Nr. I3§ Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderheffen)Donnerstag, Zuni 1925
Schulfragen.
. Von QL Dorn. Darmstadt.
QDie lange will man eigentlich den Zustand, in dem unser städtisches Schulwesen sich befindet, noch mitansehen? Alljährlich verlassen eine Menge Knaben und Mädchen fluchtartig die Grurchschule. um die langersehnte höhere Schule au begehen, fristen hier für einige Jahre ein kärgliches Dasein, weder zu ihrer, noch der Eltern, noch der Lehrer Freude, Die dann, Wenns gar nicht mehr geht, toieber in die Volksschule, oder wenn's ’4>on langt, ins bürgerliche Leben abhauen. Solcher Dildungsweg wurde schon lange vor der Revolution, in gesteigertem Maste aber nachher allüberall, und gewöhnlich mit demselben oder ähnlichem Erfolg beschritten. Und auf diesem, so wenig vorbildlichen unb fv zahlreich begangenen steinigen, schweißbedeckten und tränenfeuchten Weg zur „Dildung" sehen wir Angehörige aller Stände bis herunter zum jetzt auch üblichen einzigen Sohn deS Fabrikarbeiters Die Ursache eines derartigen Zustandes zu erörtern ist überflüssig auS mehr als einem Grunde. Aber eine Schulpolitik, die noch nicht an doktrinärer Verhärtung hoffnungslos erkrankt ist. sollte in ihren Schuleinrichtungen doch die tatsächlichen Verhältnisse berücksichtigen und das Leben, wie es nun einmal ist, zu gestalten suchen. Was wir bis jetzt an f©genannten Schulorganisationen in neuster Zeit erlebt haben, trug meist den TodeSkeim von vornherein in sich. weil'S letzten Endes keine Organisationen, sondern Konstruktionen waren, die sich zwar auf dem Papier hübsch ausnahmen. die aber trotz der mannigfachen Hilferufe in der jüngsten Zeit an Vlutleere starben. „Don der Höhe reiner Begriffe läht sich kein Dildungs- shstem konstruieren", diese- Wort Pestalozzis allen EvndorcetS der neusten Revolution mit ihren Scheuklappen breit unb groß ins Stamm- buch« — Wie aber? „Jedem das Seine!" heistt der altpreustische Spruch. Dem "Begabten die höchste Bildung, ob er arm oder reich ist. Die vietjährige Grundschule z. B. ist al- vierjähriger ZwangSkurs für alle eine Ueberspannung des Grundsatzes von der Gleichheit der Menschen. Man kann die allgemeine Gleichheit als Grundsatz aufstellen: man kann sie auch gar häufig mit Macht erflrebcn; das Bestreben ist oft lobenswert: Gleichheit vor dem Gesetz, Gleichheit in staatsbürgerlichen Rechten und Pflichten, Gleichheit in der Treue zum Vaterland, aber der Gleichheit des Bildungsganges hat unser Herrgott felber fein entfd>iebenc8 Olein entgegengesetzt, indem er Gescheite unb dumme schuf. Mag fein, dast der Schulbegabte nachher im Leben ein weniger nützliches Glied der menschlichen Gesellschaft barstellt als der Schulunbegabte. Die Schule hat innerhalb des Rahmen- des Erziehungsshstems vorwiegend die geistige, die intellektuelle Ausbildung, die Uebermtttelung geistiger Lehrgüter — das Moralische usw. versteht sich von selbst. — Mag sein, dast ein tüchtiger kleiner Rechner unb Rechtschreiber nachher im Leben als Verbrecher enbet. Aber auch die neuste Methode ändert nichts an der Tatsache. dast die drei grundlegenden Weisheiten bet Grundschule vom einen bereits in drei, vom andern nicht in vier Jahren begriffen werden. Raub am Volksgut bedeutet es. wenn die Schule nicht au- jedem. befonders auch dem "Begabten, da» Bestmögliche heraus holt Jedem das Seine!
Run aber zum eigentlichen Thema! Das Leben ist reicher, als eine Zweiteilung vorfehen möchte Es gibt und wird immer Begabte geben, die die höchste Stufe der Schulbildung nicht erklimmen können, denen trotz aller in der "Ber- faffung verankerten Erziehungsbeihilfen die Hochschule verfchloffen bleibt, weil sie fchon früher verdienen müssen, als jeder akademische Beruf zulästt. Es gibt weiterhin mittlere "Begabungen die Menge, die bei angemessenem eigenen und entsprechendem Bildungswillen der Eltern eine mittlere Reife erreichen können. Es gibt mäßige Begabungen, die bei eisernem Fleiß in hartnäckiger andauernder Arbeit, unterstützt durch ein bildungswilliges Haus, sich durchringen zu er-
„"Der blaue Vogel".
(Saftspiel des deutsch-russischen Kabaretts im Stadttheater.
Solche Olbende gehören zu den wichtigsten Eindrücken, die das Theater vermitteln kann. Das bleibt auf jeden Fall fest zuhalten, auch wenn, an anderem Maßstab gemessen, schon viel, viel besser musiziert und gespielt worden ist beim .blauen Vogel".
Es ist ein eigenes Gefühl, angesichts dieser Leistungen sich einmal wieder klar zu werden, wie weit wir gelegentlich, und zum Glück nicht überall, doch im Theater vom eigentlichen Theaterspielen abgekommen sind. Denn was wird hier anderes gemacht als gespielt, als auf der Schaubühne etwas verabfolgt, daS in erster Sinie und in ganz ursprünglicher Form sich an das Auge wendet, gesehen — und an das Ohr. gehört zu werden. Unb dieses Theaterspielen in seiner schlichten, ehrlichen Art. das frei ist von allem Kokettieren mit tieferem .Sinn" und großer „Bedeutung". daS ist es. waS so beglückend froh macht und einem wieder Lust gibt, am Theater mitzuarbeiten. (Denn auch der Zuschauer muß ganz aktiv mithin, wenn Leben gedeihen soll auf der Bühne.)
Allein schon die ganze Qkrt, die Dekorationen zu stellen, ist erfrischend in ihrer Wirkung. Hier sieht man stets und in jedem Qlugcnblicf. baß man im Theater ist, in jenem geheimnisvollen Reiche, wo Puder und Schminke herrschen unb aus einem Komödianten einen König ober Harren oder ‘Bettler machen. Jeder Behelf bleibt als solcher betont, seien es Wolken, die, aus Pappe gemacht, stets nur wie aus Pappe gemachte Wolken angesehen werden wollen, seien es Blumen aus Papier, die mit aller Offenheit als Papierarbeit gelten wollen. Diele bewußte Klarheit und Eindeutigkeit, die dieses Theater zum künstlerischen Erlebnis werden läßt, steht überall obenan. Es ist wieder einmal ein ganz stark beweisendes Musterbeispiel für den echten Theaterinstinkt Heinrich Kleists, dessen Aufsatz über bas „Marionettentheater" der Katechismus jedes wahren Schauspielers und Spielleiters war — und i ft
Man muß das nur einmal ansehen, wie diese Leute aus der Kulisse kommen und sofort jenes differenzierte Wechsüspiel von seelischem und Srperllchem Ausdruck beginnt, fei es mit ge
weiterten Lehrzielen. Es gibt gute, mittlere und schlechte Begabungen mit m.-.ß gern und ichlcch em Vildungswillcn. sowohl leitend der Eitei-n wie seitens der Schüler. — Eine andere Betrachtung lei hier eingeflochten Die akademischen Berufe beanspruchen rein zahlenmäßig einen nur kleinen Bruchteil eines Volkes. Weit zahlreicher sind die mittleren Berufe vorhanden, am zahlreichsten die unteren "Berufe. Die Worte: unten, mittel und hoch sind hier rein nach der schulischen Vorbildung genommen, die zur sachgemäßen Ausübung eine- Berufes nötig ist. Eine Wertung der Einzelpersönlichkeit bloß nach der Vorbildung wäre selbstverständlich falsch. Der Mensch wertet sich im allgemeinen durch das. was er ist und leistet, nicht durch leine schulische Ausbildung — Für die akademischen Berufe besteht nun feit Jahrhunderten ein festgegliederter Schulweg, der je nach den Erfordernissen des Lobens bereichert und organisch ausgestaltet worden ist Für die unteren Berufe ist feit hundert Jahren die Volksschule gegründet worden, deren Ziel und Lehrplan ebenfalls reiche Ausschmückung erfuhr. Dazwischen fehlt nun aber der fest umriffenc Schulweg zur mittleren Reife für die groß? Masse der mittleren "Berufe. In Darmstadt hatte man vor der Revolution die Mittelschulen. Wie sie waren, bedeuteten sie keine Lösung des Problems, sondern nur einen Änfah zur Lösung, der auf halbem Wege stecken blieb und den deshalb, anders als in Preußen, ein verdientes Schicksal ereilte, als man die Mittelschule zerschlug. Halbe Arbeit rächt sich immer. An ihrer Stelle schuf man als Ersah im Rahmen der Volksschule die Klassen mit erweiterten Lehrzielen. Diese kranken nun. besonders, was die Knaben anbetrifft, an dem liebel all dieser Reugründungen, an c.nem chronischen Schülermangel Alle Kunst einer nachsichtigen Auslese und der zäheste Wille der Schöpfer dieses Ersatzes kann auf die Dauer nicht über den Mißerfolg hinwegtäuschen. Was man mit der Einrichtung der erweiterten Klassen erreicht hat. wissen wir Lehrer ziemlich genau, besonders die unter uns. die in den nach der Auslese noch bleibenden parallelen Hormalfiaffen zu unterrichten haben. Denn diese „Rormalllassen" können auch vom besten Lehrer nicht mehr zur normalen Höhe geführt werden. Es sind, wenn man will, bessere Förderklassen. Um einer Schul- tonflruftion willen pumpt man die Jahrgänge alljährlich aus. Unb woher dieser Mangel an Begabten? ES weht eben alles, was einigermaßen laufen kann, zur höheren Schule ab — ohne Unterschied dcr Stände. Wir in der Volksschule haben die Einrichtung, die höhere Schule hat die Schüler dafür Auch hier kann man von einem verdienten Schicksal sprechen. Cs rächt sich, daß man blindlings zerschlug. Man hätte besser den bestehenden Ansatz zur Mittelschule, die immerhin eine Geschichte hatte, ausgebaut als zerstört. Das Weiterbauen ist im allgemeinen weniger schwierig als das Reubauen. Daß der jetzige Zustand für höhere und niedere Schule auf die Dauer nicht zu ertragen ist, liegt auf der Hand. "Die höhere Schule hat schon früher reichlich über den großen Ballast, den sie bis zur Tertia, zur Untersekunda mitschleppen muß, zu flogen Ursache gehabt. Rach dem Zerschlagen der Mittelschule muß dieser sich entsprechend vergrößert haben. Wenn dadurch das Riveau der höheren Schule auf die Dauer nicht beeinträchtigt werden soll, muß Abhilfe geschaffen werden. Das kann u. E. nur erreicht werden durch Gründung und Ausbau einer Schule, die zur mittleren Reife führt, eine geschlossene Bildung gewährleistet und den Bedürfnissen des Mittelstandes genügend Rechnung trägt. Die neue Mittelschule ist an unb für sich auf zwei Wegen zu erreichen: von der Volks- unb von der höheren Schule aus. Sie kann, wie früher, im Rahmen der Volksschule verbleiben und in etwa sechsjährigem Kurs auf der vierjährigen Grundschule auf bauen. Dann müßte die höhere Schule aber unter strenger Beachtung ihrer eigentlichen Aufgabe: Vorbereitung für die Hochschule, frühzeitig ihren Ballast abstoßen, bezw. ihn von
rornherein verweigern Gangbarer ist unter heutigen Verhältnissen bei dem Drang aller Kreise nach der höheren Schule ein zweiter Weg, eine Lösung von dieser aus dadurch, daß sie. unter Aenderung ihrer Ausgabe. Kurse ober ganze Schulen für mittlere Reife einrichtete. Ich stehe aber nicht an, ben ersten Weg aus verschiedenen Gründen für den richtigeren zu halten. — Wie dem auch sei. auch der Mittelstand hat ein Recht auf eine Schule, auf der er seine Fachbildung auf bauen kann. Jedem das Seine!
Der Urbericht.
Ohne jede Vorbereitung hat man in Paris einen gewaltigen Kanonenschuß gelöst und den Bericht des Generals Walch als Chefs dor alliierten Kontrollkommission über das Ergebnis der Militärlontrolle an Deutschland veröffentlicht, und zwar nicht in seiner Gesamtheit, sondern auszugsweise, also auf gut deutsch getagt, entsprechend frisiert. Daß die Veröffentlichung, nachdem sie monatelang zurückgehalten wurde, gerade in diesem Augenblick erfolgt, hat selbstverständlich seinen guten Grund. Denn die von ben Franzosen beeinflußte Presse hat sich wohl gehütet, ben Gesamtinhalt der Entwaffnungsnote samt ihren Anlagen zu veröffentlichen, fic hat vielmehr nur die Rote selbst mit ganz kurzen Angaben über die Anlagen verbreitet, und da die Rote relativ höflich gehalten ist im Vergleich zu dem, was wir von früher her gewohnt waren, die Welt also nicht erfuhr, auf welch fadenscheinigem und lächerlichem Grunde sich die Beschwerden über die deutschen „Verfehlungen" stützen, so wurde zum Teil wenigstens der Zweck erreicht, der breiten Masse vorzuspiegeln, wie liebenswürdig unb entgegenkommend die Entente gegen Deutschland fei, obwohl die'es gefährliche Deutschland immer noch bis an die Zähne bewaffnet wäre. Und diesen Eindruck" soll der Bericht der Kontrollkommission jetzt erhöhen, darauf ist er zugestuht. Aber er wird doch nur bei sehr leichtgläubigen Lesern Eindruck machen: jedenfalls ist es ganz charakteristisch, daß die „Ere Rouvelle" den Mut aufbringt, das Kind beim rechten "Hamen zu nennen unb die neugierige Frage an die französischen Militärs zu richten, wo denn die dreißig- bis vierzigtausend Kanonen, die fünf bis sechs Millionen Handfeuerwaffen und die dreißigtausend Flugzeugmotoren sind, die Deutschland nötig hätte, wenn es Frankreich wirklich gefährlich werden wollte. Eben weil sie nicht da sind, muß aus jeder Mücke ein Elefant gemacht werden, muß mühsam alles Her- Halten, was an Geschwätz v der Denunziation der Kommission zugetragen ist. In ganz Deutschland hat sie einige zehntausend Cisenstücke gefunden. die vielleicht einmal zur Herstellung von Maschinengewehrläufen benutzt werden können, die aber sehr viel besser zum friedlichen Gebrauch zu verwenden sind. Dieser Fund wurde noch vermehrt durch hundert Kisten, in denen „Material für die Herstellung von Kriegswaffen verpackt" waren. Man bebenfe, mit diesen hundert Kisten will Deutschland den Revanchekrieg gegen Frankreich führen. Weil das der Kommission doch selbst zu absurd vorkommt, hilft es sich mit der Behauptung, es sei wahrscheinlich, baß sie oft an ähnlichen Lagern vorübergegangen sei. Bleibt also nur ber Ausweg, daß man in Deutschland jeden Fleck Erde umgräbt, um zu versuchen, ob da vielleicht noch einige Kugeln verborgen sind. Darüber hinaus die Klagen über den bösen Willen der deutschen Regierung, die etwas seltsam anmuten angesichts der Tatsache, daß mehr als zweitausend Kontrollbesuche gemacht wurden, und der Vorwurf, daß das deutsche Heer kein Heer von Freiwilligen, sondern eine Kadres-Armee sei. 3a, wo sollen wir denn Freiwillige herbekommen, wenn man uns die zwölfjährige Dienstzeit zur Pflicht macht?! Und in dem Stil geht es spaltenlang weiter, der ganze Bericht ist eben nur eine einzige Entschuldigung dafür, daß die Kommission nichts gefunden hat, und daß es ihr trotz aller Provokationen nicht gelungen ist, Zwischenfälle zu
lockertem Minenspiel unb freien Gliebern, sei es stark formal gebunden mit starrer MaSke und marionettenhafter Bewegung. Die oft groteske Ueberfteigerung in ber Kleibung, die in ihrer absoluten Freiheit bie fabelhaftesten Wirkungen gestattet, bebingt Beziehungen zu Tönen unb Gesten, bie wiederum auf derselben Linie liegen, (ohne störende Unterbrechung durchgehalten auch bei der Entgegennahme des Beifalls), unb bie restlose, wie selbstverständliche Erfüllung all dieser Forderungen ist es, die den „blauen Vogel" zu einem künstlerischen Wertfaktor allerersten Ranges stempelt.
Das Programm (in dem wir gern als stark charakteristisch für Iushnhs Arbeit und als Zeitbild in bizarrer Spiegelung die „Amerikan Dar" und „Time is moneh" gesehen hätten) liegt feit Jahren fest. Die „Abendglocken" und „"Burlafi" fangen uns kürzlich die Don- Kosaken (in unerhörter Vollendung): hier blieb Kabarett-Milieu gewahrt. In Mitteln und Wirkung infolgedessen ganz anders, auf anderen Ebene gleich gut. Tschastufchki (Sieber russischer Fabrikarbeiter) und Strelotschek (Lied vom Jägerlein) sind anspruchslose kleine Wilieu- skizzen mit scherzhaftem Einschlag: das Publikum fang — nach bekannter Melodie — „russisch" mit.
Sehr stark, musikalisch wie rhythmisch bewegt, ist der König, der seinen Tambour rief, besonders durch die Figur des Harren. Wie überall, so fanden auch hier die „Zinnsoldaten" einen großen Beifall. Sie sind aber auch wirklich allerliebst, ein rokokkohaftes Spielzeug mit etwas abgegriffener Farbe. Hierher gehört weiter „Wanka-Tanka" und das „Russische Spielzeug" mit einem reizenden Püppchen. Zutiefst erschütterten aber bie „Leierkastcnleute" mit ihrer grauenhaft kalten Sachlichkeit, dem falschen Intonieren des kleinen Mädchens unb ihren fast leblosen Akrobatenkunststücken. Unb bann der Blick, der um Geld bettelt.....
Die Konzertmeisterin Frl. Schuster, das Wunderkind der Truppe, die ein erstklassiges Diolinstück zu Gehör brachte, schien gestern das Stiefkind des Konferenziers W. Orlow zu sein, jedenfalls wurde sie nicht angesagt. Orlows Conference war lebendig und flott und fand vollen Anllang in dem trotz der reichlich späten Ankündigung des Abends recht gut besuchten Hause.
Auf dem Heimweg drängte sich mir der Gedanke auf: Jedes Publikum hat das Theater, was es verdient. e-s.
Grenzgeschichten.
Von Heinz Scharpf.
Wütend Hemmte der Herr aus Berlin fein Monokel ein.
„Sagen Sie mal, Derehrtrster, Jedanken sind doch zollfrei?"
„Oh," nickte der "Beamte malitiös, „Sir führen sicher keine mit!“
Das Fräulein war einer Ohnmacht nahe.
Man gab ihre intimsten Wäsc^stücke dm Augen aller Reisendm preis
„Ach, Herr Zollinspektor," piepste sie flehentlich, „seien Sie doch galant . .
„Gebrauchen Sie keine Fremdwörter hier an ber deutschen Grenze!"' erscholl hinter ihr eine erbitterte Volksstimme.
Cs war im wunderschönen Mai-käferjahr Anno 1920.
Da setzten zur Dezimierung des kleinen braunen Schädlings pro abgelieferten Liter sowohl bie Dora ribergischen als auch die Schweizer Gemeinden einen Geldbetrag aus.
Da aber die Schweizer das Elffache der Oesterreicher bezahlten, war es nur natürlich, daß die Vorarlberger sich eines schwunghaften Maikäferschmuggels befleißigten.
"Beim Zollhaus in H. stand der Schweizer Grenzwächter Lüthi und hielt strenge Wache.
Kein einziges dieser listigen Vorarlberger Kinder, die harmlos mit ihren Milchkannen an- gerückt kamen, entging seinem scharfen Auge.
Alle Augenblicke sprang er aus seinem Häuschen hervor, hob einen Deckel auf und stürzte dann mit Befriedigung den Inhalt ber Milchkannen auf Den Boden, fröhlich zufehend, wie die befreiten Maikäfer in ber Richtung nach der Schweiz davonschwirrten.
Beim Eintritt nach Oesterreich wurden die Reisenden nach eventuell mitgeführten Rauch- Materialien befragt.
„Zigarr'n? Zigaretten? . . ." erscholl bie monotone Stimme des Beamten ununterbrochen.
„Haben Sie vielleicht Virginier?" ließ sich plötzlich dazwischen der tiefe Baß eines Passanten vernehmen.
Tante Melanie, die gute alte Dame, passierte jeden Tag bie Grenze, um ihre Freundin jenseits der schwarzgelben Grenzpfähle zu besuchen.
schaffen, die den böfen Willen Deutschlands augenfällig hätten machen können
Hessische Missionskonferenz.
y Mainz. 8. Juni. Heute fand in hiesiger Johann,skirche die Hauptversammlung der hessischen Missionskonferenz statt, die keiner einzelnen Missionsgefellschast dient, sondern allgemein million-wissenschaftliches Interesse verfolgt unb somit das Missionsinteresse fördern will. Die Verhanblungen standen auf bemerkenswerter Höhe Rach einer von Pfarrer Glock- Mainz gehaltenen Andacht eröffnete Professor Werner- Friedberg als Vorsitzender mit herzlichen Begrüßungsworten die Verhandlungen. Der Schriftsührer. Pfarrer K ö d d i n g verlas den Jahresbericht und Pfarrer Schäfer- Ober-Ronbach den Rech- nungsablchluß. der ein günstiges 'Bild zeigt?. Missionsbischof D. Henning- Herrnhut hielt darauf ein hochinteieffantes Referat über: „Die Stellung der Frau in ber beiden-christlichen Kirche", auf Grund eines umfassenden Materials, das erst kürzlich von allen deutschen Misslvns- seldern durch Ausfüllung ausgesandter Fragebogen gesammelt wurde Das ganze Material wird demnächst in dem Baller Mifsionsmagazin erscheinen. Die neue Zeit (seit 1914 haben z. D. 21 Staaten den Frauen das Wahlrecht verliehen« übt auch auf die Stellung der heidnischen und heiden-christlichen Frau einen bemerkbaren Einfluß aus. In her Diskussion sprach unter andern die gerade anwesende Miß Glocke- London. Mitglied der internationalen Missionsvereinigung. in englischer Sprache herzliche, versöhnende Worte, die von einer Dolmetscherin überseht wurden. Am Rachmittag versammelte sich eine Wissionsgemeinde an demselben Ort und hörte den Vortrag von Prof. K n ö p p-Alzey über: „Das Urchristentum als Missioiismaß". tiefgehend unb eine lebhafte Besprechung Hervorrufen b. Oberkirchenrat Wagner- Darmstadt begrüßte als Vertreter der evangel. Kirchenbehörde die Dersanimlung, und mit herzlichem Dank für alles Gebotene schloß der Vorsitzende die Konferenz. Abends Hang die Mission-Veranstaltung mit einem Gemeindeabend im evangelischen Vereinshause aus, wo noch einmal Missionsbischof D. Hennig sprach.
Amtsgericht Gießen.
' Gießen, 9. Juni. Zwei in den Landsturmbaracken in der Kaiserallee wohnende Familien sind anscheinend wegen ihrer Kinder miteinander verfeindet, und es kommt de-halb ab und zu zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen ihnen. Eine solche fand auch Anfangs Februar statt, die dann Gegenstand der heutigen Privatklage bildete. Schimpfworten von der einen Seite folgten solche von ber andern, die .Kinder der einen Partei griffen noch in den Streit ein, und es wurde auch eine Wurzel bürste herüber- und binübergetoorfen. DaS Ende vom Liede war, daß heute nicht nur die Angeklagte, sondern auf Deren Widerklage hin auch die Privatklägerin gestraft wurde. Das Gericht war der Meinung, Daß unter ben vorliegenden Umständen von der Vorschrift des Gesetzes, bei auf ber Stelle erwiderten Beleidigungen beide Beleidiger oder einen von ihnen für straffrei erklären zu können, kein Gebrauch zu machen sei, daß vielmehr beide Telle zu bestrafen seien. Demgemäß wurde die Angeklagte, Die die bei weitem schwereren Beleidigungen begangen hatte, zu einer Geldstrafe von 40 M k., die Privatklägerin Dagegen zu einer solchen von 2 0 Mk. verurteilt. Der Richter entließ die beiden Parteien mit der Ermahnung, in Zukunft gegenseitig Ruhe und Frieden zu halten, andernfalls aber, wenn sie sich wiederum gegenseitig schimpfen Mit en, ruhig zu Haufe zu bleiben und nicht wieder an Gericht zu laufen, da alsdann wiederum beide Teile bestraft werden würden.
„Zoll" und „Paß" kannten die spinöse, leicht gereizte Erscheinung und ließen sie anstandlos passieren. Die hätte keinen Zahnstocher geschmuggelt, diese grundehrliche Haut, soviel Menschenkenntnis besaß ein jeder. Ihr bißchen Geld trug sie in einem Strumpf mit sich, den sie jedesmal hoch zeigte, um ja nicht in den Verdacht der Geldmitnahme zu gelangen. Die Zollbeamten winkten schon von weitem ab, wenn sie sich in ihrem Eifer vordrängte. „Schon gut, Frau Steuereinnehmerswitwe, schon gut . . .“
Aus diese Art gelang es Tante Melanie, im Saufe Der Zeit in aller Gemütsruhe bier- taufenD Paar Strümpfe aus Deutschland einzuschmuggeln.
T. wollte mit seinem RaD von A. nach B.
A. liegt in Bayern, B. gegenüber in Oesterreich.
Beim Zollhaus in A. also mußte T. ab- sihen unD seinen Paß vorweisen.
„So, so, mit'm Rad! wott'n S nach B. ? fragte Der Zollbeamte stirnrunzelnd, „zu was Denn nacha?"
Rur um Den Ort zu besichtigen, auf eine halbe Stunde."
Der Zöllner ließ X in das Zollhaus treten, schlug murrend ein Buch auf und blätterte lange Darin. Dann seufzte er herzzerbrechend und nahm einen Bleistift zur Hand. „Allo", begann er von neuem, „wann D wirklich mit’m Radi über Die Grenz' wott'n, hoben wir erstens amal 10 Mark Zotthinterlegung, Dann 120 Prozent Zollzuschlag und 25 Prozent Steuer . .
Er schrieb das alles auf einen großen Bogen und fing zu rechnen an. Plötzlich aber sprang er auf. schmiß den "Bogen hin und sagte:
„Allo, so fahr'n S' halt in Gottesnamen zua. wann S' eh in ahner halben Stund wieder z'ruck kemma."
Es gibt auch galante Zollbeamte.
In Paraguay.
Da passierte eines TageS ein Ehepaar fre Grenze.
„benor." Mutierte der dienst habende Beamte, „was führen Sie Wertvolles mit sich?"
„Richts," lachte Der junge Mann, „außer meiner Frau, die lasse ich Ihnen aber mit Vergnügen Da.“
„©enor,“ salutierte Der Beamte wieder, „tote können Sie sich mir gegenüber eine Derartige Beamtenbestechung erlauben?" , ■


