Dienstag, P. November 1925
Gietzener Anzeiger (weneral-Anzeiger sür Gverhessen)
Nr. 264 Zweites Blatt
Publikum.
e-s.
Von der Komik im Film.
Auch im Film betrachtet man den dramatischen Schauspieler als ein höheres Wesen, während man den Komiker nur nebenbei gelten läßt. Warum? Die psychologische Erklärung ist einfach. Der Mensch bewundert Edelmut und Gute, er beugt sich vor dem Schmerz, er erschauert vor der Macht des Bösen. Das steht alles über seinem kleinen 2llltagSschicksal. Wenn er aber lacht, bann lachte er von oben herab. Es ist nicht
nur ein Wortspiel, daß man Komisches nicht ernst nehmen kann.
Ebenso wahr ober ist es, Laß komisch? Bollen im Film ein besonderes Maß ernster Arbeit erfordern. Wer glaubt, dah man eine erheiternde Wirkung einfach aus dem Handgelenk schütteln kann, ist stark im Irrtum. Der Regisseur eines Lustspiels, einer Groteske hat hundertfach? A'.beit gegenüber seinem Kollegen vom ernsten Fach. Dazu kommt noch ein Umstand, der das ganze Geheimnis der Komik enthält: sie muh ungewollt sein oder zum mindesten so erscheinen. Es gibt Leute, die bei den tollsten Spähen eines Charlie Chaplin, Harald Lloyd oder Duster Kae- ton kaum eine Miene verziehen, die aber herzlich lachen, wenn das Faultier in dem alfa- Kulturfilm „Urwelt im Urwald" seine ganz natürlichen Kletterkunststücke zeigt und daber augenzwinkernd auf die Menschlein tief unter sich herabblickt. Das sind ganz besonders subtile Ra- turen, auf die nur das wirklich Ungewollte wirkt. Sie sind die strengsten, aber auch die mahgebend- sten Kritiker.
Vielleicht läßt sich hieraus auch ein richtiger Schluß ziehen, warum das deutsche Lustspiel im Film fast gar nicht gepflegt wird Gerade im Lichtbild ist es doppelt schwer, eine komische Wirkung zu erzielen, da der Wortwitz wegfällt und nur die Situation komisch wirken kann. Reuer- dings ist man allerdings bestrebt, auch dieses Genre zu pflogen. Dafür zeugen zum Beispiel die reizenden Lustspiele „Liebe macht blind" und „Das Fräulein vom Amt", die einen großen Schritt nach vorwärts auf diesem Gebiete bedeuten. , . •
da Familien desselben Namens durchaus noch nicht verwandt zu sein brauchen.
Einen kühnen Schrill hat nun America Scar- lat t i vorwärts gemacht, indem er festftellle, daß Mussolini nicht aus einer gleichnamigen Familie stammt, sondern aus dem edlen Bologneser Geschlecht der Asinclli, zu deutsch: Eselchen. Nach dieser Theorie ist die erloschen geglaubte Familie Asinelli um die Mitte des 17. Jahrhunderts (italienischer Rechnung, also 18. Jahrhundert nach unserem Sprachgebrauch) nach Predappio, dem Geburtsort Mussolinis in der Romagna, ausgewandert, wo ihr Name eine mundartliche Umfärbung erlitt. In der Tat bezeichnen die Veneter den Esel mit dem Worte muso ober musso, einen kleinen Esel also als musso- lino. Aus dem Asinello wurde also ein Mussolino, aus den Asinelli gingen die Mussolini hervor.
Fürst Fabrizius Massimo bestreitet die Möglichkeit einer solchen Verwandlung nicht, weist aber daraus hin, daß schon viel früher, gegen Ende des 14. Jahrhunderts in der Toskana die Edelfamilie der Musolini, i)erern von Arcelata, genannt wird. Der Entdecker des Asino im Wappen des allmächtigen Herrschers über Italien will jedoch diesem Einwand keinerlei Wert zuerkennen, denn, so folgert er, auch wenn die toskanischen Musolini und die roma- gnolischen Mussolini identisch wären, braucht deswegen noch lange kein gemeinsames Familienband zu 'verbinden. Was wolle eine zufällige phonetische Ähnlichkeit besagen, nachdem es so viele Musolini, Musolino, Musoletti, Musolotti, Musini, Musatti gebe! (muso — Maul, Schnauze, Gesicht: mussolina = Musselin = Stoff aus Mossul.) Das würde ja bedeuten, daß auch der Musso, der Esel Venetiens, und ein muso oder musino, ein liebes Gesichtchen, einunddieselbe Sache seien. Nein, Mussolini stammt von jener ausgewanderten Familie Asinelli alias S a l d i n i ab, und zwar von Tomaso Saldini, der als erster den venetischen Uebernamen erhielt.
Dis auf weiteres also kann der italienische Diktator einen Esel im Schilde führen, jenes brave und daher ebenso schmählich wie das edelste, der Hund, in Wort und Bild verleumdete Tier. Beide werden als Schimpfnamen gebraucht, ohne daß die Menschen merken, wie sehr sie sich selber damit beschimpfen. Den Esel als Bild der Dummheit hinzustellen, das ist gang und gäbe geworden, aber, so hebt der Entdecker des mussolinischen Familienwavpens den Erinnerungsfinger, nährte sich nicht Perseus von Eselsfleisch, um seine Heidenolieder zu stärken? War nicht in der griechischen Mythologie Promotheus, der ..Vordenkende", der Repräsentant des denkenden Menschenaeistes, der als Sinnbild ewiger Jugend einen Esel hatte? (Giovinezza, giovinezza! heischt die faftistische Revolutionshnmne!) Vesta, die Göttin des heiligen Herdes, die Nährmutter des unsterblichen Ruhmes der ewigen Roma, sah bei den Vestalien am 9. Juli die festlich geschmückten heiligen Esel in ihrem Tempel. Und Simson erschlug mit einer Esels- kinnlade brc Philister, und ein Eselchen steht vor der Krippe im Stalle zu Bethlehem, und auf einem Esel hielt Christus seinen triumphhaftcn Einzug in Jerusalem!
über 60 Prozent d e r Bevölkerung rumänischer Nationalität sind und diese Rumänen auch während der russischen Herrschaft ihr Volkstum rein bewahrten. Weiler erfolgte der Anschluß Bessarabiens an das rumänische Mutterland nach dem Zusammenbruch der zaristischen Armee, als die ausbrechende russische Revolution das Selbstbest i m m u n g s r e ch t der Völker anerkannt hatte, auf Grund eines unbeeinflußten Beschlusses des bessarabischen Landesrates, des sogenannten „Ssatul Zarei". Staatsrechtlich wurde der Anschluß Bessarabiens an Rumänien durch das b e s s a r a b i f ch e Protokoll gutgcheißen, das aber erst von zwei Staaten — England und Frankreich — ratifiziert worden ist: die Ratifizierung durch Italien und Japan steht noch immer aus
Zum letzten Male verhandelte Rumänien mit den Vertretern Sowjetrußlands im Marz 1924 in W i c n. Die Konferenz wurde bekanntlich ergebnislos beendet, da die Russen eine V o l k s a b st i in - m u n g in Bessarabien verlangten. Eine solche hätte aber nur der kommunistischen Propadanda Tür und Tor geöffnet. Rumänischerseits hat inan sich vor unb während der Verhandlungen wohl keinen Illusionen über ein etwaiges Einlenken russischerseits in dieser heiklen Frage hingegeben, unb man nahm an der Konferenz eigentlich nur aus dem Grunde teil, um vor der Welt den guten Willen zu einer gerechten Beilegung des unangenehmen Streitfalles zu doku- mentieren.
Eine Wendung zum Besseren im Verhältnis zwischen beiden Staaten ist auch nach der Wiener Konferenz nicht eingetreten, im Gegenteil: durch die Ausrufung einer „Moldauischen Republik" jenseits des Dnjester wollte Sowjetrußland der moldauisch- rumänischen Bevölkerung Bessarabiens ein neues — diesmal nationales — Lockmittel bieten, das aber feine Wirkung vollkommen verfehlte, und der vorjährige Kommuniftenputsch in Tatar Bunar ließ auch den Nichteingeweihten die eigentlichen Ziele der Machthaber in Moskau erkennen.
Unterdessen fanden in periodischen Abständen Grenzverhandlungen zwischen Rußland und Rumänien statt, die einmal diesseits des Dnjester in Bende (Tighina), das andere Mal jenseits des Grenzflusses in Tiraspol tagten. Aufgabe dieser Grenzverhandlungen ist die Regelung des sog. Gre z- verkehrs, die Flüchtlingsfrage, das Problem der Dnjesterinselii und die Frage des Austauschs der politisch Verdächtigen. Die wirtschaftlichen Fragen wurden nach einem mißlungenen Versuch in Tirarspol und später in Odessa von der Tagesordnung abgesetzt. Bisher haben die Verhandlungen noch wenig Etfolg gezeitigt, denn die Russen wehren sich hartnäckig, in den Protokollen den Dnjester als Grenze anzuerkennen, so daß eine Einigung von vornherein unmöglich ist.
In allererster Zeit haben sich aber verschiedene Dinge ereignet, die auf einen unmittelbaren Wandel öer rumänisch-russischen Beziehungen schließen lassen. Den Anstoß hierzu gab die Warschauer Tschitscherinreise, die von rumänischen politischen Kreisen mit großer Aufmerksamkeit verfolgt wurde. Die rumänische Presse ohne Rücksicht auf Parteischattierung, bedachte und betonte mit besonderem Nachdruck, daß dadurch das -Bündnis Rumäniens mit Polen in keiner Weise berührt werde. Von ganz besonderer Wichtigkeit war aber die Stellungnahme der offiziösen Regierungspresse. So schrieb z. B. die „Indöpedance Roumainc", das Sprachrohr des Bukarester Außenministeriums: „Indem sich die Sowjets Polen annähern, könnten sie unter Umständen auch dazu gebracht werden, ihre Haltung zu jenen Staaten, die gutnachbarliche Beziehungen zu dem großen slawischen Volke unterhalten wollen, zu ändern." Man wird in Moskau ganz genau verstanden haben, was hier zwischen den Zeilen mitschwingt, und Tschitscherin deutete noch in Warschau an, daß er geneigt sei, auch mit Rumänien ähnliche Vereinbarungen wie mit Polen einzugehen.
Nach einem Bukarester Gerücht sollen die russischen Vorschläge zur Anbahnung regerer Handels- beziehungen der rumänischen Regierung schon zur Kenntnis gekommen sein: amllich wird diese Nachricht vom Außenministerium aber dementiert, jedoch in- einer solchen Form, daß man die Möglichkeit solcher Vorschläge — wenn auch zu einem späteren Zeitpunkte — durchblicken ließ.
Dieser rumänische Standpunkt läßt sich dahin umschreiben, daß man in Bukarest eine abwartende Stellung einnimmt. Daß augenblicklich die Lage zu einem wirtschaftlichen Übereinkommen zwischen den beiden Staaten günstig ist, tann ohne weiteres angenommen werden, denn Rußland hat allen Anlaß dazu, im Notfall auch mit Opfern zu verhindern, daß Rumänien aus der antirussischen Front, die sich angeblich in Locarno gebildet haben soll — in diesem Sinn kommentieren die rumänischer, Blätter die Konferenz — Kapital gegen Rußland schlage. Ru- rnänien befindet sich daher in einer günstigen Lage und man kann ruhig annehmen, daß Außenminister
Gießener Stadtthealer.
„Die Braut von Messina".
Tragödie von Schiller.
Regie: Intendant Hermann Steingoetter.
Kritik ist Mittlerin zwischen Bühne und Publikum. (Reben ihrer ante en Ausgabe: Wächterin zu sein und Hüterin der Kunst.) Wie aber kann sie ihr Mittlecamt erfüllen, wenn des Vergleiches wichtigstes Glied — fehlt?
Wo wart Ihr. die Ihr uns vorwerft, mo- dern, überspannt zu sein? Meint Ihr. es genüge, Cure halberwachsenen Kinder ins Theater zu schicken und daheim in der Ecke des Sofas sich des Bewußtseins za freuen, für Euere Kinder eine gute Tat getan zu haben?
Wo wart Ihr, die Ihr redet, die Bühne müsse wieder eine moralische Anstalt werden? Meint Ihr, es genüge, wenn Ihr Euren Ressen und Richten und Schülern und Schülerinnen eine Karte zur Vorstellung kauft, während Ihr — das Stück schon „kennt", davon predigt und lehrt?
Wo wart Ihr, die Ihr in den Stucken, unserer jungen Dichter von heute, die in heißem Ringen mit der Zeit ihr Herzblut in ihre Werke verströmen, — die Ihr in diesen Stücken, sage ich, nur Abschaum und Schmutz sehen wollet und Eure Klassiker in den Himmel hebt?
Zuhause seid Ihr geblieben, und habt Euren Schiller einem jungen Stoßtrupp von Schülern, die Eurem Befehl noch gehorchen, einigen Eltern, die ihre Kinder als Statisten bewundern wollten, einigen ehrlich bei der Sache stehenden Schauspielern und zwei Theaterreferenten überlassen.
Ist es so?
Rumänien und Rußland.
Don unserem Dr. öl.-Mitarbeiter.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.
Bukarest, 1. November 1925.
Das Verhältnis zwischen Rußland und Ru- rnänien wird durch die ungelöste bessarabische Frage und die rumänische Forderung nach Rückgabe des während des Krieges nach Moskau in Sicherheit gebrachten rumänischen Kronschatzes bestimmt. Im Vordergrund steht natürlich der Streit um Bessarabien, auf das Sowjetrußland weniger aus Landhunger oder aus ethischen Erwägungen nicht verzichten will, sondern vor allem deswegen, weil auch der sowjetrussische Imperialismus noch immer mit dem Gedanken des Besitzes der Schwarzen-Meer-Enge spielt, und Rumänien das erste Hindernis wäre, das zur Verwirklichung des Planes über den Haufen gerannt werden müßte.
Die Argumente, die Sowjetrußland in der bessarabischen Frage ins Treffen führt, sind mager genug und stützen sich eigentlich nur auf die eine Tatsache, daß Bessarabien, als es im Jahre 1812 von dem Fürstentum Moldau abgetrennt wurde, mit diesem unter türkischer Herrschaft gestanden hat und Rumänien daher auf diese Provinz kein historisches Recht besäße. Diese Beweisführung vergißt allerdings, daß zu jener Zeit auch das andere rumänische Fürstentum, die Walachei, den Türken tributpflichtig war, und übersieht ganz und gar die kulturellen Bedingungen, die es immer zwischen der Moldau und der Walachei, infolgedessen auch zwischen der Walachei und Bessarabien gab.
Rumänien begründet andererseits seine Anrechte auf Bessarabien durch die auch von den zaristischen I Statistikern ziffernmäßig erhärtete Tatsache, daß
Die Provinziallandtagswahlen in Preußen.
Im ganzen Geriet des preussischen Staates finden bekanntlich am 29. Rovember i>;c Wahlen Au den Kommunalverbänden statt, und zwar werden neu gewählt sämtlich? Provinziallandtage einschließlich der Kommunaltage von Hessen-Rassau und Hohen» zollern. Eine Ausnahme bildet nur die Stadt Berlin, die solche Körperschaften nicht besitzt. Die Kreistage werden ebenfalls neu gewählt (ausgenommen sind einige oberschlesisch? Grenz- kreise). In solchen Städten, die kreisfrei sind, finden selbstverständlich nur die Wahlen zum Provinziallandtag statt.
Die Provinziallandtage in Preußen blicken auf eine hundertjährige Vergangenheit zurück. Sie wurden im Iahre 1823 durch das Gesetz zur Schaffung der Provinzialstände eingeführt. Das damalige Wahlrecht gab dem Adel, dem Grundbesitz und den Magistraten eine Repräsentation in den provinziellen Landtagen. Im Iahre 1847 wurden die Provinzialstände zum „Vereinigten Landtag" zusammengeschlossen, der der Vorläufer des im Iahre 1848 erstmals durch das Volk gewählten Parlaments gewesen ist. Die heutigen Provinziallandtage werden durch das direkte Wahlrecht auf tem Wege der Verhältniswahl gewählt. Die Zahl b er Abgeordneten ist verschieden nach der Bevölkerung in den einzelnen Provinzen festgesetzt. In Provinzen unter 2 Millionen Einwohnern entfällt auf je 25 000 ein Abgeordneter: die Grundziffer ändert sich für die größeren Provinzen, so dah bei 5 Millionen Einwohnern erst auf 75 000 Einwohner ein Abgeordneter zu wählen ist. Wahlbezirke sind die SZadt- und Landkreise. Falls ein solcher Wahlbezirk nicht die nötige Einwohnerzahl besitzt, wird er mit einem benachbarten Wahlbezirk vereinigt. Wenn z. D. eine Provinz 150 Abgeordnete zu wählen hat und 3 Millionen Stimmen aufbringt, so sind für ein Mandat 20 000 Stimmen erforderlich. Wenn eine Partei in d.cser Provinz 750 000 Stimmen erreichte, so erhält sie 37 Sitze. Die Verteilung derselben erfolgt aber nicht ohne weiteres auf die höchste Stimmenzahl in den einzelnen Wahlbezirken, sondern zunächst wird der einzelne Regierungsbezirk bei der Verrechnung eingeschaltet. Der Wahlkommissar stellt fest, wieviel von den erwähnten 150 Sitzen auf die verschiedenen Regierungsbezirke (ihrer Einwohnerzahl entsprechend) entfallen. Diese Zahl wird nun auf die Parteien, die sich auf ein gemeinsames Kennwort geeinigt haben, verteilt. Durch die Einführung der „Regierungsbezirks- Derteilungszahl" soll verhindert werden, daß ganze Teile einer Provinz ohne Vertretung im Prvvinziallandtag bleiben. Ebenso kompliziert sind find die Vorschriften Über die Listenverbindungen. Zum Provinzialtag find solche zugelassen, zum Kreistag auch jetzt noch nicht. Der Sinn der Vorschriften für die Provinz ist her, daß Wahlvorfch äge mit verschobenen Parteikennworten unter einem gemeinsamen Kennwort (Gruppenkennwort) miteinander verbunden werden tonnen. Damit wird verhindert, daß starke Reststimmen einfach unter den Tisch fallen. Andererseits wird der allzu großen Zersplitterung ein Riegel vorgeschoben durch die Vorschrift, daß nur solche Gruppen bei der Verteilung der Sitze berücksichtigt werden, die entweder in einem Wahlbezirk die Provin'verteilungszahl erhalten oder aber in der ganzen Provinz mindestens die doppelte Derteilungszahl erreichen.
Die Aufgaben der Provinziallandtage sind nicht zu unterschätzen. Ihnen obliegt vor allem die ländliche Wohlfahrtspflege, der Bau von Kleinbahnen, die Errichtung von Heil- und Pflegeanstalten, das landwirtschaftliche Unter» richtswesen, auch die Unterhaltung der Chausseen, soweit diese Ausgabe nicht den Kreistagen übertragen worden ist.
Zur Durchführung dieser Aufgaben und zur ständigen Ueberwachung seiner Aufgaben wählt der Provinzialtag den Provinzialausschuß, der eine große und verantwortungsvolle Tätigkeit zu entfalten hat. Im Iahre 1921 betrug der Haushalt von Brandenburg (ohne Berlin) etwa 19 Millionen, Sachsen und Westfalen wiesen einen solchen von über 50 Millionen, die Rheinprovinz von 85 Millionen auf.
Die besondere Bedeutung der Provinziallandtage beruht noch darin, daß sie Mitglieder des Preußischen Staatsrats wählen, der als eine in vielen Dingen dem Landtag gleichgeordnete Vertretung von großem Einflüsse ist. Ferner wählt der Provinziallandtag die Hälfte der preußischen Mitglieder zum Reichs- rat, in dem bekanntlich die Regierungen der ßanber ihre Vertretung besitzen und die Funktion
Wozu und für wen also soll ich heute schreiben?
Bleiben wir unter uns, zwischen denen die Vermittelung der Kulturgüter trotz aller Widerstände die Drücken gemeinsamer Arbeit schlägt: Theater und Kritik. Und laßt Euch sagen: Ihr habt's gut gemacht!
Zum ersten Male soll das hier in diesen Spalten, die so oft aus bitterem Müssen Geißel waren, gesagt sein. Denn es ist viel erreicht.
Eine Szene wie die im 4. Akt nach der Ermordung Don Manuels ist selten hier in solcher Geschlossenheit der Form und solcher Intensität der inneren Derspannung gesehen worden. Zum großem Teil lag das, neben der Regiearbeit, die voll Achtung anerkannt werden muß, an dem lebendigen schauspielerischen Können von Willy Hanke als Don Cesar. Hanke weih um die Wichtigkeit der Pause im Wort und in der Bewegung, er kennt den Ausbruch und seine Bändigung, er weiß um die Lyrik eines Bildes, kurz, er hat Möglichkeiten und bietet, bei strenger Arbeit und Selbstbeherrschung, Sicherheit. Susanne H e h m als Beatrice war von jener spröden Süße, die den Schillerschen Frauen so oft eignet, Friedrich Geffers (Don Manuel) als dritter im Bunde der unseligen Geschwister am belastet« sten, von Ders und Rhythmus am wenigstem durchdrungen. Auguste Marcks setzte sich mit Wärme für ihre Fürstin Isabella ein. Paul Gehre lieh dem Diego sympatische Züge.
Bei der Behandlung der Chore muh mit besonderem Bedacht von der Regie gesprochen werden, die sich diesmal der Intendant Steingoetter Vorbehalten hatte. Hier war erfreuliche und glückliche Arbeit geleistet worden. Durch zahlenmäßige Beschränkung der Sprecher war
Mussolinis Eselswappen.
Von unserem römischen ^-Korrespondenten.
Der Ursprung der Familie Mussolini hat die Genealogen natürlich nicht schlafen lassen. Je höher der Duce stieg, desto mehr (Stammbäume stritten sich um den interessanten Zweig, wenn nicht gar die Hauptwurzel. Die italienische Namensforschung steckt ja, gemessen etwa an der schweizerischen, noch in den Kinderschuhen, aber als Serben und Slowaken Mussolini für sich reklamierten und den Stand feiner Wiege in Jugoslawien fixierten, da erhob sich am anderen Ufer der blauen Adria ein einziger patriotischer Schrei: Sie sollen ihn nicht haben! Und die Familienforscher zogen in Scharen aus, die heilige Wurzelreliquie zu entdecken ...
Es würde zu weit führen, den Kreuzzug in allen seinen Entwicklungsstufen zu schildern. Man fand so viele mussolinische Wurzeln, daß man ein gutes Dutzend echter (Stammbäume daraus bauen könnte. Nur leider keine einzige einwandfreie. Zwei Hauptgruppen stehen sich feindlich gegenüber: die eine stützt sich auf den Namen Mussolini, der in annähernd moderner Form schon auf Sarkophagen der Renaissance und dementsprechend auch in ver- gilbten Urkunden zu finden ist: die andere weist die einfache Namensgleichheit als unwesentlich ab,
des früheren Bundesrats bis zu einem gewissen Grade fortführen.
Wie bedeutungsvoll die Stellung des Staatsrats und des Reichsrats ist, bedarf keiner weiteren Auseinandersetzung. In gleichem Maße, wie die sonstigen Parlamente in ihrem Ansehen gefährdet sind — durch den Mißbrauch, den die; radikalen Parteien mit ihnen treiben —, wirb der Reichsra! und ein Staatsrat als Stätte sachlicher politischer Arbeit an Beacytung gewinnen. , , , , , n
Die Provinziallandtage haben ater aua) sonst eine hervorragende politische Rolle spielen können. Als "z. B. während des passiven Widerstandes das Rheinland in höchster Gefahr stand, war sein Provinziallandtag unter dem Vorsitzenden Dr. Iarres das Sprachrohr des rheinischen Volkes im Kampfe gegen Separatisten und gegen Be'atzungswillkür, aber auch im Bekenntnis zum preußischen Staate und zum Reiche. Als Ostpreußen und Schlesien durch das Versailler Diktat und seine Folgen verstümmelt wurden, erhoben seine Provinziallandtage den lauten Protest der betroffenen Bevölkerung, die sich dagegen wandte, alte deutsche Gebiete preisgeben zu müssen. . . . >
Die hohe Bedeutung, die die Provinzial- landtage als Träger eines großen Teil der Selbstverwaltung und als Wahlkörperschaften für bedeutsame politische Gremien besitzen, hat auch dazu geführt, den Ruf nach „provinzieller Autonomie" zu erheben. Soweit es sich darum handelt, dem gesunden Gedanken der Dezentralisation zu dienen, ist nichts dagegen zu sagen. Sobald aber der Verdacht besteht, dah -sich hinter dem Gedanken der provinziellen Selbstverwaltung partikularistische Bestrebungen versteckten, muhte ihm mit Mißtrauen begegnet werden. Das gilt besonders gegenüber manchen Erscheinungen im Rheinlande wie gegenüber dem Treiben der Welfen in Hanno- ver. Die Selbstverwaltung der Provinzen darf nicht dazu führen, den preußischen Staat in seinem Gesamtgefüge zu lockern, oder den Einheitsgedanken des Reiches zu unterhöhlen. Auch daraus geht die politische Bedeutung der Wahlen vom 29. Rovember hervor.
Das Berussausbildungsgesetz.
Die unzureichende gesetzliche Regelung des Lehrlingswesens hat den Zentralverband der Angestellten veranlaßt, immer wieder die baldige Verabschiedung des geplanten Derussausblt- dungsgesches zu fordern. Auf eine Eingabe vom 7. Februar d. I. an wertste das Reichswwtfchafts- minifterium, daß die Vorarbeiten an dem neuen Entwürfe eines Derufsausbildungsgesetzes vor der Vollendung steheir. Diesen Worten ist die Tat leider nicht gefolgt. In einer weiteren Eingabe vom 25. März d. I. hatte der Zentralver- band der Angestellten insbesondere auch auf die Stellungnahme der württembergischen und hessischen Landesregierung hingewiesen, die ebenfalls die Rotwcndigkeit einer baldigen gesetzlichen Reuregelung des Lehrlingswesens betonten. Die neu erschienenen Jahresberichte der Gewerbeaufsichtsbeamten zeigen ein erschreckendes Bild. Der Zentralverband der Angestellten ist daher erneut am 4. September d. I. an das Reichswirtschaftsministerium herangetreten und hat gefordert, endlich die wiederholt abgegebenen Versprechen zu erfüllen und das Derufsausbildungsgesetz herauszubringen.
eine tiefgreifende Durcharbeitung erreicht worden. ein qualitatives Plus, das gern festgestellt und auf dessen Beziehungen zu vielen Dingen der Arbeit an der Bühne hingewiesen sei. (Ron multa, sed multum!) Paul Schubert (Cajetan) als Führer des älteten Chors sprach tlug und gut den Vers, seine Leistung gehört «unmittelbar zu der Hankes. Karl V o l ck s Berengar erinnerte in seiner pastoralen Ge- tragenheit oftmals zu deutlich an die „moralische Anstalt". Hans Wehrl wieder als Manfted fiel angenehm auf. Don den Sprechern des jüngeren Chors tritt nur Bohemund stärker hervor. Karl Juhnke füllte die Rolle mit Gehalt.
Das Spielfeld war durch den bequemen Bühnenrahmen festgelegt und zusammengehalten, ein durchgehender Grundaufbau ermöglichte raschen Szenenwechsel und brachte Geschlossenheit in Architektur des Bildes. Die Sachlichkeit der übrigen Seforationcn entsprach der Strenge der Dichtung.
Und so sei zum Schluß noch einmal allen Beteiligten die Hand gedrückt: denn nichts war mißlungen. Wer diesmal versagte, war — das


