Ausgabe 
7.11.1925
 
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m. 262 Erster Blatt <d

U5. Jahrgang

Samstag, 7. November 1925

Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

vnlü und Verlag: vrühl'sche Univerfilätr-Vüch- und Zteindruckerei R. Lange in Stehen. Zchriftlettung und Seschastsstelle: Zchulstrahe r.

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Chefredakteur.

Dr. Friedr. Wilh. Lange.

Verantwortlich: für Polittk und Fevilleton Dr. Friedr. Wilh. Lange, für den übrigen Teil Ernst Dlumschcin; für den An­zeigenteil Hans Iüstel, sämtlich in Gießen.

Die innerpolitische Lage.

So zweckmäßig cs an sich auch wäre, im In­teresse einer ungestörten Weiterführung unserer Verhandlungen über die Rückwirkungen, alle inner­politischen Fragen zurückzustellen, bis wir außen- polttisch klares Blickfeld haben, so zwingen die Vor­gänge in der Reichshauptstadt doch immer wieder, sich mit ihnen zu beschäftigen. Man kann wahrlich nicht behaupten, daß die Parteien und ihre Presse dem Rumpfkabinett Luthssr das Leben leicht machen. Beide Delegationsführer, Kanzler wie Außenmini­ster, werden in ihren erläuternden Reden zur Pakt- Politik durch die Opposition in eine Verteidigungs- stellung hineingezwungen, die auf den Fortgang ihrer Verhandlungen mit den künftigen Vertrags­parteien keinen günstigen Einfluß haben kann. Wie- viel vorteilhafter wäre es, wenn die Leiter unserer Außenpolitik ihre ganze Kraft für die Durchsetzung der doch allen Parteien gemeinsamen Forderungen einsetzen könnten, statt wie jetzt über eine Pakt­auslegung herumzudisputieren, zu der.die Gegen­seite vorläufig nur ein bedeutsames Schweigen hat. Und darauf kommt es doch schließlich allein an, wir die Vertragspartner sich zu den Interpretationen der Herren Luther und Stresemann stellen. So­lange die Reden der deutschen Staatsmänner Mo­nologe bleiben, die bei den Kollegen in London und Paris kein Echo finden, kommen wir nicht vor­wärts. Wer von der Regierungserklärung des^wei- ten Kabinetts Painleoe eine Stellungnahme zur Paktfrage und dem schwebenden Problem der Rück­wirkungen erwartete, wurde bitter enttäuscht, lieber allgemeine Redensarten und liebenswürdige Kom­plimente an die Adresse Herrn Briands kam der französische Ministerpräsident nicht hinaus. In der Londoner Downingstreet sagt man überhaupt nichts mehr. Uebereifrige berieten jm ersten Feuer der Begeisterung schon Sitzordnung und Menukarte für die Unterzeichnungsseierlichkeiten, erwogen den Be­such Herrn Doumergues und ob man den Reichs­präsidenten von Hindenburg in das winterneblig unfreundliche London bemühen dürfe, aber davon ist es an der Themse nun auch still geworden.

Rur die Presse rätselt weiter, vor allem in Paris und hier in Gedankengängen, die bedenk- l i ch machen, wenn man Weisungen des Quai d'Orsay dahinter vermuten müßte. So, wenn der Petit Parisien" zur Funkrede Stresemanns er­klärt, daß die in Aussicht gestellte Besatzungserleich­terung und die sonstigen Zugeständnisse verab­redungsgemäß nicht eine Vorausset­zung, sondern eine Folge der Unterzeich­nung des Vertrags von Locarno seien. Aus keinen Fall könne Frankreich zugeben, daß die Abmachun­gen von Locarno ein Feilschobjekt und ein Druck­mittel würden, die Rückwirkungen vor Annahme der Vertrüge durch Deutschland zu erlangen, die Frankreich gewillt sei später von s e l b st zuzu­gestehen. Das ist eine Auffassung, die den bisherigen deutschen Darlegungen stracks zuwider läuft. Unser Vertrauen in Frankreichs Loyalität ist trotz der Versicherungen desPetit Parisien" seit dem Ver­tragsbruch vom 15. Januar von zahllosen frühe­ren Gelegenheiten gar nicht zu reden nicht so groß, daß wir uns bei der Unterzeichnung dieses einschneidenden Vertragswertes mit leeren Beteue­rungsphrasen bedürfen können. Wir müssen G a - r antien haben, tatsächliche, greifbare Beweise des guten Willens zu einem radikalen Kurswechsel in den deutsch-französischen Beziehungen, ehe wir den Gang nach London wagen, einen Gang, dessen letzte Strecke heute noch nimand zu überschauen vermag. Das sollte sich doch die Gegenseite aus der leb­haften Diskussion, die der Locarnovakt in Deutsch­land hervorgerufen hat, mit aller Deutlichkeit klar- gemacht hat, daß keine Partei, weder die Deutschnationalen, noch die Sozialdemokraten, noch die Mitte bereit ist, in der Frage der Zu­sagen in der Frage der Rückwirkungen zu verzichten. Es muß angesichts des innerpolitischen Desasters, das der Austritt der Deutschnationalen aus dem Kabinett Luther zur Folge gehabt hat, immer und immer wieder betont werden, daß keine deutsche Regierung, möge sie zusammengesetzt sein wie sie wolle, daran denken kann, bedingungslos den Locarnopakt zu unterzeichnen, wie man in Paris es offenbar von einem Ruck nach links zu hoffen beginnt.

Es ist zweifellos eine der schlimmsten Seiten un­serer heutigen politischen Lage, daß wir uns die Köpfe heiß reden und die Gegenseite abwartet, wäh- rend es doch umgekehrt sein sollte. Wir haben unsere Bedingungen formuliert; in Locarno sind unseren Unterhändlern bindende Zusagen gemacht worden, also warten wir ab, wie die alliierten Staatsmänner ihre Versprechungen einlösen. Wir haben mit unserem Paktvorschlag den ersten Schritt auf dem Wege einer europäischen Politik getan, wir haben mit unserer Beteiligung in Locarno den Be­weis des guten Willens, ehrlich mitzuarbeiten an der Befriedung Europas gegeben, warten mir also ab, ob man uns auf der Gegenseite folgt, ob man Anstalten macht, die Blöcke aus dem Wege zu räu­men, die einer deutsch-französischen Verständigung hindernd im Wege liegen. Lassen wir doch den an­deren Zeit, ihre Anordnungen zu treffen, lassen wir doch unseren Staatsmännern freie Hand, in den augenblicklichen Verhandlungen das durchzuseken, was ihnen in Locarno zugesagt wurde, ihr höchstes Jnteresie ist es gewiß, nicht von der Gegenseite sich Lügen gestraft zu sehen.

Aber statt dessen nehmen wir ihre ganze Kraft durch eine schleichende Kabinettskrisis in An­spruch, deren Vertagung bis nach dem positiven oder negativen Ausgang der Paktverhandlungen doch im Jnteresie aller Beteiligten liegen sollte. Bei den Mittelparteien bemüht man sich nun, eine voreilige Einberufung des Reichstages mit all ihren unübersehbaren Folgen zu verhindern. Daneben laufen, ebenfalls Ereignisse vorwegneh-

Mussolini und die Sozialisten.

Vielleicht war das Stichwort schon vorher da jedenfalls erklärt die internationale sozialistische Presie sowie was sonst gegen den Faszismus steht, den Mordanschlag auf Mussolini für eineSpitzel- tat". Die Sozialisten, die feit Jahren Mussolini jedes Verbrechen nachgesagt Haven, weisen selbst den Ver­dacht desindividuellen Terrors" weit von sich. Wenn auch nur ein Drittel der publizistischen An­griffe, die in sozialistischen Blättern gegen Musso­lini erschienen sind, gegen sozialistische Minister ge­richtet worden wären, so hätte das Geschrei über verbrecherische Mordhetze kein Ende gefunden. Nichts spricht nach Lage der Sache dagegen, daß der Mord- anschlag auf Mussolini keine Spitzeltat ist.

Der Faszismus will über den Parteien stehen, d. h. er will alle politischen Parteien überflüssig machen und beseitigen. Das ist seine Lehre, die er bisher mit unerbittlicher Folgerichtigkeit eingehalten hat. Die Energievergeudung durch Parteikämpfe soll verschwinden, weil Italien alle Energien braucht, um aus der verhältnismäßigen Enge seiner Grenzen heraus den Spielraum für die wachsende Bevölke- rung" zu gewinnen. Während vor dem Kriege die Jrredenta sich darin erschöpfte, auf die Adria und auf Südtirol zu hoffen, will der Faszismus eine Politik der kolonialen Ausdehnung, um die italienischen Auswanderer nicht weiter an Süd- unb Nordamerika zu verlieren. Möglich, daß diese koloniale Ausdehnung neue Reibungsflächen schafft, möglich, daß deshalb Mussolini am 4. Nooembewin Mailand auf das höchste Recht des Krieges verwies. Jedenfalls ist der Faszismus in die Zukunft ge­richtet, so daß er geschichtsphilosophische Spielereien, als sei er die Erneuerung des römischen Imperiums und die eigentliche Vollendung des Risorgimento, nicht braucht.

Was sich dem Faszismus an Resten alter partei­politischer Bildungen und Hemmungen in den Weg stellte, das hat er rücksichtslos zertrümmert und zer- schlagen. Am stärksten hat darunter der S o z ia l i s- m u s in all feinen Schattierungen gelitten, zumal er unmittelbar nach dem Kriege glaubte, in Italien die proletarische oder doch die sozialistisck-bureaukra- tische Diktatur errichten zu können. Dayer der Haß der internationalen Sozialisten gegen Mussolini und den Faszismus. ein Haß, der sich soweit steigerte, daß der belgische Sozialist Dandcroelde glaubte, in Locarno die Pflichten internationaler Höflichkeit verletzen zu dürfen. Mussolini wird sich kaum verletzt gefühlt haben, so sehr ihm auch persön­liches Selbstbewußtsein nachgesagt wird. Wohl aber hat sich der Haß der Sozialisten noch gesteigert, seit­dem bekannt geworden ist, daß Mussolini entschloßen war, den Sozialismus durch Verbot und Auf­lösung der freien Gewerkschaften völlig zu entwurzeln.

Tatsache ist, daß die soziale Lage der italienischen Arbeiter unter der Herrschaft des Faszismus sich nicht verschlechtert, sondern erheblich verbessert hat. Die Korruption des öffentlichen Lebens, die in Italien früher an der Tagesordnung war, hat an innerer und äußerer Heftigkeit der Erscheinung er­heblich nachgelassen. Wenn die internationalen So­zialisten sich heute doppelt und dreifach Mühe geben, dem Faszistenpöbel alle möglichen Ausschreitungen

menb, bedenkliche Tendenzen nach Umbildung der Regierung im Sinne der Großen Koali­tion. Das Zentrum, dessen Presse anfangs mit mehr Stimmaufwand als Logik Reiaisiag^austo- sung und Neuwahlen propagierte, schickt sich an, mit der ihm eigenen Feinfühligkeit für kommende Dinge das Steuer herumzuwerfen, um den An­schluß an eine neue, unter Umständen linksorien­tierte Negierung nicht zu verpassen. Es muß eben unter allen Umständen mit dabei sein, trotz der heftigen Feindschaft, die noch vor wenigen Wochen in der Steuer- und Zollpolitik Zentrum und So­zialdemokratie trennte. Mit bewunderungswürdiger Eilfertigkeit haben die Zentrumsführer die Initia­tive an sich gerissen und spielen nun die Vermittler­rolle zwischen der Deutschen Volkspartei und den Sozialdemokraten. Vorläufig scheinen ihre Bemü­hungen aber ohne Erfolg geblieben zu sein.Die sozialdemokratische Reichstagsfraktion hat gestern nachmittag beschlossen, die Haltung des Frattions- vorstandes zu billigen, d. h. also, die Sozialisten werden das Vertragswerk von Locarno in die - s e m Reichstag nicht gegen die Stimmen der Deutschnationalen zur Annahme verhelfen, sondern auf Auslosung des Reichstags und Neuwahl hin- arbeiten. Wir haben schon mehrfach betont, warum wir Neuwahlen vor Erledigung der Paktfrage im außenpolitischen Interesse für inopportun halten. Neuwahlen mit der Parole für oder gegen Lo­carno winden unseren Staatsmännern in ihren Verhandlungen um die doch allen Parteien gleichermaßen am Herzen liegenden Rückwirkungen die beste Waffe aus der Hand. Man wartet auf der Gegenseite eben ab, wie das Volk entscheidet, ohne sich um irgendwelches Entgegenkommen bemühen zu brauchen. Die Sozialdemokraten hätten besser ge­tan, den Evaapfel der kommunistischen Versucher unbeachtet zu lassen. Der Reichskanzler steht nun vor der Frage, ob er vor der Unterzeichnung in London das Vertragswert von Locarno mit den inzwischen erreichten Rückwirkungen dem Reichstag vorlegen soll, oder ob er ohne den Segen des Par­laments nach London gehen und erst bei der Ratifikation der Verträge den Kampf im Reichstag aufnehmen soll. Es ist zu hoffen, daß der Kanzler sich die Initiative nicht aus den Händen gleiten läßt. Die harten innerpolitischen Kämpfe der letzten Tage, die in ihrer Form leider häufig die Grenze des politisch Anständigen hart streiften, scheinen ihn müde zu machen. Aber die Parteien dürfen nicht wieder Oberwaffer bekommen und mit der Re-

nachzusagen, wenn sie immer wieder an ihren Blut­zeugen Matteotti erinnern, so darf nicht vergessen werden, wie die von Sozialisten verführten und geführten Massen ihre Herrschaft in Italien zu be­gründen suchten. Das hatte mit sozialistischer Men­schenliebe nichts mehr gemein, das war der Aus­bruch eines unterirdischen Hasses, der in seiner Aus- Wirkung aus Italien eine bolschewistische Hölle machen muhte. Der Faszismus hätte niemals die lebendige Kraft gewinnen können, wenn nicht zuvor die Missetaten der sozialistischen Diktatur den Willen zur Selbsterhaltung und zur nationalen Selbstbe­hauptung in dem italienischen Volke wieder wach­gerufen und gesteigert hätten.

Verhaftungen und Verbote.

Rom, 6. Rov. (WB.) Durch eine Ver­fügung von heute ist die ZeitungVoce 2t e» u b T i c a n a bis auf weiter cs verboten worden mit der Begründung, daß sie gestern die Meldung über daS Attentat gegen Mussolini als einangebliches Attentat" gebracht habe. Das Organ der Katholischen Volk-Partei, 31 P opol o", ist gestern und heute nicht erschienen. Man weih nicht, ob eS verboten wurde oder aus eigenem Antrieb nicht erschienen ist. Die oppositionelle Zeitung31 Mondo" wurde beschlagnahmt. 3n Genua wurden die Berichterstatter der kommunistischenllnita und deSAvanti" verhaftet. Sie find Mit­glieder der Loge in Livorno. Die Anordnungen der italienischen Regierung aufDesehungder Freimaurerlogen und Auflösung der ilni- tarisch-Sozialistischen Union sind im ganzen Lande durchgeführt worden. Zu Zwischenfällen ist es nicht gekommen. Rach einer Meldung des Seccvlv" wurden in Mailand zwei weitere Personen verhaftet unter der Anschul­digung, an der Vorbereitung des Kom­plottes beteiligt zu sein. Außerdem wurde der Redakteur desPopokv", © u a g 11, in Rom verhaftet.

FaszistentumulLe in Triest

Triest, 7. Rov. ($11.) Als am Mittwoch 6 ilfyc abends die Rachricht von der Aufdeckung des Mordanschlags gegen Mussolini bekannt ge­worden war, veranstalteten die Faszisten einen Demonstrationszug durch d'.e Straßen. Rach Verwüstung der Räume des oppositionellenSera" drangen um 10 älhr abends 120 Faszisten in die Redaktion des slowenischen BlattesCdinvst" ein, rich­teten dort eine große Zerstörung an, warfen Archiv und Manuskripte auf die Straße und setzten den Maschinerrsaal in Brand. Der ange­richtete Schaden beträgt ungefähr 800 000 Lire. Als gegen Mitternacht die Demolierung der Räume desEdinost" in Laibach bekannt wurde, sammelte sich dort eine große Menschen­menge vor dem italienischen Konsulat und brachte Schmährufe gegen Mussolini und den Faszismus aus. Ern größeres Polizeiauf­gebot zerstreute die Demonstranten.

gierung Fangball spielen, wie es in früheren Jah­ren zum Schaden des Volkes Usus war. Der Reichs­kanzler muß wieder die Zügel anziehen und unbe­irrt von den Ränken der Parteien den Weg fort- setzen, der ihm der richtige dünkt.

Die Sozialdemokraten für Auflösung der Reichstages.

Berlin. 6. Rov. (TA.) Die sozialdemo­kratische Reichstagsfraktion hat am Freitag nach­mittag in 3V?fti«b:ger Sifung den Bericht des Vorstandes Wer die politische Lage entgegen» genommen und ist zu dem Beschluß gekommen, daß sie die Haltung des Fraktions- Vorstandes billigt und ihn beauftragt, sich wegen der a'Sbaldlgen Einberufung des Reichs­tages mit d:rn Reich-tagsprasidenlen Loebe in Derbinduna zu sehen.

Der Beschluß des Fraktionsvorstandes vom 28. Oktober ging bekanntlich dahin, daß sich durch den Austritt der deutschnationalen Minister auS dem Kabinett an der scharfen Oppositons stellung der Sozialdemokratie gegen die Regierung Luther nichts geän­dert hat. Die Sozialdemokratie, so hieß es in dem Beschluß weiter, kann nicht daran denken, die Deutschnationalen aus der Verantwortung zu entlassen und in diesem Reichstag den Ver­trag von Locarno, in dem sie den großen Er­folg ihrer eigenen außenpolittschen Richtlinien erblickt, gegen die Stimmen der Deutschnationalen zu ratifizieren. Sie sieht den geeigneten Weg zur Lösung der Krise in der Befragung des Volkes vermittels der Auflösung des Reichs­tages.

Zum Besuche

des Reichspräsidenten in Darmstadt und Frankfurt.

Darmstadt, 6. Rov. (WSRH 3n Rücksicht darauf, daß der Reichspräsident gebeten hat, von einem offiziellen Empfang abzusehen, ist die be­reits erteilte Genehmigung der hessischen Regie- runa an die Regimentsverbände, dem Reichs- Präsidenten von Hindenburg einen Fackelzug darzubringen, zurückgezogen werden. 3n Frankfurt wird anläßlich der Anwesenheit des Reichspräsidenten am Freitag, dem 13. Ro- vomber im Opernhause eine Fest vor stellung bei großen Preis« statrsindem.

Rußlands Bündnissystem

Verträge mit Italien rnb der Türkei?

London, 6. Noo. (Wolff.) Nach einer Neu- Yorker Meldung veröffentlicht dieNeuyork World" einen angeblich im vorigen Jahre unterzeichneten Geheim vertrag zwischen Italien und Rußland. Der Vertrag, der den Nahen O st e n in Interessensphären teilt, beginnt mit der (fi Kö­rung, daß die russischen und italienischen Interessen in Osteuropa identisch seien, und enthält folgende Verpflichtungen: Italien verpflichtet sich für den Fall eines russisch.türkisch en Kon­fliktes nicht zur Entsendung von Truppen, wohl aber zur Unterstützung Rußlands auf diplomati­schem Wege. Weiter verspricht Italien Rußland so gut wie freie Hand in Rumänien, das als Gebiet bezeichnet wird, in dem keine Interessen­gegensätze zwischen Rußland und Italien bestehen. Rußland verpflichtet sich für den Fall eines i t o 1 i e- nifch-türkifchen Konfliktes zur militäri­schen Unterstützung durch Entsendung von Truppen und Einsatz von Seestreitkräften. Weiter erklärt sich Rußland bereit, die Entwicklung der italienischen Sonderinteressen in Jugoslawien nicht zu be­hindern.

DieTimes" bemerkt hierzu, sie habe diesen Wortlaut feit einiger Zeit besessen, aber nicht veröffentlicht, da er ohne die Ermächtigung der italienischen Regierung von den Gegnern der italienischen Regierung in Um- l a u f gebracht worden sei. Nachdem nun aber der Wortlaut von anderer Seite veröffentlicht wor­den sei, werde es notwendig sein, daß offen erklärt werde, ob er e ch t sei ober nicht. Die offi­ziöseAgenzia S t e f a n i" dementiert denn auch prompt die Richtigkeit der Meldung. Merkwürdig ist, daß mit dieser Nachricht von einem gegen die Türkei gerichteten Vertrage eine Meldung aus Mos- lau von dem Abschluß eines r u s s i s ch -1 ü r k i - schen Bündnisses zeittich zusammenfällt. Da- nach sollen die seit zwei Monaten zwischen dem türkischen Gesandten in Moskau, S e k i Bey, und Litwinow geführten Verhandlungen zu folgen­der Vereinbarung geführt haben: Die Union und die Türkei gehen in der M o s s u 1 f r a g e und hinsichtlich der Leitung der muselmanischen nationalen Bewegung sowie in bezug auf Locarno zusammen. Die Türkei verpflichtet sich, die sowjetrussische Politik im Orient zu unter* stü tz e n. Die Unterzeichnung der Vereinbarungen findet Ende November gleich nach der Rückkehr Tschitscherins in Moskau statt. In diesem Zusam­menhang ist der für Dezember durch die kommu­nistische Internationale nach Baku einberufene Kon­greß der muselmanischen Volker verschoben worden.

Um die Räumung Kölns.

Der Beschlaft brrBotschafterkanferenz.

Paris, 6. Rov. (TA.) Die Botschafter- konfereaz ist heute vormittag zur Beratung über die letzt« deutsche Abrüstungsnote zusammen- gotreten. Das bet Ausgang der Sitzung herauS- gegebene Kommunique besagt, datz von den Dut- achten des interalliiertes Mllittnori^ees zu der letzten deuttchen Abrüstungsnote Kenntnis ge* nominell wurde. Auf Grund die'es Berichtes bat die Dotschafterkvn^erenz den Text einer Mittei­lung festgelegt, die dem deutschen Botschafter in Paris übergeben wurde. Die Dotschafterkonseven) bittet darin die deutsche Regierung um gewisse Aufschlüsse in der Hoffnung, d«H die deutsche Antwort den Alliierten erlauben wird, ein Sa­turn für den Beginn der Räumung der Kölner Zone in Erwägung zu ziehen. Sie Wünsche, auf die sich die Anfrage der Bvtschafterkvnferenz bezieht, sind folgende:

1. Aeubildung des großen Sene-a'stabes.

2. Sondierung der Sicherheitspolizei.

3. Militärische Ausbildung der Jugend- Verbände.

Vor der Sitzung empfing Briand den Vor­sitzenden 3u'e3 Cambon, den englischen Bot- schaster Lord Crewe und den deutschen Bot­schafter von Hösch. DerTemps" hebt hervor, daß ein Datum für die Räumung der Kölner Zone nicht festgesetzt tourte. Davon könne überhaupt keine Rede fein, solange Deutschland nicht die letzten Abrüstungsverpflichtungen er­fülle. Man könne annehmen, daß dies b i S Ende des 3ahres der Fall sein wird. Die Alliierten werden bann, sobald die inter­alliierte Kontrollkommission offiziell die Aus­führung der Abrüstung.k au^el durch Deutschland festgestellt hat, feststellen, daß der Räumung der Kölner Zone nichts mehr im Wege stehe. Der3ntraniigeant will wissen, daß die deutschen Bots'a^er von Berlin aus angc/ie'en wurden, bei den alliier'en Mächten wegen Er-' füllung der in Locarno gegebenen Versprechen vorstellig zu werden.

Aus Kreisen der Pari'er deutschen Botschaft wird erklärt, daß die heutige Unierrebimg deS deutschen Botschafters nur im Rahmen der lausenden Verhandlungen erfolgte, die feit dem Ausgang der Konferenz von Locarno wieder­holt jede Woche stattsanden.

Das neue englisch besetzte Gebiet.

K i» l u. 6. Rod. (W2D.) Wie mitgeleilt wird, werben a'S neue Standorte für die enc- lische Rhemsrmee die Kreise Mrrssaden Land, Lang«nsch!v«BaZ tat) öle etihte Biebrich, 3^'ein und Konigsiein vvr- ge'ehen. Der eng'sch' Gebietsteil wirb alle nassauischen Teil« südlich der Lahn mit Ausnahme bet Kreise Diez, Ct Er- shaufen, Rüdesheim und des besetzten Teiles des KreiseS Limburg UMsssseu.