie würde zum anderen eine dauernde Bedrohung Algeriens in seiner Westflanke be- deuten.

Frankreichs oberstes Ziel bei dem Kamps um die Sicherung seiner nord- und nordwestasnkani- scheu Herrschaft ist es, in kürzester Zeit eine große Armee farbiger Soldaten auf europäische Kriegs­schauplätze werfen zu können. Der französische Ge­neralstab hat zu diesem Zweck den Bau eines gro­ßen nordafrikanischen Eisenbahnsystems geplant, auf dessen Linienführung und militärische Absichten gleich zurückzukommen sein wird.

Zunächst einige Daten über den Umfang des ge­schlossenen Kolonialgebiets Frankreichs zwischen dem westlichen Mittelmeer, dem Atlantik, dem Golf von Guinea und dem Kongo:

Kolonie

Bevölkerung in Tausend

1000 qkm

Europäer

Eingeborene

Algier

575

830

5 000

Tunis

125

156

1900

Marokko

420

71

5 400

Westafrika

Aequatorial-

2 519

12

12 780

Afrika

2 256

2

2 850

6 895

1071

27 930

Die wirtschaftspolitische Bedeutung dieses nord­afrikanischen Kolonialreiches geht aus folgenden An­gaben über den Handel im letzten Jahr hervor:

Kolonie

Gesamteinfuhr davon aus

Gesamteinfuhr davon nach

Frankreich

Frankreich

(in Mill. Fr.)

(in Mill. Fr.)

Algier

2 794

1530

1990

973

Tunis

760

518

540

294

Marokko

Franz.- West-

778

438

272

117

afrika Aequatorial-

543

236

446

261

Afrika

25

13

40

5

Summa:

4 900

2 735

3 283

1650

Trotz der weiten Wüstenfläche der Sahara ist das schwarze Frankreich an Umfang und Be­völkerung sowie als Absatzmarkt und vor allen Dingen für die Versorgung Frankreichs von sehr erheblicher Bedeutung, die durch die für Südfrank­reich so bequeme Verkehrslage des westlichen Nordafrikas erhöht wird. Was aber die Franzosen am meisten interessiert, ist das Menschenmaterial, und zwar in erster Linie nicht aus wirtschaftlichen, sondern auch- militärpolitischen Gründen.

Während Deutschland nach Kolonien verlangte und heute in gesteigertem Maße verlangen muß, weil es seine eigenen überschüssigen Menschen- kräste dort produktiv unterbringen will, verlangt Frankreich nach einem ausgedel)nten und sicher be­herrschten Kolonialgebiet, um Menschenkräste für die Zwecke seiner Machtpolitik herauszuziehen.

Nichts kennzeichnet diese Tatsache besser als die französische Eisenbahnpolitik in Nordwestafrika. Der oben erwähnte neueste Plan der französischen Mi­litärbahnen in Afrika, die dazu dienen sollen, mit größtmöglichster Beschleunigung größtmögliche Menschenmassen für den französischen Waffen­dienst nach Europa zu führen, und der mit aller Beschleunigung durchgesührt werden soll, hat fol­gende Hauptrichtung: Sein Ausgangspunkt ist der Hafen Dran, der mit der Hauptstadt Algier bereits durch eine Eisenbahn verbunden ist Die Linienführung soll zunächst nach dem östlichen Marokko führen, von wo aus eine Kohlenversor- gung der Bahn möglich ist, und dann durch die Sahara bis zum N i g e r f n i e östlich von Tim­buktu. Hauptsammelplatz der nach Europa zu über- führenden farbigen Soldaten ist Wagadugu, nördlich des britischen Goldküstengebiets. Von hier aus strahlt die Bahn in die westafrikanischen- stengebiete der französischen Kolonien aus. Die Strecke von Dran bis Wagadugu beträgt 2500 Kilo­meter. Der Betrieb soll im Norden mit Hilfe ma­rokkanischer Kohlengruben mit Kohlen, weiterhin mit Pflanzenöl vollzogen werden. Die Baukosten sind auf annähernd 1,5 Milliarden Franken veran­schlagt, was die französischen Imperialisten auf Kosten der deutschen Steuerzahler gern zu leisten bereit sind.

Da die Bahn vorwiegend militärischen Zwecken dienen soll, können die Tarife unter entsprechenden Zuschüssen des Staates niedrig genug gesetzt wer­den, um bei erheblicher Beschleunigung des Ver­kehrs eine Verbilligung gegenüber der Dampfer­fahrt nach dem Nigergebiet und südlich davon zu er­möglichen. Nach Fertigstellung der Transsahara­bahn soll es durchführbar sein, nicht nur die ersten schwarzen Divisionen schon in wenigen Tagen auf dem europäischen Kriegsschauplatz erscheinen zu las­sen, sondern innerhalb eines Diertelsahres nicht weniger als 400 000 Mann über den Sammelplatz Wagadugu nach Europa zu befördern Der Trans­port auf Der verhältnismäßig kurzen Mittelmeer­strecke AlgierToulon ist unter gegenwärtigen Um­ständen heute natürlich ohne weiteres sicher, so lange sich der Aufmarsch lediglich gegen Deutschland richtet. Sofern freilich die Interesien Englands und anderer Mittelmeermächte von den imperia­listischen Plänen Frankreichs betroffen werden, gibt die kürzere Querlinie von den Balearen nach Sar­dinien für ein Zesammenwirken maritimer Streit-

Aufwertungsdebatte im Deutschen Reichstag.

Berlin. 10. 3uh 1925.

Präsident Lobe schlägt d?m Hause vor, die Fortsetzung der Beratung des Gesetzentwurfes über die Ausübung des Rechts zum Tragen der Militäruniform, die an erster Stelle auf der Tagesordnung steht, an den Schluß der Tagesordnung zu setzen, um in der Beratung der Aufwertungsgesehe keine Berzögerung eintreten zu lassen.

Abg. Graefe (Bölkisch) erhebt hiergegen Einspruch. Gegen die Stimmen der Völkischen wird dieser Einspruch zurückgewiesen. Das Haus schließt sich also dem Vorschläge des Präsiden­ten Lobe an. Nachdem noch der Entwurf eines vorläufigen Handelsabkommens zwischen Deutschland und der belgisch-luxembur­gischen Wirtschaftsunion an den auswärtigen und handelspolitischen Ausschuß überwiesen wor­den ist, tritt das Haus in die 2. Beratung des Gesetzes über die

Aufwertung von Hypotheken.

und anderen Ansprüchen ein.

Abg. Keil (Soz.)

betont, ba/ß beide Aufwertungsgesehe, das über die Hypotheken und das über die Anleihen, in beträchtlich veränderter Gestalt aus den Aus­schüssen vor das Plenum komme. Soweit Ver­besserungen erzielt seien, sei das auf das Wir­ken der Sozialdemokraten und des Abg. Dr. Best (Völk.) zurückzuführen. Sonst sei das Gesetz mit seinen vielen Verschlechterungen gegenüber der Regierungsvorlage nur der Ausdruck des Willens der Komprvmihparteien. Die Ungerechtig­keit sei in ihm nicht beseitigt. Die von den Sozialdemokraten gewünschte soziale Lösung des ganzen Problems sei an dem Widerstand der Kompromißparteien gescheitert, die alles auf den Vorteil der Schuld­ner zugeschnitten hätten. Der Redner verweist auf ein W a h l f lu g b l a t t vom 7. D^ember 1924, in dem die Deutschnatronalen die Sparer, die Aufwertungsgläubiger und Rentner auffor­derten, deutschnational zu wählen, weil die Deutschnationalen alle Ansprüche der Sparer unter voller Berücksichtigung des Entwurfes er­füllen wollten. (Hört, hört!) Und war sei ge­schehen? Die Deutsch-nationalen hätten in unhöf­lichster Weise ihrem Aufwertungsfraktionsmitglied Dr. B e st den Stuhl vor die Türe des Auf wer- tungsausschusses gesetzt und seine Aufwertungs­entwürfe abgelehnt. Das sei ein offener Wort- bruch. Die Stellung der Sozialdemokraten zur Aufwertungsfrage stehe prinzipiell fest.

Das vorliegende Aufwertungslvmpromih habe zwar fein Verständnis für die Röte der betragenen Altbesitzer, aber um sv mehr für die Jnflationsgewinnler und Spekulanten. Der Redner fragt, warum man nicht den Reubesitz ganz streichen wolle._ Offenbar nur aus Angst vor den Danken und Börsen. Der Redner betont, daß die Sozialdemokraten die Streichung des Reubesihes sowie höhere Aufwer- tungssähe beantragen würden.

Abg. Hergt (Dtschn.)

wird von der ßinfen mit dem Zuruf empfangen: Hier stehe ich, ich kann auch anders". (Heiter- heit.) Er erklärte, daß es ohne die Deutsch­nationalen heute überhaupt keine Aufwertung geben würde (Gelächter links!). Mit der anti- kapitalistischen Sozialdemokratie oder durch sie würde keine Aufwertung möglich sein. Bisher sei aber nur geredet worden, jetzt, wo die Deutsch- nationalen in der Regierung säßen, werde etwas geschafft. Das Volk habe Hochachtung vor dem, der etwas schaffe. Alle vorherigen Regierungen hätten an der Auswertungsfrage herumgedokterl.

Wenn man die Höhe der Aufwer­tung bemängele, so solle man sich der warnen­den Stimme des Reichsbankpräsidenten Schacht erinnern, der es nicht ausgeschlossen habe, daß die schweren Zeiten von 1923 wiederkommen würden. Der schwerste politische Fehler der letz­ten Jahre sei, daß die Aufwertungsfrage nicht schon vor dem Dawesabkommen von den Regie­rungen ohne die Deutschnationalen verfaßt und geregelt worden sei.

Erst die Deutschnationalen hätten erzwun­gen, daß prinzipiell die Rotwendigkeit einer Aufwertung von der Regierung anerkannt wurde.

Rirmals hätten die Deutschnationalen 100 Proz. Aufwertung versprochen. (Gelächter und Zwi­schenrufe!) Was darüber behauptet wird, sei Lüge. Auch bei den Bestschen Enwürfen hätten die Deutschnationalen Vorbehalte gemacht, aber es sei zuzugeben, daß die Deutschnationalen mehr erhofft, erwartet und erstrebt hätten, als erfüllbar war. Man könne sich eben der staats­politischen 'Rotwendigkeit und den sich immer schwieriger gestaltenden Wirtschastsverhältnissen nicht verschließen. Die Deutschnationalen hätten auch ein Herz f ü r die kleinen Rentner (Gelächter links), zur Linken würden die Sparer und Rentner nie gehören. Was hätte es aber

genützt, wenn man den Sparern und Gläubigern 50 Proz. bewilligt hätte und es wäre wieder eine Inflation gekommen? Wenn trotzdem hie und da etwas mehr für die Aufwertung hätte getan werden können, so sei es an dem Wider­stand der Regierung gescheitert- Diesen Widerstand, der sachlich seine Begründung hätte, hätte man achten müssen.

Die Stellung der Deutschnationalen zur Auf­wertungsfrage sei das Ergebnis einer genauen Prüfung. Man hätte nicht diese Regierung stür­zen können, weil die Koalition für Deutschlands Zukunft erforderlich sei. (Zuruf: Mit Strese» mann! Beifall rechts.) Es müsse die vornehmste Aufgabe der Regierung fein, der großen Rot der Aufwertungsgläubiger dadurch zu begegnen, daß sie bald Geld in die Hände bekämen. Wenn man auch mit den Ergebnissen des Aufwer- lungsgesehes nicht ganz zufrieden sein könne, so hätten die Kompromißparteien doch eine ganze Menge für die Gläubiger herausgeholt. Aber 78 Milliarden Anleihen zu 100 Prozent aufzuwerten und das deutsche Doll mit 78 Mil- liacben zu belasten, wäre Wahnsinn. (Lärm links.) Der Spatz in der Hand sei jedenfalls besser, als die Taube auf dem Dach. (Zischen links, Beifall rechts!)

Das Kabinett ist in der Aufwertungsfrage vielfach Vater von Hemmnissen gewesen. Aber gerade wir Deutschnatronalen, well wir im parla­mentarischen System sind, erkennen an, daß die Regierung selbständig sein muh, daß man mit der Regierung nicht wie mit einer Puppe umspringen famr (Lachen und stürmische Zurufe links.) Die Regierung hat die größte Verantwortung. Wir können nicht so handeln, wie die Herren von den Gläubigerverbänden wiederholt uns getrieben haben: Stürzt doch die Regierung. Scheidet doch aus. Richt um jeder Angelegenheit willen kann man eine Regierungskoalition aufgeben, wohl aber um der großen nationalen Güter und um großer nationaler Fragen willen. Die Deutsch- nationale Vvkksparlei würde sich selbst aufgeben, wenn sie in einem solchen Fall nicht die letzten Konsequenzen ziehen wollte.

Sie Austsertung'ufcsge ist aber keine der großen nationale» Frage«, sie ist nur ein Ausschnitt eines großen Komplexes von an­deren außenpolitischen und innerpolitischen Fragen. Deshalb mußten wir demAnan­nehmbar" der Regierung Rechnung tragen.

Diese Regierung ist dc/ch unsere Zukunftshoff­nung. (Lachen links.) Sie ist die Aufbauregierung. (Seßr richtig, rechts. Zuruf im Zentrum: Auch mit Stresemann?) Ich habe doch eben über ixe nationalen Fragen genug gesprochen. Herr Dr. Wirth. Wer Ohren hat zu hören, der höre!"

Abg. Dr. Scheiter (g.)

hebt hervor, daß die Darstellung des Abg. Hergt über die Vorgänge der Aufwertungs­frage der historischen Wahrheit nicht ganz ent­spräche. (Hört! Hört! Links.) Dr. Hergt solle die Geduld der Partei, die heute mit ihm die Re­gierung stütze, nicht auf eine zu große Probe stellen. (Zustimmung des Zentrums.) Die jetzt vorliegenden Aufwertungsgesetze seien ein Teil des Problems des Gesamtaufbaues. Dieser Auf­bau solle keineswegs etwa auf alleinige Kosten der Gläubiger erfolgen.

Die Wirtschaft brauche aber zu ihrem Ge- sundungsprozeh eine schnelle und llare Lö­sung der AufwertungSfrage,

um wieder sicher kalkulieren zu können. Gegen das Anrecht der 3. Steuernotverord­nung, die die Hypotheken nur zu 15 Prozent aufwerten wollte, müßte aber Front gemacht werden. Dieser unzulänglichen Bestimmung gegen­über bringe das vorliegende Gesetz eine erhebliche Verbesserung. Würde man 65 Milliarden Hypo- theken und 5 Milliarden Industrieobligationen auch nur zur Hälfte wiederherstellen, so hätte die Wirtschaft dafür bei 5Prozentiger Verzinsung jährlich 31/e Milliarden aufzubringen. Ansere Wirtschaft sei aber so geschwächt, daß sie derartige Saften in absehbarer Zeit nicht auf­bringen könne. 3n der Landwirtschaft fei d i e Rentabilität der Betriebe viel­fach aufgehoben. Der AuswertungSsahhätte deshalb nicht zu hoch getrieben werden dürfen. Die jetzige Lösung sei zwar unbefriedigend, aber es hätte nicht mehr herausgeholt werden können. (Beifall links.)

2lbg. Wunderlich (D. V. P.) betonte, daß es sein Bestreben gewesen sei, in der Aufwertungsfrage auszugleichen zwi­schen Wirtschaft und radikalen Aufwertungsver­bänden und aufzubauen. Die Wirtschaft wollte einen dicken Strich unter die ganze Sache machen. Das halte er, der Redner, für ganz unmöglich, weil es dadurch unzweifelhaft zu einer Revolution gekommen wäre, die das deutsche Volk nicht ausgehalten hätte. (Sehr richtig! rechts.) Gegenüber dem Standpunkt der radikalen

Aufwertungsfreunde, das Recht Recht bleiben müsse, betone er, daß man bei Fixierung den Quote, die der Schuldner heute dem Gläubiger zu zahlen habe, die tatsächlichen Verhältnisse be­rücksichtigen müsse. (Zustimmung recets.) Das gegenwärtige Aufwertungsgesetz sehe keine indi­viduelle Aufwertung, wie sie der Befische Ent­wurf wollte, vor.

Der Destsche Entwurf sei eine juristisch-lo­gische aber praktisch unburchsührbate Vorlage.

Schon deshalb, weil er die endgültige Festsetzung der Quote bis 1932 hinaussHiebcn will, was für die Wirtschaft untragbar sei. Außerdem kranke der Bestsche Entwurs daran, daß er die Tätigkeit der Gerichte außerordentlich überschätzt. Es sei den Ge­richten praktisch unmöglich, in jedem einzelnen Falle eine Entscheidung herbelzuführcn. Ein anderer »och vorliegender Aufwertungsentwurf, der von dem Staatssekretär M ü g e l ausgearbeitet worden ist, wäre wohl der beste gewesen, scheiterte aber nicht zuletzt daran, daß die Regierung ihn gleich ablehnte.

Das schließlich zustande gekommene Kompro­miß setzte sich aber aus einer Fülle von Linzel- fompromiffen der Partei untereinander und mit der Regierung zusammen.

Der Aufwertungssah von 25 Prozent sei eine Folge der vielen Kompromisse. Gr sei ja in einer Reihe von Fällen, die im § 10 festgelegt seien, wo es sich um Grundstücksüberlassun­gen handele, e.lastisch. Es würde zweifellos viele Fälle geben, in denen der Satz von 25 Proz. überschritten werden könnte, aber wahrscheinlich ebenso viele, in denen schon dieser 6al} zu hoch fei. Das kennzeichne allein die Schwierigkeiten der Fixierung der Quote. Der Richter werde Wohl viel Arbeit dadurch bekommen.

Der Redner kommt dann auf die Frage der Aufwertung der Restkaufgelder zu sprechen. Rach dem Kompromiß sollen Restkauf­gelder aus der Zeit von 1912 bis 1021 bis zu 100 Prozent ausgewertet werden. Für die Zeit nach 1921 hat das Gesetz keinen Satz festgelegt. Da solle eventuell die Möglichkeit bestehen, noch über 100 Prozent aufzuwerten. Der Redner hält das aber für bedenklich, weil das einen Eingriff in die Vertragskreiheit darstelle. Die im Gesetz vorgesehene Verzinsung bezeichnet der Redner als überaus unbillig. Eine höhere Verzinsung sei aber an der Hauszinssteuer gescheitert, die die Regierung unbedingt erhalten wolle. Daraus er­sehe man. wie auch die Aufwertung mit der Frage der Wohnungszwangswirtschaft zusammen- hänge und wie notwendig es im Interesse der gesamten deutschen Wirtschaft sei, die Wohnungs» zwangSwirtschast abzubauen. (Lebhafte Zustnn- mung.) Bei Betrachtung der Frage der

Aufwertung von 3nbuftricoMig<riionen

betont der Redner, daß eine große Anzahl von Industrieunternehmungen sich in schwerer Rot­loge befänden. Trotzdem sei eine billige Lösung gefunden worden, insofern, als den Gesellschaften die Möglichkeit gelassen ist, erst einmal eine gewisse begrenzte Dividende an ihre Aktionäre auszuteilen. Das sei notwendig, weil von der MöglicAcit, Dividende zu zahlen, die Kreditfähigkeit eines -Unternehmens abhängig ge­macht werde. Das vorliegende Kompromiß, das eine sehr schwierige Materie behandele, sei nach langwierigen Verhandlungen zur Annahme ge­langt, und auch er, der Redner, habe seine Zu­stimmung gegeben. (Beifall rechts.)

Abg. Koch (Dem.)

gibt namens seiner Partei eine Erklärung ab, in der es u. a. heißt: Die Demokratische Partei hat sich bei der Behandlung des Aufwertungsproblems von jeher nur von sachlichen Motiven leiten lassen. Die Aufwertung ist für die Demokratische Partei aus der einen Seite ein moralisches, soziales und wirtschaft­liches Gebot. Auf der anderen Seite ein Problem der staatswirtschaftlichen und privatwirtschaftlichen Möglichkeiten. Die Aufwertung muß des­halb bis an die Grenze dessen gehen, was beide Wirtschaften vertragen können. Dabei handelt es sich grundsätzlich um die individuelle oder die schematische Aufwertung. Die vorliegenden Gesetzentwürfe gehen von der schematischen Regelung aus, und sind da'ei mit Schwächen und Mängeln beider Möglichkeiten be­haftet. Es ist der Demokratischen Partei nickt ge­lungen, diese großen Mängel zu beseitigen und auch sonst die Aufwertung befriedigender zu gestalten, da die hinter der Regierung stehenden Parteien sich, allen Abänderungsanträgen gegenüber ablehnend verhielten und an dem Kompromiß fefthictten. Die Verantwortung dieses Kompromisses müssen die hin­ter der Regierung stehenden Parteien übernehmen.

Die Demokratische Partei lehnt diese Ge­setze ab.

Der Redner führt außerdem u. a. aus. es sei nicht seine Ausgabe, ben Reichskanzler gegen die Vorwürfe des Abg. Hergt zu vncke'.digen, da ja bei dieser Frage von fiskalischen Grundsätzen ausgegangrn fei, und daß es erst emrs hydrau- lidjen Druckes der Deutschnatronalen bedürfe, um

kräfte Englands, Italiens und Spaniens die Mög­lichkeit einer ernsten Bedrohung dieser Verbin­dungslinie.

Neben den militärpolitischen Plänen, die Frank­reich mit seinem zusammengeballten Kolonialreich im westlichen Nordafrika verfolgt, stehen weite Per- spektivcn im Weltverkehr. Schon lange verfolgt Frankreich den Gedanken, die kürzeste Verbindung zwischen Europa und Südamerika unter franzö­sischen Einfluß zu bringen, und zwar durch eine Dampferlinie zwischen dem westlichen Kap Afrikas

und dem östlichsten Vorsprung Südamerikas. Die Linie würde von dem brasilischen Hafen Pernam- buco oder Ceara nach dem französischen Hafen D a- c a r führen und von hier ihre Fortsetzung durch eine Eisenbahn nach Dran bzw. Algier finden. Liegt der schnellste Verkehrsweg zwischen Europa und Latein-Amerika in französischen Händen, so hofft Frankreich mit verstärktem Erfolge seine .Fultur- propaganba" in Latein-Amerika durchführen zu können, von der es sich ebenso viele politische wie wirtschaftliche Erfolge verspricht.

Das ist die Situation und die Bestimmung des schwarzen Frankreich in militärpolitischer und welt­politischer Hinsicht. Da die französische Militärbahn von Dran zunächst nach Dstmarokko geführt und hier mit Kohlen versorgt werden soll, liegt klar zu­tage, daß ihre Sicherheit dauernd von der völligen Beherrschung Französisch-Marokkos durch die Fran­zosen abhängt. Damit ist der Ausgang der marok­kanischen Kämpfe in erheblichem Grade entscheidend für das Tempo der künftigen Mobilmachung der farbigen Franzosen.