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Der gefesselte Strom.

Vornan von Hermann Stegemann.

28. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Dlatz, einen Widerschein der Wintersonne im blonden Haar, trat sie vor ihren Vater und sagte ihm, daß sie zwei Tage nach Frankfurt fairen müsse, um Ingold zu sehen. Sie zeigte ihm den Brief nicht. Aber in ihren Worten, die jede Einzelheit sparten, schwang ein uner­schütterlicher Entschluß.

Wild fuhr Engelhardt auf:

Mädel, Ruch, bist du von Sinnen! Du fährst chm nach, in die Welt hinein! Weil es ihm schlecht geht, weil er sich in sein verfluchtes Unternehmen verbissen hat wie ein Bullenbeißer! Willst du chm alles geben, was du bist und hast! Ruth, komm zu dir, Kind, du bist nicht bei ©innen!1'

..Seh' ich so aus, Vater?" erwiderte sie ruhig und heftete ihre goldbraunen Augen ernst auf den zornigen Mann, der vor Aufregung bebte. Seh' ich so aus, als ob ich nicht wüßte, was ich tue? Ich reise heute abend um acht Llhr und bin morgen früh in Frankfurt. Morgen abend um fünf Uhr trete ich die Rückreise an und komme mit dem gemischten Zug von Basel bis Rheinau. Was ich Hanns Ingold gebe, weiß ich nicht, denn ich weih nicht, wie ich ihn finde. Aber ich liebe ihn. Papa, und ich tue alles für ihn, seit ich ctfannt habe, daß ich ihn ge­liebt habe, ohne es zu wissen. Er braucht mich, und wenn Hanns Ingold ruft, dann ist es Zeit. Papa! Dann ist's, wie wenn Hochwasser kommt und alle Glocken stürmen, dann muh ich zu ihm, und dann geh' ick) zu ihm hin! Heute und alle Tage!"

Und wenn ich dir's verbiete! Dir verbiete, dich zur Dirne zu machen, die ihrem Geliebten nachläuft!"

Er schrie's in rasender Eifersucht, die keine Schonung mehr kennt.

Er war der Vater, der Zeuger dieses Mäd­chens, und ein anderrer kam und zwang dieses junge Weib in seinen Besitz! Riefkomm", und sie ging, ging ohne Zaudern, wäre durch Wasser und Feuer gegangen, wenn jener es ge­

fordert hätte! Hatte er als Vater denn nicht das erste, das gröhte, das ewige Recht auf ihre Gedanken und ihren Willen! Sein Mädel, sein Kind, das einzige, was er noch ganz besah, worauf er Recht und Anspruch hatte!

Ich verbiete dir's, hörst du's, Ruth! Ich zerreiße dieses Verhältnis, ich kenne keinen Hanns Ingold mehr, der mir mein Mädel re­bellisch gemacht hat. Hätten sie ihn doch nieder­geschlagen, als er unS"

Halt, Vater!"

Gr stockte.

Sie antwortete weiter kein Wort. Ihr stolzer weher Blick senkte sich tief in feine Augen. Um ihren bebenden Mund zuckte unterdrückter Schmerz, jener leidenvolle, duldende Zug, der in jedem Frauenantlitz einmal erwacht, wenn das Innerste und Heiligste verletzt wird.

Langsam, in eigentümlich starrer Haltung, als schüfe ihr jede Bewegung Pein, wandte sie sich ab und ging zur Tür.

Sie legte die Hand auf die Klinke.

Da streckte Engelhardt die Hände nach ihr aus.

Verzeih' mir, mein Kind, aber"

Sie wandte den Kopf.

Ein Kind, das seinem Vater verzeiht? Ich habe nichts zu verzeihen. Du hast vergessen, daß ich ein Weib bin, Papa, das ist eS. Ich reife heute abend."

Ruth!"

Sei ruhig, ich komme wieder!"

So endete auch diese Aussprache mit einem Siege Ruths.

Als sie im Zuge sah und durch das dunkle Land den Rhein hinunterfuhr, kannte sie sich selbst nicht mehr. Das war nicht mehr die Ruth, die vor einem halben Jahr noch spröd und herb ihr Inneres vor sich selbst verschloß. Mit lo­derndem Herzen fuhr sie durch die Rächt.

Sie kam noch vor Tagesanbruch in Frank­furt an.

In der mächtigen Halle des Bahnhofes überlief sie ein Frostschauer, Rebelschwaden zogen über den leeren Platz, gelb stachen die Bogen­lampen aus der Trübe.

Sie verbrachte den Rest der Rächt im Hospiz. Schlafen konnte sie n'cht mehr, und hörte den

Tag erwachen, die Wagen rollen, Automobile surren und die Klingeln der Trambahn tönen. Dann mußte sie doch noch einmal eingeschlummert sein, denn auf einmal stand gelbe Sonne vor ihrem Bett, und sie blickte verstört auf die fremde Umgebung, hatte vom Lauffen geträumt, und von Musik klingende, große weiße Schiffe ungefährdet die Schnellen hinabfahren sehen, und fand sich nicht mehr zurecht.

Als sie vor dem Spiegel stand, sah sie, wie blaß ihr Gesicht war. Sie schrieb noch vor dem Frühstück ein Kärtchen an Hanns, zeigte ihm ihre Ankunft an und bat ihn, sie um zehn Uhr im Wartesaal des Bahnhofes abzuholen.

Rach dem Frühstück ging sie allein die Kaiserstraße hinunter in die Stadt. Die vielen Menschen, das bunte Leben und die eigentüm­liche Atmosphäre der Großstadt taten ihren Ner­ven wohl. Sie fühlte sich nicht mehr so auf ihre eigenen Gedanken angewiesen. Uraltes Heim­weh meldete sich und kam zur Ruhe, als wären Erinnerungen lebendig geworden, die ihr selbst unbewußt in ihr geschlummert hätten. Sie blieb sogar vor den Läden stehen und gewann den Menschen Teilnahme ab, die da ausgestellt waren. Sie wurde heiterer, fröhlicher, sie freute sich des Lebens. An der Hauptwache kehrte sie um. Es war halb zehn Uhr geworden.

Mit dem Instinkt des Menschen, der einmal in einer Großstadt Wurzeln geschlagen hat, fand sie rasch die richtige Linie heraus und stieg in die Elektrische, um zum Bahnhof zurückzufahren.

Als sie an der Kreuzung des Taunusringes hielten, ging Hanns Ingold gerade über die Straße. Sie erschrak. Im ersten Augenblick sah sie wie gelähmt, und ehe sie aussteigen konnte, fuhr der Wagen weiter. Vielleicht war es besser so. Er hätte ihr den Schrecken vom Gesicht gelesen.

Mit hastigen Schritten, das farblose ma­gere Gesicht von einem Ausdruck beherrscht, der seine völlige Geistesabwesenheit verriet, strebte er vorwärts. Blicklos starrten die Augen unter den gewölbten Brauen ins Weite. Und wie er an ihr vorbeiyegangen war, fo blieb er jetzt trotz seines hastigen Ganges zurück, noch einmal sah sie sein Profil auftaueben, dann ver­schwand er unter gleichgültigen Menschen. Das

war ein anderer gewesen nein, es war HannS Ingold, derselbe, der sie gerufen hatte.

Sie war am Bahnhof angekommen, stieg aus und flüchtete in den Wartesaal. Hier saß sie ruhig und gesammelt und wartete auf ihn.

Er kam, blieb stehen, und seine Augen liefen die Reihen hinab.

Da stand sie auf.

Run schritt er auf sie zu, einen hellen Schein im Gesicht, mit Augen, die plötzlich wie­der sehen gelernt hatten. Ruth hatte in einer Nische gesessen, aus der sie einen Schritt her- ausgetreten war.

Als sie sein Gesicht aufleuchten sah, wurde ihr auf einmal wieder leicht und froh zumute, und ein Lächeln erschien in ihren blassen Zügen.

Ruth!"

Rur ihren Ramen. Er murmelte ihn un­hörbar und hielt ihre Hand. Sie hatte leine Anrede für ihn. Stumm, wie verloren, standen sie eine Weile im unwirtlichen Saal.

Endlich zog sie ihn in die Ecke.

Setz' dich, Hanns!" bat sie leise.

Sein Gesicht hatte sich neu gehärtet. Sir sah seine Gedanken wieder wie gebannt auf einen Punkt schießen. In seine Augen trat der abwesende Blick.

Da tastete sie nach seiner Schulter und zog ihn dichter an sich.

Draußen war Laufen und 'R^ffhen. Züge kamen und gingen, eintönig rief der Pförtner die Fahrtziele aus, die heiße stickige Luft der Heizkörper stand drückend im Saale.

Nulh fühlte, wie sich die Starre seiner Muskeln loste. Er schmiegte sich in ihren Arm. An seiner Schulter schlug ihr Herz.

Hanns, ich bin gekommen. Ich bin bei dir, Hanns. Sechs lange Stunden sind wir bei­sammen."

Rur sechs Stunden? Du willst wieder gehen, und ich habe dir so viel zu sagen! Ruth, geh' nicht!"

Sie lächelte.

Hanns, sprich nicht so töricht! Und die sechs Stunden, die wollen wir auSkosten, er&Hjr mir von dir! Du bist mager und hast eine schlimme Falte zwischen den Augen. Erzähl' mir von dir, Hanns!" 'ftnrffHuitto lolgt)

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