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Samstag, 5. September 1925

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gdethefsen)

208 Zweites Blatt

Zum 116er-Tag in Gießen

>id)cr:

treten

Aus der Provinz

Landkreis Gießen.

kann. In den sozialen Fragen war weithin Einig­keit zu spüren. Dah der Menjch und nichk die Ma­schine dos Wichtigste ist, daß alle Arbeit Dienst an der Menschheit sein mutz und nicht allein auf Geld- erwerb eingestellt bleiben darf, das wurde mit Nachdruck von allen Seiten ausgesprochen und dann als gemeinsame Losung ausgegcben. Die Kon­trolle der Schulbücher aus nationale und konfessio­nelle Gehässigkeiten hin, die von einem besonderen Ausschuh weiter geführt werden soll, verspricht wirkungsvoll zu werden. Vielleicht kommt auch manche der internationalen Einrichtungen zustande, die auf dem Gebiet der Presse, der wirtschastsethi- schen Forschung usw. gefordert wurden.

Stockholm bedeutet nicht einen sofortigen Erfolg, wohl ober einen ersten Schritt auf einem neuen Wege. Es bedeutet den Anfang neuer Verantwor­tung und neuer Ziele für die Kirche. Stockholm trotz allem ein kirchengeschichtliches Ereignis!

Turnen, Sport und Spiel.

Reichs- und Alpenfahrt des A. D. A. C.

Zu der vom Allgemeinen Deutschen Auto- mobil-Elub veranstalteten Reichsfahrt mit anschlietzender Alpensahrt starteten am Freitag­vormittag 63 Motorräder, 12 Motorräder mit Beiwagen, 43 Touren wagen und 13 Sportwagen.

Aus der Hazienda.

Skizze von Dingie B. Roe.

Auf der Veranda eines weihen langgestreckten Hauses sah Mitz Virginia Masters aus London. Sie sühlte sich sehr elend und unglücklich. Hinter ihrem Rücken konnte sie aus einem grohen kühlen Zimmer her das Gespräch leiser Stimmen ver- nehmen, die sich darin ergingen, Sommerpläne zu schmieden. Es waren die Stimmen der Mutter der jungen Miß und des Sensors Luis Aralya, der Mutter, dieser unermüdlich kühnen Jägerin auf dcm Heiratsmarkt, und des Sensors, des reichsten und einfluhreichsten Rancheros in den Tälern von Almejcte, _ ___

£. TD i c f c <£. 5. Sept. Alle Anzeichen beuten darauf hin, dah wir einer verstärkten Ar­beitslosigkeit entgegengehem. DaS Lknkraft- der Tabaksteuer bringt naturgemäß für

Zukunft zu arbeiten. Vielleicht seid Ihr Frauen idealer angelegt, vielleicht gibt es auch Männer, die anders denken. Ich selbst suhle, dah ich nicht weiter nur für mich selbst, sei es für irgendein ererbtes Stück Land oder für irgendeine andre Einbildung und Eitelkeit streben und kämpfen mag. Das ein- zige^ was mir für mich lebenswert scheint, Anna, ist, mit Dir, für Dich, für uns hier arbeiten zu dürfen.

Und wenn mir bange wird, daß ich Dich so selbstsüchtig weglocken will aus Deiner reichen, schonen Lebensarbeit heraus, hinein in mein enges, einsames Leben, so sage ich es mir zum Trost, dah auch hier Arbeit ist, viel Arbeit für Dich. Du hast mir die Augen aufgemacht, dah es meine Pflicht wäre, zu raten, helfen, Hellen. Aber ich weih allein keinen Rat und Weg. Komme, siehe Dir unser Gut an, siehe die Not und Stumpfheit der Menschen, die eine Herrin mit starken, gütigen Händen brau- dien, komm und hilf! Du bist die eine, die einzige, die wir brauchen. Komm'. Und fast kommt mir meine Armut wie ein Reichtum vor. Denn Du bist gewohnt zu geben, nicht zu nehmen, und vielleicht gewinnen wir Dich hier, weil Du uns so viel geben kannst!

Ein Neues, ein Freies gebe ich Dir. Ich weih, dah ich Dich heute anders liebe wie damals, als ich nicht achtete, was mir ein Schicksal zu früh und zu leicht in die Hand gegeben. Vieles andre schien mir damals neben Dir und über Dich hinaus lebens- und liebenswert. Und heute strecke ich bittend die Hände aus, die leeren Hände, und wenn ich Dich nehmen und halten darf, Anna, so bist Du mein einziges, mein alles, mein Leben, meine Zukunft.

Ich weih, daß Du Ferien haft. Komme mit Tante Lotte. Die Dftertage sind vor der Tür, mache sie zu Feiertagen für mich und Krüxow. Die Ostsee ist nah, und sie ist sehr blau in diesen Frühlingstagen, und die Krokus und Primeln sind für Dich auf- geblüht Tante Lotte weih um meinen Plan. Aber jic oll Dich nicht drängen. Freiwillig muht Du kommen. Es soll auch keine Entscheidung, kein Bin­den für Dich bedeuten, wenn Du kommst, Anna. Willst Du wieder fort, so wollen wir Dich ziehen lallen und Dir's danken, daß Du gekommen bist. Nicht im Bann der alten Zeit, nicht mit geschlossenen Äugen sollst Du Dich entscheiden, Du sollst mich sehen und das, was mir gehört, und dann sollst Du wählen. Als ob ich Dir das zu sagen brauchte! Ich weiß, dah Du frei geworden bift von all dem alten Druck und Zwang, und daß Du nur in Freiheit zu mir kommen wirst, zu aeben und zu nehmen, wie es Dir gefällt. Komme, sage mir bald, daß Du kom-

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unser heimisches Tabakgewerbe schwere Erschütte­rungen, die sich hier schon bemerkbar machten, indem in der Filiale S. Bock u Co. ab 1. Sep­tember die Arbeitszeit auf drei Tage wöchentlich herabgesetzt wurde. 3n Betracht kommen etwa 70 Beschäftigte. 3m August macht« sich zunächst ein weiteres Fallen der Erwerbs- losenzifser bemerkbar, um gegen Schluß deS Mo­nats stark anzufleigen. Fortgesetzt laufen jetzt Aeuanmeldungen ein. Folgende Zahlen können alS TDirtschaftsbarometer gelten: Gezählt wurden am 1. August 9 männliche, 2 weibliche GrwerbS- lose, mit 6 Ehefrauen und 4 Kindern, als Zu­schlagsempfängern: am 8 August 7 männliche. 2 weibliche Erwerbslose, mit 4 Ehefrauen, 3 Kin­dern, am 15. August 4 männliche, 2 weibliche Erwerbslose mit 3 Ehefrauen, 3 Kindern, am 22. August 5 männliche, 2 weibliche Erwerbslose mit 4 Ehefrauen, 3 Kindern, am 31. August 16 männliche, 2 weibliche ErvKtrbslose mit 8 Ehe-

Wichtiger und bedeutungsvoller war etwas an- bares: Man lernte die Gegensätze schärfer sehen und i«fer verstehen. Kaum je ist in einer großen Der- jnunlung deutscher und skandinavischer Luthe- ~mer so klar zum Bewußtsein gekommen, was i-gelsäsische grömmigteit ist, wie hier. Dieser Op- uimsmus, diese» Zutrauen zum Menschen, diese .Munftsfreubigfeit, die keine Probleme kennt, diese heil, von dem Willen Gottes zu reden, und hufe naive Verquickung von Politik und Religion! >tr Krieg wird kurzerhand adaeschafst, der Volker- »,nd wird heilig gesprochen. Das Recht wird auf ten Thron gehoben, ohne lange darüber noch- jjgrübeln, ob dasRecht", das durch Friedens- Erträge und Schiedssprüche geschaffen wird, nid)t .in Cnbe nur die verkappte Gewalt, das Recht des Siäricrcn, ist. Beneidenswerte Einfachheit, die Welt tu betrachten! Beneidenswert die Sicherheit, mit ter das Gattesreich auf Erden hergeftellt wird.

Als Anna den Brief gelesen, sah sie wohl noch eine Stunde ganz still da oben in der mondhellen Giebelstube. Und sie horchte auf ihr Herz und ob sie ihm Weg und Willen lassen konnte.

Dann ging sie herunter §u Tante Lotte. Die hatte einen roten Stopf und strickte in ihrer Sosaecke. Sie sah Anna möglichst harmlos an und sagte:

Na, hast Du ausgepackt, war alles in Ord­nung?"

Darüber mußte Anna doch lachen.

Nein, es war gar nicht alles in Ordnung. Der Brief hat erst eine rechte Unordnung in mir an- gestiftet und in meinem schon aufgeräumten Leben."

Aber du willst doch nach Krüxow, Anna? Es täte uns beiden so gut, weißt du, einmal so ein paar Tage Ostseeluft ist viel besser als die Altweiber- geschichte hier. Und du bist ja an nichts gebunden, wir können immer wieder fort, aber ansehen können wir uns die Sache doch einmal."

Anna wollte widersprechen. Da sah sie die große Liebe an dem Blick, den die Tante ihr zuwarf. Und in ungewohnter Weichheit bückte sie sich und gab Tante Lotte einen Kuh.

Ich will dir morgen früh meine Antwort sagen, ich muß erst einmal ruhig darüber schlafen, Tante Lotte. Und viel darüber reden kann ich nicht, jetzt nicht und auch später nicht. Ich will den rechten Weg ehrlich suchen für mich und ihn. Es wird schon gut werden, Tante Lotte."

In der Nacht träumte Anna, daß sie miteinander durch weite Kornfelder gingen, immer weiter auf einem schmalen Weg, Hand in Hand durch hohes, gelbes Korn. Sie waren beide müde, aber sie wuß­ten, daß sie nach Hause gingen. Und zu Hause an der weihen Gartenpforte stand ein Kind, ein kleines, liebes. Das streckte ihnen die Arme entgegen und rief: Mutter!

Die greifbare Folge davon war, dah Ameri­kaner, Engländer und Franzosen die von ihnen glühend gewünschte Heiligsprechung des Völker- bundes nicht erreicht haben. Die Botschaft der Welt- konserenz, ihr eigentliches, offizielles Dokument, redet vom Völkerbund nicht mit einem Wort. Auch der Pazifismus ist nicht verkündet worden. Don der Furchtbarkeit und Unfruchtbarkeit des Krieges wird geredet. Die Hoffnung auf eine Zeit wird prokla­miert, da nach der biblischen SehnsuchtGerech­tigkeit und Frieden sich lügen". Nichts weiter! Die Apostel des Völkerbundes sind unterlegen.

'Aber das negative Ergebnis ist doch nicht das Einzige. Wo die Politik ins Spiel kam, lieh sich nicht mehr erreichen, wenn anders man wahrhaftig bleiben wollte. Es hat doch zu denken gegeben, daß in demselben Augenblick, in dem die Engländer auf der Konferenz große Worte von demguten Willen" machten, der von nun an auf Erden regie­ren müsse, die englische Regierung den Deutschen ihr wertvollstes kirchliches Eigentum in Jerusalem kurzerhand wegnahm. Ideal und Wirklichkeit klaffen auf diesem Gebiet schier hoffnungslos auseinander.

Wohl aber scheint es auf anderen Bezirken des Lebens nicht aussichtslos, zu dem zu gelangen, was das eigentliche Ziel der Wettkonferenz war: ein christliches Wettgewiflen zu schaffen, das feine Stimme richtunggebend und verpflichtend erheben

Umgekehrt hat mancher Amerikaner und Eng- ander in den Kongrehtagen wohl zum erstenmal ^griffen, was deutsches, lutherisches Empfinden be­teiltet. Dah wir immer wieder auf die letzten Prinzipien zurückgehen, dah Sünde und Gnade itt Angelpunkte unseres religiösen Denkens sinb, teh wir Politik und Religion zunächst einmal rein- i<J scheiden, um dann erst die Linien hinüber und herüber zu finden, daß wir den Krieg als etwas \ rchtbares betrachten und dennoch an einen ewigen V rieben nicht glauben, daß wir der gegenroarhgen Leitordnung mit gepreßtem Herzen gegenuberftehen jwb dennoch nur eine Wandlung aus dem Tiefsten b Iikverlichsten heraus erwarten können. Das mr für manchen Angelsachsen etwas Neues etwas Ktlig Fremdartiges. Mancher hat gew.h d,e Achseln icujdt. Mancher mag den Eindruck mitgenommen heben daß wir Deutsche nur von künftigen Kriegen 'riumen. Aber vielen hat doch der Ernst der beut- irten Art imponiert-

Er war ein Mann von plumpem Störperbau, mit erschlafften Gesichtszügen und einem Herz von Stein.

Um bie Lippen des jungen Mädchens zuckte es verräterisch, und eine schmale Hand krampfte sich in bie Falten bes Sommerkleides.

Aber da gab es in der Nähe ein Augenpaar, das nicht so verzweifelt wie dar des jungen Mäd­chens vor sich hin starrte.

Nahe beim Tor, das in bie Villa führte, stand Iofs Leharo, hielt mit straffer Hand die Züge! feines Pferdchens, und unter dem breiten Hut her­vor starrte er das weihe Mädchen auf der Veranda an. Niemals im Leben, Io dachte der Bursche, hatte er solch eine Schönheit erblickt. Ihre Augen hatten das wundervolle Blau des Himmels, ihr Haar glich der aufgehenden Sonne, das Gesicht mar fein und edel wie das einer Madonna.

Immer, wenn Iofs das Mädchen sah, mußte er an die Jungfrau Maria mit ihrer goldenen Krone denken, die in einer Kirche derRefugio Mifsion" ftcmd. Heilige konnten wohl so aussehen, aber ein Mädchen?

Als Jose auf die weiten Wiesen, auf denen das Vieh Senior Aralyas weidete, hinausritt, nahm er in feinem Herzen die holde Vision mit, wahrend das junge Mädchen mit schmerzverzogenen Lippen auf der Veranda sitzen blieb und sich erst zu einem Lächeln zwang, als die Mutter und der reiche Mann auf die Veranda traten.

Ein seines Reich, um von einer jungen Frau beherrscht zu werden, nicht wahr? Es freut mich wirklich, daß es Ihnen gefällt, Senjorita!.....

Und nun, meine Liebe." bedächtig betonte er jedes Wort,wann werden Sie sich endlich entscheiden? Ihre sehr achtenswerte Mutter hat mir die Ehre er- wiesen, sich mit unserer Verbindung einverstanden zu erklären. Ich erwarte nur noch Ihr Ja!"

Er verbeugte sich fo graziös, als es ihm seine plumpe Gestalt nur erlauben wollte, und in seinen kleinen, schwarzen Augen glühte ein begehrliches Feuer auf.

Das Mädchen suchte nach einer Antwort, ver­mied aber dabei ängstlich den Blick der Mutter.

Geben Sie mir noch einige Zeit, Senior, bat sie,ich habe noch so wenig ans Heiraten gedacht. Nur noch wenige Tage zu überlege* mich vorzu. bereiten."

Der Mann verneigte sich zustimmend.

Als sie einmal aus dem Hain der Pfefferbäuml hervortrat, stand Virginia plötzlich dem schlanke« Burschen gegenüber, der den Hut so schnell vonH Kopie riß, daß die metallene Quaste im Sonnens Uchte autfuntelte. Er Land feine Wörter cm aii

Denkwürdige Feierstunden, die von wehrnut- vollem Ernst, aber auch von frobgefümmter Ka­meradschaft erfüllt sein werden, vereinigen am heutigen Samstag, am morgigen Sonntag Ung­arn Montag Taufende lieber Gäste in unterer Stadt zum Großen 116er-Tag. Die ehe­maligen Angehörigen des Znf-RgtS. 118. Ref - Inf.-Rgts. 11'6, Landw.-Inf.-Rgls 116. Ref- Inf.-Rgts. 222. Ref-Inf.-RgtS. 251. Inf -Rgts 186. Inf.-Rgts. 418 und der Eriatz-Bataillone treffen sich zur Enthüllung deS Ehren- denkmalS der Gefallenen des Stamm* regiments und seiner KriezSforrnationen tfhb dem Großen 116er -Sag, welchrr der Ver­tiefung der alten Kriegskameradschaft gilt und bei dem das Band gemeinschaftlicher Eri merun- gen an schwere und große, weltgeschichtliche Zei­ten die Fcstteilnehmer innig umschlingen wird.

Mit den alten Soldaten gedenken auch wir in dielen Tagen zunächst der gefallenen Brüder. Ob aktiv. Reservist, Landwehrmann oder Land­stürmer, ob schon parteipolitisch eingestellt oder nicht, ste alle kannten in jenen schweren Jahren nur eins: die treue Pflichterfüllung des Sol­daten. der nicht nach dem eigenen Dasein fragt, für den nur das Wohl des BaterlandeS. der Volksgrianttheil bestimmend ist. Diese Brüder opferten das Leben, ihr höchstes persönliches Gut auf dem Altar des BaterlandeS, sie legten bamit aber auch uns Ueberlcbenben die Verpflichtung aus, alle unsere Kräfte für das Gut einzuteyen, dem ifjr höchster Preis galt: Für Volk und Vater land!/Die Denkmäler, die wir unseren gefallenen Brüdern errichten, sind nur äußerer Ausdruck unseres Dankes für das große Opfer der Gefallenen: trotzdem müssen natürlich diese Gedenkzeichen ein heiliges Gut für alle Volks­genossen fein, das zu hüten und zu pflegen Ehrenpflicht ift Der wahre und tiefere Dank an die Männcr und Jünglinge, die starben, damit Deutschland am Leben blieb, kann nur darin bestehen, daß auchwiräleberlebende bereit sind, stets und überall alles für das Vaterland, für seine Verteidigung und seine Meh­rung zu tun. zum Wohle des DolkeS uns ein­zusehen, wo es auch sei. Wenn wir s o handeln, wenn wir Deutschland. Deutschland über alles stellen, dann werden wir uns des grohen Opfers würdig zeigen, das unsere Brüder an den Fronten im Westen und Osten, im Süden und auf dem Meere für uns gebracht, dann dürfen wir hoffen, daß diese großen Opfer trotz alle- Unglücks des Vaterlandes doch nicht vergeblich gewesen find.

Frei geworden. Erzählung von Klara Prieß.

(Schluß.)

Und sie wußte, daß es nicht so bleiben konnte. Cn6 aber die Entscheidung so nahe war, hatte sie rächt geahnt und nicht gewünscht: denn da lag dicht h.ti ihr auf dem kleinen rot gedeckten Tisch neben t.,m Fenster ein Brief. Und als ihre Augen fetzt bnrauf fielen, erkannte sie auch im Dämmerlicht Max Brakens Handschrift.

Das hatte Tante Lotte klug gemeint. Deshalb lyitte sie Anna heraufgeschickt. Die sollte in Einsam- 'fit den Brief lesen und sich die Entscheidung nicht frjrd) vorschnelles Reden und Widersprechen ver­erben.

Anna zündete die Kerze an und la?

Liebe Anna!

Ich kann Dich nichtSchwester Anna" nennen, □ie alle die andern. Daß ich Dich Anna nennen pars, dah Du mein Eigen wirst und mir dies kost- iche Recht von neuem schenkst, das ist Bitte und Inhalt dieses Briefes. Und kannst du mir nicht leben, wonach meine Seele verlangt, so will ich Dich tod) heute einmal wieder Anna nennen liebe, lebe Anna. und mir all die Unruhe und Sehn- 1id)t von der Seele schreiben. Denn es ist über mich »«-kommen, seit ich Dich im Frühling wiedersah, und ist in dieser Wintereinsamkeit gewachsen und eine «roße Liebe geworden, gegen die alles Wehren un- irüg und sinnlos ift Und diese große Liebe und nur ffc allein gibt mir den Mut, Dir diesen Brief zu schreiben. Denn alles andre, was ich dir bieten kann, ii-t so wenig, fo bitterwenig, daß ich mich fast schäme, nit so leeren Händen zu kommen. Einmal bin ich ji noch tief in Deiner Schuld, um jener Jugendzeit willen. Dah ich Dich leiden lieh und Dich verscherzte, weiß Gott, daß ich mein Teil Leid und Reue iafür habe tragen müßen. Und arm bin ich auch jmft geworden. Es ist viel von meinem Mut und Selbstvertrauen verloren gegangen auf den Wegen, fre ich gewandert bin. Sehr bescheiden, mühe- und ccrbeitsvoll ist auch mein äußeres Leben. Aber ich würde nicht zu Dir kommen, wenn nicht die Schulden kedeckk, wenn nicht Aussicht auf eine sichere Eristenz lind Hoffnung für die Zukunft vorhanden wären. Tiber Arbeit und Sorge wird doch unser Teil fein auf Jahre hinaus, vielleicht für immer. Und ich halte das rur aus, wenn ich weiß, für wen ich arbeite. Schon riefen Winter hat es mir wunderbar wohlgetan, dah kch mir einbilde, für dich, für unsere gemein|ame

schönsten Ausgaben, der sich die alten Soldaten widmen können, und zugleich wird damit guter Dienst an Volk und Vaterland getan, lehrt doch gerade die wettpolitifche Entwicklung der jüngsten Jahre, daß nur die Staaten im Konzert der Machte hd) durch^ufehen rern ogen. deren Bürger von höchstem Vanonalstolz eriu.it sind und diesen auch frei und offen und entschieden der Welt bekunden.

3n herzlicher Anteilnahme weilen wir mit unseren Gedanken bei der Erinnerung an die gefallenen Kameraden deS Kaiter-Wilhelm- AegimentS Ar. 116 und seiner KricgSforma- tionen rmd- mit den besten Wünschen für einen guten Verlauf der kameradschaftlichen Zusammen­kunft dieser Tausende wackerer Manner und Kämpfer entbieten wir ihnen den aufrichtigen Willkommensgruß der alten, vielen licbgetoor- dcnen Garnisonstadt. Möge von dem Großen Ilker-Tag reicher Gewinn auSgehen für die ka­meradschaftliche Vereinigung und für unser deut­sches Vaterland!

vieRegimentsgeschichlederllber

Anläßlich des llöcr-Iages mochten mir die Aufmerksamkeit der Oesfenttichkeit, insbesondere aber der auswärtigen Regimentsangehörigen, auf die Regimentsgefchichte des Infanterie- Regiments Kaiser Wilhelm (2. Grohh. Hessisches) N r. 116 lenken. Das Buch ift nach amtlichen Unterlagen und Berichten der Mitkämpfer von Prof. Albert Hiß, dem ehem. Adjutanten des 3. Bataillons, bearbeitet und mit 24 Bildtafeln mit 96 Bildern, 8 Starten, 23 Skizzen und 6 An­lagen versehen. Der Verfasser dieser Geschichte hat cs verstanden, den Stoff in außerordentlich leben­diger, fesselnder Weise zu oerarbtiten. Man liest das Buch mit selten großer Spannung: es macht den Leser mit allen Großkampsplätzen bekannt, auf denen die 116er in ruhmvoller Weise siegreich mit- kämpften. Diele Regimentsgefchichte gehört mit zu den besten Geschichtswerken dieser Art, sie sollte bei jedem unmittelbaren und mittelbaren Regiments- angehörigen, aber auch in den Gießener Bürger­häusern Ausnahme finden, denn sie kündet in schlich­ter und darum noch besonders packender Weise den unsterblichen Ruhm unseres alten heimischen Regi­ments. Das Buch wird in diesen Tagen im Auf­trage der Leitung des llßer-Iages überall ange­boten. Möge es verdientermaßen viele Käufer

* finden.

Stockholm.

Ein Rückschau.

Von (Bcnerslfuperintenbent Dr. O. Di bei ins.

Wer die Wettkonferenz von Stockholm miterlebt hat und nun versucht, bas Wesentliche aus den Der- Gablungen zusammenzufasten unb auf seine Bc- .jtung hm zu prüfen, hat zunächst Mühe, sich zu- -tziziismben. Zahllos bie Reben, bie gehalten wor­ben sind, zahllos bie Anregungen, Wünsche, Fär­bungen, Hofimingen, Prophezeiungen. Dos meiste ieoon, namentlich wenn es aus angelsächsischem _Qunbe kam, so allgemein gehalten, baß man nir- . enbs recht zugreifen kann. Die Botschaft an t e E h ri ft e n w e 11, bie zum Schluß gegen sehr i areinzetten Wiberspruch angenommen würbe, so . Lgeschliffen, daß sich wenig Positives baraus ge- i > nnen läßt.

Unb boch ist es bei näherer Betrachtung nicht jhwer, bas Bleibende unb Bebeutungsvolle heraus- ijfinben.

Daß man zusammen war, bah persönliche Bc- - .Hungen zwischen einzelnen Personen verschie- jener Länber ongelnüpft würben, sie schon nichts ivringes in bie,er Zeit ber Feinbseligkeiten unb j Dlfcrtrennung. Wenn ein führenber englischer izt.jftlicher zu einem Schweben äußert:Die Arne- t'aner bringen immer etwas Neues über bie prak- üHjje Arbeit, bie Deutschen immer etwas Neues für eVertiefung bes Glaubens, das ist mein Einbruck von ter Wettkonferenz" so ist bas boch schon etwas irbercs, als bas Lieb von ber beutschen Barbarei, las einem sonst aus Englcmb entgcgentöntc. Im­merhin: Dazu hätte cs bes gewaltigen Apparates diier Weltkonferenz nicht beburft. Unb ein gewal- fer Apparat ist es gewesen, ber in Stockholm in .< troegung trat! Nur bie zähe unb oft genug rück- i chtslofe Energie des Erzbischofs Söberblom Ist es vermocht, bie Finanzierung bes großen 1 tternehmens in einer wirtschaftlich ungünstigen 3 eit burchzusetzen unb bas Heer von Mitarbeitern jlammenftubringcn unb fest in ber Hanb zu de- ; alten, das bie Konferenz erforderte. Es wäre ein eringcr Lohn für eine ungeheure Leistung, wenn ti? Anbahnung persönlicher Beziehungen alles wäre.

daß auch für uns die Zeit des Wiedevauffnegs vom Volk und Vaterland wicderkehren wird.

morgige Gedenkfeier und die dam". ver- oundene kameradschaftliche Zusammenkunft der Angehörigen des alten ruhmreichen Regiments unb seiner Kriegsformationcn fällt in eine Zeit, in der die ersten Umrisse großer Entscheidun- fien für bie weltpolitische Zukunft unseres Vater- andes auf Jahrzehnte hinaus sichtbar wcdem. Man denke nur an bie Verhandlungen über Mn sog. SicherheitSpakt. an die VölkerbundSfrage

Hierbeiorfrt es um vaterländische Be­lange. Tur deren erfolgreiche Wahrung die größte Geschlossenheit unteres Volkes notwendig ist. Die alten Soldaten, die sich jetzt in unseren Mauern zufammenfinden, werden von der Notwendigkeit des geschlossenen nationalen Zusam­menstehens ohne weiteres überzeugt fein. Sie haben in den schwersten Zeiten des Vater­landes. auch als das Kriegsglück gegen uns entschied, allezeit den sorgsam erwogenen Ent­scheidungen unseres Hindenburg vertraut, und sie werden diesem verehrungswürdigen Manne zweifellos auch jetzt, wo er als Reichs- Präsident für das Wohl und für eine bessere Zukunft deS Volkes zu wirken bestrebt ift. in freiwilliger, freudiger Hingabe geschlossen Ge­folgschaft leisten. Zwar ist der Weg. den wir vor uns haben, mühevoll und vielleicht sehr bornenteid), wenn wir ihn aber in vollem Ver­trauen auf die Führung mutig im altbewährten Schützengrabengeist zurücklegen, dann werden wir zu der Hohe kommen, auf der die Sonne der Weltgeltung uns wieder lacht. Eine gute Weg- bereitung bei dem Streben nach diesem Ziel der vollen Wiederaufrichtung unseres Vater­landes ist der ausgezeichnete Geist, den wir, toiee in allen Regimentsvereinigungen, auch bei den ehemaligen 116crn und bet den Angehöri­gen der Kriegsformationen dieses Regiments lebendig wirken sehen. Es ist der Geist der alles beherrschenden Vaterlands >ebe. der fol- dasikchen Opserbereitschafl. der Kameradschaftlich­keit, kurz der schone Geist, der in unserer alten, ruhmreichen Armee in herrlicher Weife wirkte und sie zu ihren glanzvollen Waffentaten in unzähli­gen Schlachten befähigte. Dah dieser Geist aller Rot der Zeit zum Trotz in unterem Volke er­halten geblieben ist, muß als großer Gewinn für die Gesamtheit des Vaterlandes betrachtet werden, denn hier sind wichtige Keimzellen für das nationale Erstarken unseres Volkes. Diesen Geist nach Kräften auszubreiten, ist eine der