Ausgabe 
7.9.1925
 
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Nr. 209 Erster Blatt

175. Jahrgang

Montag, Z. September (925

GietzenerAilzeiger

General-Anzeiger für Gberhefsen

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Der Kampf in den britischen Gewerkschaften

Bor dem Gewerkschaftskongreß in Scarborough.

London, 7. Sept. (IU.) Heute beginnt der mit großer Spannung erwartete diesjährige Gewerk­schaftskongreß in Scarborough. Die im vergangenen Sabre vertagte Entscheidung zwischen der g e - mäßigten Führung und der sogenannten Min- derheitsbewegung, wohinter sich der englische Kommunismus verbirgt, wird in diesem Jahre ausgekämpft werden. Man spricht von einer roten Revolution gegen die Parteileitung. Sie richtet sich in erster Linie gegen den Parteiführer Mac- d o n a l d und gegen die alten Führer im allge­meinen. Die Personen verkörpern dabei zwei ver­schiedene politische Prinzipien. Hinter Macdonald stehen die Vertreter der Evolution, hinter seinen Gegnern, die von dem früheren Gcsundheits- Minister W e a t l e y geführt werden, die Revolutio­näre. Sie wollen den ilampf und durch Lahm­legung der Industrie' und des Der- kehrs die Macht im Staate erringen. Seit dem Sturz der Arbeiterregierung hat diese Be­wegung innerhalb der Gewerkschaften stark an Bo­den gewonnen und beherrscht sie heute fast vollstän­dig, wenn auch nicht zahlenmäßig. Die Minderheits- bewegung kann jedoch schon morgen eine Mehrheits­bewegung werden. Der Präsident des Gewerksämsts- kongresses, S w a l e s . ist auch ein Radikaler. Aeußerlich geht der Streit um die Frage der Zu­lassung der Kommunisten zur Mit- aliedschaft derArbeiterpartei. Von dem Ausgang der Tagung erwartet man starke Rückwir­kungen auf die politische Lage. Gewinnen die Ra­dikalen, so sind schwere Erschütterungen des poli­tischen und wirtschaftlichen Lebens in England ge­wiß. Da Macdonald Samstag und Sonntag als Gast des KOnigs in Balmoral weilte, wird er sich direkt vom König zum Kongreß begeben, worauf in der Arbeiterpresse besonders hingewiesen wird. Wie verlautet, wird er während der Tagung nicht das Wort ergreifen und man nimmt an, daß er fein A m t als Parteiführer wahrscheinlich verlieren wird, da selbst bei den Gemäßigten feine Stellung als erschüttert gilt. Snowden hat heute bedeutend mehr Ansehen innerhalb des ge­mäßigten Flügels der Arbeiterpartei als Macdonald.

Der Internationale Friedenskongreß.

Paris, 6. Sept. (WTB.) Der internationale Friedenskongreß hat im Verlaufe der legten Llr- beitssißung eine Reihe von Entschließungen gefaßt. So verlangt er, daß der Völkerbund auf die nächste Tagesordnung die wirtschaftliche Organi­sation des Friedens setze. Die ständig wach­sende- Annäherung der europäischen Staaten und das Bestreben, eine Zollunion unter ihnen herzu- stellen, werde bewirken, daß sich die Menschheit wie­der in Sicherheit und in Frieden an die Arbeit machen könne. Eine weitere Entschließung, daß der Marokkokonflikt dem Völkerbund un­terbreitet werde, damit dieser für eine gerechte Lösung sorge. Der Friedenskongreß entbietet den Opfern des Kolonialkrieges seinen Gruß, spricht an- qestchts des gegenwärtigen Rifkrieges in Marokko feine Entrüstung aus. Der Marokkokrieg und die Schwierigkeiten in Aegypien, Syrien und Ehina und anderwärts beweisen, daß die Kolonialfragen und die Frapen, die sich auf die Länder mit beschränkter Souveränität beziehen, sowie endlich die Beziehun­gen der Rassen untereinander, einer vertieften und ständigen Prüfung unterzogen werden müssen. Als­dann beschäftigte sich der Kongreß mit den Fragen, die der Ausschuß für die Sicherheit und A b - ruftung geprüft hatte. In der von der Kommis- hon ausgearbeiteten Tagesordnung wird die voll­ständige Aufhebung der militärischen D i e n ft p f I i cf) t verlangt, außerdem Straflosigkeit für Verstöße gegen diese allgemeine Dienstpflicht, in den Ländern, in denen sie noch weiter bestehen soll. Diese Kommisfionsentschließung wurde von dem französischen Delegierten Duisson be- kämpft, der sich gleichfalls gegen die Dienstpflicht ausirad), ohne es jedoch in das Belieben des ein­zelnen zu stellen, ob er sich der Dienstpflicht ent- ziehen will ober nicht. Die Abstimmung ergab eine ilnnahme der Entschließung Buisson mit 193 gegen 144. In der Vormittaassißung wurde im übrigen noch eine besondere Entschließung ein­stimmig angenommen, die sich mit den deutsch- sranzöfischenBezie Hungen beschäftigt und in der das Bedauern darüber ausgesprochen wird, daß diese beide Länder, von denen legten Endes der Friede Europas abhänge, noch nicht dienst- wendigenGesten gemacht hätten, ober hät­ten machen können, um klare loyale und herzliche Beziehungen zueinander herzustellen.

Rechtsbeugung im Saargebiet.

Saarbrücken, 6. Sept. (SIL) Der Redak­teur Franke von der .Saarbrücker Zeitung" hat seinerzeit dem damaligen Minister Hector, einem Arzt und ehemaligen Bürgermeister in Saarlouis den Vorwurf eines schweren Be­truges durch Fälschung einer vom Saar­louiser Stadtrat einaereichten Denkschrift bei der stanzösischen ^.leberieyung gemacht, weshalb Franke einen Beleidigungsprozeß ange­strengt hatte. 3m Verlauf des Prozesses, den Hector zurücknchmen mußte. Hal Hector bewußt einen Meineid geleistet, daß er einen gewissen

Nach der Iuristen-Konserenz.

Die Paktfrage in Genf.

Paris. 6. Sept. (IDIB.) havas berichtet aus Genf, daß die Außenminister Englands, Frank, reich» und Belgiens und der Vertreter Italiens im VSlkerbundsrat Freitag abend beraten haben, mel- ches Verfahren man nach der Konferenz der juristi­schen Sachoerständigen gegenüber einzuschlagen haben werde. Sie hätten es für richtig gehallen, die Sonderkonferenz abzuhalten, die sich mit der Prüfung des von den Juristen ausgearbeiteten Entwurfs zu besoffen und zu der auch der deutsche Außenmini st er eingeladen werden würde. Die vier Vertreter der alliierten Staaten feien übereinstimmend der Ansicht gewesen, daß nach den Londoner Besprechungen diese neue Konferenz verwirklicht werden würde. Nichts- deftoweniger könne der Zeitpunkt dafür noch nicht sestgelegt werden, und f chliehlich komme Gens dafür auf keinen Falt in Frage. Ls verlautet, daß Mussolini den Wunsch geäußert habe, an der Konferenz teilzunehmen. und Rom als Ort der Zusammenkunft vorgeschlagen habe. Freilich werde es in Genf als unwahrscheinlich belrachtet, babble Zusammenkunft in Rom stattslnden werde. Man erwartet, daß der Bericht der alliierten Juristen am Montag ober Dienstag in Gens eintreffen werde.

Der Sonderberichlerstaler desPetit Journal" in Genf hat den belgischen Außenminister über feinen Eindruck von den Sicherheitspaklver- handlungeu befragt. Vandervelde wies In feiner Antwort darauf hin. daß der in der Presse ge­brauchte Ausdruck, in Gens würden die Minister den Slcherheltspakt noch o b f e i l e n. die Tatsachen richtig roiebergebe. Abgesehen von zwei ober brei Plinkten, die noch nicht entschieden seien, herrsche unter den Regierungen eine einmütige Auf­fassung. Heber die Innerpolitische Lage in Bel­gien erklärte Vandervelde, man könne sich auf eine sehr hestige Diskussion, ja sogar aus Konflikte in Belgien gefaßt machen, was aber die belgische Außenpolitik und die Beziehungen Belgiens zu seinen Alliierten betreffe, so könne wohl gesagt werden, daß es in Belgien keine Parteien gebe. Seit den Londoner Abmachungen und seit der An­nahme de--' Dawesplanes fei die Aufgabe des belgi­schen A,' Ministers sehr viel leichter geworden. Ganz Bt i spreche durch den Mund Hymans und den fein. wenn er, Vandervelde, erklärte, er fei mit Ehamberlain ober Brianb einig, so bedeute dies, daß gab; Belgien mit seinen Allierten einig sei.

Oesterreich vor dem'Kerbund.

Genf, 5. Sept. (TU.) Nachdem die Behand­lung der Mossulfrage von dem Völkerbundsrat einem besonderen Komitee übertragen worden ist, richtet sich die allgemeine Aufmerksamkeit auf die Verhandlungen über di e finanzielle Lage Oesterreichs und die Lockerung sei­ner Finanzkontrolle. In Genfer diploma- tischen Kreisen beherrscht das österreichische Problem die Gespräche. Mit besonderem Interesse wurde die Aeußerung Beneschs besprochen, der, im öster­reichischen Komitee erklärt hatte, das österreichische Problem wäre in erster Linie ein politisches und kein finanzielles. Man erwartet allgemein nach diesem Ausspruch, daß Oesterreich dos Ent­gegenkommen des Völkerbundes in der Finanzkon­trolle mit einem neuen Versprechen wird be- zahlen müssen, auf den Anschluß an Deutsch­

land z u verzichten. Die in Genf anwesende österreichische Delegation wird ein der­artiges Versprechen leichten Herzens übernehmen. Die franzosensreundliche Einstellung des österreichi­schen Außenminister? Mataja ist allgemein be­kannt. Auch seine Umgebung unterscheidet sich in die fer Beziehung nicht von ihm. Es ist tief bedauerlich, daß Oesterreich in diesen, für sein zukünftiges Schick- sal so wichtigen und so entscheidenden Tagen in Genf derartig vertreten ist, und daß die Mehr­zahl der österreichischen Bevölkerung, die den An­schluß an Deutschland erstrebt, in Genf keinen Ver­treter hat, der ihren Empfindungen und Wünschen Ausdruck verleihen könnte. Mit ernster Besorgnis wird man daher den weiteren Verhandlungen des Oesterreich-Komitees entgegensetzen müßen.

DaSDöllerbundü'ekretariat vcrössen.licht einen längeren AuSzug aus dem Bericht der beiden Sachverständigen Bist und Lahton über die wirtschaftliche und finanziell« Lage Oesterreichs.

Der Bericht vermeidet es, den Anschluß an D eu t s ch l a n d auch nur in den Bereich einer entfernten Möglichkeit zu ziehen. Statt dessen wird Oesterreich als unbedingt lebens­fähig hingestellt. Durch ausländische Kredite hätte Oesterreich sein Schattenleben writerführen und das Handelsdefizit decken können. Der außer­ordentlichen Aktivität der österreichischen Bevölke­rung sei es gelungen, d.e schlimmste Katastrophe zu überwinden. ID i en sei der wichtigste Platz im Austausch der Waren und in der Vermitt­lung der Kredite zwischen dem Orient und den Donauländern. Beruhigend fei die Stabili­tät der Währung, die allen Anfechtungen bisher standgehalten hätte. Sehr ernst sei das Problem der Arbeitslosigkeit. Die Ur­sache hierfür sehen die Sachverständigen in der Senkung der Preise. Die Produktion der österreichischen Industrie stehe zur Zeit mit 20 bis 25 Prozent hinter der Friedensproduktion zurück. Der Austauschhandel erreiche nahezu 60 Prozent des FriedenSumfangeS. Die Zollgrenzen Oesterreichs behinderten den Handel in verhängnisvoller Weise. Ogleich die anderen Donaustaaten gleich lls Opfer der Zoll- polttik seien, habe doch keiner von ihnen so zu leiden, wie Oesterreich. Oesterreich sei in seinem heutigen Umfang. wenn die Zollgrenzen gelockert werden, und wenn man seiner In­dustrie die Arbeitsmöglichkeit wiedergebe, in der Lage, sich zu erholen.

Keine Fremdenausweisungen in Oesterreich.

Wien, 5. Sept. (Wolfs.) Die Mitteilung Berliner Blätter, daß in Oesterreich ein Gesetz­entwurf gegen die in Oesterreich beschäftigten ausländischen Arbeiter eingebracht worden sei, beruht auf einem Irrtum. Der Gesetzentwurf zum Schuhe des inländifchen Arbeitsmarktes wird lediglich die Aeueinstellung auslän­discher Arbeiter und Ange st eilten für die Zukunft beschränken. Seine Gel­tung ist ausschließlich auf die Dauer der gegen­wärtig auf dem Arbeitsmarkte herrschenden Krise beschränkt DaS Gesetz wird die bereits hier in Beschäftigung stehenden Ausländer nicht be­rühren. Außerdem ist kein absolutes Ver- b o t beabsichtigt, sondern es soll den zuständigen Behörden anheimgestellt werden, die Einstellung von ausländischen Arbeitern und Angestellten in bestimmten Fällen zuzuläsfen. Endlich räumt das Gesetz die Möglichkeit zwischenstaatlicher Ver­träge auf der Grundlage der Gegenseitigkeit ein.

Brief nicht geschrieben und abgesandt habe, der ihn im Zusammenhang mit verschiedenen Aus- i'- ifungen schwer kompromittierte. Erft später hat sich Hector als Schreiber bekannt und seine eidliche Aussage richtiggestellt und wurde dann aus der Regierungskommission ausgeschifft, ohne daß ein Verfahren wegen Meineids gegen ihn eingeleitet wurde. Darauf stellte Redakteur Franke den Antrag auf Straf­verfahren gegen Dr. Hector wegen Meineids und widerrechtlicher Aneignung und Beseitigung von Alten auS dem Staatsarchiv von Saarlouis, der jedoch sowohl von der Staatsanwaltschaft als auch von dem Obersten Gerichtshof in Saarlouis eigenartiger Weife abgelehnt wurde. Run- mehr veröffentlicht die »Saarbrücker Zeitung" ein Schreiben des französischen Prä­sidenten Rault der Regierungskommisfion an Hector, worin er mitteilt, daß er den Justiz- Minister Graf Moltke-Huitfeld (einen Dä­nen) angewiesen habe, den Generalstaatsanwalt Berg dabin zu verständigen, daß die Einleitung eines Verfahrens gegen Hector nicht ange­zeigt erscheine. Die ^Saarbrücker Zeitung" stellt fest, daß mit dieser Feststellung einer schweren Rechtsbeugung auf Wunsch des Saar- gebietspräsidenten Rauft das ganze Ansehen der saarländischen Justiz in Frage gestellt ist.

Ein neues französisches (Tontumaclalurteil.

Paris, 7. Sept. (XU.) Das Kriegs­gericht der C. Region verurteilte den ehemaligen deutschen Generalmajor von Etzel, Komman­deur der 33. Kavalleriebrigade, in Abwesenheit 8 um Tode. Seine Truppen sollen 1914 in Revigny (Departement Weufe) geplündert und eine Anzahl Häuser in Brand gesteckt haben.

Dr. Wir-'h unb das badische Zentrum

Eine (Erklärung Wirths auf den» badischen Zentrumsparteitag.

Offenburg i. Baden. 6. Sept. iWD.) Aus dem Parteitag der badischen Zentrumspartei gab außerhalb der Tagesordnung der Reichstags- ahgeordnele Wirth eine Erklärung über seinen Austr111 aus der Reichs t agsf rak- t i v n des Zentrums ab. Er erklärte, er habe niemals den Gedanken gehabt, eine neue Partei zu gründen. Der Sinn seines Schrittes sei ge­wesen, den christlichen Geist im Zentrum zu wecken. Ein deutlicher politischer Charakter der Partei sei notwendig. Ihm stehe die Sorge um die politische Rettung höher, als die um die eigene Partei. Wenn er wieder gesund geworden fei, werde er handeln. Rach Referaten des Reichs- tagsabg. Brüning und des Landtags abgeordnet en Föhr-Freiburg über Steuerfragen äußerte sich Reichskanzler a- D. Marx zunächst über die Außenpolitik und erklärte dann, durch die Wahl Hindenburgs habe die Ver­fassung einen neuen Halt bekommen. Das Zentrum müsse mit rechts und links Politik treiben. Einen Mann wie Wirth möge man im Zentrum behalten. Man müsse sich Wiede rzusammensinden. Prälat Dr. Schofer erklärte, auf die badischen LandtagS- wahlen habe der Schritt Dr. Wirths keinen Einfluß. Zum Schlüsse deS Parteitages wur­den die gesamten Resolutionen cinftimmig ange- nommen. In Bezug auf den Fall Wirth wünscht die Partei, daß Wirth der Zentrumsfrak- tivn wieder beitritt.

Rach einer Meldung der .Momagspvst" ist Dr. Wirth am Sonntag abend nach Ame­rika abgereist.

vieZhenandoah"-!latastrophe.

Eine neue Aeußerung Dr. Eckeners.

Die Schuld des HeliumgaseS.

Sinern Vertreter desBerl. Lok.-Anz.- gegenüber äußerte sich Dr. Eckener nochmals über die ..Shenandoah "-Katastrophe. Dr. Ecke­ner führte u. a. aus: Die Aeußerung deS In­genieur Heinen über die Entfernung von acht UebcbrudDcntilcn läßt den Vor­gang in einem etwas bestimmteren Licht erschei­nen. Es drängt sich die Vermutung auf, daß das bei dem Steigen deS Luftschiffes sich auS- dehnende Gas nicht die Möglichkeit hatte, in ausreichendem Maße aus den UeberbrudüentUen zu entweichen. Die Folge hiervon müßte nun allerdings, nicht wie Herr Heinen meint, die fein, daß der Schiffskörper gesprengt wurde, sondern vielmehr die, daß eine oder meh­rere Gaszellen platzten und daß daS gesamte Gas auS diesen Zellen a u s st r ö m t e. Hiermit aber war natürlich eine außerordent­liche Verminderung der Festigkeit des Luftschiffes verknüpft; denn ein wesentlicher Festigkeitsfaktor der ganzen Konstruktion liegt eben in dem Druck der Gaszellen. Sobald einzelne Abteilungen des Luftschiffes entleert waren, konnten sie starken Beanspruchungen nicht standhaften, mußten vielmehr schon bei har­tem Ruderlegen brechen. Es mag wohl die Beobachtung eines Zuschauers richtig ge­wesen fein, daß das Luftschiff in seiner größten Höhe plötzlich auSeinanderbrach.

Durch den schnellen und starken Gasverlust infolge des Platzens einiger Zellen läßt sich auch ungezwungen erklären, weShalb das Luftschiff mit einer solchen Geschwindigkeit fiel, daß die Insassen zum großen Teil durch den Sturz ze r s ch m e 11 e r t wurden. Wenn Herr Heinen meim, daß darnach letzten EndeS die Rücksicht auf das kostbare Gas, daS man nicht entweichen lassen wollte, der Besatzung verderblich geworden fei, so trifft das auch noch in einem anderen Sinne zu: Es ist eine Führungsregel für Luft­schiffe, daß man an Böen mit starker Dertial- bewegung nicht mit leichtem, sondern mit ausge­wogenem ober besser noch mit etwas schwe­rem Lufts chis f herangeht, um durch den Wir­bel nicht emporgerissen zu werden. Es wird in bet Reiwl bei der Annäherung an^n für den Führer erforderlich sein, Gas zu ziehe n, um den geeigneten statischen Zustano des Luftschiffes zu erzielen, weil das Luftschiff nach längeren Fahrt infolge des Benzinverbrauches etwas leicht ist. Hat man das billige, leicht ersetzbare W a f - serstosf gas in den Zellen, so zieht man natürlich ohne Bedenken Gas. Schwer wird man sich aber entschließen, das teuere Helium- gas aus den Zellest entweichen au lassen Wenn, wie vielmehr wahrscheinlich ist, daS Unglück sich in der genannten Weise zugetragen hat, so könnte nur dadurch Abhilfe geschaffen werden, daß man wenigstens zu einer teilweisen Ve rwen - düng von Wasserstoff auch in Amerika übergeht, was bei geeigneter Anwendung der GaSzellen ohne jede Gefahr möglich wäre.

Steuern und Preise.

Die Ansicht des ReichssinanzministerS.

Berlin, 5. Eept. (TäL) In einem Inter­view, das der Reichsfinanzminister v. Schlie- b e n einem Vertreter derSchlesischen Zeitung" gewährte, äußerte stch dieser zu der Frage, ob der gegentoärtig hohe Preisstand in Deutschland nicht auf die Gestaltung der Steuern zurückzuführen sei, u. a. wie folgt:

5>tc Reichsregierung ist diesen Behauptun­gen schon zu wiederholten Malen mit Rachdruck entgegengetreten. Bei der Einkommensteuer sind die steuerfreien Sähe erheblich erhöht toorben. Außerdem sind für die kinderreichen Familien weitgehende Erleichterungen vor­gesehen. Die Körperschafts st euer beträgt letzt einheitlich 20 Prozent, während bisher von dem ausgeschütteten Gewinn noch eine Zusah- fteuet von 15 Prozent erhoben wurde. Die Ka­pitalertragssteuer ist aufgehoben worden. Die Vermögenssteuer beträgt für die nächste Zeit allgemein 5 vom Tausend und die VermögenSzuwachssteuer i't bis zum 31. Dezember 1927 außer Kraft. Schließlich weise ich auf die bedeutende Senkung der Llmsatzsteuer hin, die vom 1. Oktober 1925 ab nur noch ein Prozent betragen wird. Die Luxus st euer wird vom 1. Oktober 1925 ab nur noch T-.. Proz. betragen. Wie unter solchen Umftänben von Er­höhung der Steuern auf Vermögen und Einkom­men oder gar von neuen solchen Steuern ge­sprochen werden Fann, ist mir unerklärlich."

Auch die Behauptung, daß alle biete Er­leichterungen sich jetzt noch gar nicht auswirken und zu spät kämen, und der Wirtschaft im Rahmen von Vorauszahlungen Beträge entnommen würden, die sie endgültig gar nicht zu zahlen hätte, wurde von dem Minister als unzutreffend bezeichnet. Irn Zusammenhang mit der vielfach besprochenen Tatsache, daß die Reichssteuern in den ersten vier Monaten des Rechnungsjahres 1925 erheblich höhere Einnahmen gebracht hätten, als ursprüng­lich angenommen worden war, teilte der Minister folgendes mit: Es ist richtig, daß die Einkommensteuer in den vergangenen vier Monaten des Rechnungsjahres 1925 mehr e r- bradft hat als sie nach den Etatsansähen auf das Jahr umgerechnet erbringen sollte Diese tatsächlichen Eingänge beruhen aber bis zum Juni gröhlenteils auf den früheren Vor­schriften, insbesondere auf der zweiten Steuer- notverorbnung. Diese Ziffern sind aber heute