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Gießener Anzeiger sGeneral-Anzeiger für Dberheffen)
Nr. 56 Dritter Blatt
Samstag, Z. März 1925
Der Kampf um den Vorsitz der Saarregierung.
Der DöUerbunb-rat wird sich in feiner nächsten Sitzung auch mit verschiedenen Saarfragen, u. a. mit der Oleuernennung de« P ras i- benten der R e g l e r u n g S k o m ml s f l o n zu beschäftigen haben. Bekanntlich stellt Frankreich seil fünf Jahren den Vorsitzenden, der auf Grund einer früheren 2lbmachung jetzt durch einen Neutralen abgeloft werden soll. Man vereinbarte nämlich seinerzeit, die fünfzehnjährige Beaufsichtigung deS Saargebietes durch den Völkerbund in drei Perioden zu zerlegen. die erste wurde Frankreich überlassen, daS jetzt durch Viktor Jault vertreten ist, für die nächsten fünf Jahre sollte ein Neutraler die Präsidentschaft übernehmen und für den letzten Zeitraum ein Saardeutscher. Die ersten fünf Jahre sind nun abgelaufen, in Frankreich wird aber lebhaft Stimmung für die Beibehaltung der Präsidentschaft gemacht, man behauptet dort, Frankreich habe aus Grund deS Versailler Vertrage- dazu auch die Berechtigung. Das stimmt nicht, der Vertrag sieht vielmehr einen französischen Vertreter in der Regie» ung-kommission vor, der keineswegs zu gleicher Zeit den Dorsitz zu führen hat. Schweden hat demgegenüber jetzt einen Antrag dem Völkerbund zugeleitet, der die Abberufung Rault- und seine Ersetzung durch eine neutrale Persönlichkeit verlangt 3m 3nter- esse des SaargebieteS ist dieser Antrag zu be- grüßem da eS nut auf diesem Wege möglich sein wird, die rein französische Verwaltung allmählich in eine saarländische umzuwandeln, so bah in der letzten Periode, wenn ein Saardeutscher die Präsidentschaft zu übernehmen hat, er über einen Beamtenstab verfügt, der sich auS der einheimischen Bevölkerung rekrutiert. Da- ist insofern wichtig, da nach Ablauf von fünfzehn Jahren die Saarbevölkerung über ihr weitere- Schicksal durch Abstimmung zu entscheiden haben wird. Eine unbeeinflußte Abstimmung und ein Schuh vor Fälschungen de- Wahlergebnisse- nach dem Vorbild« der berüchtigten .Saaradresse", wird aber nur durch eine deutsche Verwaltung garantiert.
Um das Festhalle-Projekt in Gießen.
SS ist eine alte Ersahrung, baß häufig neue große Gedanken und Pläne auf dem Marsche biS Hü ihrer Verwirklichung mit mancherlei Widerständen zu kämpfen haben 3n der Regel ist es die Finanzfrage, die allerlei Kopfzerbrechen verursacht, daneben sind eS aber auch noch biS zu einem gewissen Grade Stimmungsmomente, die da- Streben zu einem großen Zielpunkt erschweren und unter Umständen sogar vereiteln. Derartige Widerstände regen sich jetzt verschiedentlich auch gegen das Festhalle-Projekt Man macht gegen diesen Plan Gesichtspunkte geltend, die In den beiden nachstehenden Zuschriften an unS zum Ausdruck kommen. SS heißt da in dem ersten Schreiben:
3n der jetzigen Zeit, wo jeder unter der Last der Steuern leiden muß. wo über schlechten Geschäftsgang geklagt wird und die Kleinrentner daS kümmerlichste Dasein führen, muß bei jedem kostspieligen Projekt die unbedingte Notwendigkeit gründlich nachgeprüft werden. Wünschenswert ist selbstverständlich eine geräumige. für die Aufnahme großer Versammlungen geeignete Halle, und es ist bedauerlich, daß ein solches Bauwerk nicht in der früheren guten Zeit entstanden ist. Die Jetztzeit stellt aber andere Anforderungen an uns als die Sicherste""^ großartiger Festveranstaltungen.
Die Freude s Ti unferm Volle nicht genommen öeruen, uenn ohne Erheiterung toiio bai Leben zur Qual: aber Feste dürfen nur in dem Maße gefeiert werden, wie sie den zur Ver
fügung stehenden Mitteln entsprechen. Der Verfasser deS PropagandaartikeU in Nr. 44 deS Gießener Anzeigers hat in seinen Ausführungen auf die Rückseite der Medaille nur einen scheuen Blick geworfen, und gerade diese ist Heuzutage bei allen Unternehmungen besonders zu prüfen.
Auf die unbequeme Lage der projektierten Festhalle will ich gar nicht eingehen. Wirb aber die Stadtverwaltung die Verantwortung übernehmen können, bis zu 80 000 Mk.. wie vorgeschlagen, sich an dem ilnlerneßmen zu beteiligen? Was würden die Kleinrentner dazu sagen, die seinerzeit ihre Spargroschen der Stadt vertrauensvoll zur Verfügung stellten — (Ich bin im übrigen Zein Gläubiger der Stadt Gießen) — und nun fehen, in welch geradezu verschwenderischer Weise der Schuldner mit den Geldmitteln umgeht, ohne bisher einen Finger zu rühren, die Gläubiger zu entschädigen? — Müßte sich nicht auch der Fürsorgereserent der Stadtverwaltung energisch dafür einsetzen, baß ihm bei einem etwaigen Ueberfcßuß Mittel zur Verfügung gestellt würden, um die Not zu lindern, die allerorts herrscht. Ich glaube außerdem mit Berechtigung annehmen zu können, daß die Gießener Industrie zur Zeit nicht in der Lage ist, irgendwelche Beihilfen in Aussicht zu stellen. Erfreulich ist es 4a. daß die Vereine so kapitalkräftig sind ober hoffen, zu werden, daß sie für das KreiStumfest 15 000 Mk. zur Verfügung stellen können. Die Bedeutung dieser für das Bauprojekt zugesagten Summe muß aber von dem Gesichtspunkt aus betrachtet werden, daß dieses Geld aus jeden Fall von der Festleitung aufgebracht werden muß, denn bei Nichterrichtung einer ständigen Festhalle müßte das Geld doch für eine Dehelfshalle auSgcgeben werden. Die 15 000 Mk. sind auch im Verhältnis zu den Oefamttoften, die nicht unerheblich über 100 000 Mk. betragen werden, so gering, daß sie der Ausführung des Projektes keinerlei berechtigte Zuversicht geben würden . Sollten aber .Die eingetoeißten Kreise die Rentierlichkeit des Unternehmend schon heule als sicher ansehen", so wird es ihnen vielleicht gelingen, Privatunternehmer zu finden, die die wünschenswerte Verbesserung der Lokalverhältnisfe in unserer Stadt aus eigenes Risiko übernehmen würden. Die Notwendigkeit der Errichtung einer Festhalle durch die Allgemeinheit darf aber vorläufig nicht anerkannt und das von der Stadl verwaltete Vermögen des Gemeinwesen- nicht leichtfertig zu ilnter- nehmungen verwendet werden, die besseren Zelten Vorbehalten sind. Kl.
Und in einem andern Briese bringt „Einer für Diele" folgende Einwände:
Die Festhalle-Frage, für die eine so rasche Propaganda eingesetzt hat, muß doch auch von einer ernsten Kehrseite auS beleuchtet werden, die es weiten Kreisen der Bevölkerung nicht möglich macht, dem Projekt zuzustlmmen. Gefestet und gefeiert wird nachgerade mehr als genug — mehr jedenfalls, als im Hinblick auf Die schweren wirtschaftlichen, sozialen und politischen Mißstände angemessen wäre. Für bescheidene Fest-Ansprüche werden die vorhandenen Gelegenheiten, z. D die städtische „LieblgShohe" vorerst genügen müssen. Weitere Aufwendungen au« Mitteln der Stadt (b. h. der ohnehin belasteten Steuerzahler) wären kaum zu rechtfertigen, jedenfalls nicht solange es noch gilt, anderen weit dringenderen und ernsteren Bedürfnissen gerecht zu werden. Man denke nur mit etwas sozialem Empfinden an die Wohnungsnot I Hier liegt so viel gesundheitliches und sittliches Elend vor, daß für LuxuS- oder Dergnügungsbauten fein Pfennig verbraucht werden sollte, ehe nicht jener Notstand beseitigt ist. Erst Obdach — bann allenfalls Fest-Räume. Einer für Diele.
Die Gedanken der beiden Briefschreiber verdienen natürlich aufmerksame Beachtung, denn sie offenbaren ernstes Denken über die Probleme
dieser Zett. ES muß in diesem Zusammenhang aber sofort darauf hingewiefen werden, daß auch wir Die schwere Bedeutung der Fragen, die die Einsender anschneiden, noch nie verkannt haben, und daß ebenso die Verfechter des Fest Halle-Projekts von dem gleichen ernsten Denken erfüllt sind. Wenn trotzdem die Bewegung für die Errichtung einer Fest Halle jetzt eingeleitet wurde und wir diese Arbeit begrüßen und fördern, so geschieht daS nicht etwa mit kalter Gleichgültigkeit gegenüber den anderen Erfordernissen von heute, sondern geleitet von dem noch größeren Gedanken, daß bei aller Sorge und bei allem Mist reden für daS Heute doch die Wegbereitung für den wirtschaftlichen Wiederaufstieg unseres Gemeinwesens nicht vernachlässigt werden darf. Darüber ist in unserem Artikel in Nr. 44 bereits manches gesagt und u. a. auch darauf hingewiesen worden, daß Wetzlar und Marburg uns auf diesem Wege schon ein gute« Stück voraus sind. Heute wollen wir noch ergänzend hinzusügen. daß auch die viel kleinere Stadt Alsfeld mit der Errichtung eines großen Stadt Hallebaues kräftig vorwärtsfchreitel. ilnb man blicke gar nach Frankfurt, was dort für die Derkehrswerbung und damit für die Stärkung der heimlichen Wirtschaftskraft alles geleistet wird! Soll demgegenüber Die Provinzialhaupt- ftabt OberhefsenS noch mehr ins Hintertreffen geraten? Wenn man sich jetzt nicht endlich zu einer weitblickenden Politik der größten Akt ivi tä t aufrafft, dann wird die Zukunft unserer Gießener Wirttchaftsenlwicklung eine sehr unangenehme Quittung präsentieren. Der ständige Blick nach der Kirchturmspihe Hal noch niemals ein Gemeinwesen vorwärts gebracht! So viel noch einmal grundsätzlich.
Zu den beiden Zuschriften wäre im einzelnen kurz folgendes zu sagen: Daß eine Festhalle, die ja nicht etwa nur Festen, sondern hauptsächlich auch Ausstellungen, Kongressen, großen Versammlungen, Sängerlagen, ernsten sportlichen Wettkämpfen bei schlechtem Wetter, allgemeinen Volksfesten usw. usw. dienen soll, sehr wünschenswert, ja notwendig ist, kann jeder Verein und jede Partei, die mit größeren Besuchs- ziffem rechnen müssen, bestätigen: der Einsender Kl. gibt ja auch selbst zu, daß sie wünschenswert ist. Daß der ©ebanfe mal verwirklicht werden muß, ist klar: je länger man dies aber hinausschiebt, desto ungünstiger wird die Position Gießens gegenüber anoeren Städten und desto fühlbarer die wirtschaftlichen Nachteile unsere- örtlichen Erwerbslebens. Daß der Platz nicht gerade bequem ist, trifft zu: aber wer weiß in Gießen einen besseren, bequemeren zu nennen? Von der Stadt erwartet man keine Dar beteiligung bis zu 80 000 Mk., sondern allenfalls etwa 25 000 Mk. Bargeld und im übrigen Baumaterial aus städtischem Besitz: hierin liegt doch ein gewisser Unterfcßieb. 3m übrigen soll bie städtische Bargeld- ilnterftüßung nicht von dem „ohnehin belasteten Steuerzahler" aufgebracht, sondern — da es sich hier um eine werbende Anlage handelt -■ auf dem Anleiheweg beschafft werden, wobei selbstverständlich ist, daß die Verzinsung und die Tilgung dieser Anleihe auS Den Erträgnissen der Halle mit Vorrang vor einer etwaigen Gewinnausschüttung zu bestreiten sind. Daß die Belange Der „Gläubiger der Stadt Gießen" allenthalben aufrichtige Unterstützung finden, ist gewiß: aber einstweilen darf man doch nicht übersehen, daß die 3 Steuernotver- orbnung noch in Kraft ist. die eine Aufwertung ober Verzinsung der Anleihen verbietet. Das weiß auch der Fürsorgereferent der Stadt, der, wie uns genau bekannt ist, alles herausholl, was er aus Den Mitteln der Stadt nur erlangen kann. Zu der Gießener Industrie haben wir das Vertrauen, daß ihre schon ost bekundete Opfcrfrcubigfeit auch unter ben heutigen schweren Wirtschaftsbedingungen nicht versagen wird, benn in diesen Kreisen ist man gewohnt, mit weitem Blick zu messen. Die 15 000 Mk. der Turner sollten doch ernster beachtet werden, denn sie werden ä fonds perdu gegeben und bleiben bei
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der Verwirklichung deS jetzigen Plane« In Gießen, während sie bei bet Beschaffung einer gemieteten DehelfShalle einem auswärtigen Unternehmer, ber solche Hallen verleiht, in bie Tasche stießen: im übrigen veranschlagen wir 15 000 Mk nicht so gering, wie Herr Kl., besten Hoffnungen auf einen Privatunternehmer ebenfalls unzeitgemäß sind: er läßt hierbei auch außer Acht, baß die Hatte schließlich in baS freie Eigentum ber Stadt übergehen soll, wofür ein Privatunternehmer sich zweifellos nicht begeistern würde Dem Einsenber „Siner für Diele" wäre noch zu tagen, baß kein Mensch daran denkt, die Hatte zur Begünstigung von Genußsucht zu erbauen; wir meinen, bie Persönlichkeiten der namentlich genannten Herren ber vorbereitenden Ausschüsse, deren Namen in ber Einwohnerschaft einen guten Klang haben, und ber hervorragende Einfluß ber Stcchtoerwaltung tollten Derartige Ansichten boch von vornherein ausschließen: übrigens beachte man bie oben in kurzen Worten genannte Zweckbestimmung ber Halle. Soziales Empsinben ist auch ben Festhallefreunben eigen, ebenso ben städtischen Körperschaften: da bedarf es wirklich keiner Ermahnung! Aber ein bekanntes Wort sagt: Man soll das eine tun und das andere nicht lassen! Das gilt für ben Kamps gegen die Wohnungsnot, für das Eintreten für bic Schulhaussache und die Studien anstatt bei der Höheren Mädchenschule ebensogut wie für das Festhatteprojekt. Denn die Lösung aller dieser Ausgaben soll doch dazu dienen, unser städtisches Gemeinwesen wieder vorwärts und aufwärts zu führen. Wenn jetzt auch Opfer gefordert werden, so wird bie Zukunft bafür ben Lohn bringen.
Schöffengericht.
• Gießen, 4. März. Dor dem erweiterten Schöffengericht fand heute bie Verhandlung gegen ben Verwaltung-Inspektor H. 3. aus Gießen wegen Verbrechens im Amt usw. statt. Derselbe steht seit 26 Jahren im öffentlichen Dienst: er hat bas Finanzexamen bestanben und ist seit langen Jahren dem Kreisbauamt Gießen au- geteilt. Es wird "ihm zur Last gelegt, baß er in den Jahren 1921 bis 1924 in zahlreichen Einzel- sällen insgesamt über 14 000 Goldmark veruntreut habe. Datei ging er folgendermaßen vor: Er nahm die amtlichen Belege, in denen der zuständige Oberbausekretär die für den Kreis geleisteten Lieferungen und Arbeiten nebst Maßen und Preisen verzeichnet hatte, und zahlte den meist auswärts wohnenden Lieferanten und Unternehmern bic Beträge, bie sie zu forbern hatten, gegen Quittung auf ben Belegen aus seiner Tasche aus. Dann erhöhte er bie Summen auf den Belegen unb legte diese dem oberen Dau- beamten zur Dekretur der höheren Beträge vor. Alsdann präsentierte er die Belege der Kreis- kasse Gießen zur Auszahlung: diese zahlte dann dem Angeklagten die höheren Beträge aus, die I. in seine Tasche steckte. In einem Falle aus 1921 fertigte er sogar einen ganzen Beleg an, ohne daß überhaupt eine Lieferung getätigt war: hier handelte es sich allein um emen Betrag von über 3000 Mk. Die falschen Beträge trug I. bann auch in die für die Jahre 1921 bis 1924
Die Oberwälder.
Roman von AlfredDock.
15. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Der Peter schnäuzte sich und sagte: „Beim Heiraten tragen alle Aecker Weizen. No. so schnell schießen die Preußen net Ich will's net ver- reben, aber ich möcht das Mädchen jetzt noch net entbehren."
Der Daniel hob die Hand.
„Peter. Werf'« net fort!"
Der Margolf wandte sich ab.
„'S pressiert mir net.“
Weiter ward über bie Sache nicht verhandelt.
Als ber FreierSmann sich entfernt hatte, sprach der Margolf zu sich: „Der Hannbast ist von vermögenden Leut'. Gleich sucht sich, gleich findet sich. Ich werd emal mit der Marie schwätzen, 's mag aber laufen, wie s will, ich tu mich net ehnder aus, ehnder ich mich leg."
Beim Miltagläuten kam er heim und ging in bie Wohnstube, wo bie Marie sich anschickte, den Tisch zu decken.
„Der Daniel Mott," fing er an. „iS vorhin bei mir gewest. He spricht, dem Selz er sein Hann- bast hat ein Äug' auf dich Wie is es dann mit dir?"
Sie sah ihn frei an und sagte: „Nee."
Eine UnmutSfalte trat auf des Bauers Stirn.
„Du hast das _Nee" ja merkwürdig schnell parat."
Jähe Röte überflammte ihr Gesicht.
„Ich nehm nur ein', den ich gern hab, Vater."
„Das ilcberjtoerdje sein ich von dir gewohnt."
„Ich bin, wie ich bin, Vater."
„Larifari! Letzt hat dieWallmüllern ballatscht, du hält st dir ein Gerenn mit dem Lehrer angeschafft. Ich hab ein' Lach getan. So ein hungriger Schulmeister bild't sich ein, er braucht nur ben Finger auSzustrecken, und 's hängt ein reich' Mädchen dran. Prostemahlzeit! 's fönnt fein, bu hälfst dir was in’ Kops gefetzt. Daß du's nur weißt: daraus wird nix. Unb wann bu anhättst tote daS kanäisch Weib!"
Er ging mit schweren Schritten hinauS. Krachend fiel bie Tür hinter ihm ins Schloß. Die Marie stand wie an ben Boden gewurzelt. In ihren Zügen drückte sich ernste Entschlossenheit auS. Sie hatte Weilandt Schweigen gelobt. Daran
hielt sie unverbrüchlich fest. Wenn die Stunde kam, würde er für sie beide sprechen. Unb eS war ihr, als vernähme sie seine Stimme: „Die Marie und ich, wir gehören zusammen. UnS wird keine Macht ber Erde trennen I" Ein warmer Strom drang ihr ans Herz. Der liebe Mann! Mochte kommen, was da wollte. Für ihn war ihr kein Opfer zu groß.
VII.
Bald nach ber Unterhaltung, bie er mit bem Krämerskarl in Herbstein gepflogen, besichtigte der Bauunternehmer Disping in Begleitung eines Sachverständigen den Steinbruch am Horner hang. Eine volle Stunde kletterten bie beiden hin und her, nahmen Gesteinsproben, die sie eingehend untersuchten, und begaben sich dann in bas Haus des Bürgermeisters, wo sich bie Vertreter der Gemeinde versammelt hatten. Der Sachverständige, ein beweglicher älterer Herr, um dessen Lippen ein Zug versteckten Spottes schwebte, hielt eine Ansprache, die von den Dauern mit offenem Mund angehört wurde. Die oberhessische Dasattindustrie, sagte er, habe im vergangenen Jahre hundertdreißigtaufend Tonnen Bausteine und Schotter verschickt. Wenn sie erst bie Ausdehnung gewonnen habe, deren sie fähig sei, werde man unschwer bie Doppelte Ziffer erreichen. Der Augenschein habe ihn gelehrt, daß die Ausbeutung vielfach mangelhaft und hinter der Zeit zurückgeblieben sei. Was den Bruch am Horner- hang angehe, so könne er Erscheinungsform und Lagerung des Gesteins als günstig bezeichnen. Freilich Dürfe er nicht verschweigen, daß der Sonnenbrand dem Basalt gefährlich werde. Doch könne man sich hier mit Schutzdächern helfen. Im großen ganzen fei das Material vorzüglich Er begrüße es daher mit Freuden, daß ein Mann wie Herr Disping den Druch nach langem Stillstand wieder aufschließen wolle. Der Kostenaufwand sei jedenfalls bedeutend. Er hoffe, daß das Entgegenkommen der Gemeinde Herrn Disping ermutige, dem -Unternehmen fein volles Interesse zuzuwenden.
Der Bürgermeister zeigte sich bereit, den Steinbruch an Disping zu verkaufen. Dieser er- llärte, vorläufig komme für ihn nur eine Pachtung in Betracht, boch habe er einen späteren Kauf in Ansicht genommen. Wegen der Pacht- lumme erwarte er bie Vorschläge bes Bürgermeisters.
„Da fällt mir was ein,“ richtete ber Dürr- hannes an ben Bauunternehmer das Wort. „Wie
ber Elmenröder selig Den Schutt am Hornerhang hat abräumen lassen, is einer von Den Kippern auf Drei Goldgulden gefloßen. Ich will emal annehmen. Sie pachten Den Bruch und finden Geld. Wie stellen Sie sich bann dabezu?"
Disping lächelte.
„Darüber gibt's eine gesetzliche Destimmung. Die eine Hälfte gehört dem Fi aber, bie andere fällt der Gemeinde zu."
„Das is schad," meinte der Dürr Hanne«, „mir könnte das Ganze gebrauchen."
„Ich glaub’« Ihnen gern,“ sagte Disping, „aber es ist doch besser, Sie kriegen die Hälfte, als daß das Ganze in ber Erde stecken bleibt.“
Der Demerkung wurde Deisall gezollt, ja sie brachte ben Dorfvätern gleich eine hohe Meinung von ber Gescheitheit des Unternehmers bei.
„Morgen is Sitzung." beschick» ihn der Bürgermeister, „ich denk, daß wir einig werden."
Während der Sachverständige im „Ritter" einen Imbiß nahm, suchte D'fping ben Krämer-- karl auf. biefem über bie Besichtigung des Stein» bruchs und über die Verhandlung im Dürger- meister hauS Bericht zu erstatten. Jetzt, wo der Winter vor ber Tür stanb, würde man sich daraus beschränken, das Gestein am Hornerhang sreizulegen. Drei, vier Leute konnten die Arbeit gut bewältigen. Unterdessen würde Disping nach Abnehmern Umschau halten und alles in Dereit- fchafl fetzen. 3m Frühjahr sollte dann der Betrieb in vollem Umfang eröffnet werden. Disping dachte an hundert Kipper. Dom Druch sollte eine Feldbahn zum Klopfwerk führen, für dessen Anlage der Platz am GänSborn geeignet schien. Dazu kam die Dampfmaschine. Dreißigtausend Mark würden im Nu verausgabt werden, reichten aber noch lange nicht hin, alte Bedürfnisse zu decken. Freilich sollte der Steinbruch in großem Stile betrieben werden, sollte für die hessische Dasalt- inbuftrie vorbildlich sein.
Der Krämerskarl war Feuer unb Flamme.
„Wer Großes will," warf er hin. „hals halb getan. Ich kann aus eigener Erfahrung sprechen."
„Meinen Wohnsitz behalte ich in Lauterbach bei,“ legte der Bauunternehmer weiter seine Pläne dar. „Das bin ich meiner Frau schuldig. 3m Dors, wo kein Arzt zu haben ist und auf mancherlei Bequemlichkeiten verzichtet werden muß, ist ihre Existenz einfach unmöglich. Zwei-, Dreimal in ber Woche werde ich selbst herüber- kommen. Ich stelle natürlich einen Aufseher an.
2lber trau, schau, wem! Ein Kollege von mir im Lumdatal ist, wie ich kürzlich gehört habe, durch einen spitzbübischen Werkführer um ein großes Kapital beschwindelt worden. Ich brauche jemand, auf den ich mich gatu und gar verlassen kann, Der in meiner Abwesenheit nach dem Rechten sieht. Unb da hab ich an Sie gedacht, Herr Rendant. 3<ß verlange das nicht umsonst. Ich zahle Ihnen für Ihre Mühewaltung jährlich lausend Mark.“
Dem KrämerSkarl schoß das Blut in den Kopf. „Tausend Mark! Das ist zuviel!"
Disping machte eine Handbewegung.
„Herr Rendant, ich kann rechnen. Warten Sie’« ab, wie sich das Werk entwickelt, und wie ich über Sie verfüge."
Der Krämerskarl wippte auf seinem Stuhl hin und her. Tausend Mark! Domben und Granaten! Sein Glücksrad drehte sich auf einmal so schnell, baß ihm blümerant vor ben Augen wurde. Siät, ftät! Gewiß, er erlebte goldene Zeiten. Aber das war nicht zum kleinsten Teil fein Verdienst. Er hatte die Kenntnisse, er hatte den Blick. Wenn der Herr Disping ihn mit der Oberaufsicht über das Dasallwerk betraute, wußte er ganz genau, warum. Jeder Arbeiter war seines Lohnes wert Tausend Mark! Da war kein Bedenken.
Er erhob sich und sagte mit Selbstgefühl: „ Abgemacht!"
Der Bauunternehmer hotte eine Brieftasche hervor.
„Herr Rendant, Sie sind wahrscheinlich der einzige im Ort, ber in kaufmännischen Dingen mit- reben kann. Vertrauen gegen Vertrauen! Fünfzigtausend Mark will ich in ben Steinbruch stecken. 3d) hab mein Vermögen größtenteils in guten Hypotheken angelegt. Die werd ich natürlich nicht verkaufen. Man beleiht sie mir überall. Ich sage mir aber, was brauche ich weit zu gehen, wenn Üh's in ber Nähe haben kann. Ich habe Ihnen ba eine Schätzungsurkunde mitgebracht. Es handelt sich um ein Haus in der Daroper Straße in Dortmund. Das ist ein neues Bertel, das große Zukunft hat. Die Grundwerte steigen rapid. Sie waren lange genug im Kohlenrevier und kennen bie Verhältnisse. Das Haus wird auf zweimal- hunderttausend Mark taxiert. An erster S:eUe ist es mit hundertzwanzig Mille belastet. Die -wette Hypothek gehört mir. Die würde ich hinterlegen. Sic lautet auf fünszigtausend Mark. Will bie Spar- unb Darlehnskaste mir die geben, soll mir'« r cht fein. Daß sie mehr wie sicher geht, ist klar. Ich zahle übrigens höchstens fünf Prozent." (Fortsetzung folgt.)


