Duca, der sich bisher immer als ein geschickter Taktiker erwiesen hat, die Vorteile auszunüken versteht. Nur darf man keine Ueberraschung schon in den nächsten Tagen erwarten, wenn auch eine ernste Möglichkeit der Lösung der bessarabischen. Frage gegeben Ist.
Oberhessen.
Landkreis Gietzen.
V Klein-.Linden, 9. Rov. Die Obst- baumzucht erscheint durch das zahlreiche kommen des Frostspanners in unserer Gemeinde sehr gefährdet. Man Zählte ötefer Tage an einem einzigen Baume ungefähr 120 solcher Schädlinge, wovon über 40 Weibchen des Schmetterlings und der Rest Raupen waren. Der schlechte Ausfall der diesjährigen Obsternte ist größtenteils auf das scharenweise Auftreten des Frostspanners und des Apfelwicklers zurückzuführen. Die Obstbaumzüchter tragen an dem ^leberhandnehmen dieses überaus schädlichen 3n= fettes zum Teil selber Schuld. Rur wenige von ihnen waren vorausschauend genug, durch Kleb- ringe die Schädlinge wegzufangen.
f. Klein-Linden, 10. Nov. Die Wohnungsbautätigkeit am hiesigen Orte geht ihrem Ende entgegen. Außer der Innenfertigstellung der vier Doppelhäuser der Daugenostenschaft, wovon schon drei Doppelhäuser bezogen wurden, sind wei- lerc acht Wohnhäuser von privater Seite erstanden. Legiere sollen teilweise noch diesen Winter bezogen werden. Soweit die Häuser an neuerschlossenen Straßen liegen, wurde seitens des Gemeinderats bei Erteilung der Bauerlaubnis auf die Herstellung von Vorgärten Gewicht gelegt, um dadurch das Straßenbild zu verschönern und für die Wohnungen mehr Luft und Licht zu schaffen. Mit der Fertigstellung der Häuser ist hier ein weiterer wichtiger Schritt zur Bekämpfung der Wohnungsnot getan.
X Lang-Göns, 10. Nov. Am morgigen 11. November feiert Altbeigeordneter Henrich feinen 81. Geburtstag. Neben feinem Hauptberuf als Landwirt hat der mit hohem Alter gesegnete Greis eine ganze Reihe öffentlicher Aemter der Gemeinde in uneigennütziger Weife bekleidet. Seine peinliche Gewissenhaftigkeit, sein treues Gemüt und offenes Wesen, dem öffentliches Schönreden nicht gegeben war, machte ihn zum Vorbild. Der Bruder des Altbeigeordneten Henrich, Johannes H., ist Begründer und erster Nationalpräsident der Hestenvereinigung in Amerika gewesen.
> Grüningen, 9. Nov. Für die bevorstehende Gemeinderatswahl sind zwei Wahlvorschläge eingcreicht worden. Da durch Beschluß des Kreisausschusses unsere erste B ü r g e r m e i st e r w a h l für ungültig erklärt wurde, haben wir das Vergnügen, zum zweitenmal unser Ortsoberhaupt zu küren. Der Termin ist bis jetzt nicht bekannt.
y. Lollar, 9. Nov. Am Samstag feierten der Landwirt Friedrich Schön II. und seine Ehefrau Elisabeth geb. Frank in körperlicher und geistiger Rüstigkeit das Fest der g o l'b e n e n Hochzeit.
: Beuern, 9. Rov. 3m Saale des Karl Dietrich fand am Sonntagnachmittag unter dem Borsitz des Konrad Wilhelm W i ß n e r eine öffentliche Bürgerversammlung statt, die sich mit der am nächsten Sonntag stattfindenden Gemeinderatswahl beschäftigte. Man hatte, um dem Dorfe den Frieden zu erhalten, eine Vorwahl vorgenommen und die Rainen der Gewählten auf der „Einheitsliste" untergebracht. Damit wäre unser Dorf von einem Wahlkampf verschont geblieben, wenn nicht 10 Minuten vor Schlußtermin eine zweite Liste eingereicht worden wäre, die das Kennwort trägt .„Vereinigte Arbeiter. Handwerker unLLandwirte". Die drei ersten Kandidaten sind Landwirt Karl z Phi.ivp Damm, Heinrich Krämer und Johann Heinrich Funk. Allgemein wurde bedauert, daß ff dieser Schritt unternommen worden ist. — Anschließend an diesen Vortrag sand unter dem Vorsitz des Gemeinderatsmitgliedes Phil. Wilh. S o m m e r l a d die erste politische Versammlung für die am kommenden Sonntag stattfindenden Wahlen zum Provinzialtag, Kreistag und zur Gemeindevertretung statt. Die sozialdemokratische Partei hatte die Versammlung einberufen. Kreistags- und Gemeinderatsmitglied Jenner von Wie'eck sprach über die allgemeine politische Lage in Deutschland und anschließend daran über die Aufgaben des Provinzial- und des Kreistages. Auch ter Reichsschulge'e.^entwurf wurde berührt. Besonders eingehend wurde gesprochen über die notwendige Autoverbin-
Der gefesselte Strom.
Romain von Hermann Stegemann.
59 Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Hermann lief ans Fenster und lehnte sich über den Balkon. Es war im dritten Stock, und der Blick ging weit hinaus über die Au, den Rhein und das Dächerhäuflein von Rheinau. Ein roter Brand- fchein im Hintergrund des Tales fiel eben in sich zusammen und ließ die Dächer des Städtchens noch einmal als schwarze spitze Schattenrisse auftauchen, ehe die Nacht wieder alles verschlang.
Am Morgen hieß es, die Hütte sei angezündet worden.
Und Hanns Ingold sagte mitten aus feiner Arbeit heraus, die schon am Frühstückstisch mit Korrespondenzen begann:
„Wir hatten sie selbst niederbrennen sollen, als der Vater tot war, damit das Volk nicht darin haust."
Tief bückte sich Hermann über den Tisch und verbarg feine Blässe.
„3a," stieß er nach einer Weile hart heraus.
Ilm elf Uhr legten die Erdarbeiter und die Maurer die Arbeit nieder, nachdem die Bauleitting ihre Lohnforderung abgelehnt hatte. Um zwölf Uhr erklärten die Maschinisten und Monteure sich mit ihnen solidarisch. .Die große Baggermaschine, die ohne Unterbrechung im Betriebe war, blieb um ein Uhr stehen und ließ den Dampf ab, ihr Stillstand mar durch Drohungen erzwungen worden, vor denen der Ingenieur hatte weichen müssen.
Totenstille lag auf dem Werk. Als Hanns Ingold über dem * Bauplatz ging, wurde ihm zum erstenmal bewußt, daß auch der Lauffen nicht mehr rauschte. In glattem Schwall fuhr der Rhein die anfgcfprengte Enge herab, in der die Felsenriffe ver- ichwunden waren. Nur an den Gerüstpfellern und Betonmauern des Werkes gurgelte die Flut.
Am Nachmittag fanden Verhandlungen statt, die zu keinem Ergebnis führten. Wie aus dem Boden geroarhfen war ein Vertrauensmann der Arbeiter aus Freiburg erschienen, der den Sprecher machte.
Hanns Ingold wollte jedoch mit den Leuten selbst verhandeln.
Er ließ es ihnen sagen.
düng Gieße n—W i e s e d—QI lten-Dused —G roßen-Bus'e ck—B ir? u.e r n—B ersrod. Alle Anwesenden, es waren alle Parteien vertreten, sind s,ch darin einig, daß unbedingt etwas geschehen muß, um die nicht an der Eisenbahn liegenden Orte des Dusecker Tales durch eine Autolinie mit Gießen zu verbinden. Zählen doch die Orte, die von der Aütolinie zu berühren wären, mehr als 6000 Einwohner (Großen-Bused ausgenommen). Man erwartet nun von den interessierten Gemeinden, daß, wenn die Teilstrecke Gießen—Wieseck eröffnet ist, was jeden Tag geschehen kann, diese sich zusammenschließen, um den weiteren Ausbau der Linie durchzusühren.
: —: Bersrod, 9. Rov. 3n unserem kleinen 437 Einwohner zählenden Dörfchen ist die Bautätigkeitsehrrege. So sind allein in diesem 3ahre drei Einfamilienhäuser, zwei an dem alten Weg nach Reiskirchen und eins an der Beuerner Straße, in Angriff genommen worden. Eines davon konnte bereits vor einigen Wochen bezogen werden, das zweite steht unter Dach, und das dritte wird ebenfalls noch vor Winter mit dem Dache versehen werden. 3m Vorjahr wurden ein Einfamilienhaus und ein Doppelhaus, beide an der Beuerner Straße gelegen, beendet. Letzteres, welches mit lebhaften Farben gestrichen ist, gereicht unserem Dorfe zur Zierde. Die eine Hälfte, die nach der Wetterseite zu liegt, ist mit einem recht geschmackvollen über dem Haus- eingang befindlichen Schutzdachs versehen, welches das ganze Häuschen sehr freundlich erscheinen läßt.
t Treis a. 2ha., 9. Rov. Der hiesige Zweigverein des Evangelischen Bundes hielt gestern abend seinen ersten Familienabend für diesen Winter in Lemps Saal hier ab, der die Menge der Tellnehmer kaum fassen konnte, die den Hauptredner des Qlbends, den Schriftsteller Haumann -Ranzhausen gern hören wollte. Dieser sprach in bekannter Frische und mit heiligem Ernst über die große Rot unserer Zeit in Anschluß an Luthers Dort: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir!" Er forderte Rückkehr jedes Einzelnen zum evangelischen Glauben als einzigen Weg zur Rettung unseres Volkes. Der Vortrag wurde von sehr schön vorgetragenen Chören des hiesigen Kirchen-Gesangvereins unter Leitung von Lehrer Walter und einigen gemeinsamen Liedern der Versammelten umrahmt.
=£ Lich, 8. Rov. Unter Beteiligung aller Bevölkerungskreise fand heute nachmittag die Weihe unserer erweiterten Turnhalle statt. Tiefgehendes Verständnis für Zweck und Bedeutung geregelter Leibesübungen, opferfreudiger Bürgersinn vom Schlosse bis zur Hütte und tatkräftige Schaffensfreude vom Bauleiter über den Vorstand des Turnvereins hinaus bis zum letzten Arbeiter haben ein Werk zustande gebracht, auf das Verein und Bürgerschaft mit Stolz blicken können. Rach der Begrüßung durch den ersten Vorsitzenden des Turnvereins, der allen, die am Zustandekommen des Baues mit* geholfen haben, den Dank des Vereins aussprach, folgte ein Weihechvr des Gesangvereins „Cäcilia" unter Leitung seines bewährten Dirigenten Stein. Lehrer O h w a l d, Dad- Rauheim, ein Licher Kind, Mitglied unseres Vereins und in führender Stellung in der Deutschen Turnerschaft tätig, hielt bic formvollendete Weiherede und gedachte darin auch der Männer, die, schon vor einem Menschenalter die hohe Bedeutung des Turnens erkennend, zum Bau der früheren, allmählich zu eng gewordenen Halle angeregt hatten, vor allem aber derer, die mit ihrem Herzblut ihre Liebe zu Volk und Vaterland besiegelt haben, und forderte zu regerer Teilnahme am Turnen und dadurch zur Bildung einer großen Volksgemeinschaft als der Grundlage zum Wiederaufstieg unseres Volkes auf. Freiübungen und Barrenturnen der Altersriege (mit einem 69jährigen in ihren Reihen), Reckturnen der 1. Riege des als Gast anwesenden Turnvereins 1846 Gießen und Reigen der Butzbacher Turnerinnenableilung wechselten mit weiteren Gesangsvorträgen der hiesigen vier Vereine, die sämtlich ohne Unterschied ihrer politischen Richtung ihre musikalischen Kräfte in den Dienst der Feier stellten und chr Bestes gaben. Am Abend erfüllte der Verein eine Ehrenpflicht, indem er mehrere bewährte langjährige Mitglieder zu Ehrenmitgliedern ernannte. Die Ausgezeichneten sind: 3ohs. Bender, Hch. Schmidt IX., Hch. Schmidt II. und Hch. Schmidt VIII. Für die Geehrten dankte der
In dem Konferenzzimmer herrschte nervöses Schweigen. Doktor Alisch, der kaufmännische Direktor, rechnete die Differenzen aus, der Bürgermeister kaute an der ungewohnt schweren Zigarre, die Ingenieure standen im Erker und schauten durch die Rolläden auf den Platz hinunter. Ingold schrieb.
Als er die Bedingungen formuliert halle ,ging er in lein Kontor und diktierte sie in die Maschine. Seine Stimme klang hart, die Tasten schlugen die Sätze wie mit kleinen raschen Hammerschlägen ins Papier.
Der Polizeiamtmann kam, auf dem Platz erschienen die Helme der Gendarmen.
Telegraph und Telephon spielten nach allen Seiten.
Es wurde Abend, und noch war keine Einigung erzielt. Der Maschineningenieur kam und meldete, daß die Kesselfeuerungen erloschen seien. An einer ungesicherten Mauerkante, wo der Strom wühlte, begann sich der feuchte Verputz zu lösen. Eine Stunde später stürzte eine Mauerecke ein.
„Wie können die Arbeitszeit nicht kürzen und zugleich den Nachtlohn erhöhen," sagte Ingold. ..Die Lohnerhöhung will ich gelten lassen, so gefährlich die Konsequenzen auch sind. Aber wir dürfen dem Wasser keine Ruhe lassen. Bis jetzt ist alles gut gegangen, denn der Rhein war ein Lamm. Wenn er Hochwasser führt, und wir sind nicht auf der Hut, zerreißt er uns das Werk. Wir müssen in diesem Jahr mit allen Flußkorrektionen fertig werden und mit den Hochbauten unter Dach kommen. Wir müssen!"
Farbige Dämmerung schien zu bjm Fenstern des Konferenzsaales herein.
Die Kontore waren leer. Hotz schloß das Gittertor und harkte die Wege. Das Scharren seines Rechens rief Hanns Ingold ans Fenster.
Da schrie in der Ferne das Signalhorn. Unwillkürlich traten alle an die Fenster. Hotz hielt inne mit Rechen.
Hermann Ingold kam mit Doktor Engelhardt aus dem Kloster, und auch sie stutzten. Alle meinten im nächsten Augenblick das Krachen der Sprengladungen hören zu müssen, obwohl sie genau wußten, daß gar nicht gearbeitet wurde.
"Also, Sie wollen übermorgen schon abreifen. Hermann?" wiederholte Engelhardt feine Frage, als das Signal sich ohne Echo verloren halle.
letztere in launiger Weise., Eine kombinierte Turnerinnenabieilung auS Lich und Langsdorf, sowie eine Barrenriege des festgebenden Vereins erfreute durch Geräteübungen und Reigen. Don den verschiedenen Reden, in denen dem Turnverein Glückwünsche für weiteres Wachsen und Gedeihen ausgesprochen wurden, seien die des Bürgermeisters Völker und des Gau-Oberturn- wartes Will, Gießen, hervorgehoben; an letztere schloß sich das mit Begeisterung gesungene Deutschlandlied als ein Gelöbnis zu alter deutscher Treue. Das obligate Tänzchen hielt die zahlreichen Gäste, die den Raum bis zum letzten Platz füllten, noch lange beisammen und beschloß die zu allseitiger Befriedigung verlaufene Feier.
ri. Lich, 9. Rov. Unter allseitiger Beteiligung der ganzen Gemeinde wurde gestern hier das Erntedankfest gehalten. 3n den beiden Festgottesdiensten wirkte die Chorschule unter Leitung von Lehrer Stein mit. Eine Sammlung für das Rettungshaus in Kloster Arnsburg brachte 57 Mark. Eine weitere Erntedanksammlung von Geldspenden und Lebensmitteln, die für das Diakonissenhaus Elisabethen- stist in Darmstadt bestimmt ist, ist im Gang: Die hiesigen Konfirmanden haben ihre Zeit und Kraft mit Eifer hierfür zur Verfügung gestellt. — Auch in der benachbarten, von hier aus kirchlich versorgten Pfarrei Riederbesfingen beging man in der festlich geschmückten Kirche das Erntedankfest, dessen Schlußliturgie unter Mitwirkung der Schullinder als feierliches Chorgebet gestattet wurde. Riederbessingen ist zur Zeit durch den Tod des langjährigen Lehrers» Graulich in die allgemein beklagte Lage gekommen, keinen Organisten zu haben; doch hatte gestern Schulverwalter M o r i aus Lich, der zur Zeit die hiesige Schule betraut, den Organistendienst übernommen. Die Erntedankfestsammlung im Betrag von 26 Mark ist für die Leipziger evangelisch-lutherische Mission bestimmt.
ri. Rieder Hessin gen, 10. Rov. Durch die reichlichen und starken Regensälle der letzten Tage hat die Wetter Hochwasser, und die Wiesen, die sich von Kwster Arnsburg aus weithin bis Laubach im Wettertal ausdehnen, sind überschwemmt. Allgemein wird von den Landwirten sehr darüber geklagt, daß die nasse Witterung das Ueberhandnehmen der Schnecken begünstigt. Die gefräßigen Gäste haben auf den Aeckern bereits großen Schaden angerichtet.
Kreis Friedberg.
Friedberg, 9. Rov. 3n Turnerkreisen sind starke Bestrebungen im Gange, eine neuzeitliche Turnhalle zu errichten. Die seit, beuge Turnhalle der Turngemeinde reicht für den äußerst regen Turnbetrieb des aufstrebenden Q3er» eins nicht mehr aus, trotzdem im Vorjahre ein Anbau ausgeführt wurde. Größere turnerische Veranstaltungen und Familienabende mußte die Turngemeinde seither immer schon in anderen Sälen abhalten. Da solche in unserer Stadt aber kaum noch zur Verfügung stehen, ist der Verein geradezu dazu gezwungen, sich ein neues zeitgemäßes Heim zu schaffen, wenn er seine vielseitigen Aufgaben losen und lebeirsfähig bleiben will. Eine große Turnhalle würde auch dem Saalmangel abhelfen, über den in unserer Kreisstadt lebhaft geklagt wird.
<£ Bad-Nauheim, 9. Nov. Durch Verfügung des Kreisamts Friedberg wurde die Zahl der hier zu wählenden Stadtverordneten auf 21 festgesetzt. Es hängt das damit zusammen, daß amt» lich eine Einwohnerzahl von weniger als 10 000 angenommen wird. Seither betrug die Zahl der Stadtverordneten 24.
Bad-Nauheim, 9. Nov. Am Samstag und Sonntag tagte hier im Hotelrestaurant „Malepartus" die ordentliche Mitgliederversammlung des Verbandes zur Wahrung der Interessen der Krankenkassen im Volks- st a a t Hessen mit dem Sitz in Darmstadt, dessen Vorsitzender, Rechnungsdirektor Harth ist. Während die Sitzung am Samstagnachmittag mehr der geschäftsordnungsmäßigen Erledigung der alljährlichen Geschäfte des Verbandes, Rechnung und Voranschlag, Bericht über das abgelaufene Geschäftsjahr usw. galt, fanden in der Mitgliederversammlung am Sonntag zwei lehrreiche Vorträge statt, die 'allgemeines Interesse hatten. Direktor Oster- mayer von der Allgemeinen Ortskrankenkasse Freiburg i. Br. erstattete einen Vortrag über „Das zweite Gesetz über Aenderungen in der Unfallversicherung vom 14. Juli 1925 und der Neuregelungen der Beziehungen zwischen Krankenkassen und Be-
Sie standen tm Hofraum des Direktionshauses vor dem runden Hyazinthenbeet, das zwischen dem Gitterwr und dem Eingang feine bunten Kerzen reckte. Berauschend dufteten die Blumenfackeln in der warmen Frühlingsluft.
Da stieß das Horn noch einmal seinen kläglichen und doch so drohenden Schrei aus, und dann sahen sie zwischen den Baracken von Napoli hervor im fahlen Zwielicht die dunklen Arbeiterkolonnen herankommen.
„Hermann, siehst du vielleicht, was das Signal bedeuten soll?" klang Hanns Ingolds Stimme aus der Höhe.
„Sie kommen," rief Hermann zurück, und oben wurde es still.
Hanns Ingold trat auf den Balkon hinaus.
Er blickte hinunter. Der Himmel wölbte sich als klare Kuppel, wie aus gehämmerten Goldblech, über dem Stromtal. Der Rhein fchoß in einem mächtigen Strahl durch den aufgesprengten Lausten der Aue zu. Die Wälder standen schwarz als starre Silhouetten im Licht.
Und schwarz ragten die Gerüste, die Maschinen, die Türme und Seilwerke aus der Tiefe der Aue, in der alle Umrisse zu verschwimmen begannen.
Hanns Ingold sah sie kommen.
Unter den Schattenstrichen der Schwebebahn hindurch, an deren Drahtseilen die mitten im Lauf ftiUgelegten Förderkörve wie kleine schwarze Särge in der Luft hingen, kamen sie gezogen. Engaufge- schlossen, ohne Lärm, nur von einem leisen Murmeln und dem dumpfen schweren Tritt ihrer Marschkolonnen begleitet.
Ein Amtsbote erreichte noch vor ihnen das Tor und reichte ein Schreiben des Bezirksamt herein.
„Aufmachen und vorlesen!" rief Hanns hinunter.
Engelhardt schlug es auf, und Hermann rief hinauf, daß der Dezirksamtmann die Parteien zur Einigungskonferenz aufs Amtshaus lade, Militär aus Freiburg fei unterwegs.
Es war zu spät. In den Männern, die da in breitem, immer breiter werdendem Zug auf den freien Platz drängten, saß oerhallener Zorn. Ihre Gesichter glänzten fahl in der gelben Dämmerung, die bunten Schärpen der Mineure und die blauen Blusen der Maschinenarbeiter stachen aus der dunklen Masse.
rufsgenossenschasten". Alsdann erfolgte ein Vortrag des Verwaltungsdirektors Schröder vom Reichsverband der Deutschen Landkrankenkassen in Perleburg über „Arztfragen". Beide Vorträge fanden reiche Zustimmung. An die Tagung schloß sich unter fachkundiger Führung eine Besichtigung der Heil- anlagen und technischen Einrichtungen des Bades, die für die Krankenkassen von Bedeutung sind. Den Verhandlungen am Sonntag wohnten der Präsident des Oberversicherungamts, v. Krug, Vertreter der Landesversicherungsanstalt, der land- und forstwirtschaftlichen Berufsgenosienschaft, sowie mehrerer Versicherungsämter bei. Als Ort für die nächstjährige Tagung der Mitgliederversammlung wurdtz Alsfeld bestimmt.
Ober-Mörlen, 8. Nov. Einen in jeder Beziehung überraschenden Ausgang nahm heute die Bürgermeister-Stichwahl, der ein ungewöhnlich reger und heftiger Wahlkampf vorausgegangen war. Wie lebhaft die Bevölkerung an dem Ausgang des feit Monaten währenden Kampfes um das Amt des Ortsoberhauptes interessiert war, geht daraus hervor, daß 95 Prozent der Wahlberechtigten von ihrem Wahlrecht Gebrauch machten. Es wurden insgesamt 1368 gültige Stimmen abgegeben. Davon entfielen auf den seitherigen Bürgermeister G e i b e 1 640, auf befi Gegenkandidaten Anton Eduard Schmidt 728 Stimmen. Der letztere ist somit gewählt. Obwohl bei der Hauptwahl vor 14 Tagen (Seibel nur noch 49 Stimmen an der absoluten Majorität gefehlt haben, ist ihm der Sieg nicht gelungen, weil die Partei des Arbeitervertreters Th. M o r f ch e l sich mit aller Entschiedenheit für Schmidt eingesetzt hatte. Bei der ersten Wahl vor 14 Tagen waren die Stimmen wie folgt verteilt: (Seibel 613, Schmidt 463, Morschel 247. Die heutige Wahl war die vierte Bürgermeisterwahl in diesem Jahre. Im Juli bereits ging der seitherige Bürgermeister Geibel aus der Stichwahl als Sieger hervor. Die Wahl wurde aber, wie wir seinerzeit berichteten, vom Kreisausschutz Friedberg verworfen.
Kreis Büdingen.
Aus dem Riddatal, 9. Rov. Aus manchem, der es in diesen Fahren unternommen, mit nur geringen oder ungenügenden eigenen Mitteln sich ein Haus zu bauen, lastet schon heute schwere finanzielle Sorge. Er sieht sich außerstande, seinen geldlichen Verpflichtungen nachzukommen, weil leine Einkünfte nicht ausreichen, das Leden zu fristen und dabei gleichzeitig Abzahlungen zu machen und schwere Zinsenlast abzuwälzen. ilnter diesen Verhältnissen wird es manchem unmöglich fein, das neuerbaute Haus auf die Dauer zu hatten. Bei einem Verkauf aber muh mit starken Verlusten gerechnet werden, die Gestehungskosten werden nie erreicht werden. Erspartes oder Ererbtes ist 6ami hin und all die schwere, selbflgeleistete Arbeit war umsonst. Das mag manchem Baulustigen zur Warnung dienen. So verlockend der Gedanke ist, aus äußerst engen Wohnverhältnissen herauszulommen und sich am eigenen Herde wärmen zu können, das Unternehmen wird, so nicht genügend eigene Mittel vorhanden, Sorge und Verbitterung bringen. Solange die von Reich und Gemeinde gewährten Zuschüsse im Verhältnis zum DauvbjM recht bescheiden sind, die Gestehungskosten sich auf fast dreifacher Friedenshöhe bewegen und die Dankzinsen für den ehrlich strebenden Arbeiter unerschwinglich sind, sollte jeder, den die Hoffnung auf ein neues, eigenes Heim erwärmt, sich ernstlich prüfen, ob es unter den obwaltenden Umständen nicht geraten ist, für die Ausführung des Planes einen besseren Zeitpunkt abzuwarten.
Kreis Schotten.
Eichelsdorf, 9. Rov. Die ersten evangelischen Gemeindeabende in diesem Winter wurden jetzt in den zum Kirchspiel gehörenden Gemeinden Ober-Schmitten und E i ch e l s d o r f abgehalten. 3n beiden Veranstaltungen, die sich mit der Ostasien-Mission befaßten, hatte Pfarrer Hoch, Setters, den Licht- bildervortrag übernommen. Rach einleitenden Grußworten des Ortsgeistlichen, Dekan Seriba, entrollte der Redner ein überaus anschauliches und fesse.ndes Bild von dem 3nselreich 3 ab an. Unterstützt durch eine große Zahl prächtiger- mehrfarbiger Lichtbilder zeigte er die Schönheit, des Landes, das Leben und Treiben seiner Be< wohner in Stadt und Land, die verschiedenen Religionsarten und deren Einwirkung auf Staat und Familie. Der Tätigkeit^ der evangelischen Mission in 3apan, die auch während des Krieges
Sie waren angekommen, und plötzlich standen zweitausend nackte Fäuste steil in die Lust und drohten zu dem Balkon hinauf, wo Hanns Ingold den Zug erwartete.
Ein einziger rauher, brüllender Schrei zerriß die Schwüle und wälzte sich in erschauernde Ferne fort.
„Schickt die Sprecher herauf!"
Hell urb scharf klang Ingolds Stimme aus der Höhe.
Unwillkürlich trat Engelhardt in die Gärtnerloge zurück, die in dem Winkel des Vorhofs lag. Joseph hantierte schon darin und suchte das Vorlegeschloß für das Tor.
Hermann Ingold war auf dem Hof stehen geblieben, gebannt von dem gewaltigen Anblick der wogenden Menge, aus der jetzt die wilden Rufe: „Nein, genug verhandelt! Wir wollen die Antwort holen", wie Raketen aufftiegen. Sie standen vor dem Gitter, und dieses Gitter reizte sie.
Schon griffen nervige Fäuste in die Stangen und rüttelten daran. 5)eUe Frauenstimmen kreischten auf und peitschten die Erregung noch höher.
Mit verbissenen Zähnen stand Hanns Ingold auf dem Balkon und blickte in die quirlende Menschenflut, die fessellos tobte, eine im Zwielicht kaum noch erkennbare Masie, aus der nur ein blasser Schein emporschlug und der Schweiß der erhitzten Natur mit ben rauhen Stimmen zugleich heraufftieg.
Er hätte gern hinuntergerufen, daß er nicht um Lohn markte, wenn sie nur die Krane drehten und die Mauern bauten, denn ihm galt das Werk alles, und sie waren nur Helfer zum Werke, aber er glaubte, daß er sich nichts abtrotzen lasten durfte, ohne des fessellosen Stromes Beute zu werden.
Er rief nicht, er wartete. Nur stehenbleiben, nicht den Kopf wegwenden.
Da klang das Horn noch einmal, und ein Teil der Menge fetzte sich mechanisch wieder in Marsch. Die Spitze des Demonstrationszuges schwenkte nach der Stadt ab.
In diesem Augenblick flog ein Stein. Klirrend schlug er durch eine Scheibe des ersten Stocks. Und dann war auf einmal alles ein wilder Taumel, und während der Zug schon in Fluß geraten war, prasselte, von unbändigen Elementen, Pflasterbuben und Weibern geworfen, ein Steinregen und zerschmet- terte jedes Fenster im Haus.
(Fortsetzung folgt.)


