Ausgabe 
4.2.1925
 
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Mittwoch, 4. Februar 1925

Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gverhessen)

Nr. 29 Zweites Blatt

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da« steht fest, von der Qinfen nicht gewonnen. DaS .rote Lachsen" ist heute nicht mehr die Hochburg deS Marxismus, die eS einst war.

Aus der Provinz.

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Abbild des Lebens höchstes Ziel: jedenfalls geht der Weg zu ihm, zu jeder Gröhe, notwendig durch den amor fati, durch Opfermut. Und, weiter gesehen, fuhrt das Opfer, das Indivtduurn und Episode bringen, zum sieghaften Wachsen von Mehrzahl und Zeit. Jede Aufhebung ted Leidens wäre eine Aushebung des Lebens: iede Aufhebung der Tragik wäre eine Aufhebung der Geschichte. .

Mit Einstellung auf die Gegenwart erscheint als Resultante des Krieges die absolute Um­kehrung alles dessen, was er im Anfang fern sollte. Das Humanitätsideal ist nicht nur nicht erreicht, es ist ausgeloscht; die Idealisten in beiden Weltanschauungslagern sind in erster In­stanz vom Gemeinen überwunden. Doch blewt bei dem wenn auch unterbewuhten Willen aller Beteiligten, der durch immer wiederkehrende Fehlhandlungen zum Ende drängte, die Erkennt­nis der Rotwendigkeit einer Reuordnung der

Verhältnisse bestehen.

Und es kommt die Erkenntnis: Auf der Ebene einer Mcnschheitsökonomie geht die Glei­chung des Lebens niemals auf, denn jede Lebens­melodie schlieht den Tod (das Werden und Ver- gehen eines Tones, einer Episode) mit ein. Sie geschichtliche Tragik bedeutet die Spannung, aus der die Seite er ft klingen kann, aus der der Mensch erst sich selbst als notwendigen Wen fühlt, der ihn zur Selbstverantwortung führt. Richt Melodie ist unser Handeln: der geschicht­liche Ablauf wird zur Verwirklichung einer jen­seits des Ich. oberhalb alles geistigen Werdens und Vergehens liegenden Idee. Ein Teil eines Reiches des Geistes, das sich in Raum und Zeit verwirklicht durch »die Geschichte". e-s.

Winter am Bodensee.

Lange, unauslöschlich, wie erste, seien es auch noch so vage oder noch so illusorische Vorstel­lungen. verband sich mir mit dem Begriff Boden­see die Vorstellung der kalten Jahreszeit, er­weckt durch Gustav Schwabs allbekanntes Ge°

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Dordlaternen auf. in Friedrichshafen war es Abend und die Zeppelinhalle stand wie ein rie­siger nebcltriefender Saurier zwischen em paar Lichtsprihen, Meersburg wirkte mit seinen mauer­umkleideten Felsterrassen, seinen Turm- und Tor­laternen wie eine romantische winterliche Festung und die Ankunft in Konstanz war vom Wider­schein der zahlreichen Hafenlichter. Strandlater­nen. Hotelsronten und Signallampen der Kai- und Güterbahnanlagen auf den gebrochenen Fa- cettensp regeln von Eiskrusten und Wasserdurch­brüchen doppelt illuminiert.

Ich habe manchen Sommer an dem Ufer des schwäbischen Meeres verbracht, die glühendste Südflora des Meinau-Paradieses geschaut, die Romantik von hundert bunten Rudernächten er­lebt und in den katholisch-verschwiegenen Gärten der Münster-. Hexen- und Liebesstadt Konstanz zahllose Abenteuer genossen. Wer der Winterse? blieb stets ein anderer desselben Ramens. Alles war unendlich weit. Berührt man nur die Peri­pherie der Stadt und wendet den Blick auf die Fernen dieser Landschaft, die zwischen den Kegel­bergen des Hegau und den Alpen leuchten, der Sentiswand. das Irisieren von Perlmutter mit der Weichheit des Hermelin vereint, kann sie das Auge rühren bis zur Sankbarkeit einer Träne. Lind fegt es vom Lindauer Winkel her. wirft Blitze ins Eis, Finsternis auf den Grund, kreischt, birst, tost und die Rächt sitzt schon im Hinter­halt und der Mond treibt als Wrack und die Seemädchen schreien und pfeifen aus der Tiefe, dann wird die Seele dir sauber gefegt von allem, was je die Stadt dir angetan. lind ist das Eis tragbar, dann bist du vielleicht selbst eins der Irrlichter, der schleifenden, kurvenden, reigenden Schlittschuhläufer mit ihren Laternen über dem nächtlichen See.

Freilich, im heurigen Jahr hat der Winter sich selbst, scheint's, verschlafen. Ser Reiter, der über den Bodensee reitet, der Winterreiter hat die Zeit verpaßt. And die Munstertürme recken vergeblich ihre Rasen nach Schneeluft in den Wind. Sie seriösen schwarzen Stadlgartenfchwäne selbst wundern sich.

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gleicht der Wald dort einem See. Somit soll aber nicht getagt sein, daß dort auch auf» gefüllt werden mühte'1 Denn nun die vielen Arbeiter und andere, die den Weg in der Sunkelheit machen müssen, nicht Im Walde bis über die Knie im Wasser waten wollen, so müssen sie wohl oder übel auf der Strafte, die doch eigentlich für den Verkehr beftimmmt ist. durch Schlamm waten. Es träiv angebracht und lehr erwünscht, tr-enn hier recht bald Abhilfe geschaffen würde Ser Sank aller, die diese Strafte benutzen müssen, würde gewiß sein.

Bg. Groß en-Buseck. 3 Febr. Zum Abschluß seines Vereinsjahres veranstaltete der Turnverein Gut Heil" einen in allen Seifen wohlgelungenen Unterhaltungsabend. Sie unter Leitung des Herrn A. R i c o l a l zu Gehör gebrachten musikalischen Sarbictungen waren sehr gut. In gehaltvoller Ansprache begrüßte der Vorsitzende Größer die zahlreich Erschie­nenen und wies aus die hohe Bedeutung des Turnens als der gesündesten und zweckmäßigsten Leibesübung hin. Die teils prächtigen turneriteben Leistungen bezeugten die Wahrheit seiner Worte. De': die öffentlichen Darbietungen des Vereins regelmäßig Besuchende konnte erfreuliche Fort­schritte der Turner seststellen und wiederum beob­achten. welch vorzügliche Wirkungen regelmäßiges Turnen auf die Kräftigung deS Körper« und auf die Gewandtheit und Sicherheit der Be­wegungen auöübt. Besonder« lodend seien hier die Gewandtheits-Freiübungen erwähnt. Das von tiefem Ernst getragene, gehaltvolle Theaterstück Zwei Brüder" stellt au« verschiedenen Gründen erhebliche Anforderungen an die Mitwirkenden. Doch muß gesagt werden, daß die sämtlich noch jugendlichen Darsteller sich ausgezeichnet ein­gespielt hatten. Das Lustspiel ..Drei Freier aus einmal" erweckte stürmische Heiterkeit und wurde ebenfalls flott gegeben. Sie unter Leitung des Turnwarls Stephan stehenden lebenden Bilder und der Reigen der Turnerinnen gefielen sehr. Haltung und Auftreten der Turner zeugten von gutem Geist Es wäre im Interesse der Heran­wachsenden Jugend, wenn mehr Eltern, als dies bisher der Fall war, ihre Söhne veranlassen wollten, sich der turnerischen Ausbildung m diesem rührigen Verein zu unterziehen.

Kreis Friedberg.

wollte es der Zufall, daß es Winter war, als ich das erste Mal persönlich den Bodensee, den Dodan-See. erblickte. An einem kalten stürmi­schen Rachmittag im Anfang Dezember.

Ser Zug von München hatte, die Allgäuer Sportberge Oberstauffen. Immenstadt pas­sierend, Lindau erreicht, als der Schneesturm ge­rade mit Macht und Ausdauer aus diesem Wetterwinkel, wo drei Länder und vier Winde zusammenstoßen, sich wie ein Rudel Wölfe auf die Seefläche warf. Hier und da trieben los­gerissene Eisstücke, die sich in den stillstehenden kleinen Uferbucheungen gebildet haben mochten, auf den wohl teils infolge der heftigen Unter- strömung des Rheins länger eisfrei bleibenden Hauptsee hinaus. Run ist Lindau im Winter überhaupt nichts als eine einzige große Warte­halle. Man wartet entweder mit Skiern auf den Zug nach dem Allgäu oder BregenzInnsbruck, oder man wartet mit Gepäck auf die Seedampfer, die einen nach Württemberg, Baden oder der Schweiz bringen; hat man Zeit, und man hat ja meist sehr lange zu warten, so sieht man zu, wie vom Ende der einen Molenkurve der Bay­rische Löwe nach dem Leuchtturm, vom Ende der anderen der Leuchtturm nach dem Bay­rischen Löwen blinzelt, über den man bereittoil- ligst erfährt, er sei von Halbig modelliert. Aber es ist Halbig hin. Halbig her ein echt bayrisch-bierdurstiger Löwe, wie man ihn vom Hofbräu in München oder von der Auer Dult her kennt. Er sitzt scheußlich im Zugwind, man weih nicht recht warum. Sann lieft man das ist wirklich mit einem Seitenblick auf das Inselörtchen amüsant ein Plakat mit der AufschriftLindau, das deutsche Venedig". Darunter stehen dann die befichtigungswerteste Sehenswürdigkeiten.

Aber schließlich war doch die Sperrkette ge­fallen (der Dampfer hatte zwar schon eine halbe Stunde bereit gelegen, aber die Sperrkette ...), man sah unter Deck und sah nun ab und zu durch eins der runden Schiffsaugen auf das Wasser, dessen kaltes Smaragdgrün immer schwärzlicher tnitrh» SSinler Ronnenborn akommen schon die

,L Wieseck. 4. Febr. Die unter Rindviehbestand de- Landwirts Wilh. bei III. auSgebrochene Maul- und Klauen­seuche hat sich glücklicherweise nicht weiter aus- gebrcilct. Dieser Tage wurde nun der getarnte Klauenviehbestand des betreffenden Land­wirts abgeschlachtet, fo daß jede Gefahr beseitigt und nunmehr Erleichterungen der ange­ordneten notwendigen Sperrmaßnahmen vorge­nommen werden konnten. Rach einer Bekannt- machung des Kreisamts Gießen ist das Sperr­gebiet (Ort und Gemarkung Wielecki äuf­ne b o b c n und nur noch auf den seuchenver­dächtigen Stall beschränkt. Das seitherige Sperr­gebiet ist Beobachtungsgebiet. Dadurch ist es möglich, daß die Landwirte ba«_ seither günstige Winterwetter weiter ausnuyen können. Auch be­ginnt jetzt das Holzfahren, für viele Landwirt« in der verdienst armen Zeit eine gern toahrge- nrmmene Gelegenheit, den nun einmal vorhan­denen Geldmangel etwas abzuhelfen. Eine länger anhaltende Sperre wäre al« sehr lästig empfun­den worden. Im Laufe des Januar waren seitens der Gemeinde 35 männliche und 4 weib­liche Erwerbslose zu unterstützen. Dies be­deutet gegenüber dem Vormonat eine Stei­gerung um 15 Prozent. Zuschlagsernpsänger waren vorhanden: 22 Ehefrauen und 36 Kinder.

wollenden Wesens

Jedes geschichtliche Unternehmen endet schlecht. Dock wäre ohne die Morschheit (Feig­heit, innere Erstarrung) stürzender Größen neues Wachsen nicht möglich, und der Gesämtverlauf des Geschehens erscheint gleichwohl sinnvoll trotz schlechter Ausgänge der Episoden. Der Charakter des Lebensprozesses offenbart sich so in der Ge­schichte als unaufhaltsamer Fluß einer fortlaufend sich erfüllenden Melodie. Aus der Freiheit des geschichtlich Handelnden erwächst Veranttrortlich- keit und aus der Rotwendigkeit der Aktion die Schuld. Zwischen den Gegenpolen von Einzel­wert und Gesamtverlauf spannt sich in Dem Zwischenreich zur Freiheit, dem Reich zwischen Werden und Vergehen, die Tragödie des Lebens.

Vielgestaltig ist diese Tragödie: Das Schick­sal scheint unentrinnbar, der Konflikt schlechter­dings unlösbar, weil Wei't gegen Wert mit gleichen Waffen kärnpst. weil Schuld gleichzeitig Unschuld ist ohne Möglichkeit moralischer Ent­scheidung. wenn der Widerstreit zwischen Rot­wendigkeit und Richtigket ohne Ausgleichsmög­lichkeit empfunden wird, wenn Einzelw lle schöpfe­risch aufsteht gegen stärkeren Gesamtwillen. Sie ist kumulierte Schuld, die nur durch die Offen­barung des Opferwillens zur Freiheit gelangen und ihre Uebermacht zeigen kann.

Letzte Menschenwürde verbietet Streben nach Erfolg und Triumph. Vielleicht ist sogar der Mut des Don Quichote zur Lächerlichkeit als

Graf Keyserling:

Geschichte, die Tragödie des Räum­lich-Zeitlichen".

(Liter. Gesellschaft und Gießener Theologenschaft.)

Jede geschichtliche Fixierung ist die Schaf­fung einer nicht mehr diskutablen Basis für alle späteren Diskussionen; sie wird geltend vorge­nommen von der Partei des Erfolges und des Sieges, die der Unterlegenen das Siegel des mangelnden Wertes aufdruckt. Sie ist Sinn­gebung sinnlosen Geschehens im allgemeinen: sinnvoll allein durch die Bedeutung des sinn-

4 Dad-Rauheim. 3. Febr. Die hiesige Ortsgruppe des Flottenvcreins, die in den In­flationsjahren ihre Geschäftsführung einstellte, hat sich als D eu t scher Seeverein wieder neu- belebt. Eine dieser Tage einberufene General- Derfammlung, die von alten Freunden zahl- veich besucht war. wählte den neuen Vorstand mit Oberst a. D. Koettfchau an der Spitze und beschloß wieder rege zu werben und zu arbeiten, vor allem durch Lichlbildervorträge die Bedeu­tung der Flotte für unser Volksleben schildern lassen. Die Ortsgruppe des S e e De re ' ns , der Deutschen Kolonialgesellschaft und des Vereins für das Deutschtum im Au « - lande haben die Absicht, in eine Arbeit-- und Interessengemeinschaft zu treten, . ba die Ziele, die sie erstreben, vielfach gleicher Art sind. Eine rege Tätigkeit entfaltet der Obst - und Gartenbauverein, für Den hier in Dem Kreise der zahlreichen Kleingärtner, sehr viel Sympathie vorhanden ist. Wte der Jahresbericht in der Hauptversammlung mitteilt, zählt Der Verein 262 Mitglieder. Sehr viel Aufklärung bietet der Verein in seinen regd- mäßigen Monatsversammlungen durch lehrreiche Vorträge. So schloß sich auch an die Hauptver- sammluiig wieder ein Vortrag über DenStick­stoff und seine Verwendung" an. Der Redner, Lehrer Re xroth, verstand es. durch Versuche und klare Darbietung selbst Dem einfachsten Mann die in Frage kommenden chemischen Vorgänge und ihre Anwendung bei der Düngung verständlich zu machen. __

fif. Friedberg, 2. Febr. Die Wetter» aucr Museumsgesellschaft hielt in der Aula der Augustinerschule eine geschäftliche Sit-

Auch hier ist eine beträchtliche Steigerung gegen­über dem Vormonat (17 Ehefrauen und 24 Kin- ber) zu verzeichnen. Die Erscheinung, daß nach dem Weihnachtsfest inv allgemeinen auf Dem Arbeitsmarkt eine gewisse Flauheit eintritt, ist also auch hier zu verzeichnen. Hoffentlich tritt nunmehr eine allmähliche Besserung ein. Vor­läufig ist für einen Teil Der Erwerbslosen in­soweit besser gesorgt, als ab Montag 27 Mann von der Stadt Gießen als Rotstands- ar bei ter zur Planierung des Triebs herangezogen wurden. Der Verdienst der De» tresfenden ist wie folgt geregelt: 1. volle Er- weibSloscnunterstützung. 2. 120 Prozent Zuschlag zur männlichen Erwerbslosenunterstühung und 3. eine Mark Wochen Prämie.

II. Lollar, 3. Febr. Im vergangenen Som­mer wurden an der Straße nach Gießen, unterhalb des Lollarer Sportplatzes. AuS- besserungsarbeiten vorgenommen, um Die Verkehrsfähigkeit dieser sehr stark befahrenen Straße zu heben. Wer damals das Material sah, womit man die unzähligen tiefen Löcher und aus- gefohrenen Wagenspuren ausfüllte, der mußte sich sagen, daß diese Ausbesse runas"arbeiten keine Besserung bringen können. Daß eine Mischung von Dasaltkleinschlag und sog. Knirsch. ohne ge­walzt zu werden, keinen festen Grund abgibt, zu­mal es an der bezeichneten Stelle sehr schlecht ab trocknet, muß wohl einleuchten. Dann zum Schluß noch die abgestochene Erde des Grab-n- randes oben Drauf, da mußten sich die schönsten und angenehmsten Aussichten für die feuchtere Jahreszeit eröffnen. Heute begehen und be­fahren wir nun eine Straße, deren Zustand einfach unbeschreiblich ist. Haben schon Fuhrwerke ihre liebe Rot, durch diesen Schlamm hindurchzukommen, so geht es dem Fußgänger noch um vieles schlechter. Die ganje Straßen- breite einschließlich des Pfades für Fußgänger ist derart aufgewühlt, daß diese Hauptstraße, auf der sich ein sehr starker Verkehr abwickelt, eher einem frisch ge stürzten Acker gleicht, als einer ausgebesserten Straße. Der ganze Fuß­gängerverkehr. ebenfalls ein beträchtlicher, muß sich unter diesen Umständen auf der anderen Grabenseite direkt am Waldrand vollziehen. Der Gang auf Waldesboden ist gewiß etwas schöner, hier wird aber diese Annehmlichkeit durch den Regengott etwas verleidet, denn streckenweise

Partei auszusto 6 en. Von den einzelnen Pha- i fen dieser Bemühungen wird man auch draußen im Reich nur allzu viel vernommen haben. In­zwischen hat nun Die Reich-Parteileitung Der S. P. D. sich mit den Verhältnissen in Sachsen besaht und alle Ausstoßungsbeschlüsse zurück­ziehen lassen. Sie Reichsleitung der S. P. S. stützt also die sächsischen Regier ung-sozialisten und billigt Deren Zusammenarbeit mit Den bürger­lichen Parteien.

Tatsächlich muß man Die Erfolge Der jetzigen Regierungskoalition anerkennen. Sic Finan­zen Des Staates sinD wieder in Ordnung ge­bracht, Die Schulreform des volksparteilichen Kultusministers Sr. Keifer löste Befriedigung im Lande aus. und das Vertrauen des Volkes zur I u st i z wuchs wieder. Handel und In­dustrie blühten nach der Zeit Des Ruins lang­sam wieder auf. und S re« Den selbst, das als Fremden stadl wegen seiner nachrevolutio­nären Unsicherheit an Rus verloren hatte, wurde wieder eine Der meistbesuchten Städte im Reich. Man muh erwähnen, daß die Leipziger Messen ein immer steigendes Interesse in der ganzen Welt finden, daß die Qualiläteleiftungen der sächsischen Industrien langsam ihren alten Ruf zurückerobern und daß Darüber hinaus auch das kulturelle Leben sich auf allen Ge­bieten her Kunst wieder regt. Wir. die wir die Verhältnisse unter Zeigner erlebt haben, wissen es zu schätzen, was die Rückkehr von Ruhe. Ord­nung und Sicherheit bedeutet.

Aber die Entwicklung bleibt nicht stehen, und neue Ereignisse tauchen am politischen Ho- rizont unseres Landes auf. Es ist nicht abzusehen, wie sich die Verhältnisse des Reiches bei uns auswirken werden. Sie sozialdemokratische Reichs- Partei befindet sich gegenüber der Regierung Luther in Opposition, und so ist es durchaus mög­lich, daß die an und für sich schwer umkämpsle Stellung her gemäßigten Sozialisten Sachsens unh beren Koalitionsbereitschaft mit bürgerlichen Parteien erschüttert wird. Sie jetzige Lan­desregierung wird, weil sie von links scharf be­drängt, von rechts dagegen kaum befehdet wird, von vornherein auf eine Erweiterung nach rechts hingewiesen. Siefe Entwicklung wird noch deutlicher, wenn man die Reichstagswahlen und ihr Ergebnis in Sachsen betrachtet. Mit Recht kann man die Ansicht vertreten, daß auf Grund dieses Wahlergebnisses die bürgerlichen Parteien bei einer Landtagsneuwahl nicht unerheblich gc- stärkt ins Parlament zurückkehren würden. Es ist aber bei Reuwahlen zu bedenken, daß sie auch Der Anstoß zu einer verstärkten Radi­kalisierung Der Linkssozialisten sein würden, weil diese zur anderen Oppositionspartei, zu den Kommunisten hingedrängt würden. Cs liegt also vorläufig kein Grund vor, die Reu­wahl au beschleunigen, Denn diese Reuwahl würde einen schweren Entscheidungskampf zwischen rechts und links bedeuten. Aber es ist möglich, daß Kräfte, Die von hier aus nicht zu kontrollieren sind, konform mit Dem Reiche auf eine Ent- scheidung Drängen, Die doch über kurz ober lang kommen muß.

Der noch unentschiedene Kampf innerhalb Der Sozialdemokraten beweist, bah Sachsens inner- politische Entwicklung noch nicht abgeschlossen ist. Die Opfer, die unser Land vom Jahr 1918 bis zum Herbst 1923 gebracht hat, sind eine schwere Schule gewesen, die uns gelehrt hat, auf politische Experimente zu verzichten die aber auch bie Erkenntnis wachsen lieh von dem, was uns not tut Und das ist Die energische Abkehr von Dem RaDikalisrnus der Linken, Der uns so schwere Jahre bereitet hat. Es ist ausgeschlossen, bah Sachsen sich noch einmal in bie Arme dieser mehr oder rninher von Ruh­land abhängigen Leute treiben läßt. Auch Die leiseste Tendenz, uns noch einmal eine radikal- marxistische Regierung zuzumuten, hat Die Folge des so f ortigen Kampfes um Die endgültige Entscheidung über bie rein bürgerliche ober rein marxistische Regierung. Und bieser Kampf wird,

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Dresdener Brief.

(Von unserem -p-Korresponhenten.) I Rachbruck, auch mit Quellenangabe, verboten

Dresden, Januar 1925.

Sie politischen Stürme, die in ben letzten sechs Jahren über Das Sachsenland hinwegge- vraust sind, waren schwer unD schicksal-reich, und Da« Lehrgelb, bas Das sächsische Volk an Er­schütterungen unD an Opfern hat zahlen muten, war hart. Denn als sich im übrigen Deutschland schon längst Die Wogen der inneren Kampfe zu glätten begonnen hatten, kämpften wir noch schwer um bie Konsolidierung. Aber was wir auch rrnmer erduldet haben, jetzt scheint langsam die Be­ruhigung einzutreten. Zwar hat das Steb, Das dem sächsischen Volke am Tage der letzten Landtagswahlen am 5. Rovember 1922 gereicht wurde, noch nicht alle Einflüsse unverantwort­licher politischer Führer und den ganzen Unrat, dec sich wahrend der Revolution aufgehäust hatte, zurückgehalten, und wir muhten noch manche un­heilvolle Saat' Wurzel schlagen sehen, aber jener Äovembertag des Jahres 1922 war doch der erste Schritt zur Besserung der Ver­hältnisse.

Damals hatten Sozialisten und Kommunisten im Landtage nur noch ein Mandat mehr als die bürgerlichen Parteien. Es ist bekannt, dah trotz- Dem noch eine rein sozialistisch-kommu­nistische Regierung für 11 Monate das Staatsschiff lenken konnte. Die Aera Zeigner setzte ein. Innenminister Lipinski trieb Die unheilvollste Beamten- unD Polizeipolitik. Kul­tusminister Fleihner forste für Den Ruin her einst so rühmlich bekannten sächsischen Schule, für Die Abschaffung des Religionsunterrichts, für Reinigung Der Liederbücher von christlichen Ge­sängen und sogar alten Marsch- und Soldaten­liedern, die längst volkstümlich geworden waren. Ser kommunistische Finanzminister Böttcher aber verwirtschaftete bie burch bie Inflation ohne­hin schwer erschütterten Finanzen bes Landes. Mit Unterstützung Der Regierung wüteten toirt- fchaftsstörende Streiks, Bergwerke und ganze Industriegebiete lagen still, und die Arbeits­losigkeit führte in Den StäDten und auf hem Lande zu Ausschreitungen, die sich wenig von den Ereignissen Des Jahres 1918 und 1919 unter» schieden. Sachsen war damals dank der Arbeit Böttcher- unD Renners nicht weit von Der Bol- schewisierung entfernt bis in letzter Stunde dann Da 6 Reich mit dem einzigen Mittel, Der bewaffneten Macht, eingriff, um Ruhe und Ord­nung wieder herzustellen.

Dann kam unter Der Führung des Sozial­demokraten He ID t Die große Koalition zustanDe, Die heute noch besteht. Gegenüber Dem Wirrwarr unter Zeigner war die Arbeit dieser Koalition so sehr eine Erlösung. Daß auch Die Deutschnationalen im wesentlichen eine j wohlwollende Neutralität bewahrten. Von der Volk-Partei bis zu Den gemäßigten SoziaDemokraten ein Zentrum gibt es in Sachsen nicht arbeitete man am vernünftigen Wiederaufbau.

Aber die Lehren her Aera Zeigner wirkten sich auch auf Die inneren Verhältnisse her Sozialdemokratischen P a rt eiaus. Von Den Streichen ihrer kommunistischen Freunde ernüchtert, erkannte die gemäßigte Linke Die Gefahren einer Radikalisierung. Darum auch Die Bereitwilligkeit, mit Der Volkspartei unD den Demokraten zusammenzugehen. Aber diegemähig» ten Elemente mußten die Oppositionsandrohung des radikalen Flügels ihrer eigenen Partei und die Der Kommunisten in Kauf nehmen. Die radikalen Sozialisten haben Im Landtag 15, Die gemäßigten 23 Abgeordnete. Führer der Radi- j kalen ist das Dreigespann W e d e l * 21 r ,31 - 2 i - pinski. Sie machen alle Anstrengungen, die Gemäßigten unter Helbt wegen Verrats am mar­xistischen Gebanken und wegen des freundlichen Einverständnisses mit b?r Bourgeoisie aus der

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