Ausgabe 
4.11.1925
 
Einzelbild herunterladen

Für den Büchertisch.

Dauthendeys Werke.

Am 29. August waren es sieben Jahre, seit man zu Malang in Dfijaoa die deutsche Flagge über den Sarg Max Dauthendeys breitete. Der Deutscheste und Treueste, auch er starb sür das Vaterland. Der Jammer um sein Volk, für das er nicht kämpfen durfte, und die Sehnsucht nach seinem treugeliebten Weibe hatten ihn nach vier Jahren heroischen Dul­dens zerbrochen. Nun, nach sieben Jahren, kommt er uns, herrlich und unsterblich, wieder in seinen gesammelten Werken. 93er der Fülle seines Lebenswerkes, das der Münchener Verlag A l b. Langen mit dankbarer Freundeshand im schön­sten und feinsten Gewände herausgibt, stehen wir in Staunen und Ehrfurcht. (Dünndruckausgabe in sechs Ganzleinenbänden, Preis 90 Mk.) Alle seine uns längst teuren Werke sind darin: Die Gedichte von seiner Weltreise,Die geflügelte Erde", jene überwältigenden Hymnen auf die Schönheit und Seltsamkeit der Welt, die fast schöner noch sind als die berühmtenGrashalme" von Walt Whitmon; bann alle die Hunderte von zarten und innigen Liebesaedichten Dauthendeys, dieses letzten großen Minneiängers, dazu die ein ungeheuer wichtiges Stück Lebens- und Kulturgeschichte umfassenden Bücher:Der Geist meines Vaters" undGedan­kengut -aus meinen Wanderjahren"! weiter die so überraschend fein in die Seele des Ostens einge- fuhlten NovellenDie acht Gesichter am Biwasee" undLingam" und die kostbarenGeschichten aus den vier Winden", der prachtvoll geschriebene Ro­manRaubmenschen", die buntfarbenenErleb­nisse auf Java" und vor allem das teuerste seiner Bermächtnisie, das große Brief-TagebuchLetzte Reise". Dazu aber sind, gewiß ein hochwillkom­menes Geschenk für alle seine Verehrer, noch eine Reihe bisher unveröffentlichter oder längst vergriffe­ner Werke gekommen. SoUltra-Violett", mit dem der junge Dichter auf den Plan trat und die Menschen zuerst hoch aufhorchen machte, die Vers- dichtungenSchwarze Sonne" undPhallus", die ein so eigenartiges und hohes Gedanken- und Seelen­leben des jugendlichen Dichters offenbaren, sowie seine frühen Dramen und dramatischen Szenen: Sun",Sehnsucht",Kind",Glück" undDas Unabwendbare", die ankündigen, was die berühm­tenSpielereien einer Kaiserin" und die von Witz und Geist funkelnde skandinavische Bohemekomödie Maja" zur Genüge bewiesen, daß wir in Mar Dauthendcy ein großes, dramatisches Talent ver­loren haben, und was für ein Seelenfchilderer! Auch der längst vergriffene frühe RomanIofa Gerth" ist in den Gesammelten Werken enthalten, eine Arbeit, die sich getrost neben FontanesEffi Briest" stellen kann, was Einfühlung in die Mäd- ck)en- und Frauenseele und ruhige Klarheit der Darstellung anbetrifft. Und zudem noch außer den schmerzlichen Kriegsgedichten:Des großen Krieges Not" eine Perlenreihe noch unveröffentlichter, letz­ter Gedichte, wie auch das Werk, das bisher nur in wenigen Exemplaren auf Java gedruckt wurde: Das Lied der Weltfestlichkeit", fein religiös-philo­sophisches Bekenntnis, eine Dichtung, die uns von der hohen Reife und der Erleuchtung feiner leid- verklärten Seele Zeugnis ablegt. Kaum je hat sich ein Dichter so ganz, fo wahr und unmittelbar ge­geben in seinem Schaffen, wie Max Dauthendey. Mir sind zu Hause in seinem innersten Herzen, das eine Glut und Zartheit der Liebe besaß, von der die wenigsten Menschen in ihrem Leben auch nur einen Schimmer erhaschen. Wir bewundern fein ge­niales Schaffen, aber fast mehr noch lieben wir ihn, diesen reinen, großen Mann.Schmerzend schön", sagt er einmal,werden auch die Menschen, wenn sie scheiden." Schmerzend schön ist dieser Freund der Menschheit, Max Dauthendey, gewor­den in der Todeinsamkeit und Bangigkeit von In- sulinde, und wir gedenken bei seiner unendlichen Sehnsucht derachten" Seligpreisung Peter Roseg­gers:Selig sind, die da Heimweh haben. Denn sie sollen nach Hause kommen." Er ist nach Hause ge­kommen, der Wellenfahrer, in doppeltem Sinne. Nun lebt er ewig, auch in seinem geliebten Deutschland. 543

Neue Romane.

Max Halbe: Frau M es eck (Reclams Unwersalbibllothek Nr. 6561). Der tragische Irrtum

einer greifen 5rau, die sich mit einem jugenbträftigen Mann zusammenkettet, ist das Motiv dieser packen­den Dorfgeschichte. Frau Meseck, eine von den lang­samen Naturen, die, selten und kostbar wie alter Wein, mit den Jahren an Kraft und Feingehalt zu­nehmen und sich erst im Alter voll entfalten, wählt als siebzigjährige kinderlose Witwe den jungen In­spektor ihres Gutes zu ihrem Mann, um sich einen Ersatz zu schaffen für das, was ihre Jugend ihr versagte: das eigene Kind. Eine Art tierische An- hänglichkell unb Furcht zugleich bindet den Mann an die Willensstärke, geistig überlegene Frau, bis die Erkenntnis, daß er um sein junges Leden be­trogen sei, ihn in den Tod führt. Die Frau, die in ungebrochener Kraft ein Uebcrmaß an Jahren er­reicht und nicht sterben kann, an der Leiche dieses Mannes, mit dem Schrei aus tiefster Brust um letztes Erbarmen, schließt diese erschütternde mensch­liche Tragödie. 593

Ernst III. Roman von Georg Freiherr von Ompteda. In Ganzleinen gebunden Mk. 8.. (Deut­sche Verlagsanstalt, Stuttgart.) Ompteda, der Ver­treter und Dichter desDeutschen Adels um 1900", tritt nach langer Zeit wieder vor seinen Leserkreis mit einem großen Roman, in dem er sich mit der Vergangenheit auseinandersetzt, frei und unbefan­gen, mit entschleiertem Blick. Wie einst Jonathan Swift den Zerrspiegel der Satire als wirksamstes Mittel erkannte, über die politischen und sozialen Zustande seines Vaterlandes den Mitbürgern die Wahrheit zu sagen, so wählt auch Ompteda den Stil der großen Satire, des Humors, um lachend die Wahrheit zu sagen. Er kann in feinem Ernst III. den Typus des Herrschers treffen, einen liebens­werten, verstehenden König, der durchaus bestrebt ist,Menschen menschlich zu sehen", in all den Ge­fahren zu zeigen, die die Kluft zwischen den Regie­renden und Regierten geschaffen und die Herrscher in Abhängigkeit von ihren Kreaturen gebracht haben. Besonders für die Schilderung dieser Umgebung des Königs ist bei Omptedas unbestechlicher Objek­tivität und Gerechtigkeit der satirische Stil ein künst­lerisches Hilfsmittel ersten Ranges. Seine Liede gehört, wie die seines Königs, dem unverdorbenen, unverführten Volk, dessen wahrer Patriotismus ihm die Anhänglichkeit an die Scholle, die Treue gegen die lleberüefcrung, die Hingabe an die Schönheit der Heimat, bas Pflichtgefühl gegen die einmal über­nommene Arbeit, kurz bie Dankbarkeit gegen alles Gute, bas Gott verliehen hat, bebeutet. 638

Friedrich Frekfa: Der rote Föhn. (Verlag Grethlein & Co., Leipzig.) Eine groß an­gelegte, packende, von Ereignissen und Menschen reich belebte Schilderung aus der schwersten Mün­chener Zeit. Aus dem wirren Geschehen treten deut­sche Menschen hervor, suchen und finden sich selbst, zu ihrem eigentlichen besten Wesen. Besonders die deutsche Fran, die einscheidend in den Gang der Entwicklung eingreift, erfährt hohe Würdigung und glänzende Darstellung. Mit Humor und feinster Sa­tire weih Frekfa den Knoten menschlicher Schicksale zu binden und zu lösen und diese in feiner grad­linigen Art auf dem Hintergründe großer Entschei­dungen durchzuführen. 554

Das Spielzeug Gottes. Zwei Hi­storien über ein Thema von Hans Richter. Ver­lag Ernst Keil's Vachfolger (August Scherl) G.m.b. H., Leipzig. Mit zwei Portraits. Ganz­leinen 6 Mk. Der große Schilderer der In­dustrie hat mit diesem Werk einen neuen Weg beschritten und gibt, unter dem symbolischen Titel zusammengefaßt, zwei zarte und erschüt­ternde Historien:Sigbrit Willums Tochter" und Die Königin von Chpern". die Lebsnstragödien Dyvekes, der Geliebten Christians von Dänemark, und Caterina Cornaros, der Gemahlin Philipps von Cypern. Aeußerlich spinnen sich keine Fäden zwischen den Schicksalen beider Frauen, deren edles, leidvolles Menschentum durch Zeiten und Länder von einander geschieden ist. Aber den inneren Ein! ang ihres Verhängnisses hat Richter mit tiefem psychologischen Verständnis gefunden: ihre Frauentragik, nur schön zu sein. Beiden hat das Leben die Zügel der Macht geboten, aber es versagte ihnen die Kraft, sie zu halten. 532

Didring, Ernst, D i e Weltspinne, Vornan. Leinen 7,50 Mk. (Verlag Georg Wester­mann,' Braunschweig.) Gold und Vadium- strahlen sind die beiden Hauptfaktoren der ge­waltigen Gleichung dieses Buches. Zwei Männer

zwei Lösungen des großen T. Bei dem einen rastloses Such«, nach dem verkörperten Prinzip des Bölen, derWeltspinne", welche mit ihren Fäden unbarmherzig Welt unb Menschen zu drosseln scheint: ein Leben voller seltsamer und nervenpeitschender Ereignisse, voller Sensation und Vervenkitzel, scheinbar das wirkliche Leben, in Wahrheit, trotz alles großen Wollens, nur Abenteuer und Jagd nach Phantomen. Bei dem andern stille, aufopfernde, zähe Arbeit im Dienste der Wissenschaft und der Menschheit ein Schaffen, das in aller Schlichtheit die Welt doch um einen Millimeter weiterbringt. Wie diese beiden Männergestalten gegeneinander ab­gewogen sind, ihre Stellung zur Arbeit, zum Weib, zur Welt, das zeugt von hoher dichteri­scher Kraft. 571

Schweizer Dichtung.

Jeremias Gotthelf hat uns eine An­zahl kürzere Erzählun gen geschenkt, darunter Meisterwerke, die an einheitlicher Anlage und Stimmung die meisten seiner Romane übertreffen. Aus den Schätzen dieser ausgereisten Kleinkunst sind die prachtvollsten Stücke ausgesucht unb nun­mehr in zwei Bänden im Rahmen der im Eugen Renis ch Verlag, München erscheinenden billigen Ausgabe der Hauptwerle Jeremias Gotlhelss erschienen. Sie umfbamten wie die Haupt­werke die Höhen und Tiefen des menschlichen Lebens, die ganze Stufenleiter der menschlichen Gefühle, von der religiösen Andacht und prophe­tischen Ergriffenheit bis zum burlesken ilebermut; gewaltige Vaturschaufpiele und LebenStragödien neben idyllischen Bildern des Kleinlebens, wuch- lige Satire neben spielendem Humor, leiden­schaftliche Anklagen neben behaglicher Erzähler­laune, Großes und Kleines, Furchtbares und Liebliches, Erhabenes und Lächerliches. 611

Jakob Boßhart: Die Entscheidung und andere nachgelassene Erzählungen. (Verlag Grethlein & Eo., Leipzig.) Der Dichter erzählt in seiner anschaulichen, formstrengen Weise von Men­schen. die aus tiefem, unverfälschtem Instinkt ihr Menschentum retten. Neben diese schlichten und lebenskräftigen Naturen stellt Boßhart andere, die taffen und rechnen und darob das Wichtigste, ihre menschliche Verantwortlichkeit, verdrängen oder, in Selvstgerechttgkeit und Ichsucht verstrickt, sich um die großen Entscheidungen des Lebens und damit um das Leben selbst betrügen. 589

Heinrich Federer. Regina Lob. Aus den Papieren eines Arztes. Roman. (Grotesche Sammlung von Werken zeitgenössischer Schrift­steller, Do. 162.) Geheftet 4.50 Mk., Ganzleinen 6.50 Mk.. Halbfranz 10 Ml. Berlin, G. Grote. Der berühmte Meistererzähler, der im vorigen Jahre mit dem Gottfried-Keller-Preis ausge­zeichnet wurde, schenst uns diesmal einen von schwerem Blut und dem Brausen jugendlicher Leidenschaften durchpulsten Roman. Ein schönes, seltsames Weib, leuchtend wie eine dunkelrote Rose und mit scharfen Dornen bewehrt, steht im Mittelpunkt des Geschehens. Der Dichter schildert das Leben und Treiben der Studenten in der Grohstadt-Ilniversität mit der gleichen bewun­dernswerten Kraft und Frische wie das sstlle Innenleben des hochgelegenen Alpendorfes. Dieser Roman, dem auch wieder die anmutige und dabei zuFeich urwüchsige Sprache Federers eignet, wird seines besonderen Motives halber voraussichtlich in noch weitere Kreise bringen als die bisherigen Werke des Dichters und ihm einen neuen großen Freundeskreis gewinnen. 679

Fremde Literaturen.

Die repräsentativen Meisterromane der Welt­literatur in vorbildlichen Ausgaben bereinigt der Leipziger Verlag Paul List in einer Sammlung Epik on". Angestrebt wird das große Epos menschlichen 3ufammenIebenS, in dem die Stim­men der großen Erzähler zueinandercklingen, die Gestalten ihrer schönsten Werke sich zueinander- fügen zu einem vollendeten Bilde der Welt, in der auch wir leben. UnS liegt als einer der ersten Bände der Sammlung Stendhals berühmter RomanRot und Schwarz" in einer ge­lungenen Liebersetzung des Dichters Otto Flake

Klatschregen die Geranien mit ihrem Schirmchen beschützt und selber pudelnaß wird usw. usw.

Aus dieser friedlichen und zahmen Welt in eine toll fröhliche und ausgelassene hinein! Der Ham­burger Dichter Ewald Gerhard Seeliger hat sich daran gemacht, gescheiten und witzigen Buben und Mädels und lachbereiten Eltern ein Prachtbilder­buch zu schreiben und sein Maler: C. Storch, hat es an Witz und Laune in dessen Illustrierung nicht fehlen lassen. »Heinz Wolframs Weih­nachtsgeschenke" heißt dieser übermütige Wurf.

Jrn altbekannten Ton und Stil vom vielbelieb­tenBall der Tiere", aber mit ausgezeichneter Kunst der Tierdarsteller hat der Maler Eugen- wald, München, eine überaus reizvolle blendend hu­moristischeSchule der Tiere" geschaffen. Mit gespanntester Aufmerksamkeit wird das Kind die Vorgänge dieses Buches einen ganzen zoolo­gischen Garten voll lustiger Handlung verfolgen.

Bildreich und malerisch und durch die sehr guten Begleitgedichte von Albert Sergei unterstützt er­scheint mir das TierbilderbuchUnsere Haus­tiere" von Adolf Hoste. Ausdrücklich wünschen sich doch viele Kinderetwas von Tieren".

Als viel von lieben Kindern besuchte Paten­tante sehe ich das handfeste Leporellobuch ,L e b e n und Verkehr" von Josef Danilowatz mit Ver­sen von Richard Klement mit recht freundlichen Augen an. Kinder finden es gewiß entzückend, ein­mal alles, was auf Rädern rollt, auf Schienen und auf dem Wasser fährt, in Lüften knattert, was pfeift und hupt und puff puff macht, in so natür­licher, packender Weise dargestellt zu sehen als Bil­derbuch, das man wie eine Wand ausziehen und um sich herum stellen kann, so daß man sich als kleiner tapferer Mann oder furchtloses Mädel mit- det, zwischen Autos und Dahnen, Kutschen und ten drin im brausenden, knatternden Verkehr befin- bet zwischen Autos unb Bahnen, Kutschen und Karren, Schiffen und Flugzeugen. Das Gegenstück dazu:EinSpaziergangdurchdieGroß- stad t". Von Robert Fuchs und Richard Klement. Was da alles gesehen und erlebt wird, indem man ruhig auf der Erde sitzt und fein Bilderbuch be­schaut!

Ein schönes Buch im alten Sinne des Ämter» und Hausbuches und illustrativ im alten feinen stillen Geschmack von Paul Mohn unb Woltemar

Dinge, Greifbares und Sichtbares aus der nächsten Umwelt der kleinen Menschen. Kommt dann Hand­lung, so sei sie recht unmittelbar aus dem Leben des lieben kleinen Volks, bas Kinb auf dem Spiel­platz, im Garten, auf der Straße, in der Kinder- ftube, das Kind unter vielen Kindern sei sein Gegenstand. Den scheußlichen grotesken Bilder­bogenhumor, den Humor des frechen Bengelstreiches und verschrobenen Abenteuers, der jetzt zu meinem Entsetzen Mode wird, braucht es da wirklich nicht. Ein Wilhelm Busch kommt so leicht nicht wieder, und seine hohe Kunst, sein unvergleichlicher Buben­streichhumor war ja im Grund auch sehr viel mehr für große Leute unb feine Humoristen, als für kleine Kinder gemeint.

Die Hauptsache ist wohl beim vorbildlichen Bil­derbuch, daß das Bild unb Wort sich zu einem un­teilbaren in Geist und Sinn fest verwachsenen Gan­zen zusamenschließt. Daß die größte Kunst auch das Allereinfachste am besten macht, erweist sich so recht beim Bilderbuche.

Jos. Scholz in Mainz hat mit dem Spürsinn des Herzens eine Künstlerin herausgefunden und mit Beschlag belegt, die wie ein junger weiblicher Ratterfänger die Kinderwelt um sich versammelt und noch sich zieht die lustige, fröhliche, mütter­lich innige Lia Doering. Nicht umsonst wimmelt's in ihrem Berliner Atelier tagaus tagein von Äm­tern, unb nicht umsonst quillt Liebe zu diesen kleinen Geschöpfen in reichen Strömen aus gütigem Herzen. Jede Bewegung, jede drollige Geste dieser kleinen Pummel und Pützel, dieser possierlichen Mädel und netten Jungen, ist richtig. Mit inniger Freude habe ich mich in dieses reiche reizende Schaffen mit meinen kleinen Liedern und Gedichten hinein geordnet. So ist zuerst das allereinfachste Buch, sozusagen das Babyouch, .Klein Kinder- buch" betitelt, entstanden.

Ein Gegenstück ebenso einfach und unzerreißbar, aber in den Bildern doch schon recht vollunge­heuer interessanter" Handlung, betitelt sichF ü r Buben und Mädels".

Die ganze herzgewinnende Possierlichkeit und Lieblichkeit von Lia Doerings Kunst hat sie in dem Buche:Kinder und Blumen" entfaltet; für Kinder, die schon lesen können, oder sehr schön zuhören, wenn vorgelesen wird. Da ist über zwei Ouerseiten weg ein Hochzeitszug, jede Kinderae- stall eine kleine Wonne! Ein Persönchen, das tm

Das Bilderbuch.

Bücher aus dem Verlag von Jos. Scholz in Mainz, besprochen von Frida Schanz.

Born Bilderbuch, nicht vom Kinder- und Jugendbuch mit Bildern, dem sogenannten illu­strierten Kinderbuch, möchte ich reden.

Das Bilderbuch ist das Buch, in dem Kinder lesen", die noch nicht lesen können bis herauf zu denen, die sich eben in den ersten Schulsemestern diese unglaubliche herrliche Kunst errungen haben. Für die erste Art Lesepublikum ist das Bilderbuch, das die Dinge seiner Umwelt in einfacher Darstel­lung enthält, von unmittelbarstem Interesse.

Wie sein Pferdchen, seine Puppe, seinen Ball, so lieb hat das Kind auch sein Bilderbuch. Das Bil- verbuch führt sein Leben deshalb auch nicht in Bücherschränken; es ist ein guter Kamerad des kindlichen Spielzeugs und haust mit im Spielzeug­schrank.

Ein herrlicher Spaß ist es für mich, in den Bil- derbuchfächern der kindlichen Spielzeuaschränke zu kramen. Don weitem macht sich das beste Buch da aus den vielen heraus erkenntlich. Wie die abgeküßte Puppe, das abgeliebtefte Schaf ist es auch etwas leidend", aber von sichtbarem, fühlbarem Leben durchdrungen, von der Liebe des kleinen Besitzers sozusagen durchgeistigt. Diese Lieblingsbücher, diese instinktiv bevorzugten, können den Eltern, Er­ziehern, Malern und Dichtern, zuletzt gewiß auch den Verlegern viel lehren. Mit ferner winzigen Spürnase findet das Kind so sicher wie nur irgend möglich das Beste heraus. Nichtirgend ein" Künst­ler, ein Mensch, derfast gar keine Kinder hat", wie ein Kind neulich von einem Kinderlosen sagte, darf das Buch ersonnen haben. Ein Mutterherz, ein Vatersinn, eine gottbegnadete Menschenseele, die um Kinder Bescheid weiß, muß batet am Werke gewesen sein, nicht an die großen Leute unb ihre Verstandskritik muß dabei gedacht worden sein. Das Kind will lachen, sich freuen, die abgebildeten Gegenstände unb Vorgänge mit Spannung unb Teilnahme wie ein Stück seiner Welt betrachten und erfassen.

Das Bild sei deshalb schlicht und stark in den Linien, sehr kräftig und doch harmonisch in den Farben. Das richtige Äleinkinderbuch braucht eigent­lich gar keine Vorgänge zu bringen, sondern nur

vor. In flejtiblem Ganzleiuenband, auf Dünn­druckpapier gedruckt, bietet das Werk auch ge- schmacklich Wertvolles. 466

Von Gustave Flaubert. dessenMadame Dovarv" wie kein zweiter Roman die literarische Entwicklung des naturalistischen Frankreich be­einflußt hat, gibt der Verlag 3. C. C. Bruns in Minden iWesft.) eine neue Gesamtausgabe seiner Werke heraus, von be: vorliegen:Salamb o", Der Roman des alten Karthagos, undDramen". 2 seinpointierte Lustspiele, die zu Anrecht lange vergessen waren und hier fast neuentdeckl tverben.

488

(Bruno C-assirers (Berlin W 35) hervorragende Gesamtausgabe des Werkes Tolstojs ist um einen weiteren Band bereichert.Kreutzer­sonate" enthält die berübmteftcii Erzählungen des DichterS. Die Ausstattung in rotbraunem Leinen band ist mustergültig. (Preis 7 Mk ) 512

Nicolai Gogol, D i e Vase. Deutsch von Alexander Sliasberg, mit 20 Zeichnungen von W. MaSjutin. Geheftet 3.20 Gm., in Halb­leinen 4.50 Gm., ui Halbleder 10 Gm. (Verlag von Julius Hoffmann, Stuttgart.) Denten wir an dir geläufigsten Vamen der russischen Lite­ratur. etwa an Turgenjew und Dostojewski, so gilt es sich bewußt bleiben, daß sie alle auf eines Schultern stehen, der au8 sentimentaler Romantik herausfand die Größe des spezifisch russischen Realismus: Vilolai Gogol.Dieser Sproß auS kleinem Landadel, dieser Schwärmer und Sinnierer wurde aber keineswegs bewußt der Ausgangspunkt jener gewaltigenLiteratur der Auflehnung". Vur auf dem Weg zu feinem erträumten Idealland ward er der erste An­kläger gegen Korruption, Engherzigkeit und Mnterbrücbmq. Sein echter Humor ist ihm dabei ein wesentlicher Helfer geworden. Werke der Tendenz in die Sphäre reiner Kunst zu erheben. Ganz im Zeichen solcher liebenswürdiger Ironie spielt sich der SpulDie Vase" ab, in der Kowaljow, der Spießer-Kovalier, sich eines schö­nen Morgens gezwungen sicht, feinem abhanden gekommenen Riechorgan zu Fuß und im Om­nibus, mittels Zeitungsanzeige unb auf Polizei­stationen nachzujageii. Was Masjutin, der wesensveiwandte russische Zeichner, zu ter tol­len Geschichte zu sagen hat. können nur die Bilder felbst zeigen, die mit Format, Schrift und Anordnung ein untrennbares Ganzes bilden.

1243)

Kunst und Wissenschaft.

Gugenie Schumann: Erinnerun­gen. (Musikalische Volksbücher des Verlages I. Engelhorns Vachf.. Stuttgart.) Ein halbes Jahrhundert musitalifcher Geschichte zieht an uns vorüber, mit hellen Augen gesehen und warmem Herzen enipfunden. Die einzigartige "Persönlich- teit Clara Schumanns, dieser vollkommenen Künstlerin. Gattin und Mutter, und der von Glück und tiefster Tragik umspielte Kreis der Familie Schumann ersteht vor unseren Augen; darüber hinaus erhält eine lange Reihe von Persönlichkeiten, die die Entwicklung der deut­schen Kunst maßgebend beeinflußt haben, hier durch die scharfe Beobachtung aus vertrautem älmgavg neue Beleuchtung. 545

Carrh Brachvogel, Die Tochter Marie Antoinettes. Ganzleinen 5,60 Mk. (Verlag von Georg Westermann, Braunschweig.) Der Lebenspsad der Enkelin Maria Theresias beginnt unter dem Wetterleuchten der Fran­zösischen Revolution. Während die gewaltsamen Ereignisse alles um das Kind wegraffen, seine Eltern auf das Blutgerüst führen und sein Leben zu entwurzeln drohen, reift unter dem Druck des Schicksals ein Charakter heran, der sich in der geraten Linie seiner inneren Entwicklung nicht durch das wirre Zickzack des äußeren Geschehens beirren läßt. Wie das fürchterliche Hntoettcr am politischen Himmel sich entlädt, wie unter seinem verhallenden Grollen die verschiedensten Kräfte offen und insgeheim, ehrlich oder unter Billigung aller Intrigen und aller Mittel in dem Chaos neue Bindungen herbeizuführen suchen, das alles ist mit hervorragender Erzählungskunst dar- gestellt. 579

Friedrich ist dieGoldene Ernte". Lieber und Ge­dichte für Kinder mit Bildern von Hans Schroedter. Wohl an die Hundert, wertvoll und schön, sinnig und hurnoristifch illustriert, t» recht zur Bildung der jungen Herzen, zur Freude von Mutter und Kind, ein Buch von jener alten lieben Art, wie es die Ellern gern zusammen mit den Kindern beschauen, ein Stück Literatur und Kunst, in dem man kaum einen der alten Lieblinge vergebens suchen wird.

Neuausgaben und Neuausgaben alter Meister­werke der Märchen- und Erzählungsliteratur bringt der Scholzverlag ja von jeher gern, so auch dieses Jahr. Es sind diesmal: das für größere Kinder fo aufregend herrliche Wilhelm Hauffsche Märchen Die Geschichte des kleinen Muck", mit sehr phantasievollen Bildern von Franz Wacik flott erzählt.A l i Baba und die vierzig Raube r". Das bekannte Märchen schildert Adolf Uzarski in Bild und Wort in seltenem Einklang. AIaddin oder die Wunderlampe" von Franz von Bayros. Das ist wirklich hervorragend gut, die meisterhaften Bilder des verstorbenen Wiener Künstlers es war dessen letzte Arbeit zeigen gar anschaulich, wie der Knabe Aladdin mit Hilfe seiner Wunderlampe zu fabelhaften Reich­tümern und hohem Ansehen gelangt. Unter ten Neuheiten der künstlerischen Bilderbücher finde ich: UhlandsSchwäbische Kunde", von Wuni­bald Großmann (einem 19j5hrigen. viel Talent ver­ratenden Künstler) schnurrig und drastisch illustriert. Daumerlings Wanderschaft" von Hermann Stockmann, Dachau, dem sein empfinden­den Künstler gezeichnet, möchte als ein wirkliches Kunstwerk besonders hervorgehoben werden.

Die winzigen LeporellobüchleinZwergen- Mess e", gezeichnet von Carl Storch, dem bekann­ten früheren Mitarbeiter derFliegenden Blätter" undDie kleinen Negerbuben in Afrika", gereimt unb gezeichnet von Abolf Uzarski.

Die niedlichste Neuheit des Verlags schließt sich ihnen an: eine Serie Künfllerbllderbücher kleinsten Formats für kleine Leute so etwas wie ein Baby- bücherschatz, fest wie Eisen, auf dicke Papptäfelchen gedruckt, so daß der stärkste Mann zwischen 2 unb 6 Jahren sie nicht klein kriegen kann. Da gibt es einBacke, backe Kuchen" unb einHampel- mannbüchel" von Lia Döring. 604