Ausgabe 
10.6.1925
 
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ar. iss irrstes Blatt

175. Jahrgang

Mittwoch, 10. Juni <025

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GiehenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhefsen

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Was wir brauchen.

ES herrscht sommerliche Stille in dem Kampf der Parteien, aespannt nur bilden aller Augen nach außen, auf die Ungeheuerlichkeiten der Cnt- waffnungSnote, die den Unfrieden in der Welt für Jahre hinaus festzuhalten bestimmt ist.

Es wird wieder ein fester Halt vonnöten sein, mit Würde den übertriebenen Forderungen der Gegner entgegenzutreten -- nicht mit einer Geste, sondern mit einer Tat.

Die Verantwortlichkeit ist groß, sie muß jedem Einzelnen von uns bewußt werden, sind wir doch teilhaftig an den Geschicken des Reiches nach innen und außen durch das Recht, unsere Stimme den Männern unseres Vertrauens zu geben, die die Geschicke Deutschlands führen und leiten sollen.

Deshalb ist eine verantwortungsbewußte staatsbürgerliche Erziehung not, die wir an uns selbst zu üben haben. Es wird weniger darauf zu sehen sein, daß wir neue Programme finden oder alte abändern, es wird nicht darauf an- kommen, in dem System deS politischen Gegners irgendeine Unstimmigkeit nachzuweisen, wesent­lich wird fein, das nüchtern geschaute und von allen gefühlsmäßigen Beeinträchtigungen freie Bewußtsein der Zusammengehörigkeit zu dem großen Volksganzen.

Dieses Bewußtsein zu stärken schon in der Heranwachsenden Jugend ist eine der wichtigste« Gegenwartsausgaben; wichtig deshalb, weil die kommende Generation noch weit schwerer an den Lasten des Riederbruches zu tragen haben wird als wir, die wir ihn erlebt und durchlitten haben. UnS erscheint jede geringe Erleichterung schon ein Fortschritt, ein Stück Ausstieg - die neue Generation aber, die mit anderen Maßstäben, denen von draußen, messen wird, wird die Fesseln des Siegers weit schärfer in das junge Fleisch einschneiden fühlen.

Von rechts und Unis und aus der Mitte sucht man die Jugend an sich heranzuziehen. Eine jede Partei arbeitet fieberhaft an Pro­grammen und rührt die Werbetrommel, daß ja nur recht viele neue Anhänger aus der Heran­wachsenden Jugend ihrem Banner folgen. Ob eS vom verantwortungsbewußten Erzieherstand- punkt richtig ist. die Jugend für die Dinge der Politik zu interesiieren, ist bejaht, ist oerneini worden. EinS steht fest: Die in immer schnellerem Tempo fortschreitende Zeit verlangt eine immer ausgedehntere Wappirung mit Kenntnissen und Fertigkeiten, die noch vor zwanzig Jahren als unnützer Ballast und ileberbürbc erschienen wären. Also ist auch eine Vorbereitung der Heran­wachsenden Jugend auf die Dinge des Staats­lebens eine nicht zu widerlegende Rotwendigkeit geworden. Zu diskutieren bliebe lediglich der Umfang und die Form dieser Erziehung.

Gewißlich falsch ist es und ganz im Wider­spruch mit der gesamten Seelenlage der Jugend, sie zu Massenkundgebung.m und Demonstra­tionen zu mißbrauchen. Das ist eine krank­hafte Zeiterscheinung. die fi parvum licet com- pvnere magno an den Kinderkreuzzügen ein Gegenbeispiel hat und die sich mit der Minderung der Erregung der Volkspsyche legen wird. Die Jugend demonstriert nicht. Ihr ist der Begriff Masse Mensch" noch fremd. Sie lebt im Eta- dium des absoluten Jndividualtsmus. Wohin aber die Jugend gewiesen werden kann, das ist der Gedanke an den Führer.

Hier hat verantwortliche Arbeit einzusehen. Die ideale Veranlagung des jugendlichen ©ßa* rakters folgt mit Begeisterung dem Vorbild, das es sich seht. Deshalb ist e5 zunächst notwendig. Führer zu suchen und aufzustellen. Menschen, die nicht durch ein Programm oder einen Be­schluß an die Spitze gestellt werden, sondern die herauswachsen aus der Gruppe und. vom Ver­trauen und Zutrauen der andern getragen, der Gefolgschaft Führer werden. Das geschieht ganz von selbst ic schneller, je klarer und selbstbewußter ter zum Führer Berufene ist.

Die Persönlichkeit des Führers ist ent­scheidend für die Haltung seiner Gefolgschaft, sre »st also auch von Bedeutung in weiterem Sinne für die größere Bolksgemeinfch.llt. die unser Ziel sein muß. Sie ist selten, aber wo sie vorhanden ist, ist sie überall gleich So bringt bie fd)cm- bare Dezentralisierung in der Erziehungsarbeit doch eine innerliche Einheit, die allerdings r on höchster Wichtigkeit ist die gemeinsame Ern'tel- lung auf gemeinsame Ideale, eine Zusammen sung vieler Ei'zelwillcn zum Ausdruck crnes neuen Gesamtwillens, der. in seiner Ballung diktatorisch eine Erneuerung von innen heraus bringe i tann and muß Denn eine innere UeberWindung ter Sabre des Riederbruchs durch rücksichtslose Ao- iccbnung mit uns selbst ist notwendig Das Zett- dter der Technik und des Wilsens hat in über­schnellem Tempo seine Dellen gegen uns ge­worfen, und wir sind nicht Herr unserer Zett geblieben, sondern die Zeit hat uns beherrscht.

1 cd sind die grotesken Xleberftcigerungen in unserem Geistesleben zu erklären und zu ver­stehen. Wir sind einem geistigen Materialismus verfallen, der mit dem Intellekt alles verstehen. . erklären und lösen ztr können glaubte. Die be­stehenden unpolitischen Jugendbewegungen sind zum Teil in den entgegengesetzten Fehler des Schwärmens und des Gefühlsübmschwanges ver- fallen Wenn sich politisch: Parteien finden, die die staatsbürgerliche Erziehung in einem großen und umfassenden Sinne als Dienst am Volke ansehen dann kann es für sie nur einen Weg

I geben, unfern Rachwuchs aus den Kamps mit dem Leben vorzubereiten:

Hinweis auf den Fühper, der gesucht werden I muß Selbsterziehung zur v-»rbtldl'L:n Versen-

Der Genfer Garanliepakt.

London, 9.Juni. (WTB.) Die Preß Associa- tion verbreitet folgende Mitteilung: In britischen diplomatischen Kreisen herrscht rückhaltlose Besrie- digung über die Nachricht aus Gens, daß zwischen Großbritannien und Frankreich eine v o 11 st ä n dige Einigung über die Grundlage, auf der die Verhandlungen über den geplanten Sicher- ßeitspa f t weiterzuführen sind, zustande gekom- men ist. Es wurde betont, daß es seit der ersten Anregung der deutschen Regierung zweifellos war, daß der Pakt bei etwaiger Verwirklichung streng g e ge n f e i t i g sein würde, und daß die Derpslich- tungen Englands sich auf die Garantien der Grenzen zwischen Frankreich und Belgien einerseits und Deutschland andererseits beschranken würden.

Dom britischen Standpunkte aus war nicht in Aussicht gestellt, in einen etwaigen Konflikt, an dem England kein tatsächliches Interesse hatte, einzugrei­fen, sondern durch gegenseitige Verständigung und zweifelsfreie Festlegung der englischen Derpslichtun- gen jede'Möglichkeit eines die englischen Interessen in Mitleidenschaft ziehenden Krieges an der genann­ten Grenze auszuschließen. Alle Unterzeichner des Paktes, zu dem hoffentlich auch Belgien und Italien gehören werden, sollten alle den Völkerbundsmitglie- dern zukommenden Rechte und Pflichten überneh­men, ebenso auch wie Deutschland, da der Pakt erst in Kraft treten könne, wenn Deutschland selbst vollberechtigtes Mitglied des Völkerbundes geworden fei

Bezüglich der anderenGrenzen Deutsch­lands verlautet, daß der Pakt in keiner Hinsicht die diesbezüglichen Bestimmungen des Friedensver­trages abschwächen werde, daß etwaige Streitig- feiten unter die Bestimmungen des Völkerbundes fallen. Die Wirkung des neuen Paktes wurde von gutunterrichteter Seite dahin zusammengefaßt, daß Großbritannien sich hinsichtlich der französischen Grenze in genau der gleichen Lage befinden werde wie 1914 hinsichtlich der belgischen.

Englische Kommentare.

London. 9. Juni. (211.) Die Berichte der englischen Blätter über dir Verständigung zwi­schen Chamberlain und Driand in Genf sind unklar und widerspruchsvoll. Die Gruppe eng­lischer Politiker, die van als Isolations- Politiker bezeichne., greift die Regier ung scharf an. Von feiten der Regierung wird dage­gen darauf hingewiesen, daß die Verständt- gung ohne Aufgabe der bisherigen englischen Grundsätze erfolgt sei. Die neuen Abmachungen seien unter keinen Umstän­den als eine Wiederbelebung der Grundgedanken des Genfer Protokolls zu bezeichnen. Die eng­lischen Verpflichtungen hielten sich auch nach der neuen Verständigung zwischen Chamberlain und Driand im Rahmen der Bestimmungen des Völ­kerbundpaktes.

Demzufolge bedeute eine Zustimmung Eng­lands zum französischen Vorschlag nicht die Uebernahme von unerträglichen Verpflichtungen, da aber Scküedsgerichtsverträge zwischen Deutsch­land und den ihm angrenzenden Staaten ab­geschlossen würden, so könne ein Fall, der für England weitergehende Verpflichtungen in sich schließe, nur dann eintreten, wenn Deutschland ein Schiedsgerichtsverfahren ablehne und Polen z. B., ohne herausgefordert zu sein, angreife. In diesem Falle würde der französische Bündnis­vertrag wirksam werden.

Da man aber ein von Angriffsabfichten erfülltes Deutschland nicht als Voraussetzung für die gegenwärtigen Abmachungen betrachte, so wäre für Deutschlands Lage und auch Englands in keiner Weise verschlechtert.

(Optimismus in Aankreich.

Die französische Presse über die austcnpolitischc Lage Frankreichs.

Paris. 10. Juni. (TU.) Tie Blätter halten das französisch-englische Einvernehmen in der Eicherungsfrage für das größte Ereignis seit dem Friedensschluß. DerT e m p s" feiert das persönliche Verdienst Driands um das Zustande­kommen des Hebereinkommens mit Großbritan­nien und meint, daß sich eine bedeutende Ver­besserung der Situation zugunsten Frankreichs vollzogen habe. Als wichtigsten Punkt des ge­schloffenen Uebereinlommcnä stellt der^emps" die Tatsache fest, daß Großbritannien sich im Falle eines deutschen An­griffs mit allen Streitkräften auf die Seite Frankreichs strikt.

Was die Sicherung d-er O st g r e n z e an­gelange. so verstehe sich von selbst, daß die Be-

lichkeit im Sinne der Verantwortlichkeit vor dem Tribunal der Geschichte, Wesentlichkeit im Denken und Handeln, nicht breit angelegte, zu Diel- wislerei neigende Verflachung, sondern in die Tiefe gehende, in sich begrenzte, aber gefestigte Bildung: sind wir doch in höherem Sinne nie­mals auf Dissen verpflichtet, sondern auf Wert.

Das sranzösi che Budget für 1925.

Paris, 9. Juni. (DB.) Finanzminister Eaillaur hat heute nachmittag mit den Mit­gliedern des Finanzausschusses über die Weiter­behandlung des Budgets für 1 925, das noch Ende dieses Monats verabschiedet werden soll, verhandelt. Rachdem man über die Diskussrons- methode innerhalb des Finanzausschusses ver­bandelt hatte, hat Fincmzmintster Caittaux sich

schlüsse eines Schiedsgerichts sich nicht auf terri­toriale Fragen beziehen könnten. Der ,3ntran- figeant stellt fest. Chamberlain und Br.and hätten eine Großtat vollbracht. Die Bestim­mungen des Versailler Vertrages seien nicht nur ausdrücklich beglaubigt worden, sondern auch die Rückkehr Elfaß-Lothsting.ns zu Frankreich habe durch das ilcbereinlommcn aufs neue eine Bestä­tigung erhalten.

DasJournal des Debats" meint, der Um­schwung der Situation zugunsten Frankreichs fei offenkundig. Man könne sagen, daß die Zeit günstiger sei als 1914. Damals stand Frankreich xtoci verbündeten Kaiserreichen mit insgesamt 120 Millionen Einwohnern gegenüber. Heute sei nur noch Deutschland mit 65 Millionen übrig geblie­ben. Als Ersatz für Rußland zählten für Frank­reich die verbündeten Staaten im Osten von 70 Millionen Einwohnern ohne die baltischen Staa­ten. die auch an der Aufrechterhaltung des Friedens interessiert seien. Die früheren Ver­bündeten Deutschlands. Bulgarien und die Tür­kei, tonnten keinen ernsthaften Schaden anrichten. Es bestehe also aller Grund zum Optimismus. DieCibert6 hält die Ergänzung des Rheinpaktes durch einen besonderen Schieds­gerichtsvertrag zwischen Deutschland, Polen, und der Tschechoslowakei, den Frankreich garantieren würde, zur Durchführung der allgemeinen Ent­spannung für unerläßlich

Vie französische Antwortnote.

Ncbersendnnq am Donnerstag.

Paris, 9. Juni. (TU.) Nach Genfer Mel­dungen wird die französische Antwort­note auf das deutsche Sicherheitsangebot Donnerstag nach Berlin abgesandt werden.

B r i a n d kehrt am Mittwochabend nach Pans zurück. Chamberlain bleibt dagegen noch bis 11. Juni in Genf, da bis dahin die Arbeiten des Dölkerbundsrates wahrscheinlich beendet sein wer­den. Es wird bestätigt, daß die Note an Deutsch­land, deren Wortlaut soeben erst endgültig festge- legt wurde, eine knappe Darstellung der Grundsätze enthält, die für den Sicherheitspakt mit Deutsch- land maßgebend sein werden. Die deutsche Negier- hmg wird an Hand desSchriftstückes die Bedingun­gen, unter denen der Sicherheitspakt Zustandekom­men kann, auf das Genaueste kennenlernen.

Italienische Kommentare zum Garantiepakt.

Rom, 10. Juni. (511.) Die Havasnote über die französisch-englische Verständigung zum Ga­rantievertrag wird in der römischen Presse sehr skeptisch kommentiert. DieTribuna" meint, damit werde der europäische Friede nicht besiegelt. Es blieben zu viele Fragen offen. England, das nach der Zerstörung der deutschen Flotte und des deutschen Kolonialbesitzes fein großes Ziel erreicht habe, zeige wieder sein In­teresse für kontinentale Verhältnisse, wenn es die am wenigsten gefährdete Westgrenze Deutsch­lands garantiere und die Garantie für die gefährdete O st grenze ablehne.

Anders urteilt Coppola in der ,Jdea Ra- zionale". 3m Grunde genommen, schreibt Cop­pola. garantiere England auch die Ostgrenze, wenn es deren Ilnverlehbarkeit dem Völkerbund zu schützen überträgt. Die im Garantieabkom­men enthaltene Unsicherheit nehme demselben jeden realen Wert für eine europäische Siche­rung. Zu demselben Entschluß kommt dieEpoca". die die Havasnote als ungewöhnlich verlogen charakterisiert, deren Zweck es sei, die öffentliche Meinung über die Tragweite der englisch-französischen Verständigung, die weit über den Versailler Vertrag hinausgehe, irre zu führen.

Ämerika

und der Sicherheilspakl.

Paris, 9. Juni. (TU.) Nach einer Washing­toner Meldung ist man in politischen Kreisen nicht sehr optimistisch über die Verwirklichung des Sichcrheitspaktes. Man meint, Deutschland werde, falls das Abkommen wirklich Frankreich einen Durchzug durch das Rheinland einräume, nicht gleich einen so einseitigen Pakt annehmen. Wa- shinglon erwartet von Großbritannien eine starke Opposition gegen die Verpflichtung Chamberlains. Amerika, so wird erklärt, sei im einzelnen nicht in­teressiert, so lange der Pakt die Befriedung Euro­pas fördere.

bereit erklärt, die Ernnahmeabschätzun« gen der Regierung Herr iot sich zu eigen zu machen. Cs wurde ferner ein Abkom­men erzielt über die Abschätzung der neuen Ein­nahmequellen. die Kammer und Senat bereits festgelegt haben.

Rach Ansicht des Vorsitzenden des Finanz­ausschusses weist das Budget für 1925, so wie es der Senat der Kammer wieder übermittelt hat. ein Defizit von 600 bis 700 Millionen Franken auf. wozu noch die etwa 900 Millionen Steuern hinzukommen, die der Senat nicht angenommen hat. Finanzminister Caillaux Hal Dorbehalle hin- jedoch beschlossen, hierüber morgen weiter zu sichtlich dieser Abschätzung gemacht. Es wurde verhandeln, da im Laufe der Sitzung die Absicht bekund-et wurde, eine Einigung zu suchen, um die Pläne des Finanzmznisters mit den bereits ge­troffenen Einnahmedispositionen der Kammer in Einklang zu bringen.

Der Marineetat im Reichstag.

Reichswehrnitnister «kfder spricht.

Berlin, 9. Juni. Präsident Löbe er­öffnet die erste Sitzung nach den Pfingsllerren mit der Mitteilung, daß der Reichsminister des Innern, Schiele, die Genehmigung nachsucht zur Strafverfolgung des fo ia ?e 'Vrali* schen Abg Schöpflin irc e.i Beleidigung. Das Ersuchen des Ministers wird dem Geschäfts­ordnungsausschuß überwie en.

Bor Eintritt in die Tagesordnung beantragt Abg. Henning 1D schvölk. F eii'eilsvt > die auf der Tagesordnung stehende Beratung des Re - wehre, als vorläufig auSzuse'en und zunächst die Militärkontrollnote der Entente zu besprechen, die tief in die Organisation der deutschen W.chr- macht eingreife.

Abg. Stöcker (Komm.) unterstützt den völ­kischen Antrag und bezweifelt, daß die deutsch­nationale Regierung Luther der unerhörten Ro e dec Entente auch nur den geringsten W dcrfpruch entgegensetzen werde. Der Redner beantragt weiter unter heftigen Augi i fen gegen eie Innenminister des Reiches und Preußens die sofortige Beratung einer kommunistis. en Interpellation über die Zusa mmen ß ö ß c der Polizei mit Kommunisten in Teltow.

Die von den Völkischen und Kommunisten beantragte Aenderung der Tage ordnung wurde abgelehnt.

Das Haus tritt dann in die zweite Beratung des Haushalts der Marine im Rahmen Haushalts des Reichswehrministeriums ein.

Abg. Treviranus (Dntl.) spricht die Hoff­nung aus. daß die airgekündigte Aufbesse­rung der Bezüge der Offiziere und Mannschaften in ausreichendem Maße er­folgen werde. Für die Unterbringung b:r Ver­sorgungsberechtigten müsse besonders in den Ge­meindeverwaltungen besser gesorgt werden. )n den maßgebenden Parteien bestehe jetzt E.nmütig- feit darüber, daß die Marine d e in R e i .<> erhalten bleiben müsse. Der Auslanodi.>.,st der Reichsmarine sei geeignet, das Ansehen des wieder genesenen deutschen Volkes in der Delk neu zu beleben. Den neuen Forderungen der Marine müsse deshalb zugestimmt toerbcii.

Abg DrüninghauS iD. Vpt.) b. , ichnet eS als eine Inkonsequenz, wenn die Sozialt- no- kraten die notwendigen Ergänzungsbaui. . für die überalterten Schiffe ablehnen würden. D?S könnte man nur bann tun. wenn man, w eS die Äommimiften tun, die Marine überhaupt ab- fchaffen Wil. Die Deutschland auf gezwungene Ent­waffnung sollte zwar nur die Einleitung gut allgemeinen Abrüstung sein. Tat­sächlich verstärken die übrigen Rationen aber ihre Rüstungen zu Wasser und zu Lande immer mehr. Daran wird auch nichts durch die vielen Frie­denskonferenzen geändert.

Die in ihrer Quantität so geschwächte deutsche Marine sollte wenigstens in der Qualität auf der Höhe fein.

Der Redner dankt unter allgemeiner Zustimmung den fremden Staaten, vor allem Mexiko, für die freundliche und ritterliche Aufnahme, hi. sie den deutschen Schiffen gewährt haben. Gr begrüßt es, daß der verstorbene Reichspräsident Ebert den neuen Kleinen Kreuzer auf den (Hamen (8 m b en" getauft unb damit bie Erinnerung an bie unvergeßlichen ruhmreichen Kriegstaten der altenEmden" unb ihres tapferen Kommandanten von Müller neu belebt habe. (Lebhafter Beifall.)

Abg. Creuhburg (Korn.) lehnt alle Ma- rineforterungen ab. Abg. Dr. Moses (Soz.) er­örtert die Selbstmorbfälle in der Marine und in der Reichswehr. Seit 1920 sei in dieser Be­ziehung statt der erhofften Besserung eine Zu­nahme der Selbstmorde um mehr als 50 Prozent zu verzeichnen.

Abg. Dr. Schreiber (Zentr.) begrüßt bie Mitwirkung der Reichsmarine an den Ausgaben der wissenschaftlichen Forschung, besonders bei der Tiefseeforschung. Die Auslandfahrten der Marine hätten dem Ansehen des deutschen Ra- mens in der Welt sehr genützt. Das Bildungs- Wesen in Heer und Marine müsse weiter aus­gestaltet werden. Dazu gehöre auch eine Seel­sorge im besten Sinne des Wortes. Die jetzigen Wohnungsverhältnisse der verheirateten Mann­schaften müssen unbedingt verbessert werden.

Reichswehrministsr Dr. Getzler:

Die wirtschaftlichen und sozialen Probleme in der Reichswehr und der Marine werden in jedem Jahr ein neues Gesicht bekommen. Wir werden das ganze sittliche und seelische Riveau der Marine heben müssen. Dazu müsse aber auch den Offizieren und Mannschaften ein Mindest - maß wirtschaftlicher Sicherheit ge­geben werden. Bei der Vslege des Bildungs- wesens macht uns die Lehrerfrage noch Schwierigkeiten. Das überaus traurige Kapitel bei Selbstmorde empfinben wir auf unserem Schild als einen schwarzen Fleck, der möglichst bald verschwinden muß. Der Hauptgrund für die steigende Zahl der Selbstmorde liegt beson­ders in der zwangsläufigen Verpflich­tung auf 12 Jahre. Wir wollen möglichst Waiwel schaffen, vor allem durch eine, Verbesse­rung des gerichtlichen und disziplinarischen Ver­fahrens. Zu den Ilrfachen der Selbstmorde ge­hört in vielen Fällen der Alkoholismus, diese große deutsche Dolkskrankheit. Wir wollen alles tun. um in der Selbstmordfrage Wandel & schaffen und wir werden alle im Reichstag a gegebenen Anregungen allen Kommando- len übermitteln. (Beifall.)