Der Redner wendet sich hierauf den Angriffen auf die
Vegablenklasfen und die Schulen mit erweiterten Lehrzielen
zu und verteidigt diese Einrichtungen. Der Abg. Dr. Keller habe vor der merkwürdigen Ruhe von der Reformierung des Gymnasiums gewarnt. Der Redner erklärt hierzu: Die Arbeiten haben eine Zeitlang geruht: die Lehrpläne sind gegenwärtig in Arbeit. Besonders geeignete Fachmänner sind mit der Arbeit betraut; zwei Entwürfe liegen bereits vor. Die Reformpläne werden bis zum Beginn des nächsten Schuljahres oorliegen. Den Ausdruck „alter fauler Käse", so bemerkt Ministerialdirektor Urstadt, habe er nicht in dieser Form gebraucht, auch nicht in Beziehung auf die Seminarbildung, sondern in anderer Fassung von den Anträgen des Abg. Dr. Leuchtgens. In seinen weiteren Darlegungen verteidigt er die Pläne für die neue Lehrerbildung auf akademischer Grundlage.
Es folgt eine Pause, worauf Abg. Kaul tSoz.) erklärt, nach der Auffassung seiner Partei sei die Schule Sache des Balkes. Er wendet sich dann gegen das kommunistische Schulideal des Abg. Dr. Greiner. Die Sozialdeinokraten wären entschiedene Schulreformer; die Unruhe im Schulwesen wäre gut, denn sie bringe Neues. Die Arbeitsschule sei eine Vorstufe der zu erstrebenden Produktionsschule. Im Anschluß an diese Bemerkungen werden verschiedene Schul- und Erziehungssragen von dem Redner besprochen.
Abg. Glaser (Bbd.) weist darauf bin, daß Handwerker, Landwirte und andere Berufe bei den Kosten der neuen Lehrerbildung ihre Söhne nicht mehr diesem Berufe zuführen könnten. Die musikalische Ausbildung der Lehrer werde Not leiden, die Lehrer würden die ländlichen Gesangvereine nicht mehr leiten können, schon jetzt würde der schöne, alte Brauch, an dem die Landbevölkerung hänge, daß die Schüler bei Beerdigungen singen, bereits abgelehnt. Die Kosten der neuen Lehrerbildung würde das Land auf die Dauer gar nicht tragen können. Der Bauernbund sei nicht für Beseitigung der Fortbildungsschulen, sondern er verlange nur die Verlegung des Unterrichts in den Winter. Im Landesbildungsamt würden nur linksgerichtete Schulräte angeftellt, seine Partei sei selbstverständlich mit dieser Einseitigkeit nicht einverstan- standen. Koalition und Regierung sollten die Mahnungen des Reichsbankpräsidenten, die Ausgabeseite im Staatshaushalt sorgfältig zu prüfen, mehr beachten.
Abg. Fr!. Birnbaum (D. B. P.)
führt aus:
Ich begrüße es, daß Abg. Reiber die Frage der Lehrerinnenseminare berührt hat, es ist ja nur noch eins vorhanden, das auch abgebaut werden soll. Ueber die künftige Ausbildung der Lehrerinnen muß Klarheit herrschen, sonst wird große Beunruhigung in diesen Stand getragen wegen der Anstellungsmöglichkeit, und die Berufsfreudigkeit leidet. Die Schule ist nicht nur eine Sache des Volkes, sondern die Eltern haben auch ein wichtiges Wort mitzureden.
In Darmstadt fand am Montag eine Versammlung statt, in der zu der Frage des
Ueberganges von der Grundschule zur höheren Schule
Stellung genommen wurde. Die Deutsche Volksportei hält an der Grundschule fest, aber der Uebergang zur höheren Schule muß allen B e - gabten nach drei Jahren möglich sein. Ministerialdirektor U r st a d t hat in einer zweiten Verfügung seine erste abgeschwächt oder geradezu zuruckgenommen. Die Eltern haben auf.Grund der ersten Verfügung ihre Kinder den höheren Schulen zugeführt und wenn sie jetzt zurückgenommen wird, so ist dies wahrscheinlich nicht rechtskräftig. Man spricht soviel davon, daß die Einheitsschule den nationalen Gedanken in allen Schichten des Volkes tragen soll; ich glaube nicht, daß gerade
Schüler Träger dieser Gedanken sind.
und sie werden auch nicht die soziale Versöhnung herbeiführen. Wir haben einen Antrag eingebracht, daß die Verfügung des Landesbildungsamts vom Juni abgeändert wird. Wenn ein Kind die Note „Im ganzen Gut" hat, soll es in der höheren Schule bleiben. Die Schule soll nicht nur einen Wissens st off Übermitteln, sondern auch zum Leben erziehen; darum ist es ein selbstverständliches Recht der Eltern, ihre Kinder auch in die höhere Schule zu schicken. Entgegengesetzt den sozialdemokratischen Behauptungen sind nur wenige Kinder von Eltern mit großem Geldbeutel auf den höheren Schulen. Die meisten Kinder stammen aus dem Mittelstand. Arbeiterkinder waren auch im alten Staat in nicht geringer Zahl zu finden; wir haben es immer begrüßt, wenn solche Kinder kamen.
Wir haben schon immer verlangt, daß der E i n - fluß der Frau in der Mädchenschule stärker sein soll; es sind darin jetzt nur 25 Proz. der Lehrkräfte beschäftigt. Wir wollen damit keineswegs die gänzliche Ausschaltuna des Mannes. Besondere Aufmerksamkeit ist der Pflege des Deutschen im Unterricht zu widmen. Der Abg. Storck hat „republikanische Lehrer" verlangt, aber die Politik sollte doch fern von der Schule gehalten werden.
Selbstverständlich ist Achtung vor der Staatsform zu verlangen, aber die politische Gesinnung des Lehrers müßte bei der Berufung a u s- scheiden. Wir haben traurige Erfahrungen genug damit gemacht. Der Iungdeutsche Orden, der ver- boten ist, hat keine antirepublikanische Tendenzen. Wenn von sozialdemokratischer Seite Völkerversöhnung als Lehrgegenstand im Unterricht verlangt wird, so wehrt sich das gesunde deutsche Empsinden der Kinder dagegen; erst wollen wir lieber einmal von der Volk so er öhnung sprechen.
Wir sind gegen kon essionelle Hetze in der Schule und gegen Schmutz und Schund.
Die beiden Pole der Schule müssen sein: Deutschtum und sittliches Empfinden.
Wir sind Anhänger der S i m u l t a n s ch u l e, die getragen ist von religiösem G e i ft ; der ganze Unterricht und die Erziehung müssen davon getragen sein. In dem Kinde muß ein Gefühl und eine Verantwortung für eine höhere Macht leben. Wir wollen die Kinder aus dieser materiellen in eine sittlich höhere Welt hinaus stellen. Deutsche Kultur kann nur in Verbindung mit der Vergangenheit lebendig sein; wir wenden uns daher gegen die Bestrebungen, die Vergangenheit herunterzu- reißen. Dom Auslanddeutschtum hat man früher wenig gewußt, das muß anders werden. Wir müssen den Blick unserer Kinder auf Südtirol, auf Oberschlesien und auf die Westgrenze lenken. In jeder Schule oll eine Karte der uns entrissenen Gebiete hängen. Mit der Aufbauschule für die weibliche Jugend muß ein Internat verbunden werden; wir verlangen dies in einem Antrag, beson-
Der Kampf um die Aufwermng.
Der Proteststreik der Berliner Börse. — Um Das Auswertungsproblem.
Die Besucher der Berliner Fondsbörse wurden am Mittwochmittag von dem Beschluß des Dörsenvorstandrs überrascht, das g e s a m t e G e - chäft für einen Tag ausfallen zu lassen und nur Devisennotierungen vorzunehmen. Der Grund für diese Maßnahme bestand in dem Verlauf der jüngsten Derhandlungen des Aufwertungsausschusses des Reichstages, der bekanntlich wieder einmal eine Aenderung der bisherigen Gesehentwürse über die Anleiheablösung insofern vorgenommen hatte, als den Reubesitzern von Anleihen nur eine zweieinhalbprozentige Auswertung gewährt werden soll.
Cs handelt sich gegenwärtig um die zweite Lesung der Aufwertungsvorlage im Ausschuß, der sich noch eine dritte Lesung anschließt und der dann im Reichstagsplenum drei weitere Lesungen folgen werden. Die Oppositionspartelen kündigten für die Beratungen im Reichstag selbst bereits weitere Abänderungsanträge an, so daß die seit Jahren bestehende Llnsicherheit in der Aufwertungsfrage im Augenblick aus einen H o ch st p u n k t a n g e l a n g t ist.
Diese Hnsicherhcit war es vor allem, die den Berliner Börsenvorstand in Heber einftimmung mit dem Staatskomm'ssar und den führenden Ver- tretem der Bankwelt dazu veranlaßten, zunächst überhaupt die Rotiz sämtlicher unter die Auf- wertungsgZetzgebung fallender Wertpapiere völlig einzustellen und dann als energischen Protest gegen die fortwährende Schlechterstellung des Reubesihes die Gesamtbörse für einen Tag zu chließen. Der Frankfurter und Hamburger Platz schlossen sich diesem Vorgehen übrigens an und es steht zu hoffen, daß aus dieser explo- iven Aeußerung der Börsenmeinung der Reichstag gewisse Lehren ziehen wird. Es ist wahrhaftig -estzustellen, daß gerade die Aufwertungsgeseh- gebung kein leuchtendes Kapitel der deutschen Juristerei darsteUt. Man geht wohl auch nicht ehl in der Annahme, dalß in der Schließung ührender deutscher Effektenbörsen am Mittvwch eine Verwahrung ebenfalls dagegen zu erblicken ist. daß die Behandlung der Aufwertungsfragen anscheinend ausschließlich nur noch vom Standpunkt gewisser Parteiinteressen aus er- olgt und staats- und wirtschaftspolitische Ge- ichtspunkte mehr und mehr in den Hintergrund treten.
Das erste Bekanntwerden des angenommenen Antrages der Kompromißparteien, dem Reubesitz nur einer Auswertung von 2V2 Proz. zu gewähren, führte bereits im freien Geschäft von Bureau zu Bureau der Banken zu einem beträchtlichen Kurssturz der Kriegs-Anleihe, die noch am Vorlage mit etwa 0,385 geschlossen hatte und bis zum Beginn der dann geschlossenen Mittwochborse auf 0,316 gesenkt war. Gleich stark war der Llbschlaa bei 3Vsproz. Preußischen Konsuls, die sich von 0,500 auf 0,430 ermäßigten. Bei der gegenwärtigen inneren Verfassung der Börse wäre zweifellos zu erwarten gewesen, daß die Aktienmärkte von diesen Vorgängen erheblich beeinflußt würden und daß ohnehin schon auherodentlich tiefe Kurs
niveau eine neue plötzliche Senkung erfährt. Dem hat der Beschluß des Börsenvorstandes vorgegriffen, der allerdings verschiedentlich an der Börse dahin bemängelt wurde, daß vielleicht doch ein andere Weg des Protestes möglich gewesen wäre, als die Schließung des gesamten Effektenmarktes.
Der Börfenstreik.
Berlin, 8. Juli. (WTB.) Der Börsenvorstand teilt mit: Wegen des gestrigen Beschlusses des Aufwertungsausschasses, die Auf- wertung des sog/ Reubesitzes an Anleihen auf die Hälfte des in der Regierungsvorlage vorgesehenen Satzes herabzusehen, ist der Börsenvorstand heute zu einer Sitzung zusammengetreten. Der Börsenvorstand stimmte in der Auffassung überein, daß, nachdem bereits gegen die erste Warnung aller deutschen Dörsenvorstände die Differenzierung von Alt- und Reubesih bei« behalten worden ist, dieser neue Beschluß geeignet ist. das Vertrauen zu der Behandlung der deutschen Anleihen zu vernichten, und auch das Vertrauen zu den Erklärungen amtlicher Stellen schwer zu beeinträchtigen. Diese Auffassung wird unverzüglich den beteiligten Instanzen zur Kenntnis gebracht werden. Der Börsenvorstand hat ferner beschlossen, die heutige Versammlung der Wertpapierbörse ausfallen zu lassen, damit nicht unter dem ersten Eindruck des Beschlusses des Aufwertungsarisschusses übermäßige Rückwirkungen auch auf die übrigen Teile des Wertpapiermarktes eintreten. Endlich sah sich der Börsenvorstand zu dem Beschlüsse gezwungen, bis auf weiteres die Rotiz für die auf P apier- mark lautenden Anleihen des Reichs, der Länder und Gemeinden e i n z u st e l l en, da er nicht die Verantwortung dafür zu tragen vermag, daß Wertpapiere amtlich gehandelt werden, deren Dewertungsgrundlagen durch die für die Allgemeinheit nicht voraussehbaren Beschlüsse des Auswertungsausschusses von einem Tage zum andern völlig verschoben werden.
Eine Erklärung des Frank- surler Bör?envorstandes.
Frankfurt a. M.» 9. Juli. (IU.) Der Bör- fenvorffanb erließ gestern folgende Bekanntmachung: Die heutige Mittags- und Abendbörse findet im Einvernehmen mit Berlin nicht statt. Diese Maßnahme wurde hervorgerufen burd) bie kürzlichen Anträge im Aufwerkungsausfchuh besReichs- tages.
Borsenschlutz aud) in Dresden und Köln.
Berlin, 9. Juli. (Gig. Meld.) In Ueberein- ftimmung mit den Maßnahmen der Berliner Börse blieben auch die Dresdner Börse und die Kölner Wertpapierbörse aus. In Köln wurden Devisen und Noten notiert, auch die Lederbörse fand statt.
ders im Hinblick auf Oberhesfen und Rheinhessen. Zur Ertüchtigung der männlichen und der weiblichen Jugend fordern wir eine vollgültige Ausbildung von Turnlehrern und Turnlehrerinnen. Bei aller Erziehungsarbeit muß die Seele des Kindes und die Heranbildung unseres Volkes zu einem kraftvollen Staatswesen stehen. (Lebh. Beifall.)
Frau Hattemer (Ztr.) verlangt Berücksichtl- gung der besonderen Belange der Mädchenerziehung in der Schule; das Zentrum sei immer gegen die Koedukation gewesen. Beim Landesamt für das Bildungswesen muffe auch eine Frau zur Mitarbeit herangezogen werden. Der Uebertritt von der Grundschule zur höheren Schule nach einem Zeitraum von drei Jahren müsse gewahrt bleiben. Bedauerlicherweise sei eine Verfügung des Landesbildungsamtes, daß die Note in Religion nicht mehr bei der Zensur bewertet wird.
Abg. Dr. Greiner (Komm.) setzt sich vor fast leerem Hause mit verschiedenen Vorrednern auseinander.
Nach 2 Uhr schließt der Präsident die Verhandlungen.
Der Zollkrieg mit Polen.
Die polnische Antwort auf die deutschen Vorschläge.
Berlin, 8. Juli. (WTB.) Die polnische Delegation überreichte gestern ihre Antwort auf die letzten deutschen Vorschläge zum vorläufigen deutsch-polnischen Wirtschaftsabkommen. Obwohl die deutsche Delegation durch die Erhöhung des Kohlenkontingents von 60 000 auf 100 000 Tonnen, durch Garantierung des Status guo hinsichtlich der Fleischeinfuhr, durch den Vorschlag eines Pactum de contrahendo für die Vieheinfuhr und durch die Zurückziehung der deutschen Forderungen in der Liquidationsfrage den polnischen Wünschen weit entgegengekommen ist, macht die polnische Delegation in ihrer Antwort nicht einmal den Versuch, durch Gegenvorschläge sich dem deutschen Angebot zu nähern. Sie wiederholt nur ihre schon früher abgegebenen Erklärungen, daß Polen die zolltarifliche Meistbegünstigung und das Einreiserecht für Handlungsreisende nur zugestehen kann gegen ein Kohlenkontingent von 350 000 Tonnen im Monat und gegen die Sicherstellung der Einfuhr nicht nur von Fleisch, sondern auch von lebenden Rindern und Schweinen.
Die Forderung eines Kontingents von 350 000 Tonnen, die dem bisherigen durch den Versailler Vertrag Deutschland aufgezwungenen Kontingent nahekommt, verkennt völlig die durch die Weltkvhlenkrise auch für die deutsche Kohlenproduktion entstandenen Schwierigkeiten. „ Diese Forderung ist deshalb für Deutschland völlig unannehmbar; ebenso wenig trägt die polnische Forderung auf die Einfuhr von lebenden Rindern unb Schweinen dem deutschen Standpunkt Rechnung, daß die Einfuhr von Rindern überhaupt nicht in Frage kommt und daß auch die Einfuhr von Schweinen in dem jetzt abzu- schließenden Provisorium nicht geregelt werben kann, da mit Rücksicht auf den deutschen Viehbestand dazu eingehende Verhandlungen und Vorbereitungen notwendig sind. Hat doch Deutschland außer mit Oesterreich mit keinem
feiner Rachbarländer Veterinär abkommen geschlossen.
Polen erklärt weiter, daß es von diesen Forderungen nur dann absehen könne, wenn Deutsch- l an d bereit wäre, auf die zolltarifliche Meistbegünstigung zu verzichten und Icbighd) ein Abkommen zu schließen, dessen Inhalt nach Ansicht der polnischen Delegation sich darauf zu beschränken hätte, daß der Wert der ausgetauschten Waren sich auf beiden Seiten entspricht. Die polnische Delegation kommt somit auf die bereits früher von ihr oft dargelegten Gedanken zurück, ihr als ausgesprochene Kampfmaßnahme ausschl. gegen Deuijchlcmd gerichtetes und jeden Handelsverkehr unterbindendes Einfuhrverbot dem feit einem Jahrzehnt gegnüber allen Ländern bestehenden deutschen Kohleneinfuhrverbot gleichzustellen.
Ein Abkomme: auf dieser Grundlage, das die von Polen beliebte Taktik, während der schwebenden Derhandlungen neue Einfuhrverbote zu erlassen, sanktionieren würde, ist für Deutschland unannehmbar und auch nicht geeignet, die durch die polnischen Einfuhrverbote heroorgerufene Störung im Wirtschaftsverkehr zu beseitigen. Diese Antwort der polnischen Delegation bietet daher keine Aussicht, zu einer Einigung zu gelangen.
Die Zollvorlage.
Berlin, 8. Juli. (WTB.) In einer Besprechung des Reichskanzlers mit Vertretern der Regierungsparteien kam, wie aus parlamentarischen Kreisen verlautet, allgemein der Wunsch zum Ausdruck, daß eine Einigung über die Zolloorlage zwischen den Regierungsparteien möglichst bald erreicht werden möge, damit die Zollvorlage noch vor den Sommerferien zur Verabschiedung kommen kann. Wenn eine solche Einigung erreicht wird, werden die Verhandlungen des Reichstages erst Ende Juli ihr Ende finden.
Deutscher Reichstag.
(Berlin, 8. Juli. Vor Eintritt in bie Tages- ordnung gibt Abg. Dr. D e st (Völk.) eine Erklärung ab, in der er sich dagegen wendet, daß seit den Zwischenfällen im Aufwertungsausschuh in der Öffentlichkeit Z>ie Meinung verbreitet werde, daß er Millionengläubiger an Hypotheken in Hessen sei. Richtig fei, daß er vier Hypotheken im Gesamtbeträge von rund 97 000 Mark besitze. Was darüber hinaus verbreitet werde, müsse er als Verleumdung bezeichnen und als frei erfunden. (Hörti Hort! links.) Es verfolge den Zweck, ihn in seinem Kampfe um das Recht zu behindern. Hm diese Verleumdungen an den Pranger zu stellen, habe er beim Reichstag um die Genehmigung der Strafverfolgung der Abgg. Dr. Oberfohren (Dn.) und Radern a cher (Dn.) beantragt und gegen vier Zeitungen, die Beleidigungsklage erhoben. Er habe weiter mit den Völkischen die Einsetzung eines Hntersuchungs- ausschusses zur Klärung der von ihm erhobenen Vorwürfe gegen deutschnationale Abgeordnete beantragen wollen, aber von den Deutschnationalen die erbetene Hnterstützung zu diesem Anträge nicht erhalten. (Lebhaftes Hört! Hort! links.) .
Reichsminister für die besetzten Gebiete Dr. Stenden betont, die Bevölkerung der besetzten Gebiete sei beispielgebend für opferbereite Vaterlandsliebe und ihr besonderes Ministerium solle ihr erhalten bleiben, solange die Verhältnisse es
.^ordern und es den Wünschen der Bevölkerung ber besetzten Gebiete entspreche. (Beifall.) Namentlich lägen die Aufgaben des Ministeriums auch darin, daß es den anderenReichsstellen die Wege aufzeichne, die den Wünschen der Beoölke» rung der besetzten Gebiete entsprächen. Dann würden die Fürsorge für die bedrückte Bevölkerung, ihre Entschädigung und sonstigen Wünsche und Beschwerden durch das Ministerium geregelt. Weitere Auf- gaben des Ministeriums lägen auf kulturellem Gebiet und dem des Unterrichts. Es sei zwar leider noch nicht gelungen, die Wiederherstellung durchzuführen. Dieser Wunsch würde aber weiterhin nachdrücklich verfolgt. Eine besonders wichtige Aufgabe des Ministeriums fei auch die der Ermöglichung der Rückkehr der aus dem besetzten Gebiet Ausgewiesenen. Was die Wohnungsfrage für diese Ausgewiesenen anlange. so würden sie deswegen bereits jetzt zurückkehren können.
Aufschub des Urieiwollzugs in Moskau.
Moskau, 8. Juli. (Wolff.) Rach einer Meldung der Russischen Telegraphenagentur ging dem Zentralexekutivkomitce ein Gnadenge- s u ch der Eltern Kindermanns uni> W 0 lschts sowie des Verteidigers Dittmars zu. Kalinin hat gestern verfügt, daß die Vollstreckung des Hrteils vorläufig ausgesetzt werde, bis der Entscheid des Präsidiums der Zentralexekutive über die persönlichen Gnadengesuche Kindermanns und Wolfchts vorliege.
Der englisch-russische Konflikt.
London, 8. Juli. (Wolff.) „Daily Mail" berichtet an hervorragender Stelle über eine neue englisch-russis che Krise und die Gefahr eines Bruches mit Rußland. Dem Blatt zufolge werde Rakowski heute aus Moskau hier erwartet. Cs sei möglich, daß er morgen eine Konferenz mit Chamberlain im Fvr- eign Office haben werde. In diplomatischen Kreisen werde die Tatsache nicht länger verheimlicht, daß die Frage praktischer Aktionen gegenüber Rußland von der Regierung erwogen werde, und daß eine Entscheidung vielleicht bald erfolgen werde. Es herrscht augenblicklich keine Hebereinstimmung in dieser Frage.
AUS Stadt und Land.
Gießen, den 9. Juli 1925.
Ehrendoktor
unserer Landesuniverfität.
L. H. Die Theologische Fakultät unserer Landes-Hniversität hat den Pfarrer Friedrich Walter, ersten Pfarrer in Worms, „den gütigen Prediger des Evangeliums, den treuen Seelsorger seiner Gemeinde, der ihr auch als Lehrer ihrer Jugend mit ernster Liebe gedient und den Reichtum seiner Erfahrung und seines Wissens auf Synoden und Kirchentagen auch im Dienst der gesamten evangelischen Kirche des Landes Hessen bewährt hat, aus Anlaß der Feier des zweihundertjährigen Bestehens der evangelischen Dreifaltigkeitskirche in Worms" ehrenhalber zum Doktor der Theologie promoviert.
*
•• Das städtische Gaswerk weist üt einer heutigen Bekanntmachung darauf hin. daß Gassparer anbietende Hausierer weder im Einverständnis, noch im Auftrage des Gaswerks handeln. Man beachte die Bekanntmachung.
** Wichtig für Automobilbefitzer! — Eine bedeutsame Gerichtsentscheidung. Die Strafkammer in Lüneburg hatte sich mit einer für den Autosport wichtigen Entscheidung zu befassen. Ein Autobesitzer aus Schwerin hatte sich in der Nähe von Danneberg im Hannoverschen verfahren und war im Begriff zu wenden, als ein Zollsekretär aus Dannenberg an das Auto herantrat (in Zivil), um die Steuerkarte zu prüfen. Eine Legitimation des Zollsekretärs trug aber nur den Stempel und die Unterschrift des Hauptzollamts Lüneburg. Der Autobesitzer weigerte sich darauf, die Kontrolle vollständig vornehmen zu lassen und gab seinem Führer den Auftrag, weiterzufahren. Dom Schöffengericht Lüneburg wurde er deshalb zu 60 Mark Geldstrafe verurteilt, wogegen er sofort Berufung einlegte. Die Strafkammer hob das Urteil auf und sprach den Besitzer frei mit der Begründung, daß die Ausweiskarte des Zollsekretärs nicht genügend sei und Autos, die in der Fahrt begriffen seien, nicht zum Zwecke der Prüfung der Steuerkarte angehalten werden dürften.
** Die Gaslehrvorträge, die das Städtische Gaswerk in dieser Woche im Saalbau Sauer iOswaldsgarten) veranstaltet, erfreuen sich allgemeiner Beliebtheit. Die Zuhörerschaft wird durch die Vorträge stark gefesselt, weil sie viel Reues und Verburffendes bringen, so daß jeder befriedigt nach Hause geht. Es iff ja eine bekannte Tatsache, daß die meisten Hausfrauen die Wärme im Gas nicht richtig auszunuhen verstehen. Diese Gaslehrvorträge zeigen nun gerade in erster Linie, wie die Hausfrau die Wärme im Gas richtig ausnützen soll. Die Hausfrau, die infolge der schlechten wirtschaft- lichen Verhältnisse an und für sich schon gelungen ist, zu sparen, spart auf alle Fälle, wenn sie das Gas im Haushalt verwendet. Sie spart an geldlichen Ausgaben, weil sie zum Kochen nicht mehr die Menge Gas verbraucht, die sie früher gebrauchte, sie spart ferner an Zeit. Die weiteren Vorteile des Gases sind Sauberkeit, sofortige Betriebsbereitschaft und eine genaue Regulierfähigkeit ber Wärme. Diese Vorteile wird niemand, aiich die beste Köchin, auf einem Kohlenherd erreichen, denn bei dem Kohlenherd wird die Wärme der Kohle bei der Verbrennung höchstens um 10 Prozent ausgenuht, während beim Gas die Wärme um 80 Prozent nutzbar verwertet werden kann. Die überschüssige Wärme beim Kohlenherd geht in den Schornstein. Es ist daher klar ersichtlich, daß das Gas im Haushalt die größten Vorteile in sich bürgt. Es ist empfehlenswert, daß jede Hausfrau die Gaslehrvorträge besucht, denn der Gaskocher ist nicht nur ein Gerät für den Wohlhabenden, sondern gehört in erster Linie in die Küche des Arbeiters. Keine Hausfrau sollte sich genieren, die Vorträge zu besuchen; alle, ob arm oder reich, sind willkommen.
0 Schulausflüge als D i e nst g e s ch ä f t e. Wie wir hören, ist eine Aenderung der Reise- koftenverordnung vom 24. Mai 1922 geplant, daß in Zukunft auch Schulausflüge als Dienstgeschäfte zu betrachten sind. Ausflüge von nicht mehr als drei Stunden gelten als Dienstreisen nach nahegelegenen Orten; für solche Ausflüge sollen Tage-
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