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Gietzener Anzeiger (Generm-Anzetger für Gberheflen)
Nr. 51 Swettes Blatt
Ein oberheffischer Volkserzähler.
Die Zahl der Vvlkser.zählungen, die im ober- hessifchen Leben wurzeln, ist. nicht groß. Aller- bings einen bedeutenden Erzähler und Dichter weist unsere Heimatprovinz auf, das ist Rudolf Oeser, der unter dem Tlamcn O. Glaubrecht weithin bekannte Lindheimer Pfarrer. Reben ihm sollte jedoch Karl Glaser, der unter dem Ramen Iustus Treumund schrieb, nicht vergessen fein. Glaser wurde am 6 Rovembec 1810 in Grünberg als der Sohn des Präzeptors (Lehrers) 3o- harrnes Glaser geboren. Er besuchte zuerst Schulen in seiner Heimatstadt und wurde 1826 Schüler des Pädagogiums (Gymnasiums) zu Gießen. Schon im Alter von 17 Jahren wurde er Student der Theologie und Philologie. Die Wissenschaft war damals noch nicht so spezialisiert wie heute, so daß Studenten, um sich die Wahl für den Schul- oder den Kirchendienst offen zu halten, oft gleichzeitig Theologie und klassische Philologie studierten. Rach vier- ijährigem Studium bestand Glaser seine Prüfungen und war zuerst drei Jahre lang Hauslehrer. Im Jahre 1834 fand er eine Anstellung an der Knabenschule zu Grünberg und wurde 1848 Pfarrer zu Wieseck, um sechs Jahre später nach Gießen überzusiedeln, wo er eine Strlle als Gymnasiallehrer erhielt. Im Jahre 1855 wurde er auf Grund seiner Leistungen auf dem Gebiete der Heimatgeschichte zum Dr. Phil, promoviert. Am Gießener Gymnasium unterrichtete er in Religion, Deutsch und Latein. 1873 trat er in den Ruhestand und starb in Gießen am 5. September 1876. Die älteren Gießener, die bas hiesige Gymnasium besucht haben, werden sich seiner noch erinnern; auch als Gymnasiallehrer wurde er immer noch als der „Pfarrer Glaser" bezeichnet.
Karl Glaser war kein Dielschreiber, aber seine Arbeiten heimatgeschichtlicher Art wie seine Erzählungen gelten als tüchtige Leistungen. Er lieferte 'Beiträge zur Geschichte der Stadt Grünberg und des Klosters Wirberg. Im Jahre 1866 veröffentlichte er die Erzählung „Vogel- bärbchen". Ihr Schquplah ist das Ohmtal bei Kirchhain sowie die Orte Wetter, Dattenberg, *>3€ttcrfcH>, Laubach und Grünberg. Sehr anschaulich werden die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges vorgeführt. Im Mittelpunkt der Erzählung steht das Dogelbärbchen, eine Frau, bie durch schwere Schicksale zur umherschweifen- 2>en Bettlerin geworden ist. Auch ein Sittengemälde aus dem siebzehnten Jahrhundert ist Gla- 'jers Erzählung „Schloß Friedelhausen". Karl Esselborn in Darmstadt hat sich dadurch ein Verdienst erworben, daß er Glasers „Vogelbärb- chen" neu herauSgegeben und mit vielen erläuternden Anmerkungen versehen Hal. Veröffentlichungen dieser Art sind dazu angetan, die Liebe zur hessischen Heimat zu beleben und unter Dem heute lebenden Geschlechte die Kenntnis der Geschichte der Vergangenheit zu verbreiten.
H.D.
Jacob BurckhardtsIugendwerk
Das erste große kulturgeschichtliche Werk Jacob Burckhardts war sein Buch „Die Zeit Konstantins deS Großen", das 1852 zuerst erschien. In einer neuen Ausgabe wird uns diese grundlegende Arbeit des großen Meisters der Kulturgeschichte nunmehr vom Verlag A l - freD Kröner in Leipzig (102) wieder dargeboten. Der hervorragende Byzantinist Ernst Hohl hat dazu ein Vorwort geschrieben, in dem er den unvergänglichen Wert dieser Leistung betont. „Mein guter Konstantin! Wie war ich doch noch grün, als ich den schrieb. Was wollen Sie? Das Buch ist ja längst vergessen!" So pflegte Burck- Hardt Freunden zu sagen, die ihm bekannten, wieviel sie diesem Werk verdankten. Aber fein „guter Konstantin" ist doch das einzige Werk gewesen, das er bei einer Reuauflage nicht fremden Händen überantwortete, sondern selbst überprüfte und verbesserte. Die rein gelehrte Literatur ist allerdings dem unentrinnbaren Schicksal verfallen, zu v eralten und durch neue Erkenntnisse der Wissenschaft überholt zu werden. „Zu den schönsten und dauerhaftesten Hervorbringungen des menschlichen Geistes dagegen", sagt Hohl, „zählen seit den Tagen der alten Griechen jene seltenen Werke der Geschichtsschreibung, die einer legitimen Personalunion zwischen der Kunst und der Wissenschaft entspringen. Solche Werke hat uns der große Basler Historiker geschenkt. Wenn heute der „Cicerone" und die „Kultur der Renaissance in der ursprünglichen Reinheit, befreit von allen Zusätzen, mit denen man sie auf den jeweiligen „Stand der Wissenschaft" zu bringen
Für den Büchertisch.
beflissen war, ihre volle und unverminderte Wirkung tun, so liegt darin der bündige Beweis für die Ausnahmestellung ihres ülrhebers. Richt anders steht es um den „Constantin", auch hier könnte man vielleicht der Versuchung erliegen, eine Anpassung an die heutige Forschung vorzunehmen. Aber man würde damit gegen das Lebensgesetz dieses Buches verstoßen, und die Erfahrungen, die mit früheren Bearbeitungen Burckhaidtscher Werke gemacht wurden, find drastisch genug: vestigia terrent."
' Romain Rolland: Verzauberte Seele, l. „Annette und Sylvia". (Kurt Wolff, München.) Zwei grundverschiedene Frauennaturen sind psychologisch meisterhaft charakterisiert, die von sittlich ernstem Streben bewegte Annette und die kleine, flatterhafte Pariser ©ri- fette, beide in ihrer Einstellung zu demselben Manne. Das Ineinanderfühlen der Schwestern, das langsame Sichnäherkommen, die glühende Liebe, Eifersucht und Hatz, das erregt starke innere Anteilnahme ■ an diesen beiden Frauen- seelen. 1105
— Bruno Cassirers nach Ausstattung, Drucktechnik wie ülebersetzung gleich mustergültige Tolstoi-Ausgabe macht erfreuliche Fortschritte. Als neueste Bände liegen uns vor. ..Sewastopol". eine Sammlung von Erzählungen aus den fünfziger Jahren und „P o l i k u schk a". ein Band, der eine Reihe der wertvollsten und charakteristischsten Erzählungen aus den gleichen Jahren enthält. Cs sind die Jahre seiner großen Wendung, vom traditionellen Epiker zumGesell- schaftskritiker, Jahre des inneren Ringens und Werdens, von dem auch manche dieser Erzählungen sprechen, trotz der epischen Ruhe ihrer Ausdrucksformen (bei Bruno Cassirer, Berlin W 35, je Band 6 Mk.). 1557,119
— Der Leipziger Verlag Hesse & Becker gibt in feiner bekannten Sammlung „Romane der Weltliteratur" ein einzeln käufliches Gesamtwert F. M. Dostojewskis heraus, das bei guter Ausstattung und ausgezeichneter Uebersehung besonders durch seinen niedrigen Preis bemerkenswert ist. t 85
• In der außerordentlich wohlfeilen Sammlung Die sechs Bücher der Kunst, die Professor Dr. A. E. Drinckmann-Köln bei der Makern. Derlagsanst. Athenacon, Potsdam herausgibt, ist soeben als 5. Band Die Kunst des 'Barocks und Rokokos von dem Herausgeber selbst erschienen. (Halbleinen 10 Gm.) Worauf es Drinckmann in seiner aufs äuherste konzentrierten Zusammenfassung ankommt, das ist der Einsatz und Anteil der Dölkerindividualitäten, die mit verschiedener Kraft und verschiedenem Erfolg in der Entwicklung der künstlerischen Ideen des Barocks ein- greifen. Italien findet zuerst die neuen Formen; Spanien. Frankreich, England, Riederlande, Deutschland zerlegen, zersetzen sie und verbinden sie mit eigenem schöpferischen Willen, lieber der Malerei der Riederländer steht das Doppelgestirn Rubens-Rembrandt; und Deutschland. dem Sammelbecken aller möglichen Einflüsse, gelingt es im 18. Jahrhundert, im deutschen Rokoko das letzte und höchste Resultat dieser internationalen Kulturepoche zu schaffen. Sv entrollt sich in diesem Buche das Barock und Rokoko, das den Glanz und die Steigerung des Lebens so sehr liebte, selbst wie ein farbenprächtiges Schauspiel, in dem das lange arg verkannte Deutschland eine Hauptrolle spielt. Drinckmann schreibt mit höchst lebendiger Sprache, die mit dem Darockstil mitlebt. Er vergewaltigt trotz der Zusammenpressung des Stoffes nicht durch Begriffe und ermüdet nicht durch Materialaufzählung. 177 treffliche Abbildungen, die teilweise ganz neues vom Verfasser aufgenommenes Material bringen, dazu mehrere Farbtafeln geben, wie es im Plan Liefet Bücherreihe vorgesehen ist, die wichtigste Grundlage und genußreiche Anregung. 1590
* Hussong, Friedrich. „Das russische Ei". Eine Auslese. (August Scherl G. m. b. H., Berlin). Ganzleinen geb. 5 Mk. Friedrich Hussong, der von seinen Gegnern gefürchtete Kritiker, der heitere Plauderer voller Witz und Humor, der geistvolle Schriftsteller, der bei heilerem Anlaß tiefernste Gedanken findet, der das Schwere gern mit fröhlicher Miene betrachtet, streut hier das reiche Füllhorn seiner bunten Erlebnisse aus. Lachende Satire und stille Betrachtung. Tieftragische und hochkomische Skizzen aus allen Ecken und Enden der vielgestaltigen Gegenwart. Umschlossen von der Einheit einer starken Persönlichkeit zieht eine lange Reihe mannigfaltigster Lebensbilder an uns vorüber.58
' Don deutscher Dichtung. Don Stu- I diendirektor Dr. A M. Schmidt. (Leinen Mk. 3.60. Verlag von Quelle6Meyer in Leipzig.» | Eine Poetik in zwangloser Form, die sich als Ziel letzt, den Leser in die Hauptgesetze deutscher Dichtkunst einzuführen und ihm ihr Wesen klarzulegen. Die anschaulichen Analysen find so angelegt, daß sie jeweils zugleich ein Stück Literaturgeschichte geben. Stets stellt der Dersafser das Anschauliche in den Vordergrund, das Allgemeine tritt zurück: denn ästhetisch losgelöst von dem lebendigen Kunstwerk verfehlt zu leicht feinen Zweck. Bei dem hier beschrittenen Wege wird das Lesen reizvoll und genußreich. und das Eindringen^ in die einschlägigen Fragen fällt dem Leser als reife Frucht in den Schoß. 1181
Dr. E. Me her: Das Weib als Person l i ke i t (Verlag Grethlein u. Co. in Leipzig). Das Buch ist von einer Aerztin geschrieben, bestimmt für Mütter. Frauen und Männer. In Vorträgen und Kursen mit Erwachsenen und Jugendlichen erwuchs der Stoff, alle Gebiete und alle Röte des sozialen Lebens streifend/ „Gesundheitliche Volksaufklärung, Vermittlung des nötigsten Wissens über den menschlichen Körper und seine Funktionen, über Pflege des Körpers durch natürliches, zweckentsprechendes Verhalten in Ernährung und Körperkultur. Oeko- nomie der Kräfte, Geschlechtsleben, ethische Einstellung zu sich selbst und zur Gemeinschaft im Sinne der Vollendung, der Menschenliebe und der aus ihr sich ergebenden neuen Lebensorientierung", das ist nach den Cinleitungsworten der Verfasserin Zweck und Absicht dieses Buches. Emanuele Meyer will die Frau zum Bewußtsein ihrer Pflichten und ihrer Rechte, ihrer Verantwortlichkeit und ihrer Mission in der Menschengemeinschaft bringen. 1419
• H. A. Korff, Humanismus und Romantik. Die Lebensauffassung der Reuzeit und ihre Entwicklung im Zeitalter Goethes. Fünf Vorträge über Literaturgeschichte. (Verlagsbuchhandlung I. I. Weber, Leipzig.) Der Literaturhistoriker unserer Landesuniversität gibt hier zusammengefaßt unter dem Begriff „Humanismus", eine Darstellung der Grundideen der deutschen Klassik. Klar und lichtvoll werden diese Ideen in ihrer Entwicklung verfolgt von der humanitas des Cicero bis zu ihrer Vollendung im Faust und zu ihrem „Untergang" in der Romantik. Ein unendlicher, unausschöpfbarer Gegenstand ist aus tiefer Kenntnis und selbständiger, neuer Durchdringung des Ganzen heraus formvollendet in geschickter Verkürzung und Vereinfachung dargestellt worden. Solche vereinfachte Lieberfichten sind für viele geeignet, sie in ihrem Streben nach geschichtlicher Klarheit am meisten zu fördern. 1429
' Kleist in Paris nennt sich eine im Dolksverban d der Bücherfreunde erscheinende Schrift des Kleist - Forschers Paul Hoffmann, die das Jahr 1801, also das Jahr, in dem sich Kleist endgültig zu seinem Dichterberuf entschloß, in den Mittelpunkt der Betrachtungen stellt. Rach langem inneren Ringen und qualvoller Selbstprüfung wurde Kleist sich darüber klar, daß nicht gelehrte Forschung, sondern künstlerisches Schaffen, nicht spekulative Wissenschaft, sondern lebenswarme Dichtung die Bestimmung und das Glück seines Daseins aus- mache. Wie er diesen Weg sand und gegen inneren Zwiespalt und äußere Hemmungen sich erftritt, wird aus zeitgeschichtlichen und persönlichen Bedingungen entwickelt und veranschaulicht. Einen hervorragenden Schmuck erhält das Buch durch einige Miniaturen, die in den Farben der Originale hier erstmalig wiedergegeben werden und in dem Faksimile eines Briefes, der zu den schönsten des Dichters gehört und, gleich den Porträts, der Urschrift getreu hier zuerst veröffentlicht wurde. — Mit diesem Bändchen bietet der unermüdlich schaffende Volksverband der Bücherfreunde seinen tätigen Freunden eine neue Gabe an, die er jedem kostenlos überreicht, der ihm zwei neue Besteller auf seine ausgezeichnete Kleist-Ausgabe zuführt. (Berlin- Charlottenburg, Berliner Str. 42/43.) 95
• Psychologie des IugendalterS. Von Professor Dr. Ed. S p r a n g e r. Ganzleinen. 9 Mk. Quelle & Meyer in Leipzig. — Das Werk zeigt in seiner Fragestellung aus dem Erlebnisgehalt der Jugend mit aller Deutlichkeit, daß hier erstmalig die Lebensfülle des Werdenden mit wissenschaftlichen Methoden umspannt werden konnte. Den Kern des Buches bilden die Einzelprobleme der besonderen Seelenanlagen des Jugendlichen, die wegweisend für das Verständnis des Reisungsalters sind. Spranger beleuchtet die
Arthur Rimbaud.
(Eine Buchbesprechung.)
„J'ai de mes ancetres Gaulois l idolätrie et l’amour du sacrilege -
Ob! tous les vices, colere, luxure — magnifique, la luxure surtout mensonge et paresse.
Rimbaud.
Don allen Dramen, die die Weltgeschichte rennt, erwanderte Jaques Arthur Rimbaud der größten eines: Sein Leben. -
Sein Raine — vielen fremd — ist Denen, die ihn kennen, ein gellender Kampfschrei. ein Blutschrei.' groß wie das Meer und leicht wie ein Kork auf dem brodelnden Gischt.
Am 20. Oktober 1854 wurde er in Charle- rille geboren. Mit siebzehn Jahren feierte ibn Frankreich schon als großen Dichter; „Shakespeare enfant tauft ihn Vrctor H u g o. Verlaine liebt ihn tote einen Gott! Er aber lacht des Ruhmes, der ihn fesselt, er sprengt sich selber in die Luft, stößt jede Heimnung von sich: seinen Freund, den er am Reckar nieder- schlägt, die Welt, die ihn begehrt und seine Kunst. Mit dreiundzwanzig Jahren hort er auf zu dichten! . . a
Wie ein Komet erstieg fein Genius Das Firmament der Größten feiner Zeit und feines Volkes, kometengleich riß seine Glut sich durch den Raum, bis er. der Mensch, fein ©elfter- Schiff: sich selbst besteigt, bis fein gewaltiges nßirr auf feinem trunkenen Bin taumelnd „die reißenden Flüsfe' durchbricht. Das Wie ist un° fcSS Ar die Fahrt. Als blinder Passagier
im Zuge, als Schlüsselringverkäufer auf den Boulevards des witzelnden Paris, als flüchtiger holländischer Kolonialfoldat auf Sumatra, im Urwald unter Affen und Getier, „wo Pantheraugen aus den Blumen glühn", — Rimbaud taucht siegend in die Fluten; von silbernen Sonnen umgaukelt. elektrischen Monden, träumt er von „grünen Rächten mit Schnee".
Kaleidoskop sind seine Hände. Die formen unermüdlich neue Wellen. Europa ist ein Zuchthaus. ist ein kalter, schwarzer Tümpel, die bunte Welt zieht ihn hin—an. In Deutschland ankert er, in Belgien, in England. Holland. Afrika! Aegypten. Zypern. Sansibar, Aden: Die halbe Welt hat er durchkreuzt unb ist ein Mann von — dreiundzwanzig Jahren!
Run fliegt der letzte Ballast über Bord: Die Kunst. Er, dem Kultur nur Farce ist, löst sich endgültig von Europa, treibt in die fernsten Länder ferner Sitten und schreibt die ungeborene Schöpfung seines Geistes in das Buch der Wirklichkeit. Er lernt die Sprache der Somalineger, gibt unbekannten Ländern einen Romen, hilft König Menelik den Krieg bereiten, erwirbt -Vermögen und verfehlt trotz aller aufgebotenen Kraft den letzten Hafen.
Ein Todgeweihter kommt er nach Marseille unb stirbt am 16. Rovember 1891, kaum 37 Jahre alt
Paul Zech.
„Das trunkene Schiss?
©ine szenische Ballade.
.. Das Leben Rimbauds zu verdichten, im Schauspiel auferstehen zu lassen, muh für den
Dramendichter ungewöhnlich reizvoll fein. Das unvergleichlich machtvolle Gedicht Rimbauds: „Das trunkene Schiff allein vermag die gläubige Künstlerseele in erhabene Regionen zu entführen."
Man glaubt Paul Zech, daß ihn das Thema packte: doch wage ich zu zweifeln, ob sein Werk den Leser oder Schauer immer packen wird. Rimbaud ist gut getroffen, doch Verlaine! — Verlaine ist nicht erfühlt, zu weich. — Ganz ausgezeichnet ist die Szene in der Scheune. Paul Zech versteht es, gute Bilder hinzustellen. Doch sind der Bilder viel zu viel. Trotzdem fehlt London; wichtig, um das Attentat Derlaines in Brüssel zu begreifen. —
Wer wagt's, „das trunkene Schiff" zu inszenieren? — Mit ein paar schönen, roten Strichen und einem männlichen Verlaine ist dieses Stück vielleicht ein Wurß
„Das Rad."
Ein tragisches Maskenspiel.
„Ich bin an das Rad geschmiedet!" Das schreibt nicht nur Paul Zech. Das Rad, das rollt, das Rad. das kalt, erbarmungslos, unhaltbar alles Sein durchwuchtet, mit — hoch — runter — reißt, ist das Symbol brutaler Kräfte, politisch, oder kosmisch unbegrenzt. — Die Echtheit Zechs ergreift auch hier, die Vision des Bildes ist bedeutend. Doch das ist Alles. Mit Abstraktionen ist kein Stück gemacht. — Vielleicht besinnt sich Zech auf- jenen Satz Sebastians im „Turm": „Ich muh noch einmal das zermarterte Gehirn hinunterbohren ... muh den Sinn enttoirm.“ — Der Held fehlt diesem Werke ganz. Sebastian, der Heilige. Geschlagene, bleibt
Montag, 2. Mär; 1925
verschiedenen Lebensäutzerungen des Jugendlichen. sein Phantasieleben und Schaffen, die jugendliche Erotik, den Zusammenhang zwischen Erotik und ocpialität, das Hincinwachsen deS Jugendlichen in die Gesellschaft, feine sittliche Entwicklung, sein Rcchtsbewußisein. daS Verhältnis des Jugendlichen §u Politik und Berus, sowie die Rolle von Wissen. Weltanschauung und Religion im Leben des Jugendlichen. So gewinnt Spranger einen tiefen Einblick in die Erlebnisweisen des Jugendlichen, in seine Auseinandersetzung mit dem Gehalt des objektiven und idealen Geistes, unb er folgert daraus bestimmende Momente für die Charakterbildung des reifen Mannes und der reifen Frau. Was in diesem Werke gesagt wird, ist von so hoher Bedeutung. daß kein Erzieher In Zukunft diesen Fragen wird aus dem Wege gehen können. 1503
- Rüstig schreitet das in Lieferungen erscheinende „Handbuchder Forst wissenschaf- ten" voran, das Professor Dr. H. Weber bei I. C. B. Mohr H Lauppsche Buchhandlung in Tübingen herausgibi. Erschienen sind bislang von dem auf vier Bände vorgesehenen Werk fünf Lieferungen. Die letzte enthält u. a. einen Beitrag Geh. Rats Fromme über „Forstvermessung" (Preis je Lieferung Mk. 4,—). 8a/w
— Julius Goldstein Rasse und Politik 4 Ausl, mit einer Vorrede von Pros Lic. Dr. Heinrich Frick über Christentum, Deutschtum und Iudenfrage. (Verlag Emst Oldenburg, Leipzig.) 52
' Dr. Alfred Frankenseld. Drei Schriften gegen den falschen Rationalismus. Befreiungskrieg? — Völkisch oder deutsch? — Freiheit, die ich meine! Preis 2,50 Mark. - Deutsche Verlagsgesellschaft für Politik und Geschichte m. b. H. in Berlin W 8
— Die Historisch-politische Büche- r e i des Frankfurter Verlages Moritz Diesterweg, ein ausgezeichnetes Hilfsmittel für das Geschichte ftubium, hat der Herausgeber, Professor Dr K ü n t) c I. um zwei weitere Bändchen zur Geschichte der deutschen Einheitsbewegung bereichert. Aus der Atmosphäre der Paulskirche, dem Lager der „Erbkaiserlichen", sind die „Politischen Aus sähe und Briese" P. A. P f i z e r s, interessante Dokumente. Wichtig ist auch der „Briefwechsel zwischen König F r i ed r i ch W i l h e l m IV. und dem Reichsverweser Erzherzog Johann" für die Haltung Preußens zur Einheitsfrage. Hermann Paut steuert schließlich noch Willemers Flug- schrist „Besitzen denn die Franzosen die Freiheit, welche sie uns anbieten?" aus dem Jahre 1798 hinzu. 1435/37
gettschristenschau.
— Euphorion. Zeitschrift für Literaturgeschichte. Herausgeaeben von Joses Radler und August Sauer. Band 25, 4. Heft. (Carl Fromme. G. m. b H. in Leipzig.) Das Heft wird eröffnet durch einen grundlegenden Aufsatz von Sigmund von Lempicki über die literarische Kritik und die Probleme ihrer Erforschung. Walther Ziesemer in Königsberg ist es gelungen, zahlreiche neue Gedichte von Simon Dach aufzufinden, von denen er einzelne mitteilt Reinhold Backmann legt ilnterfud)ungen über die Gestaltung des Apparates in den kritischen Ausgaben neuerer Dichter vor und entwickelt die Grundsätze der Wiener Ausgabe von Grillparzers Werken. Unter den kleineren Beiträgen ist ein Vortrag von S. Aschner über Volkskundliches beachtenswert.
• „Die Kunst". Monatshefte für freie und angewandte Kunst (München. F. Bruckmann A.-G.). Das Februarheft bringt eine durch eine lange Reihe von vorzüglichen Abbildungen belegte Studie G. I. Wolfs über die Geschichte und die Probleme des Gruppenbildnisses, das von Andrea Mantegnas Mantuaner Fresko bis zu Menzel unb Carriöre verfolgt wird. Dem Gedächtnis des 1923 verstorbenen schweizerischen Bildhauers Carl Burckhardt gilt ein geistreicher und pietätvoller Essai von H. Kienzle. Im Teil der angewandten Kunst fesselt besonders die eingehende reich bebilderte Beschreibung des Hauses des Grafen Larisch. das die Münchener Architekten Carl Jäger und Peter Birkenholz im Isartal erbauten. Eine feinsinnige Abhandlung Theodor Fischers hat den „Stil im Städtebar? zum Gegenstand.
• RomainRollands Liluli (bei Rüt- ten u. Loening in Frankfurt a. M mit 32 Holzschnitten von I. Masereel). ein blutiges Satyrspiel jener Tragödie unserer letzten Vergangenheit. die leidenschaftliche Klage eines edlen Herzens. 1394
hier im ersten Weltkreis hübsch gemütlich in der Mitte, wo' sich das Rad am wenigsten bewegt, im Zentrum sozusagen. (Aber Herr Zech!)
„Der Turm."
Sieben Stufen zu einem Drama.
Hier ist wieder Leben. Es gibt da wirklich eine ganze Reihe scharf gezeichneter Figuren. Elias ist der Turm der Apostolischen Gemeinde, fein Sohn Sebastian ein Ketzer, der Vater den Gesehen seines Glaubens treu, der Sohn getreu dem ungeschriebenen Gesetz der Tat. Aus dem Konflikt der beiden Welten entsteigt ein gläubiges Geschehen. —
Die Szene im Spitale Sankt Johannes ist erschütternd. Wohl benft man hier bisweilen an Ernst Hardt; auch Stefan Zweig und Rimbaud spuken hie und da. Doch das vergißt man leicht, lieft ober besser spricht man die begeisternd schonen Rhythmen aus der WirtS- hausszene:
„Hört Ihr in Winkeln und Wänden treppauf und treppab schon den Wurm? Er spannt eine Kette von Schwefelbränden herum um den Turm.
Da bröckeln schon Ziegel, da knistert das Dach und immer noch schnarchen die Bürger im Schoß der Monarchen wie Wanze und Laus . - Aber wir Sohne sind wach und lachen — : was kümmern uns Wanze und Laus: was kracht, soll zerkrachen.
Trinkt aus!" Äabe.


