Ausgabe 
7.7.1925
 
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Gießenrr Anzeiger (General-Anzeiger für Vderhessen)

Ir.(Äf) Zweites Blatt

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lntes.

Aakonie- R von Geld- die Zeit vom AWlanddeutfchri, Geldspenden durch Mg und Presse- Oktober 1925 rim und Fidelis Don Geldspenden 1 erteilt.

gestattet. Baden-

ZiehungS- - der Losbriese ssen genehmigten erstteckt; zu der t Groh-Umstadt )ßn 25000 bzw.

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DerPotsdamer Kronrat".

Eine psychologische Skizze.

Von Prof. Dr.

. leriMonifd)« Schutzsoimrl:

L-rw-igM ty Frttz Kern, Bonn.

In der vorausgehenden Skizze war ge- | geschildert worden, wie Gras Hoyos im Auf­trag des österreichisch-ungarischen Auhen- ministers am 4. Iuli 1914 nach Berlin reiste und den österreichisch-ungarischen Botschafter i Graf Szögyenh instruierte. Dieser sollte am 5 Iuli dem deutschen Kaiser ein Handschreiben ! Franz Iosefs und ein« Denkschrift des f. u. k. Außenministeriums überrrichen. Der tiefere Zweck dabei war, die begretsltche psychologische EmpörungKa l se r W t t - Helms über die serbisch e M v r d er­zen t r a l e auszunühen, um Äußerungen des Kaisers zu veranlassen, dre man Kaiser (Franz Iosef und dem Grafen Tisza gegen- über als deutschen Wunsch nach energischem Einschreiten gegen Serbien ausgeben konnte.

i.i®raf Szögyeny in Potsdam

Die psychologischen Umstände konnten nicht ntiiger liegen. Nicht allein muhte Kaiser L :q>elm mit der ganzen Welt die Ueber- ugung teilen, daß Oesterreich seine Sühne zu o^spruchen habe. Sondern der Kaiser muhte chz um so bereitwilliger die Hand zu dieser ibvreerzwingung bieten, je peinlicher er es emp- ciE, daß er soeben aus Besorgnis um ferne a;c :e Srcherheit es sich versagt hatte, dem ehr- Kit )igen Bundesgenossen in dieser schweren ku«de, wie es sich geziemt hätte, nahe zu sein, lau konnte darin einen Mangel an Mut erblik- und wer den Kaiser so gut kannte, tote Graf kogheny, konnte erwarten, daß dec Kaiser um V ürärmer sein Mitgefühl mit weithin sichtbarer frfuc zu bekunden wünschte.

Die unangenehm war es sür Kaiser Wtt- lÄhm, das) August Stein in derFrankfurter n I ung" vom 2. Iuli mit aller Umständlichkeit r einem schmerzhaften Hexenschuß erzählte, k sich dec Kaiser entweder auf einer Wasser- Prl oder nach einem starken Morgenritt zu- Do gen hat, und der allein ihn an der Reise ich Wien hindere. Der Kaiser war kerngesund. Ict der bestens informierte Stein bestand dar- daß wirklich nur die genannte |:f r a n t un g , ckcht irgend sonst ein Grund ji! Reise unmöglich mache. Freilich schon am > meldete derselbe Berliner Schriftleiter, der Via gern als Offizious gab, seinem Blatt mit Itjfem Augenzwinkern:Der Hexenschuß, der M der offiziellen Darstellung den Kaiser ver- juö«rt hat, an den Trauerfeierlichkeiten in lier teilzunehmen, ist schnell gewichen." In Tier hatte m«n freilich scho^ am 2. Iirli der 113 rede nicht geglaubt und in der Presse ver- kinlich über die Lauheit des Bundesgenossen jciurrt. Aus Wien hatte dieselbeFrank- Mter Zeitung" sich unterm 2. Iuli ruhig mel­le lassen, daß bei Kaiser Wilhelms Absage Micherweise die Furcht vor Atten- täten ein« Rolle spiele. Als nun Kaiser Wil-

iti.i aus Tschirschkys Bericht von dessen nach- k)cklichcr Bemühung erfuhr, die Oesterreicher xr .Unbesonnenheiten" zurückzuhalten, da lief ivd) ihm die Galle über, und er fand dieses rüge Abwiegeln des Botschafters ebenso be- kklich, wie dieser selbst das vorlaute öffent- iid) < Abmahnen schädlich gefunden hatte. In per Randbemerkung entlud sich des Kaisers il'öehagen, sein Gefühl, die Oesterreicher in den r:en Iahren zu stark gebremst zu haben, sein ^rn über die von ihm selbst zu nachsichtig be- fc^delten Serben und feine Furcht vor schlechten Hiifoirfungen auf das Bundesverhältnis:Wer je: Tschirschky ermächtigt, vor übereilten Schrit- lle 8U warnen? geht ihn gar nichts an, da es Kiiglich Oesterreichs Sache ist, was es hierauf l.' tun gedenkt. Nachher heißt es dann, wenns «Li geht, Deutschland hat nicht gewolltl tbßischky soll den ilnfinn gefl. lassen! Mit den 5ckn muß aufgeräumt werden, und zwar bald."

war psychologisch gut vorgearbcitet, als -kraft Szögyeny dem Monarchen das Handschrei» k and die Denkschrift überreichte. Höflich gab ft Wilhelm II. sofort ans Lesen.

-ßas Handschreiben verbreitete sich über energische diplomatische Aktion". Die Ls lchaltung Serbiens als politischen Macht - jftv-is sollt« danach auf dem weiten Umtocg über Pein antipanslawistischen Balkanbund, durch Her- »sicchung Bulgariens und Rumäniens erfolgen.

Rach dem Handschreiben laS der Monarch die liiikschrift. Iedermann weiß von dieser fhEschrift, kaum jemand hat sie gelesen. Man ntfj die Geduld haben, sie zu lesen, um zu er- Indien, wie sehr sie den Monarchen gelangweilt , n muß. Auf ganzen 12 Druckseiten vertieft I "ii diese Ausarbeitung in die Verhältnisse alt M *.k Ireundlichen Dalkanvölker, um im Stil einer - '.Ld'imischen Abhandlung zu dem gleichen Schluß 9 üi llommen, wie das Handschreiben, daß man 'Mllich mit Bulgarien in ein engeres Derhält- ' treten und auf diesem Weg auch Rumänien DhW dreibundwärmer machen müsse. Neu war & Vorschlag nicht. Ein einziger militärischer Söanfe findet sich darin:die Anlage von Be- Moringen gegen ..... Rumänien sei in De- zu ziehen", indeh selbst das nicht als Ent- chu h, sondern nur als Erwägung. Am Schluß tnbvlb die Dissertation sich zu dem Sah, es trete ,..ar di« Monarchie die Notwendigkeit heran, mit ' ::Mlossenec Hand die Fäden zu zerreißen, die Regner zu einent Netze über ihrem Haupte -ed-chten wollen". Wenn Diplomaten in Schrift- Ififen zum inneren Geschästsgebrauch anfangen ili Vildern zu reden oder zu deklamieren, so Dtfr der Kundige im allgemeinen weniger aus Mißte Entschlüsse, als auf vorhandene Vor» miifyeiten schließen. Dem Zusammenhang nach «nie dies pathetischeZerreißen" nicht auf ÄU arische, sondern nur auf sehr langfristige Moin arische Handlungen bezogen werden. Die «Schrift wär überdies, wie sie selbst bemerkte, j*» dem Attentat verfaßt, diente also trefflich um zu belegen, wie richtig man in Wien, J mrichtig in Berlin die Balkanfragen stets *ridlt habe und entwickelte dringende Hvff- E'l auf beginnende Einsicht auch in Berlin, gerade dieser Hinweis auf die durch das 1^rtat bestätigte alte Erkenntnis des Dall- lenkte den Leser dieser ermüdenden Aus- Pyig auf die längst schon ventilierten fried- kn diplomatischen Methoden hin, von denen

Fritz Kern.

die beiden Schriftstücke tatsächlich allein han­delten, und allein handeln konnten, da ja Tisza der maßgebende Regierungschef war.

Ausfällig war an den beiden Schriftstücken, daß sie bei allem Wortschwall (verbiage", wie der Diplomat sagt)), keine Silbe über eine Zu­spitzung des Verhältnisses zu Rußland ver- loren, die von der beabsichtigten diplomatischen Aktivität am Balkan doch kaum weggedacht wer­den konnte. Dies war ja der einzige Grund, wes­halb sich Deutschland bisher nicht nur einer kriegerischen Politik, sondern sogar einer Annähe­rung an Bulgarien versagt hatte. Ietzt, nach dem Attentat, sah Kaiser Wilhelm wohl ein, daß etwas gegen Serbien geschehen müsse und daß die Wiener Wünsche nach einem engeren Verhältnis zu Bulgarien nicht länger zurück» gewiesen werden könnten. Nachdem er die beiden Schriftstücke mit liebenswürdiger Aufmerksamkeit gelesen hatte, stimmte er dem diplomatischen Plan im ganzen $u, zögerte indes noch, die Verant­wortung für diese neue Balkanbündnispolitik zu übernehmen, und meinte, er erkenne wohl die Notwendigkeit einer Aktion, müsse aber vor einer endgültigen Antwort mit dem Kanzler beraten. Der Kaiser hatte Herrn v. Tschirschky trotz seiner ungnädigen Randbemerkung keine Instruktionen erteilen lassen, die Tschirschkys Kritik an den österreichischen unklaren Plänen mißbilligten: aber noch waren dem Kaiser andererseits die Vor­würfe mangelnder Buirdestreue gegenwärtig, die General Conrad ihm ins Gesicht zu werfen ge­wagt und die er auch sonst oft genug gehört hatte.

Noch Anfang 1914 war Wilhelm II. wieder­holt den österreichischen Versuchen, ihn auf eine Rußland mißliebige Dalkandiplomatie festzu- legen, ausgewichen. Ietzt aber, in einem Augen­blick, da sich das Serbentum vor ganz Europa sittlich selbst geächtet hatte, brachte der Monarch den Mut nicht auf, ein Bedenken zu äußern, das ihm notwendig wieder alsSerbophilie" ge­deutet werden würde. Der von Derchtold und seinen Leuten berechnete Eindruck der so ge­mäßigten beiden Schriftstücke trat notwendig ein; «ine Absage war unmöglich, eine Zusage im Werden. Es war nun die Frage, ob diesem ersten Schritt gleich der zweite folgen könne, ob es der Gesprächskunst Szögyenys gelänge, den Kaiser unmerclich von Tiszas friedlicher diplo­matischer Aktion zu Czernins kriegerischerOpe­ration des serbischen Blinddarms" hinüberzu­führen.

Durch seinen Rückzug auf die Beratung mit dem Kanzler glaubte der Kaist* bk: Verhand­lung abgeschlossen zu haben, ohne sich zu binden, aber auch ohne den Oesterreichern zu neuen Klagen Stoff zu bieten. Der geschäftliche Teil der Unterredung war damit für ihn beendigt. Nicht so für den Botschafter. Für ihn, der den Kaiser vor und nach Tisch kannte, im Zu stand vorsichtiger Bindung an verantwortliche Rat­geber wie im Freilauf der Gefühle, bedeutete das bisherige nur die Vorbereitung zu dem. was kommen mußte. Zunächst ließ er den vertrauen­erweckenden Eindruck des Handschreibens wirken.

Man wandte sich der Frühstückstafel zu. Soweit es die Neigung des Kaisers zu anek­dotischem Tischgeplauder zulieh, versuchte der alte Ungar den Monarchen bei der Sache zu halten. Nach dem Wahl, bei der Zigarre, holte er zum Vorstoß aus. Was erzur mündlichen Erläu­terung des Handschreibens" gesagt hat, erfahren wir von ihm selber nicht; denn in seinem Bericht erwähnt er nur, was der Kaiser gesprochen hat, als ob dieser von sich aus auf alles gekommen toä, Dagegen hat der Kaiser nach der Unter­redung mehreren Offizieren mitgeteilt, was Szögyenh ihm erzählt hatte, und aus den dama­ligen Niederschriften dieser Offiziere erfahren wir mit photographischer Treue, welche Vorstellun­gen der Botschafter dem Kaiser einzuprägen ver­standen hatte.

Neuordnung der Reichswehrversorgung. Von Generalsekretär Wilhelm F e ch t, Berlin.

Die Bestimmungen des Versailler Friedensver­trages haben Deutschland ein Berufsheer mit 100 000 Mann mit zwölfjähriger Dienstzeit aufge­zwungen. Da infolgedessen Unteroffiziere und Mannschaften sich freiwillig zu einer zwölfjährigen Dienstzeit verpflichten müssen, entstehen Schwierig­keiten, deren Bedeutung vielleicht erst dann klar zutage treten wird, wenn nach Ablauf der ersten zwölf Jahre eine verhältnismäßig sehr große Zahl aus dem Heeresdienst ausscheiden wird. Denn für jeden Reichswehrsoldaten entsteht dann die schwere Frage: Was' wird aus mir? Wird er doch in be­reits fortgeschrittenem Lebensalter vor die Aufgabe gestellt, sich einen Lebensberuf zu suchen. Um dieses Problem zu lösen, mußte rechtzeitig Klarheit ge­schaffen werden, soll nicht Gefahr entstehen, daß der Nachwuchs für das Heer ausbleibt, zumal es heute schon ohnedies Schwierigkeiten macht, den Sollbe- stand zu erhalten. Es liegt auf der Hand, daß hier an die Zivildienstversorgung der Friedenszeit an­geknüpft werden mußte.

Die Versorgung alter gedienter und invalider Unteroffiziere und Mannschaften besteht erst seit etwa 100 Jahren, und zwar feit der Kabinettsorder vom 7. 8. 1820. Die Zivilversorgung war im Frie­den im Wege der Gesetzgebung verankert worden. Unteroffiziere, die ihre 12 Jahre gedient hatten, er­hielten den Zioiloersorgungsschein und wurden bei einer Behörde als Anwärter vorgemerkt. Sie er­hielten Uebergangsgebühmisse. Bei Verzicht auf den Zivilverforgungsfchsin erhielten sie eine Geldent­schädigung von 1500 Mk. Angepaht an die neuen Verhältnisse wurde das Wehrmacht-Versorgungsge- setz vom 4. 8. 21 beschlossen, dessen Fassung am 22. 6. 23 abgeändert wurde und zu dem jetzt die Reichsregierung dem Reichstag eine Novelle zu­gehen ließ, auf deren Eilbedürftigkeit besonders hin- gewiefen wurde.

Die Novelle enthält eine Neuordnung der Uebergangsgebührnifse. Besonders wichtig aber in die Fassung des § 11, die besagt, daß durch den Zioildienstschein ein Anspruch auf Anstellung nicht erworben werde; daneben aber neue Bestimmungen enthält, um für die Inhaber des Zivildienftver­

sorgungsscheines eine Erweiterung des ihnen bei Reichs-, Landes- und Kommunalbehörden vorbe­haltenen Stellenkreises zu bringen. Die Begrün­dung zu dem Gesetz erkennt an daß cs die Auf­gabe der Versorgung sein müsse, den Berufswechsel reibungslos durchzusühren und durch die Art des neuen Berufs selbst dem Soldaten einen Anreiz zu bieten, vorher eine lange, entbehrungsreiche Mili- tärdienstzeil auf sich zu nehmen. Auf der anderen Seite wird bei der 'JlooeUe der Versuch gemacht, bei dem schlechten Stand der Zivilversorgung die Unter­bringung der Soldaten in reie Berufe zu fördern. Wenn auch Berufsberatung und Unterricht dem Soldaten schon während der Dienstzeit den späte­ren Beruf vorzeichne, so werde doch in manchen Fällen die Praxis ihn lehren, daß er sich besser einem freien Berufe zuwenden solle. Immerhin, und das wird wohl unterstrichen werden müssen, bringt auch die Begründung zu dieser Novelle die Feststellung, daß das Kernstück der Militäroer- sorgung die Unterbringung im Zivildienst, d. h. die Uebernahme in den Beamtenberuf sei.Denn wer­den die Hoffnungen in dieser Hinsicht nicht erfüllt, so muß die Güt« des Ersatzes und die Leistungs­fähigkeit der Wehrmacht darunter leiden."

tatsächlich liegen hier gerade die Schwierig­keiten. Die Lage auf dem Gebiet der Zivilversor- gung ist z. Z. fast katastrophal. Während des Krie­ges haben viele Militäranwärter die den 23er- sorgungsanwärtern vorbehaltenen Stellen einge­nommen. Nach Beendigung des Krieges suchten viele Tausende von 23erforgungsanroärtcrn Unter­kunft im Zivildienst. Dazu kam der Verlust der ab­getretenen Gebiets und die Notwendigkeit, dort ausgewiesene Beamte unterzubringen. Seit 5 Jah­ren wirkt sich pudern die Anstellungssperre aus, so daß heute allem vom neuen Heer 8000 Dersor- gungsanwärter und mit denen des alten Heeres 10 000 auf Unterbringung im Zivildienst warten. Da die Uebergangsgebührnisse über 3 Jahre hinaus nicht bezahlt werden, so kann cs Vorkom­men, daß, wie der Reichstagsabgeordnete Admiral Brüninghaus, jüngst mitteilte,altgebiente Solda­ten, frühere Feldwebel, Sarrenarbeiterbicnfte ver­richten müssen, um nicht zu verhungern."

Vielfach kann man sich bes Eindrucks nicht er­wehren, daß seitens der Kommunalverwaltungen die Neigung besteht, möglichst wenig Milj-äranwär- ter einzustellen. Das hatte zur Folge, daß ein An­trag Morath, Allekotte, Lucke im Reichstag einge­bracht wurde, durch eine Vorlage zur Aenderung des Wehrmachtgesetzes und des Reichsversorgungs- gesetzes sicherzustellen, daß die Gemeinden sich nicht durch Einstellung einer übergroßen Zahl von Dauerangestellten der Verpflichtung zur Unterbrin­gung von Versorgungsanwärtern entziehen. Der Regierungsentwurf trägt dem Rechnung. Wie not­wendig die Einbeziehung dieser Stellen ist, zeigt schon Die Tatsache, daß bei den Kommunalverwal­tungen Preußens neben 83 000 Beamten 109 000 Angestellte vorhanden sind. Ferner will der Gesetz­entwurf alle Organe des staatlichen Lebens zur Aufnahme von Dersorgungsanwärtern heranziehen, gleichgültig, ob sie Zuschüsse aus Reichsmitteln be­kommen oder nicht. Natürlich dürfen diese Erweite­rungen des §11 nicht dazu dienen, die betreffenden Behörden in die Lage zu fetzen, alte verdiente Kröte zu entlassen. Die Vorschriften sollen vielmehr erst bei Einstellung nach Inkrafttreten des Gesetzes gelten.

Außerdem soll nach der Novelle den Soldaten, die den Nachweis ihrer Eignung zur ländlichen Siedlung erbringen, zur Erleichterung eine Reichs­bürgschaft gewährt werden, die auch dann eintritt, wenn, wie das z. B. in Süddeutschland als möglich angenommen wird, ihnen Gelegenheit geboten ist, kleine bäuerliche Wirtschaften selbst zu erwerben.

Für die Offiziere der Wehrmacht bringt der Ent­wurf ebenfalls eine Verbesserung. Schon bei Be­ratung des Wehrmachtversorgungsgesetzes war sei­nerzeit anerkannt worden, daß die Offiziere mit Ausnahme der Generäle das Höchftruhegehalt wegen der frühzeitigen Beendigung ihrer Laufbahn 10 Jahre früher erreichen müßten als die Be­amten. Diese Möglichkeit war inzwischen durch Aenderung des Besoldungsgesetzes weggefallen und soll jetzt wieder hergestellt werden, weil einerseits die Mehrzahl der Offiziere zu einer Zeit ausfchei- det, in der die Heranwachsende Familie erhöhte Aufwendungen erfordert, andererseits ihre lieber» führung in den Zivildienst sich nicht hat durchfüh­ren lassen.

Es ist notwendig, beschleunigt, wie auch der Re­gierungsentwurf fordert, die Versorgung der Zivil­dienstberechtigten in geregelte Bahnen zu leiten und damit mancher mit Recht vorhandenen Erbitterung entgegenzuwirken. Dabei wird man sich im Rah­men des Möglichen halten müssen. Wünschenswert wäre, daß der § 11 des Besoldungsgesetzes grund­sätzlich den Rechtsanspruch auf eine Beamtenstelle anerkennen statt ablehnen würde. Ferner ist not­wendig, eine bessere Anrechnung der Militärdienst­zeit auf das Dienstalter auf dem Wege einer No­velle zur Beamtenbesoldung herbeizuführen, schließ­lich ist zu wünschen, daß für die Zivildienstberechtig- ten, die für die Beamtenlaufbahn vornotiert sind, die Uebergangsgebührnisse auch über Drei Jahre hinaus bis zur Einberufung bezahlt werden unter der Vor­aussetzung, daß die betreffenden Zivildienstberech­tigten nicht eine ihnen angebotene Stelle abgelehnt haben.

Grundfragen

der Verkehrspolitik.

Von Oberpräsident a. D. von D a t o ck i, Dledau.

Dis gegen Mitte des 19. Jahrhunderts war der Personen- und Frachtverkehr auf das Pferde­fuhrwerk der Landstraße und den Schiffsverkehr auf Flüssen und Kanälen allein angewiesen. Bei der Schwerfälligkeit des Frachtfuhrwerkes waren die Wasserstraßen von ausschlaggebender Be­deutung, weitsichtige Fürsten wie die Hohen- zollern taten viel für Schiffbarmachung der Flüsse und Schaffung von Kanälen, natürlich mit nach heutigem Begriff kleinsten Ausmaßen. Die meisten Kanäle jener Zeit sind darum heute ohne grundlegende Erweiterungen wenig brauchbar. Für den Fuhrwerksverkehr wurden die Hauptstraßen mit Chaussierung versehen.

Nach Schaffung von Eisenbahnen wurde hier der Fuhrwerksverkehr diesem gegenüber wettbe­werbsunfähig, während die Wasserfracht vor allem bei einigermaßen genügenden Ausmaßen der Fahrrinne und günstigen Ladevorrichtungen für Wassertransporte konkurrenzfähig geblie­ben ist.

Lange wurde das neue Verkehrmittel der Eisenbahn von den öffentlichen Gewalten mit Mißtrauen, fast mit TlebelwoUen betrachtet.

Dienstag, 1. Juli (925

Schärfste Haftpflicht für Unfälle aller Art wurde ihr aufcrlcgt, und während der Staat den Käh­nen und den Fuhrwerken ihre Straßen gegen ständig verringerte, schließlich zum großen Teil ganz fortfallende Gebühren auf Kosten Oec Steuerzahler baute und unterhielt, verlangte er von den Eisenbahnen, daß sie ihre Fahrbahn aus eigene Kosten herstellten und unterhielten und außerdem noch erhebliche Abgaben zahlten. Auch für die Post mußte der unerwünschte Ein­dringlingEisenbahn" kostenlos große Leistungen übernehmen.

Diese Grundanschauung blieb bestehen^ als die Eisepbahn verstaatlicht wurde, und sie be­steht auch heute noch weiter, nach der Dawes­belastung der deutschen Reichsbahn für diese sogar noch im verstärkten Maße.

Gegen Ende des 19. I- hchunderlS setzte in Deutschland, gefördert durch die Vorliebe des Kaisers Wilhelm II., für den Wasserverkehr jeder Art (Deutschlands Zukunst liegt aus Dem Wasser"!) eine Welle von Begeisterung für den Kanalbau ein. Derkeh sinteressenten suchten, mit Tiefbauunternehmern und Terrainspekulanten oft unbewußt Verbünde.,, die Kanalbegeisterung zu schüren. Das Beispiel des Kaisers veranlaßte andere Dundessürsten, auch für ihre Lander weit­schauende und kostspielige Kanalpläne zu ver­fechten. Konservative Abgeordnete, welche eS wagten, statt des Mittellandkanals RheinElbe eine viergleisige für schwere Züge ausgebaute Großgüterbahn als billiger und nützlicher zu enipsehlen, verfielen als eigensinnige Reaktio­näre der öffentlichen Verachtung und, so weit sie Staatsbeamte waren, alsKanalrebellen" der Dienstentlassung. Seitdem gilt Kanalbegei­sterung als intelligent, jedes Bedenken gegen sie als engstirnig.

Der Zusammenbruch und die Llmwälzung hat an dieserKanalpshchose" nichts geändert. Die Ausführung ausschweifendster Pläne an allen Stellen, wo sich ein Kanal irgendwie anbringen läßt, wird von ernsthaften Leuten den Steuer­zahlern des verarmten Landes zugemutet, ohne daß von einer bescheidenen Verzinsung, oft auch nur von der Deckung der Ausschreibung und Tlnterhaltung aus Gebühren ernstlich die Rede ist. Wo schon Kanäle vorhanden sind, werden Riesenaufwendungen für ihrezeitgemäße" Modernisierung, gleichfalls ohne Aussicht aus Verzinsung, gefördert. Das ganze nennt man danngroßzügige und zielklare Derkehrspolitik".

Die örtlichen Interessenten denken in solchen Fällen, daß, da auf sie selbst als Steuerzahler ja nur ein verschwindender Teil der Kosten entfällt, sie den Vorteil, mag er auch im Miß­verhältnis zu den Gesamtaufwendungen stehen, immerhin mitnehmen können.

Gleichzeitig ist den Eisenbahnen ein anderer Konkurrent in dem Kraftwagen erwachsen, der gleichfalls im Gegensatz zur Bahn und Straßen­bahn seine Fahrbahn auf Kosten der Steuer­zahler ganz oder fast umsonst zur Dersügung gestellt bekommt, und der an sich für nähere und mittlere Entfernungen vor der Eisenbahn für Personen- wie für Güterverkehr offensichtlich große Vorteile bietet. Mit der Begründung, daß der Innenabfah der Erzeugnisse der Kraft- Wagen- und ©ummireifenfahnten gefördert wer­den muh, ist jede wirksame Heranziehung der Kraftwage.i zu den Kosten Der Anlage und Unterljaltung der Landstraßen bisher verhindert worden. Im Gegenteil fordern die Kraftwagen­interessenten kostspielige Verstärkungen und sonstige Verbesserungen an den Chausseen auf Kosten der Steuerzahler "als ihr gutes Recht.

Diese einseitige Einstellung der öffentlichen Gewalten und der Oeffentlichkeit überhaupt bil­det eine schwere Gefahr für eine gesunde Ent­wicklung unseres Verkehrswesens im ganzen. Wenn in den Städten die Straßenbahn, die ihre Fahrbahnen selbst unterhalten und für die Benutzung der Straßen Abgaben zahlen muh, ihrer Verdrängung durch Kraftwagen entgegen­sieht, so ist das trotz der auch damit verbun­denen schweren Eingriffe in wirtschaftliche In­teressen vom Standpunkt der Allgemeinheit viel­leicht erträglich. Richt erträglich ist es aber, wenn durch die Fortführung des bisherigen Systems die Lebensfähigkeit der volkswirtfchaftlich un­entbehrlichen Eisenbahn gefährdet wird, indem auf Kosten der Steuerzahler Wettbewerbskraft von Kraftwagen und Wasserfahrzeugen gegen­über der Eisenbahn auch für solche Frachten künstlich geschaffen wird, die bei gleichmäßiger Behandlung der verschiedenen Verkehrsmittel der Eisenbahn zufallen müßten.

Gerade heute, wo Deutschland durch das Gebot der früheren Feinde zur zeitweiligen Lösung der engen Verbindung zwischen Reich und Reichsbahn gezwungen worden ist, kann die dadurch hervorgerufene psychologische Einstellung der öffentlichen Meinung und des Parlaments gegenüber der Reichsbahn besonders leicht zu verhängnisvollen Fehlern in jener Richtung führen. Deshalb schien es geboten, auf die damit verbundenen schweren Gefahren einmal emft und nachdrücklich hinzuweifen, auf die Gefahr hin, damit nicht nur das Mißfallen der zahlreichen Interessenten" aller Art zu erregen, sondern auch in den Verdachtreaftionärer Verkehrs- feindlichkeit zu kommen.

Rundfunk-Programm

des Frankfurter Senders

(Aus derRadio-Umschau".)

Mittwoch, 8. Juli:

12 Uhr: Nachrichtendienst. 3 Uhr: Wirtschafts­meldungen. 4 Uhr: Wetterbericht der Gießener Wetterdienststelle. 4 Uhr: Wirtschaftsmeldungen. 4.20 Uhr: Nachrichtendienst. 4.306 Uhr: Nach- mittagskonzert des Hausorchesters: Operetten- und Tanzmusik. 6 Uhr: Wirkschaftsmeldungen. 67 Uhr: Kinderstunde. 78 Uhr: Stunde des Rhein-Maini- schen Verbandes furVolksbildung: Deutsche Schwank­erzählungen des Mittelalters; gelesen von Herbert Kranz. 8.30 Uhr: Gegensätze, zweiter Abend. An­schließend Nachrichtendienst, Wettermeldung, Sport­bericht.

Aus dem -Lmtsvcrkünr'.gungsblatt.

Das Amtsverkündigungsblatt N r. 5 3 vom 3. Juli enthält: Nachtrag zu den Fried­hofsordnungen mit entsprechenden Polizeiverord- nungen der Gemeinden Birklar, Lauter und Langd. Die Julimietc. Ferien des Kreisaussckusses. Maul- und Klauenseuche. Feier des 1L August. Landesjugendtag.