Ausgabe 
10.11.1925
 
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Dienstag, 10. November 1025

Nr. 264 Erstes Blatt oo

115. Jahrgang

metzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberheffen

Drutf und Verlag: vrühl'fche Univerfiläts-Vuch- und Zteindruckerei R. Lange in Sieben. Zchriftleitung und Geschäftsstelle: Schulstrahe 7.

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Chefredakteur.

Dr. Friedr. Wilh. Lange.

Verantwortlich: für Politik und Feuilleton Dr. Friedr. Wich. Lange, für den übrigen Teil Ernst Blumschein,- für den An- zeigenteil Hans Füstel, sämtlich in Gießen.

Der Kampf um die Rückwirkungen.

Die vergangene Woche hat die Auseinandersetzun­gen um die innerpolitische Basis des Locarnover­trags bei uns zum Abschluß gebracht. Sie hat die Gefahr beseitigt, daß aus der Opposition heraus zur höheren Ehre parteipolitischer Ziele eine Krise inszeniert wurde, die mit dem Kabinett auch die Führer der deutschen Delegation in Locarno ver­schlang und uns dadurch den Verhandlungspartner nahm, der überhaupt die diplomatische Unterhal­tung um die Rückwirkungen mit Poris und London aufnehmen konnte. Für die Dauer des Kabinetts Luther ist damit allerdings noch gar nichts gesagt, die Reaterung kann über jeden Strohhalm stolpern, aber ihr Bestand ist doch wenigstens so lange ge­sichert, bis sich die außenpolitische Neugruppierung überl-ben läM.

Und die kommende Wo ie bringt jetzt den E n d - kampf um die Rückwirkungen. Eigentlich müssen schon die allernächsten Tage die Entscheidung bringen, denn wenn nicht eine neue Krise in Frank­reich einen Strich durch die Rechnung macht, hat Herr B r i a n d die Absicht, Mitte der Woche v o r der Kammer und vor dem Senat zu sprechen und hier in einem einheitlichen Bild klarzulegen, wie Frankreich sich den neuen europäischen Geist vorstellt, d. h. welcheZugeständnisse Frank­reich uns im Westen machen will, um zu zeigen, da' es ihm ernst ist mit einer Aenderung seiner bisherigen Methoden. Auf deutscher Seite hat es an Vorstellungen nicht gefehlt, um der französischen 'Re­gierung begreiflich zu machen, daß ohne solche sehr weitgehenden Zugeständnisse eine Mehrheit für den Vertrag von Locarno im Reichstag nicht zu finden wäre.

Was wir verlangen gerade weil Briand dem­nächst sagen wird, was er geben will, ist es not­wendig, das noch einmal herauszuarbeiten, läßt sich in zwei Gruppen zusammensassen. Zunächst die Räumung der ersten Zone. Von unserer Seite ist immer betont worden, daß diese Räumung nicht mit dem Vertrag von Locarno irgendwie in Zusammenhang stände, sondern unabhängig davon zu erledigen sei, daß sie aber die erste Vor­bedingung dafür ist, wenn wir an den guten Willen der Gegenseite glauben sollen. Niemand kann uns verübeln, wenn wir in der Beziehung sehr skep­tisch sind: wir haben zu viele trübe Erfahrungen gemacht. Eigentlich doch bis in die jüngste Vergan­genheit hinein. Denn ähnliche Redewendungen, wie die von dem Geist von Locarno wurden auch nach der Londoner Konferenz schon laut: auch damals herrschte in Deutschland die Geneigtheit, an eine Kursänderung der Entente au glauben. Aber die erste Gelegenheit, die uns diesen Glauben bestätigen sollte, war die Jahreswende, die nach den Bestim­mungen des Versailler Vertrages die Räumung der ersten Zone hätte bringen sollen. Statt dessen wurde unter allerhand fadenscheinigen Vorwänden eine Ge­legenheit geschaffen, die ohne jeden Nechtsboden die Verewigung der Besetzung bedeuten konnte. Wenn die Botschafterkonferenz und die Kontroll­kommission, um das Gesicht zu wahren, jetzt noch einen Notenwechsel mit Deutschland führen, so wollen wir ihnen das nicht verdenken, wenn sie tat­sächlich mit der Räumung ernst machen. Der Inhalt der Noten wird sorgfältig geheim gehalten, die Oef- fentlichkeit lappt also im Dunkeln darüber, wel­ches Spiel eigentlich gespielt wird. Für diplomatische Taktik interessiert sie sich auch nicht allzu sehr, sie würde befriedigt sein, wenn sie die a k t e n m ä ß i g e Gewißheit hätte, daß die Räumung der ersten Zone am 1. Dez. beginnt und zum Jahreswechsel beendet ist. Allerdings mit der Einschränkung, daß wir dafür nicht einen Preis zahlen müssen, der auf organisatorischem oder disziplinärem Umwege die Grundlage des Minimums an Selbstschutz zer­stört, das wir noch in unserer Reichswehr besitzen.

Die andere Gruppe an Forderungen, die wir zu stellen haben, laßt sich auf die ganz ein­fache Formel bringen, daß künftighin auch d i e Bewohner des weiterhin noch be­setzten Gebietes nicht als Objekt des Kriegsrechts. sondern wieder als freie Men­schen sich fühlen. Dazu ist zunächst eine we­sentliche Verminderung deö Be- satzungsheeres erforderlich. Es hat doch in Locarno einen starken Eindruck gemacht, als der Außenminister Dr. Stresemann den Herren der Entente vorwarf, daß sie den Kampf gegen uns immer geführt hätten unter der Parole, wir übersteigerten den Militarismus, daß sie aber trotzdem in dem besetzten Gebiet mehr als die doppelte Anzahl von Trup­pen haben, als das waffengerüstete Deutschland vor 1914, das damals doch Grenzwacht gegen Frankreich halten muhte. Beschränkten die Fran­zosen, einschl. der Engländer und Belgier ihre Heere auf das Mah dessen, was wir im Frieden dort stehen hatten, dann ist das immer noch reichlich, das mühten wir aber vor der Hand wohl noch tragen. Jedes Mehr ist dagegen der Beweis, daß auf ihrer Seite der Geist von Locarno nur als Lockmittel benutzt werden soll.

Und ein anderes ist ebenso wichtig: Die Rheinlandkvmmission hat ihre eigene Polittk getrieben: sie hat die deutsche Staats« Hoheit so gut wie ausgeschaltet, sie hat das ganze Land mit einem Retz von Delegierten überzogen, die sich als Diktatoren fühlen, sie hat ihre eigene Gesetzgebung geschaffen, sie hat Bürgerfrecheit ebenso wie Pressefreiheit mit Füßen getreten. Zeigt sie durch die Tat, durch Abbau der Delegierten und durch Abbau der Ordonanzen, daß m i t d i e s e m S Y st e m k ü n f- tig Schluß gemacht werden soll, dann gibt auch sie damit den besten und einzig mög­lichen Beweis für die Ehrlichkeit ihres Willens zum Frieden.

Chamberlain über Locarno.

Das (Suildhallbankett.

L o n d o n , 9. Rov. (WB.) Das heule abend in der Guildhall von dem neuen Lord-Mayor (dem Bürgermeister von London) gegebene Ban­kett fand unter den gewohnten Zeremonien statt. An dem Bankett nahmen teil die Botschafter und Gesandten der auswärtigen Mächte, darunter der deutsche Botschafter Dr. Sthamer, dem eine besonders warme Begrüßung zuteil wurde und dem der neue Lord-Mayor mit ganz besonderer Herzlichkeit und lange die Hand schüt­telte. Außerdem waren anwesend die Mitglieder der Regierung, die Chefs der Land-, See- und Luftstreitkräfte und eine große, auserlesene Ge­sellschaft mit ihren Damen. Chamberlains Eintreffen war das Signal für laute Hochrufe von feiten aller Anwesenden, die sich erhoben hatten und ihm einen begeisterten Empfang be­reiteten. Während des Banketts saß der deutsche Botschafter Dr. Sthamer zur Linken Cham- berlains. Bei der Zeremonie der Rundrei - chung deS Trinkpokals reichte der deutsche Botschafter Chamberlain den Pokal, der den Deckel hob und sich in gewohnter Weise ver­beugte. während der deutsche Botschafter tränt Hierauf übergab Dr. Sthamer den Pokal nach altem Brauch an Chamberlain. Rach den üb­lichen Zeremonien und formellen Ansprachen brachte dann

Chamberlain

einen Trinkspruchausdieausländischen Botschafter und Gesandten aus. Er sagte: Ich bringe diesen Trinkspruch mit Vergnügen aus, denn es ist ein Trinkspruch des guten Einverneh­mens und des Wohlwollens. Indem wir ihn aus­bringen, drücken wir die gute Absicht unseres Volkes aus und den Wunsch, in freundschaftlichen Bezie­hungen mit allen Nationen zu leben, deren Ge­sandten bei unserem Volke vertreten sind. Ich glaube, wir können diesen Trinkspruch mit um so größerer Befriedigung ausbringen, weil wir derMnsicht sein dürfen, daß, seitdem er zur Zeit Ihres Vorgängers. Herr Lord Mayor, ausgebracht wurde, etwas getan worden ist, um dieses gute Einvernehmen und Wohlwollen zu s ö r d e r n. Ich hatte die Ehre, mein Land auf der Konferenz von Locarno zu ver» treten und zum erstenmal in der Oeffentlichkeit zu sprechen. Was mich so dankbar für die Aufnahme von Locarno bei meinen Landsleuten macht, ist, daß ich weiß, daß ich auf dieser Konferenz der Wort­führer einer Nation und nicht nur einer Partei war, daß die Politik des Friedens und der Versöhnung, die ich dort verfolgt habe, Politik aller meiner Landsleute ist, und daß bei dem, was weiter­hin getan werden muß, die Minister dieser oder jeder anderen Regierung

eine nationale Unterstützung genießen werden, solange wir uns über unsere Ziele mit denselben freundschaftlichen Mitteln verständigen. Was von England gelt, gift, w'.e ich glaube, in seiner Weise von jebem anderen Lande, das in dieser historischen Versammlung vertreten war. Wenn das Ergebnis so schnell und so all­gemein mit einem solchen Maß der Zustimmung ausgenommen wurde, so war dies der Fall, weil das, was dort geleistet wurde, einem be­wußten Bedürfnis der ganzen Welt entsprach, und weil die Staatsmänner, die dort zusammen- kamen, nur die Wortführer der nationalen Ge­fühle ihrer eigenen Landsleute waren. Welche Schwierigkeiten und es w i r d Schwie­rigkeiten geben auch weiterhin auf unserem Wege liegen, ich vertraue zuversichtlich darauf, daß die Vereinbarungen von Locarno von jedem Lande, das dort vertreten war, ratifiziert wev- fcen; denn kein Staatsmann wagt es, die Ver­antwortung von der Geschichte zu übernehmen, von unseren Lippen den Decher der Hoffnung zu reißen, den Locarno geboten hat, und feine Ration wagt, die Last des Vergebens auf_ sich zu nehmen, die auf jeder Ration ruhen wurde, die der Welt ihr größtes Bedürfnis und ihre tiefste und stärkste Hoffnung vorenthält. Es sind nicht die Verträge von Locarno, die allein die Veränderungen bewirken werden, die wir erwarten.

Es ist der Geist von Locarno, den die Welt braucht, und den sie hochhalten muh. Locarno war nicht das Ende, sondern e i n Beginn.

Ich bin der Ansicht, daß jeder Vertreter, der dort anwesend war, das so ansieht, daß wir auf den neuen bei dieser Zusammenkunft ge­schlossenen Verträgen weiter arbeiten werden in dem neuen Geist des dort gewonnenen Wohl­wollens, um wieder das Gefüge unserer Zi­vilisation äufzubauen und die Fa­milie der Rationen neu zu errichten.

Es klang geradezu dramatisch, als Chamber­lain sich mit folgenden Worten an den Lord­mayor wandte:Mein Lordmahor, dank Ihrer Gastfreundschaft konnte ich heute abend aus Ihrem Liebesbecher dem deutschen Bot­schafter zutrinken. Mögen die andern Völker morgen tun, was er und ich heute ge­tan haben!" Diese Wendung des Außenmini­sters rief lauten Beifall hervor.Bevor ich mich sehe," schloß Chamberlain,will ich meinen Blick weiter richten und die Hoffnung ausdrücken, daß der gleiche freundliche Geist und gute Wille, bec unter den in Locarno vertretenen Mächten herrscht, auch unter den Mächten herrschen möge, die gegenwärtig im fernen Osten mit den Vertretern Chinas verhandeln. Möge aus dieser Konferenz eine neue Freundschaft zwi­

schen dem Osten und dem Westen entspringen." Der

Premierminister Baldwin

gab bann einen allgemeinen Ueberblitf über die gegenwärtige politische Lage. Er erklärte, daß alle seine Kollegen mit Stolz auf den Außenminister und seine Erfolge in Locarno blickten. Die günstigen Er­gebnisse der britischen Reichsausstellung hätten sich noch nicht recht auswirken können. Die Ausblicke auf die Entwicklung des Handelslebens seien für die nächste Zukunft äußerst hoffnungsvoll. Die ständige Abnahme der Arbeitslosig­keit tue das ihre zur Verbesserung dieser Aus- ichien. Während des letzten Jahres habe sich i n Indien eine wesentliche Besserung der Lage bemerkbar gemacht. Es käme heute vor allem darauf an, guten Willen durch Bezeugung guten Willens heroorzurufen.

Sir Samuel Hoare, der Staatssekretär für Luftfahrtwesen, wies in seinem Funlspruch darauf hin, daß das Fliegen bisher der Welt wenig mehr gebracht habe als die Luft den furchtbarsten Formen der modernen Kriegführung zu eröffnen. Er habe aber die Hoffnung, daß mit dem neuen Abkommen von Locarno über Europa neue atmosphärische Bedingungen sch ausbreiten mögen, die die Wolken des Krieges verdrängt und einen heiteren und klaren Himmel erscheinen lassen würden, so daß das Luftfahrwesen zum Segen für die Menschheit werde. Der erste Seelorb, Earl Beatth, erklärte in seiner Antwort auf den Trinkspruch auf d'e Flotte u. a., man brauche in der Gesch-chte nicht weit nachzuforschen, um zu erkennen, daß es auch nach allen großen englischen Siegen Gefahren gegeben habe. Es sei daher gut, sich an die Tat­sachen zu erinnern, die den Bestand einer ange­sehenen britischen Flotte heute fordern. Die Flotte bestehe, um den Stieben der Welt zu er­halten und das britische Reich zu sichern.

Die Ueber^eblung der englischen Besatzung

Wiesbaden, 10. Roo. Die englische Offi­zierskommission, die die ersten Vorbereitungen für die Heberfieblung der britischen Truppen ge­macht hat, hat die Stadt wieder verlassen. Anfang dieser Woche wird die englische Eisenbahn- unterkommissivn bei der Reichsbahn­direktion in Mainz ihre Tätigkeit aufnehmen. Der älnterkvmmission obliegt die Vorbereitung zur Durchführung bet Verlegung der englischen Truppenverbände.

Amerika und Locarno.

Erklärungen

des Reichstagspräsidenten Löbe.

Hamburg, 9. Rov. (LU.) Während eines kurzen Ausentha'tes auf dem Hamburger Haupt­bahnhof hat der Reichstagspräsident Löbe auf die Frage eines Mitarbeiters desHamburger Fremdenblattes" erklärt, bah man in Ame­rika den Pakt von Locarno als den Sieg den wirtschaftlichen Vernunft und den Beginn der europäischen Kreditwürdigkeit betrachte. Auf die Frage, wie die diplomatischen und wirtschaft­lichen Kreise in Amerika auf die antiameri­kanische Tendenz reagierten, die manche in das Locarno-Abkommen hinein'ecen, erwiderte Lobe, daß einsichtige Leute einen engen politi­schen und wirtschaftlichen Zusammenschluß von Europa keineswegs fürchteten. Im Ge­genteil seien sie in ihrem, Europa gegenübet außerordentlich stark entwickelten Ueberlegenheits- gesühl der Ansicht, daß z. D. eine europäische Zollunion für sie eine vorteilhafte Erleichte­rung ihrer Geschäfte mit Europa in technischem Sinne bedeuten würde. Daß Europa gegenüber Amerika nicht zuletzt durch den Weltkrieg stark ins Hintertreffen geraten sei, sei die allgemeine Ueberzeugung der deutschen parla­mentarischen Delegation, die sich bekanntlich aus Abgeordneten der Parteien der Deutschen Volks­partei bis zu den Sozialdemokraten zusammen­setzt. Die deutsche Delegation habe von allen Delegationen der Interparlamentarischen Union den größten moralischen Erfolg erzielt. Das sei auch von dem deutschen Botschafter in Ame­rika, Frhrn. v. Malhan, anerkannt worden.

Der Zusammentritt des Reichstages.

Berlin, 9. Rov. (WB.) Der Reichs­tag s p r ä f i ö c n t Lobe hat sich entschlossen, den Aeltestenrat des Reichstages auf Don­nerstag dieser Woche nachmittags 5 Uhr zu be­rufen, um über den Termin des Wiederzu­sammentrittes des Reichstages zu ent­scheiden. Soweit sich bis jetzt übersehen läßt, erscheint eine Berufung des Reichstage- vor dem 19. Rvvember, dem ursprünglich bei der Vertagung in Aussicht genommenen Termin, um deswillen nicht möglich, weil in den Tagen vorher die Parteitags des Zentrums und der Deutschnationalen stattfinden. Es kommt nun­mehr in Frage, ob der Reichstag zum 19. Rovem- ber ober zum Montag, den 23. Rovember berufen werden soll. In den Kreisen der Re­gierung wird der 23. Rovember als Tagungsbe­ginn vorgezvgen, weil bis dahin alle Ma. terialien zur Beurteilung der zu entscheidenden Fragen vorliegen können, während einige Parteien den Zusammentritt schon am 19. Rovember wünschen. Als eiliger Dera« tungsfloff liegen zunächst der italienische

und der russische Handelsvertrag dein ReickOtage vor. Reichstagspräsident Löbe wurde heute nachmittag 4 Uhr vom Reichskanzler empfangen. Er begab sich darauf zum Reichs­präsidenten o. Hindenburg. Einem Journalisten erklärt« Löbe, die Annahme des Paktes könne auch ohne Reichstagsauflösung gesichert werden.

Die Demokraten zu Locarno.

Berlin, 9. Noo. (WTB.) Die Deutsch dcrno- Irakische Rcichstagsfraktion, die ihre Fraktionstatzung in Würzburg beendet hat, nahm nach ausführlicher Erörterung, die sich an ein Referat des Parteivor­sitzenden, Reichsminister a. D. Koch, anschloß, ein­stimmig folgende Entschließung an:Die Deutfd) nationale DolkSpartei hat die Außenpolitik ihres Kabinetts Luther, für deren Ein­leitung und Durchführung sie verantwortlich ist, iin entscheidenden Augenblick im Stiche gelassen und gefährdet, die Stellung der Relchsrcgierung ge­schwächt und damit auch innerpolitisch neue Wirr­nisse heraufbeschworen. Die Demokratische Reichs- tagsfraktion hat im Januar s i ch einer Regie­rungsbildung mit den Deutschnatio- nalen widersetzt, weil sie schon damals der Ueberzeugung war, daß eine klare, den harten Staatsnotwendigkeiten entsprechende Außenpolitik mit der Deutschnationalen Volkspartei nicht zu fuh­ren ist. Die Entwicklung hat uns recht gegeben. Die Reichstagsfrattion der Deutfd)en Demokratischen Partei erklärt in voller Ucbereinftimmung mit der Stellungnahme des Parteivorsitzenden zu Locarno, daß sie

1. ihre Zustimmung zu dem Vertrag davon abhängig macht, daß die alsRückwirkungen" in Aussicht gestellte (Entlaftung des besetz­ten Gebietes verwirklicht wird.

2. Die von Deutschland für das Zustandekommen des Vertrages gebrachten Opfer nur für gerecht­fertigt hält unter dem Gesichtspunkt, daß der Ver­trag die unerläßlichen neuen Grundlagen des e u r o p ä i sch en Friedens und damit der politischen und wirtschaftlichen Wiedererstarkung Europas zu schaffen bestimmt ist und Deutschland die Möglichkeit gibt, auf dem Boden inter­nationaler Gleichberechtigung und neuen vertrauens in die deutsche Wirtschaft 7-llch an seiner Wiedererstarkung zu arbeiten.

3. Zur Weiterführung der Polittk von Locarno nur eine Regierungsbildung unterstützen wird, die eine konsequente und aufrich­tige Außenpolitik im Geiste des Vertrages verbürgt."

8i ankreich und Elfatz-LoLhringen

Paris, 9.Rov. (TLI.) Das sozialistische Oeuvre" veröffentlicht einen Artikel übe. ? ie clsahlothrmgische Frage. Das Blatt verweist auf tu Befriedigung, die der Pakt von Locarno in Elsah-Lotl) ringen ausgelost hat. Wenn auch der formelle Verzicht Deutschlands auf diese beiden Provinzen darin zum Ausdruck komme, so sei die lebhafte Agitation nicht zu leugnen, die im Reiche für die Wieder­gewinnung ober für eine Autonomie dieser Länder geführt wird. Man müffc an­nehmen, daß zirka 40 000 ehern. Elsaß-Lothringer in Deutschland daran arbeiten, diese beiden Pro­vinzen Frankreich wiederzuentreißen. Jedoch wäre dieser Bewegung keine besondere Bedeutung bei­zumessen, wenn nicht im Lande selbst Strö­mungen vorhanden wären, die auf eine Los­lösung der beiden Provinzen von Frankreich hinzielten, Diese Strömungen bestünden nament­lich in klerikalen Kreisen, die merkwürdiger Weise mit den Kommunisten in ihren Bestrebun­gen vollkommen übereinstimmten.

Die Kmnzknsis in Frankreich.

Die Schwierigkeiten für das Kabinett Pain- Icdc können noch keineswegs als überwunden gelten, obwohl ihm die Kammer bei der Ver­tagung der Debatte über Syrien mit überwäl­tigender Stimmenmehrheit das Vertrauen ausgesprochen hat. Reue Differenzen waren von vornherein bei der Einbringung des neuen Finanzplanes zu erwarten, da ja über­haupt die Sanierung der französischen Finanzen solange ein Ding der älnmöglichkeit bleiben muh, als sich eine Regierung nicht zu kategorischen Abstrichen bei allen Posten verstehen kann, die sich auf die imperialistische Polittk Frank­reichs stützt. Die ungeheueren Ausgaben für die Aufrechterhaltung eines großen Heeres stehen in keinem Verhältnis zu der wirtschaftlichen Lage des Landes. Painleve und Bonnet haben in aller Eile einen Sanierungsplan aus­gearbeitet, der auch die volle Billigung des Kabinetts gefunden hat. ilm so weniger hat er die Kammerkommifsion befriedigt, die sich am Samstag mit dem Regierungsentwurf be­schäftigt hat. Fast einstimmig wurde er von den Mitgliedern dieser Kommission als unbrauchbar und ungenügend bezeichnet, so daß, wenn kein anderer Ausweg gefunden wird, natürlich auch in der Kammer mit einer Annahme nicht au rechnen ist. Damit wäre aber das Schick­sal des neuen Kabinetts besiegelt.

Aus der Kritik, die an dem Entwurf geübt wurde, ging besonders hervor, daß einerseits die Sozialisten die ehemalige Abgabe von dem beweglichen und unbeweglichen Besitz für viel zu niedrig erachten und außerdem bemängeln, daß im Grunde genommen nur ein Aufschlag auf die (^nkommensteuer, nicht aber auf bie Kapital­steuer geplant fei. Andererseits wurde von dem Vertreter der Dank von Frankreich darauf hingewiesen, daß das geplante Abkommen über die Erhöhung der Vorschüsse an den Staat die