Ausgabe 
3.7.1925
 
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Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)

Zreitag, 3. M 1925

Sicheu-euspätl und Türkei.

Mit den deutsch-türkischen Handelsvertragsoer- Handlungen, die vor wenigen Tagen in Angora mit der gegenseitigen Inaussichtstellung des Prinzips der Meistbegünstigung begonnen haben, sind außer {Inner Reihe wirtsckastlicher Fragen auch solche aus­gesprochen politischen Charakters aufs engste vcr- bunden. Seitdem die türkische Republik es durch­gesetzt hat, daß die ihr zudiktierten Nachkriegs- dcstimmungen wesentlich gemildert und zum Teil auch revidiert worden sind, bemühen sich die Alluer- cn um die Gunst und die wirtschaftlichen Vor­eile, die die Türtei in allerengster Verbindring mit )en politischen zu vergeben hat. Trotz seiner schweren inanziellen Lage ist der kranke Mann aus der Vor- 'riegszeit heute zu einem der gcfünbeftcn Manner )er Weltpolitik geworden. Mit den Planen bezüglich Der Türkei stehen die Hegemoniegelüste namentlich Frankreichs und Englands in Vorder- und Mittel­asien in Verbindung. Schon seit Wochen wieder niifen französische Agenten die Türschwellen der Ministerien in Angora ab und hinsichtlich Frank- -e ichs kann man füglich von einem fein gesponnenen sprechen, das seinen Webmeister in dem neuen rcmzösischen Botschafter in der Türkei hat. Dessen -ekretar läßt sich neben den Regierunasämtern auch ii den Direktorenzimmern türkischer Unternehmun- <er mit geradezu peinlicher Pünktlichkeit blicken. 6g ist ihnen ebenso wie leit Jahren schon den Eng- änbern um bie Zuerteilung von Konzessionen im i)a{en= unb Bahnbau unb in bet Baumwollpflanzung ,u tun. Beachtet man bie Ansprüche der Fremden, icren Kapitulationsherrschaft bie Türkei bis ans fnbe nicht vergessen wirb, im einzelnen, so wirft ich zwischendurch die Frage auf, wer wohl der lesiere Kenner der türkischen Reichtümer und der vorteilhaften Lage der Angora-Republik ist, die Fremden ober bie Türken selbst. Besonbers haben i3 die Engländer auf Bahnkonzessionen abgesehen, wn denen als eine der wichtigsten nur die schon eit Jahrzehnten von fast sämtlichen europäischen Großmächten umworbene Linie SamsunSimas er­mähnt sei. Mit Hilfe einer solchen Bahn glaubt kngland, den europäisch-kontinentalen Weg nach Indien ergänzen zu können. Die Eifersucht der Eng- läriber gegenüber den Rhein-Main-Donau-Plänen unb ihre Bemühungen um die Beherrschung Mittel- infc Osteuropas einschließlich der Balkanstaaten haben in ihren Ansprüchen auf Bahnkonzessionen im nörd- hrf)en Kleinasien ihre Ergänzung. Daß London sein 5nteref|e an der Bagdad-Bahn nie unb nimmer uerroinben wirb, geht aus zahllosen Anzeichen der Mtagspolitik hervor, und es bedarf nur eines ge­lingen Verständnisses für die Absichten, bie Meer- uerbinbung zwischen ben Schwarzmeerhäfen Galatz und Konstantza einerseits unb Samsun andrerseits um ben großen Wurf der englischen Politik, soweit er die wirtschaftspolitische Beherrschung des Kon- tinentalwegs zwischen London und Indien anbetrifft, deutlich zu erkennen. Wir halten es nach all den Kundgebungen des Angora-Kabinetts seit dem Lau- jaitner Vertrag für ausgeschlossen, daß den Englän­dern und Franzosen auf dem Konzessionsgebiete türkische Blumen zu blühen vermögen. Gewiß, auf finanziellem Gebiet vermögen wir Deutsche den tür­kischen Freunden lange nicht das zu bieten, womit die Alliierten augenscheinlich mit Erfolg die türkischen Snleihewünsche zu befriedigen im Begriff sind. Uns fehlt es selbst an Gelb, unb wenn im Verlaufe ber Handelsvertragsverhandlungen mit Angora bie Frage ber Warenkrebite allmählich in ben Vorder- Srunb bringt, so wird es deutscherseits eines großen Geschickes oebürfen, um ber beutsch-tiirkischen Ein- tiacht nichts in ben Weg zu legen. Die Türkei muß unb will aufbauen, bas begreifen bie in ber kolo­

nialen Wirtschaft- unb Finanzpolitik routinierten Alliierten ausgezeichnet. Od unter den gegebenen Verhältnissen bi? Möglichkeit besteht, ben türkischen Wünschen unb Rotwenbigkeiten hinsichtlich ber Kon­zessionsvergebung von deutscher Seite aus entgegen« zulommen, steht auf einem anderen Blatt. Uns scheint aber eine der dringlichsten Aufgaben der deut­schen Wirtschaft zu sein, sich den türkischen Verhält­nissen mit verschärfter Aufmerksamkeit zu widmen, etwa durch die Entsendung einer Wirtschaftskommis­sion in die Türkei, deren Aufgabe das Gleiche wäre, worum die Alliierten sich mit so viel Eifer bemühen. Wenn die Türkei in dieser Frage etwelche Zurückhal­tung zeigt, so sollte das uns nicht von der Erforschung der türkischen Röte zurückhalten. Die politische Lage spielt auch der Diplomatie Chancen in die Hände, bie in Anbetracht ber in Verbindung mit bem Sicherheitspakt besonbers umworbenen Stellung

Deutschlands sicher große außenpolitische Vorteile versprechen.

Der Sicherheitspakt wird im Osten, unb ganz besonbers in ber Türkei, beren Außenpolitik ja mit ber russischen Hanb in Hand geht, mit bem gleichen hohen Interesse verfolgt, wie hier im Westen selbst. Man weiß bort bie Bebeutung ber Paragraphen 16, 19 usw. sehr wohl einzuschätzen, und bem Kenner ber politischen Zusammenhänge im Osten wirb fast von Stunde zu Stunde deutlicher, daß' eine unvor­sichtige Rußland-Politik Deutschlands auch eine Be­einträchtigung seiner Beziehungen zur Türkei, ja zu den turanischen Stämmen unb sämtlichen Islam- gläubigen bebeutet. Ist boch im vorigen Jahr zwi­schen Moskau unb Angora über bie Teilung ber Machtsphären in Vorher- unb Mittelasien verhanbelt worben, wobei bem turanischen Gedanken besonderer Ausdruck verliehen worden ist.

(Etatberatung in Gießen

In gut dreieinftalftstündiger Beratung hat die Stadtverordneten-Versammlung heute den st ädtischen Haushaltsvoranschlag für 192 5 durchgesprochen uni) schließlich einstimmig genehmigt. Auf Vorschlag des Finanzausschuss^ wurde zu Beginn der Sitzung zwar mit Mehr­heit beschlossen, von einer Generaldebatte abzu­sehen. damit nicht Beden zum Fenster hinaus gehalten würden, aber diese Beden an ein sehr verehrtes Publikum gingen trotzdem in großem Ausmaß vom Stapel, und zwar bei der Cinzel- beratung. in der man sehr viele Selbstverständ­lichkeiten des langen und breiten anhören mußte, die auch ohne diese Bederitis schon zur Genüge bekannt und gewürdigt toaren. Daß «dabei fein besonderer Gewinn herauskam, versaht sich von selbst.

Die Verwaltung nahm verständlicherweise zweimal Gelegenheit zu längeren Erklärungen, einmal zu einer Auseinandersetzung mit den in der jüngsten Sitzung des Provinzialtags rc^en Gießen erhobenen Vorwürfen, und zum a cm zu einer Darlegung des Gießener Standpunktes in der FrageStraßenbahn GießenWicseck". Beide Kundgebungen errangen im Hause unver­kennbar -inen starken Erfolg.

Sehr am Platze und mit allem Bachdruck zu unterstreichen ist eine Protestkundgebung gegen die fortdauernde Abwälzung sozialer Lasten von Reich und Land auf die Gemeinden. Daß diese Entschließung einstimmig angenommen wurde, wird ihr Schwergewicht gewiß erhöhen. Freilich darf man nicht so optimistisch sein und glauben, nun würden Beich und Land Abstand nehmen von ihrer Abwälzungspolitik, die sich immer mehr zu einem Skandal auswächst, weil man" den Ge­meinden auf der anderen Seite keine entspre­chenden Mittel für die Deckung der Lasten zur Verfügung stellt. Trotzdem war es gut, diesen unhaltbaren Zustand deutlich zu verurteilen, und hoffentlich werden sich recht viele Kommunen diesem Vorstoß anschließen.

Die Aufwertungsfrage nahm einen breiten Baum in den Erörterungen ein. Mit Becht! Erfreulicherweise konnte man bei allen Parteien den besten Willen feststellen, das ungeheuerliche älnrecht an den Kleinrentnern und Sparern, die Gläubiger der Stadt sind, so schnell wie möglich und so weitreichend wie nur irgendwie angängig wiedergutzumachen. 3n den neuen Voranschlag sind für die Wiederaufnahme des Zinsendienstes der Stadt Gießen 213 000 Mk. eingestellt, es besteht aber fein Zweifel darüber, daß man sich nach weiteren Mitteln umsehen will, wenn nach

den bevorstehenden gesetzlichen Bestimmungen der jetzige Voranschlag nicht ausreichen sollte. Hoffent­lich wird das neue Beichsgeseh recht schnell ver­abschiedet, damit dann auch hier die Zins­zahlung beginnen kann. Unerfreulich war an der heutigen Aussprache nur die Tatsache, daß man diese Angelegenheit, die doch wirklich keine Parteifrage, sondern Sache des ganzen Volkes ist, zum Gegenstand parteipolitischer Polemiken machte, die an dieser Stelle vollständig über­flüssig waren.

Sehr ernste Worte wurden auch über die Be­handlung der Wohnungsfrage gesprochen. Daß unsere Stadt in dieser Hinsicht ebenfalls ihre Pflicht und Schuldigkeit tun wird, ist selbstver­ständlich. Man muß sich allerdings auch vor Augen halten, daß bei aller Dringlichkeit dieser Aufgabe doch der Bahmen des finanzwirtschaft­lich Möglichen nicht verlassen werden darf, denn nur dann kann von gedeihlicher Arbeit gesprochen werden, wenn das Kernstück des Ganzen nicht in Gefahr gebracht wird durch ein Teilgebiet.

Sitzungsbericht.

Anwesend Oberbürgermeister Keller, die Beigeordneten Dr. S e i b. Dr. Frey, Iustizrat Dr. Bosenberg und 38 Stadtverordnete. 3m Zuhörerraum haben zahlreiche Aufwertungs-3n- tereffenten Platz genommen.

Wichtigster Punkt der Tagesordnung ist die

Beratung des Voranschlags für 1925.

Das Haus wendet sich sogleich nach Eröffnung der Sihmig diesem BLratungsgegenstand zu. Ein Antrag der sozialdemokratischen Frak­tion auf Vornahme einer Generaldebatte wird gegen die Stimmen der Antragsteller ab- gelehnt, da der Finanzausschuß empfiehlt, keine Beden zum Fenster hinaus zu halten, wie das bei Generaldebatten ja meist der Fall sei. Es solle natürlich jedem Mitglied des Hauses freistehen, zu den einzelnen Titän seine Meinung vorzutragen. Die Versammlung tritt sofort in die Einzelberatung der Titel ein. Hefter die Titel, zu denen das Haus nichts zu bemerken hatte, wer­den wir uns auch in Stillschweigen hüllen, im übrigen werden wir die wichttgsten Begebenheiten hier registrieren.

D e t r i e b s r e ch n u n g.

3m Titel 2, Gebäude, sind 163767 Mk. als Mietertrag vorgesehen. Was hier mehr ein­

geht. soll zur 3nstandsehung der in städtischem Besitz befindlichen Gebäude ausgewandt werden.

Bei Titel 3. G r u n d st ü ck e, beantragen die Sozialdemokraten eine Aenderung in der Be­messung der Pachtpreise für kleinere Pachtland­erwerbung und für größere. Der Antrag wird gegen die Stimmen der Antragsteller und der Demokraten abgetehnt

Titel 4. Waldungen: 5 Prozent oct Bruttoeinnahmen der ordentlichen Fällung, so­wie Erlöse außerordentlicher Fällungen sollen zur Bildung eines Forst-Betriebsstocks Verwen­dung finden. 3m übrigen werden einige Ausgabe­positionen noch etwas erhöht.

Bei der Beratung des Titels 5. Elektri­zitätswerk. gibt Beigeordneter Dr. Scib eine längere Erklärung der Stadtver­waltung gegen die Provinz in dem be­kannten Konflikt über die Elektrizitätsversorgung Gießens ab. Wir werden diese Kundgebung der Stadtverwaltung noch zur Veröffentlichung brin­gen. Gegen die Stimmen der Sozialdemokraten wird eine Aussprache abgelehnt und die Haltung der Stadtverwaltung gebilligt.

Zum Titel 12, Volksbad, empfiehlt das Haus, das Volksbad an allen Tagen der Woche offen zu halten.

Zu Titel 14, V o l k s- u. Fortbildungs­schule, Stadtschulamt und Horte, wird beschlossen: Mit Wirkung vom 1. Oktober 1925 ist der Beitrag für Abgabevon Bädern im Volksbad von bisher 50 Pfennig für jedes Kind auf 50 Pfennig für sämtliche schulpflichtige Kinder einer Familie festzusehen. Ein demo­kratischer Redner weist auf die Dringlichkeit der Lösung der Schulhausnot hin, begrüßt den jetzt vorgesehenen Anbau an die Schule in der Westanlage und wünscht, daß die ins Auge ge­faßten zwei neuen Schulhäuser bis zum Beginn des Schuljahres 1927 28 erstellt fein mögen. Ein sozialdemokratischer Antrag, die Lernmittel­freiheit für die Volksschule zu be­schließen, wird abgelehnt, da man auf dem Stand­punkt steht, daß die Eltern, soweit sie wirtschaft­lich dazu in der Lage sind, zur Ausbildung ihrer Kinder schon aus erzieherischen Gründen bei­tragen müssen.

Bei Titel 31, Elektrische Straßen­bahn, nimmt Beigeordneter Dr. Seid namens der Stadtverwaltung Stellung zu der Straßenbahnfrage Gieße nW i e s e ck und geht dabei abwehrend näher auf die Vor­würfe ein, die in dieser Frage von Wieseck her gegen die Stadtverwaltung erhoben wurden. An diese Rede schließt sich eine längere Aussprache an, in der Redner aller Fraktionen das Wort ergreifen. Wir werden über diesen umfangreichen Teil der Verhandlungen morgen berichten.

Zum Titel 38, Wohlfahrtspflege, be­tont ein demokratischer Sprecher die große Dringlichkeit dieser Fürsorge, die als die Rech­nung für den verlorenen Krieg anzusehen sei: zugleich spricht er dem Wohlfahrtsamt sein volles Vertrauen aus. Ein deutsch-volkspartei­licher und ein sozialdemokratischer Redner pflich­ten dieser Rede bei. Hierauf wird die nach­stehende Protest- Kun dg ebung einstimmig angenommen: Die Stadtverordnetenversammlung zu Gießen legt gegen die Belastung der Städte mit den Kosten der Wohlfahrtspflege Ver­wahrung ein, die eine Folge des Krie­ges sind (Rentner, Kriegsopfer, ausgesteuerte Erwerbslo'e) oder ihrer Batur nach auf breitere Schultern gelegt werden müssen und früher auch fast überall gelegt worden sind, wie die Land- armenlaft und die außerordentliche Armenlast (Fürsorge für Geisteskranke, Schwachsinnige, Epi­

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Don Wilhelm von Scholz.

Letzte Wegstrecke.

Es gibt kein Leben, das zu hohen 3ahren ge­kommen, nicht von einer Stelle ab einsam, traurig unb verdüstert erscheint: nur die jung geendeten Leben, die Achillesleben, strahlen bis zum Tode, kelbst Goethes Leben wandert immer verlorener dir letzte Strecke Weges zu den Schatten. Keine Biographie, kein bis ins Alter reichender Brief- vechsel, fein Memoirenwerk entläßt den Leser chite Schwermut, ohne Erschauern über das Ziel Daseins: über dies langsame Verbrennen ,dier 3ugcnbfraft, das wir Leben nennen, in dem jedesmal die Welt und alles Schöne, Wertvolle in ihr, jedes Glück, jeder Genuß mitverbrennt und zu Asche zerfällt. Was das Mittelalter in grausigen Symbolen vors Auge der Menschen feilte, die Richtigkeit des Daseins sie bedarf keiner Symbole, sie braucht, um aufs empfind­lichste in unser Gefühl zu treten, nur der auf­merksamen Betrachtung irgendeines bis zu seinem inneren Ende gelebten Lebens.

Zeitwandel.

Der gewaltigste Eindruck, den meine Gene­ration vielleicht jede? feit ihrem Verlassen kc Schule und ilniOcrfität von Leben und Zeit empfing, .ist der einer Auflösung alles dessen, das im übermittelten Wissen und Erkennen als fcft, als selbstverständlich gegolten; einer von reuem sich aus Rebeln bildenden Tlnklarheit statt kc logischen und psychologischen Klarheit, zu der uns die Welt, von ihren letzten, verehrten Rätseln raturlich abgesehen, geworden war. Der Eindruck rmes älmwerfens und eines Anfangs, eines Her- torbringens von neuen Entdeckungen und Ziel­richtungen auf allen Gebieten, deren Ergebnis- kynthese zur Einheit einer neuen Anschauung ks Seins erst in ferner Zukunft zu liegen scheint. Verbunden naturgemäß mit einem 3n-die-Drüche- Men jeder alten Synthese. Auf allen Gebieten: kc Geschichte, die aufhellend Tatsachen festzu- sclien beginnt, wo uns noch vorgeschichtliches Dunkel gelehrt wurde: der Raturwissenschaft, die, an allen Enden zu neuen Crkennnissen geführt, selbst ihre ewig scheinenden Gesetze nachprüfen miß; der Kunstlehre, die sich in ihren Grund-

forberungen wandelte, und wieder der Geschichte, die in Geschehen überging, in das wildeste Ge­schehen seit 3ahrhunderten, und nun in eine völlig ungeahnte Zukunft führt.

Rosen und Rosengeschichten.

Von M. A. v. L ü t g e n b o r f f.

Auf ben Wiesen unb Felbern, an den Waldrän­dern und hoch oben auf luftiger Vergeshöhe stehen jetzt die Büsche der Wildrosen, duftig und blüten- übersat, wie große zartfarbene Feststräuße, und im Garten öffnet allmählich auch die Zentifolie, die stolzeHundertblättrige", die farbenleuchtende Blüte und sendet ihren ftarksüßen Duft weit um sich in die Sommerluft hinaus.

Anakreon, der Lyriker der alten Griechen, erzählt, daß, als Aphrodite dem Meer entstieg, von ihrem lieblichen Körper ein Wasserschaumtröpfchen auf die Erde rann. Und als aus den Augen der Göttin ein warmer Strahl auf bas Tröpfchen fiel, ba entsproß ihm sogleich ein grüner Strauch, über unb über be- beckt mit einer rosigen buftenben Blütenfülle. Die Rose war entstauben entstauben burch bie Be­rührung einer schönen göttlichen Frau unb unter bem Strahl ihrer leuchtenbeu Augen. Sehr schön erklärt auch Firbusi, ber persische Dichter, wie bie Rose ent­staub. Es war im Garten bes Parabieses, in bem einst ber Prophet, in tiefes Sinnen verloren, bahin- manbelte, als plötzlich Gott vor ihm staub unb ihn mit seinen alles burdjbringenben göttlichen Augen anblickte. Aufs höchste erschrocken, staub ber Prophet still. Das Herz klopfte ihm bis an ben Hals unb auf seiner Stirn perlten kleine Schweißtröpfchen. Er trocknete sie ab, boch babei fielen einige Tropfen zu Boben, unb wo sie nieberfielen, ba erwuchsen aus ber Erbe, bie Gottes Gegenwart gesegnet hatte, alsbald Rosenbüsche mit glühendroten Rosen.

In Wirklichkeit ist es bei der Entstehung der ersten Edelrose weit prosaischer zugegangeu. Schuf sie boch ber Mensch burch listige Kunstgriffe unb mühsame Arbeit, inbem er Wildrosen in besonders guten Boden setzte und aus ihnen dann nur jene formen weiterzüchtete, die am blätterreichsten und farbenschönsten waren, bis allmählich aus der zart- farbenen fünfblättrigen Blüte die hundertblättrige wurde, die fast in allen Farben leuchtete und prunkte und deren aromatische Düste mit dem feinen Geruch der Urrofe schließlich fast nichts mehr gemein hatten. Wann freilich der Mensch zuerst seine Kunstfertigkeit

an der Veredlung der Wildrose erprobte, bas wissen wir bis heute noch nicht. Aus bem fünften Jahr- hunbert vor Christus berichtet uns Herobot schon von einer Ebelrose, bie er bie sechzigblättrige nennt, also müssen bie alten Griechen bereits vielblättrige Rosen­arten gekannt haben. Vielleicht hatte man sie im Orient, ber auch als bie Heimat ber roten Zentifolie gilt, zum erstenmal gezüchtet, so baß unsere Blumen­königin einst von bort aus ihren Siegeszug antrat. Allein, wie gesagt, wir wissen es nicht, wer ber erste Rosenzüchter war. Vielfach ist bie Vermutung aus­gesprochen worben, baß bie Umzüchtung ber Wilbrose in bie Ebelrose überhaupt nicht burch Menschen- hanb, sonbern vielmehr burch bie Natur selbst er­folgt ist. Doch bas ist überaus unwahrscheinlich. Die Entsteyung ber gefüllten Blüte erfolgte nämlich auf zwei Wegen: einmal in ber Weise, bah sich einzelne Staubblätter allmählich in Blütenblätter umbilbeten, bann aber baburch, baß sich einfach mehr als fünf Blütenblätter entwickelten. Uebergänge von bem einen Entwicklungsstabium in ein anberes lassen sich immer roieber beobachten, sowohl bei ber erstgenann­ten Entstehungsart, wie auch bei ber Blütenblätter- vermehrung ohne Mitwirkung ber Staubblätter; boch biefe Abänberungen können in ihrer boutlich auf einen bestimmten Zweck hinzielenben Art unmöglich burch bie Natur allein heroorgebradjt worben sein. Erst bie Hanb bes Menschen mußte hier mitwirken, um ganz allmählich unb burch bie sorgsamste, inbi- vibuelle Pflege bie Dielblättrige Blüte zu erhalten.

Trotz ber Tatsache, baß bie vielblättrige Rose !chon seit zweieinhalb Jahrtausenben bekannt ist, ist bie Rvsenzucht ein ausfallend junger Zweig der gärtnerischen Kunst. Noch zu Ende des achtzehnten Jahrhunderts kannte man in Deutschland kaum vier­zig Rosenarten. Wirklich verdient um die Rvsenzucht machte sich erst der Hvfgärtner der Kaiserin Iosefine von Frankreich, Du Pont, der im Rosengarten von Malmaison durch die von ihm vermutlich zuerst er­probte künstliche Befruchtung der Blüten eine große Anzahl neuer Rosenvarietäten und Unterfpielarten zog und damit die Züchtung der Rose in richtige Bahnen lenkte. Der größte Fortschritt erfolgte aber durch das erst seit ungefähr einem Vierteljahrhundert bekannte Kreuzungsverfahren, bei de mauf die Narb? nur der Pvllenstaub der vorn Züchter bestimmten Rosenart gelangt, worauf die befruchtete Blüte aufs sorgsamste vor der Berührung durch Insekten ge­schützt wird. Auf diese Weise kann man unter Um­ständen zu wundervollen Neuzüchtungen kommen,

wenn auch oft freilich Enttäuschungen nicht aus­bleiben und sich herausstellt, daß alle Mühe umsonst war. Wie leistungsfähig die neuzeitliche Rosenzucht ist, beweist bie Riesenrose, bie vor einiger Zeit in einer Rosenausstellung in Lonbon gezeigt würbe. Es war eine Teerose, beren Kelch breißig Zentimeter umfaßte! Dabei prangte sie in einer herrlichen, zwi­schen Scharlachrot unb Sattgelb schimmernben Farbe. Wie blütenreich ein Rosenstock werben kann, bafür gibt uns hingegen ein beutscher Rosenstock ein schönes Beispiel. Der Stock, ber in Freiburg i. B. blühte unb im Jahre 1881 mit einer Teerose okuliert würbe, trug im Jahre 1900 nicht weniger als 10 000 Blüten!

Seit jeher umschwebt bie Rose ber Hauch geheim­nisvoller Mystik. Nicht,umsonst haben bie Frei­maurer sie zuihrer" Blume gemacht. Schon bei ben alten Römern galt bie Rose als Sinnbilb bes Rätselhaften. Würbe etwasfub rosa" besprochen, so hing ursprünglich eine Rose von ber Zimmerbecke herab, zum Zeichen, baß bas Besprochene als tiefes Geheimnis zu gelten habe. Der Grunb, weshalb man gerabe bie Rose in mystische Zusammenhänge hineinstellte, liegt wahrscheinlich in ihrer eigentüm­lichen Bauart. Betrachtet man nämlich bie ausein- anbergelegten fünf Kelchblätter einer wilben Rose, so bemerkt man, baß zwei von ihnen auf beiben Außenseiten einenBart" besitzen, bas brüte Blätt­chen bagegen ben Bart nur auf ber einen Seite auf­weist, währenb bas vierte unb fünfte Blatt bartlos ist. Zieht man nun vom Kelchzipfel bes bärtigen Blättchens 1 zum Blatt 2 unb roieberum von Blatt 2 zu 3 weiter von 3 zu ben bartlosen Blättchen 4 unb 5 eine Linie, so erhält man ein Pentagramm ober einen Drubenfuß, unb bieses Zeichen war bekanntlich einst bas Zeichen alles Geheimnisvollen unb Mysti­schen. Daß bie Alten schon von bieser Deutung wußten, ist aüerbings kaum anzunehmen, allein bie beutschen Mystiker bürsten sie wohl gekannt haben. Der Forscher Sterne fand seinerzeit in einem im Jahre 1650 erschienenen Werk ein lateinisches Epi­gramm, das ausschließlich die seltsame Gestalt des Rosenkelchs und ihre geheimnisvolle Bedeutung zum Inhalt hatte. Das nachfolgende Rätsel ist ihm ent­nommen. Es lautet:

Fünf Brüder sind's, zur gleichen Zeit geboren, Doch zweien wuchs ein voller Bart,

Zwei andern blieb die Wange unbehaart. Dem dritten ist der Bart zur Hälff geschoren."'