Nr. 213 Zweites Blatt
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Oderhessen) ——1—IP—।—■—
Zrettag. u. September I92ö
Der ameritanifche KuKlurKkm.
Don Dr. Max Fischer.
Selten sind über eine große Volksbewegung so geheimnisvolle Legenden, so dunkle Gerüchte verbreitet gewesen, wie über den St St St —' den Stu Klux Stlan — die große freimauerilch- faszistische Bewegung Nordamerikas. Der deutsche Leser hört wohl dann und wann etwas über das Wirken dieser machtvollen Organisation, wenn eine Zeitungsnachricht ihm meldet, baß irgendeiner ihrer Gegner von Angehörigen des Stu St lux Stlan gelyncht, geteert oder erschossen worden ist. lieber bat geistige Programm dieser Bewegung herrschen hingegen bei unS kaum klare Vorstellungen Neueres Material der amerikanischen Buch- und Zeitschriftenliteratur ermöglicht cs, ein klares Bild über Wesen, Ziel und Auswirkung des Stu Stlux Stlan zu gewinnen.
Der Stu Stlux Klan (die Entstehung des seltsamen Namens ist strittig) entstand im Jahre 1866 als Stampforganisation von Weißen der Süd st aalen gegen die für frei erklärten Neger, der Stu Klux Stlan vertrat von vornherein die Lehre der kulturellen und moralischen Ueberlegenheit der weißen Nasse und machte es zu seiner besonderen Aufgabe, den politischen Einfluß der Farbigen hintanzuhallen. Mischehen zu diskreditieren und G<!schlechtsvcrgehen von Farbigen an weißen Frauen blutig zu rächen. Die große historische Bedeutung des Stu Klux Stlan begann jedoch erst im Jahre 1916, als William Joseph DimmonS diese Organisation zu einem großen Orden im Freimaurerstil aufbaute. Der Drang des Amerikaners nach sektenhafter Gc- meinschastSbildung und sentimentaler Mystagogie kam seinen Bestrebungen ebenso entgegen wie die nationale Hochspannung der Striegsjahre. Der Stu Stlux Stlan verstand es. unter dem Bannen der amerikanischen Nassenreinheit und Unabhängigkeit alle Gefühle der Ueberhebung oder des Hasse« seiner Ausbreitung dienstbar zu machen. Arbeitete er in den Südslaaten, seinen Ursprüngen gemäß, hauptsächlich mit dem Rassenhaß gegen die Neger, so mußte er sich in den Norbstaaten an andere Massenvorurteile wenden. Je nach Bedürfnis agitierte er gegen die angebliche ..Drohung von Nom" und wähnte sich berufen, im Namen Christi den „antichristlichen" Forderungen der katholischen Kirche entgegenzutreten oder lehrte den Rassenhaß gegen die Äuhen. Vielfach wieder hielt eS der Stu Stlux Stlan für angebracht, sich nut im allgemeinen gegen die Ueberschwemmung Amerikas mit fremdrassigen Elementen zu wenden.
Den Deist, der den Stu Stlux Stlan beseelt, kennzeichnet nichts besser als die (von Harry P. Frh- ,.THe modern Stu Stlur Stlan") wieder- gegebenen zehn Fragen an den Adopten, die befriedigend beantwortet werden müssen, bevor der neugewonnene Anhänger in die Gemeinschaft des Stu Stlux Stlan ausgenommen wer* den kann: 1. Ist daS Motiv für deinen Eini tritt in den Stlan ernst und selbstlos? 2. Bist du ein im Lande selbst geborener, weißer, rassenreiner amerikanischer Bürger? 3. Stehst du in, Gegensatz und bist du frei von jeder Abhängigkeit von allen Angelegenheiten, Regierungen, Böllern, Sekten oder Herrschern außerhalb der Bereinigten Staaten? 4. Glaubst du an die Grundsätze der christlichen Religion? 5. Schätzt du die Bereinigten Staaten und ihre Behörden höher als irgend ein« andere bürgerliche, politische oder kirchliche Obrigkeit in der ganzen^ Welt? 6. Willst du ohne geistigen Vorbehalt einen seierlichen Eid leisten, sie zu verteidigen, zu erhalten unb zu stärken? 7. Glaubst du an den Stlangeist und willst du ihn getreu gegen die Stlangcnossen üben? 8. Glaubst du an die ewige Aufrechterhaltung der weißen Suprematie und willst du getreu für sie kämpfen? 9. Willst du unserer Verfassung und unseren Gesehen redlich gehorchen und freiwillig all unseren Gebräuchen, Anforderungen und Vorschriften zustimmen? 10. Wird man sich immer auf dich verlassen können?
Das also ist die Gesinnung dieser nationalistischen Organisation, die den Rassenhaß und die Terrorakte auSlöst und sich dabei auf die Grundsätze der christlichen Religion glaubt berufen zu
Rheinzölle und oftrhein. Landverkehr im 17. u. 18. Jahrhundert
Don 21. Voigt. Gießen.
Die ungemein ausgeprägte, von keinen wesentlich umwegigen Krümmungen unterbrochene Gerad- lmigkeit, mit der der Rhein von seinem Austritt aus dem Alpengebiete, dem Basler Knie, an seiner Mündung zustrebt, gab ihm seit den Anfängen eines europäischen Handelsverkehrs durch deutsche Lande von vornherein die Bestimmung, die berr- schende Bahn für den Güteraustausch zwischen Nord und Süd des mittelalterlichen Europa zu werden.
Der erhöhten Bedeutung, die so die Rheinstraße für die mittelalterliche Welt besaß, war man sich in den Gebieten, durch die der Rhein seinen Lauf nahm, schon früh sehr wohl bewußt. Bereits im zehnten Jahrhundert sahen wir, wie der Handelsverkehr auf dem Rheine durch die Errichtung von Zollstätten zu erheblichen Tributleistungen für den König und später die Landesherren gezwungen wird. In den folgenden Jahrhunderten nimmt die fiskalische Ausbeutung des Rheinverkehrs solche Maße an, daß schon im Jahre 1260 der Engländer Thomas Dikes, der mit König Richard nach Deutschland kommt, von einer „unsinnigen Wut* der Deutschen spricht, den Verkehr aus dem Rheine durch unzählige Zollschranken zu erschweren. Im 14. Jahr- hundert betrug die Summe der an den verschiedenen Zollstätlcn zu zahlenden Gebühren allein zwischen Bingen und Koblenz 67 Prozent des verzollten Wertes.
Ja, auch nach jenen großen wirtschafttichen Umschichtungen, welche das 15. und 16. Jahrhundert mit der Entdeckung der Reuen Welt und der Verlagerung des Welloerkehrsschwerpunktes in die westeuropäischen Länder, damit eine geringere Bedeutung des Rheins als internationaler Transitstrabe brachten, blieb die nach rein fiskalischen Gesichtspunkten orientierte Einstellung der rhein. Territorialobrigkeiten im selben Maße einer verkehrserleich- temben Zollpolitik feindlich gesinnt. Noch im 17. und 18. Jahrhundert hatten die Waren vom Nie- derrhein bis Mainz fast vierzig Zoll
können — eben jener Religion, welche die Gleichheit aller Menschenbrüder vor ihrem Schöpfer und das Gebot dec Nächstenliebe gelehrt hat. Aber ohne solche das Gewisfen lalvierende pseudochristliche Redensarten und ohne die den Ehrgeiz und die Eitelleit befriedigend. Hierarchie freünaureri,d'.cr Aemter mit hochtrabenden Titeln hätten die Ziele des Stu Stlux Stlan niemals sich so tief inS amerikanische Volksleben verwurzeln lassen. Gummiknüttel und Stinkbomben, ja selbst der politische Mord gehören zum selbstverständlichen Kampsesarsenal des Stu Klux Stlan. Aber um den ruhigen amerikanischen Bürger zu Brutalitäten, zu systematischen Uebcrfällen, zu planmäßiger Lynchjustiz aufzuhetzen, genügt nicht wie etwa in entehrten und hungernden Völkern die Straft des politischen Fanatismus — er bedarf einer religiösen Fundierung. Das in der Nüchternheit amerikanischen Geschaftslebens zurückgedrängte Abenteurertum der Seele muh durch künstliche Verankerung der politischen Ziele im Reiche des Absoluten entfesselt werden, und so gebärdet sich der Stu Stlux Stlan nicht als politische Partei, sondern als .heilige Hüterschaff, als ..größter Wcltordner". als „Verteidiger dcL unsichtbaren Kaiserreiches". So bezeichnete sich auch William Joseph S i m m o n s auf seinen Urkunden nicht etwa als Parteihaupt oder Vereins- Vorsitzender, sondern als „Majestät", als „Kaiser des unsichtbaren Kaiserreiches", am liebsten aber als „Imperial Wizard", als — Kaiserlicher Magier. Bis er schließlich — busineß iS busineß — diesen angeblich ökonomisch höchst einträglichen Posten als Beherrscher des Stu Klux Klan sich vor einigen Monaten von Dr. Hiram Wesley Evans nach amerikanischen Zeitungsmeldungen gegen eine Summe von 65 000 Dollar abkaufen ließ — einem Mann, der es älänzender als fein Vorgänger noch zu verstehen scheint, die politische Aktivität des Stu Klux Stlan zu schüren.
Die Verbreitung des Ku Klux Klan ist ständig im Wachsen. Wenn er auch nur zwei oder höchstens drei Millionen Mitglieder hat, so stellen diese vielfach doch den aktivsten Teil der amerllanischen Bevölkerung dar, die auf ihre Umgebung einen starken suggestiven Einfluß auSüben. Der Klan beherrscht Texas, wo innerhalb dreier Monate nicht weniger als 66 Bürger unter seinen Gewalttaten zu leiden hatten: er ist mächtig in Oklahoma, Kansas, Missouri, Illinois, Ohio, im Westen und Osten von Pennsylvania, in Neujersey und Connecticut. Nicht nur seine Anhänger, sondern auch viele Gegner erwarten, daß auf die nächste Präsidentenwahl die ständig wachsende Macht des Ku Klux Stlan nicht ohne Einfluß bleiben wird. So stellt der Ku Klux Klan nicht etwa nur eine Kuriosität des amerikanischen Lebens dar, sondern eine Volksbewegung von starken Dimensionen, deren Auswirkungen in Amerika und Rückwirkungen auf Europa sich noch garnicht absehen lassen.
Ein Sicherheitspakt auf dem Balkan.
Don unserem Chr.-Berichterstatter. (Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.)
Sofia, 7. September 1925.
Wieder einmal sind die Beziehungen zwischen den Dalkanstaaten Gegenstand von Erörterungen der europäischen Presse und der diplomattschen Aemter der Großmächte geworden. Die Anregung dafür bildete der Vorschlag des Außenministers Griechenlands, R e n t i s , einen Sicherheitspakt unter Beteiligung Griechenlands. Jugoslawiens, Rumäniens, evtl auch der Türkei zu schließen. Dieses Abkommen, dessen einzelne Bestimmungen nicht bekannt sind, gründet sich auf das Prinzip durch Schiedsgerichte die Lösung der zwischen den einzelnen Vertragspartnern entstandenen Streitfragen zu erreichen und sieht die gegenseitige Sicherung ihres territorialen Besitzstandes vor.
Es muh anerkannt werden, daß der einem solchen Abkommen zugrunde liegende Gedanke zweifellos beachtenswert ist, wie denn auch der Vorschlag in Kreisen, die mit den nationalen und politischen Verhältnissen auf dem Balkan weniger vertraut sind, eine äußerst günstige Aufnahme fand. Richt zu übersehen ist ferner der
ftätten zu passieren und an jeder derselben Zoll zu entrichten, wenn sie nicht gar gemäß dem Stapelrecht der berührten Städte gezwungen waren, die Fahrt auf zwei ober drei Tage jeweils zu unterbrechen.
Diese unerträglichen Erschwerungen des Verkehrs auf dem Rheine als Folge einer auf den Mangel an einer starken, einsichtigen Staatszentralgewalt im ganze» Rhein- wie überhaupt Reichsgebiet zurückzuführendcn unrationellen und verkehrsfeindlichen Wirtschaftspolitik einer Unzahl selb- ständiger Zollherrschasten bewirkten denn auch bald, daß der Handel sich neue Wege suchte, auf denen er „den sich eingeschlichenen Exzessen und Mißbräuchen" nicht so sehr ausgesetzt war wie „auf dem deshalb aufs übelste verschrieenen und vom Warenverkehr deshalb so sehr gescheuten Rheinstrom".
Verschiedene mir gerade vorliegende Regierungsberichte der rheinischen Kurstaaten aus dem 17. und 18. Jahrhundert, denen auch die eben zitierten Worte entstammen, zeigen auch die Wege, welche fortan in zunehmendem Maße den Rhein- oerkehr beeinträchtigten. „Man hat gefunden, daß wegen der Erschwerung des Wassertransports sogar derjenige per A cd s e, obgleich jener langsamer unb von Natur billiger, dennoch weniger kostspielig ist." Freilich bot auch der Derkchr zu Lande dem fahrenden Händler eine ungleich größere Be> wegungsfteihcit als die Wasserstraße, so daß er selbst die an den Landstrecken gelegenen Zollstätten mit einigen Umwegen leicht umgehen konnte.
Daher sehen wir, wie sich an dem Ende des 16. Jahrhunderts etwa gewisse ausgesprochene Kon- turrenzstraßen des Rheinoerkehrs zu Lande zu bei- den Seiten des Stroms nach dem Prinzip des zoll- billigsten Weges herausbilden, „auf die sich die eigentlich doch dem Rhein zustehenden Commercien hinfort verziehen." Don Intereffe für uns sind hier besonders jene in den o ft rheinischen Gebieten sich verstärkenden Verkehrswege, die einen großen Teil des einstigen Rheinoerkehrs über unsere Stadt unb beren weitere Umgebung leiteten.
„Wo sonst aller Handel' von Holland, England unb ganz Amerika unb bem Norben ben Rhein hinaus ins Reich unb roieber zurück ging", gehe biefer Hanbel nunmehr über Bremen, bas an die Stelle der niederländischen und rheinischen See-
Uaftanb, daß cs der Geschicklichkeit der griechischen Diplomatie wieder einmal gelungen ist, die Aufmerksamkeit der politischen Streife Westeuropas in einem günstigen psychologischen Augenblick auf sich zu ziehen. Die Verhandlungen über einen Sicherheitopalr zwischen Deutschland und Frankreich bzw. der Entente werden in der ganzen Welt mit größtem Interesse verfolgt, deren günstiger Abschluß wird als eines der wirksamsten Mtttel zur Bcsri^ung Europas angesehen. Demnach ist die von griechischer Seite angeregte Analogie auf dem Balkan geeignet, die Sytnpathien Westeuropas auf sich zu ziehen und Gegenstand einer Erörterung im Völkervundsrale schon in der jetzt stattfindenden Tagung zu werden.
Dennoch darf die Behauptung ausgestellt werden, daß der vorübergehende mvrallsche Erfolg Griechenlands keinerlei reale Ergebnisse zeitigen wird, und dies nicht etwa aus dem Grunde, weil für eine allgemeine Verständigung zwischen den Dalkanvölkern. die eine wirkliche Befriedung zur Folge hätte, keine Notwendigkeit vorliegt, sondern deshalb, weil der griechische Vorschlag für einen Sicherheitspakt auf dem Balkan eine Idee ist. die den tatsächlichen Verhältnissen unter den Balkanvöllern keine Rechnung trägt.
Der Vorschlag des griechischen Außenministers ist mit dem gespannten Verhältnis zwischen Griechenland und Jugos iroien — entstanden durch die Differenzen in der Frage der Verwaltung der Eisenbahnlinie Gewgeli—Saloniki und des Ausgangs Jugoslawiens im Saloniki er Hafen — untrennbar verbunden. Die Rrederlage. die Griechenland im Jahre 1922 in Kleinasien erlitt, bedeutete auch den Verlust der griechischen Machtstellung auf dem Balkan. Die durch ihre Häufigkeit für westeuropäische Begriffe fremdartig anmutenben Staatsumwälzungen, die Griechenland erschütterten, schwächten die innere Lage des Landes, das ohnehin vor Schwierigkeiten stand, die sich als Folge einer unnatürlichen Gebietserweiterung cinftcllten. Diese Umstände gaben den Aspirationen 3ugoflatoiend auf Saloniki neue Nahrung. Die Außenpolitik Jugoslawiens erstrebt mit allen Mitteln einen freien Ausgang nach Saloniki und volle Bewegungsfreiheit im Salonikier Hafen, da der Ausgang nach dem Adriattschen Meer nur von untergeordneter und lokaler Bedeutung ist. Diese Streitfrage bildete das größte Hindernis für die Erneuerung der Verhandlungen betreffs deS griechisch-jugoslawischen Bündnisses, sie blldete die weitere Ursache auch des letzten Staatsstreichs in Griechenland und für sein iittenftveS Rüsten auf militärischem Gebiet.
Der Sicherheitspakt ist als ein Mittel gedacht, das diemoralischeSntwaffnung Jugoslawiens erzwingen soll. In Jugoslawien selbst war man sich über diesen Sachverhalt schon im ersten Augenblick völlig im flaren. Der Dorschlag Griechenlands fand wenig Gegenliebe, und in Belgrad wurde unumwunden erklärt, daß den Vorschlägen, die einen Sicherheitspakt zum Thema hätten, die Erledigung einiger ,schwebender" Fragen vorauszugehen hätte. Richt viel anders
lauteten die Antworten Rumäniens und der Türkei.
Griechenlands Vorschlag ist aber auch durch andere Momente zum Mißerfolg verurteilt Bulgarien, das im Zentrum des Ballons gelegen ist. und als .Friedensstörer" betrachtet wird, wird aus dem Kreise der Verhandelnden auS- geschaltet. Die Fragestellung. Aus welchem Grunde der Außenminister Griechenlands Bulgarien aus dem Streife seiner Erwägungen auSschaltet und seinen Sicherheitspakt zu einem neuen Instrument der bisherigen Siegerpolink auf dem Balkan machen will, muß dahin beantwortet werden, daß Bulgarien der einzige Staat auf dem Balkan ist. dem gegenüber alle übrigen Dallanstaaten in der Schuld stehen: Griechenland enteignete Bulgarien das reiche Gebiet Thraziens und verwehrt ihm den Ausgang zum Aegaischen Meer. Jugoslawien setzte sich widerrechtlich in den Besitz rein bulgarischer Gebiete an der Westgrenze Bulgariens. Rumänien wiederum eignete sich die Kornkammer Rord-Dulgarien- an und rückte diS auf einige Kilometer vor Varna vor.
Sogar in dem Falle, daß diese durch den Friedensvertrag fanftioniorten Verluste Bulgariens keine toeitere Berücksichtigung finden sollten, sind Bulgarien heute noch nicht die Zu- gcftänbnHfe gewährt worden, die derselbe Vertrag und die nachträglich eingegangenen Vereinbarungen ihm ein räumen. Der Ausgang zum Aegäischen Meer ist trotz deS Umstandes, daß dadurch die wirtschaftliche Emwicllung Bulgariens gelähmt wird, bisher nicht verwirklicht, und an Stelle des Minderheitenschutzes in Jugoslawien und Griechenland trat eine systematisch vetriebene Verfolgung dieser Minderheiten ein, so daß Bulgarien nunmehr der Zufluchtsort von Hundert- taufenben beklagenswerten Flüchtlingen wurde. Die nationale bulgarische Shiltur wird in Griechisch- und Serbisch-Mazedonien von Grund auS vernichtet, ein weiterer ilmftanb, der eine günstige Prognose auf dem Balkan erschwert.
Es erübrigt sich, hervorzuheben, daß der Vorschlag Griechenlands, aus dem bei allen Siegerstaaten erklärlichen Wunsch entstanden, widerrechtlich Erworbenes unter allen Umstanden zu bewahren, nicht imstande ist, alle interessierte Setten zu befriedigen. Die Möglichkeit emec solchen Vereinbarung hat unter allen Hmftänben die Beteiligung auch Bulgariens zur Bedingung, was wiederum eine Wandlung der Anschauungen der Siegerstaaten, Griechenlands, Jugoslawiens und Rumäniens und ihren Opferwillen voraus- seht. Bulgarien, das, obwohl im Weltkriege unterlegen, unter allen Umstanden ein wichtiger Faktor auf dem Balkan bleiben wird, muß die Gewahr dafür erlangen, daß die ihm in den Friedensverträgen zugesprochenen Rechte gesichert werden, daß die bulgarischen Minderheiten auf griechischem, jugoslawischem und rumänischem Gebiet vor Verfolgung und Vernichtung geschützt bleiben. 3m Sicherheitspakt würde dann die freiwillige Vereinbarung ihre Sanktionierung finden uni) dadurch das Gespenst einer dauernden Kriegsgefahr beseitigt werden.
Turnen, Sport und Spiel.
DerGietzenerSportclubvon19V0, eine Pflegestätte der modernen Leichtathletik.
Man schreibt uns: Es ist nicht zu befreiten, daß die deutsche Leichtathletik in der nun fast beendeten Saison einen ungeheuren Aufschwung genommen hat. Wenn z. B. noch bis vor kurzem 100-Zeiten unter 11 Sekunden als etwas ganz Außergewöhnliches angesprochen wurden, so kann heute festgestelli werden, daß wir z. Z. in Deutschland nahezu ein Dutzend Leute besitzen, die solche Zeiten mit größter Beständigkeit laufen. Aber die Spitzenleistungen allein geben noch nicht das richtige Werturteil ab, sondern es müssen auch die Durchschnittsleistungen in Betracht gezogen werden, ilnö da findet man sowohl bei Aktiven, als auch bei Jugendlichen dasselbe Bild. Geht man den Gründen dieses Aufschwunges nach, so ist das einmal die quantitattv stärkere Beteiligung, anderersetts aber auch nichts anderes als
Häfen getreten sei. Von Bremen gehe der Weitertransport alsdann auf der Weser bis (Hann.-)Mün- den, von hier per Achse über Kassel—Marburg— Gießen nach Frankfurt und weiter nach Süden. So werde der Rhein von den Seegütern vollkommen gemieden und trotz des großen Umweges über Bremen gelangen die Waren schneller nach dem südlichen Deutschland, als es auf dem kürzeren Rheinwege geschehe. Brauchte doch von Amsterdam nach Bajel eine Sendung wege nber vielen Zoll- und Stapelaufenthalte mehr als ein Vierteljahr, und würden alle Zoll- und Transportkosten allein von Köln nach Mainz ebensoviel ausmachen, wie der gesamte Landtransport von Hann.-Münden bis Augsburg oder Freiburg, welch letzterer auch bloß etwa 20 Tage dauere.
Aber auch für die Waren niederländisch-flandrischen Ursprungs war nicht mehr der Rheinweg bis Mainz-Frankfurt die Hauptstraße ins südliche Deutschland und in die Schweiz. Hier hatte ein rühriger flandrischer Fuhrhcrr um 1750 „allen Kaufleuten im Reich und der Schweiz durch offenen Druck kundgemacht", daß er zu bedeutend unter den Rheinwegkosten liegenden Sätzen den Transport von Oberdeutschland über Frankfurt — Limburg — die hohe Westerwaldstraße — Bonn — geradenwegs nach Brüssel unter Umgehung der verschiedenen städtischen Zolle (Köln, Aachen, Lüttich usw.) übernehme, alles per Achse und in kürzester Frist.
Die Konkurrenz des Landverkehrs für den Rhein, besonders von Frankfurt an nordwärts war schließlich so stark, daß die auf der ersteren Route Kafiel—Gießen nach Frankfurt gekommenen Landfuhren von hier aus leer in den Rheingau bis in die Koblenzer Gegend hineinfuhren und dort Wein lasten aufnahmen, „also sogar das ureigene rheinisch- unb moselländische Gewächs vom Rheinstrom über Land abführten über Montabaur ober Limburg—G ießen—Marburg nach ganz Westfalen und Niedersachsen", wo dieses seit attersher doch immer rheinabwärts zu Schiff gegangen fei.
Um mehr als die Hälfte hätten diese Landstraßen neuerdings (1765) den Rheinverkehr schon verringert, heißt es weiter, und dieser ginge dem vollen Ruin entgegen, wenn erst gar die „geplanten westrheinischen Handelsstraßen-Etablissements, die bereits ausgesühn werden", vollendet wären.
der geregelte, modern ausgebaute Athletikbetrieb an sich.
Es muß dem Gießener Sportclub von 1900 als ein Glück und den Leitern seiner Leichtathlettkableilung als ein Verdienst angerechnet werden, daß zur rechten Zeit der Anschluß an diesen, auf moderne Grundlagen gestellten Betrieb gefunden wurde Fünf Jahre sind nun verflossen, feit dem Club in C. Paulus, z. Zt. Leiter des Stadtamtes für Leibesübungen in Wetzlar, der Mann wurde, der die Leichtathletik- abteilung zu neuem Leben erweckte und ihren Betrieb neuzeitlich einrichtete. Seine Arbeit zeitigte auch glänzende Erfolge, und der Rame des Gießener Sportclubs von 1900 hat seit dieser Zeit in der Leichtathletik einen guten Klana. weit über die Grenzen unseres Heimatgebietes hinaus. Rach Paulus Weggang übernahm sein bester und fähigster Schüler, der Sprinter Rudi Fi- scher, Die Leitung der Abteilung. Auch jetzt wurde der SiegeSzug fortgesetzt. Doch Fischers Leitung muhte von vornherein als provisorisch
Es fehlte auch nicht an Leuten, welche bas liebel an der Wurzel packen wollten unb vollkommen freien Rheinoerkehr forberten. Bereits 1657 bot Kurmainz feine Bereitschaft an, die Rheinzölle voll- kommen zu beseitigen, wenn alle anderen Zollherr« schäften am Rheine dasselbe zusagten. „Damit wür- den die Untertanen ihre Früchte und Wein um so besser zu Geld machen können, in besseres Vermögen geraten unb gerne ben Landesfürsten für feinen Verzicht auf feine Zollrechte schadlos halten." Aber dieser erste Schritt schon scheiterte an dem fiskalischen „Eigennutz der kontrahierenden Zollherr- schasten", die zudem, um gegenüber den „lieben Herrn Nachbarn" keine Repressalie zu verlieren, nicht auf ihren Zoll verzichten wollten.
So war die Rheinschissahrt, wie sie im 17. unb 18. Jahrhundert vor uns steht, eine echte Verkörperung vorkapitalistischer, unwirtschaftlich-fiskalischer Verwaltung. Statt den Verkehr zu pflegen, vereinigten sich alle, auch die kleinsten Organe der Oefienllichkeit, um ihn finanziell auszubeuten. Unter der Herrschaft einer solchen verkehrsfeinblichen, bestenfalls mihoerftandenen Wirtschaftspolitik der rheinischen Staaten wurde daher der Rhcin von seiner natürlichen, überragenden Stellung im europäischen und besonders westdeutschen Handelsverkehr zugunsten besonders des ostrheinischen Land- oerkehrs. zum guten Teil verdrängt. Noch bis in die Zeit der deutschen Reichsgründung währte es, bis die letzte innerdeutsche Rheinzollschranke fiel. Jetzt erst, nachdem auch durch den grandiosen Fortschritt der Technik einem gewaltigen Aufschwung des rbei- Nischen Schiffahrts- und Bahnverkehrs freie Bahn geschaffen war, konnte der Rhein sich feine starke Stellung im europäischen Derkehrssystem wieder wie vordem zurückerobern.
Aber es war gerade jene oorhergegangene Zeit tiefsten Darniederliegens des rheinischen Verkehrs im 17. unb 18. Jahrhundert, jene Zeit einer wahren Blüte verkehrsfeindlicher, zollpolifischer Mißwirtschaft am Rheine, welche durch die scharfe Heraus- bitbung einiger weniger, ausgesprochener <onfur« renzstraßen befonbers in den ostrheinischen Gebieten für die Entwicklung der Derkehrsmeae unb die Einbeziehung gerate unserer engeren Umr-cb ng in bas große beutsche Derkehrsstraßenne'^ von grundlegender Bedeutung geworden ist.


