Ausgabe 
11.5.1925
 
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Nr. M Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Die Reichsbahn.

Eine Entgegnung Generaldirektor Oesers.

'Berlin 11. Mai. (WTD.) Aus Die -ahl- reichen Angriffe. Die in der letzten Zeit gegen die deutsche Reichsbahngescll schast und deren Generaldirektor Oeser ge­richtet worden sind, bat heute die Verwaltung der Reicdsbahngcsellschaft geantwortet. Sic be­hauptet, daß es sich bei der letzten Erhöhung der Personentarife keineswegs um eine Maßnahme zur Deckung eineS vorhandenen Defi­zite» gehandelt habe, sondern um eine Vor­sorge zur Deckung künftiger Aus­gabe n. Der Voranschlag für das Geschäftsjahr 1925 habe sich als durchaus vorsichtig erwiesen, es sei jedoch durch Die Erhöhung der Arbeiterlöhne im März sowie durch die Steigerung weiterer per­sönlicher Ausgaben eine Erhöhung auf der Aus­gabenseite eingetreten, die der Deckung bedürfe. Der Beschluß der Personentariferhöhung sei aus­schließlich auf Anregung der deutschen Derwal- tungsmitglieder gefaßt worden, so daß die wieder­holt erhobenen Vorwürfe, die Aeichsbahngesell- schaft gerate immer mehr unter ausländi­schen Einfluß, als unbegründet zurückge­wiesen werden müßtev. Die Finanzlage der Aeichsbahngcsellschaft könne nach der Aufstel­lung über die voraussichtlichen Einnahmen und Ausgaben im laufenden Iahre nicht als un­günstig bezeichnet Werdern Der Etat ent­halt einen Ausqleichsfonds von 110 Millionen, der nach den geschlichen Bestimmungen im Laufe dieses Jahres aufgebracht werden muh. Außer­dem sind bereits 200 Millionen von den am 1. Mäkz 1926 fälligen 300 Millionen Reichsmark für Reparationszahlungen auf der Ausgabenseite aufgesührt. Da am 1. März bereits 100 Millionen bezahlt wurden und Die Septemberzahlung mit ebenfalls 100 Millionen sichergestellt ist, ergibt sich für das laufende Jahr eine Gesamt- belastung für Reparationszwecke in Höhe von 400 Millionen. Der in Amerika auf- genommene kurzfristige Bereitschafts- k red i t von 15 Millionen Dollar brauchte bisher noch n i ch t in Anspruch genommen zu werden.

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Die Reichsbahn behauptet, daß ihre Wirt- schast durch dic Lage Der deutschen Gesamtwirt- schast bedingt werde. DaS trifft nur bis zu einem gewissen Grade zu, die Ursachen unserer wirtschaftlichen Schwierigkeiten liegen in der Hauptsache in den viel z u hohen Ta­rifen der Reichsbahn, die unsere gesamte Pro­duktion unendlich verteuern und, wie nach­weislich festgestellt worden ist, zu einem guten Teil gegenüber den ausländischen Erzeugnissen schon wettbewerbsunfähig gemacht haben. Wäre Dagegen die Reichsbahn rechtzeitig zu ge­sunden Tarifen zurückgekehrt, dann hätte sie Den Umsatz wesentlich erleichtert und davon selbst in viel höherem Maße profitiert, als das heute Der Fall ist. Die Reichsbahn gibt schließlich selbst in verschleierter Form zu, daß nicht Die auslänDischen Kommissare, sondern Herr Oeser die Verantwortung für Die viel z u hohen Tarife trägt. Es wäre überaus wünschenswert, wenn endlich einmal von feiten der R e i ch S r e g i e r u n g Den Verhält­nissen bei der Reichsbahn etwas größere Beach­tung als bisher geschenkt werden würde. Rach wie vor bleibt es unklar, woher die Reichsbahn, wenn sie an ihren bisherigen Derwaltungs- methoden festhält. Dic für Die Reparationen er­forderlichen Summen hernehmen soll.

Trotzkis Genesung.

Don unserem Moskauer E. U.-Mitarbeiter.

Moskau. Ende Aprll.

Als Trotzki feinen letzten Krankheitsurlaub antrat, glaubte man bereits ganz allgemein, daß Dieser neben Lenin lange Zeit hindurch ein­flußreichste Sowjetpolitiker Die politische Bühne für immer verlassen habe. Die jetzigen Ereig- niffe beweisen es jedoch, daß diese Mutmaßung ein Irrtum war.

Ön den Reiben Der Russischen Kommuni­stischen Partei kadn man es Trotzki nicht ver­gessen, daß er bis zum Umsturz Menschewik gewesen ist unD selbst nach Dem Hebert ritt zur Kommunistischen Partei nie ein Edelbolfchewist nach Dem Rezept Der Dritten Internationale tourDe. Bei Den zahlreichen (Streitereien um Die Perfon Des ehemaligen Volkskommissars für Das Heereswesen hier in RuhlanD nennt man das auf gut kommunistisch Diskussionen ist Trotzki zu unzähligen Malen Der Vorwurf ge­macht worDen, Daß er innerlich immer Sozialrevolutionär geblieben sei. Daß Trotzki an Diesen Vorwürfen selbst Die größte Schuld trägt, kann nicht b effritten wer­den Seine Politik einer F r a k t i o n s bi l- Dung innerhalb der Kommunistischen Partei muhte bei Der Einstellung Der übrigen Führer- schast SowjetruhlanDs logischerweise zu Derartigen Ergebnissen fühl en. In Der ersten Zeit des bolschewistischen Regimes, also in der Periode des sogenannten Kommunismus, kamen Dic oppo­sitionellen Reigungen Trotzkis nie so recht zum Vorschein. Die Kämpfe mit den Grenznachbarn und die militärischen Interventionen Koltfchacks, Denikins. Wrangels und der anderen Weih- gardistensührer bereiteten Der Sowjetregierung größere Sorgen als Einzelheiten Der inneren Politik. Daß Trotzki in jener Zeit au£ den Trümmern der zaristischen Armee ein schlag­kräftiges rotes Heer aufstellte und den Bürgerkrieg zu einem für Sowjetruhland sieg­reichen Ende führte, ist fein Verdienst, das das kommunistische Rußland nie unterschätzt hat. Erst als mau an den inneren Ausbau des Sowjetstaates schritt, merkte man im Kreml, daß Trotzki auch unangenehm werden kann.

Man darf nicht vergessen, daß Sowjetruß­lands Innenpolitik bisher in erster Linie von dem Grundsatz geleitet war, eine lebens­fähige kommunistische Wirtscha,ft zu schaffen. Die verflossenen Jahre haben es deut­lich genug gezeigt, daß es Der Moskauer Regie­rung wohl schwerlich gelingen wird, dieses Ziel überhaupt je zu erreichen. Immer, tnerm es sich wieder einmal herausgestellt hatte, daß man mit Der eigenen Kunst am Ende angelangt war. setzte man einePjeredhschka"-Pause eine Atempause ein, machte Dem Privatkapital Konzessionen, ermunterte Den Privathandel zu gesteigerter Aktivität. Sobald man aber merkte,

daß das Privatuntermehmertum an Boden ge­winnt. fehle wieder Dic rückläufige Be­wegung ein. Mit ungeheuren Steuerlasten und den unglaublichsten Schikanen wußte man es noch immer zu verhindern, daß die dem Privat­kapital gemachten Versprechungen nicht in Er­füllung gingen. UnD dann begann die ganze Komödie wieder von «hom. Augenblicklich jat die kommunistische Wirtschaft wieder einmal Den Konkurs angcmeldct. Alle Versuche, die in Der letzten Zeit angestellt worden sind, mißglückten. So lächelt man denn wieder einmal Dem Privat­kapital freundlich zu. Rach Den zahllosen trau­rigen Erfahrungen, die Dic Privatunternehmer in Rußland gemacht haben, wird man ihnen dies­mal aber recht gut zureden muffen, bis sie sich wieder tätiger am Wirtschaftsleben beteiligen werden. Das weih man auch im Kreml nur zu gut. So hat man fich Denn kurzerhand ent­schlossen, Trotzki aus der Verbannung zurückzuholen und ihn als Lockmittel zu benützen.

Der Schachzug ist ohne Zweifel nicht unge­schickt. Trotzki, Der von Den hundertprozentigen Kommunisten in Verruf gebracht worden ist. ein Anhänger desKleinbürgertums" zu fein, wird auf Das Privatkapital sicher einen beruhigenden Einfluß ausüben. Unbeantwortet ist vorläufig noch lediglich Dic Frage, in wel­cher Form Trotzki wieder an Den Staatsgc- schästen teilnehmen toirD. Daß er wieder das Volkskommissariat für Hccreswescn übernimmt, erscheint ausgeschlossen. Dazu fürchtet man eben Trotzki im Kreml viel zu sehr. Dann aber könnte dieses Manöver auch kaum dazu beitragen, dem Privatkapital neuen Mut zu machen. Man wird deshalb nicht fchlgehen, wenn man annimmt, daß Trotzki eine Stelle angeboten werden wird, Dic imstande ist, Die russische Wirtschaftspolitik unmittelbar zu beeinflussen. Die Entscheibung über Den weiteren Verlauf Der Dinge steht jetzt unmittelbar bevor. Der 14. Ko ngreß der Russischen Kommunistischen Partei, Oer hier soeben eröffnet worden ist, wird außer Den Fragen Der Bauernschaft, Der Parteiorgani­sation und Der Landwirtschaftssteuern auch Dar­über beraten, welch e Regierungsfunk- tioncnTrohkiübcrtragen werden sollen. Trotzki, um den sich in den letzten Woche« be­reits ganze Legenden gebildet haben, wird zum Schluß der Parteikonferenz aus Dem Kaukasus in Moskau eintreffen. Von dem alten Haß gegen Trotzki ist jetzt in den Moskauer Regie­rungskreisen nichts mehr zu merken. Im Gegen­teil! Man sucht die Gegensätze auszugleichen, und, wo sie zu kraß sind, schaut man eben durch Die Finger. Als kürzlich eine Anti-Trohki-Dro- schüre erschien, schlug diePrawda", das Organ Der kommunistischen Partei, sogar einen Diesen- krach.

Trotzki toirD bei seiner Rückkehr Moskau kaum wiedererkennen. Die hohen Regierungs­posten finD fast sämtlich von neuen Män­nern beseht. Der berüchtigte ehemalige Leiter Der Tscheka, Dsershinski, umtänzelt liebe­voll das Privatkapital. ilnD auch Stalin, Kamenew, Larin u. a. schlagen jetzt plötzlich ganz neue und bisher unbekannte Tone an. Trotzki wird in Moskau jedenfalls Diel zu staunen haben.

Die Kriegsziele der Entente.

Den haltlosen und unbegründeten Vermu­tungen und Behauptungen über Die Schuld Deutschlands am Ausbruch des Weltkrieges, die gegenwärtig Lord Grey in seinen Erinnerungen aufstellt, können gerade jetzt neuentDecfte Tat­sachen entgegengehalten werden. Die Süd­deutschen Monatshefte geben im neue­sten Sonderheft unter Dem TitelDie Kriegs­ziele Der Entente" eine zusammenfaffende ilcber- sicht und eine Auswahl Der neuen, bisher in keiner Sprache veröffentllchten 300 russisch-fran­zösischen Dokumente, die zu gleicher Zeit voll­ständig inIswolski im Weltkrieg" heraus- kommen. Wiederum tun wir Blicke in Die innerste Werkstatt Der Staatsmänner Der En­tente, diesmal in die Kriegsziele unserer Geg­ner. Deren Erörterung bis in Das Iahr 1913 zurückreicht. Deutschland sollten auf beiden Flanken große Stücke feines Gebietes entrissen werden: Darüber hinaus wurde Die Vernichtung seiner wirtschaftlichen und politischen Macht als unbedingt erforderlich angesehen und eine weit­gehende Lockerung Der Einheit des deutschen Reiches angeftrebt. Oesterreich-Ungarn sollte zer­trümmert werden. Da Derartig umfassende Ziele Den Staatsmännern Der Ententemächte vorschweb- ten, nimmt es nicht wunder, wenn wir aus den Akten erfahren, daß diese Staatsmänner alles taten, um sich gegenseitig zum gemeinsamen Aushamcn bis zum Ende zu verpflichten. Schon am 5. August 1914 depeschierte Iswolski nach Petersburg, die französische Regierung sei Da­mit einverstanden, daß Rußland mit Italien über den Anschluß an die Entente verhandle. Besonders bemüht sich Rußland in Der Folge­zeit. Dic Auslösung Der Donaumonarchie zu empfehlen. Höchst lehrreich hierzu sind Die in Dem Heft hierfür ausgearbeiieten Denkschriften des kroatischen Politikers Supilo und des russi­schen Generalkonsuls in Marseille, Salviati. Aber auch gegen Deutschland selbst schmiedete Peters­burg seine Pläne. In den Abmachungen mit Frankreich vom März 1917 gestand cs diesem Elsah-Lothringcn und das linksrheinische Gebiet zu. Aus allem ergibt sich, daß Der sogenannte Verteidigungskrieg gegen "Den deutschenAn­greifer" tatsächlich ein Eroberungskrieg aller­größten Stiles war. Da sich von Anfang an die Ziele Der Entente als so weitgehend er­weisen, liegt Die Bedeutung der neuen Doku­mente für die Beantwortung Der Frage nach Der Schuld am Kriege auf der Hand. Darum gehört auch dieses sich spannend lesende Heft in Die Hände aller.

Hochschulnachrichtcn.

Deutsche Studenten nach Schottland.

Eine Echottlandreise deutscher Studenten will das Auslandsamt Der Deut­schen Studentenschaft zusammen mit Der Schotti­schen Studentenschaft in Der ersten Hälfte des Iuli ins Werk sehen.

Englische Studenten in Deutschland.

Ferienaufenthalt in Deutschland für englische S t uden ten sucht das Aus - lanDamt der Deutschen Studenten­

schaft zu vermitteln. Es liegen Anträgen eng­lisch: r Studenten vor. di- Den Wunsch haben, in deutschen Familien gegen Erteilung von ilntcr- richt in englischer Sprache ilnterfunft zu finden. Deutsche Interessenten werden gebeten, sich mit dem Auslandaint der Deutschen Studentenschaft, vharlottenburg, Kurfürstenallcc Dau 12, in Ber- L inDung zu setzen.

Die Reichsmiete seit Der Festigung Der Währung.

Don Iustizinspektor Otto Schroder.

Für sämtliche hessischen Gemeinden ist für den Monat April und mnrmcbr auch für Mai Die Reichsmiete auf 80 v. H. der Friedensmiete fest­gesetzt worden: in diesem cafc ist auch hie Son der st euer- vom bebauten Grundbesitz ent­halten, so daß also der Mieter keinerlei Steuern und Abgaben mehr an den Vermieter zu entrichten bat. Die Sondersteuer vom bebauten Grundbesitz, hie vor­erst bis zum 1. April erhoben wurde, wird mit Bestimmtheit demnächst wieder aufleben. Sie wird ^vom Vermieter sowohl wie vom Mieter als eine Der unsozialsten Steuern empfunden, zumal sie nur zum geringsten Teil der Schafsuitg neuen Wehnraums zu Dienen bestimmt ist. Solange die Sondersteuer auf die Ruhungsberechtigten um­gelegt wurde, war die Miete entsprechend niedrig: nachdem jetzt der Vermieter sie allein zu tragen bat, wird ihm die erhöhte Miete zu einem erheb­lichen Teil wieder weggesteuert. Der Mieter be­ansprucht mit Rücksicht Darauf, Daß er nahezu dic Friedensmiete zahlt, angemessene Instand­haltung der Wohnung: Der Vermieter macht geltend, daß diese Miete ihm ja nur zum Teil zufließt. Die Besitzer von Miethäusern sind wohl in ihrer Mehrzahl nicht den Kapitalisten zuzu­zählen und haben gleich den Mietern einen schweren Kampf um ihre Existenz zu führen.

In der auf 80 Proz. Friedensmiete feft- gefchten Reichsmiete sind Die einzelnen Posten, aus denen sich die gesetzliche Miete zusammen- ictzt, nicht spezialisiert

Ist das angängig? Das Rerchsmietengesetz gibt genaue Vorschriften über die Berechnung Der gesetzlichen Miete. Es geht aus von der sog. Grundmicte: das ist Die Friedensmiete ab­züglich bestimmter Hundertsätze für Betriebs- und Instandsetzungskosten, ferner für die Heizstosfc für Sammelheizung oder Warmwafscrveiforgung und für andere Rebenleistungen (z. D. Glasver­sicherung). Zu dieser Grundmiete treten Zu­schläge in Hundertsähen für Betriebskosten, laufende Instandsehungsarbeitcn und große In­st andsehungsarbeiten, eventuell auch ein Sonder- zufchlag für gewerblich genutzte Räume. Diese Rodung der gesetzlichen Miete war auf die hoffentlich für immer hinter uns liegende Zeit Der fortschreitenden ©elhenttoerlung zugeschnitten. Detm wenn jetzt nach der Stabilisierung Der Wäh­rung zu Der in Hessen gültigen Grundmiete (Friedensmiete abzüglich 20 Proz', bzw. weiterer 9 Proz. für Sammelheizung und 3 Proz. für Warmwasserversorgung) noch Die verschiedenen Zuschläge zugerechnet würden, ergäbe sich eine Reichsmiete, Die wahrscheinlich die Friedensmiete über ft eigen würde. Eine solche Miete wäre aber mit Rücksicht auf die äußerst nichtigen Löhne und Gehälter zur Zeit nicht tragbar. So war es notwendig, die Reichsmiete abweichend von den Bestimmungen dcs Reichsmietengesetzes zu regeln; das ist in Hessen schon seit April 1924 geschehen. Die gesetzliche Handhabe dazu bot Die Dritte Steucrnotvervrdnung (§ 27), die eine anderweitige Regelung der Mietzinsbildung aus­drücklich zuläßt und Den Ländern nahelegt, all­mählich Die gesetzliche Miete Der FrieDensmiete anzugleichen. Es ist also durchaus zulässig, die Reichsmiete unter Zugrundelegung der Fre­den s miete (nicht Der Grund miete) festzu- sehen.

Da jetzt Die Prozentsätze für Instandsetzungs­kosten usw. nicht mehr angegeben werden, ist auch Dic im § 6 (bzw. Art. 6 der Hess. Ausführungs­bestimmungen) erwähnte Befugnis Der Instand- sehungsstelle illusorisch geworden, daß sie bet Verweigerung des Vermieters eine Instand- setzungsarbeit selbst vornehmen lassen und an- ordnen kann, daß Der Mieter einen entsprechen­den Teil des Mietpreises an die Instandsehungs- siclle zu entrichten hat. Ohne Festsetzung eines bestimmten Hundertsatzes Dürfte em solcher öffent­lich-rechtlicher Eingriff nicht angängig fein.

Bei Dieser Gelegenheit muh einer weitver­breiteten irrigen Auffassung über die Verpflich­tung des Vermieters zur Instandhaltung der Wohnung entgegengetreten werden. Vielfach wird angenommen, notwendige Instandsehungsarbeiten brauchten erst dann vorgenommen zu werden, wenn ausreichende Beiträge (seither in Hundert­sätzen ausgedrückt) angesammelt seien. In diesem Sinne war das Reichsmietengesetz seit seinem Bestehen nicht aufzufassen: es ging von der im Bürgerlichen Gesetzbuch ausdrücklich als Pflicht des Vermieters getroffenen Bestimmung aus, daß dieser die Mieträume für Die Dauer Der Mietzeit in gebrauchsfähigem Zustand zu erhalten hat, daß er also auch notwendige Instandsetzungs- arbeiten über den Rahmen der geleisteten Bei­träge hinaus vornehmen muh. Eine Ver­pflichtung des Mieters zur Anrufung der Inssandsehungsstelle besteht nicht: dieser ist nach wie vor berechtigt, wenn der Vermieter mit der Vornahme notwendiger Reparaturen in Verzug kommt, solche selbst bewirken zu lassen und Die aufgctocnDcten Beträge an der Miete abzuziehen. Rur in dem einen Falle, dah das Recht zur Auf­rechnung v e r t r a g l ich ausgeschlossen ist, emp­fiehlt es sich, die Instandsetzungsstelle anzurufen. (Sie Aufrechnung ist alsdann trotz des vertrag­lichen Verbots gemäß § 28 des Mieterschutz- gesetzes zulässigI)

Zu Der neuen Festsetzung der Reichsmiete ist noch folgendes zu bemerken: Außer Der LOprozentigen Friedensmiete hat Der Mieter Den Wasserverbrauch. Der an Unkosten 2V2 Proz. Der Friedensmiete übersteigt, in an­gemessenem Verhältnis zu tragen. Ferner ist er verpflichtet, für besondere Leistungen des Ver­mieters, welche die Raumnutzung betreffen, aber nur einzelnen Mietern zugute kommen, aufzukom­men, also neben dem oben erwähnten erhöhten Wasserverbrauch für Spiegelglasversicherung, Aufzüge u .dgl.

Auch sind nunmehr für gewerbliche Räume, falls hie gesetzliche Miete gezahlt wird, in beschränktem Mähe wieder besondere Zu­

Montag, H. Mai 1925

schlage gewährt worden: zu der gesetzlichen

dcnsmicte von 601 bis 1800 Rm ein Zuschlag von 10 v H., über 1800 Rm hinaus ein solcher von 15 v. H. der Friedensmiete. Bei einer FricdenS- iniete unter 600 Rm. einschließlich darf ein Zu­schlag nicht verlangt werden Wcim für ge­il- rbliche Räume und Wohnräume eine einheit­liche Rsictc besteht, so setzt in Streitfällen auf Antrag DaS Mieternigungsamt den auf Den ge­werblichen Raum entfallenden Teil der Frieden--

116er=Tag in Marburg.

1*1 Die altehrwürdige Lahnstadt Marburg war SamStag und Sonntag Der Sammelplatz des Derbande- ehemaliger 116er rnib seiner Kriegsformationen: R.I.R. 116, L.I.R. 116, 222. III. I.R. 254. 186 . 418 und ihre Er-sah- Bataillonc. In beträchtlicher Zahl waren Die alten Soldaten, meistens Feldzugstcilnehmer. er­schienen, galt Dic Tagung Doch in erster Linie Der Errichtung Des 1 16 e r - D e n k m a l s in Gießen, durch Das die DankeSpslicht an die in treuer Vaterlandsliebe gefallenen Kameraden Dargetan werden soll.

Am SamStag abend bcrfammcitcn sich Die Gäste in den Stadtsälen zu einer Begrüßungs­feier. Kamerad Stcitz - Marburg begrüßte Die Gäste namens Des Marburger 116er-D.'reinS. Im Auftrag des DerbanDes sprach Major a. D. Lindenau- Gießen. Kamerad Lüder S vom Hessischen Gcschichtsverein hielt einen Vortrag über den Deutschrittervrden und dir Heilige Elisabeth.

Die Frühjahrsvertreterversamm­lung begann Sonntag um 10 Uhr auf BoppS Terrasse. Vertreter hatten entsandt Dic 116er- Dercine aus Gießen, Frankfurt. Offenbach, Darmstadt, Alsfeld. Lauterbach. Vogelsberg,Bad- Rauhcim usw. Den IahrcSbcricht erstatte Ma­jor a. D. Lindenau- Gießen. Er zeigte Die erfreuliche Tatsache, daß in Den Kreisen der ehemaligen Regimentskameraden der Gedanke des Zusammenschlusses immer mehr Anklang und Sympathie findet. Rechner Konrad Becker- Gießen erstattete Den Rechnungs bericht. Dann berichtete Der Vorsitzende über Den Stand des 116er-Denkmals aus dem Landgras- Philipp-Plah zu Gießen. Der Denk­malsentwurf des Bildhauers Arnold- Beuern kommt zur Ausführung. Rach Den entmutigen) Berechnungen sollen Die Kosten iunD 25 000 Mk. betragen: Davon sind 10 000 Mk. aufgebracht, während noch 15 000 Mk. zu Decken sind. Die Stadt Gießen hat Dazu 2000 Mk. bewilligt, außerdem stellt sie Baumaterial, will Die An­lagen um das Denkmal Herstellen und für ihre, Unterhaltung sorgen. Um die weiteren Mittel aufzubringen, follen Die Dcrbandsmitglicder Bei­träge leisten. Sammlungen in den Vereinen ver­anstalten und Denkmaiskartcn verlaust werden. Happel- Gießen regt die Abhaltung eines Blumentages zum Besten des Denkmals an und findet Damit allseitige Zustimmung, so daß der Vorstand mit Der Ausführung beauftragt toirD. Der Dlumcntag soll gelegentlich des Kreis- turnfestes in Gießen am 2. August ftatt- finden. Da man an diesem Tage mit einem Be­suche von 35 000 Personen rechnet.

Das Denkmal soll am 5. und 6. Sep­tember eingeweiht werden. Damit wird ein Regimentsappell Der 116er und seiner Kriegsformationen verbunden. Das Programm der Eintocihungsfeier ficht vorläufig folgendes vor: Samstag Wohltätigkcitsvorstcllung int Stadttheatcr unter Leitung des Herrn Iuhnks (Dorfpruch, Festspiel und lebende Bilder aus Der Regimcntsgeschichtc), für Sonntag Fcldgottes- dicnst auf Dem Kasernenhos, gemeinsamer Zug der Vereine zum Denkmalsplatze, Einweihungs- feier mit KranznicDcrlcgungen, Mittagessen, kame­radschaftliches Zusammensein und Volksfest auf Dem Trieb. Wenn möglich, soll Montag eine Rachfeicr mit Wiederholung des Festspiels im Stadttheatcr ftattfinhen. Die Vertreter von Als­feld, Lauterbach usw. regen an, daß Früh- unD Spätzüge auf Den vberhessischen Dahnen bean­tragt werben. An sämtliche Äricgert>ereinei Hessens sollen Einladungen ergehen.

Von Der Regimentsgeschichte deS aktiven Regiments 116 sind noch etwa 1000 Stück vorhanden, man hofft sic gelegentlich des Regi- mentstages und durch Den Buchhandel abzusehen. Der bisherige Vorstand wurde einstimmig wiedergewählt: Lindenau, Mohr, Bcder, Volz, August Roll, neugewähkt als 1. Schrift­führer Schmalz- Gießen Außerdem gehören zu dem erweiterten Vorstand Die Vorsitzenden sämtlicher Regimentsvereine. Als Beisitzer wer­den noch gewählt Damm, Bill und Stork- Giehcn.

Der Herbstvertretertag findet am 15. Rovem- ber ds. Is. in Offenbach, die Frühjahrstagung 1926 in Bad-Rauhcim. Die Herbsttagung 1926 voraussichtlich in Alsfeld statt.

Major a.D. Lindenau -Gießen schloß mit Dankcswortcn die echt kameradschaftlich ver­laufene 93erfammlung und gedachte des alten Regiments 116. Unter Leitung des Kameraden Lüders- Marburg wurden Die Universität und die Elifabcthcnkirche besichtigt. Ihren Abschluß sand die Vertreterversammlung durch einen Aus­flug nach Marbach, woselbst die ehemaligen! Untcrvffizierschülcr tagten.

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Turnen, Sport und Spiet

Die Kunstturnmeifterschafterr der Deutschen Turnerschaft in Frankfurt am Main.

vo. Sie Mcisterschaftskämpfe der Deutschen Tumerschaft im Geräteturnen, welche am 16. und 17. Mai in Frankfurt a. M. vor sich gehen, haben ein ausgezeichnetes Meldeergebnis ge­zeitigt. Trotz der Ausscheidungskämpfe in allen Kreisen, bei Denen scharf gesiebt wurde, sind 606 Tu rner und 344 Turnerinnen zu Den vcrschicDcnen Kämpfen zugelasscn worden.

Im Zehnkampf ber Männer finD, nach Den Ausscheidungskämpfcn zu urteilen, die aussichtsreichsten Der Münchener Kurz, Männer- turnvrrcin von 79, Schunk, Turnverein Brunn- Döbra. Schampcra, Turnverein Hattingen, sowie der Zwölfkampfmeister Kober. Breslau. Aber auch Der junge Hamburger Daika und Stamm. Männcrtumvercin Braunschweig, sind aussichtsreiche Kandidaten. Im Sechs- kampf Der Frauen wäre Frl. Della-