Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderhessen)
Nr. 259 Zweiter Blatt
England an der Westfront
Alle neueren Quellen, auch die kürzlich veröffentlichten Ergebnisse des deutschen Untersuchungsausschusses tun dar, daß der 21. Januar 1918, an dem die Entscheidung über den Operationsplan für 1918 fiel, ein Schicksalstag für Deutschland war. Unter Heranziehung der eben in deutscher Sprache erscheinenden, äußerst wichtigen Operalions- bcrichte des englischen Oberkommandanten gebe ich im Nachstehenden eine sachliche Darstellung der Märzschlacht, von der der die innere Lage Deutschlands mitbestimmende Streit über die Ursache des Zusammenbruchs seinen Ausgang genommen hat.
Ein Paradox aus dem Weltkrieae: Die Engländer waren die Führer im Lügenseldzuge gegen die Mittelmächte und zugleich Vorbilder der Aufrichtigkeit gegenüber dem. eigenen Volke. Nicht nur ein Paradox, sondern auch eine aufreizende Ueber- hebung: diese so verschiedene Einschätzung der eigenen und der fremden Moral.
Dieser Widerspruch (und ein wohlverstandenes Eigeninteresse) befähigte die Engländer auch, ciner- seits lauter als die anderen Alliierten die „Kriegsschuld" der Mittelmächte zti verkünden sowie die Auslieferung und Aburteilung der „Kriegsschuldigen" zu fordern, andererseits früher als die übrigen „Sieger — wenn auch noch zögernd und zagend — den Weg der Verständigung mit den Unterlegenen zu suchen. Während das in Superlativen der Gefühle lebende französische Volk an die vermessenen Lügen seiner Führer glauben lernte (und deshalb so schwer zu einer Friedenspolitik zurückfindet), hat sich der Brite durch den Hexensabbats) des Crewe-House hindurch das Unterscheidungsvermögen für Wahrheit und Lüge bewahrt.
Diese spezifisch englische Mentalität erklärt auch, daß die britischen Staatsmänner und Feldherren die ersten und lange genug die einzigen waren, die alle Kriegsbericht« der Feinde unverkürzt im eigenen Lande veröffentlichten, und die englischen Kriegsberichte, soweit das eigene Tun in Betracht kam, Muster der Wahrheitsliebe waren. Die englischen Feldherren haben am wenigsten verschwiegen, sie waren rückhaltlos in der Darstellung eigener Mißerfolge und eigener Schwächen, verhältnismäßig bescheiden in der Wiedergabe eigener Erfolge.
So durfte der englische Oberkommandant Feldmarschall Haig den seiner Regierung periodisch zum Zwecke der Unterrichtung der englischen Oef- sentlichkeit gesandten Operationsberichten das Nachwort setzen: Daß dis in den Berichten gegebene Darstellung sich so freimütig und offen äußern konnte, stellt dem standhaften Patriotismus, dem gesunden Menschenverstand und dem Gleichmut aller Volksklassen unseres Reiches, dem man jederzeit die Wahrheit erzählen konnte, ein ausgezeichnetes 'Zeugnis aus."
Diese Kriegsberichte wird nun die deutsche Öffentlichkeit in einer von General Hoffmann besorgten deutschen Ausgabe kennen lernen. („E ngland an der Westfront"; Verlag für Kulturpolitik in Berlin, 641.)
Sie enthüllen den unbestreitbaren Heroismus der englischen Armee, sie entschleiern aber auch die schweren Krisen, die die Engländer und ihre Bundesgenossen dank deutscher Kriegskunst, dank deutschem Heldenmut durchgemacht haben.
Die Oeffentlichkeit der unterlegenen Mittelmächte werden naturgemäß diejenigen Berichte am meisten interessieren, die die Peripetie des Weltkrieges — die Kämpfe im Frühjahr 1918 — be- handeln. Von diesen Kämpfen nahm ja das deutsche Schicksal seinen Ausgang.
Der vierte Unterausschuß des deutschen parlamentarischen Ausschusses zur Untersuchung der Ursachen der Katastrophe im Herbst 1918 hat diese große Bedeutung der Märzschlacht bei St. Quentin erfaßt. Er prüfte hauptsächlich die Vorbereitung und Durchführung dieser Operation. Auch in dem Gutachten des militärischen Sachverständigen, Generals von Kuhl, nimmt die Beurteilung dieses Problems den größten Raum ein.
Zur Urteilsbildung hat der Ausschuß hauptsächlich, das deutsche Volk fast ausschließlich deutsche Quellen herangezogen. Der Historiker wird sich an
Gießener Stadttheater.
Frank Wedekind: „König Nicolo".
In seinem Dialog mit dem Zensor sagt Wedekind: „Welche Kurzweil bereitet uns denn das Leben, wenn wir es nicht ernst nehmen? Ein Spieler, der das Spiel nicht ernst nimmt, ist ein Spielverderber. Ich möchte das Leben so ernst nehmen wie einer meiner Bekannten da- Kegelschieben."
Es war Wedekinds Berhängnis, daß er sein Leben und seine Kunst gemeinsam unter das h^e Ethos zu stellen versuchte, das aus diesen Worten heraustlingt. Er blutete seine Lebens- gläubigkeit in seine Werke hinein, die. weil sie so einfach und ehrlich waren, von der der Einfachheit und Ehrlichkeit entwöhnten Menge mißverstanden wurden. Und so verströmte er seine Kraft und Liebe in einem ewigen, genialen Katzenjammer.
Alle seine Werke, von dem frühen „Frühlings Erwachen" (1894) über „Erdgeist", ..Kammersänger", „König Nicolo", „Büchse der Pandora", „Marquis von Keith", „Hidallah" bis zur „Franziska" (1914) sind verzweifelte Angstschreie: So ist das Leben! Soll es mcht anders werden?!? Sie sind mit der reinsten Feder geschrieben, die je über ein weißes Papier flog, und die angstgequälten Augen eines fluchbeladenen Pierrotgesichtes starrten auf die flüchtigen Buchstaben, die Predigt werden sollten zum Guten. Er kam aus den Dunkelheiten des LebenS. wo die Laster der Brutalität, der Gier, der großen Hemmungslosigkeiten hocken und hat darüber zu den Menschen geredet, wie andere Dichter von dem Zauber einer Blume oder des blauen Frühlingshimmels singen. Sein Berdienst ist es. die Grenzen der Tradition am Ende des vergangenen Iahr- hunderts gesprengt zu haben mit jener Kraft, die ihn Lenz. Büchner und Grabbe verwandt werden lassen. Sein Verdienst ist es, den Funken von Güte und Schönheit, den Gehalt an künstlerisch zu gestaltendem Wert jenseits der Grenzen aufgezeigt zu haben, die damals noch für unüberschreitbar galten, das Reich der Poesie entdeckt zu haben in der Nachbarschaft eines Verlorenen, eines zum Leben aufdämmernden WädchenS: der alle Türen und Schlösser ihm öffnende Schlüssel war die Erkenntnis von der ungeheuren Machtwirkung des Geschlechtes, die
solchen Quellen nicht genug fein lassen. Er wird die Erzeugnisse der Feinde zur Sicherstellung des Tatbestandes heranziehen wollen. Für die Untersuchung der Voraussetzungen und des Verlaufes der Schlacht von St. Quentin — der größten des Weltkriegs — liegt ein solches Zeugnis in den erwähnten Operationsberichten des Marschalls Haig vor.
Wollen wir an ihnen die Festigkeit der Grundlagen des Angriffs auf Amiens nachprüfen, so müssen wir uns die Entstehung des deutschen Operationsplans ins Gedächtnis zurückrufen.
Die militärischen Kapazitäten Deutschlands waren seinerzeit durchaus nicht eines Sinnes, als der Plan für den großen Angriff erwogen wurde.
General v. Kuhl, damals Chef des General- jtabs der Heeresgruppe Kronprinz Rupprecht, versprach sich den größten Erfolg von einem Angriff aus der Gegend von A r m e n t i ö r e s in Richtung Hazedronk.
Der Chef der Operationsabteilung der Obersten Heeresleitung, Oberstleutnant W e tz e l l, glaubte nicht an eine genügende Wirkung eines Angriffs allein. Er empfahl zwei Angriffe, die in gegenseitiger Wechselwirkung stehen sollten: Ein Angriff bei .S t. Quentin sollte die in Flandern angenommenen englischen Reserven auf A m iens in Bewegung setzen, der nachfolgende Angriff auf Hazebrouk die Entscheidung bringen.
Ludendorff entschied sich für den Angriff auf Amiens als den entscheidungsuchenden, dem — falls der Erfolg ausblieb — ein Angriff auf Hazebrouk folgen sollte.
Es kam, im Sinne des Ludendorffschen Gedankens, zürn Angriff auf Amiens und nachher zu dem auf Hazebrouk. Bei dem ersten sollten die 17. und die 2. Armee aus dem Raum um S t. Quentin in der allgemeinen Richtung Amiens Den Erfolg suchen, die 18. Armee dagegen durch die Inbesitznahme der Uebergänge über die Somme und den C r o z a t k a n a l den Angriff in der linken Flanke decken. Die entscheidungsuchen- den Armeen reüssierten nicht, die Sicherungsgruppe errang einen unvorhergesehenen Erfolg, der aber auch nicht zur Operation im freien Feld ausgebaut werden konnte. Der spätere Angriff auf Hazebrouk endlich erzielte im wesentlichen den taktischen Erfolg der Eroberung des Kemme l, B a i l l e u l s und M e r v i l l e s.
Die Gründe, die Ludendorff bewogen haben, die Offensive in der Richtung Amiens dem auch von ihm als sehr verheißungsvoll erkannten Angriff auf Hazebrouk vorzuziehen, waren sehr ernste:
Ein Durchbruch über Hazebrouk schien mit Rücksicht auf die Versumpfung der Lys-Niederung im März nicht möglich. Der drohende Anmarsch der Amerikaner gebot aber einen möglichst frühen Angriffsbeginn.
Der Angriff auf Amiens war jederzeit möglich, traf eine nach Den Nachrichten der Obersten Heeresleitung teilweise schwächer ausgebaute Stellung und ging entlang der Naht der französischen und der englischen Front: es durfte daher angenommen werden, daß die französische Unterstützung der vom Angriffe getroffenen Engländer auf sich warten lassen würde. Endlich hoffte man hier auf eine Ueberraschung, die man auch noch durch verschiedene taktische und technische Maßnahmen zu sichern gedachte.
Inwiefern haben sich nun diese Voraussetzungen der obersten Heeresleitung als zutreffend erwiesen?
Nach den Berichten H a i g s kann es kaum einem Zweifel unterliegen, daß das Entscheidende für das Mißlingen der Operation war, daß sie doch nicht unerwartet kam, daß sich also Engländer und Franzosen rechtzeitig über die gegenseitige Hilfe verständigen konnten und verständigt haben. Die Ueberraschung gelang (dank einem neuen, geistreichen artilleristischen Verfahren und infolge Nebels) taktisch: sie gelang aber nicht operativ. Es ist ein bisher ziemlich allgemein verbreiteter Irrtum, daß erst die unvorhersehbare Einrichtung des gemeinsamen alliierten Oberbefehls die deutsche März- offensive nach großen Anfangserfolgen scheitern ließ. Aber als Fach das Oberkommando übernahm, waren bereits die englischen und französischen Divisionen im Anrol- l e n, die den deutschen Angriff zum Stehen brachten.
Haig erzählt uns, wie er stufenweise zur Kenntnis des deutschen Angriffsplanes gelangte, und was
Frauen und Männer hemmungslos auswärts- peitscht durch die Salons, Budoirs, Spielsäle und Geschäftsräume zu ihrer Höhe, auf der sie doch wieder enden als das, was sie waren: Phantasten, Schwindler, Hochstapler: Komödianten des Lebens. Er ist: Aufrührer mit dem heimlichen Wunsch nach Versöhnung, Bohömien mit der leisen Schüchternheit des Spießers, Schulmeister mit der brennenden Angst vor dem Rohrstock.
Es war kein Zufall oder eine Spielerei, daß Wedekind in seinen eigenen Stücken selbst auftrat. Es war ihm ein Bedürfnis, feine Predigten selbst zu halten, und so brennend es in ihm drängte, unter Einsatz seiner gesamten Persönlichkeit sein eigenes Wort zu verlebendigen, so schlecht gelang ihm sein Werk. Er ist, selbst hier noch auf der Bühne, die komische Figur des Hidallah, des Marquis von Keith, des Königs Nicolo auf der Elendkirchweih. Wo er Ernst meinte, lachten die anderen, und wo er lachte, nahm man ihn ernst.
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Die Tragik dieses Mihverftehens liegt auch über dem „König Nicolo", das den bezeichnenden Untertitel „So ist das Leben" trägt. Es ist wieder Wedekind, der hier von dem Thron seines 23olfes verstoßen wird, und ist kein Zufall, daß gerade ein Fleischermeister der Nachfolger des Königs Nicolo wird. Es hat eine tiefinnerliche Beziehung zu der Gefühlswelt des Dichters, daß der verstoßene und des Landes verwiesene Bettler nicht von der Heimat lassen kann und unerkannt umherirrt, als Landstreicher, Schneidergeselle und Komödiant. Es ist sein Erlebnis, unter dem Galgen zwischen Landstreichern, Kuplerinnen und Komödianten von seiner Mission erzählen zu müssen, ohne Maske zu sprechen und als Komiker für eine Wandertruppe engagiert zu werden. Und es ist prophetisches Gesicht: den entthronten König als Hofnarren neben feinem Beruf, als dessen Zerrbild, ein Spott aller Welt. So stirbt Nicolo. Und so starb auch Wedekind: Eine Parodie auf sich selbst. Ein großer Narr.
Die Aufführung war — und das ist ihr als ein Plus anzurechnen — eine der problematischten seit langer Zeit. Es war unendlich vieles daran zu beanstanden, aber man hatte irgendwie die Empfindung, daß daran gearbeitet worden war. Deshalb soll dieser Abend zu den Gewinnen gerechnet toeröen.
Rein äußerlich war der Dekorateur (Karl Löffler) am erfolgreichsten, DaS achte
er demgemäß in der eigenen Sphäre verfügte, und was er mit PLtain vereinbarte.
Gegen Mitte Februar wußte er im allgc::.. »en, daß der Gegner eine große Offensive ri ter V est- front plante. Lufterkundungen ergaben i i der Folge, daß der Angriff gegen den englischen F rontabschnitt vorbereitet wurde. Auf der ganzen Front von Flandern bis zur Oise verbrie ten die Deutschen Eisenbahnen und Straßc:', ihre Lebensrnittel- und Munitionsmagazine nabv.c ; , u. Ende Februar wurden die Vorbereitungen f 'nüber Der britischen 3. und 5. Armee (das ist «; ,:au in dem Raume der deutschen 17., 2. und 18. 2kr.ee) sehr auffallend: es war wahrscheinlich geworden, daß der Gegner seinen Vorstoß südlich des S e u s 6 e - F l u f se s machen würde (was auch wirklich geschah). Am 19. März meldete das enalische Nachrichtenbureau, daß die feindlichen Angriffsvorbereitungen auf der Front Arras — St. Quentin ihrem Abschluß entgegengingen und der Angriff voraussichtlich am 20. oder 21. März losbrechen werde.
Haig bedachte folgendes: Im Südabschnitt der britischen opl)äre, das ist südöstlich Arras, konnte unter starkem Druck Gelände ohne ernste Folgen aufgegeben werden, da der östliche Teil dieses Abschnittes hauptsächlich aus dem vom Feinde bei seinem Rückzug im Frühjahr 1917 zerstörten Gebiet bestand. (Im Nordabschnitt lagen die Kanal- hafen, im Mittelabschnitt Kohlengruben, hier durste also kein Terrain abgegeben werden.) Das Ziel des Angriffes der Deutschen war nach der durchaus richtigen Kombination Haigs die Trennung der französischen und britischen Armeen und die Einnahme des Knotenpunktes Amiens. Demgemäß traf der britische Marschall sofort Vereinbarungen mit PStain, die ein rasches Verschieben französischer Reserven in den Südabschnitt der englischen Stellung nördlich der Oise gewährleisten konnten.
Es kam ungefähr so, wie Haig oorausgesehen hatte.
An der Somme erfolgte ein furchtbarer Einbruch der Deutschen. Die Berichte des Engländers über die dadurch geschaffene Situation sind mehr als dramatisch. Sie sind Das englische Epos auf deutschen Heldenmut. Und doch? Die Nachrichten über Das Vordringen Der Deutschen 18. Armee losten bei Dem britischen Befehlshaber keine Verzweiflung aus. Er erfuhr zu seiner Befriedigung, daß die deutsche 17. Armee und der rechte Flügel ihrer 2. Armee nicht vorwärts kamen. Und er wußte, Daß Die Divisionen Der Alliierten bereits anrollten, Die Die Deutschen aufhalten konnten.
Man braucht sich nur zu erinnern, Daß Der Deutsche Angriff überall am 30. März stockte, um sich zu sagen. Daß nicht Die Dispositionen des erst am 26. März zum Oberbefehlshaber ernannten Fach Die Lage für Die Alliierten gerettet haben konnten, sondern die in den Tagen zuvor eingeleiteten Truppenverschiebungen den Ausgang Der Schlacht bestimmten. —
Man darf über diesen Akt des Weltkrieges urteilen:
Was Menschengeist, Menschenherz und Menschenkraft vermag, war eingesetzt worden zum Gelingen des großen Wurfes. Der Faktor, den kein Feldherr beherrscht, versagte: Die Ueberraschung. Die Schlacht ging verloren. Sie ward zur Peripetie des Weltkrieges.
Aber: Mußte darum der Weltkrieg verloren gehen?
Darauf geben uns auch die Berichte des britischen Marschalls keine Antwort. Denn diese Frage ist eine deutsche Frage ....
Der kommunistische Parteitag.
Die Kommunisten haben ihren Reichsparteitag abgehalten. Diel ist nicht herausgekommen, in der Hauptsache ist es bei persönlichen Aus- einanDersehungen und Streitigkeiten geblieben, was bisher bei den Kommunisten noch immer das Primäre war. Es gibt wohl kaum eine politische Partei, in der nicht alles so auf In- triguen, Unterstellungen und Verdächtigungen eingestellt ist, wie bei der K. P. D. Wir kennen außer dieser keine Partei, die nicht alle sechs Monate zu umsangreichen „Säuberungs-
Bild (Marktplatz von Perugia) stand gut im Licht, Himmel und Hintergrund waren frisch und stark, verrieten jedenfalls einen schöpferischen Einfall. Auch schon die Straßenszene (2. Bild) zeigte, daß, wo ein Wille ist, auch ein Weg sei, desgleichen sollen das Gerichtszimmer und der Thronsaal gelten. Die enge Kerkerzelle läßt sich krasser machen. Daß diese und die Elendkirchweih im Dünenbild mißlangen, daran trug der Spitzbogen bei, den man — warum, ist völlig unersindlich — als Bühnenrahmen benutzte. (W e n n man Wedekind absolut rahmen will, kann man das höchstens durch eine improvisierte Planke oder eine Zeltwand.)
Die Beleuchtung (Ludwig Keim) war auch bemüht, ihr Bestes zum Gelingen des Abends beizutragen. So war ein neuer Wolken- hiimmel gemacht tooröen und es schien auch sonst auf Farbigkeit des Horizontes Wert gelegt zu sein. Freilich sollte das Stück — es ist krasse Komödie — mehr mit dem hellsten Scheinwerfer spielen: Kitsch ist Trumpf (das ist die Formel für eine Wedekind-Aufführung). Aber die mancherlei Naturalismen seien auch hier gern übersehen, spürte man doch einen Willen zum Werk.
Die Statisterie: Weniger wäre mehr gewesen: das Schneiderquartett in der Gerichtsszene sollte da Vorbild sein. Hier war, was notwendig ist auf der Bühne, die Bewegung der Gruppe scharf diszipliniert, eine Einheit, die im Rahmen des Spieles als Ganges erkennbar blieb. (Kleine Extravaganzen sollten um der Sache willen unterbleiben.) Also: Die Re- vr^utionsszene zeigte Ansätze von beherrschter Gruppenbewegung. Die Elendkirchweih war zu stark besucht (Verzeihung!) und blieb infolge mangelnder Durchdringung der Regie tot. Der Rhythmus des fabelhaften Liedes schleppte unerträglich, man hätte es von sechs gutdisziplinierten Sprechern vortragen lassen sollen. (Richt umsonst hat sich Wedekind soviel Mühe darum gegeben.)
Wedekinds Sprache bereitete den Darstellern offenbar die meisten Schwierigkeiten, D a st s als Pandolfo und vielleicht auch Gehre als Verteidiger und Erika Rohr als Kupplerin ausgenommen. Die Sähe: in der Gerichtsszene, im Kerker, in jeder einzelnen Szene müssen Schlag auf Schlag folgen, die Personen müssen stehen und sprechen, tm übrigen reglose Pose, mit einem Minimum von Bewegung, mit Aus-
Mittwoch, 4. November (925
aftionen" schreitet. Erst kürzlich mußte sich der deutsche Ableger des russischen Bolschewismus ein großes Absagen aller jener Führer gefallen lassen, die ein Opfer des in der kommunistischen Bewegung üppig blühenden In- triguenspieles geworden sind. Das wesentliche Ergebnis des Reichsparteitages Dürfte lediglich eine Fortsetzung dieser Aktion sein. Daneben sind bestimmte Richtlinien angenommen worden, die eine „bewegliche Taktik" Der K. P. D. fordern. Das heißt: Grundsätzlich wird die sozialistische Bewegung belärnpst, aber dort, wo sie Obwasser hat. also jetzt in Berlin, ist mit der S. P. D. zusammen zu marschieren. Also mal so und mal so, ganz wie es Den kommrrnistischen Hampelmännern von Moskau aus vvrgeschrieben wird.
Oberhessen.
Landkreis ließen.
L Wieseck. 3. Nov Die monatliche ilcbcr- sichi über die Erwerbslosigkeit in unserer Gemeinde ergibt, daß am 1. Oktober 15 männliche und 7 weibliche Vollerwerbslose mit 8 Ehefrauen und 8 Kindern als Zuschlagsempfänger gezählt wurden. Am 7. Oktober wurden gezählt 15 männliche und 7 weibliche Erwerbslose mit 11 Ehefrauen und 16 Kindern als Zuschlagsempfäitger: am 15. Oktober 15 männliche und 7 weibliche Erwerbslose mit 12 Ehefrauen und 15 Kindern als Zuschlagsempfänger: am 22. Oktober 13 männliche und 7 weibliche Erwerbslose mit 10 Ehefrauen und 16 Kindern als Zuschlagsempfänger: am 30. Oktober 12 männliche und 9 weibliche Erwerbslose mit 9 Ehefrauen und 15 Kindern als Zuschlagsempfänger. Der Durchschnitt im Oktober beträgt also 14 männliche, 7,5 weibliche Erwerbslose, der der Zuschlagsempfänger 10 Ehefrauen und 14,5 Kinder. Im Vormonat betrugen die Durchschnittszahlen 15,6 männliche, 2 weibliche Erwerbslose mit 8 Ehefrauen und 15 Kindern. Bei den männlichen Erwerbslosen ist also eine geringe Abnahme zu verzeichnen, während die Zahl der weiblichen Erwerbslosen verhältnismäßig stark in die Höhe gegangen ist. In der Sozialfürsorge wurden 63 Sozialrentner und 21 Kleinrentner unterstützt. — In der Gießener Straße, in unmittelbarer Nähe der Gemeindewage, wurde am Montag abend gegen 7 Llhr, der etwa 14jährige Sohn des Maurermeisters Ostwald von hier von einem Auto überfahren und so sch Werver letzt, dast sich die Lieberführung des Verunglückten in die Gießener Klinik notwendig machte. Die Straste ist an der Unglücksstelle gerade austerordentlich.breit. Das Auto fuhr in mästigem Tempo, der Iunge versuchte die auch von uns oft gerügte Unlitte, kurz vor dem Auto die Straße zu überschreiten, wurde dabei erfaßt, und etwa 10 Meder weit mltgeschleift. Ein tragischer Zufall wollte es, daß ber Vater des Verunglückten gerade des Weges kam, zu den ersten Helfern gehörte und bann in dem unterbeut Wagen Hervorgezvgenen seinen eigenen Sohn erkennen muhte.
* Klein-Linden, 3. Nov. Am Sonntag wurden nach einer Besichtigung der Feuerlöschgeräte den Mitgliedern der hiesigen Freiwilligen Feuerwehr Phil. Klein und Wilhelm Schaum die von der Regierung verliehenen Ehrenzeichen für 25jährige Dienstzeit durch Kreisfeuerwehrinspektor Dickorä überreicht.
!—! Harbach, 3. Nov. Im Zusammenhang mit der Feldbereinigung, die schon gute Fortschritte gemacht hat, wird jetzt die Srainicrung unserer Felder vorge- nommen. Die Arbeiten sollen alsbald im Feld nach Hattenrod und Lindenstruth zu beginnen.
's Orünberg, 3. Nov. Die Hauptversammlung der Deutschen Dolks- partei Grünbergs erteilte dem Rechnet nach der Dechnungsablage Entlastung. Es wurde weiter beschlossen, im Anschluß an den V o r trag des Landtagsabgeordneten Dr. Keller, Büdingen, am 5. November einen Familien- abend abzuhalten. Der Vorstand wurde durch Zuruf wiedergewählt. Anschließend
nähme der Figur des Königs. Denn nichts ist störender, als wenn — wie im ersten Bild — die Aufmerksamkeit von dem Sprechenden durch Bewegungen nicht agierender Personen abge- lenkt wird.
Von zwei Rollen möchte ich noch sprechen, die an sich nichts miteinander zu tun haben, aber durch die Besetzung Anlaß geben, nebeneinander genannt zu werden. Einmal die wohltuende Besetzung der kleinen Edelknabenrolle durch eine Darstellerin (Ingeborg Scherer), die sprechen und gehen kann und die überaus wichtige Figur des Kerkermeisters, die einer ersten Kraft hätte anvertraut werden müssen. Durch die Besetzung mit Hermann Stichel kam die ganze, für den Verlauf des Stückes außerordentlich wichtige Szene in Gefahr.
Karl Do lks Oberrichter verriet Verstand- nis für die Situation, mehr vielleicht als Te- l e k y s Prokurator, den man sich mehr noch auf eine Linie gebracht, abstrakter, monoton in der Sprache vorstellen könnte. Das ganze Stück ist doch schließlich flächig und nicht körper-lebendig —_ mit Ausnahme des Königs. Hier muß aus glühenden Kratern alles ausbrechen, was an edlem Wollen und unverstandenen Liebesdrang gebunden liegt, ausbrechen mit einer nicht mehr schauspielerischen, sondern echten Sehnsucht: der einzige Mensch unter all den feeren Schemen. Dieser Aufgabe zeigte sich Carl Iuhnke 6e- ders im Anfang nicht ganz gewachsen: denn so verlor das Spiel oft seinen Mittelpunkt und ließ, im Grunde, teilnahmslos. Die Prinzessin Alma, die die kleine Frau Tilly mit ihrem Frank immer zusammen gespielt hat, gab Alix Krahmer. Sie gab sich viel Mühe, doch fehlt ihr wohl noch eine gewisse Reife zu dieser kindhaft schlichten Dolle, die sie mit allzuviel Tränen und Seufzern füllte. Friedrich Geffers endlich spielte den Fleischermeister Folchi in einer ausgezeichneten Maske, auch stand er im Anfang gut mit seinem Beil auf den Stufen. Lieber die Tyronszene selbst ist oben bereits gesprochen.
Wenn auch der Beifall des gutbefuchten Hauses matt war, es muß doch noch einmal gerade angesichts dessen gesagt werden, daß au# der Vorstellung deutlich der Wille zum Bessern zu erkennen war. Wir beglückwünschen alle an diesem Fortschritt Beteiligten dazu und gönnen ihnen zu diesem „König Nicolo" noch manche« volle HauS, e-s.


