Ausgabe 
5.10.1925
 
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Nr. 235 Erster Blatt (L)

175. Jahrgang

Montag.

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Druck und verlog: vrühl'sche Univerfitüt§-Buch- und Zteindruckerei R. Lange in Sietzen. Schriftlettung und Geschäftsstelle: Zchufstraße 7.

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5. Moder 1925

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Konferenzbeginn in Locarno.

Locarno. 4. Oft (WB.) Die Vorberei­tungen in Locarno zum Empfang der Dele­gationen und der Weltpresse wurden in der knappen Zeit von fünf Tagen mit erstaunlicher Vollkommenheit und großem Geschick von allen eidgenössischen Kantonen und den städtischen Be­hörden gefördert. Der Iustizpalast, in dem die Sitzungen stattfinden, bekam neu hergerichtete Zugangss(rahen. Der bisherige Gerichts- s a a l ist groß genug zur bequemen Aufnahme von 50 und mehr Konferenzteilnehmern. Er ist hell und geräumig und hat eine vorzügliche Akustik. Für die Presse ist in dem nahe­liegenden ehemaligen Regierungsgebäude ein mit allen Erfordernissen ausgestatteter mäch­tiger Saal reserviert worden, der bereits fix und fertig ist. Sämtliche Hotels sind über­füllt.

Die deutsche Delegation traf Sams­tagabend kurz vor 7 Hhr nach gut verlaufener Fahrt in Locarno ein. Der Kanzler und der Außenminister, sowie die Staatssekretäre Schubert und K e m p n e r hatten den Zug schon in Bellinzona verlassen und sind von dort mit dem sie begrüßenden deutsche Konsul im Kraftwagen weitergefahren, während die übrigen Herren erst in Locarno ausstiegen. Gegen 1/26 Hhr traf auch der Außenmini st er B r i a n d mit den meisten Angehörigen der fran­zösischen Delegation ein und stieg sofort im Grandhotel ab. Heber das frühzeitige Eintreffen Driands war man allgemein erstaunt, da seine Ankunft erst für Sonntagmittag vorgesehen war.

Der Sonntag brachte eine Vervollständigung der an der Zusammenkunft beteiligten Dele­gationen. Hm 12,30 Hhr traf Chamberlain begleitet von Sir Cecil H u r st und einigen wenigen Herren fast unbemerkt von den vielen Reugierigen hier ein. Hm 1 Hhr folgte Scia- l o j a. der erste italienische Delegierte, im Kraft­wagen. während der zweite Delegierte, der Hn- terstaotssekretär Grandi, nachmittags mit der Bahn folgte. Fast um dieselbe Zeit traf V a n» dervelde mit seinen Begleitern hier ein. 3m übrigen war der Rachlliittag hauptsächlich mit Vorbesprechungen über Zeitpunkt und Arbeitseinteilung der morgen be­ginnenden Beratungen ausgefüllt.

3m Auftrag des französischen Außenministers erschien Professor Ainart im Eplanade-Hotel. um die erste Fühlung mit der deut­schen Delegation aufzunehmen.

Staatssekretär von Schubert suchte im Laufe des Rachmittags die Chefs der britischen und der französischen Delegation auf, um das Programm der Konferenz zu besprechen und besonders um auch die technische Frage des Vorsitzenden sowie der Reihenfolge der Ver­handlungsgegenstände zu verhandeln. Anschlie­ßend fand ein reger Meinungraustausch zwischen der deutschen und französischen Delegation über die äußere Form le, Kon'e.en'an aigs am Mon­tag statt. Reichskanzler Dr. Luther be­gab sich gestern nachmittag zu Fuß nach der oberhalb Locarnos gelegenen berühmten Kirche Madonna del Sasso. Die Konfeenz be­ginnt am Montagvormittag 11 Hhr mit einer Sitzung, die voraussichtlich nur Formalien go= widmet ist, während nachmittags die ersten sach­lichen Beratungen sich anschließen.

Sehr groß waren die Anstrengungen und Aufwendungen, die die eidgenössischen und lokalen Behörden anläßlich der Zusammenkunft der De­legationsmitglieder in Locarno gemacht Haden. So fand heute abend eine 3llumination des Seeufers und der auf hohem Felsen ge­legenen Kirche Madonna del Sasso statt. Daran beteiligen sich auch die kirchlichen Behör­den. Der Bischof von Lugano zelebrierte in der alten Kirche St. Antonio um 8 Hhr abends einen feierlichen Gottesdienst, in dem er den Segen des Himmels auf die bevor­stehenden Verhandlungen erflehte und in beweg­ten Worten auf die Rolle der Schweiz während der vergangenen Kriegsjahre und auf ihre Pflicht zur Mitarbeit zur Festigung und Bewahrung des Weltfriedens hinwies. An dem Gottesdienst nahmen u. a. auch eine Anzahl Herren der deutschen. Delegation teil.

Presseempfang bei der deutschen Delegation.

Berlin, 4. Oft. (WTB.) Wie unser Bericht­erstatter in Locarno meldet, empfing die deutsche Delegation heute vormittag die Vertreter der deutschen Presse im Hotel Esplanade, dem sitze der deutschen Delegation, um die anwesenden 40 deutschen Journalisten zu begrüßen und der Hoffnung Ausdruck zu geben, daß es im Interesse Deutschlands und des deutschen Volkes gelingen werde, gemeinschaftlich das große ernste Ziel zu er­reichen, das sich die Zusammenkunft der Regie­rungsmitglieder gesteckt hat. Die Probleme, die hier zur Sprache kommen sollen, wurden bei dieser Ge­legenheit mit dem Reichskanzler und dem Neichsaußenminister erörtert, wobei beide die Hoffnung ausdrückten, daß es nun endlich für Deutschland und Europa zu einem wirklichen Friedenszustande kommen werde, wie ihn Deutschland, aber auch die anderen, sowohl aus politischen wie wirtschaftlichen Gründen dringend brauchten.

Der Reichskanzler wies darauf hin, daß, abgesehen von den großen Schwierigkeiten, die das Pakt- und Schiedsgerichts­problem gestellt haben, mit Aufgaben dieser Zusam­

menkunft dadurch tompliziert worden seien, daß auf der Gegenseite die Verbindung des Sicher­heitspaktes mit der Völkerbundsfrage als unumgänglich bezeichnet wurde. Die deutsche Regierung habe dieser Forderung nicht wider­sprochen, durch die aber weitere Probleme aufgerollt würden, die Abrüstung Deutschlands, ohne daß auf der anderen Seite die durch den Versailler Vertrag vorgeschriebene allgemeine Abrüstung von Deutschlands Nach­barn eingeleitet worden sei, in Verbindung mit der fortdauernden, zum Teil noch auf lange Jahre vor- aesehenen Besetzung deutschen Gebietes schaffe für Deutschland auf dem Wege zur Er­reichung des wirklichen Friedens eine konkrete be­sondere Lage.

Der Reichsaußenminister

befaßte sich besonders mit den aus Deutschland vorliegenden Rachrichten, über die ganze Anzahl Hnterredungen, die der russische Außenkommissar Tschitscherin Pressevertretern gewährte, und be­merkte dazu, die Besprechungen, die Tschitscherin mit ihm in Berlin gehabt habe und die zum Abschluß der zweijährigen Verhandlungen über den deutsch-russischen Handelsver­trag führen werden, seien in manchen Erörte­rungen dieser 3nterviews als Spitze gegen das Verhandlungsziel von Locarno ausgedeutet wor- den, eine Auslegung, die vollkommen gegen­standslos sei, wie ja denn auch Tschitscherin selber englischen 3ournalisten gegenüber zuge­standen habe, daß dieser Abschluß des so schwie­rigen, wahrscheinlich für die künftigen Handels­verträge des Handelsmonopollandes Rußland mit anderen kapitalistischen Ländern vorbildlichen Vertragswerts keine Sensation darstelle. Der deutsch-russische Abschluß sei nicht nur für Deutschland und Rußland, sondern ganz allgemein erfreulich, trotzdem die deutsche Wirtschaft wahr­scheinlich allerhand an dem Vertrage auszusehen haben werde. Auf der anderen Seite habe man offenbar in Rußland eine zeitlang ernste Befürch­tungen gehegt, daß Deutschland mit feiner Teil­nahme an der Zusammenkunft in Locarn) eint vollkommene Aenderung seiner Politik, eine west­liche Orientierung vornehmen wolle. 3nsofern seien die Vereinbarungen, die unmittelbar vor­der Abreise der deutschen Delegation noch Lo­carno getroffen worden seien,

eine Klarstellung der Absicht Deutschlands, sich den Weg nach Rußland offen zu halten.

Für uns gibt es, sagte Dr. Stresemann, keine Option zwischen Ost- und Westpolitik. Wir wol­len nach beiden Seiten in guten Beziehungen leben.

Der Minister ging weiter auf Meldungen aus der deutschen Presse über die neue Lage ein und gab dem Bedauern Ausdruck, daß man gerade in dem Augenblick, wo die deutschen Regierungsmitglieder in eine überaus schwierige dornenvolle Verhandlung mit den Alliierten ein­treten wollen, innerpolitische Mei­nungsverschiedenheiten zu Hause mit besonderer Schärfe aussechten zu wollen scheine. Dr. Stresemann wies im Zusammenhang damit darauf hin, daß er z. B. als Führer der da­mals stärksten Oppositionspartei während der Genueser Konferenz, an der Dr. Wirth und Är. R a t h e n a u teilgenommen hätten, jede innerpolitische Opposition für die Dauer der Konferenz eingestellt und diesen Standpunkt aus das entschiedenste öffentlich im Reichstag vertreten habe.

Presseempfang bei Briand und Chamberlain.

Locarno, 5. Oft. (TH.) Hm 6 Hhr nach­mittags empfing der französische Außenminister Briand die französische Presse. Er erklärte, daß er mit dem ehrlichen und festen Willen gekommen sei, um einen Frieden zu schließen, dessen Europa und die ganze Welt so dringend bedürfe. Er sprach die feste Hoffnung aus, daß die Konferenz von Locarno zu einem guten Ende führen werde. Hm 6.30 Hhr emp­fing der englische Außenminister Chamber­lain die englische Presse. Auch er unter­strich den ehrlichen und festen Willen der briti- fchen Regierung, die von dem glücklichen Aus­gang der Konferenz von Locatno das Heil für die Völker Europas erhoffe. England werde mit allem Rachdruck dafür eintreten, daß auf der Konferenz die ehemaligen Alliierten und Deutsch­land auf dem Fuße der völligen Gleichberechtigung^verhandeln würden.

Wie aus französischer Quelle verlautet, ist eine Vereinbarung getroffen worden, daß in der ersten gemeinsamen Sitzung der alliierten Außenminister mit den deutschen Regierungsver­tretern Chamberlain den Vorsitz führen wird. Vermutlich wird der Vorsitzende in den späteren Sitzungen wechseln, wie das bereits während der Londoner Konferenz im Sommer 1924 der Fall war. Da Bundesrat Motta ver­hindert ist, im Ramen der schweizerischen Re­gierung bei der Eröffnung der Konferenz die ausländischen Staatsmänner zu begrüßen, wird der Syndikus von Locarno eine kurze Ansprache int Ramen der schweizerischen Bundes­regierung halten.

Alliierte Mätterstimmen zum Konferenzbeginn.

Paris, 5. OIL (TH.) Am Vorabend der Konferenz von Locarno versucht die französische

Presse die Aussichten äu prüfen um) die Haltung der verschiedenen an der Konferenz teilnehmen­den oder sie beobachtenden Mächte zu präzisieren. Rach Mitteilungen aus Rom, die auf die Siche­rung der Drennergrenze anspielen, wird die ita­lienische Regierung zwar an der Konferenz teil- nehmen. abe rden Pakt nur unterzeichnen, wenn durch ihn tatsächlich eine ernste politische Ga­rantie für die Zukunft Europas gegeben werde. Die Gerüchte, wonach Tschitscherin Deutsch­land ein Militärabkommen angeboten habe und im Falle des Mißlingens der Konferenz der Abschluß von Verträgen vorgesehen sei, denen auch Polen und 31 a I i en beitreten würden, werden in de rfranzösischen Presse als ein poli­tisches Manöver kommentiert. Man glaubt, daß das Programm der Konferenz mit dem Aus­tausch der Auffassungen über den R h e i n p a k t beginnen wird, daß aber gleichzeitig in den spä­teren Verhandlungen die mit den Schieds­gerichtsverträgen in Verbindung stehen­den Fragen brHandelt werden sollen.

Der Londoner 0 b s e r v e r bedauert in einem Leitartikel, daß seit dem ersten deutschen Vor­schlag eines Sicherheitspattes so viel Zeit verschwendet worden sei und betont die dringende Rotwendigkeit, jetzt zu einem Abschluß zu gelangen. Der wahre Anlaß des Kriegs ent­steht immer lange Zeit vor dem tatsächlichen Ausbruch. Wenn man den Krieg verhindern will, muß man rechtzeitig vorsorgen. 3n Briand hat Deutschland den vernünftigen Geist Frank­reichs vor sich. Auf deutscher Seite sind Dr. Luther und Dr. Stresemann nicht weniger ver­ständig und erfahren. Sie sind auch die geeigneten Männer, die Zustimmung ihres Volkes zu dem zu erlangen, was fie vielleicht auf der Konferenz beschlißeen werden. Es besteht fein Grund dafür, daß die freundlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Rußland nicht mit dem Patt in Hebereinstimmung gebracht werden soltten. Der etwaige Patt bedeutet nicht die Aufrichtung einer Schranke gegen Rußland, sondern man darf sogar trotz Tschitscherins Erllärungen hoffen, daß auch Deutschland durch seinen Eintritt in den Döllerbund helfen wird, den Eintritt Ruß­lands herbeizuführen.

3m Sundah Expreß führt Sir Robert Donald aus, die Begabung des Völkerbunds­rates, Geschäfte zu vertrödeln oder seine Ver­antwortung anderen aufzuhalsen ist bis­her groß gewesen. Die Mitgliedschaft Deutsch­lands würde eine anregende Wirkung haben, besonders in der Frage Der Minderheiten­probleme. England hat die Führung im Völ­kerbund an Frankreich abgetreten. Frankreich hat den Bund benutzt, um mit Hilfe seiner satel- liten eine profranzös'^che Hegemonie zu schaffen und es fertig gcbracht, durch geschickte Behandlung der Reutralen eine Politik aufrecht­zuerhalten, die in manchen Fällen das genaue Gegenteil der frommen Hoffnungen und Träume der Hrfjeber der Völkerbundssatzung ist. Durch den Eintritt Deutschlands würde das bis­her fehlende Gegengewicht des französischen Einflusses geschaffen werden. Als Ration würde Deutschland seiner Bevölkerung nach den ersten Platz im Bunde einnehmen und den größten Beitrag bezahlen. Mit Deutschland als Mitglied wird der Bund besser imstande sein, seine Ziele zu erreichen und seine Ideale zu verwirklichen.

Die Nolle der Tschechen.

Benesch über die Sicherheitskonferenz.

Prag, 3. Oft. (WTB.) Außenminister Benesch hat heute vor Vertretern der tschechoslowakischen Presse ein Expoft über außenpolitische Fragen ge­halten, worin er u. a. ausführte:

Wenn in Locarno eine Verständigung zustande kommt, bedeutet dies für uns:

a) am Rhein wird der Friede garantiert,

b) unsere bisherigen Verträge, sowohl mit Frankreich als auch mit den Staaten der Kleinen Entente sowie sämtliche Garantien bleiben vollständig unverändert,

c) wir erhalten eine weitere Garantie in der Form von ^chiedsverträgen.

Solange aber Rußland seine Mitarbeit ver­sagt, wird das europäische Problem nicht voll ge­löst sein.

Zur Konferenz in Locarno erklärte Dr. Benesch u. a.: Die Frage der Reihenfolge der Arbeiten, näm­lich ob gleichzeitig gemeinsam ober ge­trennt verhandelt werden wird, ist eine Frage der Taktik. Sie ist zwar wichtig, aber ich halle sie nicht für die Hauptfrage. Es gibt zwei Streitpunkte zwischen den Alliierten und Deutschland:

1. Die Formulierung der Garantie- und Schieds­verträge,

2. der Umfang der Schiedsverträge und ich hoffe, daß eine Verständigung zustande kommt.

Unsere Demarche in Berlin wurde von unserer Oeffentlichkeit nicht richtig auf­gefaßt. Es war ein rein formaler Schritt. In dem Augenblick, wo die Einladung der Verbün- beten an Deutschlanb gerichtet würbe unb bie beutsche Regierung sich entscheiben sollte, habe ich ber brut­schen Regierung bekanntgegeben, baß wir bereit finb, über ben im beutschen Memoranbum vom 9. Februar vorgeschlagenen Schiedsvertrag in Verhandlungen zu treten. Ich bemerke, daß über die Frage der Schieds­verträge zwischen der Berliner Regierung und der unserigen ein unverbindlicher diplomati­scher Meinungsaustausch feit Februar

dieses Jahres geführt wurde. Davon wurden auch bie Alliierten oerstänbigt.

In Genf hatte ich Gelegenheit, mit Minister Skrzinski zu verhanbeln. Wir waren im ganzen einig. Es ist natürlich, daß wir auch in Locarno unseren Standpunkt ebenso wie mit der polnischen, französischen unb englischen Delegation präzisierten werben. In Genf habe ich weiter mit ben Ministern Nintschitsch (Jugoslawien) unb Duca (Ru­mänien) beraten. Ninischitsch betonte, baß, wenn bie Verhandlungen von Erfolg begleitet sein werden, dies auch ein direkter Gewinn für Jugoslawien wäre. Die Minoritätenfrage gehört nicht in den Komplex der Verhandlungen über den Garantiepakt unb bie Schiebsverträge.

Die formelle Einlabung zur Konferenz erhielt bie tschechoslowakische Regierung gestern von ber französischen Regierung. Es wäre ein grundsätzlicher Irrtum zu meinen, baß bie bisherigen Rechte unb Garantien, bie ber tschechoslowakischen Republik durch bie Verträge mit ber kleinen Entente und Frankreich gegeben finb, irgendwie durch die Verhandlungen in Locarno verringert, abgeschwächt ober entwertet würden.

Painlsve zur Außenpolitik Frankreichs Locarno. Marokko.

Paris, 3. Oft. (WB.) 3n Rimes wurde heute in Anwesenheit des Minister Präs identen Painlevö und des Hnterrichtsminifters de Mcm- zie ein Denkmal für den verstorbenen Historiker Ernest Denis, der sich in der Hauptsache mit der Schaffung eines autonomen tschechoslowaki­schen Staates beschäftigt hatte, eingeweihL Bei dem Festmahl nach der Denkmalsenthüllung hat Ministerpräsident Painleve eine Rede gehalten, in deren Verlauf er sich auch mit dev bevorstehenden Konferenz von Locarno beschäftigte. Er sagte: Die französisch- deutsche Aussöhnung ist der Grundpfei­ler der europäischen Zivilisation. Trotz jahrhun- dertelanger Rankünen, trotz Wunde, die noch le­bendig sind, ist eine derartige Aussöhnung mög­lich, wenn die beiden Völker und ich spreche von der breiten Masse der beiden Volker, die die imperialistischen Reibungen und Intrigen nicht kennen das hartnäckige Mißtrauen: beseitigen und gegenseitig an ihre Aufrichtigkeit glauben tonnen. 3n diesem Geiste wird als ge­treuer Wortführer der Ratton die frai^ösische Regierung in der Person ihres Außenrninisters in Locarno den wagemutigsten Ver­such zu einem wirklichen Frieden un­ternehmen, der seit dem Waffeusttllstand unter­nommen wurde. Aber obztvar der Rhein im europäischen Frieden eine wesentliche Rolle spielt, in dem Maße, daß die Verträge für lhn ein Äus- nahmeregime gesichert haben wollen, dürfen doch nicht die durch den Krieg befreiten jungen Rationen, die immer wachsam gegen die Gefahren sind, die ihre so schwer errungene Freiheit bedrohen können, Schaden nehmen durch die besonderen Vorsichtsmaßnahmen, die die Rheingegend für die Ruhe des Konttnents er­fordert. Die Befreiung der lang terrorisierten Völker durch den Krieg bedeutet eine schwere Operation. Sie hat noch blutende Wunden zurück- gelassen, aber es wäre die gefährlichste Hnflug- heit, wenn man heute hieran etwas ändern wollte.

3m zweiten Teil seiner Rede beschäftigte sich der Ministerpräsident mit Dem

Marolkokrieg.

Er sagte, man könne erklären, daß Frankreich vom Frieden und vorn Schiedsgerichtsvertrag gerade in der Stunde fpreche, in der es in Marokko Krieg führe. Die Grundlage des Völkerbundes sei die Achtung vor den Verträgen. Habe Frankreich von den Rechten, die ein Vertrag ihm zuerfenne, Gebrauch gemacht, um eine schwache Bevölkerung, die feinen Widerstand leisten fönae, zu mißhandeln? 3n der gesamten Zone von Ma° rokfo, die unter französischem Protektorat stehe, bewunderten die Fremden die Großmut seiner Zivilisation. Was habe sich in Marokko ereignet ? 3n der spanischen Zone hätten Gebirgs- stämme sich gegen die Truppen aufgelehnt. Durch den Erfolg gegenüber den Spaniern berauscht, seien sie in die französische Zone ein­gedrungen, obwohl fein französischer Soldat jemals die Grenzen überschritten habe. Die Ad­vokaten der Rifleute seien gezwungen, von einem Präventivangriff zu sprechen. Frankreich und Spanien hätten sich über gerechte Friedens- bedingungen verständigt und erklärt, daß die wesentliche Klausel ihrer Friedensbedingungen die Autonomie der Rif- und Djeballa- stämme im Rahmen der Verträge sein solle. Abd el Krim habe diese Bedingungen zurückgewiesen und man habe Frankreich den Vorwurf gemacht, daß es deren 3nhalt nicht ver­öffentlicht habe. Das wolle er heute tun.

Die Friedensvorschläge Frankreichs und Spaniens lauteten wie folgt:

1. Die gemeinsam handelnden französische und spanische Regierungen sind einstimmig dafür, den in Frage kommenden Rif- und Djeballa- stämmen jede Autonomie zu gewähren, die mit den für das Sultanat gellenden internatio­nalen Verträgen vereinbar ist.

2. Beide Regierungen haben sich dahin ver­ständigt, unverzüglich gemeinsame Verhandlun­gen im Hinblick auf die Wiederherstellung des Friedens und das 3nkraftsetzen des neuen Regimes zu eröffnen. Die wichtigsten Punkte die'er Verhandlungen seien die folgendem a) gegenseitige Auslieferung der Ge­fangenen.