Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Dienstag, 10. MLrz 1925
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Nr. 58 Zweites Blatt
Das Land der Sehnsucht.
AuS einer deutschen Kolonie.
Don <8. von Hngern-Sternberg.
3n jeder Seele wohnt das Sehnen nach dem Lande der Verheihung, nach einer glücklicheren Erde, wo sich die Sorgen des Alltages auf» [Öfen, wo da- Abenreuer lockt und der Erfolg da« Hoffen krönen soll. Diese Märchenwelt wird gerne in ein Land der Sonne verlegt, m das Schweigen de- tropischen HrwaldeS. wo sich Pa pageien in Palmen wiegen, wo sich Riesenschlangen zwischen butenben Ctjncn winden und Feuerfliegen die schwüle Rächt erleuchten. — Das Sonnen reich der Tropen ist überwältigend schön, und doch hat sich unsere Sehnsucht nur ein Reich der Träume vorgegaukelt. Troy aller 'Bin- der die sich unserem staunenden und anbetenden Auge in den Tropen eröffnen, sieht es dort anders aus. alS wir in der Ferne glaubten. —
Dor allem sind die Tropen kein Reich des Frieden- und stiller Träume. Mer in ihnen heimisch werden will und die Eichen und grünen Miesen der Heimat vergessen mochte, der muh den Millen und den Mut zum Kampfe haben, der darf nicht vor Enttäuschungen, vor Fieber und Gefahren zurückschrecken, er muh vor allem zu lernen und zu schauen verstehen. —
Dielen Auswanderern ist das tropische Südamerika ein Land der Sehnsucht. Manchen sind ihre Träume erfüllt worden, sie sind heute zufriedene Bewohner DrasilienS. Columbiens oder Paraguays. Andere wieder finb gestorben und verdorben, sie haben weder Glück noch Stern gehabt. Jedoch allen hat daS Abenteuer, hat der fremde Himmel gelächelt. Sie haben den Urwald rauschen gehört, haben gewaltige, sonnendurchleuchtete Ströme gesehen, und sind in der Werk» fiait Gottes, im jungfräulichen Tempel der Ratur gewesen. — Unter den Tropenländern hat Paraguay den Dorzug, dah sein Klima gesund ist. Menn der Einwanderer da- ungefährliche Akklimatisationsfieber überwunden hat. so drohen ihm Weiler keine tropischen Krankheiten. Die Hitze ist in den Mintermonaten — April bis Oktober — nicht allzu drückend und gestaltet dem Europäer, auch im Freien zu arbeiten. —
Es ist ein seltsames Leben ht einet werdenden Kolonie ... 3n den 80er Fahren des vergangenen Fahrhundert- hatte die Regierung von Paraguay Profeflor Forster einige Quadrat» mellen reiche- Urwaldgebiet für SiedlungSzwecks überlassen. Die neue Kolonie war nicht leicht »u erreichen Den einzigen DerbindungSweg mit der Auhenwelt und mit der Hauptstadt Assuncion bildeten der Paroguaystrorn bis Darancarita. Don dort ging es mit einem Flachboot auf dem Rio Deghui bis zum Städtchen San Pedro unb weiter landeinwärts durch Urwald. Lagunen und Sumpfland bis zu der einige Meilen entfernten Kolonie. Selbst der Zugang zur Siedlung war ,-nicht ohne Hindernisse. Menn es geregnet hatte, schwoll das Masset im Fluh mächtig an, die Furt wurde überschwemmt und daS Gebiet von Reu-Germania konnte nur schwimmend erreicht werden AuS einer getrockneten Pferde- ober RindShaut wird dann durch Riemen und einige Stäbe ein Rachen improvisiert, der einer verbogenen kleinen Badewanne gleicht, darin wird daS Hab und Gut trocken an das andere Ufer geschafft Auch die Frauen und die Leute, die nicht zu schwimmen verstehen, vertrauen sich diesem gebrechlichen Fahrzeug an. Die geringste Bewegung bringt es zum Kippen, bisweilen sickert auch daS Wasser durch kleine Oeffnungen im Boden, und der Rachen sinkt. Da aber nur kleinere Flüsse und Bäche auf diese Art passiert werden können, so ist die Gefahr nicht grvh. Da dabei nicht gerudert werden kann, so muh ein Schwimmkundiger das seltsame Fahrzeug an einer Schnur an das andere Ufer bringen. Schlimm ist es freilich, wenn beim Uebersehen die blutgierigen kleinen Karaibenfische den Schwimmer Überfällen, ober wenn ein Zitteraal im Grund- schlamm lauert.
Hinter dem Flusse führt ein Pfad durch mannshohes Gras, in dem sich allerlei Arten
Kultur und Kunst Oftafiens Dortrag von Professor Grosse in der Gesellschaft Siebener Kunstfreunde.
DaS an sich recht schwierige Problem, in ehret Stunde feinen Hörern .Kultur und Kunst OstasienS", das bedeutet doch die wesentliche Struktur einer unS gänzlich fremden Welt, nahe zu bringen, hat Professor Dr. Emst Grosse in seinem Dortrag am Samstagabend glänzend gelost. Gr stellte ein ganz allgemeines Prvbl^n, das auch den Abendländern sehr wesentlich angeht. „Das Derhältnis von Kunst und Geben“, in den Mittelpunkt. Dadurch war auf der einen Seite durch den Vergleich mit Europäischem die Drücke zu der uns fremden Kultur gebaut, auf der anderen Seite aber durch die Schilderung der asiatischen Welt nicht allein eine gewisse Wissensbegierde befriedigt, sondern auch ein wichtiges Problem unterer eigenen Kultur ange- packt. Kunst und Leben bedeuteten — denn alles dies ist unter dem Druck amerikanisch-europäischen Einflusses in einer starken Wandlung begriffen — für den Ostasiaten keine Gegensätze, sie sind ihm so sehr dasselbe, dah er lange Zeit überhaupt kein eigenes Wort dafür besah. Die Kunst ist ihm kein im Grunde überflüssiger Luxus, sondern ein notwendiges Lebensbedürfnis. Er kennt keine reine, zwecklose Kunst, all fein schöpferisches Tun ist durch auherkünstlerische Forde- rurgen gebunden. Die .Kleinkunst' unserer Por- Aellanmanufatturen, die .Zieroase", ist ihm fremd. Alles, auch was dem Ausländer so erscheint, ist Gebrauchsaut. ist Gerät und fein Zweck bestimmt wesentlich seine Form. Selbst die ;freie" Kunst der Plastik und Malerei ist gebunden. Die Plastik durch religiöse Forderungen, da sie allein Kultzwecken dient. Die Malerei durch die Lebenssitten des 3apaners und des Chinesen, die fordern, dah der Wandschmuck sich dem 2c- bensrhythmus anpasse. De HHb wechselt das in der Rische hängende Bild je nach Zeit und Hm- ständen — welch feine Sitte, den Gast dadu.ch zu ehren, dah man ein ihm entsprechendes Bild aufstellt. — Auch die Wahl des Bildes geschieht nicht nach rein ästhetischen Gesichtspunkten, sondern jedes Werk hat seine Dedeu- tu na. ethische, religiöse, mag sche — man darf daS jedoch nicht im groben Sinn eines Aber-
von Hühnern und Giftschlangen tummeln, zu den ersten Gebäuden der Kolonie. DaS erste Haus und das einzige Steinhauschen, das Rueva Germania in den Jahren aufweisen konnte, gehört der Begründerin. Frau Prof Förster-Rietzsche, der Schwester des groben Philosophen. Es ist ein eigentümliches Gefühl, hier am Rande der Wildnis von einer Dame von allerhöchster Kultur begrüht und in ein Gespräch über Rietzsche« Gedankengang verwickelt zu werden. Auf dem Strohdach der Deinen Veranda summen unterdessen Scharen bösartiger Wespen und flattern Schmetterlinge von seltsamer Gröhe und von schillernder Farbenpracht. Heber den Ananas- beeten und Bananenstauden des Garten- glüht die Sonne und unter den Guayavenbüfchen huschen und rasseln Rieseneidechsen. Auch eine Lanzenschlange windet sich träge über den Weg. Die Frau Professor erlchlägt sie mit einem kurzen Hieb über den Rücken. Giftschlangen, die man sieht, fürchtet man nicht.
Besucher kommen. Unter den ersten Heber» siebtem in die schone Landschaft Paraguay- befanden sich sehr viele Mitglieder der gebildeten Stände, die teils Schiffbruch, teils Abenteuerlust oder Hoffnungen auf eine glücklichere Zukunft in die Reue Welt hinausgetrieben hatte. Reben der Kolonie besah ein Herr v. Maltzan eine hübsche Besitzung, da gab es Wangcnheim-, HelserichS. Peter- usw., die tagsüber auf ihren Landstücken — Konzessionen — arbeiteten ober sich mit dem Merken und Brennen von Veh befahlen, sonst sich aber auf dem sogenannten Stadtplatz, im Gasthause von Freytag bewegten, 3agdpartien verabredeten, gemeinsame Ritte planten ober sich einer Siesta nach mehreren Gläsern selbstgebrannten Zuckerrohrschmapses Hingaben.
Zuckerrohr. Mais. Tabak, Kaffee, alles würbe aut der Kolonie angebaut. Die herrlichsten Früchte gediehen. ganze Orangen» und Pomme- ranzenhaine wuchsen wild im ungeordneten Walbe. unb mit dem Fortschreiten der Pflanzungen wuchsen die Hoffnungen auf Reichtum unb Erfolg. Aber bet Tabak stank, trotzdem die Pflanzen au- Euba Importiert waren, auch verstand niemand die Blätter richtig zu behandeln. Der Kaffee war ungenießbar, die Maiskörner würben vom MaiSläfer angegriffen unb daS Zuckerrohr zu Arrak gebraucht, den man meistens selbst tränt Das Vieh vermehrte sich zwar jede- 3ahr, unb eS kostete nichts, soviel Rinder ober Pserde zu halten, alS man nur wollte. Aber Reichtümer waren auch damit kaum zu erwerben, da der Wert einer Kuh nur nach dem Preise der rohen Haut bestimmt wurde. Ein Ochse galt für eine Mahlzeit .die besten Stücke wurden herausgeschnitten, gebraten und sofort verzehrt, der Rest muhte fortgetoorfen werden, da sich das Fleisch im heihen Klima nicht einmal eine Rächt hielt.
3m Walde wächst ring« herum da- kostbarste Holz, ber Hrunbay ober der Sisenbaum. ber Quebrachobaum, au« dem der beste Gerbstoff gewonnen wirb und ber, erst einmal in bie Quebrachomühlen geschafft, groben Wert besitzt, ferner ber Palo be rosa, ber QJoira-ro, der Dbira-pyra unb andere mehr, aber alle diese Reichtümer haben für den Kolonisten keinen Wert, well fte sich nicht forlschasfen lassen, unb Transportmittel gibt es nicht — Rach einem 3ahre schwinden dann bie 3llusionen, die notwendigen Erfahrungen sind gewonnen, und nun erst können bie wirllich Tüchtigen mit offenen Augen ber Zukunft entgegenblicken und um Erfolge ringen. Der grobe Erfolg für bie Kolonie war bie Verpflanzung bes Verbabaumes in das Kolonialgebiet. Er gehört zur Familie der Stechpalmen und kommt nur im östlichen Paraguay unb in den südlichen Staaten Brasillens vor. Der Verbatee, der aus den Blättern dieses vier bü8 fünf Meter hohen Baumes gewonnen wird, bedeutet für den Südamerikaner dasselbe, was den Chinesen und 3apanern ber Tee ist. Er ist der Reichtum Paraguays, unb wenn seine Bearbeitung auch viel Mühe erheischt, so ist seine Gewinnung boch lohnend, ba er in Säcke
glaubend ober Moralisierens verstehen wollen, sondern alS Formung, Dannung Übersinnlicher Kräfte.
So zeigt sich bie ostasiatische Kunst an allen Enden gebunden durch Gebrauchszwecke, durch religiöse Forderungen, durch LebenSlltten. Unb dennoch ist sie freier denn bie abendlänbische Part pour l'art-Kunst. Der Künstler ist hoch- geach et. So sind Töpsernamen auS bem 13. 3ahr- hundert überliefert, ja, man hat einem solchen „Handwerker" einen Tempel errichtet. Die Plastiker gehören zumeist dem Mönchs» ober Priesterstand an, ihr Rame jedoch verschwindet hinter bem heiligen Merk. Dor allem stehen bie Maler in hohen Ehren. 3hre Kunst entwickelte sich parallel mit ber Schreibkunst, so bah ihre Träger ursprünglich Gelehrte finb. 3n ben Malerlisten finben sich selbst Kaisernamen. Als spater bie Malerei Berus wird, überträgt sich die Hochachtung auf bie Hanbwerker. Dor allem aber steht ber asiatische Künstler gesichert im Leben, eben weil er lebensnotwenbige Dinge schafft, so einen viel breiteren Abnehmerkreis hat und von Launen und Konjunktur unabhängig ist.
Aber auch für bie Werke selber ist bie Dinbung an Zwecke nur von Rutzen gewesen. Unbeschränkte Freiheit führt, wie bie europäische Malerei sattsam zeigt, auf Abwege. Gerabe am Wiberstand erstarkt bie echte Kra't, und die ostasiatische Tuschmalerei ist auf diesem Wege zu einer Surdjfcelung der Formen gelangt, wie sie abendländische nie erreicht hat.
Schliehlich ist solche Kunst auch auf daS Leben von tiefstem Sinlluh. Diese Kunst, die so unmittelbar in daS Leben jedes Menschen eingreift, indem sie ihm sein Gerät m vollendeter Form gibt, adelt den Menschen. Die Sorgfalt in der Behandlung des einfachsten Werkzeuges beim Asiaten verrät die Freude an seiner Schönheit. Und eben dies Sich-freuen-können macht sein Leben lebenSwert, indem es ihn aus der dumpfen Sphäre der blvhen Arbeit heraus- hebt in die freie Welt deS Spieles. Spiel ist die ostasiatische Kunst, und da Spiel lebensnotwendig ist wie Arbeit, so ist jene Kunst lebensnah. Die europäische dagegen in ihrer Hngebundenheit oft Spielerei und lebensfern.
Ob es zur Heilung der Klüfte abendländischen Lebens führt, wenn wir den Weg der Ostasiaten zu gehen versuchen, keine Kunst mehr schaffen wollen, sondern gutes Gerät?--
verpackt, leicht transportiert werden kann unb stet« Matz findet.
Auch in Rueva Germania gewohnt sich jeder Einwanderer schnell da« Maletrinken an und kommt halb ohne seine Bombilla nicht mehr auS. Die Arbeit in den Rodungen ist hart und der bittere aromatische Tee erfrischt und hilft die schwüle Hitze ertragen. — Ganze Scharen von eingeborenen Paraguayern pflegen am Tage die Kolonie zu besuchen und auf dem Stadtplatz vor der Denta zu lagern. Da die wenigsten unter ihnen eine andere Sprache alS das indianische Guarani können, so ist eine Unterhaltung nicht leicht. Alle sind beritten, die Männer tragen meistens an den blofjen gäben lange Sporen an geschnallt und einen leichten Poncho über die Schultern geworfen. Die Kolonisten vertragen sich gut mit ihnen, siet haben von ihnen die Gewohnheit angenommen, auch die kürzeste Strecke zu reiten und nach ihrer Art den Tag einzuteilen. aber eine engere Vermischung findet nicht statt. Auch kümmern sich die Einwanderer wenig um die örtlichen Revolutionen, die mit viel Lärm rznd möglichst toemg Blutvergiehen verlausen. zumal da sie meistens aus persönlichen Rivalitäten und fast nie auS sozialen Gründen entstehen
Herrlich sind bie Abende, wenn sich die Sonne alS immer gröber werdenber Feuer ball schneller und schneller am westlichen Horizonte senkt. Dann tauchen Rudel von Deinen Affen in den mächtigen Lapachobäumen auf, um die hohen Palmen kreisen Hunderte von Papageien, um bie Blüten flattern Kolibris unb bunte Falter, unb all das Getier des Urwaldes erwacht. Die Dunkelheit kommt plötzlich, tote ein schwarzer Schleier, über bie Landschaft, am Himmel leuchten in silbernen Flammen bie fremden Sterne auf. Die Heberftebter, die hierher kamen, um daS Abenteuer und nicht um die Arbeit zu suchen, lauern dann an einer Furt im Dickicht auf ein scheue- Tapir, das zur Tränke kommen mag. oder sitzen in ihren mit Palmblättern gedeckten Hütten, plaudern ober vertreiben sich die Zeit mit Skat oder Poker. Manche verlockt die schwüle, duftende Rach! auch zum Flirten. Viele sehnen sich dann auS dem Urwald zurück nach bem Lärm unb nach dem LuruS der Grohstadt unb nach ben tausenden Bequemlichkeiten der gewohnten Zivilisation, beren Mert man erst recht, wenn sie fehlt, zu schätzen lernt.
Rumäniens Rückzug.
Der künstlich geschürten Aufregung Rumänien- wegen der Weigerung Deutschlands, die von der Bukarester Regierung geforderte Summe zur Ablösung des Okkupationsgeldes zu zahlen, ist eine auffallende Ruhe gefolgt, die nur hin und wieder noch durch vereinzelte deutschfeindliche Demonstrationen in den ©traben der rumänischen Hauptstadt unterbrochen wird. Der Zweck dieser Kundgebungen dürfte einzig und allein der sein, den Rückzug der rumänischen Regierung zu verschleiern und ihr vor dem rumänischen Volke den Hebergang zu einer friedlichen Verständigung mit der deutschen Regierung zu erleichtern. 3n bet Tat schlägt bie Regierung-- presse bereits viel versöhnlichere Tone an, auch die führenden Wirtschaftskreife Rumäniens treten mit ihren Ansichten, die dahin gehen, dah ein Wirtschaftskrieg gegen Deutschland eine unverzeihliche Torheit gewesen wäre, immer mehr in den Vordergrund. Man stellt sogar an amtlicher Bukarester Stelle jetzt die Dinge so dar, als hätte die Drohung mit bem Wirtschaftskrieg nur bezweckt, Deutschland qn ben Verhandlnngstisch au bringen. Ratürlich ist das eine faule Ausrede, Die Reichsregierung hat von jeher betont, bab eine Einigung nur am grünen Tisch erzielt werden könne. Die Dinge liegen wohl eher so, bab Dratianu bei seinen kürzlichen Verhandlungen in Paris daraus hingewiesen wurde, Rumänien hätte den deutschen Vorschlag, den Streit an die Reparationskommission zu verweisen, anzunehmen und sich im übrigen ruhig zu verhallen.
Trefflich ausgewählle Lichtbilder erläuterten ben Vortrag. Herr Prof. Rauch sprach in seinem Schlubwort sicher in aller Anwesenden Hamen, wenn er dem Redner herzlichen Dank zollte. R.
(Biefoener Stadttheater.
„Pension Tchöller".
Onkel Klapproth will ein 3rrenhauS sehen. Hnd der Maler Kibling, seine- Reifen Alfred Freund, braucht Geld. Beiden mab geholfen werden. Also fühlt ihn Alfred zum ehemaligen Musikdirektor Scholler, in dessen Privatpension allerlei komische Leute wohnen:
Der Löwenjäger Fritz Bernhardt), der junge Panther verschenkt, die wibbegierige Schriftstellerin Josephine Krüger mit bem nimrnerruhenden Bleistift bie an schwiegermütterlicher Sehnsucht überfliehenbe Amalie Pfeiffer, ber sehr leicht erregbare Major a. D. Grober, und der sehr jugendliche Held und künftige Schauspieler Eugen Rümpel, dem der Buchstabe „l zu sprechen, so schwer fällt.
Hier hinein gerät der Onkel Klapproth, tausend Verwickelungen ergeben sich daraus, alles trifft sich in seiner Wohnung wieder, wird einzeln von ihm eingesperrt unb nach der glücklichen Entwirrung deS Knotens befreit — bei der Gelegen hell übrigens finden sich noch gleich zwei Liebespaare .....
Rudolf Doll, ber als Philipp Klapproth gleichzeitig bie Spielleitung führte, war ganz m feinem Element. Stürmischen B i'aß auf offener Szene erntete 3uhu6 Basis als Rümpel in feiner 3mprovifation als „Tarzan, der A fe". 3n Spanne an ber Saane" (ich bin daher) wirb er bei feinem Prvbegastfpiel Furore machen. Flott und lebendig waren auch R 0 r f 0 l k als Dernhardy und Baum als Kipling. Die Da- man Andre (entzückend als 3da) und Rohr (nicht minder nett als Franziska) waren liebreizende Tochter.
Ein schlimmer Trottel war die-mal HanS K u r z h 0 f f, dessen Alfred eigentlich die Fäden in ber Hand hat. Schlimmer noch, ganz schlimm HanS Kautz (Gröber). Grober Gott, die Hände!
Luise 3 ü n g I i n g 8 3oiephine Krüger soll alSCourths m Ihärifche CH rafterfiubie mcht unvergessen bleiben, auch Vater Scholler (Karl D 0 l ck) verdient seinen Lorbeer.
Es gab viel und oft unb herzlichen Beifall, e—s,
Tagung des Hessischen Sängerbundes in Gieszen.
Der im Oktober v. 3«. in Darmstadt gegründete Hessische Sängerbund hielt am Sonntag für bie ober hessischen Mannergesangvereine im Saalbau Dauer in G i e s) e n eine auherorbentlich gut besuchte Tagung ab.
Dor Eintritt in die Verhandlungen erfreute der hiesige Gesangverein .Heiterkeit" durch Vortrag deS Chores: .Das Kirchlein" von Becker. Lehrer Gengnagel, Burg-Gemünden be- grüfjte sodann bie Erschienenen, in-bes. Direktor Hassinger vom LandeSamt für ba« Bil- bungtoefen, Professor Trautmann- Dieben. Rektor S t 0 r ch - Butzbach, Musillehrer Del- l er »Glesien, Musikbirektor M ü 11 e r- Friedberg sowie die Mitglieder des Bundesvorstandes. Er wies aus bie Bedeutung ber Pflege des Gesanges für die innere Gesundung unsere- Volles hin und gab der Hoffnung AuSdruck, hast die Verhandlungen zur weiteren Forderung ber Ideale deS hessischen Sängerbundes beitragen mochten. Hierauf brachte Konzertfänger Schäfer-Darmstadt (Begleitung Fräulein KlauS- Darmstadt) zwei Lieber: .Weihe des Gesanges" unb .Last 0 Well" zu Gehör.
Rach Eintritt in die Tagesordnung erstattete ber Vorsitzende deS Bundes. Oberregierung« at Dr. Siegert- Darmstadt, der auch bie weiteren Verhandlungen führte, zunächst Deicht über die Ausgaben unb bie Tätigkeit des Hessischen Sängerbundes, der sich die Hebung des deutschen Männergesanges, sowie die Pflege des Heimatsinnes und des Zusammengehörigkeitsgefühls der hessischen Sänger zum Ziel gesetzt hat. Die Tätigkeit des Bundes soll sich vor allem erstrecken auf bie Abhaltung von Kursen zur Ausbildung von Dirigenten. Veranstaltung von Sängertagen und Massenchorübungen. Beratung der Dirigenten, Verleihung von Rvtenmaterial zur Verbilligung der An- schasfungSkosten. Herbeiführung steuerlicher Erleichterungen für Vereinskonzerte, Auszeichnung alter, verdienter Dundesvereine, Ehrung langjähriger. eifriger Sänger usw. Auherdem hat der Bund besondere Bedeutung alS Vertretung gegenüber der Regierung. Rach den Ausführungen des Referenten ist eS bem Bund gelungen, bezüglich ber Vergnügungssteuer für Konzerte wesentliche Vergünstigungen xu erzielen. Da« in Kürze erscheinende DundeSorgan soll neben ber Pflege deS Gesänge« und des Heimatsinne- als Sprachrohr an die einzelnen Vereine dienen. Reicher Beifall lohnte die ost mit Humor gewürzten Ausführungen des Dun- desvorsihenden.
Hierauf berichtete Direktor Hassinger' Darmstadt über die Tätigkeit des Fachausschusses für DesangvereinSwesen am Ganbedamt für daS DilbungSwefen. Gr wie« zunächst barauf hin, welche hohe Bedeutung die Gesangvereine alS Pslegestätten deS GemeinschaftSgedanken« bei dem Wiederaufbau unseres Vaterlandes haben und welche wunderbaren Kräfte aus dem deutschen Lied für bie Aufgaben deS Alltagslebens entfprinaen. Die hessische Regierung habe grvheS Verständnis und besonderes 3nteresse für bie Pflege deS beutschen Liedes und die Förderung des MännergesangeS. DaS sei bewiesen durch die Schaffung eines Fachausschusses für das Gesangverein-wesen. dessen Tätigkeit erzieherische Aufgaben an unserem Volke dar st eile. Er schilderte sodann da- Wirken diese« Fachausschusses, seit dessen Bestehen eine wesentliche Verbesserung der Darbietungen ber Vereine festzustellen sei. Weiter schilderte er bie Möglichkeit der Befreiung von der Vergnügungssteuer bei Darbietungen, die erziehenden und bildenden Charakter haben. Diese Vergünstigung könne allerdings nur für Dundesvereine, nicht für sogenannte toilbe Vereine in Frage kommen, da die Regierung nur mit Verbänden verhandeln könne. Hm ben Besuchern von Konzerten die Möglichkell zu bieten, den Darbietungen voll und ganz zu folgen, hält der Redner die Schaffung eines Rauch- und Trinkverbotes für derartige Veranstaltungen für unerlä blich. Der
(Erna Schumann.
Tanzabend im Ttadkkhcater.
Hm zwei Führer schart sich heute alle-, was tanzt:
3m Lager deS schauspielerischen Tanze« ragt ValeSka Gert, in dem gegnerischen de« formalen Tanze- steht Mary Wigmann als Pol.
Rudolf von Laban als sehr starker @igentoeg:ger soll hier nicht mit gewertet werden.
Dem schauspielerischen Tänzer ist Musik und Rhythmus Anlasi und Grundlage seines Tan^e«. Auf Musik und Rhythmus baut er auf: Mll Hilfe von Kostüm und Geste entsteht ein GenreviD? Skizze eines Rausches der Freud? oder Trunkenheit, pointiert betitelt, nach dem Leben hinweisend, an RatürNcheS an klingend. Er zeichnet nach, stellt bar: Kanaille, Dilleteuse, Dieb.
Dem formalen Tänzer — und ich Halle nur diesen für den einzig möglichen, weil er dem Grundelement des Tanzes, Rhythmus und Bewegung. am nächsten kommt — ist Musik und Rhythmus Element seines Tanz"s, primärer Bestandteil seiner schöpferischen Ge’ftunq Seelische Spannungen, die im Körverllchen AuSdruck fanden. lösen sich im Spiel der Muskeln: ein ganzes D^wegungs'hsiem: Ruhe. Sammlung. Ausbruch Rückkehr. Erschlaffung bietet seine D elgestaltig- feit bat. Gerade, Parallele, Dreieck. Kreis das sind die Gedichte und Dramen, die der Körper erlebt. 3n ihnen spiegelt sich Ruhe. Kraft. Hast, Krampf. Karrtpf. Freude. Heiterkeit, trauer, Resignation. Stille. So wird der Körper zum Schlüssel bet Sprache des Raumes.
Erna Schumann bleibt die Antwort auf bie Frage nach ihrem künstlerischen Glaubensbekenntnis schuldig. Ohne lystemwütig zu sein: Wo ruht der Pol. um den sich die g 3f amte Fracht ihrer getanzten Kunst Lagert?
Denn unvereinbar bleibt, was sieschuf, in dem an Konzentration starken, an Bewegung ärmsten mutig geschaffenen „Wintermorgen" (nach Tlchai- kvwsky), in dem an Banalität grenzenden .Wiegenlied" (nach Grieg) unb in dem spielerisch leichten „Polnischen Tanz" (Scharwenka).
Erst wenn sie selbst die Entscheidung getroffen hat, welchen Weg sie gehen toxu, erst dann wird ein ernst-eindeutiges Wort über Erna Schumann zu sprechen fein. e—s.


