Zrettag, 6. November 1925
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderhessen)
Nr. 26( Zweites Blatt
Preisausschreiben
rledlich nebeneinander zu leben. Diel englische armen. Aber sonst merkt man von der Herr
Um.
len. Aber sonst merkt man von der Herrschaft Engländer (soweit ein kurzer Besuch diese Fest-
der
Spazierstock, sein Teetisch, Manuskrnptblätter, Bücher aus seiner Bibliothek, Silhouetten, Be
den Leser überträgt.
auf
der vor die
*) Den in Kürze erscheinenden Lebenserin- nerungen des Admirals Scheer, des Siegers von Skagerrak, die unter dem Titel „V o m S e g e l - schiff zum U • 58 o o t" im Verlag von Quelle & Meyer in Leipzig herauskommen, entnommen.
menschliches Fleisch, schockweise in offene Gruben geworfen . . .
Der Weg vom Dorfe Schech OthmLn, zurück nach Aden, führt längs einer flachen Sandzunge, die das Festland mit der Halbinsel Aden verbindet. Rechts und links nichts als Wüstensand, hie und da einige Salzpyramid.'n, kein Baum und kein Strauch. Von Zeit zu Zeit ziehen Hitzwellen heran, die heißer sind, als die Luft in den heißesten Abteilungen eines lür- kischen Dampfbades. Auf dem halben Wege erleidet unser Wüstenauto eine Panne, wir stehen hilflos im Dampfbade, und ich denke in diesem Augenolick sehnsüchtig an das kühlere Sowjetrußland zurück: einst im „slawischen Orient", auf dem Wege zwschen Petersburg und Zarskoje Sfelo, wo die Gegend
alle Bäume webten.
Schloß Greifenstein, nach dem Bauernkriege auf einem romantischen Untergeschoß neu erbaut und späterhin ständig erweitert, spiegelt in seiner Gesamtheit die Physiognomie der Generationen wider, die es bewohnten. Der runde Turm mit der Bibliothek gehört zu den ältesten Teilen, er wurde aber abgeschlossen, als Frau Emilie mit ihrem jungen Gatten den Besitz antrat — das Paar richtete sich behaglicher nach Biedermeierart in einem anderen Flügel ein. 3n diesem auf Säulen ruhenden Anbau hat auch das Familienmuseum seinen Platz gefunden, die I Sammlung von Andenken aus den Tagen des Großvaters: das Urbild der Dannecker-Düste, der Siegelring Schillers mit dem Homerkopf,
von Gleichen erzählt selbst in einem, ihm aus I seine Uhr, seine Tabattöre, sein Schachbrett, sein Anlaß seines 60. Geburtstags von seinem Ber- «**--*-*“—
leger Julius Hoffmann gewidmeten kleinen Buch ansprechende und liebenswürdige Einzelheiten aus seiner Kinderzeit auf Greifenstein. Die Mutter war kurz nach seiner Geburt gestorben, aber die Großmutter Emilie lebte noch, als vielbeschäftigte Schlohherrin, und übermittelte dem Knaben mancherlei, was durch die Ueberlieferung in ihr lebendig war. Der ganze Lebenszuschnitt auf Greifenstein war eine Anlehnung an das cincien regime, gemischt mit leichter Empfindsamkeit und getragen von einem reichen geistigen Verkehr, und so war es nur natürlich, daß in dieser Atmosphäre sich frühzeitig literarische Interessen in Alexander regten. Seltsame Fügung wollte, daß er schon als Kind mit feiner jetzigen Gattin in briefliche Verbindung trat. Beide waren Geschwisterkinder, auch sie war eine Thienen, Tochter eines Wiener Diplomaten, und von der Zeit ab, da sie als seine Frau auf Greifenstein Einzug hielt, teilte sie sich mit ihrem Mann in die Welt der Erinnerungen, die 'hier durch
Ahnenbilder hängen an den Wänden, das Geschlecht der Gleichen gehört zum Ilradel Thüringens, und viel hat sich aufgesammelt im Laufe der Zeit und wurde pietätvoll bewahrt. Aus langen dunklen Wandelgängen, dämmererfüllten Gewölben und Zinnenfluchten tritt unS Ver- aangenes entgegen, das Leben einer Gesellschaft, die einst da war und von deren Wandlungen in Sitten, Stilformen und Gesinnung die alten Mauern Wunderliches erzählen könnten. „Es war einmal" fangen die Märchen an. „Es war einmal" kann man auch von dem Geschehenen sagen, das Schloß Greifenstein einst belebte. Und vielleicht kam dem Dichter bei einem Bund- gang durch die alte Veste und bei dem Erinnern an das Gewesene auch der Gedanke zu seinem großen kulturhistorischen Hauptwerk, der sechsbändigen Geschichte der europäischen Geselligkeit, dir nicht nur in der deutschen Literatur, sondern ebenso in der fremden kein Gegenstück kennt. Ich weih nicht, wen ich höher schätzen soll, den feinsinnigen Dichter oder den Geschichtsschreiber, der uns, niemals doktrinär werdend, seine fabelhafte Belesenheit und seine Gelehrsamkeit in prachtvolle Sprachform kleidend, durch alle Zeitalter führt und die gesellschaftlichen Stimmungen der Vergangenheit in uns fühlbar werden läßt.
Sechzigste Geburtstage von berühmt oder bekannt gewordenen Schriftstellern werden in unfern Tagen oft allzu aeräuschvoll gefeiert Alexander von Gleichen ist kein Freund des Lauten. Wie ich ihn zu kennen glaube, möchte ich vermuten, daß er den 6. Bovember am liebsten in der herbstlichen Stille von Greifenstein verleben wird. Aber des Gedenkens, das ihn an diesem Tage umrauscht, und der Grüße und Wünsche, die ihm zufliegen, wird er sich nicht erwehren können.
Schon immer haben die Empfehlungsanzeigen im Gießener Anzeiger auch in Bezug auf die Satzausftattung allgemeine Anerkennung gefunden, ein Ansporn mehr für unsere technischen Mitarbeiter, der Ausgestaltung des Anzeigenteils in der Jubiläumsausgabe ganz besondere Sorgfalt angedeihen zu lassen.
Um nun zu erfahren, welche Anzeige in dieser Sonderausgabe unserer Leserschaft am eindrucksvollsten, somit also am wirksamsten erscheint, fordern wir unsere Bezieher auf, uns unter Beifügung einer kurzen Begründung den Namen des Auftraggebers derjenigen Anzeige schriftlich mitzuteilen, die sie für die wirksamste halten.
Drei Anzeigen, auf die sich die höchste Stimmenzahl vereinigt, werden bekanntgegeben. Die drei treffendsten Begründungen für diese Wahl werden mit je einem Geldpreise bedacht in Höhe von
150 Mark
100 „
50 „
Die Aushändigung der Preise erfolgt rechtzeitig vor dem Weihnachtsfeste. Die Einsendungen müssen aufdemUmschlagdieBezeichnung „Preisausschreiben" tragen. In besonderem eingeschlossenen Umschlag sind Name, Stand und Wohnung anzugeben. Sämtliche Zuschriften sind bis zum 10. Dezember an die Geschäftsstelle des Gießener Anzeigers zu richten.
Die Entscheidung über die besten Begründungen wird von Sachverständigen gemeinsam mit dem Verlag getroffen.
Gießen, den 31. Oktober 1925.
Verlag des Gietzener Anzeigers.
liquien aller Art unter einem venetianifchen Kronleuchter, 6er auch feine Geschichte hat. Nebenan liegt das Schreibzimmer der Baronin, mit reich geschnitzter Täfelung und einem Schreib- ttsch, der einst Karoline von Wolzogen gehörte, auf den Begalen vieler Erstausgaben unserer Klassiker, die chre Verfasser noch selbst in den Händen gehalten hatten. Man versteht, daß Gleichen in diesem Zuständlichen die Stimmung fand, die feine Arbeiten über Schiller und Weimar atmen — die Umgebung wurde für ihn zu lebendiger Anschaulichkeit, die sich unmittelbar
Wie sich fein Vater erst als reiferer Mann Kunst widmete, so trat auch Alexander nicht seinem 35. Lebensjahr als Schriftsteller an Oeffentlichkeit. Die erste Anregung zu der Wandlung, eine vornehme Liebhaberei zu einem Beruf auszugestalten, mag ihm der Vortrag gegeben haben, den er 1899 in Wien hielt. Freilich waren damals schon mancherlei Dichtungen von ihm erschienen, eine graziöse Do- koko-Komödie, ein Schauspiel, ein Band Essays, aber viel lag noch im Schreibtisch seines Turm- zimmerS vergraben — und ist zum Teil auch noch vis heute vergraben geblieben. Denn Gleichen gehört nicht zu den Vielschreibern, die alles zu eigener innerer Befreiung Biedergeschriebene umgehend der Welt mttteilen. In jenem Saal des Schlosses, der seiner merkwürdigen Form halber „Die Pistole" genannt wird, pflegt sich die Landgeselligleit Greifensteins abzuspielen. Dichtung und Musll schließen in dem gastfreien Hause gewöhnlich den Tag ab, und hier liest zuweilen im Kreise gleichgesinnter Freunde auch der Hausherr seine Poesien vor.
Alexander von Gleichen-Rußwurm zn feinem 60. Geburtstag am 6. November 1925.
Don Fedor v. Zobeltitz.
Schillers jüngste Tochter Emilie heiratete 1828 einen blutjungen fränkischen Edelmann, den Freiherm Adalbert von Gleichen-Rußwurm, den fie bei ihrem Berliner Aufenthalt im Hause Wilhelm von Humboldts fennengetemt hatte. Die Ehe war eine unendlich glückliche. In dem schönen Gleichenschen Schlosse Greifenstein ob Bonnland in Unter franken fand die reichbegabte Frau Mutze zu ihren literarischen Arbeiten, die viele interessante CB ei träge zur Lebens- und Schafiensgeschichte ihrer Eltern brachten. Ihr ist auch der Grundstock des Greifensteinschen Schillermuseums zu danken, aus dem die wichtigsten nachgelassenen Papiere des Dichters später dem Weunarischen Archiv überwiesen wurden. Sie starb am 25. November 1872 und hinterließ nur einen Sohn, den 1836 geborenen, 1901 verstorbenen Ludwig, einen talentvollen Maler, vermählt mit Elisabeth Freiin von Tbienen-Adler- flycht, die auch ifjm einen Sohn schenkte, der in der Taufe die Vornamen Karl Alexander Schiller erhielt (geboren am 6. November 1865). Der Beinamen Schiller war wie eine Vorbedeutung, öenn als der letzte männliche Nachkommen des Dichters, der österreichische Major a. D. Friedrich Ludwig Emst von Schiller, 1877 verschied, blieb aus der Schillerschen Familie nur noch der Enkel aus dem Weibstamm Alexander von Gleichen. ,
Künstlerische Anlagen pflegen sich, wenn auch nicht immer, so doch häufig zu vererben. Dem Maler folgte der Schriftsteller, Alexander
teüung zuläßt) ziemlich wenig. Nach ihrem gewöhnlichen Derwaltungssystem gestatten sie nichts, verbieten sie nichts und befehlen fie nichts. Und wenn sie es tun, dann jo, daß man es recht wenig merkt. Und doch sitzen sie an diesem Orte, der erst seit Eröffnung des Suezkanals eine Weltbedeutung gewonnen hat, bereits feit dem Jahre 1839. Dreißig Jahre vor Eröffnung des Kanals legten sie ihre schwere Hand auf diese „wüste Gegend am Meeres weil sie es natürlich schon 1839 wußten, daß 1869 der Suezkanal eröffnet werden wird. (Sie wißen alles im voraus . . .) Und nun ist dieses Aden, neben Gibraltar, Suez und Sinaapore, einer der Hauptstützpunkte ihrer Seeherrschaft geworden. Was Wunder, daß infolgedessen dieser Ort, den alle anderen Völker eine Hölle nennen, für die Engländer ein Eden ist . . .
Auf dem Dampfer macht man die Wahrnehmung, daß die Hälfte aller Pastagiere ausgestiegen ist, d. h. die meisten haben sich auf einen Dampfer begeben, der nach Bombay geht, andere wieder fahren von hier nach den südafrikanischen Kolonien, während wir auf Ceylon zusteuem. Das geht auf den großen Weltstraßen schon mal so: Wochenlang ist man miteinander gefahren, hat miteinander gesprochen, sich gemeinsam gelangweilt und gemeinsam stundenlang
Aden—eine wüste Gegend am Meere . . .
Von George Popoff.
2ln Bord der „Maloja" (Indischer Ozean), Oktober.
„Eine wüste Gegend am Meere . . ." nannte einst Shakespeare fälschlicherweise Böhmen, wohl ohne es zu ahnen, daß diese Bezeichnung besser als auf die Tschechoslowakei, auf einen anderen Fleck unserer Erde zutreffen würde — auf Aden, eine Hölle, welche die Engländer „Eden" aussprechen. Dieser Ort ist als der heißeste der Welt bekannt, und zwar infolge der Tatsache, daß es hier nur einmal in vier Jahren regnet, was zweifellos recht selten ist.
Vom Schiff aus gewahrt man einige nüchterne, orientalisch-flache Gebäude und dahinter eine Reihe steiler Berge, die so trostlos-trocken aussehen, daß bei ihrem Anblick dem Zuschauer die Zunge am Gaumen klebt. Nichts Malerisches haben diese Berge an sich — schmutzig-graue Kulissenberge, deren Erklimmung man besser unterläßt. Merkwürdigerweise erinnerte mich diese Landjchaft lebhaft an die oben Wolgastädte, die ebenso schmutzig-grau, ebenso intensiv-verbrannt und ebenso trostlos-arm wie diese „wüste Gegend am Meere" aussehen. (Ueberhaupt sollte ich hier an Sowjetrußland noch mehrmals erinnert werden . . .)
Beim Landen verstärkt sich der vom Dampfer aus gewonnene Eindruck, daß diese Gegend eine „Wüste" ist, noch mehr. Da ist zum Beispiel das „Wüstenautomobll", welches uns eine Rundfahrt um die Halbinsel Aden vermitteln soll. Es ist ein gewöhnlicher Fordwagen, der indessen einige „Wüstenmerkmale" aujweist: erstens ziert ihn, an Stelle eines Teddy-Bärs eine Straußenfeder, die am Kühler, vorne angebracht ist (im Gegensatz zu dem Vogel Strauß, der diese Federn hinten zu tragen pflegt); zweitens sind, aus unersichtlichen Gründen, alle vier Laternen des Wagens mit knallrotem Kattunstoff umwickelt, was dem harmlosen Fordwagen das Aussehen eines schreckenerregenden Untiers verleiht und drittens ist der Chauffeur ein pechkohlrabenschwarzer Mobr, der ein tariertes, bei uns gewöhnlich „Staubtuch" genanntes Tuch, als Turban, recht keck auf einem Ohr sitzen hat, ein ähnliches Tuch um die Lenden trägt, außerdem noch mit einer Armbanduhr prangt, sonst aber recht unbekleidet ist und wie ein unverfälschter Orang- Utan aussiebt. Seine menschlichste Eigenschaft befiehl darin, daß er andere „Wüstenautos" zu überholen liebt. Ist ihm dieses gelungen, bann verhält er sich, wohl vor Innerer Erregung bebenb, noch eine Zeitlang ruhig unb rast weiter, doch nach einer Weile schaut er sich gelaßen um unb, ist bas geschlagene Auto weit überholt, so strahlt seine pechkohlrabenschwarze Mohrenfratze von einem Ohr zum anbern, unb zwei Perlenreihen blenbenb weißer Zähne werben sichtbar.
Den Fremben werden in Aden gewöhnlich die Tanks gezeigt, die in die Berge gehauene Wasserreservoire darslellen und aus dem 6. Jahrhundert stammen sollen. Das Innere eines jeden dieser Tanks hat, da es eigentlich ein Berglal ist, unregelmäßige, wellenarttge Abhänge, die leicht betoniert sind. Am ersten Tank ist eine Tafel angebracht, die besagt, daß dieser Tank 4 628 342 Gallonen Wasser fassen kann. Dock de facto ist kein einziger Tropfen drin. Dagegen kraxeln am Rande einige dreckige Araberbengel herum, die sich dadurch bemerkbar machen, daß sie (nach der Art wie man bei uns im Winter einen Schneeberg hinabgleilel), auf dem verlängerten Rücken sitzend, hier den glühend heißen, rauhen, mehrere hundert Meter tiefen Betvn- abhang hinunlerrutschen. Unten angelangt, erheben sie begreiflicherweise ein lautes Gebrüll und erwarten, daß man ihnen einige Münzen zuwirft, was jeder Zeuge dieser respektablen Leistung dann auch gern tut. Selbst meinem ärgsten Feinde würde ich eine derartige Rutschpartie nicht wünschen.
Interessanter als die Tanks ist der übrige Teil dieser Gegend, den die Fremden seltener besuchen, so namentlich bas bereits auf bem Festlanbe gelegene Araberdorf Schkch Dthmän. Ich nannte einst bas aus Schmutz und malerischen Arabesken bestehende Sowjetrußland den „slawischen Orient". Dieses Land, das dieselben Eigenschaften aufweist, könnte man fast die „orientalische Sowjetie" nennen. Unb man beginnt zu ahnen, baß es wohl nicht nur bie von ben Moskowitern ausgehende Aufforderung zum „Aufruhr des Weltsklaventums" allein ist, welche faszinierend auf diese unsauberen, schwarzhäutigen Herren wirkt, sondern auch viel Physiologisch-Gleichartiges sich hier gegenseitig an- zuzlehen scheint . . . Manche dieser sich Men- schen nennenden Kreaturen, denen man hier begegnet, haben gar eine verzweifelte Ähnlichkeit mit jenen braunschwarzen, skelettartigen Leibern, die ich 1922 in ben Steppen Rußlanbs zu Tausenben habe Hungert sterben sehen: schmutziges trockenes
Die Novembertage 1918 bei der Marine.
Don Abmiral Scheer, ehern. Chef bes Admiral- stabes ber Marine").
Die Erwartung, daß die 14 Punkte des Präsidenten Wilson eine geeignete Grundlage für die von ihm erbetene Friedensvermittlung bilden könnten, erfüllte sich nicht.
Immer weitergehende Forderungen wurden von den Gegnern gestellt, ohne daß sie daran dachten, die Kriegshandlungen einzustellen. Die Armee wurde tapfer kämpfend im Westen weiter zurückgedrängt. An ihrem Widerstand aber fing die Heftigkeit der feindlichen Angriffe bereit an nachzulassen.
Unter diesem Eindruck fanden am 17. Oktober Besprechungen zwischen der Reichsleitung unter bem Vorsitz des Reichskanzlers Prinz Max von Baden und General Ludendorff und mir statt.
Es wurde dabei zunächst Uebereinftimmung darüber erzielt, daß der U-Bootskrieg nur eingestellt werden solle — da er die einzige Möglichkeit bot, den Feind zur Einstellung des Kampfes zu bewegen —, wenn er sich zum Waffenstillstand bereit erklären würde. Dadurch könne Präsident Wilson den Greueln des Krieges zu Wasser unb zu Laube am besten Einhalt tun, unb er möge nun feine Be- bingungen unverhüllt nennen. Deutschland! sei aber nicht gewillt, sich entehrcnben Zumutungen zu fügen. Das entsprach auch ber Ankündigung des neuen Reichskanzlers in seiner Antrittsrede oorm Reichstag am 5. Oktober: „Ich weiß, daß bas Ergebnis bes Friebensangebots Deutschland fest entschlossen unb einig finben wirb, sowohl zu einem reblidjen Frie- ben, ber jebe eigensüchtige Verletzung frember Rechte von sich weist, als auch zu bem Enbkampf auf Leben unb Tob, zu bem unser Volk ohne eigenes Verschulden gezwungen würde, wenn die Antwott der mit uns im Kriege stehenden Mächte auf unser Angebot von bem Willen, uns zu vernichten, bittiert werden sollte."
Nach diesen Worten hat die Regierung aber nicht gehandelt.
Am 18. Oktober hielt ich dem Kaiser im Neuen Palais zu Potsdam Vortrag über die Konsequenzen des Beschlusses vom vorhergehenden Tage für die Marine. Da ich mit ber Möglichkeit rechnete, baß bas Auswärtige Amt an bem gestern erfolgten Beschluß in ber Antwortnote nicht festholten unb bie Einstellung bes U-Bootkrieges ohne bie Gegenleistung bes Waffenstillstanbes anbieten würde, so sei bie Marine berechtigt unb verpflichtet, bei der Fortsetzung des Kampfes sich mitzubeteiligen, und bie Flotte, bie bisher zum Schuh bes U-Boottrieges zurückgehalten worden fei, hätte dann volle Be- wegungsfteiheit. Dieser Auffassung stimmte der Kai-
&lelne Befürchtung bezüglich bes Umfalls bes Auswärtigen Amis erwies sich schon am nächsten Tag, bem 19. Oktober, als begründet. Denn bie vom Staatssekretär Dr. S olf entworfene Note enthielt ben Satz:
„Der v-Boottskrieg wird jetzt nach ben (Brunb- sätzen bes Kreuzerkriegs geführt unter Sicherstellung des Lebens der Nichtkombattanten."
Ich erklärte, bas fei für bie Marine gleichbedeu- tenb mit feiner Einstellung. Der Vizekanzler von P a y e r, bie Staatssekretäre ©roeber unb 6 r fr- berger bekämpften ben Entwurf ebenfalls, ba er eine vollkommene Schamabe sei unb unser bisheriges Verhalten als rechtswibrig hinstelle. Die Mehrheit bes Reichskabinetts schloß sich biefer Auffassung an. Ein neuer Entwurf sollte in ber Nach- • mittagssitzung vorgelegt werben. Für diese hatte Dr. Solf die Gesandten Graf Wolff-Metter- n ich, Graf von Brockdorf f-Rantzau und Dr. R o s e n bestellt, unb burch ihr Gutachten unter- stützt, brachte er bas Kabinett zu einer völligen Wanblung seines Beschlusses. Die Note enthielt nun ben Satz, baß ben O-Boatskommanbanten bie Tor- pebleruna von Passagierschiffen unbebingt untersagt worben fei.
heute nicht weniger „wöst", als in diesem „Eden" ausschaut, passierte mir ähnliches; stundenlang lagen wir auf der offenen Landstraße, konnten nicht rückwärts, noch Dorroärts — bis endlich jemand in einem Prachtwagen des Weges kam und uns nach Petersburg beförderte; dieser Jemand von damals war der Genolle Nadomyfselfki, ein leiblicher Bruder des Genossen Sinowjew, ihm zum Verwechseln ähnlich, ebenso fett, ebenso weichlich unb mit einer eben« olchen wüsten Haarmähne. (Die mertroürbige Er- djeinung, daß zwei leibliche Srüber völlig versetzte- jene Familiennamen tragen, erklärt sich aus ber ein- achen Tatsache, baß bie Genossen Radomysselski und Sinowjew in Wirklichkeit treibe Apfelbdaum heißen.) In ber Wüste zwischen bem Araberborf Schech Oth- män unb ber englischen Festung Aben hals uns roeber ber Genosse Rabomysselski, noch ber Genosse Sinowjew, noch ber Gouverneur von Bombay, bem 2lben untersteht, fonbern---ein Wüstenauto
bus! Jawohl! Das gibt es! Es verbinbet bas Dorf Schech OthmLn mit Aben, unb mitten in ber Wüste sinb hie unb ba Schilder angebracht, bie anfünben: „Motorbuses stop Here." Der Wüstenautobus ist ein offener Forb-Lastkraftwagen, ber mit halbnackten Arabern unb tiefoerfchleierten Araberinnen besetzt ist. Wir zwängen uns bazwischen, werben aber von allen Seiten hart bebrängt, so bah ich gerne Krach geschlagen unb irgenbeinen biefer Muselmänner mit: „Mensch, rempeln Sie mich nicht an“ angeschnauzt
hätte, aber ich weiß nicht, wie dies auf arabisch heißt, unb hülle mich beider in verbissenes Schweigen. Aus ben Augen ber Arader funkelt orientalische Verschlagenheit. Durch bie Schleier ber Araberinnen schimmert orientalische Inbolenz. Die einzigen Lebewesen, benen man unterwegs begegnet, sind einige unenblid) langsam bahinschlelchenbe vertrocknete Gestalten, bie auf ihren gekrümmten Rücken Schläuche mit Weisser von irgenbwoher irgenbwohin burch bie Wüste tragen. Eine mörberifch-sengenbe Sonne unb wenig, unaussprechlich wenig Barmherzigkeit strahlt vom weißglühenden Himmel auf diese Leute herab.
Das ist Aden! Nun sind wir wieder am Haken angelangt, wo die Weißen und Schwarzen sich gleicherweise in Müßiggang ergehen. Sie scheinen
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die weite See betrachtet, unb nun geben von hier aus bie Einen nach Bombay, Karachi, Tibet ober China, bie Anbcren nach Ceylon ober Tanganjika — in alle Winbrichtungen auseinander, nach den verschiedenen Ländern dieser weiten Welt und sehen sich nie mehr wieder . . .
Und da gibt es noch Leute, die behaupten, unsere Erde wäre „so winzig klein". Mag sein. Ich finde mitunter, daß sie trostlos groß ist . . .
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