Ausgabe 
11.3.1925
 
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at. 5- Erster Blatt

1T5. Jahrgang

Mittwoch. U. März (925

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GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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Um Deutschlands Ostgrenze.

Die Genfer Beratungen

Sin Blick in btt AuSlandprefse zeigt, wie überaus töricht unb leichtfertig die Behauptung gewesen ist, wonach es bas Kabinett in auhen» pclitischer Hinsicht an jeber Initiative habe fehlen lassen: Seit Tagen sind bie führenden politischen Blätter in Pari- unb Qonbon an- gefüllt mit eingehenben Betrachtungen über b i e deutschen Anregungen weaen beS Ab­schlusses eines StcherheitSpartes, es er­gibt sich auS den Pariser unb Lonboner Mel­dungen, bah diese Borschläge baS Leitmotiv waren bei ben in Paris zwischen dem fran­zösischen Ministerpräsidenten Herriot unb dem englischen AuhemnKrister Chamberlain ge­pflogenen Derharrblungen, eS steht ferner bereits fest, daß bie deutschen Dorschläge auch für einen großen, und zwar ben wesentlichsten Teil der soeben begonnenen Derhanblungen des D ö l k 11 - bundSrate« der Ausgangspunkt sein werben. Man übertreibt keineswegs, wenn man sagt, daß die deutsche Initiative der internationalen Politik nicht bloß für den Augenblick die Rich­tung gegeben, sondern daß sie ihr auch ei n Ziel gesetzt hat, das sie dauernd wird im Äuge behalten müssen.

Worum es sich bei den deutschen Borschlägen handelt, ist bekannt: SS soll zunächst zwischen Deutschland einerseits unb England, Frankreich und Belgien andererseits eine Vereinbarung ge­trosten werden, in der Deutschland die durch den Versailler Vertrag geschaffe­nen Grenzen gegen Frankreich und Belgien nochmals feierlich aner- kennt, während Frankreich unb Belgien sich ebenso feierlich verpflichten, die deutschen Grenzen zu respektieren. Italien soll der Beitritt zu dieser Dereinbarung frei gegeben werden gegen daS Versprechen Deutschlands, sich jeder kriegerischen Aktion an der Südgrenze zu enthalten.

Don der öffentlichen Meinung Englands wurden dies« deutschen Dorschläg« von vorn­herein sehr beifällig ausgenommen, und fe mehr die Engländer über ihre Bedeutung nachgedacht haben, desto sympathischer wurden sie ihnen. Heute ist die gesamte englische Presse mit Ausnahme der Hetzblätter vom Schlage der .Morningpvst" und derDaily Mail" überein­stimmend der Meinung, daß die Bedeutung der deutschen Vorschläge gar nicht hoch genug ein­geschätzt werden farm, weil sie den ersten ernst­lichen Versuch barstellen, den Bersailler Diktat­frieden durch einen Derhandlungssrieden zu ersehen, b. h. durch einen Frieden .wie er geschlossen werden muß. um Europa endlich zur Ruhe zu bringen.

In einer vollkommen anderen Tonart rauscht im französischen Blätterwald. Die Fvan- ?vsen wollen im Grunde genommen nur bie ranzösische Grenze gesichert wissen, und eine endgültige Sicherung ihrer Grenzen erblicken sie nach der Jahrhunderte alten fran­zösischen Tradition in dem Besitz der Rhein- l i n i e. Rach diesem Besitz strebten sie während der Pariser Derhanblungen, die schließlich zum Frieden von Versailles führten, unb da sie ihr Ziel bamals nicht erreichen konnten, so brachten sie wenigstens Bie 15jährige Besetzung des links­rheinischen Gebietes in den Vertrag hinein, in der Hoffnung, daß sich während dieser fünfzehn Jahre doch eine Möglichkeit finden werde, baS Rheinland vom Körper des Deutschen Reiches loszureißen.

Diesen Plan müßten sie, wenn es zum Ab­schluß deS von Deutschland vorgeschlagenen Sicher- beitSpaktes käme, endgültig aufgeben, fein Wun­der also, wenn sie ben deutschen Vorschlägen höchst unfreundlich gegenüberstehen und alles Mögliche nebst vielem Unmöglichen vorbringen, um sie zu diskreditieren und die Deutschen aller­hand dunkler und heimtückischer Pläne zu per- düchtigen. Hierzu dient den Franzosen vor allem der Einwand, daß ihre Vasallen im Osten, die Polen und die Tschechoslowaken, in die deut­schen Eicherheitsvorschläge nicht ernbezogen worden sind, und der Chorus der französischere Presse, vomTeinps und vom3ournal des Debats" angefangen bis zu den Herrn Herriot nahestehenden Blättern hin. stellt es nun mehr oder weniger deutlich so dar, als wolle sich Deutschland durch den Sicherheitspakt im Westen nur den Rücken decke n. um bann desto rücksichtsloser über seine Rachbarn im O st e n Verfallen zu können.

Mer auch diese vergiftete Waffe hat Deutsch­land den Franzosen aus der Hand geschlagen, indem es sich anheischig gemacht hat. zur Lösung der Grenzsrage mit Polen und der Tschecho­slowakei besondereSchiedsgerichtsver- träge abzuschließen, ein Anerbieten, das zwar Don_ den Polen mit wüstem Geschrei abgelehnt, dafür aber von der englischen Prelle mit großem Beifall aufgenommen wird. In England nämlich scheint man die Ueberzeugung gewonnen zu h?- ben, baß bie Zerreißung des deutschen Gebietes durch den Weichsel-Korridor, daß die Abtrennung des oberschlesischen Industriegebiets von Dcullch- land fortdauernd den Frieden und die Ruhe in Osteuropa gefährden werden. Die polnische Presse, sekundiert vom. größten Teil der französischen, speit Gift unb Galle gegen diese Ideen, aber sie sind darum nicht weniger richtig

Wir Deutschen würben uns freilich einer törichten Wolkenkuckucksheimerei hingeben, woll-

über den Garantiepakt. Einbeziehung Polens.

ten wir glauben, baß bie Erkenntnis, zu bet England sich endlich durchgerungen hat, morgen oder übermorgen schon praktische Konsequenzen für unS haben werde. O nein, eS wird dank der polnischen Rachsucht und der französischen Haß­politik noch viel Wasser die Weichsel hinunter­fließen, ehe es soweit ist. Aber, daß in England unb anderSwo bie politische Vernunft sich durch­zusehen beginnt, ist ein Faktum, dessenBedeutung man nicht unterschätzen darf. Es hieße, an der Macht der Vernunft zweifeln, wollte man von vornherein die Hoffnung aufgeben, daß sich auS diesem noch zarten Keim schließlich doch ein nütz­liches Gewächs entwickeln wird.

Der englisch-französische Gegensatz.

Gens, 11 .Marz. ($11.) Die Verschiebung deS Berichtes über daS Genfer Protokoll auf Donnerstag vormittag wird in politischen Krei­sen auf Meinungsverschiedenheiten -wischen Driand und Chamberlain zurückgeführt, die sich in der Frage der abzu­gebenden Erklärung nicht einigen konnten. Da die Frage des Genfer Protokolls eng mit der Frage von Deutschlands Eintritt in den Völker­bund und der Garantie der O st grenzen Deutschland - verbunden ist, so sollen bie Er­klärungen der englischen und französischen Regie­rung auch das Sicherheitsproblem be­handeln. Briand hat in Genf erneut zu verstehen gegeben, wie schwierig es für die neue franzö­sisch« Regierung sei, wenn ein solches Abkommen sich auch nur indirekt gegen Dolen richte. Für die Regierung Herriot würde dieS den Sturz durch die Rechte der Kammer bedeuten, da sich auch zahlreiche Anhänger Her- riots niemals zu einer Opferung (?) Polens verstehen würden. Die einzige für Frankreich an­nehmbare Lösung sei daher, Deutschlands Eintritt in den Völkerbund, der ohne alle Vorbehalte erfolgen müll«. Wenn daS Deutsche Reich erst einmal Mitglied sei, dann könnten die Verhandlungen über den Sicherheits­pakt unter den Auspizien des Völkerbundes be­ginnen. Diese Stellungnahme DriandS ruft di« Erinnerung an die Versailler Sage wach, in denen gleichfalls die Parole ausgegeben wurde, Deutschland müsse jetzt den Vertrag u n t e r s ch r e i b e n, dann würden ihm weitgehende Erleichterungen ein­geräumt. Der englische Standpunkt lautet, daß daS Sicherheitsproblem mit der Frage des Eintritts Deutschlands in den Völkerbund zu ver- binden und Deutschland in nicht allzu ferner Zukunst zu dem Eintritt In den Völkerbund zu bewegen sei.

Rach einer Pariser Meldung sand am Quai d'Orsay gestern abend 10 Llhr unter dem Vorsitz Herriots eine hochbedeutsame Besprechung statt, an der de Iouvenel, Loucheur, Dvncvurt, Gewerkschaftssekretär Iouhaux und der Direktor der politischen Abteilung, Laroche, teilnahmen. Die Stellungnahme Frankreichs zu dem Genfer Protokoll bildete den Hauptgegenstand der Aus­sprache. Rach übereinstimmender Auffassung der Anwesenden kann, wie die Morgenblätter be­richten, Frankreich unmöglich aus das Genfer Protokoll verzichten. Rach der Sitzung, die sich bis um 12 Ahr hinzog, wurde ein offizieller Bericht herausgegeben. Briand wurde noch gestern abend von dem Ergebnis der Sitzung verständigt und beauftragt, in der morgigen Sitzung des Völkerbundes die vor­stehenden Gedankengänge in seiner Erwiderung auf die Rede Chamberlains zu entwickeln. Deutschlands Abrüstung.

Aussage« Houqhtons.

R e u h o r k. 11. März. iKabeldienst der Tel- umon.) Der bisherige Botschafter ber Vereinig­ten Staaten in Berlin, Houghton, ist gestern in Reuyork cingetroffen. In einer Unterredung mit Pressevertretern wies Houghton in aller­schärfster Weise daraus hin, baß angebliche deutsche Rüstungen, wie sie die Kontrollkommis­sion Deutschland zum Vorwurf mache, in Wirk­lichkeit nicht beständen. Derartige Berichte er­halte man täglich zum Morgenkaffee vorgesetzt. Er könne versichern, baß sie nicht zutreffen. De utschland hätte vollständig abge- rüstet. Daß einige Verblendete vielleicht ein paar Hundert Gewehre gesammelt hätten, könne an dieser Tatsache nichts ändern. Den Tod Eberts bezeichnete Houghton als einen großen Verlust für Deutschland. Deutschland bleibe aber trotzdem Republik. Die monarchistische Frage könne vielleicht in 20 bis 30 Jahren aktuell werben, aber nicht jetzt.

«

Wie lächerlich zum Teil die Kontrollbesuche sind^ beweist der gestrige Besuch einer Mi­litär-Kontroll-Kommission. bestehend aus einem italienischen Major und einem fran­zösischen Hauptmann in der Altpapier- und Alteisen- Handlung von Josef Dusch! m München, bei dem gefährliche Gegenstände lagern sollten. Es handelte sich um eine blecherne Marmeladenkist-v bie 8 kleine Spiralfedern unb 4 weitere kleine Fe­dern und einige andere Überzählige Ersatzteile

England gegen die

eines ehemaligen GeschützabzugeS im Ge­samtgewicht von etwa 6 Pfund enthielt. Sin Ar­beiter erhielt ben Auftrag, die Teile mit einem Beil zu zerschlagen unb bie Bruchstücke auf doS Bureau der Entente-Kommission zu bringen. Die Ersatzteile stammen von einem Artillerie-Regi­ment, daS sie an ber zuständigen Stelle abge­liefert hatte. Don ihr aus wurden sie für w e - inige Pfennige an den Alteifenhänd­ler verkauft.

Polnische Machtansprüche.

Warschau, 10. März. (WTB) In einem Artikel der .Gazeta Warszawska" §ur Sicher­heitsfrage wirb u. a. ausgeführt: Sie Tatsache, baß Chamberlain in seiner letzten AnterhauSrede Polen ben Rat gegeben hat, sich zu mäßigen, muß in Polen die Befürchtung erwecken, daß man in den westeuropäischen Staaten die Lage Polens falsch einschätz 1. Polen kann keine Zugeständnisse territorialer 21 p t machen. Ohne Danzig, ohne Pommerellen unb ohne Oberschlesien kann Polen alsGroß- m a ch t nicht bestehen. Die Erfahrungen, bie Polen in ber vergangenen Zeit gemacht hat, lehren es, daß es die untere Weichsel ebenso verteidigen muß, wie Frankreich bie Weich- I e I bewachen muß. Richt der mit dem lächer­lichen Ramen .Korridor" bezeichnete Gebiets­streifen ist die Quelle des Anfriedens in Europa, sondern bie Tatsache, daß Ostpreußen bei Deutschland geblieben ist. Mit Recht hat Strzhnfki gesagt, wenn schon von Versucht die Rede sei, bte Anzufriebenheit in Deutschland auS der Welt zu schaffen, so sollte zunächst daran gedacht werden, den Deutschen die ihnen von England abgenommenen Kolonien aus der Wett zu schaffen. Wer aber den Versailler Vertrag in seinen Osteuropa betreffenden Bestimmungen verbessern will, der möge ber deutschen Herrschaft in Osteuropa ein Ende machen.

Die deutschen Schiffslieferungen für England.

London, 10. März. (WTB.) Im Unter­laufe bezeichnete bei der Erörterung des Ge- sehesvorschlages zur Unterstützung des englischen Handels Guineß ben Fall ber Beste 11 ung von Schiffen durch eine englisch« Firma bei einer deutschen Werft als sehr beunruhigend. Er erklärte, die Vermutung eines Arbeitermitgliedes, daß bie beutschen Werften den britischen Stahl zu einem Preise erhielten, der niedriger als der englische Inlandpreis fei, recht- fertige nicht die Aufgabe bes Kontrattes, denn ber geringste Preis, ber von einer britischen Werst angeboten worden fei, habe 1 150 000 Pfd. Sterling betragen, während das deutsche An­gebot auf 850 000 Pfb, lautete. Guineß betonte noch, daß bei einem so großen Unterschied bie Gesetzgebung für die Unterstützung des Handels nicht eingreifen könne. Er hob hervor, baß eine englische Firma in patriotischer Weise 900 000 Pfunb geboten habe, um die Bestellung im Lande unterzubringen.

Der Kulturkampf im Elsah.

Paris. 10. März. lWTB.) Dorn 16. März ab wird in Colmar, Mülhausen. Reu - br ei fach unb in einigen anderen Ortschaften die bereits bestehende interkonfessionelle Schule gemäß einer kürzlich von Ministerpräsi­dent Herriot erlassenen Verfügung eingeführt werden. In Colmar ist es aus diesem Anlaß bereits zu einem Zwischenfall gekommen, über den Havas folgendes berichtet. Ein Gemeinde- Pfarrer hielt vor den Schulkindern eine An- spräche und erklärte: Wir werben am 15. März in ben Streik treten, benn man will Euch verhindern. Katholiken zu bleiben und will Euch mit Juden und Protestanten vermischen. Man will Euch das Kruzifix nehmen unb Euch hinbern. weiter Gott zu lieben. Er forderte die Schulkinder auf. eine schriftliche Erklärung der El ter n mitzubringen, in der diese den Streik billigen. Zwischen dem Gemeindepfarrer unb bem Rektor ber Schule sei es alsdann zu einer lebhaften Auseinandersetzung gekommen.

Keine Aenderung der Streiklage

Berlin, 10. Marz. (WB.) Die Deutsche Reichsbahngesellschaft teilt mit: Die Lage im Eif en bohnerst reik hat sich nicht wesentlich geändert. Es streiken von insgesamt 430 000 Eisenbahn- arbeitern nach dem heutigen Stand etwa 6600, das sind ungefähr 1,5 Prozent. Der Verkehr und Betrieb wird überall glatt durchge­führt, auch im Berttner Bezirk. 2llle Güter­abfertigungen arbeiten. Die Güter- und Per­sonenzüge verkehren ohne Störung. Dort, wo es nötig war, ist die Eisenbahnpersonal­betriebshilfe eingesetzt worden. Das Ein­setzen ber Technischen Rothille war nirgends not­wendig. DaS Ergebnis der Beratungen d s heute vorm.ttag zusammengetretenen Verkehrs usschus- ses des Reichstags ist eine Einladung der Deut­schen Reichsbahngesellschaft und ber beteiligten Gewerkschaften 3um Donnerstag, dem 12. März,

au einer Vorbesprechung über bie SchlichtungSmöglichkeiten. Generaldi­rektor Oeser. ber seit seiner Rückkehr von den BeisetzungSfeierlichkeiten für ben verstorbenen Reichspräsidenten in Heidelberg aus Äranfßettd- gründen daS Bett hüten muß, Hal sofort leine Zustimmung zur Teilnahme an dieser Vorbe­sprechung gegeben. Im sächsischen Bezirk, dem Herb der Streikbewegung, werden etwck 94 Prozent ber Güterzüge gefahren. 3m Bezirke der ReichSbahndirektion Frankfurt a. W, ist bie Lage unverändert ruhig

Neuwahl des Ministerpräsidenten Marx. Die Reuwahl deS preußischen Minister­präsidenten im Landtag hat daS erwartete Ergebnis gehabt, daß der eben erst gestürzte Ministerpräsident Marr wiebergewählt wurde mit 222 von den im aanjen 443 Stimmen. Rur dadurch, baß eine Stimme unguliig war, also bei der Berechnung der Mehrheit nichs mitzähtte, kam Herr Marr schon im ersten Wahl« gang durch. Sein Hauptkonkurrent war wiede, der VolkSparteiler v. Richter, auf ben 151 Stimmen entfielen, während der Kommunist Pieck es auf 42 Stimmen brachte, außerdem gingen die Wirtschaftliche Vereinig g u n g und die Rationalsozialisten gq trennt vor, hatten sich aber alle Vorbehalten falls ein zweiter Wahlgang notwendig werd l sollte, ihre letzte Entscheidung zu treffen. Verkündung des Ergebnisses löste zunächst u> Landtag einen Sturm aus, weil dem Bureau offenbar die Fähigkeit abgeht, richtig bis 443 zu zählen. Auch diesmal war ein Paket von 10 Stimmzetteln, die für Herrn v Richter ab­gegeben waren, auf die falfidje Seite gerutscht sie wurden Herrn Marx zugezählt, dem zunächst 232 Stimmen zugeschrieben wurden. Man zer­brach sich allgemein die Köpfe, woher dies« zehn Stimmen tarnen; auf deutschnationaler Seit« glaubte man der Deutschen Dollspartei ben Vor­wurf machen zu können, daß sie ein unehrliches Spiel getrieben hätte, biS schließlich das Miß- verstänbnis sich klärte.

Herr Marx ist also wieder so weit, wie er schon vor einigen Wochen war. Er hat aber im Augenblick die Wabl noch wcht angenommen, offenbar will er zunächst daS Ter­rain sondieren. Die Lücke hat ihm begreiflich machen wollen, baß er boch jetzt eigentlich nur das alte Kabinett toteber zu ernennen braucht, weil er eine Stimme mehr als bie Mehrheit hätte, also auch das Vertrauensvotum gesichert sei. Dagegen ist aber doch zu sagen, daß von der Opposition sieben Abgeordnete fehlten, von den Regierungsparteien nur zwei, daß daher bei der Vorstellung des neuen Ka­binetts die Mehrheitsverhältnisse .ganz anders gelagert sein können. Außerdem aber hatte Herr Marx bisher nicht den Wunsch, das alte Spiel zu wiederholen, er trug sich vielmehr mit dem Gedanken, in irgendeiner Form eine Regie­rung zu bilden, bie Preußen über den toten Punkt hinweg bringt.

Zu bem Zweck schwebt ihm etwas wie ein überfraktionelles Kabinett vor, in bas er Fachmini st er aus allen Par­teien hereinnehmen will, die allerdings nicht dem Preußischen Lanbtag angehören dürfen, weil er annimmt, baß dadurcy die Opposition gegen das Kabinett bei den Minderheitsparteien, falls sie für ein Vertrauensvotum stimmen, wenig­stens gedämpft wird, so daß das Kabinett an die Arbeit gehen könnte, um nach einigen Wochen der Beruhigung einer anderen Regierung Platz zu machen. Allerdings glaubte Herr Marr da­mals wohl noch, daß er einer der aussichts­reichsten Bewerber um bie Reichsprä s identen schatt fein würde, während er gegenwärtig durch die Sonderkandibatur der Soziall>emokraten hier auf einen aussichtslosen Posten gerückt ist unb des­halb vielleicht ben Ehrgeiz haben könnte, in Preußen etwas zu schaffen, was mehr für bte Dauer berechnet ist. Rur freilich, wie er das anstellen will, das ist zur Zeit noch sein Ge­heimnis.

Sitzungsbericht.

Berlin, 10. März. Präsident Bartels eröffnet die Sitzung um 2.20 ilßr. Haus und Tribünen sind sehr stark beseht. Auf ber Tages­ordnung steht als erster Punkt die Wahl d e S Ministerpräside nten. Das Haus tritl sofort in die Wahl ein.

Die bei der letzten Wahl für Marr stimmen« den Fraktionen der Weimarer Koalition, Zen­trum, Demokraten und Sozialdemokraten, ftim- men wieder für Marx, die Kommunisten für Pieck, die Deutschnationalen und die Deutsche Volkspartei für Dr. v. Richter. Die Wirt­schaftliche Vereinigung stimmt wieder für 2 a» dend 0 rsf.

Der Wahlakt, der ohne Zwischenfälle vor sich geht, hat folgendes EgebniS: Abgegeben wurden 443 Stimmen, von denen eine ungültig. Don den gültigen 442 Stimmen haben erhalten

Abg. Dr. Marx 222

Abg. d. Richter 151

Pieck (Korn.) 42

Ladendorff lWirtsch. Vereinigung) 16 Körner (Datfoz.) 11

Dr. Marx ist somtt gewählt

Darauf seht das Haus die gemeinsame Aus­sprache. die llranträgc und großen Anfragen betreffend das Grubenunglück aus Zeche M i n i ft e r Stein" fort.