Samstag, 5. Januar 1925
Sietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
llr. 2 Zweites Blatt
Schein und Wirklichkeit.
(Von unserem Aust-Korrespondenten.)
Wien, Ende Dezember 1924.
Oesterreichs neue Regierung sitzt auf einem Sorgenstuhl. Bundeskanzler Dr. ‘Kämet hat bisher fast nur Schwierigkeiten aus dem Wege zu räumen gehabt. Die Sozialdemokraten, denen die christlich-soziale Opposition in der Wiener Gemeindestube jetzt bei der dortigen Budgetdebatte sehr unangenehm zu werden sucht, drehten den Spieß um und machten dafür bei der Budgetberatung im Nationalrat beinahe Obstruktion. Aber die österreichischen Sozialdemokraten erinnern in gewisser Hinf.cht an die Demi Vierges von Marcel Prevost und schrecken immer vor den letzten Konsequenzen zurück. Sie tändeln, weigern sich aber im letzten Moment stets, doch etwas zu tun, das eine dauernde Verantwortung für sie hätte. So tarn es, dah trotz der besorgniserregenden Demonstrationsgelüste der Arbeitslosen, die eine Weihnachtsgabe fordern, die Regierung uiü) die Sozialdemokraten im Nationalrat sich so weit aussöhnten, das) in der letzten Woche vor den Weihnachtsferien dort geradezu mit Dampf gearbeitet wurde, und nicht nur ein Budgetprovisorium, sondern auch ein Dutzend anderer Gesetze erledigt wurden.
Dr. Kämet scheint ein Freund glatter Oberflächen zu fein, und wie es weiter unter den Arbeitslosen gährt, so wird er auch wenig Glück haben mit seiner ziemlich bombastisch angekündigten Aktion gegen die wach- setide Teuerung. Natürlich hat er mtt diesen Worten in ein Horn gestoßen, das jeder gerne hört. Die Teuerung in Oesterreich wächst ttotz der Stabilisierung der Krone und jeder leidet darunter. Diese wachsende Teuerung ist aber etwas ganz Natürliches, durch die Verhältnisse Bedingtes, nichts Künstliches oder gar Frivoles, gegen das man als solches einen Kampf beginnen kann. Das dicke Ende wird leider noch kommen. Es klingt ja sehr schön, wenn die Regierung sich mit den verschiedensten Vertretern der Produktion an den grünen Tisch setzt, um zu beraten, wie man die Lebensbedürfnisse billiger gestalten könnte. Rnd der naive Untertanenverstand gibt sich auch damit zufrieden, wenn er hört, daß es der Regierung hierdurch z. B. gelungen ist, den Milch- preis, den die Agrarier gestern um fünfhundert Kronen erhöht haben, heute wieder um zweihundert zu erniedrigen. Die Milch kostet jetzt allerdings um dreihundert Kronen mehr, aber die Regierung hat sich doch tapfer gehalten!
Die Republik Oesterreich ist ein künstlich beschntttenes, unzulängliches Wirtschaftsgebiet, an dem der sogenannte Friedensschluß von St. Germain schuld ist und dieses älebel muh fortdauernd Böses zeugen. Die Handelsbilanz wächst in ihrer Passivität in erschreckender Weise, wenn auch vielleicht die geradezu besorgniserregenden jüngst publizierten Ziffern auf besondere Gründe zurückzuführen sind und nicht für ganz so symptomatisch angesehen werden können, als man auf den ersten Blick glaubt. Dazu erhöht sich die Zahl der Arbeitslosen, nicht nur der eigentlichen Arbeiter, sondern auch der brotlos werdenden Intelligenzler, die die Krise im Bank- fach und in den Handelsgewerben täglich in steigender Zahl auf die Straße wirft.
Die Auslagen der Geschäfte sind glänzend — das Geschäft geht schlecht. — Das ist die bittere Wahrheit, die man gerade um Weihnachten bei einem Gang durch die Sttahen Wiens so augenfällig beobachten konnte. Vor den reich ausgestatteten, mit Luxusartikeln ungefüllten Geschäf ten staute sch die bewundernde Menge, in Geschäftslokalen selbst aber konnte man die spärlichen Kunden an den Fingern oft nur einer Hand abzählen.
Oesterreich kann nur geholfen werden, wenn es ihm möglich sein wird, sich an e:nen großen Wirr! chaf tskörper anzusch.i - ßen. Daran ist aber leider im Augenbl.ck nicht zu denken. Es bleibt daher nur noch ein an
deres Mittel, das aber selbst bei Anspannung aller Kräfte kaum imstairde fein wird, zu einem dauernden Erfolg zu führen: Wir meinen, daß Oesterreich sich endlich einmal entschließen muh, fleißig zu arbeiten und wirklich zu sparen. Unter Arbeit ist aber nicht nur jene zu verstehen, die das Leben angenehm zu gestalten sucht, sondern vielmehr jene, die produktive Werte schafft.
Eine Regierung, die ernstlich versuchen will, dem Staate auf die Dauer zu nützen, muß sich daher in erster Linie mit dem Problem beschäftigen, wie sie die produktive Arbeit organisieren und fördern kann. Alles andere ist nebensächlich, führt bestenfalls zum Schein, aber keinesfalls zur Tat.
Leider dürfte auch die nun beschlossene Einführung des Schillings auf einen leeren Schein hinauslaufen. Nach den Bestimmungen des neuen Gesetzes werden Schillings in einer bestimmten Goldrealition gleich zehntausend Papierkronen zur Ausgabe gelangen. Der Schilling selbst wird eine Scheidemünze sein aus minderwerttgem SUber und in hundert Teile zerfallen, die man bisher „Stüber" nennen wollte. Wie wenig das neue Gesetz durchgearbeitet, wie wenig es vorher in der Oeffentlichkeit genügend erörtert worden ist, geht am besten daraus hervor, dah man sich im Nationalrat im letzten Augenblick dahin besonnen hat, dah daö Wort „Stüber" ganz unvolkstümlich sei. 3n der Verlegenheit ist man bann zum Ausdruck „Groschen" gekommen. Diese Wahl ist aber auch nicht glücklich, denn abgesehen davon, daß der Oester- reicher diesen Ausdruck längst nicht mehr kennt, ist Groschen niemals die kleinste Münze gewesen.
Aber das sind mehr aber minder Schönheitsfehler. Der Wille, jetzt schon eine Währungsreform durchzusetzen, kann nicht als ungefährlich bezeichnet werden, so natürlich auch das Bestreben ist, mit den fürchterlichen Nullenschwänzen endlich gründlich aufzuräumen. Der österreichische Schilling wird zwar nicht ganz sechzig Goldpfennige wert sein, er wird aber die höchste Einheit gegenüber allen Nachfolgestaaten barstellen. Er ist das Fünffache der tschechischen Krone, das Zehntausend- fache der ungarischen, das mehr als Dreifache der italienischen Lira und beinahe das Neunfache des Dinars. Dieser Marsch an der Spitze der einstigen Staatsgenossen scheint seitens des armen kleinen Oesterreich doch etwas allzu kühn.
Natürlich wird die Einführung des Schillings schon aus rein technischen Gründen zu einer weiteren Steigerung so mancher Preise führen. Die Regierung wird daher mindestens im Augenblick schon aus diesem Grunde neuen Schwierigkeiten gegenüberstehen. Und man kann ihr den Vorwurf nicht ersparen, daß sie selbst ihren natürlitf) sehr populären Kampf gegen die Teuerung mit Maßnahmen verbunden hat, die selbst eine gewisse Teuerung geradezu notwendig Hervorrufen.
Deutsche Pionierarbeit in Rußland.
Die deutsche Oeffentlichkeit hat bisher noch wenig gehört von Bestrebungen, die, obwohl erst seit Kürze in Gang gebracht, schon teilweise zu recht netten Erfolgen geführt haben. Es handelt sich um die Landkonzessionest in Rußland, an denen neben dem Ausland auch deutsche Gesellschaften teilnehmen, und zwar die Firma Krupp, die Konzessionen am Manytsch Fluh, dieDeutsche Agrar-Gesellschaft, die sie im Gebiete der Wolga-Deutschen und die D e u t! ch - R u s s i s ch e S a a t b a u A. G., die Konzessionen am Kuban-Fluß im Nordkaukasus bei Rostow und bei Moskau erhalten hat. Bon ausländischen -Unternehmungen sind Konzessionen erteilt worden an dem Nansen-Unternehnren, die Internationale Arbeiterhilfe an eine amerikanische und eine holländische Unternehmung. Da die russische Regierung zu der Einsicht gekommen ist, daß ihre Hauptaufgabe in dem Wiederaufbau und der
Car! Spitteier f.
Am 24. April 1925 wollte die Schweiz ihren größten Dichter Carl Spitteler groß feiern, der nun. noch nicht achtzigjährig, in seiner Billa zu Luzern dahingeschieden ist — ein Einsamer, ein Vertreter einer anderen Zeit, viel umstritten, viel gelobt und dennoch sehr wenig gelesen.
Kurz vor Weihnachten konnte der Verlag von Eugen Diederichs in Jena das letzte Werk des Verstorbenen ankündigen: ..Prometheus der Dulder": „Auf Goethescher Altershöhe stehend, greift der große Schweizer in diesem späten uiid reifsten Werk, ebenso wie der Alte von Weimar im „Faust", auf den Stoff seines kühnen und grohgefügten Frühweicks zurück. Aber wie er ihn in reifer Meisterschaft formend erfaßt, wächst ihm eine völlige Neuschöpfung unter den Händen heraus. Dieser Prometheus ist ewig menschliches Erlebnis, ist der alternde Mensch selbst in seiner großen Auseinandersetzung ^mit den dunklen Mächten Alter, Dergängnis. Tod; äußerlich von ihnen bezwungen, aber im Erliegen ihr Bezwinger aus Kraft des Geistes. Und wie dec Dichter die schwer und feierlich schreitende Prosa seines Fruhwerk hier zum Vers steigert — diesem eigenwilligen lebenfunkelnden Spitteler- vers, den ihm unter den Zeitgenössischen keiner nachschafft —, so erfährt auch die Prometheus- gestalt selbst eine Steigerung und Erklärung, die sie zu den großen Symbolgestalten der Weltdichtung hinaufhebt."
Mtt der Prosadichtung „Promotheus und Epimetheus" begann Spitteler 1881 sein Werk, das von größtem Einfluß auf die Dichtung Friedrich Nietzsches werden sollte. Gottfried Keller dagegen bekannte: „Was der Dichter eigentlich will, weiß ich nach zweimaliger Lektüre noch nicht." Dieselben Worte mag wohl so mancher 2efer der altgriechischen Mythendichtung
..Olympischer Frühling' (1900—1905) gesagt haben, für die der Dichter den ltterarischen Nobelpreis des Jahres 1919 erhielt. Immer aber muß man Spitteler gegenüber das Gefühl haben, einem überragend großen epischen Dichter die Achtung zu schenken. Es fehlt nicht an begeistertsten Stimmen, als deren beste und llarste wir den Frankfurter Literaturprofessor Dr. Hans Naumann aus seiner „Deutsche Dichtung der Gegenwart" über den „Olympischen Frühling" sprechen lassen wollen:
„In seltsam knorrigen, sagen wir. alemannischen Alexandrinern vollzieht sich der Aufstieg der neuen Götter, die die allen griechischen Namen tragen, zum Olymp, der Antritt, die Entwicklung und das Ende ihrer Weltherrschaft. Großartig teils, teils märchenhaft lieblich wie der landschaftliche Hintergrund, der von der grandicsesten Steigerung des Hochgebirges wechselt bis zur anmutigsten Almen-, Wiesen- und Haldenlandschaft und als eine verklärte Schweiz darstellt, ist der über alle Maßen schöpferisch erzählte Inhalt, wechselnd vom reinsten und zartesten Märchen bis zur furchtbarsten, gewaltigsten und feierlichsten Mythe. Man weih nicht, was man mehr rühmen und bewundern soll: das große Maß von epischer Phantasie, die Schöpferkraft im kleinen Einzelzuge der Erzählung oder die tiefe Weisheit und Erkenntnis, das ungeheure Wissen um Welt, Schicksal und ihre großen Gegenstände, das auch über diesem Werke wieder liegt. So einzigartig und gänzlich unabhängig wie die Plastiken der hier vorgeführten Götter- gestatten sind, so einzigartig ist auch ihr Dichter und ganz nur am eigenen Maße zu messen. Man mühte schon in die bilbenbe Kunst, etwa zu Anselm Feuerbach gehen, um einer im pittoresken verwandten, heute vielleicht ein wenig altmodisch und kulissenhaft, mitunter sogar ein wenig langweilig anmutenden Auffassung der
Förderung der Landwirtschaft liegen muh. ist es begreillich, daß die Dertragsverhandlungen mit der russischen Regierung auf diesem Gebiete weniger Schwierigkeiten und mehr Entgegenkommen gefunden haben.
Der Ausgangspunkt für die deutschen Gesellschaften war Die hohe Entwicklung, die die deutschen Hochzuchten genommen haben, und denen schließlich nicht genügend Absatzmöglichkeiten gegenübcrflanöen; darum lenkte sich der Blick auf dasjenige Land, das den größten Mangel an Saatzuchten hat. Um das Interesse der deutschen Oeffenllichkeit auf diese russischen Konzessionen zu lenken, die geeignet sein dürften, nicht nur die russische Landwirtschaft zu fördern, sondern auch in ihren weiteren Auswirkungen der deutschen Landwirtschaft Vorteile zu bringen, hat die Deutsch-Russische Saatbau A. G. zunächst in kleinerem Kreise Vertretern der deutschen Behörden ein Bild von der seitherigen Entwickelung ihrer Konzessionen und den Aussichten gegeben.
Die Konzessionen der Deutsch-Russischen Saatbau A. G. umfassen niet Gutswirtschaften. Zwei von ihnen im Nordkaukasus umfassen eine einheitliche Fläche von 15 000 Hektar. Nach den Ausführungen, die Herr Dr. Wage von der genannten Gesellschaft gemacht hat, liegen diese Konzessionen im fruchtbarsten Teile ganz Rußlands, älm eine Illustration für die Ausdehnung dieser Konzessionen zu geben, sei darauf hingewiesen, daß sich allein 58 Gebäude auf diesen beiden Gutswirtschaften befinden. Bestellt wird in erster ßinic Weizen, aber auch Gerste, Hafer, Mais und Sonnenblumenkerne. Die Gesellschaft ist mtt ihren Konzessionen gegenüber anderen insofern im Vorteil, als sie nicht Güter übernommen hat, auf denen sie alles aus dem Nichts schaffen mußte, sondern sie hat fertige Wirtschaften übernommen, mit reichlichem Inventar, so dah sie ohne weiteres an die Arbeit geben konnte, die allerdings insofern auf Schwierigketten stößt, als der so auherordenllich fruchtbare Boden, soweit er in den letzten Jahren nicht bestellt ist, stark verunkrautet ist. Obwohl die Gesellschaft die letzte ist, die in Betrieb kam, ist sie infolgedessen sehr schnell an die erste Stelle der Konzessionswirtschasten gerückt.
Die beiden anderen Güter der Gesellschasi wurden zum 1. Dezember übernommen. Auf den einen, in der Nähe von Restow, ist in erster Linie Viehzucht, namenllich auch Pferdezucht, in Aussicht genommen. Späterhin soll auch hier der Getreidebau ausgenommen werden, da die Dodenbeschafsenheit als recht gut bezeichnet wird und auch die Wasserverhältnisse, der wichtigste Punkte in der russischen Landwirtschaft, günstig liegen. Bei der letzten Gutswirtschaft, in dec Nähe von Moskau, handelt es sich um ein kleineres Gut, auf dem eine Ausstellung mit Demonstrationsanbau der im Kuban-Gebiet angebauten und gehandelten Staaten gedacht ist, damit die in Moskau zusammenströmerchen russischen Landwirte sich durch Augenschein von den Vorzügen des Saatgutes überzeugen können. Hier sind auch Düngungsversuche und die D e« kLmpsung von Pflanzenschädlingen beabsichtigt. Man will hier ein kleines Mustergut schaffen, das sicherlich regen Besuch der russischen Landwirte und Regierungsvertreter ftnden wird.
Mit diesen vier genannten Gutswirtschaften dürfte aber die Tätigkeit der Deutsch-Russischen Saatbau A. G. noch nicht abgeschlossen sein, sie hat sich bereits ein Vorrecht aus ein weiteres Kuban-Gut sicherstellen lassen. Wie bereits eingangs erwähnt, verspricht sich idie Gesellschaft aus chren Unternehmungen große Vorteile für di e deutsche Landwirtschaft. Der Aufbau der russischen Landwirtschaft totrb erhebliche Mengen Saatgut und Zuchtvieh aus Deutschland benötigen, dagegen Futtermittel, deren die deutsche Landwirtschaft in erheblichem Umfange bedarf, ihr billig zur Verfügung stellen und darüber hinaus der deutschen Wirtschaft aus vielen anderen Artikeln guten Nutzen zuführen. Diese Vorteile erscheinen in ihren Ausmaßen so groß, dah sie intensivere Beachtung verdienen. Don Interesse dürste noch fein, dah die Angaben der Deutsch-Russischen Saatbau A. G. von ostpreuhi- schen Herren, die soeben von einer Studienreise aus Ruhland zurückgekehrt sind, voll bestätigt worden sind. Der Direktor der Königsberger Landwirtschastskammer. Dr. Decker, war in seinen Ausführungen des Lobes voll, über die Entwicklung der seitherigen Erfolge und damit die Zukunftsaussichten der russischen Konzefsions- wirtschasten und betonte, dah gerade die Deutsch-
Russische Saatbau 2L G. in ihren Mitteln das Richtige getroffen habe, während anscheinend an anderen Stellen doch mit gröberen Schwierigkeiten zu rechnen ist.
Die Witterungsverhältnisse des Jahres 1925.
Der hundertjährige Kalender.
Schiller läßt in feiner „Braut von Messina" die Fürstin Isabella sagen: „Nichts Wahres läßt sich von der Zukunft w ff en"; ab?r die Sehn'uchl der Menschen, Zukunft ges voraus -ufagen, ist stets viel stärker gewesen als diese Einsicht. Eine gf wisse Rolle bei Prophezeiungen haben fast immer die Gestirne gespielt. Co glaubte man im Mittelalter und in der beginnenden Neuzeit, dah der Lebenslauf eines jeden Menschen durch d.e Steine, insbesondere durch die Planeten bestimmt werdL Man ließ sich das Heroskop stellen: d. h. man lieh durch einen Sterndeuter die Stellung der Gestirne bei der Geburt ermitteln. Zunächst wurde der Gebieter des „Hauses", das Tierzeichen am Himmel, bestimmt, dann wurde festgestellt, welche Gestirne, namentlich welche Planeten in der Nach- barschast waren, die nach allgemeiner Annahme günstig oder ungünstig wirken konnten. Aus diese Weise glaubte man das Schicksal eines Mensch?n Voraussagen zu können.
Von ähnlichen Anschauungen ausgehend, fccr- meinte man auch nach den Gestirnen, aus der Stellung der Sonne, des Mondes und der Planeten, das Wetter für die kommende Zeit fest' stellen zu können. Wie bei dem Schicksal eines Menschen entscheidend war, in welchem „Hause" er geboren war, so ist für die Voraussage des Wetters von grundlegender Bedeutung d e Bestimmung des „Regenten". Für das Jahr 1925 ist Mars der „Regent": hoffentlich übt er feine Macht nicht in dem Sinne aus. wie Schillers viel zitierte Worte aus dem „Wallenstein" oft verstanden werden: „Mars regiert die Stunde." Der Schöpfer dieser Methode der Wettervoraussage ist angeblich ein 2Ibt mit Namen Knauer, der vor etwa 2 Jahrhunderten im B imberg scheu gelebt hat. Auf die von ihm angegebene Weise läßt sich die Witterung auf eine unbegrenzte Zeit voraussagen, was nicht gerade für die Zuverlässigkeit des Verfahrens spricht. Hinzu kommt noch, daß Knauer seine Weisheit nur auf die zu seiner Hell vekannten Planeten gegründet hat; er wußte also vom Uranus und vom Neptun gar nichts, ebensowenig von den inzwischen entdeckten zahlreichen lleineren Planeten. Gleichwohl hat die Methode heute noch ihre Anhänger, und unter der Bezeichnung „Hundertjähriger Kalender' wird diese Wissenschaft immer noch verbreitet und findet, namentlich in den Kreisen der Landbevöl lerung, nach wie vor den ffätlfleit Glauben.
Wir lassen hier die Angaben eines fog. hundertjährigen Kalenders" folgen. Jedermann hat damit Gelegenheit, seine Angaben nachzu- prüfen.
Januar: Trocken und nicht zu kalt.
Februar: Schön lustig im Anfang, den 13. bis 18. Schnee und Wind, darnach bis zum Ende überaus kalt.
März: März fängt an mit kaltem Wetter, des Morgens und des Abends taut es, 8.. 9. Regen und Schnee untereinander, 10. bis 21 kalt, den 22. pflegt es früh zu gefrieren, die Tage aber meistenteils schön und lustig zu sein.
April: Es pflegt b:3 auf den 10. zu gefrieren, hernach fällt gelindes Wetter ein, bis den 23.. daraus wieder Reife und rauhes Wetter bis auf den 29., da e« anfangt, schön und lustig zu fein. . . _
Mai: Mai fängt den dritten mit Donner an, folgt bald wieder rauhes, trübes und kühles Wetter bis auf den 8.. darauf drei Tage wieder gelinde, den 11. gefriert es wieder: zu lllacht Eis, bleibt kalt bis 20., darauf schön warm, den 30. Eis und Reif.
Juni: Juni fängt mit Reif an, darauf folgt trübes Wetter, den 9. Reif, schön warm, welches bis zum Ende bleibt
Juli: Juli fängt mit großer Hitze an. sowohl bei Tag als bei Nacht, es donnert fast täglich, gibt viele Kiesel, zündet ost an. bleibt schön bis den 12., dann wird's trüb und ebwas kühl mit Regen, bis auf den 28.. darauf Regen b.s zum Ende.
August: August fängt früh mit 0t bei an. die Tage sind schön und warm, hitzig bis zum Ende.
September: September fängt an mit herrlichem schönen Wetter bis auf den 13.. da etwas kühl und herbstig Wetter einfällt, bald darauf schön bis auf den 28., da trübes Regen Wetter sich einstellt.
Antike wieder zu begegnen, älnd so steht dieser 'Dichter wie ein erratischer Block in unserer Epoche. Entwicklung ging von ihm bisher nicht aus. Die zeitgenössische Ltteratur berührt ihn nicht, wie er sie nicht berührt. "
Ein Sta&teporträte
„Kunst und Leben im Darmstadt von heute" nennt sich ein stattllches und vorbildliches Werk, das soeben von der Stadt Darmstadt herausgegeben worden ist. Nichts wäre verkehrter, als sich unter dieser Veröffentlichung eine jener mehr oder minder öden Reklameschriften vorzustellen, die hie und da von Stadtverwaltungen herausgebracht werden und deren beste Bestandteile ein paar tatsächliche Angaben über wi:senswerte Einzelheiten und „Sehenswürdigkeiten" zu sein pflegen. Hier ist wesentlich Höheres geleistet. Hier stellt eine Stadt sich selbst dar, indem sie nicht nur ihr „Leibliches" schildert, sondern auch jenes Angreifbare, Geistige, das den Eharakter eines Gemeinwesens erst entscheidend bestimmt. Eine Fülle von ganz konkretem Stoff ist ausgebrettet. aber der Herausgeber, Bürgermeister Mueller, hat es verstanden, durch eine ungemein taktvolle Auswahl der Mttarbetter und eine sinnvolle Anordnung ein wahres Stabte» bildnis aufzubauen und nicht ehwa im Buchstäblichen der Einzelheiten stecken zu bleiben. Wer die Stadt der Künstlerkolonie, die Stadt einer gewissenhaften, zielbe wußten Kunstpflege, die Stadt der „Schule der Weisheit", die Stadt eines bemerkenswert reichen und regen ltterarischen Lebens, einer bedeutenden Technischen Hochschule, eines hochstehenden Theaters, eines ausgezeichnet geleiteten Museums kennen lernen will, der wird dieses Werk nicht entbehren können. Er findet hier im Bild die führenden Persön^
lichketten der Stadt, er findet im Wort die treu* Schilderung der wissenswerten Einzelheiten Alles, was zur Verwaltung eines modernen städtischen Gemeinwesens gehört, sindet er dar- gestellt und besprochen. Die Architektur der Stadt tut sich auf, die herrliche Naturumgebung tritt bedeutsam hinzu, die geschichtliche Vergangenheit enthülll sich, die wirtschaftliche, soziale und politische Gegenwart breitet sich aus. Als Endergeb' nis stellt sich der Eindruck ein, dah diese Stadt jenseits aller Zerklüftung, die nun einmal in unser öffentliches Leben geworfen ist, sich einen Gas' letzter Zusammenarbeit und einen schönen Optimismus, den Glauben an die ruhige Tal, bewahrt hat.
Auf der anderen Sette wirkt ein solches Wer!, wie es auf Zusammenarbeit beruht, auch wieder auf diese Zusammenarbeit hin. Man kann sich kaum — und darin liegt das Aktive und Vorbildliche dieses Buches — einen nachdrücklicheren Aufruf zu kommunaler Tat gemein- schäft denken, als er darin liegt, dah hier jedes vereinzelte Bemühen liebend in den großen Zusammenhang des vaterstädtischen Kulturbemühens einbezogen ist. Jeder sieht sich gewürdigt und gewertet, jeder sieht seine private Arbeit im ganzen zur Geltung kommen, jeder sieht sich mtt den Freunden und sogar mit den „Feinden" zum Ge- beihen des Gemeinwesens verbunden. Wie kann das anders wttlen, denn als Ermutigung und Ansporn, nun erst recht den Gesichtspunkt des „gemeinen Nutzens" im Auge zu behalten? Man scheidet vom Durchlesen dieses Buches nicht nur mit bereicherter Kenntnis, nicht nur mit dem Einblick in eine lebensvolle „Stadtpersönlichkett", sondern auch mit dem Wunsche, es möchten recht viele deutsche Städte solche Selbstdarstellungen unternehmen, damit an möglichst vielen Orten wieder das Bindende, das noch so stark zwischen den Menschen lebt, sichtbar und wirksam werbe.


