Nr. 126 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-AnzeigerfürGberhefsen)
Dienstag. 2. Juni 1925
Die deutsche Berkehrsausstellung in München-
Don Dipl.-3ng. Mangold.
(Hochdruck verboten.-
Dergeslen wir einmal für ein Paar Minuten die nervöse Arbeite- und Derlehrslast unseres moderne., Lebens und blicken wir aus den weiten Weg der Entwicklung zurück, welcher vom Urwald biS zur modernen Automobilstrahe oder bis zum Flugplatz geführt hat. Dergleichen wir einmal die Zeit, in welcher der Mensch sich mühsam durch verwilderten Urwald oder unwegsame Vrassteppen Dahn brach, wo eS noch keine Straften gab, sondern er den Spuren des Wildes und den Zluhläuscn folgen muhte, mit der Gegenwart, in der Kraftwagen aller Art die Straften bevölkern, Cisenbahnzüge durch die Lande eilen und hoch in der Luft die Verkehrsflugzeuge schweben, wo Telegraph, Telephon, Rundfunk und wohl bald der Fernseher uns jede räumliche Entfernung beim Uebertragen von Mitteilungen vergessen lassen.
Mit Stolz dürfen wir bekennen, daft all diese Entwicklung, welche besonders in den letzten Jahrzehnten so große Fortschritte gezeitigt hat, ein Werk menschlichen Geistes und menschlicher Arbeit ist.
Wenn wir in der Kulturgeschichte vergangener Zeiten blättern, so sehen wir, daß all die einzelnen Abschnitte nur Stufen einer Entwicklung sind, welche auch heute noch lange nicht abgeschlossen ist. Goethe konnte noch ausrusen: „Achl Zu des Geistes Flügeln wird so leicht kein körperlicher Flügel sich gesellen." Wir sind beute in der Lage, uns wie der Dogel in die Luft zu erheben und noch viel schneller als er die größten Entfernungen zu durcheilen
Die Kaujlahrer des Mitte a.lers, die Postillone einer romantischen Zeil denen einzelne Schwärmer vielleicht noch nachseufzen, sind nur Entwicklungsstufen gewesen zu den heute auss höchste gesteigerten Typen des Lokomotiv-, Kraftwagen- und Flugzeugsührers.
Menschliche Geisteskraft hat es fertig gebracht. Wege zu bahnen, Schienen zu legen, große Kanäle mit Hilfe von Daggermaschinen auszu- graben, alle die dazu notwendigen maschinellen Einrichtungen nicht nur zu erdenken, sondern auch in zäher Arbeit für den praktischen Betrieb auszubilden. Die wenigsten Menschen bedenken dies, wenn sie pünktlich mit der Bahn ankommen, oder wenn schwer beladene Schiffe unsere Wasserstraßen durchziehen, oder wenn Kraftfahrzeuge an uns vorbeisausen und über uns das Flugzeug sich erhebt, welchen weiten und mühsamen Entwicklungsring wir damit so selbstverständlich durchlaufen. Wer denkt von uns mobernen Menschen noch an die Postkutsche. 3a, die Pserde- droschke ist schon eine Seltenheit in unserem Städtebild geworden.
Ein Ruhepunkt und Rückschau auf die Vergangenheit und ein Ausblick in die Möglichkeiten der nächsten Zukunft wird die Deutsche Verkehsaus- siellung in München ihren Besuchern jein, welche Pfingsten eröffnet, den ganzen Sommer über ihre Hallen offenhalten wird.
In ihren zahlreichen und großen fallen auf der Theresienhöhe wird in lehrreicher und fesselnder Weise ein umfassendes Bild des Verkehrswesens gegeben und gleichzeitig die gewaltige Bedcutting dieses Faktors in unserem Wirtschaftsleben für die
Allgemeinheit und für den einzelnen gezeigt. Ent sprechend den Erfahrungen, welche man bei allen großen Ausstellungen gemacht hat, gliedert die Perkehrsaussiellung sich in einzelne Fachgruppen, welche eine übersichtliche und klare Besichtigung ge statten.
Wir finden gefonbert den Bahrn, Straßen-, Wasser und Luftverkehr und als Ergänzung dazu eine Ausstellung des Post-, Telegraphen, Fem- fprech- und Funkwesens.
Die Gruppe B a h n v e r k e h r ist in der grüß len Halle und in einem besonderen Ausstellungs bahnhof ein weites Feld zur Entfaltung ihrer vielseitigen und interessanten Einrichtungen gegeben. Die Grundzüge des Eisenbahnbetriebes swerden an Hand von in diesem Umfange noch nie gezeigten Modellbahnhofen veranschaulicht. Im Maßstab 1:33 ist ein Personenbahnhof (Kopf- und Durchgangs- bahnhof), ein Verschiebe- und ein Hafenbahnhof aufgebaut. Die Bewegung der Züge erfolgt durch elektrische Lokomotiven.
Wichtig für den Eisenbahnverkehr sind die Sicherungsanlagen und die Einrichtungen für den weitverzweigten Verständigungsdienst. Auch in sie wird der Besucher instruktiv eingeführt. Ferner sieht er, wie sich ein Fahrvlan gestaltet, wie die Tarife zustande kommen und wie überhaupt der riesige innere Betrieb der Eisenbahn aufgebaut ist und sich ab wickelt
Int Anfchluft sieht inan alle wichtigen Einzel heilen des Eisenbahnwesens, wie den Entwurf und den Bau der Anlagen einschließlich der Baustoffe, Maschinen und Werkzeuge, Einzelheiten und Aus- rüstungsgegenstände der Fahrzeuge ,
3m -n.sstelUlngsbahnhos sind 2100 Meter Vollspur und 5ou Meter Schmaljpurgleije gelegt, auf denen biv neuesten Typen der Dampf. elektrischen unb Modelllokomoliven und die verschiedensten Personen und Güterwagen ausgestellt sind. Wir weisen ganz besonders auf die Selbstentladewagen hin, welche in normaler Größe und als Großgüterwagen gebaut werden. Daneben sind die neuesten Verbesserungen zu sehen, wie der zwangläufige Ablaufbetrieb, verkürzte Weichen, selbsttätige Kuppelungen, wie z. B. die Scharfenberg Kuppelung usw. Die Anwendung des Eisenbetons greift auch hier immer weiter Dyckerhofs & Widmann A G. stellt u. a. Asbetonschwelle und Betonschleudermaste aus.
Die S t r a ß e n b a h n e n , welche schon zum Straßerverkehr überleiten, finden in einer besonderen Halle Aufstellung. Außer Motor und Anhängc- wagen neuester Bauart sehen wir Verbesserungen in Rillenschienen und Federzungenweichen (Phönix, Duisburg Ruhrort). Die Essener Straßenbahnen zeigen interessante Einwirkungen der Senkungen im Bergbau auf die Gleise der Straßenbahnen.
Der Straßenverkehr findet naturgemäß ein weites Feld. Wenn man eine Zeitlang einmal annahm, daß der Fernverkehr auf den Straßen durch die Eisenbahn zurückgedrängt sei, so hat die Entwicklung des Kraftfahrwesens uns bald eines Besseren belehrt. Denn das Krastfahrzeug, sei es das Motorrad, der Personen- oder Lastkraftwagen, hatte zur Folge, daß die alten Straßen in feiner Weis? den Beanspruchungen gewachsen waren. Es mußten Mittel und Wege gefunden werden, um die techniiche Verbesserung der Straßen so schnell als möglich dinchzuführcm Es kommt dabei besonders
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1, la Bastnverkehr. 2 See- und Binnenschiffahrt. 3, 4, 5 Post- verkehr. 5a Straßenverkehr. 6 Derkehr und Städtchen. 7 Luftfahrt. 8 Straßenbahnwagen. 9 Kraftwagenhalle. 10 Bahnhofshalle.
Deutfche Verkehriausficllung München 1925
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Schwer Ölmotor - Bulldog •• der Lanz-Werke
Feuer am Nordpol.
Technisch-politischer Roman aus der GrgenwarL Bon Karl-August von LafserL
55. öortieBung (Nachdruck oerboten.)
Der Borsitzende bat um Ruhe und fuhr fort:
„In-ibeni ist eine au"""blickliche Gefahr nicht vorhanden. Und zwar erhielten wir Hilfe von dort, wo wir sie am wenigstens erwarteten."
Hier wurde seine Rede unterbrochen. Die Luhentür öffnete sich, und der Wächter des (Einganges rief laut in die Versammlung:
„Haltet ein! (Ein Verräter ist unter uns!"
Zugleich zog er eine Mehrladepistole hervor und stellte sich schußfertig vor den einzigen Ausgang hin.
Sofort trat Totenstille ein. Der Vorsitzende fragte den Wächter:
„Sind wir gegen Ueberrafdjungcn gesichert?"
„Auf beiden Zugangswegen stehen die Sicher- beitspoften, und der mir allein bekannte Geheim- weg kann jederzeit benutzt werden, sobald Gefahr drohen sollte."
„Woraus schließt du, daß ein Verräter unter uns ist?"
„Don Bardowieck waren nur vier Brüder ungesagt, aber fünf meldeten sich beim (Eintritt von dorther."
,3ch beantrage persönliche Untersuchung durch den Ueberwachungsausschuh!" rief einer der Männer.
Da sich kein Widerspruch erhob, forderte der Vorsitzende die Brüder des Ueberwachungsdienstes auf, an die Arbeit zu gehen. Drei Maskierte standen auf und begaben sich in eine Ecke des Schuppens hinter einen Bretterverschlag.
„Ich bitte zunächst die Brüder aus Bardowieck!" sagte der Vorsitzende.
Unter allgemeiner (Erregung erhoben sich nur vier Männer.
„Wo ist der fünfte?" schrie eine Stimme.
Alle blickten sich um, doch niemand erhob sich.
Unterdessen traten die Männer aus Bardowieck einer nach dem anderen hinter die Wand zum lieber- wachungsausschuß, wo sie ihre Masken lüften muß-
len. Sie wurden als .bekannt" entlassen. Nun kamen auch die übrigen an die Reihe. Und bereits bei dem zehnten Manne ertönte es hinter der Wand:
„Ein Unbekannter!"
Auf diesen Ruf trat Totenstille ein. Jeder wußte,daß ein verhängnisvolles Ereignis im Anzuge war.
Der Ueberwachungsausschuß führte einen an beiden Armen gefesselten und unmaskierten Mann mit sich, der am ganzen Leide zitterte. "(Er wurde dem Vorsitzenden zugeführt.
„Wer sind Sie?" fragte dieser.
„Georg Häderlin, Uhrmacher aus Lüneburg", antwortete der Gefragte mit kläglicher Stimme. „Verzeihen Sie, daß ich cs wagte, mich hier einzudrängen. Ich weiß wohl, welcher Gefahr ich mich dadurch aussetzte, aber ich bin ein begeisterter Patriot und wollte mich mit den geheimen Bestrebungen der Heiligen Feme betanntmadjen, bevor ich darum bat, als Mitglied in den Bund ausgenommen zu werden."
„Kennt jemand diesen Mann?" fragte der Vorsitzende.
,Lch kenne ihn," erklärte einer der zuletzt gekommenen Brüder aus Bardowieck, „unb aus einem mir zu Gesicht gekommenen Aktenstück weiß ich so- gar mit Bestimmtheit, daß Häberiin derjenige ist, der unseren Bund hier verraten hat."
„Da - ist nicht wahr'." schrie der Beschuldigte.
„Es ist wahr!"
,Lannst du es beschwören?" fragte der Vorsitzende.
,Lch kann es!"
„Dann sprich mir den Eid nach!"
Und langsam, Satz für Satz, sprach der Vorsitzende die furchtbare Formel aus, die der Bruder aus Bardowieck mit fester Stimme wiederholte.
„(Er lügt! (Er lügt!" schrie Häberiin. „Ich verlange Beweise! Ich bin unschuldig!"
„Welches Schicksal verdient der Verräter?" fragte der Vorsitzende die Versammlung.
„Den Tod!" er tönte es einstimmig in dumpfem Gemurmel.
Der Vorsitzende wandte sich an den Ange- fdjulbigten:
„Georg Häberiin, Sie sind durch einstimmigen Beschluß der Unterabteilung Niedersachsen der
heiligen Feme wegen Verrates zum Tode verurteilt. Eine ^Berufung gegen dieses Urteil gibt es nicht. Binnen fünf Minuten wird die gerechte Strafe an Ihnen vollstreckt. Haben Sie noch einen letzten Wunsch, den wir zu erfüllen vermögen?"
Fast irrsinnig vor Angst blickte der Verräter um sich. Doch aus den schwarzverhüllten Gesichtern blitzten nur mitleidslose Augen.
„Ich bin unschuldig." stöhnte er nochmals. Lassen Sic mir nur einen Tag Zeit, mich zu recht- fertigen, sonst wird mein schuldloses Blut über Sie kommen."
„Ausführende Brüder bringt ihn fort!" rief der Verfitzende mit starker Stimme.
Häberiin sah, daß er verloren war. Aber angesichts des sicheren Todes erwachte ein ihm bisher fremder Mut.
„Halt, ihr feigen Mörder," rief er und richtete sich auf, „wenn ich denn fterbrn muß, so sollt ihr noch mein letztes Bekenntnis hären: Ja, ich bin ein Patriot, aber keiner von euch Deutschen, Gott sei Dank. In Lothringen stand meine Wieac, und nur unter dem äußeren Zwange wurde ich Deutscher. Seit dem Kriege aber bin ich wieder Franzose, wie cs meine Vorfahren stets gewesen sind. Und alles, was id) tat, tat ich aus Haß gegen Deutschland. Ja, ich schlich mich in eure Versammlung ein, ich habe euch verraten, denn ich weiß, daß ihr und euresgleichen nur auf den Augenblick wartet, über mein schönes Vaterland herzufallen sobald ihr wieder groß und stark geworden seid. Franzosen und Deutsche werden niemals in Frieden und Freundschaft miteinander leben, wie es seit Anfang der Geschichte immer nur Haß und Abscheu zwischen unseren Volkern gab. Darum setzte ich wie alle wahren französischen Patrioten meine gesamten Kräfte dafür ein, jeden möglichen Aufstieg Deutschlands zu verhindern. Mag der Himmel verhüten, daß ihr euch jemals aus eurer jetzigen Erniedrigung erhebt, weil sonst ein furchtbares Rachewüten der barbarischen deutschen Völkerschaften gegen die friedlichen Gefilde, des unglücklichen Frankreich einsetzen wird. Ich sterbe gern mit dem Gefühle, Frankreich einen Dienst geleistet zu haben. Euch verfluchten Boches aber wird der sichere Tod unter der Hand des Henkers blühen!"
Schweigend hörten die Versammelten diesen wütenden Haßausbruch. Doch jetzt ertönte ein Ruf:
„Macht ein Ende mit dem Franzosenhunde!"
„Halt!" rief der Vorsitzende mit starker Stimme. Dann wandte er sich an den Verurteilten: „Beweisen Sie uns, daß Sie ein Franzose und kein deutscher Verräter sind!"
„Der Mann hat recht!" rief der erste Sprecher aus Bardowieck. „Ich ersah es aus den Akten, daß Häberiin kein Deutscher ist."
„Dann können wir ihn nicht bestrafen", sagte der Vorsitzende ruhig. „Die Gesetze der ^eiligen Feme richten sich nur gegen verräterische Deutsche, einem Franzosen, und sei er unser größter Feind, dürfen wir fein Haar krümmen."
„Aber er hat uns verraten und wird uns alle ins Gefängnis bringen!" rief einer der Brüder.
„Davor müßen wir uns zu schützen suchen", erklärte der Vorsitzende. Dann wandte er sich an Hä- btrlin: „Danken Sie Gott dafür, daß Sie kein Deutscher sind' Das gegen Sie ergangene Todesurteil ist ungültig."
Häberiin war nicht sofort imstande, die ganze Tragweite des Gehörten zu erfassen.
„So werden Sie mich nicht töten?" fragte er immer noch zweifelnd. „Aber Sie werden mich irgendwie beiseitebringen weil Sie meine Angeberei fürchten?"
.Lhnen wird nicht das geringste geschehen", bestätigte der Vorsitzende. „Vielleicht werden wir Sie einige Tage irgendwo in Gewahrsam bringen müssen, bis wir in Sicherheit sind, bann aber sollen Sie Ihre völlige Freiheit wiedererhalten."
Der angesichts des f**eren Todes soeben noch so beherzte Uhrmacher fing plötzlich an zu meinem
„Wie soll ich Ihnen danken, meine Herren!" rief er tränenüberftremt. „Sie haben zwei armen Waisen ihren einzigen Ernährer erhallen!"
„Versuchen Sie lieber in Zukunft, auf anständigere Art Ihr Brot zu erwerben," meinte der Vorsitzende, „bann werden Sie nicht wieder in ähnliche gefahrvolle Loge kommen." Er wandle sich an den Wächter der Tür: „Bruder, nimm den Mann mit nach draußen, während wir hier beraten, was weiter mit ihm geschehen soll."
Der Wächter führte Häberlin ab, der im Herausgehen rief:
„Es gibt doch noch Gerechtigkeit auf Erdenk Ich danke Ihnen, meine Herren!"
(Fortsetzung folgt) t'


