Ausgabe 
6.2.1925
 
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Nr. 31 Zweites Blatt Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen) Zrettag, 6. zedruar (925

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Französische Orientpolitik

Von unterem türkischen F. K- Korrespondenten.

Konstantinopel, 30. Januar 1925.

Orientpvlitik. für den Deutschen ein Wort von besonderem Klang. Dor dem Kriege ein Konzentrationspunkt der (Interessen von ein halb Dutzend Mächten, jetzt nach Verdrängung der größten Konkurrenten einzig die Domäne der beiden .Siegerstaaten" F ra n k r e i ch und Eng­land, die trotz der so oft betonten Freundschaft sofort kläffend auteinonterfnllen, wenn es gilt, hier die so zahlreichen Sonderinteressen zu wahren. Eine Situation, die jedesmal von den Männern der neuen Türkei mit dem großen Diplomatengeschick. daS dem der früheren Sul­tane mindestens ebenbürtig ist, ausgenuht zu werden pflegt. _ ,

SS scheint zu gewohntem Brauche geworden *u fein, daß Frankreich jede gröbere Aktion feiner Srpresserpolitik gegenüber Deutschland mit einer besonderen Aktivität im nahen Orient einleitet um die dort erlang­ten Dorteile dann zu gunften feine» Gegenspielers England au« der Hand zu geben, wenn es sich al« vorteilhafter erweist, dafür freie Hand anRheinundRuhrzu bekommen. Die wirk­same Hilfe, die Frankreich den Kemalisten im Kampfe gegen die auf Englands Geheiß in Kleinalien eingedrungenen Griechen gewährte, die schließlich bis zu dem energischen Auftreten deS französischen UnterfjänMer« Franklin- Bouillon al« Anwalt der Türken dem eng­lischen General Harrington gegenüber führte, ist im wesentlichen alS nichts anderes aufzufassen alS ein geschickter diplomatischer Auftakt der bekannten Sanktionspvlitik Poincares.

In Lausanne dann völliger Stel­lungswechsel. England gibt sich den An­schein, als halte eS die schützende Hand über die iteue Türkei, und Lord Curzon, vom Italiener wirksam unterstützt, trägt wrientlich zum schließ- lichen für die Türkei einigermaßen erträglichen grieten bei, nicht ohne bei diesem kleinen Freund­schaftsdienste seine guten A eben geschä sie au machen. DaS Meerengenproblem wurde im für England günstigen Sinne gelöst und die M o s s u I f r a g e offengelaffen. Doch heute stehen England- Truppen in dieser wichtigen türkischen Provinz, nicht allein, daß eS dort Petroleum zu holen gibt, Wohl in erster Linie gilt eS. einen der OieblingSträume englischer Orientpolitik zur Erfüllung zu bringen, durch eine Stärkung f>e r kurdischen Ir reden ta die Türkei durch einen Pufferstaat von seinen lebenswichtigen Derbindungen nach Innerasien (Kurdistan), vor allem jedoch nach Indien, abzuriegeln.

Auch der Italiener brachte ein wenn auch kleine« Schäfchen in« Trockene. Doch hat cs lange darauf bringen müssen, bi« daß der Engländer ihm da« versprochene 3uba la nb abtrat, auch ist ihm der Dodekanesos, den er bisher beseht hielt, endgültig zugesprochen worden. E« verursachte in Konstantinopel nicht geringe Aufregung, al« Italien daraufhin plötz­lich im letzten Sonnner eine dauernde Garnison nach der Infel Rhodv« verlegte.

Für Frankreich selbst fiel in Lausanne damals gar nichts ab. doch durste eS sich zu jener Zeil ja, von England völlig ungestört, a n der Duhrrfolre" und Kohlen holen. Immer­hin gefiel e« sich in der Rolle des Unversöhn­lichen und hat sich selbst nett der Ratifikation des FriedenSvertrogeS lange Zeit gelassen.

Um so auffälliger Ist eS nun, daß wir seit einigen Monaten wieder eine starke boll- tische Aktivität Fran frei chS in der T ü r f e i bemerken. Zwar bestanden einige grö­bere Differenzpunkte, aber soweit sie bei dem beiderseits vorhandenen guten Willen nicht in­zwischen völlig üterbrüat sind, ist man doch einer Klärung nahegekommen. Ungelöst ist zu­nächst noch die Frage der Zahlung der tür­kischen Staatsschuld, die in Lausanne einer besonderen Einigung mit den französischen Gläubigem Vorbehalten wurde. Doch angesichts der Tatsache, daß Frankreich selbst seine Dor- kriegSschulden in Papierstanken abzahlt, dürste der türkische Standpunkt Wohl durchdringen, daß

man weder juristisch noch moralisch zur Gvld- zahlung verpflichtet sei. WaS übrigen« der deso­late Zustand der Finanzen kaum zulassen würde.

Rahezu völliges Einverständnis ist schließ­lich nach langen Verhandlungen in der Schuld­frage erzielt worden, in der man lange Zeit vor unüberbrückbaren Hindernisfen zu stehen schien. Es wurde hier in sehr empfindlicher Weise der Angelpunkt der historischen Stellung Frankreichs im Orient berührt, die durchaus nicht auf wirtschaftlichem Geb,eie liegt (Deutsch­land steht in der Handelsstatistik der Türkei trotz jahrelanger künstlicher Abschließung schon wieder nahe hinter Frankreich). Durch eine ge­schickte, feit langem währende .Penetration paci- fique" hat man es verstanden, französische Kultur und auch Scheinkultur hier festen Fuß fassen zu lassen. Hauptmittel zu diesem Zwecke war der systematifche Ausbau von Schulen, zumeist katholischer Kongregationen. Allein in Konstantinopel finden wir heute 33 französische Schulen, gegen nur 2 deutsche (die österreichische katholische Schule mit eingerech­net). Was Wunder, wenn heute neben ter Landessprache die französische vorherrscht?

So erscheinen in Konstantinopel allein fünf Zeitungen in französischer Sprache, die natür­lich vorwiegend der Verbreitung französischer In­teressen dienen und zum Teil eine gehässige antideutsche Poli tik treiben eine deut­sche Zeitung gibt eS leider immer noch nicht. Begreiflich ist daher die Bestürzung, als die Regierung im letzten Sommer verlangte, die sichtbaren Zeichen des christlichen Kultes, Kruzi­fixe und Heiligenbilder, aus den Schulen zu entfernen und es bei der Weigerung zur po­lizeilichen Schließung tarn. So hart d^e Maßnahme auch scheinen mag. man kann in An­betracht der hiesigen Verhältnisse Angora die Berechtigung zweifelsohne nicht versagen. Das Kulturprogramm der neuen Türkei ist auf kon­sequenter Vorherrschaft des Staates aufgebaut und hat zur völligen Derweltlichung der türkischen Schulen geführt Weshalb da mit den ausländischen religiösen Schulen eine Ausnahme machen! Ironie ist es. jenes Frank­reich der Trennung von Kirche und Staat, gerade das Frankreich der ^Auf­klärung", das auS feinen eigenen Schulen das Kreuz schm längst verbannt hat. in Angora zum Schutze von Heiligenbildern energisch Protest erheben zu sehen. Gwcrde das sonst so kirchen- feindliche Frankreich hat sich von jeher gerne als katholische Schutzmacht aufgefpiet eine Au'gäbe, mit der sich immer nicht gerate kleine Reten- zwecke leicht verbinden ließen, ich erinnere nur an Syrien. Inzwischen hat man sich auch hier ge­einigt, da ja die Regierung durchaus nicht den Religionsunterricht als solchen verbot, und hat in den Schulräumen, die auch von mohammedani­schen Kindern besucht werden, auf religiöse Zeichen verzichtet.

In der syrischen Frage hantelt es sich um die Beilegung ter Grenz streitig leiten. Auch führte das ja leider auch dem Deutschen hin- reidjenb bekannte, anmaßend herrische Aus treten der französischen Soldateska zu nicht enten- wollenden lokalen Aus ständen und Grenz- zwischenfällen, dazu noch Ungerechtigkeiten in der Steuereinziehung und unerträgliche Härie der französischen Verwaltung. Die Schwierig­keiten. die Frankreich im Lande hat. gehen nicht allein aus dem öfteren Wechsel des Ober- komnnnissars herv-n. sondern vor allem daraus daß fast jeteS Iahr eine neue Staateneintei­lung vorgenommen wird, die jedoch jedesmal mir zu neuen Unzufriedenheiten führt. Die vor kurzem erfolgte Ablösung des General Weygand durch den als gemäßigten Politiker bekannten ®eneral Ö e r r a i l, dem früheren Oberbefehls­haber der 6aloniRfront, ist als ein Entgegen­kommen gegenüber der Türkei aufjufaffen. Immerhin hat Weygand noch kurz vor seinem Weggange den nordsyr.schen Städten Alexan­dre 11 c und Aleppo die schon im Veri> aae von Angora zugesicherte Selbstverwal­tung entwich gegeben. Die Bevölkerung dieser Städte. Antiochia miteinbegriffen, weist in einem hohen Prozentsätze türk.sche Bevölkerung auf. und man geht sogar soweit, eine völlige

Rückgabe DordsyrienS zu erhoffen. daS alS »türkisches Eisaß-Lothringen' bezeichnet wird, das französische Schlagwort hier in geschickter, aber dabei diesmal völlig berechtigter Weise aufgegriffen. Doch der Franzose gibt so leicht nicht heraus, was er einmal an sich gerissen hat!

Roch im Herbste erweckte die völlige außen­politische Isolierung der Türkei ernste Besorgnis. Das Mosfulgcspenst mit dem immer noch nicht loszuwerdenden Engländer im Hintergründe, im Westen der Grieche, der sich bei jeder Gelegenheit den Verpflichtungen des Lausanner Vertrages zu entziehen sucht, außerdem zu Wasser und zu Lande offen und heimlich' rüstet auch hierhin lassen sich die Fäden englischer Politik unschwer verfolgen der Zus a mmen schluß der Balkan st aa- t e n angeblich gegen den Kommunismus, die jedoch bis jetzt nur einig waren, wenn es galt, dem Türken etwas abzuzwacken; dem russ i- schen Freunde ist auch nicht allzusehr zu trauen mit vielsagendem Seitenblick aus all diese unerquicklichen Tatsachen sehen wir schließ­lich ISmet Pascha, wenn auch immer noch zö­gernd, die ausgestreckte Hand H e r r i o t s er­greifen, der .die traditionellen, feit dem 16. Iahr- hundert bestehenden herzlichen Beziehungen Frankreichs im Oriente aufs neue befestigen möchte". Inzwischen wird in der beiderseitigen Presse in Interviews und AuSsprüchen diese deutliche sranko-türlische Annäherung vertieft, die geschickte agitatorische Rührigkeit der französi­schen Presse' ist dem Deutschen ja noch in un­angenehmer Erinnerung, ist aber in ihrer Soli­darität nur anerkennenswert. Auch der neue türkische Ministerpräsident Fethi Dey widmete in seiner Regierungserklärung der Freundschaft Frankreichs herzliche Worte. Richt ohne Grund wird er auf feiner Rückreise letzthin von den immer wieder ergebnislos verlaufenen Mossul- verhandlungen, die er führte, den kleinen 11m- weg über Paris gemacht haben. In Angora selbst sehen wir seit Monaten den sehr gewandten General Mangin an der Arbeit und es wer­den sogar Stimmen laut, die auf ein offene« Cbünöni« der beiden Republiken hindeuten.

Doch so weit ist es doch noch nicht. Eins jedoch ist nicht außer Acht zu lassen, die neue politische Aktivität Frankreichs im Orient richtet sich scharf gegen England und auch dies­mal bleibt es abzuwarten. wieweit der Deutsche wieder einmal das Kompensationsobjekt bilden wird. In der Politik liegt heute M o s s u l und d i e Rheinprovinz nahe beieinander, ilnö bei den so häufigen Versöhnungsfesten der beidenalten Freunde" Frankreich und England hat der deutsche Michel immer noch die Zeche zahlen müssen.

Die innerpolitischen Schwierigkeiten Herriots

Die parlamentarische Lage deS Kabinetts Herriot hat sich trotz des Vertrauensvotums nicht wesentlich gebessert. Man nimmt an. daß die Aussprache über die Vatikan» frage die parlamentarischen Gegensätze so zu- ge spitzt sein, wie es seit dem 11. Mai nicht mehr ter Fall gewesen ist. Der bevorstehende sozialistische Kongreß in Grenoble trägt zur Verwicklung bet Lage bei. da die sozia­listische Partei be ürchtet. daß ein Teil ter Par­teimitglieder sich so sehr gegen eine wei­tere Unter ft ü^ung der Regierung aussprechen wird, daß eine Spaltung der Partei zu befürchten ist. Die führenden Mit­glieder, vor allem Blum, suchen daher vor ihren Anhängern die Regierung im sozialistischen Gewände erscheinen zu lassen. Dies war einer ter Hauptgründe, die sie bewogen. Herriot zu zwingen, in der Vatikanfrage Stand zu halten. Innerhalb der Regierungsparteien ist die Lage so gespannt, daß in den letzten Tagen die Sitzungen mehrfach unterbrochen wer­ten mußten, um Herriot Zeit zu lassen, sich mit den Sozialisten über die zur Abstimmung ge­langenden Fragen au einigen.Iournal des DevatS" stellt ironisch fest, daß die Entschei­

dungen in den ParlamentSsitzungen jetzt stet« in den Pausen herteigeführi werten und die aktuellen Fragen nicht im Sitzungssaal, sondern in den Korridoren erledigt werten.

Herriot, dem es am 28. Ianuar gelang, gelegentlich seiner außenpolitischen Rede sich mit den nationalen Farben zu schminken, müsse jetzt erdulden, daß die Sozialisten ihn mit roter Farbe an streichen. Der .TempS" schreibt, die Sozialisten seien gezwungen, um die Regieruirg weiter zu unterstützen, sich über ihre weiteren Prinzipien hinwegzusetzen, ter nach Grenoble führende Weg fet für sie mit spitzen Steinen besät. Im .Pari« Soir" entwickelt Brochart den sozialistischen Standpunkt und nimmt gegen die Entsendung eine« elsässischen Geschäftsträgers nach Rom Stellung. Auch die Linkspresse im Elsaß ist recht unzufrieden mit der Be­willigung eines Vatikanvertreters für Elsaß- Lothringen. DieStraßburger Reuesten Rach­richten" sprechen von einem schwachen Kom­promiß. bad ein konkordatäres und ein nicht- konkordatäres Frankreich schaffe. Die rher.it- sehen Departements nehmen jetzt Allüren einer souveränen, beim Papst akkreditier- ten Ration an. Man habe sich erst kürz­lich gegen ein Plebiszit ausgesprochen: jetzt bäte man sogar eine eigene Vertretung beim Vatikan. Don den elsaß-lothringischen Rechts- b l o ck - Abgeordneten haben einige g-gen die Sondervertretung beim Vatikan gestimmt. Wei. sie nur eine Vertretung Gesamt-Frank­reichs billigen könnten. In diesen Kreisen gibt man der Hoffnung Ausdruck, daß der Senat den Kammerteschluß für die Aushebung der fran­zösischen Botschaft beim Vatikan verwerfen wird.

Aus der Provinz.

Landkreis Gießen.

Staufenberg, 5. Sehr. Dieser Sage hielt ter Turnverein seine Generalversamm­lung ab. Der seitherige Vorsitzende Ludwig Dietz wurde in Anbetracht seiner Verdienste um den Verein zum Ehrenvorsitzenden ernannt An seine Stelle wurde als erster Dor» sitzender Ludwig Karber gewählt.

Bg. Gr.-Buseck. 5. gebt. Bei der heute abgehaltenen Holzversteigerung im Hohen Berg" tourten erzielt für 2 Rm. Buchen- Scheu holz 36 bis 40 Mk.. für 2 Rm Buchen- knüppri 29 Mk., für 4Rm Duchenreisig 18 bis 19 Mark. .

Stangenrod, 5. gebt. Die hiesige Wald- und Feldjagd wurde auf 6 Iahte in 2 Bezirken verpachtet. Der 1. Bezirk erbrachte 505 M. pro Iaht. Pächter Landwirt Johannes Reu nobel-Stangenrod. Der 2. Bezirk ergab 455 - M. jährlich, Pächter Postmeister Theiß - Grünberg.

WeiterShain. 4. gebt. Der hiesige GesangvereinLiederkranz" erfreute unsere Einwofmerschaft am Sonntagabend mit gesanglichen Darbietungen und verschiedenen Theatercrufführungen. wobei er durch die Mit­wirkung einiger Weiters Hainer Mädchen unter- stützt wurde. Sämtliche Darbietungen kamen vor­trefflich herauS und fanden den vollen Beifall aller Besucher. Der Verein kann mit dem Erfolg Abends sehr zufrieden sein.

rt Lich, 5. gebt. Missionar Säuberlich von der Leipziger lutherischen Mission, bet 25 Iah re lang unter sehr schwierigen Verhält­nissen auf einem einsamen. 125 Kilometer von ter Eisenbahn entfernten Posten in Britisch- Ostasrika tätig war. hielt hier einen Vortrag über Land und Leute im schwarten Erbteil: be­sonders schilderte er den zahlreich erschienenen Kindern anschaulich daS Kl -berieten in Oft- afrifa. Daraus zeigte er mit Hilfe des von ter Schule zur Verfügung gestellten von Lehrer Dietz freundlicherweise bedienten Aovarates eine Reihe von prachtvollen Lichtbildau'nahmen ter Landschaft und Bevölkerung am Kilimandscharo Eine Sammmlung für die Leipziger Mission ergab 15 Mk. Der Posaunenchor wirkte zur Der« schönerung des Abends mit

ri. Rieber-Dessingen. 5. gebt. Im Saal der Gastwirtschaft Lotz hiell der Alice-

Zur Entstehung desVerismus" in der modernen Malerei.

Don Dr. H. O. Daubel.

Auf Aktion folgt Reaktion. Auf den 3m- presfioniSmus folgte ter Expressionismus, auf Me Objektivierung die Subjeftioierung. ES ist ter ewige Wechsel in ter Welttetrachtung, der nicht nur in ter Philosophie, sondern auch m bet Kunst seinen Ausdruck findet. Der Mensch muß, sobald er anfängt zu denken, eine Form suchen, in ter er sich mit feiner Umgebung, dem außer­halb von ihm Liegenden, der Welt, auSeinanoer- fetzt. und sich so geistig zu eigen macht Aus zweierlei Arten kann er bas tun. Entweder er lieht in dem. was von außen an ihn herantritt, ter Sinnen weit, das Wesentliche, allo im Ob­jekt. ober im Subjektiven, in den Schöpfungen feine« Geistes, den Gedanken und inneren Dil» tern. die für ihn dann das wahrhaftSeiende" sind, während die Sinnenwelt bloßerSchein" ist.

Der ImprellioniSmus war objektiv in die­sem Sinne Er wollte nichts geben als die 3m°. vression, in diesem Falle die durch das Auge, das Sehorgan, gegebene Wahrnehmung. Aus diese Epoche derDer leidllchung' ter Kunst, ter Angleichung an bad durch die förderlichen Rezeptionsorgane ter Sinne Gegebene, mußte notwendigerweise die Gegenströmung terVer­geistigung'' folgen, die ihren Ausdruck im Ex» pressionismuS fand. Man ist nidEft mehr künst­lerisch befriedigt durch die Hinnahme und Wieder­gabe deS sinnlich Gegebenen, man sucht mehr, aber man glaubt auch mehr. Das Problema­tische der Erscheinung-weit tritt wieder sehr stark in den Vordergrund, und so auch das Streben nach Erlösung von diesem Problematischen. Der Künstler sieht, daß diese Erlösung nur aus dem

eigenen Innern kommen kann, er muß daS Welt­bild in sich selbst schaffen. Es ist ein heißes, drän­gendes Suchen, ein faustische«, inbrünstiges Be­gehren, daS ihn an treibt. Wer aber sucht, der glaubt, daß er findet, er glaubt an die Existenz des Gesuchten, terWahrheit". DasWahre", das. was ihm so erscheint, das gibt der Künstler dann im Werke wieder. Es ist selbstverständlich, daß eine objektive Wahrheit, wie sie die Im­pressionisten gaben, eben alS solche dem Publl- kum verständlicher ist als die subjektive des Ek» pressionisten. Denn die Unterschiede in ter sinn­lichen Rezeptionsfähigkeit ter einzelnen Menschen sind zweifellos nid^t so groß wie die geistigen. Ater trotzdem ist die subjektive Wahrheit alS solche ebenso wahr wie.die objektive.

IedeS Kunstwerk setzt sich aus zwei Kom­ponenten zusammen, aus Form und Inhalt. So ist eS natürlich, daß abwechselnd immer die eine von beiden die Oberhand hat. Wenn man die europäische Kunstgeschichte betrachtet, so fällt einem auf. wie in der Kunst zweier Dölker- gruppen immer wieder eine dieser Komponenten überwiegt. Bei den Romanen ist es das For­male. bei den germanischen Völkern da« Inhall- liche, das herrscht. Beite Dölkergruppen ater machen gegenseitig Anleihen und ergänzen sich so durch Ausnahme des ihnen. Fehlenden von dem anderen Der leider viel zu früh gefallene Münchener Kunsthistoriker Fritz Burger schrieb 'einmal:Der Deullche benutzt das Raturstudium zur Bereicherung seines Dorstellukigsschatzes. aber er schafft auS dem Gedächtnis". Das ist ein Hauptunterschied dem Romanen gegenüber. Er beruht daraus, daß der Deutsche das Objekt als Sy m bot des Göttlichen benutzt. Der Romane sieht gleichfalls durch das Objekt das Göttliche, aber er findet das ^ebersinnllche im Sinnlichen selbst, in einer gesteigerten aber an sich möglichen

Form dieses Sinnllchn. So ist die deutsch: Kunst immer exp essionistisch in diesem Sinne gewesen, und so mußte der Expressionismus in Deutschland besonders Fuß srsscn. wenn auch seine erste Er- scheinungssorm bereits Geschichte ist.

Wir sahen, daß der Dekenntniswille, das Wahrheitsstreben, ein wesentliches Kriterium der Kunst des Expressionismus ist. Aus diesem Wahrheitswillen aber entstand die stark ab- st radierende Stilisierung des Expressionismus. Denn wahr kann nur das Allgemeine, Bleibende sein, während das einzelne. Zufällige, vergäng­lich ist. Man legte daher das Hauptgewicht dieser auf der Reflexion beruhenden Abstraktion m die formale Gestaltung. Aber als Reaktion darauf als Weiterführung andererseits erhob sich die veristische Richtung, die seit einigen Iahren immer mehr an Boden gewinnt. Käthe Kollwih war eine frühe Vorläuferin dieser Richtung, aber sie war noch innerlich verwandt dem literarischen RaturallSmus deS AuSgangs des 19. Jahrhun­derts. Ihre jetzigen Hauptvertreter sind Georg Groß, Max Beckmann und Otto Dix. Sie führen den Expressionismus weiter, indem sie gleichfalls stark abstrahieren, ater sie verschieben das Gewicht der Abstraktion. Während die Exprellioniften der ersten Stufe möglichst sparsam in der Illustration des Einzelnen waren, weil sie an dasZufällige" glaubten, geben die Veristen gerade das Einzelne, um am möglichst typisch, genau undwahr" ge­schaffenen einzelnen das Allgemeine deutlich zu machen. Die natürllche Folge davon ist. daß sie großen Wert auf die formale Gestattung dieses einzelnen legen, die einerseits den Typ veristisch, d. h. umfaffenb, ajuf der anderen Seite das ein­zelne als solches überzeugend geben soll. So ver­schiebt sich ater die Abstraktion von der Gestal­tung auf die Auswahl des einzelnen, darzu- st eilenden Motivs, weiter vom spezifisch Künst-

lerischen, der Gestaltungskraft, zum atlgemeir Menschlichen, der Gesinnung.

Gewiß, BeckmannS. Dix' und Groß' Kunst ist Tendenzkunst. aber welche Kunst ist das nicht? Ieder Künstler will doch mit seinem Werke etwas sagen. Daß aber in einer Zeit, die in ihren alltägllchen Aeußerungen so disharmo­nisch ist wie unsere, diese Disharmonie auch auf die Künstler, die doch auch darunter leiten wie alle anderen, einwirkt, ist natürlich. Daß ihre Werke, die unter dem Einfluß dieser Dishar­monie entstanden sind, nicht harmonisch sein können, ist- ebenso natürlich. Durch das künst­lerische Bekenntnis aber dieser Disharmonie unterer Zeit zeigen sie sich als wahre Veristen und alS wahre Deutsche.

Um die Freiheit der Kritik.

DerDtsch TageS-Zeitung" ent­nehmen wir folgende Meldung: Ein höchst bedenk­licher Angriff gegen die Freiheit ter Kritik, ter über die Grenzen Düsseldorfs befremden muß, ist in der letzten Sitzung des Düsseldorfer Stadt- Parlaments gegen den Opernkritiker terDüssel­dorfer Rachrichten" gerichtet worden. Zwei Stadt- oerorbnete ergingen sich in geradezu ungeheuer­lichen Ausfällen gegen diesen Kritiker, der in freimütiger Weise tee am Düsseldorfer Theater herrschenden Mißstände gegeißelt hat und auf eine Aufforderung des Oberbürgermeisters hin ein Gutachen mit Desferungsvorschlägen ver­faßte. Wan begnügte sich aber nicht nur mit Be­schimpfungen. sondern man forderte den Verleger öffentlich auf, de n Äritifet zu entlassen! Diese Einmischung von Stabtoerorbneten in die Angelegen hei ten eines ZeitungSverlages steht bisher wohl einzig da. und man wird dafür Sorge tragen müssen, daß sich derartige Heber griffe nicht wiederholen.