Nr. 133 Zweites Blatt Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhejjen)Mittwoch, (0. Juni (925
Der Kamps um China.
Don Otto Corbach.
Wenn man die Tatsachen-tterne aus den bom- bastischen Hutten politis«1)er Propaganda heraus- ichalt, jo bleibt von allen Meldungen und Berichten uber die lungfitn Vorgänge in Schanghai und an- deren chinesischen „Vertragshäfen" kaum etwas übrig, worüber man sich groß aufzuregen brauchte. Die modernen industriellen 'Betriebe an diesen Plätzen, die fast durchweg ausländischen Unternehmern gehören, beschäftigen hundeNtaujende chinesischer Arbeiter, die sich vor allem während der Jahre des Weltkrieges, als viele von ihnen in den Landern der Ententemächte zu hohen Löhnen ein- gezogene weiße Arbeiter ersetzten, mit den Me- ihoden moderner Gewerkschaften vertraut gemacht haben und diese nun zur Erringung menschenwürdiger Daseinsbedingungen anwenden. Sie begegnen .dabei dem hartnäckigsten Widerstand aus Seiten einer Unternehmerschaft, die in großem Umfange noch eine Art Sklavenhaltertum begünstigt, indem sie ihren „Kompradoren" Pauschalsummen für bestimmte Mengen in ihren Fabriken herzustellender Ware bezahlt und es diesen überläßt, durch maßlose Ausbeutung besonders von Frauen und Kindern, noch möglichst viel für die eigene Tasche aus menschlicher Arbeit herauszupressen.
Daß es unter solchen Verhältnissen wieder einmal zu einem Ausstand kam, ist gewiß nicht raun- derzunehmen. Ebensowenig, daß dieser größeren Umfang annahm, nachdem ein streikender Arbeiter von einem fremden Polizisten getötet worden war, noch daß fremdenseindliche Demonstrationen unter 'Beteiligung von Studenten daraus entsprangen. Und als die Polizei der vorwiegend englischen Verwaltung der Fremdenniederlassung in Schanghai auf einen Zug unbewaffneter Demonstranten schoß, konnte natürlich nur eine Woge fremdenfeindlicher Erregung durch ganz China gehen. In keinem anderen Lande der Welt hätte sich etwas anderes nach solchem Verhalten Fremder ermatten lassen. Es bedürfte dagewiß keiner „bolschewistischen Propaganda" mehr. Wenn man der angelsächsischen Pressepropaganda trauen wollte, so müßten der Sowjetregierung geradezu märchen- haste Schätze allein 3um Unterhalt und für die Dienste ihm Agenten in China zur Verfügung flehen. „Bolschewiftijche Gelder" mystischen Ur- Iprungs sollen sowohl die Taschen revolutionärer Studenten wie die Fonds ausständiger Arbeiter, mögen sie auch nach Hunderttaufenden zahlen, nicht minder die Kassen gewisser Iruppenfommanbeure immer wieder füllen, aber die englischen Pfunde und amerikanischen Dollar, die in China rollen, tollen natürlich legitimsten Ursprungs und legitimster Bestimmung sein.
Das asiatische „Volk der Mitte" hat wie das europäiiche eine republikanische Staatsform, an der alle Kriege und Sunden des Kaiserreiches, aus der he entsprang, noch auf viele Generationen hinaus heimgesucht werden sollen. Die Zeil aber scheint hen Weltlenkern in London und Washington erfüllt, um nach dem Dawesprinzip auch in die chinesische Erfullungspolitik Plan und Methode zu bringen und für sie die Grenzen des äußerst Möglichen zu beftimemn. Man hat Deutschland politisch und wirtschaftlich für absehbare Zeit peinigen h geknebelt und gedrosselt, Frankreich teils durch Anforderungen zur Schuldenzahlung eingeschüchtert, teils durch Zugeständnisse in der „Sicherheitsfrage" besänftigt. Was hindert England, seine fernöstlichen Interesien nachdrücklich wahrzunehmen? Japan ist von einem neuen Erdbeben heimgefucht worden, bevor das furchtbrae vom Jahre 1923 überwunden war, es macht nicht nur wirtschaftliche, sondern auch politische innere Krise gefährlichster Art durch und seine Verständi-
Alte Kunst in Köln — Neue Kunst in Münster. Don unserem Berichterstatter bei der 6. Deutschen
Schutzbundtagung.
(Nachdruck auch mit Quellenangabe verboten.) H-r Münster, im Juni 1925.
Die diesjährige Schuhbundtagung zu Pfingsten gab Gelegenheit nicht nur zu dem immer erneuten Erlebnis des Dolksgerneinschaftsgeban- kens weit über die heutigen deutschen Staatsgrenzen hinaus, sondern auch zu einem Erkennen tiefster künstlerischer kultureller Zusammenhänge. Sicherlich 'st der ursprüngliche Gedanke der Jahrtausendausstellung in Köln ein ganz anderer als ein künstlerischer gewesen, und man hat ja auch vielfach diese Ausstellung stark unter wirtschaftlichen und politischen Gesichtspunkten betrachtet und kritisiert. Vieles an der Kritik mag über dis Ziel Hinausschiehen, eines aber ist bestimmt richtig. das Gewicht der ersten neunhundert Jahre ist bewußt oder unbewußt in dieser Ausstellung stärker in den Vordergrund geschoben als die letzten hundert Jahre preußisches Rheinland. Das muß aber auf den unpolitischen und nicht besonders aufmerksamen Beschauer seinen Einfluß nicht ganz verfehlen. Gewiß, ohne die ersten neunhundert Jahre wären die letzten hundert in ihrer ungeheuren Entwicklung nicht möglich, aber Professor Schulte hat in Münster in feinem groß angelegten Vortrag mit Recht darauf hin- gewiesen, daß schon allein aus strategischen und raumpolitischen Gründen die Entwicklung des Rheinlands abgeschlossen gewesen wäre, hätte sich seine politische Entwicklung in den letzten hundert Jahren nicht im Raum des Großstaates vollzogen.
Das soll uns aber nicht daran hindern, mit unbedingtem Ja dem starken künstlerischen Eindruck gegenüber zu stehen, den die Jahrtausendausstellung auf jeden machen muß, der Sinn für Kunstentwicklung besitzt. Es mag sein, daß Kaiserkrone, Szepter und Krönungsgewand der deutschen Könige stärker historisch als künstlerisch gewertet zu werden verdienen. Aber auch künstlerisch haben sie nicht nur damals eine Formvollendung dargestellt, sondern sind auch heute noch als wertvollste künstlerische Einheit zu betrachten. Roch stärker ist dies bei den 25 goldenen Reltqutenschreinen der Fall, die man aus dem ganzen Rheinland zu einer einheitlichen Darstellung nach Köln gebracht hat. So verschieden sie im einzelnen Aufbau sind, jeder einzelne ist eine in sich künstlerisch geschlossene Einheit und geeignet, in dem Beschauer nicht nur historische, religiöse und politische, sondern auch tiefste geschmackliche Eindrücke zu hinterlassen. Der späteste, ein Schrank in zartestem Barock, ist uns. vielleicht rein kunstgewerblich gesehen, am nächsten. Um so wertvoller erscheinen auf der
flung mit Sowjetrußland ist erst ein zartes, scho nimgsbedürstiges Gewächs. Jetzt ober nie scheint für die angelsächsischen Mächte die Zeit gekommen, das chinesische Problem machtpolitisch in Angriss zu nehmen. Cs war die etimmung, die die Erwartung eines solchen operativen Eingriffes in dem kranken Organismus Chinas in Schanghai er zeugte, die die Schüße gewissermaßen von selbst auslöste, deren Opfer die chinesische Volksseele so ins Kochen brachte, daß die meist interessierten Mächte die Kriegsschiffe zusammenzuziehen und Truppen landen zu müßen glaubten.
Die Geschichte der Beziehungen Chinas zu den „fremden Mächten" bildet eine ununterbrocher.e Kette von Enttäuschungen für den fortschrittlich gesinnten Teil des chinesischen Volkes. Der für denTaipingaufstand, der China jahrzehntelang verheerte, war nicht viel mehr als eine Auswirkung der Propaganda christlicher Missionare. Zweimal überzog England China mit Krieg, um es zur Duldung der Opiumeinfuhr aus Indien zu ,3min- gen, die durch einen fortwährenden Abfluß riesiger Mengen von Barmitteln die Finanzkraft Chinas erschöpften. Heute wird auch kaum ein Europäer mehr ohne Beschämung an den Boxerfeldzug zurückdenken können, durch den die Völker Europas „heiligste Güter" zu verteidigen vorgaben. Freilich machte Amerika diesen Rummel nur zu Anfang und auch da nur zum Schein mit; es zog sich beizeiten aus der Affäre und verzichtete großmütig auf feinen Anteil aus der „Borerentschädi- gung". Seitdem standen die Ameirkaner bei allen fortschrittlichen Chinesen hoch in Ansehen. Als die Revolution von 19 11 die Mandjchudynastie hinweggefegt halte, bedeuteten die Vereinigten Staaten das leuchtende Vorbild, nach dem Jung- china feine Repeublik gestalten wollte. Es ist aber leichter, ein altes Reich zu stürzen, als ein neues auf dessen Trümmern aufzurichten. Frankreich war beinahe hundert Jahre lang nach der großen Revolution von Aufruhr und politischen Wirren erschüttert. In der norbameritani- scheu Union vergingen nach dem Unabhängigkeitskriege Jahre, ehe es zur Einsetzung einer Bundesregierung kam, und erst nach jahrzehntelangen gewaltigen Anstrengungen konnte die Einigkeit im Bunde als gesichert gelten. Vergleicht man die gegenwärtigen Verhältnisse in China mit denen in Rußland, so kann man nur darüber staunen, wie wenig sich die Chinesen in ihrem Wirtschaftsleben durch politische Umwälzungen außer Fassung bringen ließen. Wenn nun die chinesischen Fortschrittler mit einer nachdrücklichen Unterstützung durch die Amerikaner gerechnet haben, so wurden sie enttäuscht. Auch Amerika konnte sich zu keiner herzhaften Anstrengung aufraffen. Solange China keine Zölle erheben darf, die nach irgend einem Tarif einen Durchschniltssalz von fünf Proz. überschreiten, solange seine hauptsächlichsten Bahnen und Bergwerke Ausbeutungsobjekte fremden Kapitals find und solange die jeweiligen Pekinger „Machthaber" ihre Kräfte in einem Kampfe gegen die mit politischen Druckmiteln unterstützten Pläne für weitere Ausbeutung, Konzessionen, „Einflußsphären" usw. aufreiben müssen, solange kann sich aus der Republik der Mille kein lebensfähiges Gebilde entwickeln und solange ist es nicht zu verwundern, daß die Bevölkerung in den einzelnen Provinzen solche Militärgouverneure unterstützt, die die Zivilgouverneure hindern, die jeweils fälligen 2lbgaben nach Peking weiterzu^iten.
Eine besondere Konferenz, die schon auf der Washingtoner Abrüstungskonferenz geplant wurde, fotll nun demnächst alle diese Probleme erörtern, und durch eine Ar! „D a ro c s p l a n für China" möglichst lösen. Darüber können sich die beteiligten Mächte aber selbst in die Haare geraten und darum möchte jede Gruppe die Pfandobjekte,
anderen Seite die stilmäßigen Dokumente der früheren und besonders der allerfrühesten Zeit, wo in rein romanischem Stil Schreine durch Kölner Meister geschaffen worden sind, die zum Teil Techniken aufweisen, die wir heute noch kaum haben verbessern können. Was hier an Darstellung in getriebenem Metall und ins- besonders an einzig dastehenden Emailleausführungen gezeigt wird, wirkt selbst auf den Fachmann bestechend und erst' die Erklärung, daß die Emaillekunst kurz vorher aus Byzanz, der damaligen Hochburg kunstgewerblicher Entwicklung, eingeführt wurde, bringt zum Teil wenigstens des Rätsels Lösung. Daß auch Buchkunst in schönsten Dokumenten vorhanden ist. darf bei dem Reichtum an Klöstern, die das Rheinland aufweist, nicht Wunder nehmen. Doch sei zugleich erwähnt, daß auch die Darstellung des jüdischen Kultes Thoraschriften und handgeschriebene Talmudbände aufweist, die mit ihren hebräischen Zeichen künstlerisch nicht hinter der besten Klosterschreibkunst des 12 und 13. Jahrhunderts zurückstehen.
Das alles klang nach, als wir kurz vor der Abreife nochmals durch die kühlen dunklen Hallen des Kölner Doms wanderten und einen letzten Vlick auf die wunderbaren bunten Fenster warfen, die aus dem alten Teil des Doms hervorleuchten. Cs wirkte noch nach, als wir am späten Rachmittag in Münster einzogen. Deutsche aus aller Herren Länder, im Augenblick tiefst beeinflußt von der Ruhe und Schönheit dieser alten deutschen Stadt mit ihren Laubengängen, ihren RcnaiLssance-Giebeln, ihrer Lamberti-Kirche und ihrem in tiefstes Dunkelrot getauchten Dom. Hier hat man so recht das Gefühl bewußter und wohlabgeglichener Tradition, aus der man in Erkenntnis deS Heute gemacht hat, was sich daraus machen ließ. Wall und Stadtgraben sind längst in Anlagen und Grünflächen verwandelt, über eine Stunde kann man in Beschaulichkeit und 2kuhe um den Kern der Altstadt wandern, ohne aus dunllen Daumalleen ins Freie treten zu muffen und dieser Kern des alten Münster ist rein äußerlich fast lückenlos erhalten. Der Prinzipalmarkt gehört wohl zu den schönsten geschlossenen alten deutschen Stadtbildern, die wir haben und ist in seiner schmalen Länge vielleicht sogar noch vor die Helligkeit und Offenheit des Danziger Langmarktes zu sehen.
^Ind dieses alte, fest auf seiner Tradition stehende Münster besitzt heute eines der voraus- bllckendsten und anziehendsten Theater des deutschen' Sprachgebietes. Mit bewußter Kühnheit hat man hier scheinbar alle Tradition abreißen lassen, um künstlerisch Reuestes aufzubauen. Wan hat dies getan, obwohl das katholische Münster scheinbar nur wenig Voraussetzungen für die verantwortungsfrohe Tat aufwies und cs hat sich erwiesen, daß die Stadtbevöllerung und darüber hinaus die durch ihre Adelssitze bedeutsame Umgebung viel williger darauf einging,
auf die sic Anspruch erhebt, verher fest in die Hand bekomemn. Die Schanghaier Slrcikunruhen maren ein willkommener Anlaß für England, im Einvernehmen nut Amerika, seine Stellungen im Pangtselal zu festigen. China soll babei eine Warnung erhallen, baß bic Freundschaft Sowjetruß. lanbs ein wenig realpolitische Vorteile für es bietet und Japan möglichst wieder mit den Weltmächten in Reih und Glied gebracht werden. Richt die Entwicklung seiner innerpolilischcn Lage, sondern das gegenseitige Verhältnis zwischen den „fremden Mächten" ist für die Gestaltung der Dinge im Fernen Osten in nächster Zukunft ausschlaggebend.
Koloniale Gewißensbiße der Anderen.
Don Dr. Paul Rohrbach.
Es hat in der Geschichte viele bekannte koloniale Eroberungen gegeben, hauptsächlich zugunsten Englands auf Kosten der Franzosen. Holländer. Spanier usw. Die Friedensschlüsse des 18. Jahrhunderts und der Wiener Kongreß bedeuteten große koloniale Reuverteilungen. Sie unterscheiden sich aber alle von dem kolonialen Verlust Deutschlands im Versailler Frieden durch die Ehrlosigkeit des Vorganges. Der Sieger nahm die Beute. Deutschland dagegen wurde hinterlistig betrogen, in Wilsons 14 Punkten erhielt es eine unparteiische Regelung aller kolonialen Fragen und Ansprüche zugefagt. Unterbeffen aber waren schon die Lügen-Dlau- bücher in Arbeit, die beweisen sollten, daß Deutschland ..moralisch unwürdig" sei. Kolonien zu besitzen.
Die Leute, die sich diese Blaubücher bestellt hatten und die anderen, die sie ausarbeitelen, wußten sehr gut. daß Lügen gesammelt werden sollten. Ein letzter schwacher Rest von ungern geübter Rücksicht auf die öffentliche Meinung in Amerika veranlaßte die Entente dazu, den Raub in die Form der sogenannten Mandate zu kleiden. Lloyd George indes hatte Bedenken wegen der Härte des Friedens im allgemeinen. Er hielt es für möglich, daß die Deutschen ihre Unterschrift verweigern würden und wollte in diesem Falle den Krieg nicht von neuem entfesseln. Rament!ich wellte er den Deutschen gewisse koloniale Hoffnungen übrig lassen. Clemeneeau widersprach: „Jls signeront". sie werden unterzeichnen, sagte er falt und höhnisch und behielt Recht!
Heute zeigt sich auch dem Blinden, daß der Friede kein Friede ist. Ein Gefühl dafür, daß die Revision unvermeidlich ist. nimmt überall in der Welt zu und verdichtet sich dahin, den Deutschen einen Brocken ihrer Kolonien wieder hinzuwerfen, um sie zur Ruhe zu bringen. Im übrigen ist auch die Freude an dem ehrlos erworbenen Mandatbesitz nicht allzugroß, weil es nicht gelingen will, die Wirtschaft in den geraubten Kolonien wieder so hoch zu bringen, wie die Deutschen von elf Jahren. Die englische koloniale Zeitschrift „African World" schrieb neulich über d i e Franzosen in Kamerun:
„Der französische Beamte überträgt die bureaukratischen Methoden des Mutterlandes in starrer Handhabung auf die Verhältnisse in Kamerum. Die Folge ist eine Lähmung des Handels und Verkehrs. Dafür können zahlreiche konkrete Beispiele angeführt werden. Kamerun ist ein reiches Land und einer großen Entwicklung fähig. Aber diese Entwicklung wird auf- gehalten durch den Mangel an Sachkenntnis der maßgebenden «Stellen in Paris."
Ein englisches Blatt kritisiert hier die Franzosen. aber den Engländern selbst gelingt es nicht
als man von vornherein erwarten konnte.
Was war geschehen? Aus einem mittelmäßigen Stadttheater war seit Jahren nicht viel zu machen gewesen, bis sich eines Tages in Zusammenarbeit mit anderen der Oberbürgermeister Dr. Sperlich entschloß, einen einheitlichen Versuch zur Reugestaltung der Kunstverhältnisse Münsters zu machen. Er bestellte Hans Hie« decken-Gebhard zum Intendanten und gab ihm als Generalmusikdirektor den in den letzten Jahren stark beachteten Bochumer Kapellmeister Schulz-Dornburg bei. der seinerzeit bei dem Gastspiel der Orchester des besetzten Gebietes auch in Berlin allgemein ausgefallen war. ilnb siehe da! Diese Mischung hat sich außerordentlich bewährt, zumal beide Herren gemeinsam sich sehr geschickte Mitarbeiter zu gewinnen vermochten. Da sind zu nennen für die Gestaltung der Bühnenbilder Heinrich Heckroth, für die Gestaltung der Tänze Kurt Jooh, als seine Mitarbeiterin Fräulein Wedekind, eine Richte des Dichters. Lieberhaupt die Tanzbühne spielt als dritte neben Sprechbühne und Musik gleichberechtigt gesetzte Organisation in Münster eine große Rolle und ohne sie wären Aufführungen wie die Händelsche Oper „Julius Cäsar" im Theater oder die Händelsche Oper „Herackes" in der Weiträumigkeit der neuen Stadthalle gar nicht zu denken. Während der eochutzbundtagr wurden drei Abende uns als besonders eigenartigem Publikum vorgeführt. Auftakt war cas letzte winterliche Symphoniekonzert. Es brachte als Einleitung das große, ganz in Barockform sich abspielende Orgelkonzert von Händel, dann das gedankentiefe Schicksalslied für Chor und Orchester von Brahms, das seiner geringen äußerlichen Publikumswirkung wegen viel zu selten aufgeführt wird. Daran schloß sich eine hervorragende Aufführung der 5. «Choral) Symphonie von Anton Bruckner. Hölderlins Worte im Brahmschen Schickfalslied und die ganze Art der Chorbehandlung zeigte schon, wohinaus Schulz-Dornburg will. Roch stärker war dies bei der tags darauf bargebotenen Ausführung des Händelschen „Herakles", der ebenfalls im Saale und nicht im Theater im Stile eines szenischen Oratoriums dramaturgisch bearbeitet vorgeführt wurde. Es war keineswegs eine Erstaufführung. die wir sahen, sondern die 16. dieses Winters und was das für einen gar nicht auf dramatische Effekte abgestellten Abend wie diesen bedeutet, braucht kaum betont zu werden. Dem Musikfreund werden für lange die großzügige Führung des (übrigens aus Dilettanten bestehenden) Chores und das herb und schön zusammenklingen ke Schluhensemble in Erinnerung bleiben, der künstlerische Beurteiler, der mehr auf den Gesamteindruck, vor allem auf die Wirkung für die Augen Wert legt, wird mehr von den Tanzchören sprechen, die vorsichtig und ohne jede Liebertreibung zum Teil zu gesungenen Mu- sikchören eingestreut waren. Unvergeßlich wiro
besser. In der Südsec gibt eS mir noch Trümmer der deutschen Arbeit. In Ostafr.ka sehnen sich di« Eingeborenen nach dem alten Zustand von Blüte und Verdienst zurück. In Südwest-Afrika ist auf den Bondclausstand der Bastardaufstand gefolgt. Im englischen Anteil von Kamerun endlich kann die Wirtschaft nur dadurch wiede in Gang gebracht werden, daß man den deutschen Pflanzern erlaubt, ihre Planlagen zurückzulansen Jetzt taucht die Idee auf. ein politifches Handelsgeschäft mit Deutschland auf Grund seiner kolonialen Ansprüche zu machen.
..Sollen wir." so fragt die »DöpHch* Coloniale et Maritime' in Paris ^Kamerun und Togo zurückgeben, damit Deutschland sich zu einer Garantie der heutigen Grenzen Polens versteht?" Das Blatt vernein« die Frage, aber auf feine zuversichtliche Art. Einen Schlitt weiter gebt Professor 6oelle. der Kabinettches im sranzöstschen Arbeitsministerium ist Er meint: Hinsichtlich der Kolonien wäre es vielleicht geschickter gewesen Deutschland außerhalb Europas ein wirtschaftliches Betätigungsfeld zu lassen". Diese Blei- nung will er nicht mit der Frage des Garantie- Paktes verbunden haben.
Die interessanteste dieser Stimmen aber ist ein Zitat, das die italienische Zeitung „©creno" in einer Londoner Korrespondenz bringt. Darin wird ein Artikel des Blattes der Südafrikanischen Regierung „Vollstem" wiedergegeben. Cs lautet:
..Bekanntk-ch wurden die Kolonien Deutschlands seilens der Alliierten mit der Degrünbrng abgenommen, daß e3 sie schlecht verwalte und demnach die Rotwendigkeit bestände, die Eingeborenen aus den Kellen der brutalen deutschen Sklaverei zu befreien Heute jedoch weiß man genau. daß jene Anklagen falsch waren. Die deutschen Kolonien wurden nicht schlechter verwaltet, als die der Alliierten. Vielmehr must anerkannt werden, daß heutigen Tages einige Kolonien, die einst den Deutschen gehörten. bedeutend schlechter verwaltet und inslandgehalten werde«« als sie es unter deutscher Herrschaft waren. Und da der Beweis erbracht ist, daß Deutschland seine Kolonien nicht schlecht verwaltete hat, so sind auch die Grüyde hinfällig, denen zufolge ihm die Kolonien entrissen wurden, und sein auf ein Mandat gerichtetes Streben ist berechtig t."
Rolkreuztag 1925.
An großen humanitären Ideen ist der Zeitraum der letzten 100 Jahre nicht arm. Keine von ihnen ist aber so in das Bewußtsein der ganzen Kulturwelt übergegangen, so ihr Gemeingut geworden, wie die des Roten Kreuzes. Wo in der Welt Gegensätze kriegerisch ausgetragen werden, wo Ralurkataslrophen Menschenwerl und Rienschenleben gefährden oder zerstören, wo Massen- und Einzelunglücksfälle. Epidemien, Seuchen. Vvlkskrankheiten und Rotslände jeglicher Art Völker. Familien oder Eiirzelmenschen bedrohen, immer wird das Rote Kreuz als einer der tätigsten Helfer am Platze fein. Der unbeteiligte Zeuge empfindet bann gewiß eine Genügtung über da« Vorhandensein einer solchen schönen, heilbringenden, menschenfreundlichen Einrichtung und über die Hilfsbereitschaft ihrer Jünger und Jüngerinnen und freut sich in dem Bewußtsein, daß ihm im Rolfalle biefe Hilfe auch zuteil wird Aber ber Gebanke kommt ihm nicht, daß er selbst« mithelfen könnte, er ist zu sehr mit seinen eignen Angelegenheiten beschäftigt Der diesjährige R o t e-K r e u z-T a g toll den Sinn des Deutschen darauf lenken, daß alles Guten und Edlen Anfang bas lieberwinden des krassen Jchs. da« Sichhinneigen zum anderen, das Mitgefühl mit allen die Ausgestaltung des Eifersuchtschore« bleiben. Hier war ein Zusammen klang zwischen Bühne, Gestaltung, tänzerischer Bewegung und Stimmführung des Chores und Orchesters erreicht, wie er einheitlicher nicht gedacht werden kann. Das ganze Stück eingekleidet in eine expressionistische Dekoration in schwarz und rot. Hauptkennzeichen der Bühne eine über ihre ganze Dreite gehende Dielftufige Treppe, die vorn am Proszeniumsrand nur eine in der Tiefe schmale, über die ganze Saalbrcite gehende, an den ©eiten unregelmäßig überhöhte Vorbühne läßt. Al« Hintergrund drei im Profil zu sehende steile Treppen, die zum Teil zu starken figürlich architektonischen Wirtunge.i verwandt werden.
War hier das Tänzerische in der Musik stark in den Vordergrund geschoben und die Händelsche Opernmusik bei aller Breite der Darstellung rücksichtslos dem Gesamteindruck des Abends untergeordnet, so brachte der am Montag zur Aufführung kommende Sprechchor von Bruno Götz unter dem Titel ..Lobgesang" Tanz- und Chorbewegung in engstem Zusammetchang mit gesprochenen und ekstatisch wiederhollen Worten. Götz selbst sagt von seinem ..Lobgesang", daß er kein Drama, sondern ein kultisches Spiel in literarischem Charakter sei Hauptspieler de« Stücks (eine kommende Größe. Karl Johanne«) ist ber Ruser, dem in regelmäßigen Abständen ein vierstimmiger Chor, bestehend aus jugendlichen und älteren Frauenstimmen und jugendlichen und älteren Männerstimmen teils gemeinsam, teil« getrennt antwortet Wie ein Trio mit überlegender Abgeglichenheit, ist in diese Vielheit von Frage und Kündung und Antwort ein Mittelstück eingereiht, das u. a. Zwiegespräche zwischen Mann und Frau im Frühling, im «Sommer und im Herbst des Lebens bringt. Hier wieder llnd die Worte des Sommers von einer Tiefe und Cmpfundenheit ber Gedanken, wie sie in ber Moderne vor Bruno Götz kaum einer gefunden hat. Man kann über den literarischer CSert des .,Lobgesangs" vielleicht streiten. Er hat aber in Münster bei Riedecken-Gebhard al« Regisseur und Kurt Jooß als Chorführer eine Ausgestaltung erfahren, die unbestreitbar einen einheitlichen künstlerischen Eindruck hervorrief. Gerade die Wucht und Einmalig- ke-.t dieser Ausführung hat erwiesen, daß solche kultischen Aufführungen auch heute möglich sind, zumal wenn sie, wie Bruno Götz überzeugendste Gedanken verwertet. Tritt doch z. B- die Technik in Gestalt eines monumentalen „Werkver- mählers" auf und wurden doch Forderungen von Vollsgemcinschaft. S.edlung und Gerechtigkeit in dithyambrischer Form in symbolischen Worten als Schluß-Symphonie gegeben, so daß fast bet Eindruck entstehen konnte, als sei dieses Scück ein« für den tiefen innersten Grund der Schutzbundibee eigens gesehene und erlebte Dichtung, geeignet, die starken zusammenklingenden Sinbrüae dieser sechsten Schuybuvdtagung abzuschliehen.


