Ausgabe 
6.4.1925
 
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Lr. 8i Erster Blatt

175. Jahrgang

Montag, b. Apnl 1925

Aufmarsch zur Präsidentenwahl

Art

erwieserr.

Der deutsch-belgische Handelsvertrag.

sie haben ihnen klarzumachen versucht, daß man ein Volk von sechzig Millionen Menschen, die hinsichtlich der Produktion zu den Leistungs- fähigsten, hinsichtlich der Konsumtion zu den Aufnahmefähigsten gehören, aus der Weltwirt­schaft nicht ausschalten kann, indem man sie zu einem Paria und Helotenvolk macht, wenn man die Weltwirtschaft und damit die eigene Wirt­schaft nicht zerstören will. Das alles und noch einiges andere haben die Deutschen den Eng­ländern und ihren Freurrden gesagt, aber freilich nur mit dem Erfolg, daß man ihre Mahnungen, statt auf sie zu hören, als niederträchtige Ver­suche ausgab, sich den Folgen ihrer Riederlage zu entziehen.

So klug war man damals. Will man heute nicht zugeben, daß die Deutschen klüger waren?

andere Waren während der Dauer von zwölf Monaten bei der Einfuhr in dos andere Land die Meistbegünstigung noch nicht voll ge­nießen. Aach Ablauf der genannten Fristen tritt auch für diese Waren automatisch die Meist­begünstigung ein. Die Weistbegünstigungsbestim- mungen gelten auch im Verhältnis zwischen Deutschland und der Kongotolonie und den belgischen Mandatsgebieten Das Ab­kommen tritt erst nach der Ratifizierung in Kraft. Belgien hat sich die Ratifizierung Vor­behalten. bis die deutsche Zolltarif-Ro« v e l l e in Kraft getreten ist. Bis dahin haben die beiden Ber,ragsteile sich zugesichert, den gegenseitigen Handelsverkehr im Rahmen der bis dahin geltenden Bestimmungen möglichst zu erleichtern

Was aber die »großen Bier" anlangt, so haben sie sich als wirtschaftliche Stümper der kläglichsten

lenalfoit von Anzeigen fflr bte Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher ohne jcdeDcrbmdlichkrch Preis für 1 mm höhe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlid)8, auswärts 10 Goldpfennig; für Re» iilame-Anzeigen v 70 um Breite 35 Goldpfennig, Plahvorfchrift20° .Auf­schlag. - Bcrantworilich für Politik u. Feuilleton; Dr. Friede. Will) Lange; für den übrigen Teil: Ernst Blumschein,- für den Anzeigenteil: Hans Beck, sämtlich in Dietzen.

--Ü-______' J

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Zraakfurt a. M. 1168t.

Hindenburg für Jarres. Der Feldmarschall lehnt eine eigene .Kandidatur ab.

Berlin. 6. April. ($11.) Der Reichsblock hat am Samstag die politische Lage, die durch den Zusammenschluß der Weimarer Koalition g:schasfen ist, eingehend erörtert, und zwar nicht nur in bezug auf die Wahl vom 26. April, sondern auch mit Bezug auf die allgemeine politische Zukunst. Dabei wurde zunächst die Kandidatenfrage nur unverbindlich be­sprochen. Auf der Basis einer völligen Poli­tischen Aebereinstimmung zwischen dem Reichs­block und Dr. 2 a r r e s und zwischen Dr. Jarres und dem Generalfelbmarschall von Hindenburg wurde die Möglichkeit einer Kandidatur des G e n e r a l s e l d mar­sch a l l s erörtert. Eine Abstimmung hat im Reichsblock nicht stattgefunden. Die endgültigen Verhandlungen des Reichsblocks werden nach demAbschluß verschiedener Besprechungen und nach den Beratungen der maßgebenden Partei­organe spätestens am Mittwoch stattfinden.

Wie die Montagsblätter melden, hat Ge­neralfeldmarschall von Hindenburg die ihm vom Reichsblock angebotene Kandidatur für die Reichspräsidentschaft aus persönlichen und sach­lichen Gründen a b g e l e h n t. Er hat sich mit aller Entschiedenheit für die Kan­didatur IarreS eingesetzt und den Reichs, block ersucht, wie bisher alle Kräfte zu­sammenzuhalten. Laut Montag und Zeit wird die Aominierung von Dr. Jarres durch den Reichsblock am Mittwoch nur noch eine Formsache fein. Der Wahlkampf des Reichs- blocks für Dr. Jarres wird voraussichtlich schon heute oder morgen ausgenommen werden.

Der Beschluß der Demokraten.

Der demokratische Parteiansschuß billigt eine Kandidatur Marx.

Berlin, b. April. (LH.) Die Deutsche Demokratische Partei gbt folgenden Bericht aus: Der Parteiausschuh der Deutschen Demokratischen - Partei trat aut Sonntag im Reichstag zusammen, um zur Reichspräsidentenwahl Stellung zu neh­men. Den Vorsitz führte Reichsminister a D. Koch, welcher auch das Referat über die seither geführten Verhandlungen hielt. Den Ausführun­gen Kochs folgte eine ausgedehnte Aussprache, in der von einigen Rednern aus kulturpoli­tischen Gründen Bedenken gegen die Kandidatur Marx geltend gemacht wurden. Aach dreistündiger Aussprache wurde folgende Entschließung mit überwältigender Mehr­heit angenommen: Der Parteiausschuß spricht dem Kandidaten des ersten Wahlganges, Herrn Staatspräsidenten Hel lp ach, noch einmal den wärmsten Dank aus für die Uebernahme der Kandidatur und seine kräftige Führung d?s Wahl­kampf s. Die Verkörperung des weltanschaulichen Gehalts des demokratischen Programms, die offene Führung des Wahllampfes auf dem Boden der Demokratischen Partei durch eine Persönlichkeit von der geistigen Bedeutung Hellpachs ist ein dauernder Erfolg für die deutsche Demokratie. Alle Versuche, für den zweiten Wahlgang eine Ge­meinschaftskandidatur aller staats- freundlichen Parteien zustande zu bringen, sind von der Demokratischen Partei unter­stützt worden, scheiterten aber an der Ab­lehnung durch fast sämtliche Par­teien sowohl rechts wie links. Unter diesen Um­ständen und angesichts der dem Reich von innen und außen drohenden Gefahren war die Wei­marer Koalition die einzige feste Grundlage für die Kaitdidatur eines Reichspräsidenten, der die Gewähr bietet für eine Sicherung der Reichs­verfassung. die Fortführung der bisherigen Außenpolitik und den Wiederaufbau einer leistungsfähigen Wirtschaft. Der Parteiausschuh billigt den Beschluß des Vorstandes über eine Kandidatur Marx und erblickt in Marr den Ge­meinschaftskandidaten des Dollsblocks. Er fordert die Organisationen der Partei auf, mit aller Kraft die Wahl des Kandidaten der verfassungstreuen Parteieit zu fördern.

Keine Kandidatur Simons.

Berlin, 4. April. (WTB.) Von zuftän- d i g e r Seite wird dem WTB.' mitgeteilt: Der Stellvertreter des Reichspräsiden - t e n hatte von dem am 3. April im Reichstag er­örterten Vorschlag, chn noch jetzt als Sammel- k a n d i d a t e n für die Wahl des Reichspräsiden, ten aufzustellen, ebensowenig Kenntnis wie seinerzeit von der 'Absicht der Parteien des Reichstages, ihm

Berlin, 4. April. (Wolff.) Das Han­delsabkommen mit Belgien wurde gestern unterzeichnet. Das Abkommen ist basiert auf dem Grundsatz der gegenseiti­gen Meistbegünstigung. Hinsichtlich der Zollsätze hab^n sich die beiden Vertrags­parteien für die Hebergangszett gewisse Aus­nahmen von der Meistbegünstigung Vorbe­halten in der Weise, daß eine Reihe von Waren wahrend der Dauer von sechs Monaten und

Aus dem Finanzausschuß. Die Giehener Studicnaustalt bewilligt.

Der Finanzausschuß des Landtages beriet eine ganze Reihe von Anträgen und Vorstellun­gen, die sich aus den Ausbau von Mädchenschulen und höheren Bürgerschulen in den verschiedenen Landesteilen beziehen. Hierbei kommt zum Aus­druck. daß wohl Vollanstalten fürMäd- ch e n in Darmstadt und Mainz, aber nicht in Oberhesfen bestehen und daß im allgemeinen das flache Land benachteiligt sei. Auf der anderen Seite wird aus die finanzielle Lage des Staates hingewiesen, der in seinen Mitteln sich starke Beschränkungen auferlegen müsse. Es kommt dann ein Antrag der Abg Dr. Leucht- g e n s und Glaser zur Beratung, dessen er­ster Teil, wonach die Anträge von Gemeinden auf Ausbau und Aufbau der höheren Schulen aus Gründen der finanziellen Schw erigkeiten des Landes a b g e l e h n t werden sollen, keine Zu­stimmung findet, während der zweite Teil an­genommen wird, der dahin geht, daß eine A e u- verteilung der höheren Schulen im ganzen Lande anzustreben und dabei das flache Land und die kleineren Städte mit Zentralverkehrslagen stärker zu berücksich­tigen sei .als seither. Ein Ausschuß soll dem Finanzausschuß geeignete Vorschläge unterbreiten

Es wird dann ein Antrag der Abg. Birn­baum angenommen, wonach der Ausbau der höheren Mädchenschule in Gießen durch Angliederung einer Studien- a n st a l t genehmigt wird, wenn die Stadt Gießen die Kosten übernimmt Unter den gleichen Vor­aussetzungen werden mit Mehrheit genehmigt: Die Vorstellung des Oberbürgermeifterä der Stadt Worms zur Errichtung einer Studienanstalt an der Eleonorenschule daselbst, der Antrag der Abg. Aiepoth und Genossen, betr. den Aus­bau der höheren Bürgerschule zu Schlitz zu einer Realschule, der Antrag des Abg. Lücke! und Genossen betr. die Aufbauschule in Alzey, die Vorstellung der Bürgermeisterei Vilbel zum Ausbau der höheren Bürgerschule zu Vilbel

.neuen Anleihen werden in noch gerin­gerem Maße frei sein, als in jener Z.it oor dem Kriege Auf viele Jahre hinaus wird ein langfristiger Anleihekredit nur au einem Zinssätze zu beschaffen sein, der das doppelte des früheren Durchschnitts- sahes erreicht, oft vielleicht übersteigt. Di.' Verpflichtungen aus den neuen Anleihen w:rden auf diese Weise bis an die äußerste Grenze des Erträglichen steigen Zur Abtragung der neuen Schulden werden, um e'ne geordnete Finanzwirlschast aufrechrzuerhal- ten, Maßnahmen angewandt werden müssen, de­ren schwere Belastung die ReichSjinanzrefoim von 1908 weit übersteigen wird. So ergibt sich tenn, daß auch in der Zeit nach der Abtragung der Reparationsverpflichtungen bedeut ende La st en für Anleihen der Vergan­genheit neben denen au» neuen Anleihe­schulden nicht getragen werden können. Die^ Erkenntnis zwingt zu zwei Folgerungen: Mari­an leihen können nur mit einer Anleiheschuld abgelöst werden, die in dieser Höhe so tn-grenzt ist, daß der Dienst für sie die Anleihc-lasten in Zukunft nicht sehr erheblich vermehrt, und ferner die Leistungen, die in den nächsten Jahrzehnten für die Ablösunas schuld aufgebracht werden können, müssen auch zu einem Teile für die Tilgung der Schuld verwandt werden. Unter diesen Umständen, erscheint ein Betrag von 5 v. H. des Rennbetrags der noch ungetilgten öffentlichen Markschulden als das h ö d^ft e, was selbst bei günstigster Gestaltung der Finanzlage zukünftig als erträg­lich angesehen werden kann. Die Ablösung der alten Schulden zu diesem Satze ergibt bereits eine Verschuldung von rund 4 Milliarden Rcichs- marf. Gegen die technische Durchführbarkeit dec Unterscheidung zwischen Anleihen des alten und neuen Besitzes wurden aus Kreisen des Bankgewerbes Bedenken gel­tend gemacht. Diese Bedenken wurden ein­gehend geprüft Erhebliche Schwierigkeiten sink unzweifelhaft vorhanden. Durch sie wird die Durchführung der Unterscheiduna langwierig und kostspielig. Tiber es besteht nach sorgfältiger Pi üinna h-c Austastung, daß N. Schwierigkeiten nid}! als unüberwindlich angesehen wer­den brauchen. Den banktechnischen Dedenkm ist durch die Fassung des Entwurfs Rechnung ge­tragen. Sie werden bet der Abfassung der Durch, führungsbestimmungen möglichst zu berücksichti­gen sei».

bte Stellvertretung zu übertragen und spä- ter von dem Vorschlag, ihn schon im ersten Wahl- gang als Sammelkandidaten zu praklamieren. Er kanditiert überhaupt nicht. Einer Ver­längerung seiner S t elloertretungs- Periode durch ein oerfassungsönderndes Reichs- aesetz würde er aus denselben Gründen Wider- l p r e ch e r haben, aus denen er im Frühjahr 1922 dem verstorbenen Reichspräsidenten ein­dringlich abgeraten hat, sich durch den Reichstag, st attdurchVolkswahl in sei­ner Stellung bestätigen zu lassen.

Kundgebung der präfidentschastrkandidatenMarx

Berlin, 4. April. (TU.) 3n einer Bespre­chung der Vertreter der Weimarer Koalition er­klärte sich Reichskanzler a.- D. Marx zur An­nahme der Reichspräsidentschaftskandidatur mit folgenden Ausführungen bereit

.,2ch danke den deutschen Männern und Frauen, die zu mir das Vertrauen haben, daß ich meine ganze Kraft ohne Rücksicht auf meine Person und irgendeine Partei für das Wohl von Vrlk und Reich einzusetzen bereit bin. Die höchste Pflicht des ManneS, den das deutsche Volk als seinen Vertrauensmann zum hohen Amte des Reichspräsidenten beruft, ist der Schutz und die Wahrung der 'Verfassung, aus der ihm seine Rechte und Pflichten erwachsen. 3n freiem Ent­schluß, zu dem sich das deutsche Volk aus dem Zusammenbruch in kraftvoller Selbsthilfe auf- gerafft hat, bekannte sich das deutsche Voll zum Dolksstaat. zur Republik. Aufgabe des Staats­oberhauptes muß es fein, den Willen des Vol­kes zu achten und zu sichern. Aus diesen Grund­sätzen der Verfassung soll sich in Freiheit und gegenseitiger Duldung unser na­tionales, wirtschaftliches und kulturelles Leben entfalten. Unter aller Streben muß darauf ge­richtet sein, das öffentliche Leben rein zu halten und vor Zersetzung seiner inneren Kräfte zu bewahren. Solange ich politisch tätig bin, ist es immer mein Ziel und Streben gewesen, unser so zerrissene» Voll zur gemeinfamen Ar­beit zum Wohle des Vaterlandes zusammenzu­führen. Mein Glaube, daß sich das deutsche Volk nicht mir im Kriege, sondern auch im Frieden als eine unlösliche Seelengemeinschaft einmal er­kennen und fühlen wird, ist so unerschütterlich, wie mein Vertrauen auf Deutschlands Zukunft. Diesem Ziel werden wir näher tommen. je mehr es uns gelingt, unser ganzes öffentliches Leben mit wahrhaft demokratischer Gesinnung und so- . zialem Geiste zu durchdringen. Fühlen wir uns als wirklich innerlich miteinander verbunden, als ein Volk, dem in seiner tausendjährigen Geschichte Glück und Leid in reichstem Maße zuteil geworden ist und das sich jetzt wieder einmal aus tiefer Rot zu einer neuen Geltung und Größe emporringen muß, über alle politischen, wirtschaftlichen und sozialen Gegensätze sowie über alle Unterschiede des Glaubens und der Weltanschauung hinaus.

Mein ganzes Leben hindurch habe ich mich um die Wahrung und Pflege der hohen Güter christlicher und deutscher Kultur bemüht. Das deutsche Volk will die Verständigung im Geiste der Gerechtigkeit und wahrer Weltbefreiung, ein Ziel, das nur erreicht werden kann, wenn das Recht der Völker auf Freiheit und Selbstbe­stimmung gewahrt bleibt Darum müssen wir alles daran sehen, daß der Bevölkerung der noch be­setzten Gebiete die endliche Freiheit wird und daß allen unseren Volksgenossen das Recht der staatlichen Selbstbestimmung zugestanden wird das andere Völker für sich in Anspruch nehmen."

Die Ablösung öffentlicher Anleihen.

Berlin. 4.2lprll. (WTB.) Dem Reichs­tag ging eine Begründung zu dem Gesetzentwurf über die Ablösung öffentlicher Anleihen zu. Die wesentlichen Punkte wurden bereits am 26. März veröffentlicht. Wir entnehmen der Begründung noch folgende Sähe: Der An­leihebedarf wird während der Durchführung des Londoner Abkommens größer sein als während der Periode von 1871 bis 1908. einer Zeit, in der die Steuerkraft des deutschen Volkes ausschließlich für die inneren Bedürfnisse der Staatswirtschaft bereit stand. Die Ausgaben, die in normalen Zetten aus den Steuereinnahmen gedeckt werden können, werden bei der Vor­belastung der Steuerfraft durch die Reparations­lasten durch Anleihen aufgebracht wer­den müssen. Die Mittel zur Tilgung der

Späte Erkenntnis.

Wilson, Lloyd George, Clemenceau und Or­lando, die in monatelangem Kuhhandel den Frie­den von Versailles angefertigt haben, hat man alS die »großen Vier" bezeichnet, aber sie sind alle mlieinanöcr feine Größen, sondern Menschen allergewöhnlichsten Formats. Das ist an und für sich noch fein Vorwurf, aber das ilngtüd ist, daß das Friedenswerk nach der Kriegs- katastrophe, ein Werk, zu dessen Vollendung die erhabenbften Geister gerade gut genug gewesen wären, in die Hänkw dieser polittschen Rou­tiniers das ist noch das Beste, was man von ihnen sagen kann geraten ist: sie haben der Well ein Friedensunglück bereitet, das, wie sich immer klarer herausstellt, nicht viel weniger schlimm ist, als das Kriegsunglück, daS die Welt betroffen hat.

Wenden wir uns einer Betrachtung der wirtschaftlichen Rachkriegsverhält- nisse zu, so sehen wir ein verarmtes, mit schweren Röten ringendes Mitteleuropa, ein Frankreich, das vor dem Bankerott steht, ein England, dessen früherer Wohlstand zum großen Teil vernichtet ist. das die Quellen seines früheren Wohlstandes versiegt, verschüttet sieht, das allen Grund hat, mit schwersten Sorgen in seine wirt­schaftliche Zukunft zu blicken, ilnb 'allenthalben dieselben Hebel: Darnieder liegen von Handel und Industrie, Arbeitslosigkeit, Wohnungselend, Schwinden der öffeittlichen Moral, Auflösung der gesellschaftlichen Ordnung das ganze Heer der ägyptischen Plagen! Wir, die De s i e g t e n,haben diese- Friedensunglück von Anfang an an unferm Leibe verspüren müssen, während jene, die sich einbildeten, den Sieg in dem Weltkriege davon­getragen zu haben, mit sadistischem Behagen zu- sahen, wie wir uns unter den furchtbaren Schlä­gen unseres Unglücks wanden Aber längst ist auch in den Ländern derSieger" der Dunst verflogen, mit dem man sich im Siegestaumel benebelt hat, und mit lähmendem Entsetzen steht man vor den harten wirtschaftlichen Tatsachen, deren man nicht Herr zu werden vermag, weder nrit homöopathischen Quacksalbereien noch mit bru­talen Eifenbartkuren. In England zumal wer­den die Klagen über das wirffchaftliche Elend. 'ta£ auf Land und Voll lastet, immer lauter und immer verzweifelter, aber immer klarer wird auch die Erkenntnis, daß dieses wirtschaftlich» Elend die notwendige Folge der wahnwitzigen Politik ist, die man im Kriege wie beim Friv» denSschluß gemacht hat.

3m Londoner Rationalliberalen Klub sprach ^kürzlich daS liberale ^lnterhausmttglied Runci <- m a n über die wirtschaftlichen Sorgen Englands, namentlich über das Damiederliegen des Berg­baus und der Siseninduftrie, und er scheute sich nicht, die Katze endlich einmal aus dem Sack zu laffen, und zu sagen, was den Engländern niM ost ugd nicht eindringlich genug gesagt werden tarnt Der Dawesplau, so führte er aus. werde England in einen viel schwierigeren Wett­bewerb mit den deutschen Zechen und Eisenhütten sowie mit den deutschen Maschinen und der Schiffsbauindustrie verwickeln als je zuvor. Die Bezahlung von Reparationen durch Deutschland, weit davon entfernt, ein Vorteil für England zu sein, werde auf die Dauer nur Nachteile für die englische Industrie und für den englischen Handel bringen. Wenn Eng­land die Politik der Reparationen Wetter verfolge, so könne sich der britische Handel nicht erholen, sondern England würde in dem Wettkampf mit dem großen und tüchtigen deutschen Volke nie- rnals in der Lage sein, seine frühere Stellung auf dem Weltmartt wieder zu erringen.

Dehnliche Gedanken entwickelte noch viel schärfer Ramsey Wacdonald auf einer Lon­doner Versammlung der Unabhängigen Arbeiter- partei. -England, sagte er, leide unter der als Ausfluß höchsten staatsmännischen Genies ge­priesenen Polittk des Knock-out-Stoßes gegen Deutschland, denn diese Politik habe, statt den deutschen Wettbewerb zu treffen, dem britischen Handel den Knock-out-Stoß versetzt. Den Deut­schen sei eine Form der Reparation ausgezwun- $en worden, die dem britischen Kohlenhandel «Schwierigkeiten bereitet und die britischen Märkte zerstört habe. Alle augenblicklichen Röte Eng­lands seien auf die Unwissenheit der Leute zurück­zuführen, die den Vertrag von Versail­les gemacht haben, und wenn Deutschland heute in seinem Wettbewerb gegen England fm Vor­sprung sei, so sei das nicht eine Folge der deutschen überlegenen Intelligenz, sondern des Mangels an politischer Intelligenz in England.

\5tc haben Recht, die Herren Runciman und Macdonald, aber bei allem Respekt vor ihrer polittschen Weisheit: was sie da gesagt haben, das sind doch Banalitäten, die jeder Kesselflicker ebenfo gut sagen kann. Denn wenn die Deutschen gezwungen werden, Kohlen, Chemikalien, Ma­schinen und Eisenbahnen an die Franzosen, die Italiener und andere interessante Völkerschaften gratis zu liefern, so brauchen diese Völker­schaften die Sachen eben nicht in England zu kaufen, und die englische Industrie kann ein­packen. alnd was die deutsche Intelligcmz anlangt, so scheint ste doch recht beträchtlich größer zu fein als die englische. Denn was die englischen Poli­tiker heute ate neueste Erkenntnis von sich geben, das haben ihnen die Deutschen von Anfang an gepredigt: sie haben ihnen llarzumach-n versucht, daß die Weltwirtschaft eine aus vielen Gliedern bestehende Kette ist, gerade lang genug für die Bedürfnisse der Weltkultur, intö daß diese Kette unbrauchbar wird, wenn man auch nur ein Glied abbricht. daß sie aber I zu einem Haufen allen Eisens werden muß. wenn man ein Glied aus bet Mitte herausbricht; I

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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