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Nr. 259 Erster Blatt <d
175. Jahrgang
Mittwoch, 4. November (925
Gietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberheffen
Vruü vnd Verlag- Brüf)l'id>c Universitäts-Such- und LteindruSerei 8. Lange in Sieben. Schriftleitung und Äeschäftsftelle: Schulstrahe 7.
Erscheint täglich,außer Sonntags und Feiertags.
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Chefredakteur.
Dr. Friedr. Wilh. Lange.
Berantwortlich: für Politik und Feuilleton Dr. Friedr. Wilh. Gange; für den übrigen Teil Emst Dlumschein; für den Anzeigenteil Hans Iüstel, sämtlich in Gießen.
Stresemann über Locarno.
Berlin, 3. Äov (WTB.) Reichsaußen- Minister Dr. StresemaE sprach heute abend im Berliner Rundfunk, dem viele andere Sendestationen angeschlossen touren, über das Werk von Locarno und führte folgendes aus:
Bor Einigen Tagen hat bei der Jahresfeier Der deutschen Hochschule für Politik hier in Berlin Professor O n ck e n den Versailler Vertrag von 1919 als ein Dokument für das Bestreben gekennzeichnet, die Sicherheit Frankreichs bis in das Herz Deutschlands zu verlegen. 3n der Tat ist kein Zweifel darüber möglich, daß man vor und nach Versailles in Paris glaubt, daß
das Problem der Sicherheit Frankreichs durch Zerstückelung Deutschlands gelöst
toerden könnte. Diese Hoffnungen bestanden noch bis in das Jahr 1923 hinein. Ich darf erinnern an die große Rede, die der französische Ministerpräsident Poincarä im Herbst 1923 gehalten hat. Damals ging er auf die deutschen Sicherhrits- angebote überhaupt nicht ein, sondern rechnete damit, daß der große deutsche Zusammenbruch erfolgen würde, und daß Sann Frankreich aller Sorgen ledig sei. Diese Hoffnungen sind vereitelt worden. QI6er für Frankreich blieb das Problem der Sicherheit. Cs ist für uns Deutsche nicht leicht, das einzusehen, und wir fragen, was ein militärisch so stark gerüstetes Frankreich von dem entwaffneten Sei tschiand befürchten kann. Olber die Tatsache dieses Sicherheitsbedürfnisses besteht, und mit dieser Tatsache muß jeder Politiker und müssen auch wir rechnen. Wir müssen das schon deshalb, weil andere Mächte wie namentlich England das Sicherheitsbedürfnis Frankreichs anerkennen. Bei einer Passivität der deutschen Politik wäre England letzten Endes wohl bereit gewesen, die Sicherheitssrage gemeinsam mit Frankreich gegen Deutschland zu lösen. Darüber hinaus aber ist mit diesem Problem verbunden das große Problem der deutsch- französischen Auseinandersetzung überhaupt. Man beginnt überall in Europa einzusehen, daß man mit dem Krieg und mit der Fortsetzung der Versailler Methoden nicht weiter- kommen kann.
Es ist nötig., daß andere Wege gegangen werden, und die größte Bedeutung von Locarno liegt schließlich darin, daß man sich allseitig entschlossen hat, einen Kurs- und Richtungswechsel mit dem Ziel vorzunehmen, an die Stelle der Methoden von Versailles eine Verständigung treten zu lassen. Die Verhandlungen, die wir in Locarno geführt haben, war ein Beweis dafür, daßHin solcher Kurswechsel von den alliierten Staatsmännern ernstlich und aufrichtig beabsichtigt ist.
Die Zeit der Diktate und Ultimaten soll vorbei sein. Wenn die Weltgeschichte überhaupt noch einen Sinn hat, dann müssen sich Lösungen finden lassen, durch die die Lebensnotwendigkeiten aller beteiligten Völker gewahrt und gesichert werden. Der Reichskanzler ünd ich sind der Ansicht, daß Locarno solche Lösungen möglich macht. Wir haben, als wir die gesamten Vertragsentwürfe in der Hand hielten, und als uns die Außenminister von England, Frankreich und Belgien die Rückwirkung dieser Verträge auf Die Verhältnisse im besetzten Gebiet in sichere Aussicht ge st eilt haben, nicht gezögert, die Entwürfe in der Weile zu paraphieren, daß sie in ihrem Wortlaut nicht mehr abgeändert, sondern nur angenommen oder abgele hnt werden können. Die Verhandlung über die Form dieser Verträge ist damit abgeschlossen. Tlns bleibt aber die letzte Entscheidung über ihre Annahme oder Qlblehnung offen. Der Reichskanzler Dr. Luther und ich als Außenminister werden für die Qlnnahme dieser Verträge eintreten, wenn fie den Weg eröffnen, der zur Wiedererstartung und 'Befreiung Deutschlands führt. Lassen Sie mich Ihnen die Hauptgedanken des Werkes von Locarno kurz erläutern.
Der W e st p a k t enthält die Verpflichtung, die Westgrenzen weder durch einen Angriffskrieg noch durch eine Invasion zu verletzen. Diese Verpflichtung gilt selbstverständlich nicht einseitig für uns, sondern genau so für Frankreich und für Belgien. Heber diese Verpflichtungen hinaus, nicht im Qlngriff zur Gewalt zu greifen, enthält aber der Vertrag — und das ist völlig eindeutig — keinerlei Bindungen für uns.
Wir haben keinerlei moralischen Verzicht irgendwelcher Art auf deutsches Land und deutsches Volk ausgesprochen. Das Eelbst- bestimmungsrecht der Völker ist in seiner friedlichen Auswirkung völlig unangetastet geblieben.
Bei der Bewertung des Verzichts auf einen Angriffskrieg darf nicht übersetzen werden, daß dieser Verzicht, so wie die Dinge liegen für die französischen Staatsmänner, mindestens so viel bedeutet als für uns, denn fie stehen mit ihrem starken Heer einem machtlosen Lande gegenüber, und in ihrem Lande hat es genug Leute gegeben, die den Rhein als Grenze gefordert haben. Durch den Olbschluß eines Sicherheitspaktes verzichtet Frankreich endgültig auf diese Politik. Es erklärt, nie Dieder Deutschlands Gebiet mit militärischer Gewalt verletzen zu wollen, und erklärt weiter, daß es damit einverstanden ist, daß England
Deutschland als Garant zu Hilfe kommen soll, wenn Frankreich sich nicht an die im Westpakt festgesetzten Bedingungen hält. Diese Sicherung der deutschen West grenzen darf nicht unterschätzt werden. Wenn jetzt Zweifel darüber gehegt werden, ob England seine Pflichten als Garant tatsächlich erfül- l e n werde, so kann ich auch hier heute abend nur wiederholen, daß wir keinen Grund haben, an dem ehrlichen Dertragswillen Englands zu zweifeln. Aber ganz abgesehen von dem Ernstfall, ist doch schon die bloße Tatsache, daß England, der bisherige Alliierte Frankreichs, sich feierlich verpflichtet, Deutschland gegen einen französischen Angriff mit seiner gesamten See- und Landmacht zu schützen, von der größten politischen Bedeutung. Das hat kein Geringerer als Für st Bismarck anerkannt. Wahrhaft prophetisch klingen heute Bismarcks Worte aus jener Instruktion an den Fürsten Hatzfeld vom Januar 1888: Es handelt sich nicht um ein Stärkersein im Falle eines Krieges, sondern um ein Verhindern des Krieges.
Weder Frankreich noch Rußland werden den Frieden brechen, wenn sie amtlich wissen, daß sie, wenn sie es tun, auch England sicher und sofort zum Gegner haben. Wenn nun festgestellt wird, daß England gegen einen französischen Einfall durch ein deutsches und Deutschland gegen einen französischen Einfall durch ein englisches Bündnis gedeckt sein werden, so halte ich den europäischen Frieden für gesichert für die Zeit der Dauer eines solchen Bündnisses. In engem Zusammenhang mit dem Westpakt stehen dann die Schiedöverträge,
die toir mit Frankreich und Belgien abgeschlossen haben. Die deutsche Regierung steht grundsätzlich auf dem Boden der Schiedsgerichtsbarkeit, weil sie darin ein Mittel sieht, dem Rechtsgedanken gegenüber dem bloßen Machtgedanken unter den Völkern xum Siege zu verhelfen. Der große Vorteil, den die Schiedsverträge mit Belgien und Frankreich uns bieten, besteht z. D. darin, daß in Zukunft der gesamte Versailler Vertrag und ebenso das Rhein- l a n d a b k o m m e n unter einem Schiedsrecht steht. Wer die Politik der letzten sechs Jahre verfolgt hat, der weiß, was eine solche Reu Ordnung bedeutet, die jeder einseitigen und willkürlichen Handhabung der Verträge von 1919 ein Ende macht. Zu dem Gesamtwert von Locarno gehören auch die Schiedsverträge, die wir mit Polen und der Tschechoslowakei schließen wollen. Es sind Schiedsverträge, die in ihrer Tragweite nicht über die Schiedsvrr- träge hinausgehen, wie Deutschland sie zum Beispiel mit Schweden und Finnland abgeschlossen hat. Insbesondere ist in diesen Verträgen nichts enthalten, was irgendwie als eine Anerkennung der Osigrenzen angesehen werden kann. Frankreich hat hinsichtlich Polens und der Tschecho- slotowlei keine anderen Rechte erhalten, als wie sie ihm aus seiner Zugehörigkeit zum Völkerbund entstehen. Darüber hinaus haben wir keinerlei Bindungen angenommen, und auch die französisch-polnischen und französisch-tschrchoslowaki- schen Zusatzverträge enthalten nichts anderes und können nichts anderes enthalten, als die Anpassung der bisherigen freien Bündnisverträge dieser Länder an das Verfahren der Völker-' bundssatzung.
Wenn die deutsche Regicrung sich dazu entschließen sollte, am 1. Dezember in London die in Locarno paraphierten Verträge endgültig zu unterzeichnen, so werben wir auch bereit sein in den Völkerbund einzutreten.
Auf Grund der Verhandlungen in Locarno ist uns eine Rote der beteiligten Mächte zugesagt worden, in der über die Auslegung des Artikels 16 das ausgeführt wird, was unseren Lebensnotwendigkeiten entspricht. Kein Staat kann Deutschland gegen seine eigene Zustimmung zwingen, an einem Kriege zum Beispiel gegen Rußland teilzunehmen. Kein Staat kann das Recht in Anspruch nehmen, ohne die Genehmigung Deutschlands durch fein Gebiet durchzumarschieren. Im Falle eines Vorgehens des Völkerbundes gegen einen Friedensbrecher kann uns nunmehr niemand aus unserer eventuellen Richtbeteiligung einen moralischen Vorwurf machen. Linser Verhältnis zu Rußland kann schon aus diesem Grunde durch unseren! Eintritt in den Völkerbund nicht gefährdet werden.
Wenn ich so die Hauptlinien des Qkrtrageö von Locarno dargelegt habe, fo mutz ich vor allem noch zu den Rückwirkungen auf das besetzte Gebiet sprechen. Die Delegierten Englands, Frankreichs und Belgiens haben sich geweigert, aus den Verträgen von Locarno ein Handelsgeschäft zu machen. Sie wollten sich für diesen Vertrag bestimmte Dinge als besondere Koir- zessionen nicht abhandeln lassen. Sie haben aber erklärt, dah die Rückwirkungen, die wir erwarten, logische und darum selbstverständliche Folgerungen der Locarnoverträge sind. Die Qkrträge von Locarno und ihre Rückwirkungen sind für uns ein einheitliches und unteilbares Ganzes. Sie gehören zusammen, und die Delegierten der übrigen in Locarno vertretenen Machte wissen daä auch. Wir haben ihnen gesagt, daß wir ihren Erklärungen vertrauen, und datz von der Art, wie sie unser Vertrauen rechtfertigen, die Entscheidung des deutschen Volkes und seiner Regierung über die Annahme oder Qlblehnung der Locarno- verträge abhängig ist. Ich wiederhole auch hier: Die Räumung der Kölner Zone gehört
nicht zu diesen Rückwirkungen. Wir haben auf diese Räumung einen Rechtsanspruch, und ich hoffe, dah die nächste Zeit bereits Klarheit über den Räumungstermin bringen wird.
Wenn her Locarnogeist ein wirklicher Friedensgeist ist. dann muß sich dieser neue Geist aber ganz selbstverständlich im ganzen Rheinland auswirken, und über die Art dieser Auswirkung ist auch den an der Besetzung beteiligten Mächten das Rötige mitgeteilt worden. Da die übrigen Mächte selbst die Unter» Zeichnung am 1. Dezember gewünscht haben, so ist damit auch der Termin gegeben, an dem die besprochenen Rückwirkungen dem deutschen Volke und vor allem den Rheinländern sichtbar gemacht sein müssen. Darüber hinaus aber muß Locarno nicht das Ende, sondern der Anfang einer neuen Entwicklung sein, deven wichtigstes Ziel die Herstellung der Freiheit im Rheinland sein muß. Wir haben in Locarno nichts von dem verschwiegen, was uns in Hinsicht auf das Wohl des deutschen Volkes am Herzen lag. Wir konnten nichts verschweigen, denn wir waren in Locarno für die Zukunft des deutschen Volkes verantwortlich. So haben wir auch zum Ausdruck gebracht, dah die gegenwärtige deutsche Regierung keinerlei moral i s ch e Beschuldigung Deutschlands am Kriegsausbruch anzuerkennen vermag, sondern daß sie sich auf den Standpunkt stellt, der bereits im September 1924 in dem erwähnten Memorandum der damaligen Regierung Marx niedergelegt worden ist. Mit dem Eintritt in den Völkerbund besteht auch für uns das moralische Recht für eine Verleihung von Kolonialmandaten. Auch diese Tatsache ist uns in Locarno bestätigt worden. Der Sinn von Locarno besteht in der Erkenntnis, dah die europäischen Staaten nicht länger gegeneinander wüten dürfen, wenn Europa nicht zugrunde gehen soll. In allen Staaten Europas hat die Rot ihren Einzug gehalten, und ist eine ernste Mahnerin zur Cßernunft * geworden. Der Siegestaumel von Versailles ist verrauscht. Heute müssen die Dinge mit anderen Augen angesehen werden. Zwang, Diktat und Gewalt haben es nicht vermocht, ein neues und besseres Europa zu schaffen. Lassen Sie uns versuchen, dieses Ziel auf der Grundlage des Friedens, deutscher Gleichberechtigung und Freiheit zu erreichen!
Die vertagte Krisis.
Die Partcifül-rerbesprechnrig brim Reichskanzler.
Berlin. 3. Rov. (TU.) Heber die heutige Parleisührerbefprechung beim Reichskanzler wird folgender Bericht ausgegeben: heule fand unter Vorsitz des Reichskanzlers, sowie unter Teilnahme der Reichsminisker Dr. Brauns, S t i n g l
Paris, 3. Roo. (Wolff.) Der französische Ministerpräsident stellte heute das neue Kabinett der Kammer vor und verlas folgende Regierungserklärung:
Linier den großen Problemen, die uns im Augenblick bedrängen, gibt es eines, das für Frankreich ernster ist als alle anderen: das finanzielle Problem, das ein vitales Problem ist. Deshalb hat in der neuen Regierung der Ministerpräsident die Leitung der Finanzen über- nommen, denn der Platz, den der Regierungschef einnehmen muh, ist auf dem Posten der Gefahr. Es ist eine Frage des Wollens, eine Anstrengung zum Wollen und eine Anstrengung zum Mut — die Regierung wird sie vom Lande fordern, selbst auf die Gefahr hin, unpopulär zu werden. In finanzieller Hinsicht sind wirksame Maßnahmen nicht möglich, wenn sie nicht die wohlüberlegte Zustttnmung der Bürger finden. Die Opfer an Geld, die die 'Verteidigung der öffentlichen Finanzen fordert, sowie die Dlut- vpfer, die die Verteidigung der heimatlichen Bodens fordert, müssen obligatorisch sein, damit niemand sich ihnen entziehen kann.
Wir werden zuerst sichere und ständige Einnahmen fordern die alle ständigen öffentlichen Ausgaben decken, die gerechtfertigt erscheinen. Richt ein Centime dieser Ausgaben darf durch Anleihen aufgebracht werden. Die einzige Quelle muh der Steuerweg bleiben. Die ministerielle Erklärung kündigt die Gründung einer Amortisationskasse an, die autonom und vom Staate unabhängig sein soll.
Durch die energische Verfolgung dieses Programms hoffe di- Regierung eine Stabilisierung der Währung zu erzielen, ohne die selbst die gewagtesten Maßnahmen vergeblich blieben. Der Franken könne aber erst dann vor jeder Erschütterung bewahrt werden, wenn die Regelung der Kriegsschulden mit den alliierten Ländern erfolgt sei.
Die Regierungserklärung kündigt alsdann Gesetze zugunsten der Kriegsverstümmelten und der Kriegsopfer an. Außerdem will sie die erforderlichen Mittel zur Fortsetzung des Wieder- aufbouwerkes zur Verfügung stellen, die soziale Gesetzgebung zur Verabschiedung bringen und eine praktische Lösung der Wohnungsfrage
und Dr. Stresemann eine 'Aussprache mit den Vertretern der in der Regierung durch vertrauens- männern vertretenen Parteien statt. An dec Aussprache nahmen teil: von der Zentrumspartei die Abg. Zehrenbach, Marx und Stege r w a l d. von der Deutschen Volkspartei die 2tbg. Dr. Scholz, Dr. Eurllus und K e m p k e s, von der Bayerischen Volks- Partei der Abg. Leicht.
Die eingehende Erörterung ergab eine allgemeine llebereinstimmung in der Beurteilung der politischen Lage. Die Vertreter der Parteien waren mit der Reichsreglerung darüber einig, dah die Schassung der Grundlagen für die endgültige Entscheidung über das Werk von Locarno die beherrschende Frage der Gcsamtpolilik ist, hinter der alle anderen fragen jetzt zurückzutreten haben.
Die Vertreter der Parteien billigten die infolge des Austritts der deutschnationalen Minister getroffenen Maßnahmen zur Meitersührung der Regierung. Ls herrscht allgemeine Ueber- einstimmung darüber, dah die deutschnationale Partei, deren voreiliges Verhallen um des deutschen Volkes Gesamtschicksal willen nachdrücklichst mißbilligt wurde, sich von der weiteren Teilnahme an der Regierung dadurch selbst ausgeschlossen hat. Die Vertreter der Parteien gaben ferner der Auffassung Ausdruck, dah eine (Einberufung des Reichstages im Laufe des Monat November erst möglich ist, wenn ein erschöpfender Tatbestand im Bezug auf das Merk von Locarno und feine Rückwirkungen den gesetzgebenden Körperschaften unterbreitet werden kann.
Eine Entschliehung der Demokraten.
Berlin, 3. Rov. (WTD.) Der Hauptvorstand der Deutschen Demokratischen Partei beschäftigte sich in einer heute nachmittag im Reichstag abgehaltenen Sitzung mit der gegenwärtigen politischen Lage. Einstimmig wurde folgende Entschliehung angenommen: Der Parteivorstand billigt die Haltung des Parteivorsihen- den zur außen- und innerpolitischen Entwicklung und erllärt sich nur mit einer Lösung der Krise durch eine Regierung einberftanben, die die Annahme des Vertrages von Locarno von einer befriedigenden Lösung der Rückwirkungen abhängig macht, sich für eine ehrliche Durchführung der Politik von Locarno und eine Annäherung der europäischen Staaten ein- seht, eine Innenpolitik gewährleistet, die der Festigung der Republik dient und sich auf die Parteien stützt, die diese Außen- und Innenpolitik entschlossen mitmachen.
finden. Hinsichtlich der Militärreform wird die Einführung der einjährigen Dienstzeit an- gekündigt, ebenso die Wahlreform, und es wird zum Ausdruck gebracht, dah die jetzige Regierung wie die beiden voraufgegangenen für die Wiedereinführung der Arrondissements- Wahlen eintreten wolle. Schließlich wird die Lage in Marokko erwähnt. Die ©inöring- linge seien zurückgewiesen worden. Die Verbindung zwischen Fez und Ollgier sei wieder hexgestellt und jetzt vor jeder älnterbrechung geschützt. Die französischen Soldaten hielten die Rordfront auf einer soliden Grenze besetzt und jede verdächfige Bewegung könnte leicht überwacht und unterdückt werden.
Syrien, so heißt es dann weiter, sei der Schauplatz beklagenswerter Ereignisse gewesen. Es wäre ungerecht, zu verkennen, daß fie durch die gleichen Agitationsquellen her- vorgerusen worden seinen, wie die Anruhen in China und Marokko. Fremdenfeindliche In- trigueu, falsche Rachrichten über panislamitische und revolutionäre Verschwörungen hätten unter besonders empfindsamen Kreisen eine Beruhigung veranlaßt, deren die Regierung nur dadurch Herr werden könne, daß sie ihre vollkommene Ruhe bewahre und einen Appell an die Kaltblütigleit der öffentlichen Meinung richte^ Eine Frage, die vielleicht weniger dringlich erscheine als die Finanzfrage, die aber nach Ansicht, derer, die in die Zukunft blickten, diese noch an Bedeutung überrage, sei die Frage der in ter* nationalen Politik Frankreichs und des europäischen Friedens. Wenn Europa zerklüftet und von Haß veruneinigt bleibe, werde es zum> Untergänge verurteilt sein.
In London im porigen Jahre, in Genf im vorigen Jahre, in btefem Jahre wiederum in Genf und dann in Locarno fei es Frankreich gewesen, das, noch blutend und nicht ohne Gefahren, die Führung der Rationen übernommen habe, die Sicherheit suchten. Die Atmosphäre sei dadurch gleichsam gereinigt worden. Die Aera der Schwierigketten unter den Völkern sei gewiß noch nicht beendet, aber man erblicke endlich einen Ausweg. Die Wege des Friedens seien geebnet worden. Sie können, meine Herren, stolz auf den Staatsmann fein, der den Patt vom Locarno zum Gelingen gebracht hat. Die aus-
Vertrauensvotum für Parnleve.
Stimmenthaltung der Sozialisten. - Fortdauer derRegierungskrifis


