Die Optik im Dienste der Wissenschaft und Praxis.
Während um die Wende des Iahrhuirderts herum optische Instrumente der breiteren Oeffent- lichkeit so gut wie unbekannt waren, sind sie heute mehr und mehr in die Gebiete des All- gemeinwilsens eingedrungen. Damals ausschlieh- lich wissenschaftliche Hilfsmittel in der Hand des Mediziners, des Zoologen und des Forschers in der Gesteinslunde, bedienen sich ihrer heute nicht nur der praltische Arzt, der Lehrer, der Schüler, sondern auch in hervorragendem Mähe die verschiedensten Zweige der Industrie.
Den Wert des Mikroskops erkannte man schon vor mehr als einem Menschenalter durch seine erfolgreiche Verwendung in der Bakteriologie, wo es durch die Arbeiten von Robert Koch und Paul Ehrlich eine außergewöhnlich starke Verbreitung erfuhr. Auch der Schulunterricht in der Biologie, Physik und Chemie wurde durch die Einführung des Mikroskops in denselben bedeutend gefördert. Roch unbekannt ist, in welchem Ausmaß die Industrie optische Instrumente benutzt. Angefangen bei feinmechanischen Präzisionsarbeiten, wie sie z. D. die Uhrenindustrie liefert, die die feinsten Uhrteil- chen, Zahnrädchen, Lagersteine usw. nur optisch kontrolliert, bis zur fast rein wissenschaftlichen Kontrolle durch das Mikroskop in der Metall-Technik und Keramik, überwachen auch die Lederindustrie, die Nahrungsmittel- fabriken, die Textilindustrie ihrer Erzeugnisse mikroskopisch. Das in den beiden erstgenannten Industriezweigen benutzte Mikroskop unterscheidet sich von dem des Arztes in der Hauptsache durch die Beleuchlungsmethode. Wegen der völligen Lichtundurchlässigkeit eines Metalls mutz nämlich auf feine spiegelblank polierte, zu untersuchende Fläche das Licht konzentriert werden, woselbst es wieder reflektiert und durch das optische System in das Auge des Beobachters gelenkt wird. So zeigt das metallographische Bild, wie das Metall aus unendlich vielen kleinen Kriställchen zusammengesetzt ist, die für die technisch wichtigen Eigenschaften maßgebend sind. Don hoher Bedeutung für die Chemie insgesamt, besonders für die Farbstoffprüfung und biochemische Unter- suchuna sind die sogenannten Kolorimeter geworden, Apparate, die, wie ihr Rame schon sagt, auf Grund der Farbintensität die qualitative st.nd quantitative Prüfung eines Stoffes gestatten. Abgesehen von den dem Laien genügend bekannten photographischen Apparat en
und Fernrohren, ebenfalls Erzeugnisse der optischen Industrie, sind noch zu erwähnen die ganz neuen kleinen Lichtbildprojek- t i o n s a p p a r a t e, die heute in äußerst stabiler Bauart einer größeren Gemeinschaft in Vereinen, Schulen usw. schnell nicht nur die Wiedergabe von Postkarten, Kunstblättern, Landkarten und technischen Zeichnungen usw., sondern auch die Abbildung wissenschaftlich interessanter Objekte in Forni von Glasbildern erlauben. Auch die slimmerfreie Projektion des Films mittels eines besonderen Kinoprvjektors ist jetzt nach jahrelangen Versuchen gelungen.
Wenn man die Vielseitigkeit der Anwendungsmöglichkeiten optischer Instrumente in der Wissenschaft, Technik, in der Schule und schließlich im privaten Gebrauch überblickt, versteht man erst recht die gewaltige Entwicklung der optischen Industrie: sie hat durch die Schaffung geeigneter Instrumente ermöglicht, nicht nur den Aufbau der lebenden Materie kennen zu lernen, sondern auch in das leblose Innere der Metalle und Mineralien hineinzuschauen. Wieviel Arbeit und Mühe wäh- rerrd der jahrzehntelangen Entwicklung geleistet worden ist, kann nur der ermessen, der schon einmal Gelegenheit gehabt hat, in den Betrieb eines optisch-mechanischen Werks hineinzu- blicken, und der die Anfertigung einer Unsumme von Einzelteilen, von der kleinsten Oel-Immer- sionslinse bis hinauf zum größten Projektions- Objektiv, und die immer wiederkehrende Kontrolle der von den einzelnen mechanischen Werkstätten abgelieferten Rohbauteile gesehen hat, bis diese schließlich in den Iustier-Werkstätten ihre versandtgerechte Form als Lupe, Mikroskop, Kamera usw. erhalten. Bewunderungswert sind die Fortschritte, die auf dem Gebiete der künstlichen Beleuchtung der Präparate sowie in der binokularen Beobachtungsmöglichkeit erzielt worden sind. Auf die Mikroskope aufsteckbare Dinv- kular-Aufsätze erleichtern das Mikroskopieren ganz bedeutend, da einmal die Sehnerven bei gleichzeitiger Benutzung beider Augen lange nicht so schnell ermüden, wie bei der monokularen Betrachtung und endlich das Bild viel plastischer und wirkungsvoller ist.
Einen Ueberblick über die Anwendung optischer Uniersuchungsverfahren geben die anläßlich der Tagung der Hochschulgesellschaft am 11. und 12. Iuli stattfindenden Dorträge (siehe Anzeigenteil) und die gleichzeitige optische Ausstelümg im Vorlesungsgebäude.
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Ui. (57 Zweites blatt Sietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Mittwoch, 8. Juli 1925
Das wankende Piedeftal Frankreichs.
Die Entrüstung der Pariser Presse über den niigeblichen 'Abbruch der Handelsoertragsoerhand- Umgen durch die deutsche Delegation ist ausnahms- ivcise einmal echt. Der französische Handelsminister (shaumet soll sehr enttäuscht gewesen sein, als er L,on der Ablehnung der französischen Vorschläge durch Deutschland erfuhr. Da der deutsche Markt für die französische Wirtschaft eine ungleich größere Holle spielt als der französische Markt für die deutsche Wirtschaft, werden die französischen Jnter- cssenkreise hinter den Kulissen auf Chaumet ein- gewirkt haben, unter allen Umständen zu einem Abschluß mit Deutschland zu gelangen. Nun wird gleichsam als Rache für die unterbrochenen Wirt- ichastsverhandlungen von einer Reihe Pariser Zei- uingen ein enger Zusammenhang zwischen dem verschobenen Wirtschaftsabkommen und dem ins Auge gefaßten Garantiepakt konstruiert. Deutschland habe durch seine ablehnende Haltung bei den Han- delsoertragsverhandlungen aufs neue den Beweis geliefert, daß es ihm um eine wirkliche Aussöhnung der beiden Völker gar nicht zu tun sei. Wir könnten mit viel größerem Recht auf das jüngste Wirt- schastsdiktat Frankreichs auf dem Gebiete der Luft- jchiffahrt Hinweisen. Der geistige Vater und Verfasser der Flugnote, die der Botschafterrat am 21. Juni dem deutschen Geschäftsträger in Paris ausgehändigt hat, ist zweifellos der Minutsrkol- lege des französischen Hauptdelegierten Chaumet, der französische Außenminister B r i a n d. Die Haltung der französischen Handelsvertrags-Delegation und die Flugnote der Botschafterkonferenz stammen ahne jede Frage aus der gleichen Werkstatt. Die Franzosen sind in die Wirtschaftsverhandlungen mit uns in einer Gemütsverfassung hineingetrelen, die einen Erfolg von vornherein höchst zweifelhaft erscheinen ließ. Frankreich wollte die wirtschaftspolitischen Vorteile, die Elsaß-Lothringen nach dem Versailler Vertrag fünf Jahre lang im Warenverkehr mit Deutschland genießen sollte, um Jahre verlängert wissen. Die Reichsregierung hat sich mit Recht auf den Standpunkt gestellt, daß sie cs nicht als ihre Aufgabe betrachten könne, den -virtfchaftspolitisch nicht sehr glücklichen französischen Staatsmännern den schweren elsaß-lothringischen brocken verdaulich zu machen. Die französische Neuerung betonte weiter bei jeder Gelegenheit, daß iic Deutschland unter keinen Umständen die Meistbegünstigung gewähren könne. Statt von vorn- berein über die Zugeständnisse zu verhandeln, die sich beide Länder bei der Einfuhr bzw. Ausfuhr der cinzelnen Warenkategorien zu machen bereit feien, hoben sich die Delegationen der beiden Länder lber die Grundideen des Handelsvertrags unterhallen müssen, die unter normalen Verhältnissen gar einer Erörterung bedurft hätten. Da ist es ganz clbstverständlich, daß die deutschen Delegierten in ben Verhandlungen die Trümpfe dort nahmen, wo sie sie fanden: In dem höherem Interesse Frankreichs am Zustandekommen eines Handelsvertrages.
Der deutsche Delegationschef, Staatssekretär Irendelenburg, hat feinen Vorschlag aus Unterbrechung der Verhandlungen damit motiviert, daß es gar nicht mehr möglich sei, den beidersei- ngen Parlamenten vor ihrer Abreise in die Som- merferien auch nur eine provisorische Regelung des Wirtschaftsverkehrs zwischen den beiden Ländern oorzulegen. Wie verlautet, soll es fast Dreivierteljahre dauern, bis die offiziellen Verhand- lungen wieder ausgenommen werden.
Beim Wiederzufammentritt am 15. November wird sich das französische Parlament mit einer neuen großen Zollvorlage zu beschäftigen haben. Auch in Deutschland ist das jetzt zur Erörterung stehenden Zollgesetz bekanntlich nur ein Provisorium, das in ein später vorzulegen- dcs umfassendes Zollgesetz hineingearbeitet werden soll. Die nächsten Wochen werden Frankreich reichlich Gelegenheit geben, Vertragstreue und loyale Gesinnung gegenüber Deutschland zu betätigen. Die Wirtfchastsverhandlungen können zu einem spä-
tcren Termin mit viel größerer Aussicht auf Erfolg wieder ausgenommen werden, wenn 11130^)00 Frankreich feine Ruhroersprechungen pünktlich ein- gelöst, in der Frage der Räumung des Kölner Abschnittes Entgegenkommen bewiesen und in der Behandlung anderer schwebender Streitfragen diejenige Friedensbereitschaft betätigt haben "wird, die wir während der verflossenen sechseinhalb Nachkriegsjahre vermissen mußten. Allerdings sind damit auch die privaten Verhandlungen, die zwischen Vertretern des Bergbaus und der Schwer- industrie Deutschlands, Frankreichs, Belgiens und Luxemburgs stattgefunden haben, vorläufig gegenstandslos geworden, da sie ja erst dann in Kraft treten konnten und sollten, wenn die beteiligten Länder untereinander einen endgültigen Wirtschaftsvertrag abgeschlossen hätten. In der Nervosität, welche die Pariser Presse beim Abbruch der Wirtschaftsverhandlungen mit Deutschland bekundet hat, spielt zweifellos gekränkte Eitelkeit eine nicht unerhebliche Rolle.
Das Piedeftal, auf dem Frankreich feit November 1919 im diplomatischen Verkehr mit uns steht, beginnt vernehmlich zu wanken. Die französischen Staatsmänner sollten daraus sobald wie möglich den Schluß ziehen, daß sie von diesem Piedeftal herabsteigen müssen. Der Weg hierzu wäre die Initiative zu einer deutsch-französischen Konferenz, auf welcher alle unerledigten Streitfragen zu erörtern und zu entscheiden wären.
Zollkrieg mit Polen.
Der polnische Außenminister Graf S k r z h n s k i hat auf der Reise nach Amerika in Berlin einen Zug Überschlagen und diese Gelegenheit benutzt, um die feierliche Versicherung abzugeben, daß er nicht daran dächte, einen Zollkrieg mit Deutschland zu führen, daß er vielmehr auf den baldigen Abschluß eines provisorischen Handelsabkommens hoffe. Diese Versicherung ist ihm gewiß nicht ganz leicht gefallen. Der edle Graf fahrt nach Amerika offiziell, um dort einige kulturpolitische Vorträge zu halten, inoffiziell aber, weil die Polen Schwierigkeiten haben, die ihnen versprochene zweite Hälfte ihrer Anleihe in Reuhork flüssig zu machen. Unö diese Schwierigkeiten werden noch sehr viel größer werden, wenn man in Wallstreet sieht, daß die Polen nichts Besseres zu tun wissen, als mit uns Zollkrieg zu führen. Sie stützen sich zwar daraus, daß unser Interesse an einem normalen Verlauf der Wirtschaftsbeziehungen ebenso groß ist wie das ihrige. Das mag zahlenmäßig richtig sein, mir mit dem einen Unterschiede, daß, am Ganzen gemessen, Deutschland auf den Verkehr mit Polen zur Rot verzichten kann, während für Polen Deutschland der beste Kunde ist, während andererseits aber auch Polen feine Waren, die es in Deutschland nicht los werden kann, behalten muß, wogegen wir immer die Möglichkeit haben, den Ausfall in Polen anderswo gutzumachen und darüber hinaus einen Teil unserer Ausfuhr nach Polen auch trotz der Kampfzölle, die man in Warschau bereits beschlossen hat, uns abgekauft werden muh.
Es ist also keineswegs so, daß die Waffen in diesem Wirtschaftskrieg gleich verteilt sind. Die Polen sitzen ganz verzweifelt am kürzeren Arm des Hebels und wissen das auch. Deshalb war es sehr voreilig von ihnen, daß sie mit Einfuhrverboten und Prohibitiv-Zöllen uns glaubten einschüchtern zu können. Die Antwort von feiten des Reichsrats ist jetzt erfolgt und wird ihnen zeigen, daß sie besser daran tun, sich mit Deutschland gütlich zu verständigen. Daran, daß wir ihnen, wie bisher, wieder eine halbe Million Tonnen Kohle abnehmen, ist natürlich nicht zu denken. Riemand wird uns zumuten können, daß wir auf deutschem Gebiet unsere Kohlen auf die Halden stürzen, nur um polnische Kohlen zu kaufen. Immerhin haben wir ihnen angeboten, daß wir 100 000 Tonnen monatlich ihnen abnehmen wollen. Aber das ist nicht das einzige. Wir verlangen außerdem, und müssen das aus Grün
den der Selbstachtung verlangen, daß die Polen endlich aufhöhren, die Deutschen, die sie im Vertrage von Versailles und durch die erzwungene Abtretung Oberschlesienö bekommen haben, zu quälen, zu enteignen oder womöglich aus dem
Lande herauszuweisen. Sobald sie dieses Zugeständnis machen, sind die entscheidenden Schwierigkeiten für einen Handelsvertrag beseitigt, bei dem Polen sehr viel besser auf seine Kosten kommt als jetzt.
Der Prozeß gegen Angerstein.
Zeugenvernehmung. — Aussagen der Sachverständigen.
(Eigner Bericht des „Gießener Anzeigers". — Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit Quellenangabe gestattet.)
• Limburg, 7. Iuli 1925.
2. Tag.
Zu Beginn der heutigen Sitzung verkündet der Vorsitzende zunächst einen Gerichtsbeschluß auf Ladung von zwei weiteren Zeugen. Der Angeklagte hatte nämlich gestern behauptet, von Iugend auf sehr jähzornig zu sein. Er führte einige Beispiele dafür an. Es soll daher auch dieserhalb Beweis erhoben werden. Weiter ist nach der gestrigen Verhandlung nachzuberichten, daß der Vorsitzende dem Angeklagten nach Erörterung der einzelnen Mordfälle seine früheren protokollarischen Angaben, die ost mit seinen gestrigen Angaben im direkten Widerspruch stehen, entgegenhielt. Der Angeklagte gab an, durch die vielen Kreuz- und Querfragen in der Voruntersuchung ganz irre gewesen zu fein. In einem Falle erklärte der Angellagte, daß er früher absichtlich die Unwahrheit gesagt habe, damit sich die Oeffentlichkeit ein ungünstiges Urteil über ihn bilden soll: heute spreche er aber die Wahrheit. Auf die Frage des Vorsitzenden, ob er hierdurch ein günstigeres Urteil erreichen will, verneint dies der Qlngefiagte und erklärt, ihm seien die Sünden vergeben, er erwarte ruhig sein Schicksal. Bezüglich des Vorwurfs des Meineids. den Angerstein am 2. Dezember 1924 in Haiger geleistet hat, erklärte der Angeklagte, bei der damaligen Beeidigung nicht bei Besinnung gewesen zu fein. Weiter gibt er an, absichtlich falsche Angaben gemacht zu haben, er wollte mit dem Tode alles bezahlen.
Es wird nunmehr in die Beweisaufnahme eingetreten. Es erfolgt der Aufruf von 25 Zeugen, die seinerzeit bei dem Auffinden des Angeklagten, bei der Ausräumung der Villa und bei der Löschung des Brandes zugegen waren. Der Angeklagte gibt vorher auf Befragen noch an, daß, als er damals aus der Stadt zurückgekommen sei, er durch die Hoftür hindurch fein Haus betreten habe. Ob er sämtliche Leichen mit Benzin begossen hat, weiß Angeklagter heute nicht mehr, in früheren Protokollen seien, wie er hervorhebt, viel Unrichtigkeiten enthalten.
Die einzelnen Zeugen schildern nun, wie sie am Abend Hilferufe vernahmen, zunächst glaubten, daß jemand auf dem Bahnhof vom Eifenbahnzuge überfahren worden fei, dann, als sie den Rufen nachgingen, auf Angerstein stießen, der mit einigen Verletzungen auf der Wiefe unweit feines Grundstücks lag. Die Zeugen bekunden übereinstimmend, daß der Angeklagte jammerte, er werde verbluten, das ganze Haus fei voll Einbrecher, man solle nur seine arme Frau retten. Der größte Teil der Zeugen hatte den Eindruck, daß der Angeklagte bei voller Besinnung war. Es wurde eine Tragbahre herbeigeschafft und der Angeklagte zunächst in das Haus seines Rachbars Direktor Müller gebracht, wo er zunächst verbunden wurde. Rach kurzer Zeit stiegen aus der Villa Flammen auf, die Feuerwehr wurde alarmiert und man schritt zur Löschung. Da der Haupteingang zur Villa verschlossen war, wollte man ihn gewaltsam offnen, als einer der Zeugen feststellte, daß der Hintereingang offen sei.
Don Zeugen, die den Angeklagten und seine Frau näher kennen, wird befunbet, daß Anger- stein stets liebenswürdig und gefällig gewesen sei, daß ihnen auch nicht bekannt sei, daß feine
Che unglücklich gewesen: im Gegenteil habe Frau Angerstein sich über ihren Mann mehrmals lobend ausgesprochen.
Die Zeugen, die beim Löschen des Brandes tätig waren, schildern eingehend, wie sie die Leichen in den einzelnen Zimmern entdeckten und ins Freie schafften.
Der Zeuge Direktor Müller bekundet noch, daß der Angeklagte, als er am Sonntag die Schiehafsäre erwähnte, auch gesagt habe, c8 wären 2 Spitzbuben dagewesen. Der Angeklagte protestiert gegen diese Aussage mit einer abwesenden Handbewegung und erfiärt, der Zeuge, der ihm den ersten Verband angelegt hatte, hätte das lieber Unterlasten sollen. Cs stellt sich dann heraus, daß der Angeklagte mit dem Zeugen Müller vorher wegen Grund- stückskäufe Differenzen gehabt hat.
Erwähnenswert ist auch die Aussage des Zeugen Geiß, der einen Leichnam damals im Dunkeln aus der Villa ins Freie schaffte und dann in diesem feinen eignen Bruder erkennen mußte.
Der Zeuge Fuchs aus Haiger bekundet, daß in dem Schlafzimmer auf dem Fußboden neben den Leichen der beiden Frauen ein Revolver vorgefun- den wurde. Außerdem stand im Schlafzimmer eine Waschschüssel mit blutigem Wasser und unten im Seifennäpschen lag ein blutiges Stück Mull.
Der Onkel des ermordeten Dienstmädchens Minna Stoll erklärte, daß er beim Hause den Einsatz zur Kassette gefunden habe, am Zaun lag ein Salat- besteck und hinten im Garten die Geldkassette selbst.
Der Bauunternehmer Hering aus Haiger bekundet, 1916 oder 1917 habe, während er im Felde mar, seine Ehefrau in seinem Hause der Firma van der Zypen Räume vermietet. Damals lernte der Zeuge auch den Angeklagten kennen. Als der Zeuge aus dem Felde zurückkam, habe er gedrängt, die vermieteten Räume wiederzuerlangen. Rach längeren Verhandlungen hat Zeuge dann die Villa Angerstein im Auftrage der Firma Zypen erbaut 'Als Angerstein dort eingezogen war, habe er den Zeugen im Jahre 1921 einmal angeklingelt und behauptet, es wären Einbrecher in der Gegend. Auf Vorschlag des Zeugen wurden daraufhin schwere Eisenstangen an den Türen der Villa angebracht. Einige Wochen später habe Angerstein gemeldet, daß wieder Einbrecher erschienen seien. Da man nach dieser Richtung hin nichts ermitteln konnte, wurden von dem Prokuristen Nix der Firma Wachthunde angeschafft.
Rach einer kurzen Mittagspause stellt bei Wiederbeginn der Verhandlung Rechtsanwalt Dr. Herzfeld den Antrag, den von ihm zitierten Universitätsprofessor Dr. Herberts aus Bern als Sachverständigen zuzulassen und ihm auch zu gestatten, den Angeklagten in seiner Zelle auf seinen Geisteszustand zu untersuchen. Der Verteidiger begründet seinen Antrag in längeren Ausführungen.
Staatsanwalt Dr. Hofmann beantragt, diesen Antrag abzulehnen, da er diesen Sachverständigen nicht als unparteiisch ansehen kann, da dieser sich in seinem Werke „Derbrecherdäm- merung" nach einer bestimmten Richtung hin festgelegt habe.
Rechtsanwalt Dr. Herzfeld stellt den Antrag, falls Dr. Herberts als Sachverständiger abgelehnt wird, die Verhandlung auf 14 Tage zu vertagen.
Rach kurzer Beratung wird der Gerichtsbe- I schluß dahin verkündet, daß Dr. Herberts als Sachverständiger zugelassen, die Beobachtung des Angeklagten durch ihn aber nicht zugelassen wird.
Der Segen des Radio.
Von Alfred Döblin.
Das Kino war schon ein Fortschritt. Man brauchte nicht mehr dos Gerede zu hören, konnte auf die ganze Zunft der Autoren verzichten. Solch Drama verlief bisher als eine einzige schleichende Krise, mit langen Debatten, bei den Klassikern noch Monologe. Damit war es jetzt vorbei. Es kam Zug in die Sache. Die Bilder mußten Farbe bekennen, obwohl sie keine hatten. Man schaute die Bilder oder schaute sie sich nicht an; die Musik spielte egal weg „Tosco".
Aber man mußte hingehen. Das ist nun endlich in Fortfall gekommen. Man braucht nicht hingehen: das ist das Zeichen, unter dem das Radio siegt und siegen wird. Die neuen Künste haben freilich die merkwürdige Eigenschaft, daß sie einbeinig sortschreiten: entweder man sieht bloß oder man hört bloß (roenn man hört). Aber man braucht nicht hingehen.
Der Fortschritt ist, trotz des fehlenden einen Beins, zum Greifen. Früher: Der Abend zog näher schon, ich sollte ins Theater gehen. Gegen fünf begann das Hetzen mit der Arbeit, gegen sechs war ich nicht fertig, gegen sieben aß ich kein Abendbrot, gegen halb acht kam kein Autobus, fünf Minuten später hatte ich keinen Sitzplatz, 20 Minuten lang sicherte ich meine Taschenuhr und erduldete Librattonsmassage von unten. Jeder Zahnstummel erzitterte in meinen Kiefern, jedes Haar erbebte für mich. Im Vestibül brach ich zusammen unter dem Garderobenpreis, schleppte mich an meinen Sitzplatz unb versuchte zu schlafen. Ein Geruch weckte mich. Was für ein Geruch? Ich schnüffelte um mich. Man raß, Menschen fraßen Abendbrot. Ein pausbackiger Jüngling von zwanzig saß neben einer Iüng- lingin von zweiundzwanzig: die beiden verübten den Fraß. Butterbrot mit roter Schmierwurst roch ich. Er hatte zwischen den Knien ein Paket von 30 : 40: 50, mit Strippe verschnürt. Wie <ju_ einer Landpartie waren sie ausgerückt. Als das Stück begann, klopften sic Eier an der Stuhllehne auf. Als ie mit einer fteijen Papierforte knitterten, sah ich: ie waren bei Sahnebonbons. An denen schnalzten ie. Ein bedeutend älteres Paar vor mir verschlang während der drei Akte je vier Butterbrote (Klapp- siullen. drei Tafeln Schokolade, eine Tüte Pfefferminz, trank in der Pause zwei Schnitte Bier tnb er einen Kognak. Nach der Pause verirrten sie sich in meine Reihe, nannten mich, als ich nicht rechtzeitig aufstand, erst gar nicht, dann einen Esel: en passant traten sie mir auf den Fuß; jeder von ihnen hatte zwei Füße.
Das war vor acht Tagen. Vor drei oder vier ging ich ins Konzert. Als ich auf meinem Platz faß, stand eine Säule vor mir. Ich konnte sie nicht wegschieben, denn sie war angewachsen, aus Eisen, und ich bin nicht Simson. Die erste Piece war schon vorbei, die zweite beschäftigte ich mich mit dem Fortschieben der Säule, die dritte fluchte ich auf den schlechten Platz. Bei der vierten war mir die Laune verdorben; es war andauernd ernste, gebildete Musik; ich bin aber kein Schuljunge. Ich habe den Tag über scharf zu tun; der Komponist muß sagen, was mich angeht, nicht was ihn angeht. Ich kann nichts dafür, daß es ihm schlecht geht. Soll sich der Staat seiner annehmen. Sollen sich die Minister das an- hören. Man bezahlt sie dafür. Und als ich nach einer halben Stunde endlich schlief, konnte ich nicht schlafen; denn was wird das wieder für ein Nach- haufefahren werden.
Was ist mir zuletzt an einem Sonntag passiert. Es war eine Matinee in einem Theater, man spielte ein junges Stück. Im Verlauf der Vorführung begannen einige Leute im ersten Rang zu pfeifen, fabelhaft schön zu pfeifen, zu zwitschern, zu trillern. Es war hohe Kunst, was sie boten; man suchte sie durch Klatschen mit den Händen zu stören. Die Beifall klatschten, empörten sich mit Recht; denn es lohnte in der Tat nicht, das Stück auszupfeifen. Es war modern gemacht, sonst nur nett und sehr armselig. Zuletzt kam, auf das Pfeifen hin, ein kleiner Herr mit Hornbrille angelaufen; er war sehr blaß. Die beiden Hauptpfeifer standen schon im Parkett. Und wie sie ahnungslos ihrer hohen Kunst oblagen, hielt der kleine Herr vor ihnen, ohne daß sie es und ihn bemerkten, eine sprudelnde Rede und — klatsch. Es geschah etwas Verblüffendes. Der Kleine hatte dem Langen eine fjeruntergelangt, und der Lange — sagte nichts dazu. Er gab das Pfeifen auf. Er rieb sich die linke Backe. Neben ihm balgte man sich, wie sich Gebildete balgen. Ein schäbiges Hin- und Her- schupsen. Der Lange, ohne sich zu beteiligen, ging — hinaus. Ich wollte ihm nach, ich weiß nicht warum. Da stand schon der mit der Hornbrille auf der Bühne und sprudelte etwas von „Schweinerei". Und das Publikum, das Publikum — das klatschte. Das klatschte. Das klatscht heute noch Weiß Gott warum. Ich weiß es nicht. Ich sah nur: Es ist schauerlich. So, daß man weglaufen muß. Am nächsten Tage las ich: Dies war ein Strafgericht. Radio aber ist ein Segen. Man braucht nicht Misanthrop zu werden. Man geht nicht hin. Der Hauptbestandteil des Radios ist der Kopfhörer. Er hat etwas Unvergleichliches: Man kann ihn abnehmen. Denk dir, liebes Herz: zu jeder Zeit kannst du ihn abnehmen.
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