Nr. 258 Srvrites Blatt
Iip,er Deutschtum.
Von unserem E. E.-Korrespondenten.
Prag, Oktober 1925.
Ein wunderlich Nölklein sind die Zipser Deutschen, seltsam und schwer verständlich für den Reichsdeutschen, wie der Name ihres Ländleins Zips, über helfen Bedeutung sich die Zunft der Philologen ihre Köpfe zerbricht. Seit 800 Jahren oder mehr sitzen sie am Fuße der Karpathen, dort, wo diese ihr Waldkleid von sich werfen, um in jähem Aufsprung zu den schimmernden Gipfeln der hohen Tatra aufzusteigen.
» Ganz langsam sind die Bande mit der alten Heimat zerrissen, allmählich sank wieder ein versprengtes Stück vom deutschen Volkskörper dem Untergang in den Fluten fremrassiger Stämme entgegen. Doch dies völlige Zurückweichen vom alten Deutschtum ist erst im letzten Jahrhundert erfolgt. All die Jahrhunderte vorher wogte der Wellenschlag deutschen Lebens aus der Heimat bis in die Zips. Als alte Mitgabe aus dem Vaterlande brachten die Einwanderer, die aus verschiedenen Stämmen usid zu verschiedenen Zeiten ins Land kamen, ihr deutsches Recht mit, das sie später mit einigen Neuerungen versehen in ihrer „Zipser Willkür" kodifizierten. Deutsche Sprache und deutsche Sitte hielten sie heilig, und ihre Kraft wuchs durch die Rechte der Selbstverwaltung, die ihnen die Könige Ungarns, ihre Gastgeber, verliehen. Deutsche Kunst hat in den Städten der Zips geblüht; zeigen sie auch in ihrem Bau, mit ihren weitschnutigen, hochhaubigen Häusern einen östlichen Anstrich, so steigt doch in der Gotik der Kirchen samt ihren Bildwerken das Loblied deutscher Schönheitsgestaltung empor. Ein Beit Stoß soll in seiner Jugend in der Zips gearbeitet haben und im Nürnberg der Zips, im alten Städtchen Lautschau, der früheren Königlichen Frei- stadt, drängen sich heute noch die Denkmals der Zipser Kunst zusammen.
Den größten Durchbruch deutschen Geistes, dis Reformation, haben die Zipser in den frühesten Jahren mitgemacht. Der Handelsverkehr über Schlesien nach Mitteldeutschland, mehr aber und aus» fchlaggebend der Besuch der Hochschule zu Wittenberg durch Zipser Studenten, waren die Mittler der Bewegung. Der Boden der Zips war aufgelockert }ür die Saat und schnell griff die Reformation um ich. Seither ist der größte Teil des Zipser Deutschtums mit dem Protestantismus aufs engste ver- 1 Lunden. Mit der Reformation kamen gute Schulen in das Land, bald sehen wir in Käsmark, Laut- : ßchau und anderen Orten Gymnasien auftauchen, die in späterer Zeit sogar noch einen Hochschulaufbau bekamen. Weithin trugen diese Schulen den Ruf der Zips, gelehrte Männer, wie Cox, der in Ungnade gefallene Erzieher Heinrichs VIII. von England, mürben als Leiter an sie berufen. Und doch haben ! diese guten Schulen in neuester Zeit am meisten I zur Zersetzung des Zipser Deutschtums beigetragen; nenn sie bildeten eine glänzende Intelligenz heran, die bem ungarischen Staat die besten Beamten und Geistesarbeiter lieferte, aber eben darum aus der I zu engen Zips abwanderte und im Magyarentum unterging.
Wechselvoll und vielseitig sind die Geschicke der j Zips. Am Rande des Ungarnreichs waren dis Einwanderer als Grenzwächter angesiedelt und mußten als solche manchen harten Sturm bestehen. Die Tar- tcren richteten die junge Kolonie fast zugrunde, bei
• inneren Kämpfen in Ungarn mußten die Zipser als i freue Gefolgsmannen ihres Königs einen schweren I Zlutzoll zahlen und im 15. Jahrhundert kamen die » Horden der Hussiten unter Giskra in das Land ge- f brachen. 1412 war die Einheit des Landes durch Verpfändung von 13 der wichtigsten Städte an Polen zerrissen worden. Die zurückgebliebenen Städte wurden bald von dem herrschsüchtigen inagyarischen Adel unter seine Gewalt gebracht und ihrer Kraft und Blüte beraubt. Die Adelsherrschaft in den einen, die Regierung der polnischen Starosten in den anderen Städten waren die Quelle für eines der wichtigsten Probleme des Zipser Deutfch- tuns, für die Slawisierung. Seither strömen in
I immer breiterem Strome die Masten der kmder- rrichen Slowaken in das Land. — Seit dem Schick- 'alsjahr 1526 gehörten die Zipser unter die Herrscht von Habsburg, wo es ihnen bis zu den Zeiten j b<r Gegenreformation nicht schlecht erging. Diese biachte den ersten Gegensatz zum Hause Habsburg, | hie Reformen Josephs II. den anderen und mit dem Erwachen des magyarischen Nationalbewußtseins in feiner antihabsburgischen Einstellung entfernten sich u»ch die Zipser immer mehr von ihrer deutschen 'ftcundgesinnung. 1848, im Jahre der Revolutionen nier Freiheitskämpfe, — wie man es heißen will —, listen die Zipser im Bund mit den Magyaren zu htn Waffen gegen Oesterreich. Seit dann durch Auf- loiung der Zipser Selbstverwaltung (1876) das letzte Eigene ihnen genommen war, assimilierten sich die
Gießener Konzertverein.
Walter Gieseking.
Walter Gieseking nimmt unter den Klavierspie- I lern der Gegenwart eine Sonderstellung ein. Wählend bei den meisten Pianisten die Töne des In- it-ruments das Primäre sind, aus denen heraus sie bi> Klangwelt aufbauen und erstehen lasten, schöpft gieseking aus der vergeistigten Klangvision des tomponiften und ordnet alles Technisch-Tonliche sei- n<m klanglichen Erlebnis unter. Als überaus sensible .'tatur, mit einem starken Hang zur Romantik, geht er dabei den feinsten Spannungen nach. Er schafft aus den ihm vorschwebenden Klangbildern heraus !>md folgt ihrem mannigfachen Wechsel im Verlause bss Stückes. So reiht sich ihm Episode an Episode, Intermezzo an Intermezzo, aber alles zusammen- ishalten von der einheitlichen Grundstimmung. — j ir ihn wird selbst die objektive Welt Bachs zur lUstektio gehörten Impression. Das Lineare ist nicht nc-hr für'fid) selbst da mit der ihm als Kurve innewohnenden Spannung, sondern es wird bei Giese- img zum Mittel, die Klangwelt darzustellen. Da in uh man sich von der üblichen Bachtradition um- teücn zu einer Auffassung, die von der Moderne oertommt, und die eine so ganz neue, persönliche Erstellung des Alten zeigt. Denn Giesekings Do- mene wird doch vor allem die Moderne sein und bleiben; seine Einstellung zur Musik weist ihm den l£eg dazu. Ja, in seinem Nachschaffen der Moderne leigt er mehr, als der Komponich persönlich wieder- umeben vermag. Ich erlebte es mit einem vielge- Ipielten Werk eines deutschen Impressionisten, der feilet ein Klavierspieler von Ruf ist; das vor Jah- ten von Gieseking gespielte Werk verblaßte beim persönlichen Vortrage durch den Schaffenden.
Dieser feinnervigen Einstellung Giesekings mtspricht auch fein Ton. Die Pianisten der ver-
Eietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gverhessen)
Zipser immer mehr dem Magyarentum. Die bis zum Umsturz 1918 fortschreitende Magyarisierung ist das zweite Problem, das bet der Betrachtung des sinkenden Deutschtums zu beachten ist. Wenn ihm auch der Zipser selbst aus blinder Liebe zu Ungarn nicht viel Bedeutung zuschreibt, so muß doch gerade der Außenstehende die Gefahr dieser Bewegung erkennen.
Ein drittes Problem hat sich als Folge wirtschaftlicher Schwierigkeiten dazugesellt, die Auswanderung. Während früher die Zipser im Handel mit Polen und Schlesien eine Art Monopolstellung gehabt hatten, wurde ihnen diese durch die Entwicklung von Verkehr und Technik entrissen, der Konkurrenz der österreichischen Großindustrie war der Zipser Gewerbetreibende nicht gewachsen. Solange die Tore Amerikas für Einwanderer ostenstanden, hat auch die Zips alljährlich ein großes Kontingent derselben gestellt. Während die deutschen Auswanderer sich in den Vereinigten Staaten meist dauernd niederließen, kehrten die Slowaken wieder in die alte Heimat zurück, um mit dem über der See verdienten Gelde eine freigewordene deutsche Wirtschaft zu kaufen. — Durch ihre Abwanderung nach Ungarn ging die deutsche Intelligenz, aber auch viele Gewerbetreibende, die in die Großstadt, den Verkehrszentren nach, zogen, dem deutschen Volkstum verloren. Aus- und Abwanderung samt Maghari- fierung unb Slawisierung führten so zum andauernden Rückgang des Deutschtums. Während es vor hundert Jahren noch 70—80 000 Deutsche in Zipfen gab, sind cs heute kaum mehr als 35—40 000.
Vor dem Kriege und dem ihm folgenden Umsturz konnte in der Zips von einer eigentlich deutschen Bewegung kaum mehr gesprochen werden. Ein Großteil der Schulen war freiwillig magyarisiert worden, in Lebensweise und -stil suchte man dem Magyarentum zu entsprechen, allein auf dem traditionsstarken Lande hielt sich bei der Bauernbevölkerung noch ein Rest von deutscher Sitte und altem Brauch aufrecht.
Die Friedensditlate mit ihrer tatfachenfremden Papierpolitik haben den Zipser wieder seinen Willen und ohne sein Befragen einem neuen Staat, dem wurstartigen Gebilde der Tschechoslowakei zu- geteilt. Doch dieser Gewaltstreich brachte ihn zur Besinnung. Aus Dragyarenfeindschaft gaben die Tschechen den Zipsern wieder deutsche Schulen, die wichtigsten Schulen sind freilich auch jetzt slowakisiert. Hilflos nach dem Umsturz hat der Zipser bald den Anschluß ans Deutschtum gefunden, sein nüchterner Verstaub und fein Realitätensinn waren ihm die Hauptweiser auf diesem Weg des Wiederfindens. Heute hört man wieder überall deutsch, was zum mindesten bei der Intelligenz vor 10 Jahren meist nicht der Fall war. Das Interesse für alle Fragen des Deutschtums, mit dem man sich wieder verbunden fühlt, ist wach geworden. Erst die Not gab also den Anstoß zu diesem Erwachen. — Mit dem Herzen sind die Zipser freklich auch noch heute Ungarn, mit dem Kopf indessen bewußte Glieder in der schicksalsschweren Kette des Auslanddeutschtums geworden.
Wirtschaftlich befindet sich die Zips durch den Verlust ihres natürlichen Absatzgebiets im unga- rischen Tiefland und die Konkurrenz der böhmisch- mährischen Großinbustrie in einer schweren Krise. Reichsdeutsches Kapital könnte, dort angelegt, sicher reiche Früchte tragen. — Ein Besuch der deutschen Tatrabäder und der Berge von reichsdeutscher Seite kann viel zur Stärkung des Zipser Deutschtums beitragen.
Das deutsche Volk auf der ganzen Erde muß sich in seiner Kulturgemeinschaft zusammenfinden, um den geistigen Kampf für feine Freiheit zu bestehen. Kein noch so kleiner Dolkssplitter soll dabei vergessen werden, denn: „Wir wollen sein ein einig Bolk von Brüdern!"
Pariser Vries.
Von unserem ständigen 8.-Korrespondenten.
Paris, 2. Nov. 1925.
Der Unterschied zwischen einem Deutschen und einem Franzosen ist — auf die kürzere Formel gebracht — zweifellos dieser: der Franzose ist Außenmensch, der Deutsche Jnnenmensch. Dieser Unterschied prägt sich überall ganz scharf aus: in der Geschichte wie in der Politik, im kulturellen wie im täglichen Leben. Diese Unterscheidung ist letzten Endes der tiefste Grund für so viele Erscheinungen im Alltagsleben des heutigen Frankreichs, Erscheinungen, die dem Fremden zunächst unfaßbar sind, die er einfach nicht begreift. Will man aber solche Erscheinungen psychologisch verstehen, so muß man sich unbedingt an diese Formel halten: der Deutsche ist Jnnenmensch, der Franzose Außenmensch. Dann gewinnt man eher Verständnis für das heutige Paris. Dann versteht man, welche Bewandnis es hat mit dem berühmten französischen „Elan", der gangenen Generation gerieten oft in das Ansehen von Kraftmenschen; hier das Gegenteil. Es scheint so, als schmeichle Gieseking dem Instrument seine Töne ab. Und was für Töne! Sammetweich, glitzernd, kriftallhell wie SUberglöckchen, ein Schwelgen in Klangdelikatessen! Und dennoch niemals feminin, immer wieder spürt man den starken Willen, der gezähmt im Hintergründe ruht. Und dann wieder voll, gesättigt, aber frei von jeder mechanischen Härte; innerlich vibrierend, fein schwingend. So vermag er Klänge zu wecken, die man auf dem Klavier kaum für möglich gehalten hätte.
Wenn Gieseking unter diesen Voraussetzungen Bach (Englische Suite Nr. 6) spielt, erscheint einem dieses Werk in neuem Lichte, so völlig anders. Oder Domenico Scarlattis Sonaten. Diese Zwischenglieder in der Entwicklung zur großen Klaviersonate hin; noch einsätzig, nicht von den Problemen der heutigen Sonate erfüllt; liedförmig, ohne Durchführung im heutigen Sinne; Spielmusik. Und was für Kabinettstückchen intimer Kleinkunst wurden sie unter den Händen Giesekings!
Schumanns „Kreisleriana" mußte bei der romantischen Veranlagung Giesekings zum Höhepunkt des Konzerts werden; eines der leidenschaftlichsten und bedeutendsten Klavierwerke Schumanns. Der Titel, oft irrtümlich mit E. T. A. Hoffmanns „Kreisle- riana" in Verbindung gebracht, ist wohl mehr auf das phantastische Verhältnis Kreislers zu Julin in Hoffmanns „Kater Murr" zu beziehen, dessen Rea- lifierung Schumann in seinem Ringen um Klara Wiedt erblickte. Das Werk selbst hat Schumann Fr. Chopin, seinem vermeintlichen Doppelgänger, zu- geeignet. Die Reihe der sehnsuchtsvollen, schwärmerischen Phantasien gibt ein wechselndes Bild von Schumanns Stürmen und Drängen, von weicher, inniger Lyrik. Das rechte Element für Giefekina, dieses Aus unb Ab der Stimmungen; das Auf-
auch im politischen Leben neue Größen ebenso rasch aus das Schild erhebt, wie er unbeliebt gewordene Führer über Nacht in die Versenkung verschwinden läßt.
Sicherheits- unb Paktfrage inter- effieren die Masse des französischen Volkes kaum, sondern das Schuldenproblem und die F i - n a n z l a g e des Landes mit all ihren Zusammen- hängen. Wenn man wahrheitsgemäß berichten will, was in den letzten Wochen fast das einzige Gesprächsthema aller Pariser bildet, so müßte man ausführlich über die immer rascher zunehmende allgemeine Teuerung schreiben, die mit all ihren Folgen und Auswirkungen die Bevölkerung in immer stärkerem Maße beunruhigt, da kein Mensch voraussagen kann, wohin dieses fortgesetzte An- ziehen aller Preise überhaupt nach führen soll. Die Teuerung bildet die Sorge des kleinen Mannes, des Beamten, des breiten Mittelstandes, die Teuerung, die Brot, Mieten, Schuhe und Fleisch, oder auch die Fahrpreise für Straßenbahn, Metro und Omnibus fortgesetzt steigert. Die mittelbaren und unmitelbaren Folgen dieser Teuerungswelle sind groß. Der Bankbeamten st reik dauerte über Monate und lähznte das gesamte Wirtschaftsleben ebenso sehr wie die Zeichnung für die neue große wertbeständige französische Staatsanleihe, deren Zeichnungsfrist soeben zum zweitenmal um mehrere Wochen verlängert werden mußte.
Die kürzlich erfolgte Erhöhung der Post- t a r i f e (von 25 auf 30 Centimes für einen In- lanbbrief ufm.) nahm das Publikum im allgemeinen ohne Murren hin, weil ein einziger Sou heute in Frankreich tatsächlich kaum noch einen Centimes Wert hat. Um so ungehaltener aber sind die Pariser über die recht beträchtliche Erhöhung der Fahrpreise für Straßenbahn unb Autobusse, die durchschnittlich um 30 bis 40 Proz. erhöht wurden. Die Teuerung läßt auch namentlich die untere Beamtenschaft nicht zur Ruhe kommen. Besonders unter den Postbeamten gärt cs schon feit Wochen in immer bedenklicherer Weise trotz der Anstrengungen der Behörden, es nicht zum Aeußersten kommen zu lassen.
Was soll die Regierung machen? lieber Etatsüberschüsse für Gehaltserhöhungen verfügt sie nicht. Ohnehin sind für die unausbleiblichen Marokkokredite und den Zinsendienst für die englischen und amerikanischen Kriegsschulden keinerlei Fonds vorhanden. Man bemüht sich krampfhaft, der allgemeinen Teuerungswelle Einhalt zu tun, doch sind die Ergebnisse aller behördlichen Eingriffe bis jetzt recht mager. Die allgemeine Preissteigerung ist nicht aufzuhalten. Erschreckend hoch sind in Paris z. B. die Mieten, namentlich für möblierte Wohnungen. Im 16. Stadtbezirk z. B. (allerdings einem der teuersten von ganz Paris) werden von durchaus nicht immer gut möblierte Wohnungen 1000 Franken pro Zimmer im Monat verlangt und bezahlt, wobei Küche und Badezimmer unberechnst bleiben, andererseits aber Silber und Bettwäsche nur in seltenen Fällen mit zur Verfügung gestellt werden. Auch die Hotelpreise werden immer hoher. In vielen Hotels, und zwar nicht solchen ersten Ranges, sind Zimmer unter 40 bis 50 Franken (ohne Frühstück und Bedienung) überhaupt nicht mehr zu haben. Allerdings werden die Hotclpreise nach Schluß der Pariser Internationalen Kunstausstellung, die riesige Fremdenmasscn nach Paris lockt, wohl wieder etwas heruntergehen.
Die wirtschaftlichen Note drücken sich u. a. auch deutlich in der Bilanz der Pariser Theatersaison 1924—25 aus. Altberühmte Theater, wie das Theater Vaudeville oder das Theater Marigny, wurden in Kinos ober Operettentheater umgewandelt. Das bis vor dem Kriege noch so bedeutende Renaissance-Theater ist durch fortwährende Weiterverpachtung augenblicklich vollständig heruntergewirtschaftet und "öffnet feine Tore nur noch für zeitweilige Gastspiele besonders hierfür zusammengestellter Trupepn. Selbst die größten Theater leiden unter der allgemeinen Teuerung. Die E o m6d i e Fran^aise z. B. muß notgedrungen zwischendurch auf einige „Reißer" zurückgreifen, die der Würde und dem wirklich sehr hohen Niveau dieses Theaters nicht immer entsprechen. Auch Garnier, der so außerordentlich rührige Direktor des Zweiten staatlichen Pariser Schauspielhauses, des O d 6 o n, verzweifelt und muß seine künstlerischen Pläne erheblich zurückschrauben. lieber diese Theatermisere, die natürlich nicht ohne weiteres zu verallgemeinern ist, täuscht auch nicht die Tatsache hinweg, daß mehrere Theater überhaupt keine Sommerferien machen, sondern durchspielen. So z. B. die Große Oper ober eine Reihe kleinerer, sehr vornehmer Schauspielbühnen, die aber, dem Geschmack des Fremdenpublikums entsprechend, zum Teil recht seichte Ware, wenn auch in glänzender äußerer Aufmachung, bieten.
Damit sind wir schon wieder -bet der Äußerlichkeit des Franzosen angelangt. Die sich in Paris zu- schwingen zur höchsten Kraft, wo der Flügel selber der klanglichen Fülle die letzte Grenze setzt; ein klangliches Huschen, Verlieren in ein Nichts. Ein starker Eindruck, voller Bannung!
Der letzte Teil des Programms gab der Mo- berne bas Wort: zwei Sonatinen von Ferruccio Busoni; eine Sonate von A. Skrjabin. Busonis Sonatinen, Spätwerke bes leiber zu früh verstorbenen Meisters, zeigen den modernen Klaoiersatz in letzter klanglicher Konsequenz. Eine fast ans Artistische grenzende Klangausnützung, Klangimpressionen, Sphärenmusik, entmaterialisierte Klänge in höchster Abstraktion. Bei weitem war die erste „Sonatina in diem natioitatis Christi 1917" mit seinen Andeutungen der Hirtenmusik, dem Choralfugato die wirkungsvollere. Die Sonata ab usum infantis erschien zu rhapsobisch, intermezzohaft, wenn auch charakteristisch, so doch nicht immer gleich edel in musikalischem Ausdruck.
Dem Werk Skrjabins fehlte die innere Notwendigkeit, an die Stelle bes musikalischen Geban- Eens mußte bas Artistische treten; aufbrausend, hämmernd, bis zum Klanggetöse; alles bas konnte nicht über eine gewisse innere Leere bes Werkes Innwegtäuschen. Und nur allein die Wiedergabe, Giesekings eminentes pianiftisches Können, konnte die Hörer fesseln. Es war interessant, diese Werke zu hören. Dazu ist eine Darbietung solcher Art wohl geeignet, das Urteil bes Publikums ber Moberne gegenüber zu schärfen.
Ein bedeutungsvoller Auftakt für die beginnende Konzertsaison, die den Gießenern noch manchen kommenden Genuß verheißt. -ifl-
Frankfurter Theater.
3m Reuen Theater wurden dje »Figuranten" von 2Inbre Dirabeau unausgeführt. Andrü Dirabeau ist längst kein Mirabeau, er
Dienstag, 3. November (925
nächst jedem Fremden stark bemerkbar machende Vergnügungssucht führt zu Trugschlüssen. Restaurants, Kinos, Zirkusse und Revuetheater sind immer voll besetzt, aber die Besucher stellt nicht nur Paris, sondern zum weitaus überwiegenden Teile Provinz und Ausland. Immerhin sind die Einnahmen ber Pariser Theater und Kinos nach der soeben veröffentlichten amtlichen Steuerstotistik über bas Jahre 1924 erheblich. Gegenwärtig gibt es in Paris 159 Kinos, bic im vergangenen Jahre insgesamt etwas über 100 Millionen Franken vereinnahmten. Die Einnahmen ber vier Staatstheater (Oper, Dpörc Comique, Odöon, Comödie Fran- xaise) betrugen runb 35,5 Millionen, die der übrigen Theater 98 Millionen, die der Virietes 94 Millionen, die der vier Zirkusse 11 und die der Tanz- lokale ebenfalls 11 Millionen, während die Pariser Museen insgesamt noch nicht zwei Millionen Franken vereinnahmten. Die beiden größten Revue- Theater von Paris, nämlich Casino und Folics Bergtzres, vereinnahmten im Jahre 1924 allein 11,5 Millionen. Ausfallend ist es übrigens, daß die Pariser Zirkusse, denen es vor wenigen Jahren noch recht schlecht ging, seit kurzer Zeit ständig steigende Einnahmen zu verzeichnen haben, der Zirkusbesuch in Paris wie in ganz Frankreich also in den letzten Jahren zunimmt. Bon den Kinos hat bas größte unter ihnen im vergangenen Jahr annähernb sechs Millionen Franken vcreinnahini. Das größte Pariser Kino und zugleich bas größte ber ganzen Welt hat 6000 Plätze.
Man sieht aus biefer Statistik, baß das Geld in Paris stark rollt, aber ber äußere Schein darf, wie gesagt, nicht zu Trgschlüssen führen. Der Pariser Mitt e l st a n b hat seine Sorgen, und wenn es auch in Paris überhaupt keine 2Irbcitslofen gibt, so blickt doch manche Familie mit wachsender Sorge dem kommenden Winter entgegen.
Die deutsche Schule in Rom
Von Karl Dotter in Alsfeld.
Wenn der deutsche Wanderer, von Norden her- kommend, die ewige Stadt auf den sieben Hügeln durch die Porta bei Popolo betritt*) unb seine Schritte in süböstlicher Richtung burch die Bia del Babuino über die spanische Treppe nach der Dia Sistina lenkt, bann führt ihn fein Weg vielleicht in eine Seitenstraße rechter Hand, nach der Dia Zucchelli, unb fein Blick fällt an einem hohen Hause auf ein Schilb neben ber Tür, bas die Aufschrift „Scuola Germanica" trägt.
Hier ist bie beutsche Schule in Rom. Ein Stück Heimat in ber Frembe, ein Fleckchen Vater- lanb in weiter, weiter Ferne! Wenn bu Glück hast, ertönt bir vielleicht gerabe aus ben geöffneten Fen- ftern ein bcutsches Volkslieb, ein Heimatgesang entgegen. Du stehst unb lauschest; ein Wonnegefühl überströmt dich! „Die Heimat über den Bergen, wie liegt sie so weit, so weit!" Mer hier ist Heimatluft, deutscher Geist, deutsche Seele!
Du trittst in die freundlichen Hallen ein unb fühlst hier den Hauch der Heimat, den Puksfchkag deutschen Lebens. Im Treppenhaus grüßen dich bekannte, liebe Freunde: Goethe in der Campagna von Tischbein, ein Bismarckbild, Bilder von Helgoland, vom deutschen Rhein, der Kölner Dom u. a. m. Du grüßest sie stolz, diese Helden deutschen Wesens, diese Riesen deutschen Geistes, die Stätten deutscher Kunst und deutschen Lebens.
Der Schuldiener Antonio tritt dir entgegen unb führt bich in bas Amtszimmer des Direktors. Du findest einen freundlichen, herzlichen Empfang unb bist sofort heimisch unb vertraut. Herr Direktor G. Reisinger zeigt dir die Schulräume, das Lehrerzimmer, bie Lehrmittel unb führt dich durch alle Räume.
Die deutsche Schule in Rom ist nach dem Muster einer deutschen Realschule aufgebaut. Sie umfaßt drei Vorschulklassen und die Klassen Sexta bis Obertertia. Außerdem ist ihr noch ein Kindergarten angegliedert. Der Lehrkörper hat neun Lehrkräfte, einschließlich bes Direktors, sechs Damen unb drei Herren. Die Lehrgegenstände sind dieselben wie in unseren Realschulen, doch tritt naturgemäß bie italienische' Sprache von der untersten Klasse an als Lehrfach auf. Französisch beginnt in Quinta, Eng- lisch in Untertertia; Latein wird in Obertertia gelehrt. Die Schülerzahl betrug Ende des Schuljahres 1924/25 95. Seit dem Jahre 1920 ist dieselbe in stetem, gleichmäßigem Wachsen begriffen gewesen und in ber abgelaufenen Zeit um bas Zweieinhalbfache gestiegen. Von den 95 Schülern waren 38 Reichsdeutsche unb Deutschösterreicher, 37 Italiener unb 20 gehörten anberen Nationen an. Dieser außerorbenllich hohe Prozentsatz von Schülern
*) Durch biefes Tor hielten 1510 Luther unb später Goethe unb Johann Gottsrieb Seumc (1802) ihren Einzug in Rom.
besitzt auch durchaus nicht die geistige Elastizität, das von ihm angeschnittene Thema irgendwie mit Esprit durchzuführen. Er will seine Komödie (Lustspiel ist ein viel zu seriöser Titel dafür) würzen, versteht sich aber nicht auf Dosierungen und so fällt ihm denn die ganze Pfefferbüchse in die Suppe. Lediglich gut sind die Anfangsszenen des ersten Altes, man wartet: wird es interessant? Aus der „ Sigurantcn-3i>ce" an sich liehe sich ja unbedingt etwas machen. Aber im Laufe des Spiels merkt man zu deutlich, von welcher Art diese Figuranten des Lebens sind, wo hinaus es soll und es bleibt ein Titel minus Handlung plus Cochonerie. Die Hauptsache und der wichtigste Ort der Handlung ist das Bett des zweiten Aktes, es steht im Mittelpunkt deck Buhne und des Spieles. Der Schluß wird sc» kitschig wie nur möglich und bringt ein Chanson, welches eine geschmackvolle Regie unbedingt hätte streichen müssen, jedoch es wurde gebracht und zeigte so recht das Aiveau dieser Uraufführung. Georg Lengbach bemühte sich um den als Hotelgast, Liebhaber und Kellner figurierenden Pierre Hagnet, der am Schluß doch zum rege-rechteir Geliebten der Manon Watteau avanciert. Manon ist ein richtiges Kokettchen, welches auch nur bett Dornamen, nicht etwa die große Linie ihrer berühmten Aamensschwester aus dem gleichen Beruf besitzt. Lori Wagner gastierte in dieser Rolle, brachte gutes Aussehen, aber noch wenig gelöstes Spiel mit. Gut wie immer waren A. Großmann und Kowarzik; Edgar Klitfchs Regie hätte unbedingt starke Dämpfer aufsetzen müssest. Die Aufnahme war dementsprechend dünn, und der leise Beifall galt wohl nur den Darstellern.
L. W.


