Ur. 5b Erster Blatt
175. Jahrgang
Samrlag, 7. März 1925
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SietzeimAnzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
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Reichspräsidentenwahl.
DeS Deutschen Reiches erster Präfidertt ist in badischer Heimaterde zur ewigen Ruhe gebettet Die offiziellen Trauerfeiern für den ersten Repräsentanten des Staates haben sich in würdigen Formen vollzogen. Wieder einmal zeigte sich die einigende Wacht großer nationaler Syrn- bole stärker als engstirniger Parteifanatismus und doktrinäres Nichtvergessenwollen. Dor der Bahre des toten Reichspräsidenten neigte sich mit dem offiziellen Deutschland das deutsche Volk in seiner überwältigenden Mehrheit, nicht, weil es sich mit dem Dahingegangenen politisch eines Sinnes gefühlt hätte, vielleicht nicht einmal, weil es in allen seinen Teilen die staatsmännische Bedeutung, den Persönlichkeitswert Friedrich Eberts empfunden hätte. Das rein menschliche Geschick diese« Mannes, der so jäh in der Doll- kraft seines Lebens aus der Dahn geworfen wurde, beugte uns alle, mehr noch das Symbol der Ration, daS er verkörperte, das Deutschland der Gegenwart, unser aller Deutschland, mögen tair es lieben in feiner heutigen Gestalt, mögen r vieles an ihm verbesserungsbedürftig halten, :S ist doch unser und der, den der Engel des Todes berührte, war unseres Deutschlands erster Diener. Fern gelegen hat es weiten Dollskreisen, die dem pol^hen Wirken des Reichspräsidenten kritisch gegc verstanden, dem toten Staatsoberhaupt ine höchsten Ehren zu versagen, aber mit Abscheu müssen diese Kreise im Verein mit allen anständig denkenden und gerecht wägenden Volksgenossen sich abwenden von
den angesichts . der Majestät des Todes doppelt verwerflichen Versuchen einer links- demokratischen Großstadtpresse. aus dem Tode des Reichspräsidenten politisches Kapital zu schlagen. Dor keiner Geschichtsklitterung wird zurückgeschreckt, keine noch so übertriebene und h hie Phrase überschwänglichen Lobes fehlt in ktiefen Nekrologen, die den übelsten Auswüchsen ue£ gerade von dieser Seite immer mit besonderem Eifer krittfierten Byzan- tinertums der wilhelminischen Aeva nichts nachgeben. Was würde wohl Friedrich Ebert denken, wenn er diese Pamegyriken lesen mühte, die heute ivurnalistische Speichellecker auf ihn an- stimmen? Heiht es nicht das Andenken dieses schlichten,geraden,aufrechten dentschenMannes beschmutzen, wenn man ihn heure aus sehr durchsichtigen Gründen zum Nattonalheros stempeln will? Heiht es nicht mit gehässigem Mutwillen über die Persönlichkeit dessen einen frevlen Streit vom Zaune brechen, über den sich erst vor wenig Stunden die Erde schloß? Wohl das treffendste, was zum Gedächtnis Friedrich Eberts geschrieben wurde, steht in einem Artikel Dr. Strefern a n n s und das höchste, was an der Dahre des Reichspräsidenten gesagt wurde, kleidete Reichskanzler Dr. Lu t h e r in ergreifende Worte. Hier sprachen Staatsmänner über den Staatsmann, Mitarbeiter am Wiederaufbau des Vaterlandes, die den Toten in langen Jahren der Zusammenarbeit, des Strebens nach dem gemeinsamen Ziel als Menschen kennen und lieben gelernt, als Staatsmann ihn, den politisch Andersdenkenden, achten und schätzen gelernt hatten. Aber beide, Stresemann wie Luther, geben der Wahrheit die Ehre und ehren damit den Toten wahrhaft, dem nichts ferner lag als jene Tleberheblichkeit und Anmahung, die in den Epopöen gewisser Organe in so verletzender Weise zum Ausdruck kommen.
Stresemann stellt in dem politischen Wirken des Reichspräsidenten an die Spitze seine stetige Arbeit für den Ausgleich, für Versöhnung der Gegensätze, für Zusammenfas- su ng aller Volksichichten. Darum sieht Stresemann den schwersten Verlust für unser Volk darin, daß es den Mann verlor, der wie kaum ein Zweiter berufen war, zusammenzuführen, was Krieg, älrnsturz und politische Mißgriffe in allen Lagern gespalten hatte. Glauben diejenigen, die sich seine Freunde nennen, fn seinem Sinne zu handeln, fein Werk des Ausgleichs fortsehen, wenn sie den Toten zum Märtyrer der Republik ausrufen, wenn sie noch am offenen Grabe beginnen, Hah und Zwietracht zu säen, wenn fit den Kampf um die Nachfolge mit dem zelo- tisch-n F l-g schrei ..hie Revubti , h e Monarchie" eröffnen? Sind das die rechten Sachwalter seines Erbes, jene kleinen Geister, die mit ihrer pharisäerhaften Tlnduldfamkeit der jungen Republik unendlich mehr schadeten, als jene Streife, die nicht von heute auf morgen alles Vergangene über Bord zu werfen vermochten? Jene kurzsichtigen Eiferer, die in ihrer törichten Angst vor der Reaktion den Staatsfeind unter den Volksgenossen statt an den Grenzen des Reiches suchten, haben wahrlich der Sache der Republik einen schlechten Gefallen getan, sie handeln auch heute nicht im Geiste jenes Mannes, der das Deutschlandlied dem deutschen Volk zur Nationalhymne gab, wenn sie an seiner Bahre den Kampf um den Präsidentenstuhl im Zeichen des ..Schuhes cher Republik" zu führen beginnen und alle die alten, abgegriffenen Phrasen von „Der- sassungsbruch" und ..Staatsstreich", „sozialer Reaktion" und „Platzhalter des Monarchen" wieder auftischen.
Kein Mensch denkt an älmsturz. Jeder verantwortungsbewußte Staatsbürger weift, daß das deutsche Volk heute anderes zu tun hat, als sich in Derfassungslämpfen zu zerfleischen. Wenn das deutsche Volk in seiner Mehrheit eine Reform seiner Verfassung für erforderlich hält, eine Aenderung der Staatsform für notwendig befindet, so gibt ihm ja das demokratische Selbst- bestimmungsrecht genügend Mittel an die Hand, seine Wünsche auf legalem Wege durchzusetzen, so bedarf es keines Staatsstreiches, keines Um«
Chamberlain in Paris.
Herriot und die deutschen Garantievorschläge. — Einberufung einer Sicherheitskonferenz.
Paris. 7. März. (TU.) Chamberlain ist gestern nachmittag pünktlich 6,15 llhr auf dem yQriLc£ Nordbahnhof eingetroffen Zu feiner Begrüßung waren der britische Botschafter und der Direktor der politischen Abteilung am Quai bOrfat), Laroche, erschienen. Chamberlain begab sich sofort im Auto nach der britischen Botschaft, wo abends ein intimes Essen ftattfanb, an dem auch Ministerpräsident Herriot teilnahm.
Der Empfang in der Botschaft zog sich von 8 Uhr abends bis gegen 12 Tlhr hin. Viel beachtet wurde, daß Herrwl, alS er nach dem Quai d'Orsay zurückkehrte, ein umfangreiches Exemplar deS Friedensvertrages von 1919 unter dem Arm hatte. Von den heute vorliegenden und offenbar verbürgten Presseinsvrmationen läßt sich sagen, daß die französische Regierung die deutschen Eiche- rungsvorschlage nicht grundsätzlich ablehnt, Herriot erwäge sogar Gegenvorschläge, über deren Inhalt aber vorläufig noch nichts Bestimmtes verlautet. Die Morgenblätter bestätigen, daß der französische Ministerpräsident die Ausdehnung der deutschen Garantievorschläge auf die polnische Grenze nach wie vor als notwendig erachte. Nach rechtsstehenden Blättern soll Herriot dem polnischen Außenmini st er im Verlause der gestern nachmittag stattgefunden Aussprache ziemlich ausweichend geantwortet und auch recht vage Zusagen gegeben haben.
3m Gegensatz zu der französischen Morgen- Presse glauben die hier erscheinenden amerikanischen Blätter, insbesondere der „Neuyork Herald" zu wissen, daß Austen Chamberlain dem französischen Ministerpräsidenten gestern formelle Vorschläge auf Unterzeichnung eines europäischen Garantiepaktes unter Einschluß Deutschland« unterbreitet habe. Chamberlain habe nachdrücklichst auf die moralische Wirkung der Unterschrift Englands hingewiesen und im übrigen erneut hervorgehoben, daß England außerstande fei. für die Sicherheit der polnischen Grenze aufzukommen. Der englische Außcmrnini- ster habe weiterhin dem Wunsche unzweideutig Ausdruck verliehen, so schnell wie möglich eine Klärung des Darantiepakt-Prvblems herbeizuführen. Er habe daher angeregt,
anfangs April eine Konferenz einzuberufen, die nach Abschluß der zur Zeit im Gange befindlichen Vorbesprechungen die wirksame Behandlung dieses Problems in Angriff nehmen wird. Der deutsche Vorschlag, wonach evtl, deutsch-tschechische und 'deutsch-polnische Str eitfragen Gegen st and eines Schiedsspruches bilden scllen, müsse als besondere Klauseln in den allgemeinen Pakt ausgenommen werden. Der „Matin" weist daraus hin, daß zu den brennendsten Fragen, die Herriot und Chamberlain zunächst lösen werden, offenbar dieAbrüstungDeutschlands und das Problem der Besetzung Kölns gehören. Marschall F o ch habe mitgeteilt, daß die Prüfung des Generalberichtes in 4—5 Tagen abgeschlossen sein würde. Die alliierten Mächte werden also zu den beiden Fragen wahrscheinlich nach der Rückkehr Chamberlains aus Gen' definitiv Stellung nehmen. Man sehe feiner let Schwierigkeiten voraus. Unklarheiten beständen jedoch noch über die evtl. Vorladung deutscher Delegierter, denen nach englischer
Auffassung Gelegenheit zu geben sei, sich über die letzten Waffenfunde in Deutschland näher auszulassen.
Das deutsche Schieds- gerichlsanerbieten.
Günstige Aufnahme in der Tschechoslowakei.
Prag, 6. März. (WB.) Wie die deutsche Zeitung „B o h e m i a" erfährt, wird eine Stellungnahme der tschechi chen Außenpolitik zu dem deutschen Schiedsgerichlsanerbieten erst nach Kenntnis des konkreten Inhalts möglich fein. Grundsätzlich steht man dem Anerbieten nicht ablehnend gegenüber, doch glaubt man. daß mitRücklicht auf ite korrekten Beziehungen zwischen der Tschechoslowakei und Deutschland und auf die verschwindend kleinen Reibungsflächen ein Schiedsgerichtsabkommen gar nicht nötig ist. Ein derartiges Abkommen wäre nur im Rahmen des Dolke rbundes ersprießlich. Falls dieses Abkommen die Schaffung eines westlichen Blocks gegen Osten erstreben sollte, würde die Tschechoslowakei kaum die Rolle eines Gegengewichts gegen Osten übernehmen können. Das Blatt „Lidove Noving" nennt das deutsche Angebot weitreichend und eine ernste Erwägung verdienend, denn es sei ausgeschlossen, daß Deutschland vor der ganzen Welt in dieser Weise übernommene Verpflichtungen leichtfertig verletzen werde. Ein Schiedsgerichtsvertrag zwischen Deutschland und der Tschechoslowakei könnte tatsächlich als eine ausreichende Friedens- und Sicherheitsbasis aufgesaßt werden. Deutschland bringe g genüber der Tschechoslowakei keine Einwände vor, anscheinend auch keine, was das deutsch-polnische Verhältnis anbelangt. Es erwartet niemand von Deutschland, daß es seine östliche Grenze für ewige Zeiten annchmen werde: aber eine öffentliche Kundgebung gegen diese Grenze könnte allerdings nicht zur Kenntnis genommen werden. Die osterreichisch-deutsche Grenze scheine Deutschland ebenfalls nicht als perfekt zu betrachten. Mit der Tschechoslowakei beabsichtige Deutschland niemals Krieg zu führen. Es will fein Verhältnis zu ihr durchaus neutral regeln, fo wie zu Holland oder zu der Schweiz.
Dor Eröffnung
der Vöikerbundslagung.
Genf, 7. März. (T. U.) Die Stadt steht fchon heute im Zeichen der Volkerbundstagung. Zahlreiche Diplomaten und Journalisten sind bereits eingetroffen. Im Mittelpunkt steht die Person Chamberlains, der den Sonntag zu Besprechungen mit den anderen Delegierten und dem Generalsekretär des Völkerbundes benutzt, um mit ihm über die Form zu beraten, in der dem Rate die Stellungnahme Großbritanniens zum Genfer Protokoll übermittelt werden soll. Vermutlich wird dies durch ein Schreiben an den Generalsekretär des Völkerbundes erfolgen, nach dessen Verlesung im Rat Chamberlain das Wort zu längeren Erklärungen ergreifen wird. Jedenfalls ist mit Bestimmtheit damit zu rechnen, daß Chamberlain erneut eine Vertagung der Debatte über daS Genfer Protokoll beantragen wird.
sturzes. Aber ein Ende gemacht will es sehen mit diesem gewissenlosen Derhehungsfelbzug. Nicht wieder wünscht es wie im Dezember vorigen Jahres in einen Wahlkampf gestürzt zu werden, der alle niedrigsten polltischen Leidenschaften entfesselt, der eine Volksschicht gegen die andere ausspielt, der heute noch nach sechs Jahren in jedem Leitartikel, in jeder Wahlrede von „Republikanern zweiter Klasse", von „Feinden des Staates", von „Monarchisten und Putschisten" fabuliert. Den Wahlkampf im Geiste des verstorbenen Präsidenten führen, heißt ihn im Geiste des Ausgleichs führen, heißt auch dem politischen Gegner zugestehen, daß er des gemeinsamen Vaterlandes Wohl will!
Wenn der Reichstag, wie zu erwarten, den ihm von der Reichsregierung vorgeschlagenen Wahltermin des 29 März billigt, trennen uns nur noch wenige Wochen vom Wahltag, und noch hört man nur Vermutungen, Gerüchte, Kombinationen über die Aufstellung der Kandidaten. Soviel scheint allerdings feft- zustehen, daß sich sämtliche Rechtsparteien auf eine gemeinf ame Kandidatur einigen dürften- Daß dies nicht die Person des Kanzlers ist. will die meist gut informierte „Zeit" auch bereits wissen. Warum man von einer Kandidatur Dr Luthn-z abgesehen hat. oder warum der Kanzler eine Kandidatur ablehnte, ist nicht ganz verständlich. Wenn man glaubte, im Augenblick den leitenden Staatsmann im Reichskanzleramt nicht entbehren zu können, so ist doch dazu zu Tagen, daß die Reichsverfassung dem Reichspräsidenten keineswegs eine rein repräsentative Stellung auferlegt, wie etwa in Frankreich. Reichskanzler^ und Minister kommen und gehen, der Reichspräsident ist — um ein in diesen Tagen recht abgegriffenes, aber treffendes Wort zu gebrauchen — der ruhende Pol in der Erscheinungen Flucht. Auf die Kommandobrücke de«
Reiches gehört ein ganzer Mann von starkem Wollen, der zäh und energisch ohne parteiliche Bindung fein Ziel zum Wohle des Volksganzen verfolgt. Dr. Luther hat sich als ein Staatsmann bedeutenden Formats erwiesen, er hat sich durch fein Sanierungswerk den Dank und die Sympathien weitester Dolkskreife über alle Parteien hinweg erworben. Bei ihm wüßte das deutsche Doll fein Geschick in starken Händen.
Aus der Linken schien man anfangs auch für eine Sammelkandidatur sich entscheiden zu wollen. Die Zentrumspreise macht auch heule noch für eine derartige Kandidatur des preußischen Ministerpräsidenten Marx Stimmung. Wenn dazu das hessische Zentrumsorgan, das „Mainzer Journal", schamhaft schreibt, „selbstverständlich kann unb wird diese Nominierung nicht aus den Reihen des Zentrums heraus erfolgen", so fragt sich der begriffsstutzige Zeitungsleser, ob denn nun etwa die Demokraten in dieser Komödie den Herold für Herrn Marx abgeben sollen. Die aber denken wenigstens für den ersten Wahlgang offenbar an einen eigenen Kandidaten in der Person des ehemaligen badischen Staatspräsidenten Hummel oder des derzeitigen badischen Staatspräsidenten Hellpach. Die Sozialdemo, traten schließlich, denen die Verbündeten von Weimar im Grunde einen Verzicht auf eine eigene Kandidatur zumuteten, scheinen davon vorerst ebenfalls nichts wissen zu wollen. Herr L ö b e , der Reichstagspräsident, den seine Partei für den Reichspräsidentenposten wohl nominieren wollte, mußte vom „Vorwärts" einen Rüffel einstecken, well er es gewagt hatte, sich für das ihm zugedachte Amt ungeeignet zu erklären. Damit hat sich die stärkste Persönlichkeit der Soziall>emokratie selbst ausgeschaltet. Zu Beginn der nächsten Woche dürste über die Persönlich- feit der Kandidaten volle Klarheit geschaffen sein, was in Anbetracht der kurzen Zeit, die bis zum Wahltag noch bleibt, dringend not tut.
Der Eisenbahnerausstand
lleberqreifen nach Berlin und Breslau«
Bedenkliche Lage in Frankfurt.
Berlin. 7. März. (Wolfs.) Wie die Diät- ter zu der Streikbewegung bet der Reichsbahn melden, sind die Gewerkschaften aller Richtungen bemüht, solange die Verhandlungen mit der Aeichsbahnverwaltung schweben, die Ausbreitung deS Streikes der Eilenbahnarbeiter zu verhindern. Sie haben jedoch den Bezirks- (eitern in den Streikbezirken bie Anweisung erteilt, in bie Streikleitung einzutre- ten, fall« ein Ausstanb nicht zu Verbindern sei. Sie wollen damit unter allen Umständen verhüten daß bie Streikbewegung in ein radikal- politisches Fahrwasser gerät. Zu den Hauptforderungen der Streikenden gehören eine Lohnerhöhung von 6 Pfennigen die Stunde unb die Herabsetzung der Arbeitszeit von neun auf acht Stunden. Die Beamtenschaft lehnt vorläufig jede direkte und indirekte Unterstützung der Streikenden ab.
Heber die Lohnverhandlungen erfahren wir noch folgende Einzelheiten: Die Arbeiterlohn- srage wurde eingehend in einer besonders einberufenen Sitzung des Verwaltungsrats der Deutschen Reichseisenbuhngesellsch ist erörtert Der Derwaltungsrat hielt die Gruicdlaaen, um über eine Lohnerhöhung zu entscheiden, für noch nicht genügend geklärt.
Er vertagte feine Enlfcheibnng aus die noch in diesem Monat statt findende planmäßige Sitzung. Den am Tarifvertrag beteiligten Organisationen wurde seitens der Hauptverwaltung angeboten, die Eisenbahnerlöhne an Orten, wo sie unter den Jndustriearbeiterlöh- nen liegen, diesen anzupassen. Dieses Angebot ist seitens der verhandelnden Organisationen rundweg a b g e l e h n t unb bie Forderung nach einer allgemeinen Lohnerhöhung gestellt worden. Die Hauptverwaltung der Reichsbahn war nicht in der Lage, dieser Forderung nachzugeben, da die Tatsache besteht, daß an den meisten Orten die Eisenbahnerlöhne zum Teil nicht unerheblich über den Industriearbeiter- löhnen liegen. Im übrigen darf darüber kein 3tocifel aufkommen, daß bei einer allgemeinen Lohnerhöhung Erhöhungen imPersonen- t a" r t f nicht zu vermeiden sind.
Dle Streikbewegung unter den Eisenbahnarbeitern hat eine weitere Ausdehnung er'ahren und auch auf Berlin übergegriffen.
Wie der Deutsche Eisenbahnerverbnnd mitteilt, sind gestern nachmittag aus dem A-Halter Güterbahnhof 500 Arbeiter in den Streik getreten, so hat) dieser größte Güterbahnhof Berlins stillgelegt werden mußte. Auch der Schlesische Güterbahnhof ist um 12 Hör nachts stillgelegt worden. Ferner liegt ein Streikbeschluß der Bodenarbeit er auf dem Lehrter Oüer» bahnhof vor. In der gestrigen Konferenz der Eisenbahnergewerkschaften sind feine endgültigen Beschlüsse gefaßt worden. Seiten- der Beamtenorganisationen und der sogenannten gern schien Organif Honen, die Beamte unb Arbeiter umfassen, ist die Erklärung abgegeben worden, baß bei einem allgemeinen Streik her Eisenbahnarbeiter seitens der Be- amien Solidarität geübt werden soll, die jedoch nicht in einem Streck, sondern in passiver Resistenz bestehen soll.
Wie in anderen Eisenbahndirektionsbezirken, so hat sich auch im Bereiche der Frankfurter Derwaltung bie Lage bedenklich zugespiht. Gestern nachm fand in Frankfurt eine stark besuchte Versammlung der im „Deutsch Eilend.-Versammlung der im „Deutschen Cisenbahnerver- band" organisierten Eisenbahner des Bezirks statt, die in einer Entschließung sich gegen d ie Verschleppung der Lohn- unb Gehaltsbewegung, sowie bie Ablehnung bei Verkürzung ber Arbeitszeit aus^prach den im Streik stehenden Eisenbahnern die vollste Sympathie bekundete unb ihnen Hilfe versprach, schließlich aber selbst zum Eintritt in die Streikbewegung auffordert, wenn am Samstag die Verhandlungen in Berlin nicht schnellstens zum Abschluß kommen.
K*m Laufe des Tages hat sich im Bezirk Dresden der Reichsbahnbireklion Dresden die Zahl der Eisenbahner, die bie Arbeit niedergelegt haben, zwar noch besonders du ch den Zutritt von Streitenden in Freital. Pottschappel, Hainsberg. Gaschwitz. Riesa-Hasen und Alten- burg in Thüringen erhöht: in der Betriebs- läge ist jedoch dadurch feine Verschlechterung eingetreten, da die Zahl der zur Verfügung stehenden Ersatzkräfte gesteigert werden konnte. Der Personenverkehr wird von dem Streik nicht beeinflußt.
In Breslau haben in der Nacht zum Freckag die Funktionäre des Deutschen Eisenbahnerverbandes den Streik ab Samstag früh 6 ilfjr für sämtliche Bahnbetriebswerke, Güterbahnhöfe unb Dahnunterhaltungen beschlossen.
Die demokratische Reichstags-- sraktion zur Präfidentschafts- frage.
Berlin, 6. März. (DU.) Die demokratische Reichstagsfraktion hält ein Stellvertre- tungsgeseh für notwendig, da mit hem Amtsantritt des neuen Präsidenten erst für Mitte Mai gerechnet werden könne. Die Fraktion be- schloß, trotz der technischen Schwierigkeiten auf


