Der neue Lebensstil.
Meines Erachtens hätte Knigge, der ja angeblich die allgeineingültigen Gesetze des guten Tones geprägt hat, viel eher die allgemeiner gültigen Gesetze mit der Aeberschrift „'Ser schlechte Ton in allen Lebenslagen" schreiben sollen. Praktisch sind diese doch in der Mehrzahl zu beobachten und es fällt nur im Leben, d. h. zur jetzigen Zeit auf, wenn sich mal zufällig einer nicht schlecht benimmt. Ich mache daher den Vorschlag, bei einer sicherlich notwendig werdenden Neuauflage des Knigge folgende Vorschriften aufzunehmen und dafür andere zu streichen, deren Ideen-Gehalt nicht mehr den jetzigen Gepflogenheiten entspricht:
Wenn du ins Theater gehst, zieh dich dazu nicht mehr vorher um. Das ist eine mittelalterliche Gewohnheit und entspricht keineswegs dem Freigeiste unseres Jahrhunderts.
Auch brauchst du nicht zu Hause in aller Stille zu essen. Nimm deine vier Doppelstullen und eine Thermosflasche mit Kaffee in alle Oeffentlichkeit mit. Beim Konzert oder Vortrag schmeckt es viel besser.
Solltest du zufällig durch Volkes Stimme -gewählt, als Vertreter irgendwo an einer Sitzung teilnehmen, dann äußere deine maßgebliche Ansicht möglichst laut, möglichst oft und möglichst, wenn irgend jemand eine Rede hält. Die politische Lage verlangt es so von jedem Staatsbürger.
Ebenso muht du laut und deutlich sprechen, wenn du dich über Familienangelegenheiten — anderer im Lokal auSläht. Heimlichkeiten sind Schlechtigkeiten.
Zigarrenstummel und Streichhölzer gehören unter den Tisch zu den Zigarettenresten deines Freundes. Die Reinemachefrauen sollen chr Geld nicht umsonst verdienen und außerdem sieht der unbenutzte Aschenbecher auf dem Tisch viel netter aus.
Bei öffentlichen Gebäuden geht man zum Ausgang hinein und zum Eingang hinaus. Sollte
hinter dir noch jemand durch die Tür gehen, laß ihm ruhig die Flügel vor die Drille hauen. Dir hat sie auch keiner aufgehalten.
Solltest du sonst in puncto Benehmen irgendwelche Bedenken haben, dann handle stets so, wie eS ein anderer dir gegenüber nicht wagen dürfte. Auf diese Art kommt man reibungslos durchs Leben. A.
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Meersburg.
Von Gertrud Flatau.
Ueber der grünen Brandung des Bodensees, zu dem vor Jahrtausenden die ungestüme Wärme neuen Schöpfungsdranges den Rheingletscher zerschmolz, aus seinen Steinen geboren, — Bogen von Rosen nun zu Füßen, zeigt es den uralten Turm, — wie ein Laut aus Vergangenheiten, auf die das Jetzt sich noch grau besinnt.
Pforten von Rosen, die eben noch die warmen Blüten in mein Haar verloren, versinken immer mehr, dem Blick . . . dem Erinnern entrückt. Die Brücke, von schwersten Pfeilern über den Abgrund gestützt, horcht in schwindelnder Tiefe den Tod und das lebensmächtige Tosen von Büschen und Wipfeln. Und Conradins Blick, der Heimat abgekehrt, sucht in den blau emporbrausenden Bergwogen des Südens die ungestüme Zukunft, die über sein gefälltes Haupt hinweg im Schmerz der verlierenden Mutter mündete
Gang und Saal erzählen von der Burg Anbeginn, den gestirnten Himmel über mich wölbend, welchen die ersten Menschen verloren, um ihn in Millionen Geschlechtern sich neu zu erringen. Ein Turm öffnet seinen grausigen Mund. Und Menschen, die sich in die Höllentiefe hinabwagten, fanden Striche in die Steine gekerbt, Namen und Zeilen — Erkenntnisse des Lebens angesichts seines Verlustes, und die bittersüßeste Weisheitsolüte eines Menschenhirns, da es erlosch:
„Guter Gesell, laß dyn Murren syn, so behältst du das Leben dyn."
Dabei die Knochenreste der Verhungerten. —
Auch sie verlieren sich. Wieder hebt eine Treppe aufwärts, eng und steil, als stiege sie ins Licht.
Ur. 152 Zweites Blatt Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen)Donnerstag, 2. Juli 1925
Mainzer Kunstbrief.
Mainz, 29. 3uni 1925.
Der Festakt im Akademiesaal des Schlosses das Problem mittelrheinischer Kunst — die Ausstellung alter Kunst aus Privatbesitz — das Dommuseum — Ausstellung der '®c^nj9un9 Mainzer bildender Künstler — die Duchausstellung. „ „
3m Rahmen der Iahrtausendausstellung hatte der Oberbürgermeister der Stadt Mainz auf Sonntag vormittag zu einem Festakt gelegentlich der Eröffnung der Kunstausstellung und der Duchausstellung im Akademiesaal des Schlosses eingeladen. Den mächtigen «zestsaal der alten kurfürstlichen Residenz füllte eine stattlich« Anzahl von Gästen: der Reichskanzler Dr Luther, der hessische Staatspräsident Alrich, das hessische Ministerium. Vertreter von Reichs- und Landes- behörden, der Kirchen und der Hochschulen axiren erschienen. Mozarts beschwingte Musik, Chöre von Bruckner und Breu erklangen. Der Oberbürgermeister Dr. Külb sprach das Treubekennt- nis zu Volk und Vaterland, der Reichskanzler cnriberte im Ramen des Reichspräsidenten und der Reichsregierung.
3m eigentlichen Mittelpunkt der Feier, die zugleich öen 525. Geburtstag von Gutenberg begehen sollte, standen zwei Reden: Dr. 3ulius Rodenberg sprach über die neue deutsche Buchkunst, Geheimrat Professor Dr. Kautzsch über Mainz in der deutschen Kunst. Während Rodenberg seine Aufgabe darin sah, die künstlerische Leistung zu betonen, die der Buchdruck darstellt, sowie die Entwicklung der letzten 25 Jahre im deutschen Buchdruck zu skizzieren, berührte Kautzsch das eigentliche Problem rheinischer Kunst und damit rheinischen Wesens überhaupt. Sind wir, so stellte Kautzsch die Frage, überhaupt berechtigt, als Dokument unserer Zugehörigkeit zum Deutschtum die Kunst unseres Landstriches anzurufen, kann uns mittelrheinische Kunst zeigen, was im nefsten deutsche Kunst ist, oder ist nicht gerade in ihr der Einfluß des westlichen Nachbarn so stark, daß er das Deutsche überschattet. Es ist aar nicht zu leugnen, daß gerade der Mittelrhein in Frankreich gelernt hat. Daß er aber die fremden Anregungen verarbeitet und etwas Neues, typisch Nichtfranzösisches, typisch Mittelrheinisches geschaffen hat, zeuat für seine eigen» ständige Kraft. And daß dies Eigenständige deutsch ist, das versuchte Kautzsch zu beweisen, indem er in großen Zügen die Entwicklung der Mainzer Kunst zeigte: den Dom des frühen Mittelalters, die Plastik nach 1400, den Hof Albrechts von Brandenburg, an dem Grünewald schafft, Hans Backofen bis zu den großen Barockbauten von Neumann und Welsch. Reizende Lieblichkeit, spielerisch Keckes paart sich mit Würde und Hoheit, mit Pathos zu einer seltsamen Einheit. Cs ist ein wesentliches Stück deutscher Kunst, das sich hier konzentriert, und ohne das eine Lücke in der Gesamtentwicklung klaffen würde.
Kautzsch beschränkte sich darauf, diese Linie zu zeigen. Anwillkürlich aber war man unter dem Eindruck der Feier, der Menschen, der umgebenden Kunst versucht, den Gedanken weiterzuführen. Der Mittelrhein ist der Mittler zwischen der hochentwickelten Kunst Frankreichs und dem inneren Deutschland. Das ist seine Mission und seine Tragik. Deine Mission: Grenzländer sind Wälle, das Gut des Volkes vor Verflüchtigung zu schützen, sind Einlaßpforten, sich dem Wertvollen anderer Länder zu offnen und aus Anregungen neue Kraft zu schöpfen. Vielleicht ist an der Gotik am klarsten zu verfolgen, wie eine im fremden Land entstandene Kunstform in den Grenzlanden so durchaus umgewertet wird, daß sie manchen Zeiten als letztes Symbol des Deutschtums erscheinen konnte, wie das Grenzland aber diesen Schatz nun auch hütet. Denn so stark die formalen Beziehungen zwischen Mittelrhein und Nordfranireich sind, uns scheint in ihrem Wesen eine unüberbrückbare Kluft zwischen beiden Formungen zu bestehen. Die Tragik aber liegt darin, daß solche Mittler eben durch ihre Aufgabe immer auf zwei Schultern zu tragen scheinen: sie haben eine zu große Einfühlungsgabe, um ganz einen Standpunkt vertreten zu tonnen, sie schwanken, scheinen obenhin, ohne innere Konsequenz zu leben. Eben das, was vielen den Mittelrheiner so unsympathisch macht: seine Leichtlebigkeit und Anbekümmertheit um Grundsätze. Eine mittelrheinische Madonna ist gegen
eine schwäbische oder niederrheinische gesehen, kokett, ist Weltdame — zwar anders als die französische, eine verhaltene Innerlichkeit stößt überall durch — aber sie ist es, und das bewirkt, daß man sie gerne über die Achsel ansieht, nicht bedenkend, wie sehr eben dieser Zug deutschem Wesen miteignen muß, um es zum vollen Leben tüchtig zu machen. Die wenigsten Menschen des Mittelrheins spüren indes diese Tragik — auch die Künstler nicht, sie haben eine sprühende Vitalität, die frag- und problemlos aus dem eignen 3nnem heraus schafft. Nur wenige große Menschen haben zu tiefst mit dieser Problematik gerungen und das sind dieselben, die die größten — die deutschesten Werke schufen, in Main; selber vor allem Mathias Grünewald.
Die Ausstellung alter Kunst aus Privat- besih macht natürlich nicht den Anspruch, das Wesen mittelrheinischer Kunst zeigen zu wollen. Die besten Stücke hat man zur Iahrtausend- Ausstellung nach Köln gegeben. 3n Mainz wollte man nicht Spitzenleistungen, sondern vielmehr die Breite zeigen, indem man das Kunst- gut. das überall noch in alten Familien von Mainz und Rheinhessen, sowie in ehemals kur- mainzischen Familien vorhanden, einmal ans Tageslicht zog. Ein dankenswertes Anternehmen, das nicht nur dem Wissenschaftler manches neue Material zuträgt, sondern vor allem auch die Achtung vor altem Besitz wach hält und steigert. And dies bedeutet mehr als eine Liebhaberei, sie verwurzelt den Menschen in seiner Tradition und gibt ihm daraus neue Lebenskraft. Es ist eine stattliche Anzahl von Plastiken, Gemälden, Kleinkunst und Gerät, das man hier zusammengetragen und in den neuhergerichteten Räumen aufgestellt hat. Aus manches Werk wird noch in anderem Zusammenhang zurückzukommen sein.
Auch das Dommuseum, das vor nicht langer Zeit der Oeffentlichkeit übergeben wurde, dient einem ähnlichen Zweck: Zerstreutliegendes zu sammeln und zugänglich zu machen. Es wäre sehr zu begrüßen, wenn nach dem Vorbilde anderer Diözesen auch in Mainz unter tatkräftiger Leitung ein Diözesanmuseum ausgebaut würde, das wirkungsvoller, als die vielfach die staatliche Denkmalpflege vermag, die Pflege kirchlicher Kunst übernähme. Was man im Dommuseum bis jetzt geschaffen hat, ist ein schöner Anfang. Der Kreuzgang ist hergerichtet, die Grabdenkmäler geneologifch an den Wänden aufgereiht. Für die eigentliche Sammlung hat man die Kapitelstube und angrenzende Räume verwandt. Hier sind die prachtvollen Apostelstatuen, die Bildteppiche, die paar Stücke aus anderen Kirchen untergebracht. Ein neuer Mittelpunkt für die kirchliche Kunst im Mittelrheingebiet.
Auch die lebenden Künstler haben nach vielen Mühen endlich einen ständigen Ausstellungsraum in der Armen-Klara-Kapelle (Rosengasse) erhalten. Der gotische Kapellenraum ist gut seinem Zweck angepaßt und mit einer Ausstellung der Mainzer bildender Künstler eröffnet worden. Ob man hier auch etwas typisch Mittelrheinisches findet? — Es drängt sich mehr die Verschiedenheit der Schule, denn die Einheit der Landschaft auf. Kretschmanns Einsame beherrscht den Raum in der repräsentativen Art der Malerei die große Helle Flächen mit scharfer Zeichnung nebeneinander seht, dazu geeignet. Müller-Tenkhoff hat gute Landschaften, in deren Weichheit der Farbenklänge man am ehesten etwas Mittelrheinisches entdecken möchte. Dora Schütz' Dorfstrah« ist eine beachtliche Weiterführung von Feiningers Art mit satteren Farben: konstruktivistische Landschaft.
Die Ausstellung im Gutenberg-Museum: Das schöne deutsche Buch 1900 bis 1925 greift über den Rahmen des Mainzischen weit hinaus. Die Entwicklung und der heutige Stand unserer Druckkunst ist dargelegt, ein so beachtliches Kapitel unserer Kultur, daß man darüber eigens sprechen muß. N.
Der eherne Reiter.
Von Dr. Herbert Stegemann. Leningrad, 3uni 1925.
Das größte Standbild, das Katharina II. dem Schöpfer Rußlands gesetzt und das Puschkin in einem seiner mächtigsten Gedichte unsterblich gemacht hat, ragt noch heute, post tot varios casus, im Alexandergarten des Neuen Petersburg empor, und der Große Peter sprengt noch heute auf schwarzem Rosse auf die Newa zu, die er seinem herrischen Willen dienstbar machte und
auf deren Sumpfgeländ: er diese merkwürdigste aller Städte schuf. Heute noch — und vielleicht heute mehr als je — ist dieser eherne Reiter Symbol der Stadt. Ein eherner Wille hat auch diese neue Stadt, dieses neue Land, zusammen- aeschweißt, und über allem, was hier denkt, hört und fühlt, schwebt die große düstere Gestalt des neuen Peter, Wladimir Aljanows, Lenins. Seltfam, daß diese sich wahrhaft auf- drängende historische Parallele bisher so wenig erkannt worden ist. Peter und Lenin schufen beide ein neues Rußland und beide schufen es mit den gleichen Mitteln — einem eisernen Willen — einer brutalen, vor nichts zurückschreckenden Gewalt. Peter schnitt Bärte ab, Lenin Köpfe — im Kopfabschneiden hat Peter aber Lenin wohl no,d> übertroffen, obwohl die Periode 1919/20 ja auch nicht gerade nach Rosen und Moschusöl duftete und den westeuroväischen Moralhelden, die gleichzeitig hilflose deutsche Frauen und Kinder mit viel schönen Reden im Wege der Blockade abtoürgten, vielen Stoff zu entrüsteten Tiraden bot. Heute ist das alles vorbei: die Sowjetregierung wird anerkannt von denselben Leuten, die damals die halbe Welt gegen sie mobilisierten und ihr ewigen Haß schworen: Eine kleine Tatsache, die vielleicht für uns Deutsche einst uninteressant ist.
Diesen zähen Leninschen Willen, der unter dem Widerstande ganz Europas ein neues Rußland geschaffen hat. fühlt man schnell in ganz Leningrad. Nichts ist falscher, als die auch bei uns in Deutschland noch immer verbreitete Vorstellung, als fei Leningrad eine absterbende, dem Untergang geweihte Stadt. Gewiß. Petersburg hat Zeiten durchlebt, die weit schlimmer waren, als alles, toas wir in Deutschland in der Hungerzeit erlebt haben: in den 3ahren 1919/1920, als in Rußland der Kriegskommunismus herrschte uird dec Feind mehr als einmal unmittelbar vor den Toren der Hauptstadt stand, sank die Bevölkerung Petersburgs infolge der Flucht der hungernden Massen aufs Land von etwa 3 Millionen. die im Jahre 1915 gezählt wurden, auf 600 000. An Lebens- und Verkehrsmitteln fehlte es gänzlich: Ein achtel Pfund ungenießbares Schwarzbrot, ein bißchen Fastenöl und Grütze gab es täglich auf den Kopf der Bevölkerung, aber nicht etwa tatsächlich, sondern nur als theoretisches Recht, das eben nicht praktisch wurde, weil es nichts gab. Der Hunger erreichte wohl nicht den furchtbaren Umfang wie in den eigentlichen Hungerdistrikten an der Wolga, raffte aber auch zahllose Menschen dahin. Auf dem Newski wuchs Gras, Pferdeleichname waren täglich vor dem Winterpalais und in der Amgegend zu sehen, und Hunde wie Menschen riffen sie in Stücke. Vergegenwärtigt man sich das alles, so kann man von dem inzwischen durch die Sowjet- icgicrung erfolgten Wiederaufbau nur mit der höchsten Anerkennung sprechen. Gewiß, es gibt noch Ruinen, Trümmer von Häusern und Fabriken. Besonders die Gegend am Baltischen Bahnhofe, der 3smailowsll°Prospekt und die angrenzenden Straßen sind voll von Häusern, deren leere Fenster einen gespenstischen Anblick dar- bieten und aus deren halbzerstörten Dächern Gras wächst — Spuren jener Hunger- und Kriegszeit, in. der die Bevölkerung Petersburgs die Häuser abbrach, um Holz zur Feuerung zu gewinnen.
Auch in anderen entlegenen Stadtvierteln, insbesondere in Wassili-Ostrvw, sieht man noch Häuserleichen, aber im Zentrum der Stadt ist alles wieder aufgebaut, und sogar eine Reihe stattlicher Neubauten fallen angenehm auf. Noch bemerkenswerter als die Tatsache des Wiederaufbaues allein aber ist die für russische Verhältnisse ganz ungewöhnlich« Energie, mit der gearbeitet wird, eine Energie, die zu den vielen merkwürdigen Veränderungen in der Seele des russischen Menschen gehört, über die später wohl noch zu sprechen sein wird.
Allerdings gibt es auch hier einen Achtstundentag, aber im Lande Peter Lenins handhabt man ihn gar nicht mechanisch, obwohl er zu den elementarsten Rechten des russischen Arbeiters gehört, sondern man seht ihn, wo Staatsnotwendigkeiten es fordern, mit größter Anbefangenheit außer Kraft. So wird hier in Leningrad bei öer Neuanlegung zahlreicher elektrischer Linien stets die ganze Nacht durchgearbeitet. so daß das früher so bequeme und mit französischer Pseudo-Eleganz überzuckerte Petersburg nicht selten an eine neu entstehende amerikanische Großstadt erinnert. So gehen die Arbeiten denn
mit einer Promptheit vorwärts, die man dem Magistrat von Berlin, der unsere Geduld oft durch endlose, nie sertigwerdende Buddeleien ermüdet. nur nachdrücklich zur Nachahmung enrp- sehlen möchte. In der Stadt sind säst sämtliche Spuren des Zyklons, der im September 1924 die Stadt durchraste, beseitigt: das damals vollständig zerstörte Pflaster ist besser als zuvor wieder hergestellt. und die mit Stumpf und Stiel vernichteten Bäume des Som.nergartens bereit- neu gepflanzt. Mit fieberhaftem Eifer werden die Aufräumungsarbeiten auf den gleichfalls schwer mitgenommenen Inseln, diesem Juwel in der Krone landwittschaftlicher Schönheit Petersburgs. betrieben: Besonders die Ielagin-Insel wird durch eine mächtige ©ranitmaucr, an der Hunderte von Menschen arbeiten, gegen alle erdenklichen Naturkatastrophen gesichert. Kurz, überall rührt es sich, und die Pläne der Svwjet- legierung bei der Wiederherstellung der Stadt gehen sogar über den Rahmen des Nützlichen und Notwendigen auf das ästhetische Gebiet über. Eine Reihe der herrlichsten Gebäude Petersburg- — unter der Großen Katharina und Alexander I. aufgeführt — es fei hier nur das WinterpalaiS. das russische Museum, das Katharinen-Theater, der Synod, der Senat, die Admiralität und die Perle von allem, das Sommerschlößchen Alexan- ders I.. auch Kammeni-Ostrow genannt — wurden durch Nikolaus I. und Alexander II., die beide künstlerische Barbaren gewesen sind, verunstaltet, indem man die gerade durch die Doppelfarbigkeit (meist blau und gelb) so wundervoll wirkenden Fassaden dieser diskreten Barockbauten grellrvt überpinselte. Die Regierung beabsichtigt nun die schönsten dieser Gebäude, insbesondere das Winterpalais unö das Palais Strojanow wieder in ihrer ursprünglichen Schönheit herzustellen, womit sie sich den Dank aller Kunstfreunde erwerben würde.
Das Leben in Petersburg, das natürlich noch nicht wieder den Glanz und die Aeppigkeit der Friedenszeit erreicht, und das Zentrum der Stadt, insbesondere der Newski, macht mehr den Eindruck einer soliden und provrnziellen Stadt, als den einer Mettopole, obwohl die Bevölkerung, von der 600 000 betragenden Ziffer der Hungerzeit wieder auf 1,4 Millionen gestiegen ist. Aber bei seiner im Gegensatz zu Moskau riesenhaften Ausdehnung braucht Petersburg eigentlich drei Millionen Menschen, um dicht bevölkert zu erscheinen. Die Läden — 60 Prozent davon sind jetzt Staatsbetriebe — weisen vielfach die alte Fülle auf, wenigstens soweit es sich um Lebensmittel handelt: mit den industriellen Erzeugnissen, die allerdings schon im Frieden nicht gerade hervorragend waren, hapert es dagegen bedenklich. And alte Gebrauchsgegenstände des täglichen Lebens, von der Kleidung angefangen, sind ßiinderwertig und teuer, was bei der allgemeinen Geldknappheit und der Kleinheit der Gehälter (ein Oberlehrer z. B. erhält 60 Rubel monatlich) sehr ins Gewicht fällt. Aber das scheinen Aebergangszustände zu fein, unter denen auch die Bevölkerung nicht so sehr leidet, wie wir bei dem Gewicht, das wir auf Kleidung. Bequemlichkeit und Behagen legen, anzunehmen geneigt sind. Man fühlt überall eine feste Hand, einen entschlossenen Willen und den Glauben an einen Wiederaufstieg Rußlands, selbst in den Kreisen, die von dem herrschenden System zu sehr benachteiligt sind, als daß sie ihm wohlgesinnt fein konnten.
Aus der Provinz.
Landkreis Gießen.
£ Wieseck, 3. Juli. Gegenüber dem Vormonat weisen die Zahlen für Juni in der Er - werbslosenfür sorge keine wesentlichen Veränderungen auf. Es mußten noch unterstützt werden am 1. Juni: 15 Erwerbslose mit 9 Ehefrauen und 17 Kindern als Zuschlagsempfänger, am 6. Juni: 25 Erwerbslose mit 16 Ehefrauen und 21 Kindern, am 13. Juni: 22 Erwerbslose mit 15 Ehefrauen und 20 Kindern, am 20. 2kini: 22 Erwerbslose mit 15 Ehefrauen und 20 Kindern, am 30. Juni. 22 Erwerbslose mit 13 Ehefrauen und 12 Kindern. Seit langer Zeit sind in der letzten Derichtswoche keine weiblichen Erwerbslose mehr aufgeführt. Außerdem wurden in der Wohlsahrtssürsocge 59 Sozial- renter und 21 Kleinrentner unterstützt.
Und hell gezeichnet von dem blassen Strahle legt auf ihr Lager sich des Fensters Bild, vom schwanken Laubgewimmel überhüllt:
Zu Häupten des Bettes, darinnen sie ihr Leben zuendekämpfte, lächelt noch aus trauerndem Rahmen das Köpfchen der jungen Annette. — Von Lorbeer, den drunten am See der warme Boden in lebendigen Flammen gen Himmel sprengt, umgibt ein kleiner Kranz welkende Spuren ihrer Hand, — ein Lied, weh und kurz, niemandem als sich selbst geklagt. Der Weg vom Glück des vierzehnjährigen Herzens zum leeren Bett. — Levin Schük- king, halb abgewandt, sieht herüber. Rüschhaus und Hülshoff, die verlorenen Stätten ihres Glücks, sind im Bilde der Verlorenen nahe.
Eine Wand hält noch ihr kleines Arbeitspult fest, ... die Blattschatten darauf zucken leise, als schmerze sie das Licht.
Die Beschauer schweigen. Die Stille spricht.
Die Augen der Annette sind auf uns.
„Ich macht' euch alle an mich schließen, Ich fühl' euch alle um mich her.
Ich möchte mit in euch ergießen.
Gleich siechem Bache in das Meer . . ."
In den Turmfenstern, unte- Windstößen immer wieder silbern erschauernd wie in leuchtendem Schmerz, steht der See
Westwärts in die Helle der Weinberge birgt sich ihr Gartenhaus, von Efeu überhäuft, mit Efeu beladen, . . . ganz van seiner wilden dunklen Zärtlichkeit erstickt. —
Des Mittags Licht siedet Gold aus heißen Blättern. Der erlöste Gletscher, der See, zittert rosa, weithinaus, zu immer leuchtenderem Glanz erhitzt, bis er in der Ferne zu blendenden Nebeln schmilzt. — Aus den Nebeln kämpfen sich die Alpen: ihre Firne, zu glühendem Schmerz erstarrt, leuchten, als wollten sie die Seele blenden
In die rosa zitternde Wasserunendlichkeit ergießen Bäche grüne Pfade . . Dampfer schwimmen davon, dem Glanz entgegen, Bahnen schweren grünen Leuchtens schleppend. Segler, grüne Spuren hinter sich, entfliegen allen Ufern, . . . weiße Falter mit windgefüllten Flügeln, die ins Licht gaukeln, solange es noch wähtt.
Frankfurter Theater.
Sommertone. Die Walküre geht in Ferien, Lohengrin spannt aus. die Rheintöchter schwimmen nach allen Himmelsrichtungen, dafür eröffnet die Oper ihre Sommerspielzeit mit der „Schönen Anbekannte n". Operette von Franz v. Suppe, einer musikalischen Ausgrabung, welche den Beweis erbringt daß es auch mal ohne Jimmy, Java und Jazz geht. Die Musikalität dieses Werkes, welches mitunter großzügig gesteigerte orchestrale Instrumentterung aufweift, wächst in ihrem künstlerischen Format über die Operette hinaus und Hingt in das Gebiets der Spieloper über. Klangvolle Melodien ertönen und illustrieren den Gang der Handlung. Vielleicht ist für uns ein bißchen zu viel Sentimen- talität und Liebe in dieser, im Schatten Napoleons absp' l nden. romantischen Liebesgeschichte der Genera i.i Rapp (die schöne ilnoelannte) und dem überzeugten Royalisten Vicomte de Bri- chanteau. Politik und Liebe, im zweiten Akt tagt sogar ein Standgericht, aber trotz diesem „vielleicht". oder gerade deswegen, die Handlung interessiert, nach jedem Akt dröhnte Beifall durchs dicht besetzte Haus. Der Regisseur AloiS R e s n i brachte eine ausgezeichnete Aufführung heraus, welche sich in einem dekorativ-reizvollen Rahmen abspielte. Der Sänger Alois Resni sorgte gemeinsam mit seiner flotten, beweglichen Partnerin Mimi Brix, daß der nötige Humor und die richtige Operettenstimmung die Handlung erfüllte. er stellte eine seiner humorvollen Typen, als Gemeinderat und späterer Bürgermeister La- bourc. auf die Deine. Das lyrische Paar war war Nelly Pirchhoff (schöne Allbekannte) und Oskar Neruda (Drichanteau): beide verfügen über klangvolle Stimmittel. Der Wien« Kapellmeister Schönbaum schwang den Dirigentenstab mit dem nötigen musikalischen Verständnis. So wurde die Bekanntschaft mit bet schonen Anbekannten zu einem recht genußreichen Äbeich. • u


