Ausgabe 
9.3.1925
 
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Ur. 57 Erst« Blatt

175. Jahrgang

Montag, y. März 1925

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GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Gberhesien

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Angst aus Berechnung.

Dor dem Kriege pflegte man bei unS die Haltung deS Fürsten BiSmarck nach dem Krieg von 1866 und besonders nach dem Krieg von 1870/71 als ein Muster von Klugheit hinzustellen. Allerdings haben wir bis zum Ausbruch des Weltkrieges im Gegensatz zu manchem unserer Vorfahren auS den sechziger und siebziger Jah­ren In dem Ringen deS großen Staatsmannes gegen die gleichfalls sehr tüchtigen und erfolg­reichen Generale eine der wichtigsten Garan­tien für den politischen und wirtschaftlichen Aus­stieg Deutschlands erblicken müssen. Der Zu­sammenbruch, den wir im Jahre 1918 erlebt haben, wird von vielen in Parallele zu den Ergebnissen vor vierzig biS fünfzig Jahren tn erster Linie dem Umstande zugeschoben, daß sich in Deutschland kein Politiker fand, der den Militärs die Wage zu halten und sie in eine bestimmte polftische Richtung zu zwingen ver­stand.

Rach dem Weltkriege haben in Frankreich die MilltarS daS Heft in der Hand gehabt. Hin­ter Elemenreau, Millerand, Briand, Poincare und auch hinter Herriot steht der erfolgreiche Führer der framosifchen Truppen auS der zwei­ten Hälfte deS Weltkrieges, Marschalt Foch, und produziert laufend die Angst, die immer wieder für polftische Gewalttaten alS Motivie­rung herhalten muh. AuS der Rede Chamber­lains vor dem britischen Unterhaus wissen wir jetzt, dah der Bericht über die Verfehlungen Deutschlands In der Gntwaffnungssrage 162 Sei­ten umsaht und eine Fülle von Daga- teilen enthält, die zu veröffentlichen die En- tentestaatSmänner offenkundig nicht recht wagen.

Dem deutschen Volk geht es auhenpolitisch ähnlich, wie den ungebildeten Massen im dunklen Mittelalter: Cs kennt von dem Wesen der Dinge nichts und hat sich lediglich an gewisse Aeuße- rungen unbekannter Kräfte gewöhnt. Seit Ein­stellung der Feindseligkeiten hören wir immer nur den Donner, sehen auch wohl einmal den D l i h werden jedoch von den elektri­schen Spannungen, die beides zur Folge haben, nichts gewahr Auch jetzt haben wir wieder den einschlagenden Blitz der verweigerten Räumung des Kölner Abschnittes erlebt, wissen aber bis zum heutigen Tage noch nicht, aus welchem Gewölk und durch welche elektri­schen Spannungen der Blitz entstanden ist. Cham­berlain hat den von Marschall Foch instruierten französischen Politikern soweit Entgegenkommen gezeigt, dah er die Schwere gewisser gegen Deutschland erhobener Forderungen anerkannt hat. Er hat sich auf den Standpunkt gestellt, dah die Räumung irgendeines Abschnittes der besetzten Zone vor Ablauf der fünfzehn Jahre (also vor dem Jahre 1935) eine Vergünsti- nung sei, deren Deutschland nur teilhaftig wer­den könne, wenn es alle Verpflichtungen des Deriailler Vertrages gewissenhaft erfüllt habe. Don einer Berechtigung einer französischen Angst hat Chamberlain in seiner Untcrßaudrebe kein Wort gesagt. Er hat aufs neue die schon seit Monaten von der britischen Regierung ver­tretene Auftassung zum Ausdruck gebracht, dah der /Kölner Abschnitt geräumt werden würde, sobald Deutschland die gerügten Mängel in der Entwaffnung beseitigt habe.

In Frankreich hat man sich zunächst einmal bestrebt, die Dinge In die üängc zu ziehen. Man kann es faft als einen Rekord im diploma­tischen Intrigenspiel bezeichnen., dah es den Franzosen gelungen ist, die Veröffentlichung des Kontrollberichtes oder einer auf ihm beruhenden interalliierten Rote um volle drei Monate hinauszuziehen. Wahrscheinlich wird auch noch ein weiterer Monat vergehen, ehe wir Authen­tisches über die uns zur Last gelegten Verfeh­lungen erfahren. Herriot hat unzweifelhaft von dem Meister in der uferlosen Ausdehnung diplo­matischer Rotenwechlel. von Herrn Raymond Poincarö viel gelernt.

Es wird den Politikern an der Seine zweifel­los gelingen, die Erörterungen mit Deutschland über die Art und den Grad der Verfehlungen monatelang hinzuspinnen. Dana wird man wie­der einmal einen Monate nnausliege-.den Ter­min bestimmen, dis zu welchem die Verfehlungen wieder gutge macht sein müssen, und zu gutcrieht wird man es in London auch noch plausibel finden, wenn die französlsche.t Freunde auf einer erneuten Festlegung des Tat­bestandes Wert legen. B's dahi.'. ist jeden­falls reich! h 3r't r rdandsn das Gespenst eines deutschen Ne-erfalle-. in grelle i ~ i <>cn cirls zumalen imb schliehlich Herrn Baldwin ''her seinen Ra.t etger zu der Ansicht zu bekehren dah nur > u r ch eine unbegrenzte W e i t e r f ü h r n g der Befehung Frank reichs Sicherheit unddamit der Welt­friede verbürgt seien.

Es ist ein erschütternder Beweis bafür. wie durch fortgesetztes hnsteri'ches Geschrei selbst die gesündesten Verven erichüticrt und auch die klarsten Köpfe umnebelt werden können, wenn die Be Hauptungen der franzö-üchen Militärs von Deutschlands Revanchestimmung immer noch Glauben Haben. Es ist eigentlich eine Ungc heuerlichkeit. dah Deutschland in seinem heuti­gen Stand der Wehrlosigkeit sich immer noch um den 'Beweis bemühen muh. dash es wirklich vollständig ungefährlich fei. Mae mürbe die Intelligenz d<r> Marschalls Foch und seiner Mir- arbeite! unterschätzen, wenn man ihnen zutraute, dah ihre A-gst ehrlich empfunden sei. Es ist ein nich s w ü r d r g es Th-eat er . das von *>e.n franzrstichen Harlekinen auf der polirischen Weltbuhne gespielt wird. Alle Schauder des Krieges werden als Kronzeugen dafür aufgeboten,

Das Ergebnis der Pariser Besprechung.

Polen und der Sicherheitspakt. Der Völkerbund.

Parts. 9. März. (211) Die Besprechungen zwischen Chamberlain und Herriot haben eine klare Gegenüberstellung der französischen und der englischen Auffassung in der Sicherheitsfrage er­geben. Es hat sich herausgestellt, dah Chamber­lain tatsächlich über keinerlei weitgehende Voll­machten verfügte und sich in der Hauptsache in den Gesprächen mit Herriot darauf beschränkt hat. die von Lord Balfour beeinflußte, an­geblich seiner persönlichen Auffassung wider­sprechende Schlußfolgerung des britischen Ka­binetts zugunsten eines englisch-französisch- belgisch-deutschen Sicherheitspaktes unter späterer Teilnahme Italiens, aber unter Aus­schluß Polens zu entwickeln.

Demgegenüber hat der französische Minister­präsident nac^>rücklich

die Rotwendigkeit wirksamer Garantien für die territoriale Unverletzbar­keit Pol e n S

betont, mit der in den Blättern abgedruckten Erklärung, daß es Polen Überlassen bleibe, im Einklang mit dieser Sicherheit gewisse Zuge­ständnisse zu machen, offenbar aber einen ersten Rückzug angetreten. Herriot hat nach demQHatin sogar hinzugefügt. daß Polen freundschaftliche Ratschlage erteilt werden soll­ten. Trotz dieses offenkundigen Entgegenkommens der französischen Regierung besteht noch kein Grund auf baldige Angleichung deS französi­schen und englischen Standpunktes zu hoffen, da viel von der Haltung Polens und den deutsch- polnischen Sonderverhandlungen abhängen dürfte.

Die Frage, über die nach übereinstimmenden Informationen der französischen und englischen Presse eine greifbare Verständigung zwischen bei­den Ministern erzielt wurde, ist

die vorbehaltlose und bedingungslose Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund,

von der Frankreich die weitere Prüfung der deutschen Sicherungsvorschläge abhängig macht- Die französische Regjprung habe gegen den Fünf- Mächte-Patt keinerlei Bedenken mehr, sobald Deutschland Mitglied des Völkerbundes sei. All­gemein wird angenommen, daß über den Ein­tritt Deutschlands in den Völkerbund wahrschein­lich fünf bis sechs Monate verstreichen werden. In der Zwischenzeit behalle sich die französische Regierung die Erfüllung weiterer Voraussetzun­gen für ihre Zustimmung zu dem geplanten Sicherheitspakt vor, und zwar. 1. Abmachun­gen zwischen den General st üben Eng­lands, Frankreichs und Belgiens: 2. Erneuerung und Fortbestehen der Bündnisverträge mit den Staaten der kleinen Entente.

Die Besprechungen mit Chamberlain werden wahrscheinlich am kommenden Sonntag wieder ausgenommen,

da der britische Außenminister die Absicht hat, Genf unverzüglich nach der Behandlung der wichtigsten England interessierenden Fragen zu verlassen. Gleichzeitig trifft am Montag nach­mittag der belgische Außenminister in Paris ein. Die Blätter geben sich der Hoffnung hin, daß Belgien sich der französischen Stellung­nahme anschließt. Man betont aber, daß Belgien sich infolge feiner geographischen Lage der eng­lischen Polftik ebenso wie der französischen an- passen müsse. Im übrigen verbiete die gegen­wärtige innerpolitische Lage ihm vorläufig, außenpolitische Verhandlungen einzugehen. Der TempS" sagt: Der Rücktritt T h e u n i s' schafft eine neue Situation. Unter den Fragen, die Hymans zur Sprache bringen wird, ist auch die der neuen in Frankreich eingeführten Frem - den st euer, gegen die Belgien auf diplo­matischem Wege bereits in den letzten Tagen Protest erhoben hat.

daß Frankreich von Deutschland etwas zu fürchten habe. Es wird unter allen Umständen noch sehr lange dauern, bis wir der Welt zeigen können, daß hinter der Maske her bleichen Furcht und der Sorge vor einem deutschen Uebersall das grinsende Gesicht des französischen Imperialismus steckt

Dr. Jarres Präsident­schafskandidat derRechten Vor einer Cinignng mit dem Zentrum?

Berlin, 9. März. (Prid.-Tel.) Die Der- Handlungen des von dem Präsidenten des Reichs­bürgerrats, dem ehemaligen Staats ninister von L o e b e l l, geleiteten Arbeitsausschusses für dl« Dorbcreitung der Wahl des Reichspräsi­denten, der sich aus Mitgliedern der Deutsch» nationalen, der Deutschen Dolkspar» tei, der Bayerischen Dolkspartei, der Wirtschaft lichen Vereinigung und der in Betracht kommenden politischen, wirt­schaftlichen und kulturellen Organisationen zu» sammensetzl, sind zu einer gewissen Entscheidung gelangt. Den Instanzen der Parteien und Orga° n'salionen ist ein e i n st i m m ' g e r Vorschlag unterbreitet worden. Einige weniger wichtige Or» ganisat'vnen stehen bisher noch abseits, sollen aber für den gemeinsamen Kandidaten gewon­nen werden. Ebenso soll über den Vorschlag auch noch mit den Parteien und Organisationen, die dem Gedanken eines gemeinsamen Kandidaten der bürgerlichen Parteien für die Reichspräsi» dentenwabl bisher noch ablehnend ge­genüberstanden, verhandelt werden. Die Entschei­dung dieser Parteien und Organisationen wird bis Mitte nach st er Woche vorliegen.

Nachdem der Parteivorstand der Deut­schen Dollspartei sich einstimmig für die Wahl des ehemaligen Reichsministers des In­nern, Dr. Jarres, entschieden hat, ist, wie die Tägliche Rundschau" meldet, Dr. Jarres auch von den «oberen Parteien als der gemein» sameKandidat für d i e Reichs Präsi­dentschaft or;genommen worden.

DerMontag" will dagegen wissen, daß diese Me'dung insofern verfrüht ist, als die offizielle Proklamierung des Kandi­daten der rechtsstehenden Gruppen nicht vor Mittwoch erfolgen dürfte. Daö Blatt hält es für möglich, Laß es noch zu Verhandlungen mit dem Zentrum kommt, die vielleicht zu einer gemeinsamen Kandidatur aller bürger­lichen Parteien mit Ausnahme der Demokraten führen könnte. Bei der gestrigen Besprechung de.- Vorstände der Reichstags- und Landtags» fraftion des Zentrums hat cs sich lediglich um eine Vorberatung über die Kandidaten­frage gehandelt. Die Entscheidung 6le*6t dem Partei aussch des Zentrums vor« behallen, der erst am Mittwoch zusammen» treten wird. Das Blatt glaubt, daß auf Grund der gestrigen ZentrumSbesprechungrn vielleicht ein D e l e g *e rter des Zentrums an den nächster Sitzungen des Arbeitsau s- schusfes der rechtsstehenden Par­teien teilnehmen werde. Die Gerüchte, nach denen der frühere preußische Ministerpräsident Stegerwald als gemein'amer Kandidat oller bürgerlichen Parteien mit Ausnahme oer Demo­kraten in Frage kommen könnte, hält bas Blatt für wenig glaubwürdig«

Braun sozialdemokratischer Präsidentschaftskandidat.

Berlin, 7. März. (WB.) Rach gutacht­licher Anhörung des Parteiausschusses und der Reichstagsfraktion hat der sozialdemokratische Parteivorstand einstimmig beschlossen, eine eigene Kandidatur zur Reichspräsident­schaft aufzustellen und den früheren preußischen Ministerpräftdenten Otto Braun zu bitten, diese Kandidatur anzunehmcn. Der Parteiaus­schuß und die Reichstagssrattion haben sich diesem Beschluß des Parteivorstandes einstimmig angeschlossen. Otto Braun erklärte sich daraufhin zur Annahme bereit.

Die Stellvertretung des Reichspräsidenten.

Berlin. 8. März. (Wollf.) Der von den Reichstagsfraktionen eingebrachte Jniriattvantrag über die Stellvertretung des Reichspräsidenten hat folgenden Wortlaute

8 1. Zum Stellvertreter des am 28. Februar 1925 verstorbenen Reichspräsidenten wird der Präsident des Reichsgerichts Simons bis zum Amtsantritt des neuen Reichspräsiden­ten bestimmt.

§ 2. Die Vorschriften der Reichsverfassung über den Reichspräsidenten finden für bi' Dauer der Stellvertretung auf den Stellvertreter ihre Anwendung. Der Stellvertreter bezieht für die Dauer der Stellvertretung des Reichspräsik-enten das diesem zustehende Diensteinkommen einschließ­lich der Aufwandsgelder.

§ 3. Dieses Gesetz tritt mit dem auf die Verkündung folgenden Tage in Kraft

Der neue amerikanische Botschafter in Berlin.

Berlin, 8. März (TU.) Charles Desweh Hilles ist zum Botschafter der Vereinigten Staaten in Berlin ernannt worden. Hilles ist ein hervorragender Versicherungsmaan und Di­rektor von vielen Dersicherungsge'ellschaften und industriellen Konzernen. Früher war er Vor­sitzender des republikanischen Rationalausschulses. Zwei Jahre war er Unterstaatssekretär im Schatzamt der Vereinigten Staaten und 1911 12 Privatsekretär von Präsident Taft Er gab diesen Posten auf, um als Vorsitzender des republi­kanischen Rationalausschusses >i- Leitung der Wahlkampagne für eine Wiederwahl Tafts zu übernehmen. Seine Heimat ist Reuyork, er ift 57 Jahre alt und verheiratet.

Verurteilung des Separatiften- führers Helfrich.

Zweibrücken. 7. März. (Wolff ) Am zweiten Derhandlungstag gegen den ehemaligen Bürgermeister von Münchweiler. Martin Helf­rich. dem 5ur Last gelegt wird, am 20. Januar den Schmied W a d l e im Verlause eines Wort­wechsels erschossen, sowie einen anberen Münchweiler Bürger schwer verletzt zu haben, wurde gegen den Täter vom Staatsanwalt eine Gesamtstrafe von 10 Jahren Zucht­haus und 10 Jahren Ehrverlust beantragt. Das Gericht erkannte auf sechs Jahre Zucht­haus und sechs Jahre Ehrverlust

Der Eisenbahnerstreik.

Die Etrciklage in Berlin.

Berlin, 9. März. (TU.) Der Auftorde- rung der Gewerkschaften, die Streikbasis nicht zu Dcrbtcitern, haben die Arbeiter, die auf den Güterböden und Umladehallen fotoie auf den Rangierstationen beschäftigt sind, nicht Folge geleistet und haben ihre Dienststellen verlassen. Am Sonntag vormittag waren folgende 'Bahnhöfe in Berlin bestreikt: Stettiner und Anhalter- terbahnhof. Pankow, wo rund 75 Proz. der Arbeiterschaft streiken. RummelSburg, Schlesischer Bahnhof. Westend-Hamburg. Werder Gülerbahn- hof. Potsdamer Güterbahnhof und der Umlade- bahnhof Reukölln. Der Ausfall der 0>üierhoben* arbeitet wird sich aller Wahrscheinlichkeit nach in Berlin in den nächsten Tagen noch nicht allzu sehr bemerkbar machen. Allerdings da-' nicht übersehen werden, daß z. D. auf dem Potsdamer Güterbahnhof die von der Verwaltung zur Aus­führung der Arbeiten herangezogenen Unter be­amten sich geweigert haben, diesen Dienst zu tun. Wahrscheinlich wird es deswegen noch zu Auseinandersetzungen kommen. Dagegen ist die Reichsbahn in einer augenblicklich nicht ungün­stigen Lage, da die Monate März und April zu den sogenannten verkehrsarmen Monaten gehö­ren. Weiter ist der Reparaturstand bei sehr vielen Reichsbahndirektionen ein relativ sehr gun- ff ig, er und durch Heranziehung der Privatindufttic wirb es auch möglich sein, das für den Personen­verkehr notwendige Material an Lokomotiven und Wagen instand zu halten.

Der Standpunkt der Reichsbahngesellschaft.

Berlin. 8. März. lWTD.) Von unter* richtetet Seite wird mitgeteilt: Die Deutsche Reichsbahngesellschaft hat den Eisenbahnatbeitetn immer wieder angeboten, ihre Löhne dort, wo sie unter den Jndustrieatbeiterlöhnen lie­gen. an diese anzugleichen. Das haben die beteiligten Gewerkschaftsführer a b g e l e h n t und eine allgemeine Lohnerhöhung gefor­dert. Eine solche glaubt die Deutsche Reichsbahn­gesellschaft zur Zeit vermeiden zu müssen, um nicht im gesamten Deutschland wiederum eine allge­meine Lohnsteigerung auszulösen und da­mit die Eesahr einer Preissteigerung und einer neuen Inflation heraufzubeschwören. Die Reichsbahn muß bei ihrer finanziellen Be­lastung für jede neue Ausgabe eine Einnahme­quelle suchen Eine Erhöhung der Perso­ne ntarife würde bei Lohn- und Gehalts­aufbesserungen sich nicht vermeiden lassen Es ist mit aller Zuversicht zu hoffen, daß die Reichs­bahnbeamtenschaft die Ruhe bewahrt und sich nicht an der Streikbewegung beteiligt. Es ist irreführend, wenn die Reichsgewerkschaft deutscher Eisenbahnbeamten, die den Streikenden ihre Sym­pathie ausgesprochen hat, mit der gesamten Be* amtcnschaft der deutschen Reichsbahngesellschaft identifiziert wird Der Reichsbahnbeamte weiß zur Genüge, daß er kein Streikrecht besitzt. Ihm ist bewußt, daß er sich durch die Dienst­verweigerung eines Dienstvergehens schuldig macht und daß ihm die Dienstentlassung ober die Kündigung bevorstehen würbe Der Weg, den Reichsarbeitsminister als Schlichter anzurufen bleibt immer noch offen. Rach den vereinbarten Bestimmungen ist dieser Schritt zu gehen, be­vor seitens der einen Vertragspartei in den Streit getreten wird.

Die Forderungen des deutschen

Eisendahnerverdandes.

Berlin. 9. März. (TU.) Der Deutsche ^isenbahnerverband hatte für Sonntagvorm'ttag eine Versammlung einberufen, in der der De- zirisleiter für Berlin, Dresse!. über den Stand der Lohnbewegung und die Stellung der Reichsbahndftettion Bericht erstattete. Seine Aus­führungen gipfelten in folgenden bret Forde­rungen:

I. Sofortige Verhandlungen mit den Tarif­gemeinschaften. um einen den Teuer nngsv'.rhält- nissen entsprechenden Lohn zu vereinbaren.

2. Beseitigung der Schicht auf Gedinge (Mordsystem».

3. Wiedereinführung der achtstündigen Arbeitszeit.

Der Redner betonte, daß der Deutsche Eisen­bahnerverband bemüht gewesen sei, die obigen Forderungen auf friedlichem Wege zu lösen, daß aber infolge des ablehnenden Standpunktes der Reichsbahnbircktion die Verhandlungen ergebnislos verlaufen und kein Zuge­ständnisse erzielt worden seien. Das Realeinkom­men der Eifenbahnarbefter und der unteren und mittleren Beamten fei gegenüber dem Friedens­stande infolge der hohen Abzüge gesunken. Sei Kampf der Eisenbahner fei ein rein wirtschaft­licher und werde von dem Selbsterhaltungstrieb diktiert. Es wurde eine von dem Versammlung^ bureau borgelegte Entschließung angenommen, in der es heißt, daß der Deutsche Eisenbahnerver- band die ablehnende Stellungnahme der Eisen- bahnverwaltung mit Empörung und Entrüstung aufnahm und daß die Versammlung von dem Hauptvorstand des Deutschen E senbah: erverban- des den Aufruf zum allgemeinen Kampf erwartet Unveränderte Lage in Sachsen.

Dresden, 8. März. (WB.) Die Presse­stelle dar Reichsbahndirektion Dresden teilt mit: Die Streillage im Bezirk der Reichsbahndireltion Dresden hat sich im Laufe der Rächt nicht ge- ändeit. Bei einigen wichtigen Dienststellen haben sich die Streikenden zur Wiederaufnahme der