Dienstag, 8. Dezember 1925
Nr. 287 Zweites Blatt
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Erinnerungen an Frank Wedekind. Einer der begeisterten Vorkämpfer
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Trotzdem scheint Wohlstand zu herrschen — man sieht tagelang keinen Bettler! — und das Volk lebt, auch die niederen Volksklassen im allgemeinen lehr üppig. Alles wird selbstoersländlich mit reiner Butter aekochi. Unsere „Löfsclerbsen" erletzt die Schoten» luppc mit Wurst, diese Spezialitar ist im Winter überall in der Preislage von 0.20 bis 0,60 Cent zu haben. Als Kuriosum sei der kaum glaubhaft hohe Preis der Trinkeier angeführt: 32 Psennig!
Billig sind nur Kaffee, Butter, die aromatischen ägyptischen Zigaretten und — Kinderspielzrug. Ein ganz großer Baulasten kostet 0,60 Cenks, also 1 Mk., bei uns mindestens das Dopelte. Kaust man das Spielzeug, entdeckt man bald in der Ecke der 2er» Packung drei englische Worte: .Made in Germany".
natürlich leiner kümmerte, löste dann das Problem, indem es im Stall den — Hungertod erlitt ...
Als dritte „Nauonaloigenschast" wäre die wirklich grosizugige Wohltätigkeit anzuführen. Für humane Bewegungen hat der Holländer immer Verständnis, auch wenn sic absolut nicht innerhalb seines engeren Zrtteressenkreises liegen. Ein Lausender für irgendeine Schnellhilfe ist hierzrilande keine Seltenheit ...
Zahllose Wohnschiffe in den Grachten erinnern an die Wohnunasnot, von der das neutrale Holland auch heimgesucht worden ist. Heute sind die Verhältnisse ans diesem Gebiete bebeutenb besser, man baut fieberhaft, und Wohnungen sind bereits leicht zu haben. Allerdim's für schweres Geld, wie auch dos aanze Leben in den letzten zehn Jahren um 100 bis 150 Prozent teurer geworden ist.
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Es sind dabei, soweit der mohammedanische Orient in Frage kommt, allerdings zwei verschiedene Richtungen zu unterscheiden. Die radikaleren Elemente, die insbesondere in Sowjelrußland ihre moralische Unterstützung finden, wollen alle Europäer ausnahmslos aus Asien vertreiben, wie auch in China bezeichnenderweise der ihristliche General Feng, im Bunde mit den Bolschewiken, die europäischen Missionare aus dem Lande verdrängen will. Der andere, gemäßigtere und etwas tiefer denkende Teil der Orientalen ist sich vollkommen klar darüber, daß fast alle asiatischen Länder noch lange nicht imstande sind, ihre Reichtümer selbständig auszubeuten, daß hierzu dis Hilfe e u r o • päischer Geistesarbeit und enropäi» scheu Kapitals unerläßlich ist. Sie wollen des» halb die Europäer als Lehrer solange bei sich ausnehmen, bis sie solche Lehrer nicht mehr nötig haben, wie das wenigstens in einem asiatischen Staate, in Japan, im allgemeinen ja bereits der Fall ist.
Im Hinblick auf die Einstellung des Orients zum Imperialismus der Westmächie erscheint es ganz natürlich, daß die Orientalen, ebenso wie Sowjetrußland, zunächst mit großer Sorge auf den Vertrag von Locarno blickten, weil sie die einzige Bedeutung dieses Vertrages in der Einreihung Deutschland in die Front der den Osten bedrohenden Westmächte erblicken. Es ist deshalb auch verständlich, daß z. B. in Afghanistan und Persien von maßgebender Stelle erklärt wird, die Unterzeichnung des Locarnovertrages müsse im Orient „den denkbar schlechtesten Cinorucf" machen. Auch das zeitliche Zusammentreffen der Locarnoverhandlun» gen mit der Kampfansage der Türkei in der M o s - sulfrags und den Vorbereitungen zum panis- lamatifchen Kongreß in Baku, der natürlich weniger die religiöse als politische Einigung bezweckt, gibt jedenfalls zu denken.
Aber soweit hier Deutschland in Frage kommt, sind die locarnofeindlichen Aeußerungen der Orientalen doch wohl nicht allzu tragisch zu nehmen — denn mit ganz auffallender Uebereinftimmung hört mein in Gesprächen mit Politikern und Privatleuten und liest man in der gesamten orientalischen Presse einen Gedanken, der in seiner echt orientalischen Einfachheit geradezu drastisch überzeugend wirken muß. Es heißt nämlich: wie es in_ Asien keine Freundschaft mit Franzosen und Engländern geben kann, solange der Irak und Syrien von ihnen besetzt bleiben, so können wir uns eine europäische Freundschaft zwischen Deutschland und Frankreich nicht vorstellen, solange das Rheinland noch besetzt ist. Man lehnt also alle Tüfteleien ob, man sieht nichts in den schönen Worten der europäischen Politiker — steht doch gerade dem Orientalen so viel zu nichts verpflichtende Höflichkeit zur Verfügung. Und man folgert ganz einfach, daß die für den Orient eine Gefahr bedeutende beginnende west- und mittcleuropäische Einigung so- .lange nicht zu fürchien fei, als noch ein franzä- sischer Soldat im Rheinland stehe.
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Kämmerer bei ihm auftrat. Heber ihn schreibt Heine: „Eine seiner Aufgaben bestand darin, die Verbindung zwischen und und der Presse herzustellen. Da kam es denn häufig vor, daß mir einer der Besuchten sagte, da sei ja in meinem Austrage ein Herr Kümmerer, ein gana besonders liebenswürdiger, höflicher, schüchterner Herr, bei ihm gewesen. Man fiel beinahe in Ohnmacht, wenn ich erwiderte, daß dieser Herr Frank Wedekind sei, denn der üble Auf, der d m verruchten Dichter vom »Erdgeist", von ,Frnh- lingSerwachen", «Kammersänger" und „Fritz Schwiegerling" vorausaing, wollte gar nicht mit dem Wesen des bescheidenen Jünglings, den man kennengelernt hat, über »inst immen. W'dek.nd war auf unseren Gastspielreisen immer nach der Verstellung mit meiner Frau und mir zusammen. Er war ein rüstiger Trinker. Hnt> mir verordnete er bei seelischen oder körperlichen Leiden sein Arkanum: „Herr Doktor, trinken Sie einen Grog von Rum." üm> wenn es immer später und früher wurde und meine Frau und ich nach Hause gehen wollten, flehte er unS in den rührendsten Tönen an: „Gnädige Frau, H?rr Doktor, gehen wir nvch in ein (Safe." And fast; immer erlagen wir seinen Bitten, weil feine Gespräche so voller Anregung waren, daß man stets gefesselt blieb, ilnb wenn er auch noch so viel getrunken hatte, sein Geist blieb immer hell und scharf, lein Witz schlagend und seine übertönoen- tionelle Höflichkeit veränderte sich nie; seine Unterhaltung fesselte bis zum letzten Augenblick, älebrigens war es eigentlich merkwürdig, daß Wedekind gerade Mitglied eines 2bsen°Tyeaters sein mußte, denn er war viel mehr Gegner als Freund der Sblenfdjen Dramatik. Sein Prolog zum „Erdgeist", den er kurz vor der Aufführung auf meine Bitte geschrieben hatte, drückte feine abfällige Meinung über die Ph.listrosität der Gesellschaftsdramen deS norwegischen Satirikers schonungslos aus. Ich glaube auch nicht, daß er mit meinem Llbsenstil sehr einverstanden war; er verlangte z. D. immer von mir, daß ich „Hedda Gabler" als ausgesprochene Parodie der „Rora" geben müsse.
Amsterdamer Allerlei.
Don unserem avst-Berichterstatter.
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.)
Ein Land von 7 Millionen Einwohnern, von denen etwa 5 Millionen glückliche Fahrradbesitzer sind. Die massenhafte Erscheinung dieses etwas primitioen Verkehrsmittels macht selbst den an den Strudel des Potsdamer Platzes Gewöhnten nervös. Den Holländer natürlich nicht. Der ist ja die Der- körperung der „Nur-die-Nuye-kann-uns-rettcn"-Pa- role; seine ruhige Gelässigkeit ist für deutsche Begriffe direkt unheimlich. Die Anekdote von der toten Katze scheint keine Uebertreibung zu sein! Eine tote Katze lag also auf den Schienen der Straßenbahn zwischen Haarlem und Amsterdam. Der Wagen hielt an, die Fahrgäste guckten interessiert zu und eine volle Stunde verging, ehe sich einer die Mühe genommen hat, das „Verkehrs- Hindernis" aus dem Wege zu räumen ...
Noch größer als die Ruhe ist seine übertriebene „Bockbeinigkeit". Sagt der Holländer — und ganz besonders der Friese — mal „nein", so bleibt es dabei, mag daran er oder sein Hab und Gut zu- arunbe gehen. Man erzählt es, wie zwei friesische Brüder über den Gaul ihres oerftorbenen Vaters in Streit geraten sind. Sie zankten sich Tag und Nacht, keiner wollte den andern als rechtmäßigen Eigentümer des Pferdes anerkennen. Das viel umstrittene Tier, um das sich in der Hitze des Gefechts
3bfenf<bcn Dramas war der Wiener Burgschauspieler Carl Hein-, der in den neunziger Jahren mit einer besonders zusammengestellten Truppe unendlich viel für die neue naturalistische Kunst getan hat und über diese Zeit im Dezemberheft von Delhagen & Klasings Monatsheften plauoert. Ern Mitglied seiner Truppe war auch Frank Dedekind ter unter bm 't-imen
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Politisiert wird in Holland überhaupt nicht. Politische Schlagworte sind hier ebenso unbekannt wie politische Ideale. Spricht der Holländer von seiner Königin, so schmunzelt er behaglich; er hat was für „Wilhelminchen" übrig. Die Lebensweise Ihrer Majestät ist bis auf die unerläßlichen Repräsentationen einfach und bescheiden, wie die einer Bürgersfrau; sie macht es auch Harun al Raschid nach und besucht inkognito ihre Untertanen, um zu Helsen, wo es nötig ist. Kein Wunder also, daß sie die Sympathien der breitesten Bevölkerungsschichten für sich gewann.
Der Hof ist orthodox-calvinistisch, und der Hof ist selbst in einem so „bürgerlichen" Königreich, wie Holland, tonangebend. Bei dem übertriebenen Puritanismus kommt kein Theater auf, die Entwicklung einer individuellen und freien Bühnenkunst ist fast unmöglich. $n der Zweiten Kammer wurde im vorigen Jahre der Antrag gestellt, sämtliche Kinos zu verbieten, da sie dos Volk demoralisieren. Es ist psychologisch charakteristisch, daß ein solcher Antrag überhaupt aufkommen konnte, daß man ihn abge- lehnt hat, ändert chckhl wenig an der Komik der Tatsache.
Im Paleis voor Volksvliit" (Theater im Jn- dustriepalast) lauft seit drei Monaten eine Revue „Duizend en een lach" (1001 Lache). Ein richtiges Familienunterhaltungsstück, in dem selbst die Girls „anständig" angezogen sind. Das Publikum — lauter unverdorbene, naive große Kinder — unterhielt sich köstlich und wälzte sich vor Lachen bei Situationen, über die bei uns ein 13jähriger Dengel voller „Weltwisten" kaum gelächelt hätte ...
3m Zentraltheater hat ein ganz, aber auch ganz harmloser deutscher Schwank großen Erfolg.
Sn der Nähe der Rembrandtplein steht der Stolz der Amsterdamer, das schönste Theater der Welt. Erbaut vor knapp vier Jahren mit fünf Millionen Gulden Spesen. Ein ungemein interessanter, ku- bistisch Gehaltener und trotzdem artistisch wirkender Vhantasiebau, mit fabelhaftem Luxus eingerichtet. Riesen'Nersertepviche, handgemalte Seidenlampen. Gold, Silber, Ebenholz in Hülle und Fülle, echte faponische und indische Foyers — eine wahrhaft pomvöse Ausmachung, die im wörtlichsten Sinne verblüfft. Dieser Wunderoalast ist ein — Kinovarietä, in dem man während der Vorstellung ißt, trinkt und raucht. fDas Rauchen ist übrigens in fast allen holländischen Theatern gestattet.
Dieses Theater kennt jedes Kind.
Dagegen konnten es etwa ein Dutzend autgeflei» deter Herren nicht sagen, wo die prächtige Gemäldegalerie des Freiherrn von Six zu finden ist ...
Die Polizeistunde schlägt um 1 Uhr mit haarsträubender Genauigkeit: Dreivierteleins bekommt man in den Lokalen weder ein Glas Bier noch ein paar Würstchen mehr.
Von einem Nachtleben in mitteleuropäischem Sinne keine Spur. Sn der ganzen Hauptstadt gibt es ein einziges Kabarett und 4 bis 5 öffentliche Tanzgelegenheiten. (Auch erst seit kurzer Zeit )
Die unverbesserlichen Nachtfalter ziehen sich in private Klubs zurück. •
Der Dawesvlan und hie deutsche Wirtschaft.
München. 6. Dez. (Wolff.) Privatdozent Dr. Raab- Gießen konnte im Rahmen eines auf Einladung des ArbeitsauSschus e? deut.ch c Verbände urr einem g.laben rn K.ei5 pro nm- nenter Persönlichkeiten aus Pol'.tik und W rt- schäft über die Auswirkung des Dawes- planes auf die deutsche Wirtschast und die deutschen Finanzen gehaltenen Referats die Bedeutung erhöhter Steuerleistung mit n>ch unveröfs'entl^.en ©rgebniffen eigener Untersuchung^ bei .gen. Danach wurden im Jahre 1921 an reinen St uern 9,9 Milliarden Mark gezahlt. Diese ß:iftu:tg entspricht einer Steigerung der Steueb- last von 1913 bis 1924 auf das 1.8fache. Unter Berücksichtigung des 'Bx'Jr'cgS in! mmens in Gold bzw. auf die Kaufkraft in Geld bc3c~en, errechnet Raab für baS Vorjahr das 2.6fach? dar Steuerleistung vcn 1913. Unberüffi ;t g: sind hierbei weiter? drei M.lliarden cri sbmeräy.tti^r Leistungen, sozialen Lasten usw. Auf © ;unb einer Umfrage bei den heut? noch bestehenden Xticn- gefellschasten aus der Vorkriegszeit errechnet er Vortragende auf dieselbe Goldmarlsumme des Kapitals die Steigerung der St:urrl-:iftung auf das I.öfach? des Dortriegsstandards uiter Zugrundelegung des Ertrages ein? St igerung auf das 11,4fache, und auf den Kops jedes in der Volkswirtschaft Beschäftigten auf das 2,8fache an Steuern im Jahre 1924. Die Aufgabe der Reparation^Politik sieht der Redner darin, zu versuchen, die Londoner Dir" einbarungen solange auszusuhron, bis sch b u r di ihre eigene innere 11 n m d g 11 cf>f c 11 eine Herabsetzung der Verpflichtuw. gen erzielen läßt. Voraussetzung hierfür sei Nationalisierung der Wirtschaf' und Minderung der unproduktiven Ausgaben der öffentlichen Verbände.
EinBeitragzurschlesischen „Frage".
Der Verein f ü r das Deutschtum im Ausland (B. D. A.) hatte letzthin ausgesuchte Mitglieder seiner mittel- und ostdeutschen 3ugenb* Organisation zu einem Schulungskurs geladen. Ais Ort der Zusammenkunft war Wartha gewählt worden, der bekannte Wallfahrtsort im Glotzer Dergland, dos vor vielen Sohrhun- beeten durch die deutschen Zisterzienser von Kamenz der Kultur erschlossen ist. Am historisch bebeutfamen Paßübergang von Wartha befand man sich, dem Zeugen des um das Sohr Tausend zwischen Polen und Tschechen stattfindenden Kampfes um Schlesien. Ein Kamps, der mit der, Zurückdrängung der Tschechen durch Boleslaw Chobry — dem Nachfolger des aer- monischen Begründers des polnischen Reiches, Dago — endete und die Plasten In Schlesien selbständig werden ließ, die ihrerseits von Anbeginn den gegebenen Anschluß an die erdgewachsene deut-
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Aus der Urgeschichte des Wintersports.
Wir haben in den letzten Jahren sehr mildes Winterwetter gehabt, so daß weilen Kreisen die Möglichkeit zur Ausübung deS Wintersports nur spärlich geboten war. Aber sobald nur etwas Frost kam und Schnee lag, da zogen doch alle die, die sich keine Reise nach einem hochgelegenen Winterspvrtplatz teilten konnten, in Hellen Scharen hinaus, um sich mit dem Rodelschlitten zu vergnügen, um Schnee- und Schlittschuh zu lausen. Die Freude am Wintersport ist heute stärker als je, und es ist fast, als ob in den nordischen Ländern uralte Züge der Vergangenheit wieder lebendig werden. D-nn bei den alten Germanen stand ja der Wintersport schon hoch in Blüte, lange bevor er dann fast völlig vergessen und vernachlässigt wurde. Der modernen Entwicklung des Wintersports, die mit Klopstock einsetzte und auS einem neu entdeckten Jubel über die Schönheit des Winters hervvr- brach, ist ja eine „Urgeschichte" dieser Bewegung Dorangcgangcn, von der wir freilich nur geringe Kunde besitzen. Der Mensch, der sich daran gewöhnen mußte, die Wintermonde in Schnee und Eis zu verbringen, mochte noch so sehr über Kälte und Unbilden flogen; er mußte doch sich mit diesen Raturgewalten abfinden, sie für sich auSnutzen, so gut eS ging, und so mag doch schon früh das starke Lebensgesühl dieser primitiven Menschen in winterlichen Hebungen Behagen und Befriedung gefunden haben. Dem Nordländer find ja Schlitten ebenso gut wie Schnee- und Schlittschuhe von altersher notwendige Fort- bewegungsmittel. Reste von Schlittschuhen aus Knochen und Holz, die sich in urgeschichtlichen Gräbern fanden, deuten auf An'änge des „Wintersports" in der Eiszeit hin. 3n den Heldensagen des Rordens gewinnen dann diese winterlichen Lustbarkeiten eine besondere Bedeutung. Auf Schneeschuhen jagen die Männer der altisländischen Sagas, die Melden der fin- nischen Kalewala pfeilschnell über die weiten weihen Flächen; der junge Frithjof läuft auf
Eisenschuhen vor König Rings Schlitten her und ritzt mit ihnen den Ramcn der stillverehrten Sngeborg in künstlichen Runen auf den glatten Spiegel des Eises. Ganz selbstverständlich entfaltete sich aus solchen Hebungen, die zunächst nur unter dem Zwange der Rot zu praktischen -Zwecken unternommen wurd:n, eine kräftige und gesunde Freude. D?m germanischen Helden ist das „Schrittschuhlaufen" — wie die ursprüngliche Form in dem althochdeutschen scritefcouha lautet — eine edle Kunst, die er wie Fechten, Schwimmen und Zagen hoch ehrt. Begabte er doch sogar die Götter mit solchen Werkzeugen. Der winterliche Odin, der in der Edda als llller oder Skadhi erscheint, fährt,, in Tierfelle gehüllt, mit dem Dogen bewaffnet, auf Schrittschuhen über die Eisfelder dahin, und dieses poetische Bild des altgermanisch?n Mythos war es, das Klopstock zu seiner dichterischen Begeisterung für 6en Schlittschuh anregte.
Alle Völker der kalten Zonen, Lappen und Isländer, Finnen und Mongolen sind in frühen Zeiten auf Schlitten und Schlittschuhen gefahren, haben wohl auch vereinzelt schon den Ski gekannt, und diese uralte üeberliefcrung erhielt sich auch unter den Deutschen des Mittelalters. Frellich sank dies Wintertreiben immer mehr zu einem Kinderspiel herab, denn der mittelalterliche Mensch litt zu sehr unter den Schrecken des Winters, als daß eine rechte Freude an dem „eiligen Tod der Rakur" hätte auflommen können, und bei der lieben Zugend sorgten gestrenge Behörden und Schultyrannen für Verbote, die immer wieder gegen Eisläufen, Schneeballen und „Schlittern" erlassen wurden. Wan hielt solche Vergnügungen nicht für überflüssig und gefährlich, sondern auch für unmoralisch. Erst die Lebensfreude, die mit der Renaissance wieder der europäischen Menschheit geschenkt wurde, begann langsam auch die Winterszeit zu verklären und mit der ersten Verherrlichung deS Winters in der Kunst, wie sie unS in der holländischen Malerei entgegentritt, beg nnt auch in dem fröhlichen Holland des 17. Jahrhunderts, wo die vielen leichtzufrierenden Kanäle zmn Eislauf lockten, der richttge Wintersport. So ist
Holland das Vaterland aller winterlichen Leibesübungen geworden, und von hier übernahmen die Mode auch Völler, die diese Freuden bereits viel früher gekannt und gepflegt hatten, die Engländer, Skandinavier und Deutschen. Bei den Briten, fand der Schlittschuh feit 1600 allgemeinere Aufnahme, und auch in Deutschland wurde er gaiu langsam feit Anfang des 18. Jahrhunderts wieoer heimisch. Die Erwachsenen begannen sich für diese „holländischen Sitten" zu interessieren, und noch Klopstock schreibt einmal: „Die Holländer liebe ich vor allem, weil sie ihre Tyrannen verjagt haben und die besten EiSläufer sind, von denen wir diese Kunst gelernt haben." Die „Schrittschuhe", deren man sich damals bediente, waren „niedrige, breite, flach- geschliffene Stähle mit langen Schnäbeln", wie sie in Holland üblich waren und wis sie noch KloP- stock dem jungen Goethe empfahl. Die ersten Ansätze des Wintersports erregten aber das allgemeine Entsetzen der Spießbürger. So schreibt die gelehrte, stets auf gute Sitte haltende Luise Adelgunde Gottschedin am 10. 3anuar 1735: „Och sehe der Wut dieser Menschen ganz gelassen aus meinem Fenster^ zu, sehe mich an meinen Schreibtisch und ergötze mich in meinem geheizten Zimmer und mit meinen Büchern mehr als alle «^littenfahrer mit ihrer frostigen Lustbarkeit." Erst die jungen Tollköpfe des Hainbundes und deS Sturmes und Dranges rissen, von Klopstock und Goethe geführt, jung und alt auf die schimmernde Eisbahn und in die weihen Wunder des Schnees.
Der Veciehrspolizlft hat es leichter als bei uns. Er arbeitet mit „Stop"-Ständer und braucht keine Freiübungen mit den Armen zu machen. Die Der- kehrrpoüzei waltet übrigens mit eiserner Strenge ihres Amtes. Sn einer einzigen Woche wurden nicht weniger als 300 Leute, die den Verkehr gehindert haben sollen, zu erheblichen Geldstrafen verurteilt.
Bei der Autobushaltestelle gibt c: keine Borkämpfe. Man holt sich vielmehr eine Nummer und steigt, ohne zu murren, der Reihe nach ein. Sft das „Desetzt"-Schildchen vorn aufgeflaggt, versucht kein Mensch, mit Gewalt einzudringen.
Sehr praktisch ist die Einrichtung, daß die,zum Bahnhof fahrenden.Straßenbahnwagen einen Briefkasten mir sich führen, dessen sich das Publikum an jeder Haltestelle bedienen kann und der die Post nach auswärts direkt zum Bahnposiamt befördert.
Der (Diitiit und das Rheinland.
Von unserem E. S.-Berichterstatter.
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.) Konstantinopel, Ende November.
Das Rheinland und der recht weit von ihm entfernte Orient sind anscheinend zwei Gebiete, zwilchen denen eine politische Wechselwirkung ausgeschlossen erscheint, die gar nichts mitemanber zu schchfcn haben. Aber heute, wo die Smponderabi- lien in der Politik vielleicht eine noch größere Be- deutung haben als früher, und namentlich in dem au neuen Leden erwachten Orient eine immer größere Rolle spielen, gibt es hier doch verbindende Gedankengänge, die eine sehr viel größere Beachtung uerbtenen, als sie in Europa bisher gefunden haben.
Die Nachrichten von den großen politischen Er- eigniffen in Europa verbreiteten sich auch schon früher in Asien, von Oase zu Oase, von Basar zu Basar, mit einer für den Europäer unbegreiflichen und erstaunlichen Geschwindigkeit. Heute aber gibt es in Asien schon fast überall Telegraphenlinien, und in de rTürkei, in Persien, Zentralasien und selbst in Afghanistan eine schon ziemlich weit entwickelte Presse. Und heute, seit der Beendiming des Weltkrieges und der Neugründung der Türkei, feit alle asiatischen Böller zu einem selbständigen politischen Denken erwacht sind, finden alle Phasen der europäischen Politik in ihren geringsten Einzelheiten im ganzen Often einen sehr lebhaften Widerhall und werden mit gespanntester Aus- merksamkeit verfolgt.
Sn ihrem Verhalten zu Europa wollen die orientalischen Länder heute nicht mehr der nur passiv leidende, politisch stets nur gebende Teil sein, sondern vor allem ihre natürlichen Reichtümer in eigener Hand behalten und gegebenenfalls nur sehr teuer verkaufen. So sehr auch heute das Sntcr- esse an allen politischen Ereignissen in Europa gestiegen ist, so ist doch in der Art der Beurteilung dieser Vorgänge durch die Orientalen in einer Beziehung keine Veränderung gegen früher cinge» treten :Stets hält man sich an das Bibelwort „an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen", während die schünsten und schwungvollsten Friedensreden und Freundschaftsbeteuerungen europäischer Minister und Politiker aller Art bei den mißtrauischen und auf Grund langjähriger, übler Erfahrungen sehr skeptisch gewordenen Orienalen völlig wirkungslos verhallen. Bezeichnend für diese skeptische und nüch- lern reale Betrachtungsweise der Asiaten ist unter anderem auch die Bemerkung eines Chinesen, der wesentliche Unterschied zwischen der chinesischen und der europäischen Presse bestehe darin, daß die erstere Tatsachen, die letztere dagegen hauptsächlich nur Meinungen enthalte. Gegenwärtig sind die widerrechtliche Besetzung des Irak und S y - r i e n s, die brutale Zerstörung der heiligen Stadt Damaskus, sowie die den Orientalen ebenso widerrechtlich erscheinende Besetzung des Rhein- l a n d e s durch die Damaskusze^störer die ausschlaggebenden Tatsachen, nach denen sie das heutige Europa beurteilen. Dieser Auffassung, der alle Reden und Versicherungen von Politikern ganz gegenstandslos erscheinen, entspricht auch die soeben gemeldete Nachricht, daß bien Türkei grundsätzlich jebe Entscheidung des Völkerbundes in der Mof - fulfrage ablehnen will.
Das Verhalten der Orientalien, insbesondere aller Mohammedaner zu Europa war vor dem Weltkriege ein wesentlich anderes als heute. Das mächtige, glänzende und in der ganzen Welt hoch angesehene deutsche Kaiserreich erlebten dem Orient als der eigentliche Prototyp der hohen Kultur und gewaltigen Machtfülle Europas. Dabei aber setzten alle Muselmanen auf den deutschen Monarchen, namentlich seit 1898 die Hoffnung, er werde sie gegen jede Vergewaltigung durch Europa schützen. Nast dem geistigen Trägheitsgesetz, das im Orient eine noch größere Rolle spielt als in Europa, erscheint Deutschland den Asiaten immer noch als eine Gröhe, die nur zeitweilig gelähmt ist. jcod) im Jahre 1920 trugen tatarische Arbeiter in Aser- beidshan bas Bildnis Kaiser Wilhelms, des „Beschützers aller Muselmanen" unter dem Hemde auf dem Herzen.
Nachdem nun die deutsche — wirkliche oder vermeintliche — Schutzwehr für den Orient durch den Versailler Vertrag beseitigt ist, tritt die über ganz Asien verbreitete, von Moskau aus sehr geschickt geschürte und unterhaltene Feindschaft gegen Europa in außerordentlich scharfer Weise hervor.
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