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5.1.1925
 
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M. S Swettez Blatt

Um den Kopf Mussolinis.

Don unserem römischen ll-Korrespondenten.

Rom, den 31. Dezember 1924.

Ais Robespierre zur Guillotine ge- Achten wurde, tauchte hinter dem Karren ein ibchlächtergeselle einen großen Lappen in Blut jbtib schmierte damit die Haustüre des Tyrannen

Heute haben unbetamite Häirdc über Rächt dm Kopf Mussolinis, einen gewaltigen, in seiner Brutalität gleich abstoßenden wie faszi- i irrenden. in der zäsarisch herausgearbeitelen ! trvßen Häßlichkeit fast schönen Stotuenschädcl. j n(c er als Plakat des ..Popolo d'Italia" an allen Rauem klebt, mit Blut besudelt. Er sieht furcht- >ar aus.

And furchtbar sind die Schatten, die über Jtoin lasten und gewaltig ist der Kampf, der t c wohl, in dem der Alleinherrscher steht, "teber Tag, jede Stunde kann den Sturz Musso- ismis bringen, den Sturz aus einer Höhe, wie sic ktt Wilson kein Staatslenker mehr sah, in eine kiese, die Grausen erregt. Denn man sieht sie richt. von so hohen Mauern ist sic umgeben, plan weiß aber, daß dahinter schon die bis zum jlergangenen Sommer getreuesten Mannen des Diktators liegen, wir erleben es, wie der Aller iaclreueste nun die Hand ausstreckt, um den Duce das gleiche Schicksal hineinzureißeit. Brutus nrtb Lasar! Auf schwarzem Pferde galoppiert die Geschichte heran, noch läßt sich in der Dämmc- üung ihr Gesicht nicht erkennen.

Die Dämmerung reißt unerträglich an den Nerven. Niemand weiß etwas 'Bestimmtes, die Fama tuschelt jedem etwas anderes ins Ohr.

Parlmnentshaufe hasten sie mit selbstred- "irischen Gebärden aneinander vorbei. Freund? Feind? Verräter? Wer will es sagen! Die Natten verlassen das sinkende Schiff, Satan* fra,das Bindeglied zwischen Faszismus und Krone, tritt zurück. Sagen sich auch die trotz lls Livorncr Verdiktes m der Regierung ge­bliebenen beiden rechtsliberalen Minister (Sa­la t i und Sarocchi los? Bald wird es be- boubtet, bald halb dementiert. Halb, das ist des Kennzeichen der Lage. Ein Prominenter von der faszistischen Kammermehrheit sagt nicht Rein imb nicht 3a, ernimmt nur vorläufig an den Arbeiten nicht mehr teil". So schwankt der Boden unter dem starken Manne. Er möchte jeden an kn Schultern packen: Sieh mir ins Auge! Aber dec Blick weicht aus. Die Tragödie aller Größen, erbärmliches Schauspiel menschlicher Kleinheit!

Mussolinc wehrt sich wie ein verwundeter Löwe. Klarheit, überlegter Weitblick ist daher st'cht mehr in fernem Tun. Er gibt seine Präto­rianer preis, sowie es zweckmäßig erscheint, er ruft sie ein paar Stunden später wieder auf -urdritten und entscheidenden Schlacht". Be­geistert greift der Satrapen Hälfte das Signal auf. Marschieren oder sterben! schreit Fari- nacei, der Ras von Erenrona, um gleich hinzu- zufügen: Vor dem Sterben wollen wir aber noch das Letzte wagen! And wilde Gerüchte ton Konzentrierungen der S chwa rz - Hemden gehen um, in Florenz und Mailand bilden sich die Legionen, gellend klingt der Sam- »cltuf der Kohorten. A noi!

Dann wieder heißt es, verschiedene Heeres- vassen würden einberufen. Will sich Mussolini Iclchermaßen eine Türe offnen? Rein, brüllt die andere Hälfte der Desperati, so haben wir nicht gewettet! Entweder mit uns oder gegen und! Auch ein Mussolini muß gehorchen, wenn die Disziplin der Partei es verlangt. Jetzt geht ts nicht mehr um den Duce, jetzt geht es u m d e n Faszismus. Der Faszismus aber ist wohl eine Regierung wert!

Unerbittlid) wütet das Feuer auf der an­dren Seite, auf dem Aventin. Die Oppo° silwn hat alles gesammelt zum entscheidenden 6d)Iag, sie gönnt sich ebensowenig wie Mussolini einen Augenblick Ruhe. Es geht Hieb auf Hieb und wer einen Blick in die Zeitungen wirft, der kann gewiß nicht sagen, es gebe keine Preß-

Hessische Wallfahrten des Mittelalters.

Aus dem Vortrag des Herrn Staats­archivrat Dr. D e r s ch im Oberhessischen Geschichtsverein, über den wir in der Weihnachtswoche bereits kurz berichteten.

Das mit dem Weihnachtsfest beginnende r ö - dcsche Iubiläumsjahr wird Millionen ton Wallfahrern in die ewige Stadt führen, um kn vollkommenen Ablaß zu erlangen, und gibt Veranlassung. die Bedeutung der Wallfahr­ten überhaupt und im mittelalterlichen Hessen insbesondere näher zu betrachten.

Die uralte Sitte des Wallens und der Ditt- $änge wurzelt in der volkstümlichen Heiligen- trt1 Reliquienverehrung und den damit eng ver­bundenen Wunderglauben. Die Verehrung äußert sich wie in der Antike im Gebet und tpser. Die Mehrzahl her Wallfahrten waren freiwillige B u ß f a h r t e n oder unfreiwillige (ühnefahrten. Schwere Verbreche.n. wie 2lord und Unzucht. konnten nur durch jahrelangen «lufentßalt in der Verbannung (im Elend) an den feg. großen Wallfahrtsorten, wie Jerusalem. ?.om und Santiago de Compvstella in Spanien, gesühnt werden. Dispens davon ist heute noch dem Papste reserviert. Rachdem die Wallfahrten auch als Strafmittel der Ketzergerichte üblich geworden Huren, wurden die Sühnefahrten in die weltliche Rechtspflege übernommen und als außergericht- üdes Straf- oder Sühnemittel, meist bei Tot- Alagsühnen. üblich. Derartige Sühneverträge, die außer den auferlegten Wallfahrten meist die Er- rchtung eines Sühne-Stcinlreuzes am Orte der tat erwähnen, haben sich erhalten. Die im Pilgcr- grwand singend einherzieherrden Wallfahrer- tnrpps waren eine typische Erscheinung der Land- fraße. Richt selten mischten sich Abenteurer und inlautere Gesellen unter sie. Pilgerzeichen, Weihe- mdaillen wurden am Ziel der Wallfahrt gekauft, ent Hut befestigt und oft auf Glocken angebracht.

Seit den Kreuzzügen nahmen die Pil­gerfahrten nach dem heiligen Lande einen immer größeren Umfang an. Landgraf Ludwig HL Do n Thüringen, der in demselben Jahre wie Kaiser Friedrich I. Rotbart das Kreuz ge= nommen hatte, starb auf der Rückkehr am 16. Ok° tkber 1190. Auch sein Reffe Ludwig IV., der Heniahl der hl. Elisabeth, fand in Otrerrto ein Ilühes Crrde.

Venedig war der übliche Ausgangspunkt In. Moerfahrt, zu der besondere Vorbereitungen

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)

Montag, 5. Zaimar 1925

Schlag. Die saszistische Götterdämmerung ist da. Es fei denn, sie würde künstlich von einer neuen Revolutionswelle überlodert.

Die interalliierte Finanzministerkonferenz

Am 5. Januar werden in Paris die inter­alliierten Fiiranzminister zusammentreffen, um die Verteilung der ersten deutschen Repava- tionsraten untereinander vorzunehmen. Auch das sonst an den europäischen Vorgängen desinteressierte" Amerika wird sich einsin- den, da es einmal aus der Zeit der Rhein- landbesetzung durch seine Truppen noch nicht eingelöste Wechsel zu präsentieren hat und zum anderen bei der Aufteilung der Reparations­beule nicht leer auSgchen will, infolgedessen dürfte der Verlauf der Finanzministcrkonferenz außerordentlich interessant werden, zumal j.tzt schon einige gut informierte Pariser und Lon­doner Zeitungen wissen wollen, daß diese Kon­ferenz wahrscheinlich durch die Teilnahme der Ministerpräsidenten eine Erweiterung erfah­ren dürfte. Allem Anschein nach wird man also auch an das heiße Eisen des interalliierten Schulde nausgleiches Herangehen wol­len, was sich auch angesichts der Haltung der Vereinigtest Staaten nicht mehr recht umgehen läßt, die seit einigen Wochen ernstlich auf eine Begleichung der aus dec Kriegszeit stam­menden Schulden drängen. Große Aufregung herrscht in Washington wegen der Haltung Frankreichs, das von sich aus durch sei­nen Botschafter Ousserand eine Schuldenrege­lung vorschlug, aus dem der französischen Kam­mer jetzt vorgelegten Haushaltspla i ar;ec j .de Summe zur Tilgung der amerikanischen Kriegsanleihe Herausgelassen hat. Man ist sehr verschnupft und mießt Frankreich den Vorwurf des doppelten Spiels, ja verschie­dene bedeutende Finanz- und Staatsmänner sind sogar schon soweit gegangen, Frankreich die Entziehung weiterer Kredite anzudrohen und einen Sturz des Fran- ken in Aussicht zu stellen. Unter diesen Um­ständen wird Frankreich auf d r interalliierten Finanzministerkonfercnz ke ne laichte St llung haben, sofern diese sich mit den eigenen Schul­den und im Anschluß daran mit den arneri.a- nischen beschäftigen durste, um so mehr, als die amerikanischen Bankiers auf der Londoner Konferenz Frankreich schon einmal offen und rücksichtslos darauf aufmerksam machten, daß es bis heute noch feinen Cent seiner Schulden abgezahlt habe.

Deutschtum und Politik.

Von Dr. phil. Friedrich Septen, Bremen.

I.

Will man eine Antwort auf die Frage finden, ob der Deutsche für Politik Begabung habe oder nicht, so wird man sowohl das Wesen des Deutschen als auch das Wesen der Politik ergründen müssen, um dann durch einen Vergleich festzustellen, wie sich beide zueinander verhalten. Das eigentliche Wesen der deutschen Volksseele im Gegensatz zu der anderer Völker in kurze, Na re Werte zu fassen, ist äußerst schwierig, weil gerade die deutsche Volksseele unge­mein reich an Widersprüchen ist. Trotzdem läßt sich sagen, daß die deutsche Volksseele sich darstellt als eine Seele mit wenig scharfer und geschliffener Denktätigkeit, einem stark aus­geprägten und schwärmerischen Gefühlsleben, sowie einem unklaren aber kraftvollen Willens­drange.

Die notwendige Folge dieser Orunheflißel» lung ist die weitest verbreitete Sondergei st ig­le it (Individualismus) des deutschen Menschen, die man überall in deutschen Landen antrisft. Es ist klar, daß ein nicht durch scharfe Denk­tätigkeit geformtes, sondern mehr aus der Tiefe des Gemütes quellendes Wollen die verschieden« artigsten Wege einschlagen und eine ungeheute Mannigfaltigkeit sehr weit voneinander abwe.chen der Ansichten erzeugen muß. die für die giistige Regsamkeit der Deutschen von allergrößtem Wert, aber für ihr einheitliches Handeln von ebenso großem Schaden sind. Die sorgfältige Pflege der besonderen Eigenart des Einzelmenschen wird vom Deutschen mit einer Eindringlichkeit ge­fordert. daß ein stets weiter um sich greifendes Auseinanderleben der Deutschen das selbstverständliche Ergebnis iit.

Natürlich wirkt sich diese Eigenart auch auf dein Gebiete der Politik aus und bewirkt die größten Gegensätze zwischen den verschiedenein Meinungen. Hinzu kommt ein halsstarriges Fest­balten an dem einmal für richtig Erkannten, mag es auch vor wenigen Zähren noch leiden­schaftlich bekämpft worden sein und nach einigen toeitcren Jahren wiederum als Irrglaube ver­worfen werden. Seit den ersten Tagen unserer Geschichte haben wir durch die Jahrhunderte hindurch als größtes Erbübel die Zwietracht und Uneinigkit der Deutschen untereinander mit uns zu schleppen gehabt. Was für eine Last dies gewesen und heute noch ist. muß auch dem oberflächlichsten Beobachter ohne weiteres ein­leuchten. Bismarck hat einmal gesagt, daß jeder Deutsche am liebsten seinen eigenen König hätte. Man kann diesen Ausspruch erweitern und sagen, daß auch jeder Deutsche am liebsten sein: eigene politische Partei und ebenso seine eigene 5W4>° haben möchte.

Zu der Tatsache, daß die besondere Art un­besehen zum Selbstzweck er Härt wird, kommt die weitere, daß in unserem Vaterlande soviel ver­schieden geartete Volks st ämme neben­einander wohnen, wodurch natürlich die Uneinig- fett nur noch erhöht wird. An dem Eigensinn uitb der Zwietracht der deutschen Stämmeinb viele große Schöpfungen der deutschen Geschichte wieder zugrunde gegangen. Reuerdings bieten die Volksvertretungen, die Parlamente, ein betrübliches Bild deutscher Querköpfigkeit und Eigenbrötelei. 3n ihnen werden mehr Tadel ausgesprochen und Ausstellungen gemacht, als eigentlich schöpferische Arbeit geletstet. Tirpitz hat einmal gesagt:Die Deutschen haben die Reigung, Kritik höher zu bewerten als Schöpfung und das Geleistete'- selbstverständlich, das noch Fehlende als Unterlassung zu betrachten." Solches Verhalten bewirkt, daß ein einheitliches Vor­gehen, das einem Ausbau Rechnung trägt, nur unter den allergrößten Schwierigkeiten erreicht werden kann.

Aus dem bisher Gesagten könnte gefolgert werden, daß der deutsche Sondergeist kraft feiner persönlichen und ihm eigentümlichen Neigungen eine übergeordnete Macht überhaupt nicht er­trägt und anerkennt. Dem ist aber nicht so. Wir kennen neben dem unbegrenzten Freiheits­streben des Deutschen zugleich eine willige, manch­mal sogar blinde Unterordnung unter eine höhere QUadM, ein Verhalten, das dem Ausländer fast immer unverständlich bleibt. Diese Untertoerfung hat aber eine notwendige Voraussetzung: der Deutsche läßt sich einen Zwang von oben her nur dann gefallen, wenn er ihn freiwillig bejaht und anerkennt: (dann aber ist er auch in seiner T re u e zu ber übergeordneten Gewalt nicht wankend zu machen, wodurch er beim Ausländ er häufig den Eindruck einer sklavischen Untertoü^figfeit erweckt. Ein er­zwungener Gehoi-sam wird schlechterdings abge­lehnt. Es handelt sich hier um eine echt deutsche Erscheinung, die man als Gruppensonder- tum (Gruppen - Individualismus) bevichnen könnte und die ihren Ausdruck im deutschen Vereins- und Derbindungs-, int Partei-, Kasten- und Klassen-, im Zunft- und S ttenwesen ge­funden hat. Einer frtbstgewählten, übergeorbnaen

freiheit in Italien. Wenn man bedenkt, wie empfindlich gewisse andere Staatsmänner sind, muß es doppelt auffallen, daß Mussolini noch keinen einzigen Deleidigungsprozeß einleitete. Was sich die Presse an Beschimpfung der augen­blicklichen Etaatsform, die immerhin noch die faszistische ist. an Bezichtigungen des Minister­präsidenten leisten darf, das wäre in keiner Demokratie möglich. Aber sagen wir. um vor­sichtig zu sein' leisten durfte, Denn es hat den Anschein, als sei der Zensor entschlossen, jetzt mit eigener Hand das Beil aus dem Rutenbündel zu ziehen. Die gestern abend, nachdem Mussolini bereits um sieben Ußr morgens in den Pa­lazzo Chigi gerast kam und wider Erwarten plötzlich einen Ministerrat zur Besprechung der Lage einberufen hatte, der den ganzen Tag über beratschlagte, endlich herausgekommene Er­klärung der Regierung, sie werde mit allen Mitteln die moralischen und materiellen Inter­essen des Landes verteidigen, läßt alle erdenk­lichen Auslegungen zu. Was nützen behördliche Maßnahmen, wenn die Lawine einmal im Gange ist?

Ratürlich ist wieder einmal Ruhe des Bür­gers erste Pflicht. Unb wenn man das Kunststück fertigbringen und mitten in diesem sturmdurch- wühlten Meer ruhig überlegen kann, so ergibt sich in der Tat, baß der Plan ber Regierung, wie sie ihn vermutlich in vielstünbigem Rate ausklügelte, ein ganz ausgezeichneter ist. Mso vor allem jetzt feine bi e Valuta ge­fährdende Heber ft ür^ung. Am 3. Ia- nuar kommen ja die Vertreter des Volkes zu­sammen. und auch ber Senat wirb tagen. Musso­lini, heute noch unentschlossen, ob er zurück­treten ober bie letzte revolutionäre Karte aus­spielen soll, wirb das neue Wahlgesetz, nötigenfalls auch das neue Pressegesetz vorlegen und, verweigert ihm eine ber betben Kammern bas Vertrauen, baraus nach üblicher parlamentarischer Sitte bie Konsequenzen ziehen. Daraus übernimmt öalanbra im Einver- stänbnis mit dem Monarchen die Regierung und bas Heer. Sollten nun bie extremen Faszisten zu einer Gewaltgebärbe ausholen wollen, so wirb auch Mussolini sich bamit einverstanben erklären, wenn ihnen bie regulären Truppen entgegen­geworfen werben. Was seinen gesetzliebenben Charakter bezeugen unb ihn eines Sitzes im Rate ber neuen Männer toürbig erscheinen lassen würbe. Eine ilnbefonnenbeit ber Rabikalen, das wäre bie Rettung!

Wohl ausgesonnen, Pater Lamormain! Rur wird sich bie Opposition nicht damit zufrieden geben. Sie behauptet, noch ganz andere Knüppel als das Memorial Rossi auf Lager zu haben, falls Mussolini nicht in diesem Kessel­treiben zur Strecke gebracht würde. Sie will hartnäckig wie Salome seinen Kopf, ©einen Kopf! Da gibt es nichts zu feilschen. Er sei als der Anstifter alter Gewalttätigkeiten, als das Haupt der Tscheka selber erkannt, er müsse den anderen folgen, den Dumini, Rossi, Dalbo, Giunta und wie sie alle heißen, bie Italien ge­schändet haben. Die Ehre ber Ration ist mit dem Sturze Mussolinis unzertrennlich verknüpft. Sagt die Opposition.

Wir werden ja nun sehen. Das Iahr be­ginnt stürmisch, wie das alte endete. Es steht Drohung gegen Drohung. Eine parla­mentarische Lösung ber Krisis unter Mussolini kann als ausgeschlossen gelten. Man spricht be­reits von Flucht. Die ..Giustizia" will wissen, der gewesene Vizepräsident ber Kammer Gi° u n t a . der nämlichen Delikte angeflagt wie nun Mussolini, habe den Weg übers Wasser bereits gefunden, zunächst nach Aegypten. Son­derbarerweise mit einem Gepäck umfangreicher als dasjenige Rapoleons nach Sedan. Es be­stand aus nicht weniger denn fünf Eisenbahn­wagen und einer eleganten Signora. Immer noch eine Heiterkeit in Den Zügen, gehen diese Kinder des Südens in Die schwersten politischen Kämpfe.

Aber das darf über den Ernst der Lage nicht hinwegtäuschen. Es kommt Schlag auf

und Anschaffungen notwendig waren. Aus dem gelobten Lande, wo der Guardian des Franzis­kanerklosters auf dem Berge Sion Mrsten unb Adlige zu Rittern des hl. Grabes schlagen konnte, brachten die Pilger mancherlei Andenken, wie I o r d a n w a s s er, mit und erbauten vielfach Kapellen, die Der Grabes! irche nachgebildet waren. Eine solche wurde 1493 in Gelnhausen errichtet unb im vorigen Iah'.hundert nach dem Friedhof in Homburg v. d. Höhe überführt. Manche hielten die Erinnerung an eine solche Ierusalemfahrt durch Anbringen entsprechender Beizeichen in ihrem Siegel fest, wie die Land­grafen Ludwig I. und Wilhelm d. Ae., Christian von Hanstcin (1514*. Heinz v. Lüder imb der Gudensberger Schultheiß Wolf Diede. Von den hessischen Landgrafen besuchten das hl. Grab Ludwig I. (1429» und Wilhelm b. Ae. (1486 und 1491). Wiederholt zogen Angehörige W katzenelnbogischen, hanauischcn und waldeckischen Grafenhauses f-toie bes heNi- schen Adels ins hl. Land, auch noch zu Ende des Reformationsjahrhunderts. Roch 1618 19 wollte Landgraf Ludwig V. von Hessen-Darm­stadt nach Ierusalem reisen, kehrte aber auf der Insel Malta um.

Wie heute noch um die Wcihnachts- unb Osterzell strömten im Mittelalter Tausenbe unb Abertausende nach den Gräbern ber Apostel in Rom, besonders in den Iubilämns- jähren. Landgraf Ludwig L weilte dort 1450. Wilhelm d. Äc. auf der Rückkehr von seiner zweiten Ierusalemfahrt. Bei dieser Gelegenheit verlieh ihm Innocenz XIII. ein kostbares Schwert und Barett. Unter den Mitgliedern der Herllg- geistbrüderschaft begegnen uns viele Hessen. Mancher hessische Romsahrer liegt auf Dem Campo Santo begraben.

Gleichwertig mit einer Ierusalem- und Rom- fahrt war eine Fahrt nach Santiago de Compostella in Spanien, zum Grabe des V)L Iakob. In Frankreich war S t. M i ch a e 1 an Der Küste der Normandie das Ziel der Kinder- wallfahrten um die Mitte des 15. Iahrhunderts. In der Bretagne wurde St. Iosse für mer, der Ausgangspunkt der Verehrung des hl. Io- docus oder Iost, des Patrons der Siechen, gern besucht. Landgraf Ludwig I. erscheint dort, als er in bas Land feiner Väter gezogen war, um seine Ansprüche auf das B abanter Erbe geltend zu machen. Auf Der Rückkehr besuchte er bie Heiligtümer in Aachen. Die Aachenfahrt wurde in ber zweiten Hälfte bes 15. Iahrhunderts re­gelmäßig alle 7 Iahre un Iuli besonders fest­

lich begangen. Landgrcll Wilhelm d. I. unb sein Hofmeister Hans v. Dörnberg, bie Ha­nauer unb Katzenelnboger Grafen beg?gnm öfter auf der Fahrt zur Aachener Pfalztapelle.

Rächst Aachen wurde W i l s n a d in ber Mark Brandenburg zu einem vielbesuchten Wall­fahrtsort wegen der dort aufgcfunb:nen blu;igen Hostien. In der neueren Zeit bat QBallbür en ihm den Rang abgelaufen. Die Wallfahrt nach Dem heiligen Blut ist für Mitteldeutschland von größerer Bedeutung als bie Drei Könige in .Köln, ber heilige Rock in Trier und Mariä Einsiedeln in ber Schweiz.

Von größter Anziehungstraft war das wun­dertätige Vlarienbild in Grimmenthal bei Mei­ningen, in dessen '2täße auch die Wallfahrt zum heiligen Wolfgang lag. Heber die Grim- menthaler Wallfahrt hat sich ein Wunderbuch erhalten, das Die Iahre 15141524 umfaßt und die zu Protokoll gegebenen Erklärungen über Gebetserhörtingen und Heilungen cn t. Unter den Einträgen befinden sich auch viele über hes­sische Waller. Da die Rechnungen der 1498 ent­standenen Wallfahrtskirche noch vorhandeck sind, ergibt sich aus diesen einzigartigen Quellen ein anschauliches Bild über den Wallfahrtsbetrieb, die Veranlassung zu dem Gelöbnis ber Wall­fahrt. die Art des bargebrachten Opfers unb die Summen des eingegangenen Opfergelbes. Die Ein­nahmen bes Stocks, die 1520 noch über 931 fl. betrugen, sanken 1524 auf 82 fl. Ader bas Volk ließ sich trotz ber siegreichen Reformation von seinem Wunberglauben nicht abbringen. Selbst als das Marienbild unb ber Opferstock beseitigt togren. schob ber Wallfahrer seinen Opsergroschen durch den Türspalt in den leeren Raum. Die von der Grimmenthaler Madomm unb anderen Bil­dern (wie in Steinheim) behauptete Einrichtung, daß sie Tränen vergießen konnten, ist ein Märchen.

In Hessen war Marburg mit dem Grabe der hl. E l i fa bekh wohl der bebeutendste Wallfahrtsplay. In ber Rähe. am Schrocker Brunnen, in Kleinheiligkreuz bei Fulda, in Mainz und anderwärts würbe das hl. Kreuz ausgesucht. Ein altes Heiligtum des Drachen­töters Georg ist die Kirche auf dem Totenkippel bei Meiches im Vogelsberg. Dem hl. Rikolaus als Patron der Wanderer unb Reisenden waren oft Kapellen an Straßen unb auf Drücken (neben dem hl. Johannes Nepomuk) errichtet. Der N i - kolaus*berg bei Göttingen war das Wallfahrtsziel Landgraf Ludwigs I. 1431.

Weitaus die volkstümlichste Rothelferin war die Gottesmutter Maria, älnferc Liebe

Frau. Ihr zu Ehren sanden Wallfahrten statt nach Frankenberg, Alsfeld, Wehrehaasen, 6tauf» bach, Haindorf bei Schmalkalden. Schotten, Stern- bach bei Wickstadt, Hirzenhain, Dieburg. Arheib gen, Schöllenbach. Gernsheim (Einsiedel) unb in Der Provinz Rheinh.ssen an mehreren Orten.

Rächst Dem Marienkultus nahm Die Ver­ehrung Der h I. Anna im Ausgang Des Mittel­alters einen bemerkenswerten Aufschwung. Der sich in Der Stiftung zahlreicher Anna-Altäre und -BruDerschasten äußert. Wallfahrtsstätten wäre» in Hauptschwende bei Oberaula, Gmünden an ber Wohra und Brackenborn bei Fronhauscn.

Der hl. Rochus, der Patron Der Pest­kranken. wird heute noch bei Dingen verehrt: Valentin, her Patron der Fallsüchtigen, in Main*, Ki dr ch und K einbieberau. Augcnl Cent« wallten zur Ottilienkapelle im Kausunger» Walde bei Helsa: wer Zahnschmerzen hatte, be­suchte die Kapelle auf Dem Kalbs köpf bei Sprend­lingen, von der Erasmus Alber singt:

Wer Da Das Glöcklein mit dem Maul Wohl ziehen kundt. und war nicht faul, Der hielt's dafür, daß ihm ber Zahn, So ihm zuvor hat wehgethan.

Sollt' heilen ....

Von den Deschützern bes Viehs tourbe Antonius, ber Abt in Dilschhausen ber Marburg, verehrt, während Leonhard in Bayern heimisch war. Dem hl. Wendelin sind häufig Feldkapellen geweiht. Wie bei Grimmenthal unb Marburg, so sind wir auch über bie Wallfahrer nach Seligenstabt, ber Stätte ber Heiligen Mar­zellin unb Peter, gut unterrichtet. Seit der ileberfübrung ihrer Reliquien von Rom nach Steinbach im Odenwald (827) und von dort nach Obermühlheim (dem ursprünglichen Namen von Seligenstabt) kam diese Wallfahrt in Mobc.

Im nörblichsten Hessen ist Die Wallfahrt nach Gottsbüren im Reinhardswalb seit Dem 14. Iahrhunbert in Ausnahme gekommen: Das Wilsnack Hessens.

Die Reformation beseitigte bie Wall­fahrten in Hessen, soweit es nicht mainzisch war. Aber heimliche Wallfahrten dauerten noch lange an. Der Glaube des Volkes an geheimnis­volle Kräfte ist unerschütterlich. Daran ändert auch nichts die Wahrheit des Sprichwortes:

..Wallfahrt bringt fein Wohlfahrt.

Wer oft wallfahrten tut, wird feiten gut."