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Girtzrner Anzeiger (General-Anzerger für Gveryessen-

Semstag, 10. Gitoder 1925

Rr. 253 Drittes Blatt

Arbeitswissenschaft,

die

steckt und nirgend auch

ist auch in Deutschland und praktisch stark be-

nur die geringste Abgeschlossenheit zeigt, ver­ursacht ein starkes Herumexperimentieren. das leider mancherlei Gefahren in sich birgt. Zum Teil sieht man eine starke Anlehnung an ame­rikanische Systeme, die drüben im Lande der geordneten Wirtschaft (bei gleichzeitigem Man­gel an Arbeitskräften) Sinn haben, die aber in Deutschland, dem Lande der Ausnahmewirt- schast. bei gleichzeitigem Aleberfluß an Arbeits-

die Amerikaner fußend, dieses Gebiet literarisch arbeitet worden. Die noch in ihren Anfängen

Der Weg aus der Wirtschaftskrise.

Eine Betrachtung

des technischtwirlschaftlll.cn Problems.

Don Ingenieur Hermann Petersen, Kiel.

Bei dein Aufwecfen der Frage, was zu ge­schehen hat, um Deutschland zu befähigen, die Wirtschaftskrise zu überwinden, erhebt sich so­fort die weitere Frage:Liegt die jetzige deutsche Arbeit und das aus ihr hervorgegangene Er- Aeugmtr in der Richtung, die Deutschland aus den Wirtschaftskrisen heraus,ührt? ' Alnö im An­schluß daran erwächst die dritte Frage:Ist die Methodik der deutschen Arbeit, die deutsche Ar­beitsweise, eben dieser selben Richtung gemäß?"

Die deutsche Handelsbilanz ist passiv. Sie war es schon im Jahre 1913. Aber heute ist diese Passivität viermal so hoch als damals. Betrug der deutsche Einfuhrüberschuß im Jahre 1913 V72L Millionen Mark, so betrug er im Jahre 1924 2600,7 Mil.ionen Marl. Damals konnte Deutschland sich das leisten, und fuhr gut dabei: hatte es doch große ausländische Kapitcr-lsanlagen, die alles abglichen. Heute hat Deutschland reine Verschuldung in irgendwelcher Kreditform. Roch markanter wird das Bild der deutschen Handelsbilanz, wenn wir uns die allerjüngste. Entwicklung ansehen. Beträgt doch für das erste Halbjahr 1925 das deutsche Pas- sivsaldo rund 2,7 Milliarden Mark. 2llso hat Deutschland in diesem Halbjahr dieselbe Alnter- bilanz wie im ganzen Jahr 1924. Besonders be­merkenswert sind die Zahlen, wenn man das große Maß der deutschen Verpflichtungen aus Friedensvertrag und Dawesabkommen noch da­neben hält.

Wenn nun auch noch berücksichtigt wird, in wie starkem Maße die deutsche verarbeitende Industrie auf Rohstofseinfuhr angewiesen ist, dann erhellt ohne weiteres, daß die Export­fähigkeit der deutschen Industrie das Problem der heutigen deutschen Wirtschaft darstellt. Aus­fuhr ist nicht etwas, was man so nebenbei machen kann. Es ist ja verständlich, daß der Bedarf und die Aufnahmefähigkeit des deutschen Annenmarktes zunächst die Aufmerksamkeit auf fich zieht. Selbstverständlich hat dieser Markt, der sich durch die 60-Millionen-Zifser der eige­nen deutschen Bevölkerung charakterisiert, eine gewisse Aufnahmefähigkeit, aber er gehört zu einem Wirtschaftskörver, der außerordentlich blutarm ist. Die Reihe der Irrtümer. beginnt jedoch, wenn man glaubt, daß eine Blutzufuhr ausschließlich erfolge durch das Einbringen aus­ländischer Kredite. Dem ist nicht so. Dem steht Ichon entgegen, daß die ausländischen Kredite überwiegend kurzfristige sind. Und hier beginnt ein weiterer Irrtum, nämlid) der, daß es der deutschen Industrie vorwiegend an Betriebs­kapital mangele. Der Mangel an Betriebskapi­tal ist zwar offenbar, aber die deutsche Hauptsorge äst tatsächlich Mangel an stehendem Kapital, -nicht an Betriebskapital. Alm ein Geringes ist dies bei eiirzelnen Industrien verschieden. (Der Landwirtschaft fehlt überwiegend das Betriebs­kapital.) Aber ganz besonders merken diejenigen Industrien wo es fehlt, die heute der rauhen Luft der Welt wirtschaft ausgesetzt sind, also die Exportindustrien. Auch die Schiff­fahrt und deren Rebenindustrien, wie Werften »sw., sind hier hinzuzuzählen. Aeußerlich kommt Lies zum Ausdruck in der vielfach beobachteten Reigung mancher Industrien, 'die gewährten kurzfristigen Kredite für Betriebsanlagen und Betriebsverbesserungen zu benutzen.

Der Weg. der aus den Wirtschaftskrisen her- ousführt, ist der Weg zu Exportgewin- ren. Run kommt der Einwand: Das Ausland feilt ja gar nicht die deutsche Arbeit. Es fällt zunächst aus. in welch' weitem Maße die I n - rustvlalisierung fast sämtlicher 2leberseeländer Fortschritte gemacht hat. C8 ist einfach erstaunlich, wie im Verlauf der letzten zehn Iahre in Alebersee, besonders in Asien, wirtschaftlicher Aufbau betrieben wurde. In der Textilindustrie Europas blieb die Zahl 2er Spindeln konstant: in Asien wuchs sie um 65 v. H.: allein in Iapan vermehrte sich 2ie Spindelzahl während des Krieges um 150 ». H. Die Industrialisierung Chinas ist un­beschreiblich. Stundenlang wandert man durch 2ie Industrieviertel vieler chinesischer Städte,

Der Nechtspiegel.

kräften) nicht verständlich sind. Es ist übrigens ein Irrtum, daß z. B. das Taylorsystem in Amerika weit verbreitet sei. Im Jahre 1918 arbeitete nur 1,2 v. H. aller fabrikmäßigen In­dustrien nach diesem System. Cs ist nicht un- intercisant zu hören, was einer der maßgeblich­sten Beurteiler dieses Gebietes, ö'- Kieler Ra» lionalölonomen Fr. v. Gottl-O ilien'eld, zum Beispiel über das Ta Korsys.e n äußert. Gr sagt: Wie sehr der Taylorismus im Taylor,' ffiem arbeitstechnisch schon über," eigen ist, verrät sich schließlich so, daß hier das System mit seinem eigenen Sinn in Wi^e sprach g:rät. Denn alles in allem brächte daö Taylorsystem die Tra­gödie deS Facharbeiters nit sich, jeden­falls liegt der Taylorarbciicr ausdrücklich über denAngelernten" hinaus, zeigt diesenver­edelt", um desto schär'er den Fccharbeitcr in sich selber zu verneinen. Aber just auf den Facharbeiter weist der Zeiger der tech­nischen Entwicklung! Als die ,Jc/tc Konsequenz moderner Technik" ist al'o das Taylorshstem zugleich die hellste Inkonsequenz da-u."

Das Airteil des Wiffenschaftle"s interessiert nicht nur wegen der darin enthaltenen Ab­lehnung, sondern noch mehr wegen des Hin­weises auf das, was in der kommenden spe­zifischen deutschen Betriebswiffenscha't dringend Berücksichtigung finden muh, und das ist die stärkste Hervor.'ehrung der Persönlichkeit, der persönlichen Tüchtigkeit und der persönlichen In­telligenz. Iegliche öde Mechanisierung und Bu» reaukratisierung muß zurü..tree- gegen diese Gesichtspunkte. Rur auf diesem Wege wird es möglich sein, eine Arbeitsweise zu schaffen, mit der cs möglich sein wird, hochwertige Qualitäts­ware für die Ausfuhr herzustellcn.

Ohm Paul.

Zu seinem 100. Geburtstage am 10. Oktober. Don Dr.F. Ernst.

Wenn wir heute an seinem 100. Geburtstage .die Gestalt Ohm Paul Krügers auf uns "Dürfen lassen, so haben wir das Gefühl, einer öagenfigur gegenüberzustehen, einer Erinnerung -aus einer allen verschollenen Ballade, einer 'sremdartigen Ausgeburt Holzschnitthaft dichtender Volksphantasie. So sehr hat die Gegenwart und Sie jüngste Vergangenheit all die gutgebahnten Wege der Empfindung, die zu ihm hinführten. Ichwer wegsam gemacht. Stellen wir uns vor: Lord Roberts, Kitchener und ihre Engländer, Sie Tausende von Burenfrauen und Duren- Zindern in ihren Konzentrationslagern verhun­gern und verkommen ließen, welche die gefangenen Burenkämpfer durch elektrisch geladene Drähte Steten, fanden die Hilfe eben dieser Buren und derselben Kommandanten, die damals gegen sie Irlbst standen, als es sich 1914 darum handelte, Deutschland klein zu kriegen. Weiter: die schärf- ften Pamphlete, die gegen England und Englands Burenpolitik geschickt wurden, die Zeichnungen ton Veber, Karan d'Arche und Paul, die alles Englische in seiner Perfidie bis unter die Haut entkleideten, sind von Franzosen, von Parisern, Geschaffen, gaben die Ansicht ganz Frankreichs iinb wurden bei ihrem Erscheinen um 1900 in Frankreich begeistert gefeiert, jenes Blatt z. B., auf dem die alte Königin von England vor Yaul Krüger von ihrem Thron herunterrutscht Lind aüfgelost auf den Knien liegt, Paul Krüger aber antwortet:Beruhigen Sie sich, alte Dame, Die sind ja bloß in der Auffassung der anständi­gen Leute entthront!"

Das ist etwa zehn Iahre vor Ausbruch des Weltkrieges, also wenige Iahre, ehe Frankreich und England sich schon über die Aufteilung Deutschlands verständigten. Ain6 wir, die wir unS vor Durenbegeisterung übrigens aus gut- nordischem Gefühl heraus nicht genug tun konnten, erlebten die (allerdings milde) Rieder- werfung und Knebelung durch dieselben Duren,

entlassen worden, da die Mitglieder des Betriebsrats solches vom Arbeitgeber unter der obigen Begrün­dung verlangten. Der Entlassene strengte die Ent­schädigungsklage gegen die in Frage kommenden Betriebsratsmitglieder an. Rach Abweisung in der ersten Instanz erwirkte er am Landgericht Ham­burg (IX 276 25) in letzter Instanz ein obsiegendes Urteil. Gründe: Der Betriebsrat habe für die Ver- einigungs f r e i h e i t der Arbeiter einzutreten. For­dere die Arbeitnehmerschaft die Entlassung eines Mannes wegen seiner politischen oder gewerlschafts- feindlichen Gesinnung, so sei es Sache des Betriebs­rates, zur Duldung aufzufordern: andernfalls mache er sich einer groben Pflichtverletzung schuldig. Das Detriebsrätegefetz fei in gleicher Weife ein Schutz­gesetz für Arbeitgeber wie für Arbeitnehmer. Dem Kläger sei nachweislich durch seine Entlassung ein Schaden entstanden. Die Schadensersatzpflicht der Be- tlagten sei sowohl aus § 823 Abs. 2 BGB. (Verstoß gegen ein Schulgesetz, als auch aus § 826 BGB. (Verstoß gegen die guten Sitten) begründet, denn ein derartiges Hlnausdrangen des Klägers aus feiner Stellung und ein solcher Druck auf die Be­triebsleitung fei sittenwidrig.

Unl. W. G. 88 1, 3. Irreführung durch den Namen einer A rnra.

Die an und für sich rechtmäßige Führung einer Firma' kann wegen Verstoßes gegen die § 1, 3 des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb un­zulässig sein, wenndieFirmenbezeichnung irreführende Angaben enthält. Der zu dem Anspruch auf Unterlassung Berechtigte (§ 13 des Ge­setze?) kann unter Umständen sogar die Löschung derartiger in der Firmenbezeichnung enthaltenen Angaben fordern. (Urteil des 2. Zivilsenats II. 205/24 vom 12. Juni 1925.)

Tarifvertrag: Passive Resiste,,-';.

In dem hier fraglichen Tarifvertrag ist die passive Resistenz nicht ausdrücklich als verbotenes Kampfmittel aufgeführt. Aber der in dem Bescheide des Reichsarbeitsmini ft ers vom 30. April 1923 geäußerten Ansicht (Reichsarbeitsbl. Amtl. T. S. 530), daß passive Resistenz kein Streik sei, kann nicht b e i g e p f l i ch t e t werden. Sie ist sogar schlimmer als ein Streik. Denn sie will die Streikwirkung ohne nachteilige Folgen für die Arbeiter erreichen. Sie hangt der tatsächlichen Arbeitsniederlegung das Mäntelchen der Vertragstreue um, um neben dem Druck auf den Arbeitgeber den Lohn ohne (3egenleiftung von ihrer Seite zu erhalten und um, wenn der Arbeitgeber sich

Polizeistunde. Geschlossene Gesellschaft. Duldung von Gästen.

In Hessen besitzt ein Verein ein eigenes Ver­einshaus mit Schanlwirtfchaft. Eine Wirttn besitzt die Schankkonzession. Sie verzapft den Vereinswein gegen Provision. Ende September 1924 besichtigten die Vorstandsmitglieder nach einer Sitzung die längst geschlossenen Wirtsräume und tranken dabei nach Eintritt der Polizeistunde zwei Flaschen Wein, die demnächst der Wirttn in natura zurückerstattet wur­den. Die Vorstandsmitglieder wurden von der An­klage der Uebertretung des § 365 StrGB. freigespro­chen. Diese sehe voraus, daß die Ausnahme des Gastes und seine Duldung über die Polizeistunde hinaus in Au düng des Schankgewer- beserfolgt sein müsse. Loyiergäste,Privatgäste, Personen, die etwa infolge eines Gewitterregens Unterschlupf suchen, Angestellte einer Wach- und Schließgesellschaft, die eintreten, um auf eine unver­schlossene Tür aufmerksam zu machen, können in einer Schankstube Aufnahme finden, ohne daß da­durch der Tatbestand des § 365 erfüllt wird. Da nun die Vorstandsmitglieder des Vereins n i ch t als Gäste, sondern als Hausherren in der Schankstube ver­weilten, da die Angeklagte auch den Wein nicht ge­werbsmäßig feilgehalten hat, dieser Wein sogar Eigentum des Vereins war, so lag weder eine Ueber­tretung nach § 365 StrGB. noch eine Ausübung des Schankgewerbes vor. Es hatte deshalb Freisprechung au erfolgen. Seitens der Wirtin kam auch eine Duldung der Anwesenheit von Gasten deshalb nicht in Frage, weil sie weder die Befugnis nach die Macht befaß, die Vorstandsmitglleder hinauszuweisen. (Urteil des Oberlandesgerichts Darmstadt vom 8.5. 1925.)

8 24S BGB. Keine Aufwertung (Umrechnung) bei längst erledigten

Geschirmten.

Das Geschäft wurde im Mai 1919 geschlossen und ist in der Zeit bis etwa Mai 1920 durch Lieferung und Zahlung des Kaufpreises erfüllt worden. Auf solche beiderseits längst erledigte Geschäfte finden die später entwickelten Grundsätze über die Aufwertung keine Anwendung. (Urteil des RG. Zivil­senats IV. 653/24 vom 25. April 1925.)

Schadensersatzansprnch eines Entlaßenen gegen den Betriebsrat.

Ein Handlungsgehilfe war alsbald nach feinem Eintritt wieder aus feiner Stellung wegenRicht- Zugehörigkeit zu einer Organisation

die bei uns für ihr verratenes Volk Gelder ge­sammelt hatten. Alnd Wilhelm II., der damals in Deutschland durch das Telegramm an Krüger nach Köln, es sei ihm nicht möglich, ihn in Berlin zu empfangen, viel böses Blut gemacht hatte, wird von denselben Engländern, zu deren Vorteil er dies Telegramm losläht (und viel­leicht den englischen Feldzugsplan ausarbeitete) über die neutrale Grenze gedrängt. In gleicher Weise wie Ohm Krüger ins Exil. Man sieht, es ist, wie es im Trinkliede heißt: rechter Hand, linker Hand, beides vertauscht.

Aino doch, wenn man den Buren als staat­lichem Element wohl nur dann noch gut sein kann, wenn man, wie gewisse voraussichtige Börsen­spieler, sehr ä la Courage spekuliert, so muh man dem Leben und Wesen Paul Krügers rück­haltlose Verehrung bezeigen. Es ist, wie aus einem altgermanischen Mythos herausgeschnitten, wie eine Islandsage von Snorri Skalagrimm oder ©unnlang Schlangenzunge erhält. Aleber ihn rauscht die Weltesche Igdrasil, um ihn fliegen die dunkeln Raben Hugin und Mugin und seine Südafrikaschicksale hüllen sich in einen nordischen Dunst ein, als ob sie sich in Rieflheim abspielten. Rur, daß er fetbft es nicht wußte und nicht in Eddastabreimen, sondern in Bibel­sprüchen aus dem Iordantal dachte und redete.

2lm 10. Oktober 1825 auf der Farm Vaal» bank in der Kapkolonie geboren, kam er mit elf Iahren auf denTreck". Die Engländer, die seit 1806 (durch Raub) in der Kapkolonie herrsch­ten, hatten eine besondere Art, den Buren, den bisherigen Besitzern, den Aufenthalt angenehm zu machen: sie verkauften den Buren Sklaven, wenn das Geld bezahlt war, erklärten fich durch ein Gesetz die Sklaven für frei, allerdings sollten die bisherigen Besitzer eine Entschädigung er­halten, die zwar auf dem Papier leidlich aussah, dadurch aber wertlos war, daß sie nur in Lon­don in Empfang genommen werden konnte. Was ben Buren natürlich unmöglich war, so daß dies Verfahren in Wirklichkeit glatte Enteignung war. Darüber in Wut versetzt, begeben sich die Buren von ihrer alterworbenen Scholle auf den Treck, d. h., sie setzten ihre Wagen und Pferde

Hand nach ihm au-streckte. Krüger, dessen Ideal ein konservativ-patriarchalischer Bauernstaat war (ohne eS zu wissen, war er doch immer ein Altißländer), wehrte sich gegen die liberalen Ge­lüste der Fremden, des Alitlanders, zerbrach einen von ihnen in Iohannisburg ange",ettelten Auf­stand, fing auch den Einfall der Chartered Com­panie unter Dr. Moses Iameson ab, den be­kannten Iamesonraubzug, konnte aber, trotz aller diplomatischen Geduld und Größe nicht verhin­dern, daß der von Chamberlain beschlossene Krieg ausbrach.

Am 19. Oktober schiffte sich der Fünfund» siebenzigjährige auf dem KriegsschiffGelder­land" der Königin Wilhelmina nach Europa ein, deren Vermittlung er aber vergeblich erbat. Er erlebte noch die heldischen Großtaten der Buren Delareys und des Deutschland bis an fein Ende getreuen de Wet, er erlebte Modderfontein und Tugela, er mußte in der Fremde als ein Greis, dein im fernen Heimatland die getreue Lebensgefährtin allein gestorben war, Woche für Woche diesen Kampf von 15 000 Freiheits­kämpfern gegen mehr als 20 000 Engländer, bis zum bitteren Ende, dem Friedens schluh am 31. Mai 1902, auskosten, bei dem er ganz aus­geschaltet wurde.

Als er am 14. Iuli 1904 in Clarenz in der Schweiz auf dem Stervebette lag, ahnte er wohl nicht, daß Louis Botha, der begabteste der Führer im Burenkriege neben de Wrt, schon drei Iahre später zum Ministerpräsidenten der britischen Kolonie Transvaal ernannt werden würde. Alnd er hätte sich wohl geschüttelt vor Schrecken oder aber als ein Diplomat, der zweimal die Engländer als Herren seiner Heimat wieder draußen gesehen hatte, würde er viel­leicht auch uns bescheiden mit dem Kopse genickt haben, wie er es liebte. Weil ihm vielleicht, wie so manchem anderen, aus der Betrachtung seines Lebens und desrechter Hand, linker Hand, beides vertauscht" der Trost hätte - er­wachsen können, daß plötzlich über Rächt jähe Veränderungen kommen können, und daß damr bereit sein alles ist.

Fabrik an Fabrik. Ein Bild, das sich auch äußerlich in nichts unterscheidet von Industrie- bildern, wie wir sie z. B. aus dem Ruhrgebiet kennen, von 6er Bedürfnislosigkeit des chine­sischen Arbeiters gar nicht zu reden. Im Iahre 1913 führte Indien für 5 Millionen Dollar Baumwollmafchinen ein, im Iahre 1922 waren es schon für 25 Millionen Dollar. Aehnlich sieht es auch mit der S t a h l Warenfabri­kation Australiens aus, die sich annähernd verdreifacht hat. Aleoerall eine industrielle ©elbftänöigmac' ung. Auch England spürt es in seinen Dominien.

Hinzu kommt die Verschiebung der Ausfuhrrichtung in anderen Ländern, z. B. das starke Vordringen der Ausfuhr ter Vereinigten Staaten nach Südame­rika und, für Deutschland nicht minder fühl­bar. in das europäische Rußland. Amerika ist heute fast ausschließlich der Lieferant von Werkzeugmaschinen für Rußland. Roch ein an­deres muß beachtet werden, das ist die inter­nationale Almgruppierung der Industriestand­orte, das Wandern der Industrien in d i e Rohstoffgebiete Wir sehen dies z. B. bei der Pa vier- und Holzmasse'abrikation in Finnland und Kanada, bei der Eisenindustrie in Schweden und Spanien und ebenfalls in ver­schiedenen Aleberfeelänöern wie Australien (Erz­verhüttung), Südafrika (Leder- und Schuhwaren­industrie) usw. Kommt hinzu, daß öie_ neuen Industrieländer in ihrer nicht unbegründeten Furcht vor den alten Industrieländern zu denen auch Deutschland gehört sich dadurch ihre Konkurrenzfähigkeit zu erhalten suchen, daß sie sich zollpolitisch schützen.

Alnd doch soll und muß Deutschland Ex­port treiben. Es gibt eben nichts anderes, als alle Schwierigkeiten überwindend die deutsche Konkurrenzfähigkeit höher zu entwickeln. Und diese Konkurrenzfähigkeit kann nur in der be­sonderen A r 1 und in der besonderen Her­st e l l u n g der deuffchen Erzeugnisse liegen. Ein besonderes Merkmal technischer Erzeugnisse ist es, daß je nach Art und Herstellungsweise zwi­schen Qualitätsware und Massenware unterschieden wird. Allerdings ist dieser Alnter- schied nicht so zu verstehen, daß nicht auch Massenware von sehr hoher Qualität sein kann. Vielmehr ist der Unterschied besser so fest- zulegen, daß in.der Qualitätsware ein hohes Maß persönlicherIntelligenz des Ent­werfenden und Aussührenden, gepaart mi* einer gewissen Reuheii und besonderem wirtscha tli.hem Vorteil bei der Benutzung, zum Ausdruck kommt.

Bei der Massenware dagegen sind diese Eigenschaften mehr auf den Durchschnitt bezogen. Es ist sehr Wohl möglich, daß auch Qualitäts­ware eine Mengenbefriedigung größeren Um­fanges gestattet.

Wie steht es nun mit den Erzeugnissen der neuen Industrieländer" in Alebersee. Rach allen Rachrichten von dort kann man feststellen, daß deren Erzeugnisse überwiegend unter den BegriffMassenware" fallen. Wie könnte es auch wohl anders sein. Denn was der Quali­tätsware unbedingt zugehörig ist, diewissen- schastliche Tradition", die läßt sich nicht aus der Erde stampfen. Daß Deutschland hier einen Vorsprung hat, ist zweifellos. Cs gilt also heute, zielbewuht. systemattsch und umfaffenb den Ex­port auf Qualitätsware einzustellen.

Leider muß man feststellen, daß für, diese Rottverckngkeit noch nicht das rechte Verständnis herrscht. Das gilt auch für manche Industrie­zweige. Immer noch tut man so, als wenn es rnögllch wäre, Maffen- und nochmals Massen­ware los zu werden. Zum Teil ist das erllärlich aus der Lage des Innenmarktes. Hier aber hat der BegriffMassenware" eine wesentlich andere Bedeutung. Wenn heute nicht in stärk­stem Maße Qualitätsware hochverfeinert und in vielgestaltigster Spezialisierung zur Aus­fuhr kommt, dann ist der Weltmarkt nicht für Deutschland zu erringen.

Es ist bekannt, daß das, was der Tech­niker alsR o r m u n g undTypisie­rung bezeichnet, in der Erzeugung der Vereinig­ten Staaten in außerordentlichem Maße durch­gebildet ist, jedenfalls viel stärker als in Deutsch­land. Ohne Zweifel besitzt der Amerikaner hier einen Vorsprung, was deswegen beachtenswert ist, weil Rormung und Typisierung gerade der Massenware zugute kommen. Zwischen Aleber» fee bzw. Amerika und Deutschland könnte sich

in Bewegung und zogen tiefer ins Land, weg von den Engländern. Solche Geschäftsgebarung nennt man, wie bekannt, fair play. Wilde, grausige und erhebende Abenteuer, Kämpfe mit Zulus, Ansiedlung im Transvaal-Lande, mit sechzehn Iahren Besitzer einer Farm als Weideplatz und einer zweiten zur Fruchtbestellung, so fing der junge Paul Krüger an. Er wohnte auf der Farm Wctterkloof und dorthin holte er auch 1842 im Alter von 17 Iahren die Iungsrau Maria du P l e s f i s als seine Ehefrau. Vier Iahre später verlor er sie wieder, zugleich mit dem Kindchen, das sie ihm geboren hatte. Ihre Schwester Gosina Wilheunina du Plessis, seine zweite Gattin, schenkte ihm neun Söhne und sieben Töchter. Seinen ersten Löwen schoß Krüger mit vierzehn Iahren, danach füllte urgermanische Iagd, Iagd auf Löwen, Büffel, Elefanten und Rashömer viele seiner Tage au3. Bei einem Schuß fbrang Jf)m der Büchsenlauf und riß ihm die linke Hc>M entzwei. Auch die Beschreibung, wie er diese zerrissene Hand, die so gräßlich aus­sah, daß sogar der große Burenhäuptling Pot- gieher allein vom Anblick fast ohnmächtig wurde, mit Terpentin behandelte, und die vorragenden Knochenspitzen sich selbst mit dem Messer ab» schneidet, mutet wie ein Stück Dinlandsaga an.

Allmählich kommt Krüger in leitende Stel­lung, hilft dem Bruderstaat, der Orange-Repu­blik, gegen die Dasutos, überwindet durch lluge Politik und scharfes Zugreifen einen Bürgerkrieg, wird 1877, als Transvaal von den Engländern annektiert wird, vergeblich als Alnterhändler nach London geschickt, ist 1880 die Seele des Frei­heitskampfes gegen die Engländer, der durch den ruhmvollen Sieg bei Majuba unter Ioubert und Kronje gekrönt wird. Seit 1883 wurde er vier­mal zum Präsidenten der Transvaalrepublik ge­wählt und leitete sie glänzend, aber burisch, was den Engländern nicht recht war.

Da geschah ihm daS Unglück, daß in Kimber­ley Diamanten und im W'.twaterswand märchenhaftes Gold fich fand, zugleich in Eng­land Chamberlain, den wir vom Anfang des Weltkrieges her kennen, die Politik leitete und Cecil Rhodes in Südafrika seine kalte Finanz-

vielleicht eine Arbeitsteilung vorbereiten, dort die Herstellung von Massenware, hier die Herstellung von Qualitätsware.

Ist nun die Methodik oer deutschen Ar­beit, die deutsche Arbeitsweise, dieser Richtung (Ausfuhr von Qualitätsware) gemäß? Eine zweckmäßige Detriebsorganifation ist nach dem Krieg doppelt notwendig geworden. Eine Tatsache darf dabei nicht außer Betracht bleiben, nämlich die, daß die übervölkerte Wirt­schaft notwendigerweise in ihren Formen zur Bureaukratie neigt. Ganz salicht kann man es auch so ausdrücken, daß, wenn wenig Arbeit und viele Arbeiter vorhanden sind, der S t r e k- kungsvorgang bureauftatische Forn en an­nimmt. Cs wäre nun aber bequem, wollte man alle betriebsorzanffatoriscLen Mängel hierauf zu» rüccsühren. Im allgemeinen kann man sagen, daß die'Wissenschaft von der zweckmäßigen De- triebsorganisation (wis enschaftliche Betriebs­führung) noch Reuland ist. Einer der ersten, der einen kräftigen Vorstoß auf dieses Gebiet machte, war bekanntlich der Amerikaner Tay­lor. In der Rachkriegs-,eit, überwiegend auf