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4.12.1925
 
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Nr. 248 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oderheffen) Freitag. 4. Dezember 1925

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Das heutige Syrien.

| Von Dr. Artasches A b e g h i a n.

Syrien, das durch die letzten politischen Greta» Nisse in den Vrennnpunkt des Interesses gerückt ist, war schon seit dem Altertum ein heiß umstrittenes Wunschziel aller Nationen. In diesem Kustenlande des östlichen Mittelmeeres, das heute bei einem ; Flächeninhalt van etwa 170 OOO Quadratkilometer rund 3 Millionen Einwohner zählt, blühte im Alter- tum die hohe Kultur der Phönizier und Aro­ma e r un öderen späteren Nachkommen, die in der v Geschichte unter dem Namen Syrier bekannt sind.

Aber die geographische Lage Syriens als eines Durchgangslandes bestimmte auch seine spä­tere Schicksalsaeschichte: im Laufe der Jahrhunderte war es der Zankapfel der Großmächte in ihrem Kampfe um die Machtstellung im vyrderen Asien. Zur Vorkriegszeit bildete Syrien mit Palästina und Transjordanien die türkische Provinz Suria oder Sonsten. Bei Kriegsschluß war es von den britischen Truppen besetzt. Auf dieses Landesgebiet erhoben jedoch die Franzosen ihrehistorischen Rechte". Die Engländer weigerten sich lange, es zu räumen; sic verständigten sich letzten Endes mit ihren Rivalen nur unter der Bedingung, daß Transjordcmien und Palästina ihnen, den Englän­dern, gehörens daß weiter Frankreich auch auf seine Rechte jn Nordmesopotamien verzichten sollte. Das 1 geschah auch in der Tat, uttd der französische Gene­ral Gourand war bald darauf, Ende 1919, der Herr und der Beherrscher Syriens. Die Engländer haben sich seitdem dennoch nicht mit der entstan­denen Sachlage versöhnen können, auch an den letz- I len syrischen Ereignissen sind sie zweifelsohne nicht unbeteiligt.

Gemäß der Bölkerbundsiatzimg gehört Syrien zu den Mandatstaaten. In der genannten Sat­zung wird zwar ausdrücklich gesagt, daßbei der Wahl des Mandatars in erster Linie die Wünsche dieser Gemeinwesen zu berücksichtigen sind", aber bekanntlich wurden weder die Bevölkerung Syriens, noch die eines anderen Mandatgebietes nach ihren Wünschen gefragt. Noch mehr: unter dem neuen Namen eines Mandatstaates behandeln die imperia­listischen Machte diese Länder wie ihre übrigen Kolonien. Daher stammt auch die ewige Un­zufriedenheit dergeschützten" Völker gegen ihre i Mandatare. Der gegenwärtige Aufstand der Syrier ist um so mehr berechtigt, als sie eines der sorl- geschritlensten Völker des arabischen Orients sind, also reif genug, um sich selbst regieren zu können, und weil sic nicht nur politisch unterdrückt, wirt schafllich gehemmt, sondern auch weil ihr nationaler Organismus künstlich zerspaltet wird.

2lbgesehen davon, daß Palästina und Trcmsjor banicn, die wirtschaftlich und ethnographisch eng mit Syrien Zusammenhängen, politisch aber von ihm getrennt sind, haben die Franzosen auch das eigent­liche Syrien in einigeStaaten" geteilt, und somit die bestehenden inneren Gegensätze noch mehr ver- | schärst und weitere neue verursacht. Man zählt in 1 Syrien folgende Staaten: Großlibanon, Damaskus, Aleppo. Hauran. Lattikije und Amanus. Im Jahre 1922 bildete die französische Kolonialmacht aus den genanntenStaaten", die also nichts anderes sind 1 als gewöhnliche Regierungsbezirke, eineKon­föderation". Daran sind jedoch nur beteiligt: Damaskus, 'Aleppo unb Lattikijs, das Gebiet der Alawiten. nördlich vom Libanon. Jeder dieser Staa­ten hat seine eigene Verwaltung unb seinParia - ment", alle zusammen haben aber in Aleppo einen Bundesrat und eine Zentralregierung. In der Tat ist überall das Wort des französischen Oberkommis- iars und der Gouverneure maßgebend. Hauran und Amanus sind zwar dem Namen nach autonome Gebiete, sic unterstehen jedoch gänzlich ihren fran­zösischen Gouverneuren.

Die Stellung Libanons unter den syrischen Staaten ist eine besondere. Sie beruht aus seiner | Vergangenheit unb seinen inneren Verhältnissen. Die Beoölkcruna Libanons besteht hauptsächlich aus maronitischen Christen, während die übrigen syri­schen Staaten mohammedanisch sind. Die Bewohner j Haurans, die Drusen, haben ihre eigene Religion. Der Libanon genießt auch schon seit den 6Oer Jah­ren des vorigen Jahrhunderts eine sclbstverwal- 1 tung und ist kulturell und wirtschaftlich der ent- 1 wickeltste unter den syrischen Staaten. 1920 wurden seine Grenzen erweitert unb damit entstand der heutige Staat Großlibanon mit dem Zentrum B e V- rut, einer der bekanntesten Hafen- unb K"ltur- 1 städte am östlichen Miitelmeer. Aber auch in Groß i libanon befinbet sich die Macht tatsächlich in der 1 Hand des Oberkommissars. Nicht einmal hier, wo i die Bevölkerung doch franzosensreundlich genannt

In denKlöpflesnächlen".

(Bräuche der Adventszeit.)

Die AdventSzeit hat begonnen, jene erwar­tungsvolle, wunderselige Zeit des Jahres, in der die Herzen sich für das Weihnachtsfest vor­bereiten. Das Kirchenjahr nimmt mit dem ersten Adventssonntag seinen Anfang, und durch diese Verlegung des Jahresbeginnes sind von alters- her gar mancherlei Reujahrsbräuche auf die Adventszeit übergegangen. Lieberhaupt sind es Wochen, in denen geheimnisvolle Dämonen ihr Wesen treiben, der wilde Jäger im nächtlichen j Sturm mit den rasenden Wolken über Wald l und Feld dahinfährt und schon die alten Ger- n anen auf allerlei Abwehr- und Segenszauber sannen. Zum Beginn der Zeit, am AndreaStag, dem 30. Rovernber, oder am Barbaratage, dem. 4. Dezember, erforscht man die Zukunft durch I allerlei Liebesorakel, wie Zaunschütteln, Schuh­werfen, Bettstellentreten usw. An diesen Tagen werden auch Baumzweige, vor allem Kirsch- i zweige, ins Wasser gesetzt, und wenn sie dann zur Weihnachtszeit in Blüte stehen, so bringt das 1 Glück in der Liebe. 3n diesen blühenden Zwei­gen der Adventszeit finden wir die ersten Dor- boten des Lichterbaums, der das Wechnachtsfest beherrscht. Bor allem aber sind in der Advents­zeit Tlmzüge der Kinder und Bettelgänge ver­schiedener Art üblich. Ein^ Trupp geht von Haus zu Haus, heischt allerlei Gaben, und dabei i wird auch mit einer Rute oder einem Hammer an die Türen geklopft. Dieses Klopfen, das nicht selten von dem Werfen von Erbsen, Boh- | neu, Linsen u. dgl. an Türen und Fensterläden begleitet ist. haben diese dunklen Abende, in denen die Umzüge hauptsächlich stattfinden, den, DamenKnöpf linsnächte",Klöpflesnächte" auch Klopfaratäg", erhalten. Dieses geheimnisvolle Pochen an Türen und Toren, das die Aufmerk­samkeit erregen und die bösen Geister vertreiben soll wird sogleich auch sinnbildlich auf die An­kunft des Herrn gedeutet, der in unteren Herzen

werden kann, ist ev den Franzosen gelungen, die vollen Sympathien zu gewinnen.

Ethnographisch betrachtet, sind die heutigen Sy­rier ein Mischvolk. Den Kern der Bevölkerung bilden die Nachkommen der Urbewohner des Landes, also der alten Syrier. Sie sind aber fast gänzlich arabi- siert und haben auch die arabische Sprache ange­nommen. Nur noch in wenigen Gebirgsorten wird ein Dialekt des Aramäischen gesprochen. Es sind aber noch viele andere Völkerschaften vertreten: Griechen, Armenier, Kurden, Perser, Juden, Tür­ken, Tscherkessen, Europäer u. a. In den letzten Jah­ren sind namentlich sehr viele, etwa 120 000 Arme­nier, nach Syrien eingewandert.

Die Bevölkerung Syriens wird jedoch nicht durch nationale und sprachliche, sondern fast ausschließlich durch religiöse Merkmale gekennzeichnet. Es gibt in Syrien keine Nationalitäten, sondern nur Glaubensgemeinschaften. Auch die Wahlen finden nach diesem Merkmale statt: Anhänger verschiedener Religionen und Konfessionen, wenn sie auch eine Sprache sprechen und einer und derselben Nationali­tät angeboren, wählen in besonderen Kurien. Daß dieProtektoren" der Syrier- diesen Zustand sest- hnlicn unb ihn noch mehr verschärfen, ist allzu leicht begreiflich.

Zwei Drittel der syrischen Bevölkerung sind Mo­hammedaner unb ein Drittel Christen. Seit 635, als Syrien von dem Kalifen erobert wurde, begann auch seine allmähliche Arabisierung unb Islamisie­rung. Schon zu jener Zeit unb fast ein Iahrhunbert lang war bie syrische Stadt Damaskus der Sitz der Kalifen und das Zentrum der islamifchen Welt. Dieser innere Prozeß dauerte auch zur Zeit der Türkenherrschaft weiter, nämlich vier Jahrhunderte (15171918). Die Mohammedaner sind meistens Sunniten, es gibt aber auch viele Schiiten unb an­dere kleinere Sekten.

Auch bie Drusen sink) eine Art schiitische Sek­tierer. Ihre Religion ist eine Mischung verschiebener Bekenntnisse. Ihr Begründer war der Perser Mo­hammed Iben Isamael D a r a s i,, moljer auch die Bezeichnung Drusen stammt. Dorasi war ein Zeit­genosse des fntimitischcn Kalifen Hakim (9961020), der in Aegypten herrschte. Die Grundlage seiner Lehre war die Einheit Gottes, weshalb auch feine Anhänger sich nicht Drusen, sondern Muwahhedin, b. h. Bekenner der Einheit (Gottes) nennen. Sie glauben auch an die Seelen Wanderung unb die Ver­körperung Gottes in verschiedenen Zeiten. Zum letzten Male, nach der Lehre, Darasis. sand diese Verkörperung in dem Kalifen Hakim statt. Im übri­gen verwerfen die Drusen die meiiten mohamme­danischen Gebräuche unb Sitten. Sie werden in zwei Kasten geteilt, die der Akkals, d. h. der Ein­geweihten, und bie der Dschehhals, d. h. ber Um geweihten. Eigentlich haben nur die ersteren eine Religion und besuchen Gotteshäuser, die übrigen aber, die überwiegende Mehrzahl, sind religiös Höchs- indifferent. Die Drusen sind ein unruhiges und räuberisches Volk. Ihre jetzige Heimat, das Haurangebiet, befindet sich jenseits des Ior- danflufses, 'südlich von Damaskus, unb grenzt an Transjordanien. Es heißt a-lch Dschebel-Drus, b. h. bas Drusengebirge.

Der Name der Drusen wird oft mit dem Namen ber Maroniten, der Stammbevölkerung des Libanon, genannt. Früher lebten nämlich alle Dru­sen in Libanon, zusammen mit den Maroniten, die ihre Staminesgenossen sind. Auf religiösem Boden bestand jedoch eine bittere Feindschaft zwischen diesen beiden Gemeinschaften eines unb desselben Volks­tums. Aufgehetzt durch die türkischen Behörden, pflegten die fanatischen Drusen oft die friedlichen Maroniten zu massakrieren. Nach einem solchen Falle im Jahre 1860 mischten sich die Europäer in die syrischen Angelegenheiten ein, und die Mehrzahl der Drusen war nun gezwungen, aus Libanon nach dem Hauran auszuwa'ndern. Zu jener Zeit bekamen auch die Maroniten, deren Zahl etwa 250 000 ist, ihre Selbstverwaltung unter der Kontrolle ber Franzosen. Die heutigen Maroniten sinb uniierte Katholiken, haben jeboch eine Art kirchlicher Selbst­verwaltung, ein eigenes Patriarchat. Sie sind die fortgeschrittensten Syrier, haben ihre Schulen, ihre Presse unb Druckereien unb anbere Kulturanstalten. Ihre Kirchensprack)e ist bas Altsyrische.

In Syrien gibt es außer den Maroniten noch zahlreiche andere uniierte orientalische Christen: uniierte Orthodoxe oder Melchiten, uniierte Arme­nier u.a. Die liniierten Orientalen bewahren einige Züge ihrer alten Bekenntnisse: sie haben ihr eigenes Patriarchat, ihren Ritus, auch darf ihre niedere Geistlichkeit heiraten usw. Es gibt in Syrien außer­dem eigentliche Römisch-Katholische ober Salinen. Größer ist die Zahl der Griechisch-Orthodoxen. Das wnrotMCMro'Me< 111 ........1 w »nrai

antlopft. Diese Umläufe, die häufig in phan­tastischen Verkleidungen und mit wildem Lärm ausgeführt werden, sind die bezeichnendsten Merk­male des Volksbrauches vor Weihnachten: sie gipfeln in dem Umgang des Christkindes und des Knechtes Ruprecht, die mit mannigfaltigem, buntgestaltetem Gefolge die Häuser besuchen, die Kinder belohnen und strafen. Aber nicht nur an die Kleinen wenden sich diese Umzüge, sondern auch die Großen müssen an den tollen Spuk glauben. 3n erster Linie find es die drei Don­nerstage vor Weihnachten, die heiligen Tage des altger.nanischen Donar, die für solche Um­gänge ausgesucht werden.

3n Tirol fährt an denAnklövfldonners- tagen" derAnllöpfleesel" herum. Das ist ein mit einem Kopf versehenes Gerüst, das die Form eines Esels hat und mit einem Sattel bedeckt ist. Es wird von zwei Burschen auf den Schul­tern getragen, darauf sitzt ein lustiger Kerl, der allerlei Spaß macht, und ein langes Gefolge von Vagabunden, Heren, Zigeunern usw. zieht hinter­her und treibt in den Bauernstuben Unfug. 3n Ostpreußen gingen früher in dieser Zeit die Burschen mit demBrummtopf" von Haus zu Haus. Mancherorts wird auch ein Bursche als Vär verkleidet, kriecht, mit Stroh umwickelt, auf allen Vieren herum und beißt die Mädchen. Andere Maskierte schlagen mit Ruten an die Fenster und prügeln die jungen Leute. 3m Salzburgischen wird in der Adventszeit ein Ma­donnenbild in die Gehöfte getragen, um Segen und Fruchtbarkeit mitzubringen. Meist ist es jedoch weniger die Herbeirufung des Guten, als die Abwehr des Bösen. Es sind die altgermani- schen Winterdämonen, die man durch möglichst viel Lärm verscheuchen will. 3n Süddeutschland wird der Spektakel mit allen möglichen Dingen, selbst mit Ofenröhren, Bratpfannen. Kochlöffeln usw. vollsührt. 3n Südtirol machen die jungen Leute beimKlöpfeln" ein wüstes Konzert mit Zithern, ©eigen. Kuhhörnern usw. Zwei Män­ner. gairz in Stroh gehüllt, kämpfen mitein­ander. wobei wohl noch der altgermanische Streit

Patriarchat von Antiochien genießt von altersher einen Ruhm unter den orientalischen Christen. Die Protestanten sind zwar in ber Minberzahl, haben aber einen weitgehenben geistigen Einfluß in Sy rien unb im ganzen Orient. Beirut ist ihr unb des ganzen Lanbes Zentrum. Beachtenswert ist be- fonbers bie Tätigkeit ber amerikanischen Missionare, bie bort schon seit Jahrzehnten ausgeübt wirb. Zahl­reiche Schulen, Krankenhäuser, Wohltätigkeits- unb Kulturanstalten in Snricn verdanken ihre Existenz der protestantischen Mission. Ganz hervorragenb ist namentlich bie Bebci' ; ber von den amerikani­schen Missionaren begründeten Hochschule in Bei­rut, die einige Fakultäten hat, unter denen besonders die medizinische eine große Rolle spielt. Eine ähn­liche Schulanstalt haben dort die Jesuiten gegründet.

Im allgemeinen ist Syrien ein fortgeschrittenes Land. Groß ist die Zahl der syrischen Intellektuellen: Aerzle, Journalisten, Lehrer, Juristen u. a. In allen größeren Städten und namentlich in Beirut er­scheinen atabijdx Zeitungen und Zeitschriften. Auch außerhalb ihres Landes und besonders in Aegypten find zahlreiche syrische Intellektuelle eifrig tätig. Die einflußreichsten Zeitungen in Aegypten sind von Syriern begründet. Auch wirtschaftlich stehen diese beiden Länder in engstem Zusammenhang mitein­ander. Der nationale Geist ist in den führenden Syriern iehr wach. Sie sind opferbereit unb ent­schlossen, die völlige Unabhängigkeit ihres Landes zu gewinnen. In ihren nationalen Bestrebungen wer­den sie von den Stammesgenosfen in Amerika materiell und moralisch unterstützt. Eine vernünf­tige Verwaltung, die reelle 'Autonomie und die Einigung syrischer Länder würden viel zur endgül­tigen Beruhigung Syriens beitragen. Vor allem muß die bisherige Kolonialpolitil einer Arbeits­gemeinschaft auf einer neuen Grundlage Platz machen.

Eines Mannes Rede.

Von unserem römischen ^-Korrespondenten.

Oie Unterdrückung der Presse hat sich noch jedes­mal als zweischneidiges Schwert erwiesen. Langsam kehrt sich nun die andere Schneide gegen den Faszis- mus selber.

Ungläubige Stimmen im Ausland begleiteten die Meldungen über das Attentat auf Mussolini. Schnell fertig mit dem Wort waren natürlich jene drolligen Parteigrammophone, die nur eine einzige Platte für ihren anspruchslosen Zuhörer besitzen und für ausreichend halten: Stellt man den Stift auf Italien ein, so erhebt sich ein mißtönendes Ge­kreische und Gezeter, eine einzige Stimme der Ver­dammung unb Verfluchung des verruchten Faszis- mus; breht man bie Scheibe herum, fo erklingen die russischen Aeolsharsen, eine Engelszunge nach der andern preist die Segnungen des russischen Kom­munismus.

Wer Mussolini wirklich kennt, weiß, daß er solche Galeriemätzchen, wie gewisse Leute sie gern bei ihm sehen möchten und ihm daher andichten, nicht nötig Hal. Er weiß, daß sich dieser Mann der Selbst­losigkeit krank fühlt und mit Fatalismus dem Tod in die Augen blickt, komme er nun aus einer Mör- berpiftole "ober als ber große friebliche Vollender an fein Krankenlager. Ahnung der Vergänglichkeit klang durch feine Worte, als er in seiner Rede an­läßlich der vorzeitigen Parlamentseröffnung ausries, der Faszismus fei nun jo stark unb so eng mit ber Nation verwachsen, daß er seinen Weg auch ohne ihn, Mussolini, machen werde.

Und doch, es gibt auch andere Leute, bie zwei­felten unb zweifeln, obwohl sie keine Parteibrille vor den Augen tragen. Man findet sie in allen Kreisen des Auslandes, und ihren Bedenken liegt bewußt ober nicht die unverrückbare Wahrheit bes internationalen Fundamentalsatzes ber Gerechtigkeit zugrunbe: Eines Mannes Rede ist keine Rede! Sie fragen sich mit Recht, ob unb was beim wohl ber Faszismus zu verbergen habe, daß er bie Kritik scheue, baß er jede freie Meinungsäußerung in Ita­lien unterbrücke. Wie bie Dinge heute liegen, bringt doch in der Tat aus Italien nur die Stimme eines Mannes heraus, sie klingt monoton und auf dem Resonanzboden unaufhörlichen Festefeierns nicht recht überzeugend. Am schmerzlichsten empfinden das übrigens die weitblickenden Faszisten unb Faszisten freunbe selber: um so schmerzlicher, wenn sie ber Meinung sinb, der Faszismus dürfe sich wohl in offenem Turnier sehen lassen, er müsse geradezu dem Gegner den Handschuh hinwerfen, um ihn in ehr­lichem Kampfe, vor Zeugen, zu stellen und zu be­siegen. Was geschieht statt dessen? Selbst die faszisti- schen Zeitungen dürfen über die Verschwörung nur solche Nachrichten bringen, die vorher durch das amt- zwischen Sommer und Winter nächklingt. Dann wird dasKlöckellied" gesungen. Daraufhin läßt man die Burschen in die Stube, wo sie den Dirnen beim Tanz das Spinnrad zertreten. Der Bauer läßt dieKlöckler" tüchtig auf seinen Fel­dern herurnspringen, damit er im nächsten 3ahr eine gute Ernte bekommt, und die Hausftau füllt ihnen den Sack mitKlöcklerwürsteln". Auch das hie und da in dieser Zeit übliche Hirten­blasen mag wohl der Derscheuchung böser Mächte dienen. Lieberhaupt muh man sich sehr in Acht nehmen, daß einem die Dämonen nicht schaden. So ist an manchen Tagen das Spinnen und Bähen verboten: in der Adventszeit soll man keine Erbsen und Linsen essen. Man will die armen Seelen, die in diesen schlimmen Rächten im heulenden Wind herumziehen, besänftigen und ihnen Gutes tun. So wurde früher im Erz­gebirge am ersten Adventssonntag ein brennen­des Licht, am zweiten zwei, am dritten örei^am vierten vier in den Hausflur oder in die Fen­ster gestellt. Als eine Art Ovser fügte man den Lichtern Speisen hinzu. Solche Opfer für die heidnischen Elben und die christlichen Seelen­geister sind in denKlöpsesnächten" vielfach üb­lich. und eine Erinnerung daran lebt auch noch in den Speisen, die man den bettelnden und singenden Kindern spendet.

Lustige Künstlergeschichten.

Eine hübsche Blütenlese von Künstler-Anek­doten wird in dem soeben erschienenenAl­manach" des Verlages Bruno Cassirer mit» geteilt. Wir geben daraus einige unbekanntere wieder. Lichtwark erzählte, daß Menzel ihm eii mal bei einem Besuch im Atelier zeichnete. Die Zeichnung fiel vortrefflich aus, und Licht­wark hoffte, Menzel werde ihm das Blatt schen­ken. Als aber der Künstler fertig war, trat seine Schwester hinzu, die ihm den Haushalt führte, sah ihm sachverständig über die Schulter und sagte:Das kommt in Mappe fiebenunddreihig." Ma rees wohnte in Rom als er noch als

liche Sieb gegangen sind. Gewiß, bas verlangt bie Polizei, sie verlangt es, damit ihre Kreise nicht gc stört, bie Moschen des Netzes, das sie den Derfchwo rem stellte und stellt, nicht irgendwo gelockert ober verraten werben. Aber wer glaubt im Auslände an diese Begründung? Jetzt rächt es sich hundertfach, daß ber übereifrige Zensor auch den fremden Korrc # fponbenten in Rom auf die Finger zu sehen müsien glaubte. Jetzt ziehen es viele vor, erbittert zu schwei­gen unb bannt bas Dunkel, das für den uneingc weihten Leser zu erhellen ihre Ausgabe wäre, zu ver tiefen. Aber selbst bann, wenn sie aus ehrlicher Ueberzeugung einmal ausrufen, es sei alles nicht halb so schlimm, wie es braußen scheine, wer glaubt daran? Wenn der Faszismus wirklich die Welt er obern soll, wie Mussolini es für möglich hält, so niemals über die Leiche der Pressefreiheit hinweg.

In eine widerwillige, ja feindselige Atmosphäre klang deshalb das Wort des DiktatorsAn die Welt", gleich wie bas famoseAn alle" ber Mosko roiter in bie Leere bes Raumes fiel. Mussolini wollte es zwar feierlicher machen, nicht mit bem unper jönltdjen, gleichgültigen Funkfpruch: er trat als Erster auf die neuerrichtete Roftra, die Rednertri­büne, die jetzt unmittelbar vor ber Ministerbank in ber schönen Aula auf bem Montecitorio steht unb das Ablesen ber Reden verhindern soll. Aber er stand auch hier auf einseitigem Partcibvben, nicht wie jene Volksredner ber Antike auf dem Forum, dem Mittelpunkt ber Hauptstabt unb bes Reiches, dem Herzen ber aufhorchenden Welt. Es war nie­mand da. ber ihn unterbrechen konnte. Niemand, der zu entgegnen vermochte. Er dachte zum Fenster hinaus zu sprechen, über Alpen unb Meere hinweg, aber es war, als spreche er nur zu sich selber, als Fürsprecher des Faszismus für seine Partei, wo kein Richter zugegen war unb kein Gegenanwalt unb kein Gegenzeuge.

Mit erhobener Stimme:Nun möchte ich zur Welt sprechen. Seit Jahrhunderten erleben wir das Schauspiel, baß sich bie Welt vor einer italienischen Ibee, vor einem italienischen politischen Experiment in zwei Hälften scheidet, in ein Für unb Wider. Von. Tokio bis Neuyork, vom Nordende bis zum Sübenbc, in allen Kontinenten, in allen Ländern diskutiert man für unb gegen den Faszismus. Aber wenn ich auch behaupte, daß es nicht möglich ist, im Auslanb ben Faszismus zu kopieren, weil bie histo­rischen, geographischen, wirtschaftlichen unb mora tischen Bebingungen verschieben sind, so behaupte ich anberfeits, baß im Faszismus lebendige Kräfte stecken, deren universeller Charakter nicht bestritten werden kann. Ucberall in ber Welt erkennt man, daß bas parlamentarische System, bas seine Ge­schichte hat unb während einiger Jahrzehnte tauglich und notwendig war, heute überlebt ist, ben An­forderungen unb Leidenschaften ber modernen Zivi lisation nicht mehr genügt. Allgemein empfindet man, daß es unerläßlich ist, in ber modernen Ge­sellschaft wieder strenge Prinzipien einzuführen, Ordnung, Zucht, Hierarchie, Grundsätze, ohne die untergehen muß in Ruinen und Chaos bie mensch liche Gesellschaft. Grunbsätze, bie nicht nur Italien zum Vorteil gereichen, fonbern allen zivilisierten Ländern. Nun gibt es aber in biesen Ländern In­dividuen unb politische Gruppen, die um bas faszistt fche Italien eine Art moralischen Stachelbrahtzaun z-ehen zu können glauben. Jenseits unserer Grenzen gibt es Leute, die im Parlament unser Regime und dieses prächtige Volk beleidigen zu dürfen glauben' Erst gestern wieder haben mir vier Dummköpfe einen Protest gegen die angebliche sadistische Tyrannei übermittelt. (Die Leiter ber 2. Amsterbamer Inter­nationale. Der Vers.) Nun wohl, mögen es alle er fahren hier unb draußen: Noch niemals ist ein Re­gime unter bem Druck des Auslandes gefallen! Mö­gen sie draußen wißen, baß alle Italiener, wenn sie vom Auslanb bedroht werden, sich zusammenscharen wie ein Mann! (Rauschender Beifall, auch aus den Tribünen.) Zwei Millionen junger Männer würden morgen meinem Befehle folgen. (Zuruf: Das ganze Land:!) Damit will ich keine Drohung aussprechen, ober eine ernste unb stolze Mahnung an die ganze Welt gerichtet haben!"

Hingerissen von bem Glanze besneuen Ge ftirns", von der Größe Italiens, schloß Mussolini: Endlich ist uns, unserer in Krieg und Nachkrieg be­währten "Nation erlaubt, eine ber großen Stunben zu erleben, bie nur sehr selten ben Volkern schlagen. Wir werben diese Stunde nicht nur in Worten er­leben, uns ist vorgezeichnet, Öen großen Taten diesem Jahrhunderts ben Weg zu bahnen, eines Jahrhun­derts, das ich nannte und das fein wird das Jahr­hundert der italienischen Macht!"

Zum ganzen Volke glaubte Mussolini so zu sprechen, zur ganzen Welt, aber von woher kam das

unbekannter Meister um feinen Stil rang, unten am Tiber und hakte fein Atelier oben am Pincio. Jeden Morgen, wenn er hinaufging, begegnete er dem berühmten Bildhauer C. der oben wohnte und unten am Fluh ein Atelier hatte'. Eines Tages lernten sie sich in einer Gesellschaft kennen. C. sagte leutselig:3ch kenne Sie schon: wir treffen uns ja immer, wenn wir ins Atelier gehen."3c, antwortete Ma­rkes,ich ^omme herauf und Sie kommen her­unter." Der Bildhauer Maioll modellierte einst die Düste Renoirs. Die beiden Meister sprachen natürlich über Kun. und schließlich sagte Maioll:Mein höchstes Ziel ist es, eine Frau zwischen 16 und 20 3ahren so modellieren zu können, wie ich es mir vorstelle." Da sagte der 70jährige Renoir:Mein Ziel ist es immer ge­wesen und ist es auch heute, eine weihe Ser­viette malen zu können." Ein Antiquitäten­händler besaß fünf Statuetten, nackte Frauen, die ihm niemand abkaufen wollte. Er denkt sich, daß er sie leichter los werden könne, wenn er für die Figuren einen guten Titel fände, und bezeichnet sie dem nächsten Kunden, der in seinem Laden kommt alsdie fünf Sinne". Diesem ge­fällt aber nur eine der Figuren, so daß vier übrig bleiben. Der nächste Käufer erhält diese alsdie vier 3ahres;eiten" vorgestellt. Wieder wird eine verkauft. Die drei heißen jetztdie drei Grazien", und wieder geht eine weg. Run bleiben nur noch zwei, dieTag und Rächt" ge­tauft werden, und als dann schließlich noch eine übrig ist. schlägt sie der findige Händler als Einsamkeit" los. Sin Münchener Maler sitzt trübsinnig vor seiner Staffelei und führt folgendes Selbstgespräch:A Franzos sollt mer fan! Pervers sollt mer Jan! Tot sollt mer fan! A perverser toter Franzos sollt mer fan! 3n einer Graphikausstellung steht ein junger Mann kopfschüttelnd vor einem Blatt und lagt: Liebespaar auf der Bank, erster Zustand zweiter Zustand dritter Zustand nanu, die tun doch immer dasselbe'."