größere Verantwortung und stellt ihn darum höher, weil sie ihm Größeres zutraut und zumutet, sie er« hält dem Staate ein gesundes Volkstum und gibt auch den Eltern, die in ihren Kindern dem Staate noch Höheres anvertrauen als Geld und Gut, die Gewißheit, daß von alledem nichts fehlt, was zur Sicherung des seelischen Gedeihens ihrer Kinder gehört.
Nur da, wo ein solches Zusammenarbeiten möglich ist, und wo inan nicht mehr die Jugend, pochend auf die staatliche Macht, zwangsweise hinter den hohen Mauern der Schule gegen Eltern und Kirche absverrt, kann auch für die Heranbildung der geeigneten Kräfte in der bestmöglichen Weife gesorgt werden. Aber die geeignetsten Kräfte werden nichts helfen, wenn sie nicht in geeigneter Weise am geeigneten Plaße zur Wirkung kommen.
Oderhessen.
Uaudtreis Gicsren.
f. Klein-Linden, 1. Dez. 3n der jüngsten öffentlichen Gemein deratssißung wurden als endgültige Gemeiiideumlagen 1925 festgesetzt an Sondersteuern 75 Pf.. Gebäude- steuern 32 Pf., bebauten Grundbesitz 60 Pf., Gewerbe- und Betriebskapital 1 Mk. auf je 100 Mk. BeranlagungSkapital. Bei der Gewerbesteuer schlägt das Finanzamt vor, für Die Zeit vom 1. April bis 1. Oktober 1925 feine Nachzahlung zu erheben; der Steuersatz wurde hier auf 70 Pf. ab 1. Oktober 1925 festgesetzt. Auf die Eintreibung der bisher noch nicht bezahlten Gewerbesteuer für 1924 verzichtet Die Gemeinde, da das Finanzamt das gleiche tut. Ein Antrag auf tauschweise Aeberlassung eines Bcnrplatzes wurde vertagt, da der Wert des an- gebotenen Grundstückes bei dem Feldbereinungs- t> erfahren zu hoch angesetzt sei und erst noch einer Nachprüfung bedarf. 3n der Fra nk- futter Straße, Richtung Großen-Linden, wird die Straßenbeleuchtung weiter ausgebaut. .Herso"-Gießen ersucht um Genehmigung zur Anbringung einer Rekl a m e - täfel am Spritzenhaus. Gegen eine Vergütung von jährlich 25 Mk. auf jederzeitigen Widerruf wurde das Ersuchen genehmigt. Auf Grund geleisteter Meliorationsarbeiten wurden die Pacht- sätze verschiedener Grundstücke hinter dem Friedhof herabgesetzt. Die Straßen- lampen sollen im W nter ab morgens 1 »6 älhr eingeschaltet werden. Als Vergütung für Benutzung des Saales auf der ..Burg" zum Ab- halten der Mädchen-Fortbildungsschule wurden festgesetzt: für die Sommermonate je 15 Mk.. im Winter je 25 Mk. einschließlich Reimgung und Feuerung. Betr. die Beleuchtung einer Cifenbahnunter- suhrung in der Frankfurter Straße lehnte die Gemeinde jede Verantwortung ab. da die Eisenbahn zur Beleuchtung an dieser Stelle verpflichtet sei. Anschließend fand eine nichtöffentliche Sitzung statt, in welcher über den evtl. Ankauf eines Grundstückes verhandelt wurde. — Die Gemeinde hat sich vor einiger Zeit beim Ministerium um die Genehmigung zur Aufnahme einer Auslandanleihe beworben. Die Anleihe 'oll zum Erbauen einer Wasserleitung, als für eine werbende Anlage verwandt werden.
Lollar, 26. Nov. Heute abend fand hier eine sehr gut besuchte Dersammlung des Veteranen - und KriegervereinsLol- lar statt, des ältesten Vereins des Kriegerbundes Hassia. Der Verein war vollzählig vertreten. Aus der Nachbarschaft waren die Kriegervereine Staufenberg und Saubringen aus dem Gießener, Fronhausen, Sichertshausen. Bellnhausen aus dem ^Marburger Kreise anwesend. Der Vorsitzende des Bezirkskriegerverbandes Gießen, Professor Dr. ’Krämer und Graf Schwerin - Friedelhau- r sen waren zugegen. Die Hauptrede hielt Oberst <i. D. 3mmanucl - Marburg, der Vorsitzende des Kriegerverbandes Marburg. Der Vortrag behandelte: ..Die heutige Lage Deutschlands und die Aufgaben der Kriegerverein e.“ Der Redner knüpfte zur Erläuterung der Lage an die erfolgte Annahme des Locarno- Abkommens durch den Reichstag an. Mag man sich hierzu stellen wie man will, so führte der Redner aus, so gilt es nunmehr, sich in die geschaffene Lage zu fügen und durch geschickte, würdige Politik herauszuholen für Deutschlands Vorteile, soviel sich irgendwie erreichen läßt. —m—itwfi ii,- !■ ,i ll'w—wi
Fr§mZiskK°
Roman von L i e s b e t Dill.
8. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Die Vorstellung indessen hatte eine gute Wirkung. Franziska wurde fest engagiert mit einem dreijährigen Kontrakt und einer Gehaltsaufbesserung, die sic unabhängig machte. Sie zeigte Hasse den unterschriebenen Vertrag strahlend, als er des Abends fam. „Da siehst du, und dafür hast du mich heruntergemacht. Nun bleib' ich hier!"
Er sagte nichts, las Öen Vertrag, und sie sprachen von anderen Dingen.
Er war beruhigt, daß sie festen Fuß gefaßt hatte, aber er wollte nicht zugeben, daß ihre Nedda erst den Leuten bewiesen hatte, daß sie etwas konnte.
Er hatte niemals bestritten, daß Franziska Talent besaß, nur an der leichten, nachlässigen Auffassung ihrer Aufgabe hatte er auszusetzen.
Seit dieser Vorstellung änderte sich ihr Verhältnis, ohne daß sie es eigentlich wußten.
Zwei Tage später begegnete Hasse, als er des Abends durch den Botanischen Garten fam, Stephansberger mit Franziska im Park.
Franziska verteidigte sich am anderen Tag: „3ch hab' ein bisserl Luft schöpfen müssen nach der Probe, da ist der Stephansberger mitgegangen, wir haben einen Weg. 3ch werd' doch noch mit meinen Kollegen spazierengehen
dürfen."
Er hörte nicht darauf. „3ch will nicht, daß du mit solchen Kerlen spazieren gehst", stieß er hervor. Er ballte die Faust, es war dies eine nervöse Angewohnheit von ihm, die sich in letzter Zeit öfters zeigte. „Laß doch das Zusammen- trallen“, sagte sie. „3cy kann das ntt haben, das ängstigt mich." .
Das Zusammentreffen war m der -L-at Zufall. Sie halte die harmlose Aufforderung Ste- phansbergers, während der großen Pause im Park Lust nu schöpfen, nicht ablehnen können, zumal sie einander auf der Treppe beide. in derselben Abficht begegnet to.iren. Sie beschwichtigte Hasses jäh aufgeflammtes Mißtrauen und versprach ihm, derartigen gemeinsamen Spazier-
Das gleiche gelte vorn etwaigen Eintritt in den Völkerbund. „Stellung über die Parteien, Belebung des Nationalgefühls, Anbahnung der Volksgemeinschaft. Erhaltung der alten Soldatentugenden Pslege wahrer Kameradschaft, Sorge für die Kriegsbeschädigten und Kriegshinterbliebenen, Gewinnung der Fugend für den vaterländischen Gedanken", das bezeichnete der Redner alS die hochgemuten Aufgaben der Kriegervereine. Dann sprach Professor Dr. Krämer, der dem Verein Lollar einen goldenen Fahnen nagel verlieh, über die Geschichte der deutschen Farben. Oberst 3 m m a n u e l beantwortete hierauf Anfragen auS dem Kameradenkreise an Ort und Stelle. Gefragt und in je viertelstündiger Rede beantwortet wurden: „Abwehrschlacht beim Damenweg und an den Vimy-Höhen April-Mai 1917“, „Tod des Rittmeisters Freiherr von Richthofen", „Warum mußten wir den Rückzug aus der Marneschlacht September 1914 antreten?" Daran knüpft oder Redner eine feierlich - ergreifende Totenehrung an. Kamerad Brück konnte die erfreuliche Meldung machen, daß sich schon an diesem Abend eine starke Fugendgruppe des Kriegervereins Lollar gegründet hat. Hieraus schloß Kamerad Säubert, der umsichtige und tüchtige Vorsitzende des Collarcr Vereins, die prächtig und höchst anregend Derlaufene Versammlung, die auf alle Anwesenden einen großen Eindruck gemacht hat.
's G r ü n b e r g, 30. Nov. 3n der hiesigen Ober realschule sammelten die Schüler zum Besten des Hessischen Fürsorgevereins für Krüppel den Betrag von 71,90 Mark, der der Fürsorgestelle in Darmstadt überwiesen wurde. — Oberstudienrat Walther sprach gestern abend im „Hessischen Hof" vor einer sehr stark versammelten Zuhörerschaft über alte Grünberger Fam ilien. An Hand von Kirchenbüchern und Ratsprotokollen hat der Vortragende die Ahnentafeln zahlreicher Grünberger Familien festgestellt. Die Zmammenstellung reicht bis in das 15. Jahrhundert zurück. Der außerordentlich fesselnde Vortrag fand dankbaren Beifall. Ein weiterer Vortrag dieser Art, der sicherlich wiederum regstem 3ntereffe begegnen wird, wurde in Aussicht gestellt.
I. H u n g e n, 30. Nov. Aus den jüngsten G e - m e i n d e r a t s s i tz u n g e n ist zu berichten: Für die Erledigung von Angelegenheiten des Vorzugsrentenverfahrens, der Aufwertung von Forderungen und für die Kleinrentnerfürsorge wurde ein Fürsorgeausschuß gewählt. Die Vergütung der Spritzen m ei st er wurde erhöht. Die für das Rj. 1924 zu entrichtende endgültige Gern erbe st euer soll durch die Zahlungen, die auf Grund des Artikels 5 des Gesetzes über die vorläufige Gewerbesteuer für das Rj. 1924 zu leisten waren, als abgegolten betrachtet werden. Ein Gesuch um Ueberlassung eines Bauplatzes fand unter den allgemein festgesetzten Bedingungen zum Preise von 2 Mk. je Quadratmeter die Zustimmung des Gemeinderats. Von einer alljährlichen bakteriologischen Untersuchung des Wassers der Wasserleitung durch das Chemische Untersuchungsamt soll zunächst abgesehen werden, da angenommen wird, daß ein Eindringen von Bakterien in die Bohrbrunnen der Wasserleitung nicht möglich ist. Die GemeinDerechnnng für 1924 wurde, nachdem eine Vorprüfung durch die Finanzkommission stattgefunden hat, geprüft und gab zu Beanstandungen keinen 'Anlaß, lieber die Vermietung der Gemeindeneubauten in der Niddaer Straße wurde ein endgültiger Beschluß gefaßt.
Kreis Friedberg.
" Friedberg, 30. Nov. Dem ©tuöienrat Weckerling in Friedberg wurde ein Lehrauftrag für die kulturellen Fragen des Aus- l a n d d e u t f ch t u m s an der Techni * chen Hochschule in Darmstadt erteilt.
sf. Friedberg, 30. Nov. Auf Veranlassung der hiesigen Arbeitsgemeinschaft des Deutschen Hoch schul rings sprach in der Festhalle der Augustinerschule der bekannte Vorkämpfer gegen die Kriegsschuldlüge, Professor Dreher, über das Thema „Nieder mitVer- sailles; die Totengräber Europas als Verfechier der Kriegsschuldlüg e". An der Hand eines lückenlosen, unanfechtbaren und teilweise ganz neuen Materials gab der Redner den Beweis van der feit Jahren vorbereiteten Einkreisungspolitik Frankreichs, Rußlands und Englands
gegen Deutschland. Er zeigte, wie Deutschland bis zum letzten Augenblicke bemüht war, den Weltbrand zu verhindern, aber vergeblich, denn der Krieg war eine beschlossene Tatsache. Entgegen den Versprechungen Wilsons wurde dem nach einem vierjährigen heldenmütigen Kampfe durch Hunger und inneren Zwiespalt zusammengebrochenen Deutschland der schmachvolle Friede von Versailles und das Zugeständnis der Schuld am Weltkriege aufgezwun- gen. Aber heute glaubt kein Mensch mehr, selbst im Auslande, an Die Schuld Deutschlands, die geöffneten Dokumente geben ein klares Bild der Schuld Iswolskys, Poincarös und anderer Kriegshetzer. Heute steht die internationale Geschichtsforschung auf folgendem Urteil: 1. Die von Deutschland begangenen politischen oder diplomatischen Fehler sind keine Beweise bösen Willens und dürfen nicht auf eine Stufe gestellt werden mit dem Verhalten der Ententemächte, die bewußt und voller Absicht den Krieg vorbereitet haben. 2. Deutschland . i ft weder alleinschuldig noch h a u p t s ch u l d i g. 3. D eu t s ch l a n d i st nicht der Urheber des Krieges, also auch nicht ersatzpflichtig. Durch diese Feststellung ist der ganze Vertrag von Versailles in seinem Bestände hinfällig, und eine Revision desselben muß früher oder später erfolgen. Die zahlreich erschienenen Zuhörer, hauptsächlich Studierende des Polytechnikums, nahmen die Darbietungen des Redners mit großen Beifall entgegen. — Auch in diesem Jahre hielt die R e i ch s z e n t r a l e für H e i m a t d i e n st (Landesabteilung Hessen) eine ihrer beliebten Vortragsveranstaltungen ab, der überaus zahlreiche Besuch gab den Beweis von der steigenden Beliebtheit dieser Darbietungen. Als erster Redner erschien Privatdozent Raab- Gießen, dessen Thema: „Deutschlands Wirtschaft und Finanzen, Tatsachen und Aufgaben" lautete. In großen Zügen rollte der Redner ein Bild unserer Wirtschaftsbilanz vor und nach dem Kriege auf, er zeigte, wie durch Verminderung unseres Nationalvermögens, durch Verringerung unserer Ausfuhr, durch die gesnnkeye Kaufkraft des Geldes sich unsere Bilanz gegen früher sehr verschlechtert habe. Senkung der Einfuhr, Hebung der Ausfuhr, Verminderung der öffentlichen Ausgaben feien die Bedingungen zu einer Besserung. An den Vortrag knüpfte sich eine lebhafte Aussprache an, die in einem Schlußwort erwidert wurde. Der zweite Redner, Studienrat Dr. König- Gießen, entwickelte in seinem Vortrage „Vom Reich, vorn Volk und von Den Grenzen" hauptsächlich das Problem der außerhalb der Reichsgrenzen wohnenden Deutschen. Er betonte, daß man wohl unterscheiden müsse zwischen dem Deutschen Reiche und Deutschland, Denn in dem Deutschen Reiche wohnten nur 60 Millionen und in den angrenzenden Ländern 23 Millionen Deutsche. Er behandelte die Verhältnisse im Westen, im Süden und im Osten, während im Westen es sich um eien Kampf um die Seelen handle, gelte der Kampf im Osten dem Boden. Beide Vorträge fanden bei der Zuhörerschaft die größte Aufmerksamkeit und reichen Befall und gaben den Beweis, daß das Ziel dieser Veranstaltungen in vollstem Maße erreicht wird. — Hier d e r ft a r b nach längerem Leiden der Rechnungsrat Ehr. Dönges, ein Veteran von 1870/71. Der Verstorbene erfreute sich als Menschund Beamter durch seine Freundlichkeit und Gefälligkeit allgemeinster Beliebtheit. Besondere Verdienste erwarb er sich um das Kriegervereinswesen, dreißig Jahre war er erster Vorsitzender des hiesigen Veteranen- und Militärvereins und ebensolange Bezirksvorsitzender: zahlreiche Orden und Ehrenzeichen schmückten seine Brust.
-Hl B a d - N a u h e i ui, 30. November. Um eine Sehenswürdigkeit, die täglich viele Spaziergänger anlockt, ist unser Park reicher geworden. Eine größere Zahl exotischer Z i e r e n t e n , die in China und Japan beheimatet sind, wurden im kleinen Teich eingesetzt. Die niedlichen Tiere scheinen sich ganz wohl zu fühlen. Die Kurverwaltung hat die Enten von Hagenbeck in Hamburg bezogen.
— Bad-Nauheim, 29. Nov. Der Krieger- und Militärverein „Hassia" hielt gestern abend eine Monatsversamiqlung ab. Der Vorsitzende, Stadtv. Chr. Schäfer, erstattete eingehend Bericht über den Hassiabezirkstag in Dorf- Gill und über die Mitgliederversammlung der „Hassia" in Erbach i. O. Beschlossen wurde, im Januar einen Familienabend in einfachem Rahmen zu veranstalten. Gärtner D e w a l d , der von 1892 bis 1894 bem Auglista-Garde-Regiment aktiv gedient und Den Weltkrieg im gleichen Regiment als Kriegsfreiwilliger mitgemacht bat, hielt Dann einen recht
Hängen aus bem Wege zu gehen. Sie schwor ihm, baß der Stephansberger ihr nicht mehr bedeute als ein Stuhl. Aber sie fühlte, daß er ihr nicht glaubte.
Wer schuld daran war an dieser Veränderung ? Sie wußten es beide nicht, jeder schob es auf den anbereit. Er war wie ein Geheimpolizist hinter ihr her, denn daß er sie jedesmal traf, wenn sie ihm bald mit der Freundin, bald mit bem sie bedrängenden Stephansberger begegnete, konnte doch nicht immer Zufall sein.
Wenn man doch fortlaufen könnte, irgendwohin in die Welt hinaus . . . aber ihr Kontrakt hielt sie hier. Wenn sie fortlief, fam er ihr nach und holte sie zurück ober er ließ sie gehen, unb bann mußte sie die hübsche Wohnung aufgeben und alles, was mit ihr zusammenhing. Das süße kleine Dabezirnrner, in dem sie des Morgens plätscherte wie ein froher, luftiger Fisch, bas schöne frattzösische Bett mit den gelbseidenen Vorhängen. Sie kam sich darin vor wie eine Fürstin. Es war ein Bett, wie es in alten Schlössern die Kastellane zeigen: „Hier schlief Marie Antoinette."
Mit der Mieze konnte sie sich verständigen, sie konnte sagen, rch fürchte mich, ober ich lieb' rhy nicht mehr, ober ich hab' Angst, der Stephansberger Drängt auf eine Entscheidung, alles Dinge, Die sie Hasse nie gewagt hätte anzudeuten. Aber wozu war man denn fein eigener Herr, wenn man nicht einmal Stimmungen unb Gefühle äußern konnte?
„Philosophiere um's Himmels willen nicht", bat Hasse „Die Liebe ist bas einzige, worin ihr Frauen Meisterinnen seid unb feinen ilnfinn redet." Aber man konnte nicht immer schweigen. Die Mieze war nüchtern, trocken, klug unb witzig, unb sie philosophierten miteinander oft bis in die Nacht hinein und tauschten Lebenserfahrungen aus. „Verlieb dich doch nicht in Die Kerle", sagte die Freundin. Die Wohnung war ja gewiß ein anständiges Logis, aber sie war jetzt bezahlt, fand die Mieze.
Hasse wußte nicht, bah des Nachts die 3ung- fer von Franziska, die er zu ihrem Schuh gemietet batte, zu Hause schlief und in ihr Zimmer Die rote Mieze eingezogen war. Sie fand ihrer Heiserkeit wegen, die sich nicht bessern wollte, keine Stelle, lebte, aß, schlief bei Den Kolleginnen herum. So oft Hasse verschwand,
tauchte die Rote aus irgendeinem Winkel der Wohnung auf. Dies alles erfuhr er aber, als sich bas zweite Fahr zu Ende neigte.
Franziska hatte ihn eines Abends unter bem Vorwand, eine neue Rolle mit dem Korrepetitor einzuüben, gebeten, nicht zu kommen.
Eine Zigeunerin, Die jedes Frühjahr in die Stabt kam, um den Damen aus der Hanb wahrzusagen, war auch dieses 3ahr wieder da. Die Kollegin vom tragischen Fach war ihr in Der Vorstadt begegnet und hatte sie für den Abend zu Franziska bestellt, die darauf brannte, ihre Zukunft zu erfahren, die für sie in geheimnisvollem Dunkel lag.
Wenn sie Hasse gesagt hätte, ich erwarte eine Zigeunerin, das hätte wieder Auseinandersetzungen gegeben. „Aberglauben, Wcibertorhei- ten", sie wußte es schon. So sagte sie ihm, sie habe den Repetitor bestellt, und erwartete die Alte mit Herzklopfen an einem regnerischen Abend bei zugezogenen Gardinen.
Ein feierlicher Moment. Franziska glaubte an Wahrsagerei wie an die Dreieinigleit unb empfand ein angenehmes Gruseln, als die Alte eintrat in der Dämmerung in ihrem zerzausten grauen abstehenden Haar und dem bunten langen Fransenschal, unbeweglich unb mit einer Kruste von Schmutz bedeckt. Sie war so alt, daß man fte auf hundert 3ahre schätzen konnte, unter ihrer verrunzelten welken Haut funkelten ein paar kleine Maulwurfsaugen hervor. Als die Alte ihre Hand in die welke, schmutzige Zigeunerkralle nahm, überkam Franzista ein leichtes Grauen. Die Alte zog mit bem gichtkrummen Finger der großen Lebenslinie nach und murmelte dazu. Es waren in Franziskas Hand viele verschlun- gene Linien, die sich wie kleine Schlänglein wanden. Sie wahrsagte viel Ruhm, viel Glück und viele Verehrer, sie würbe steigen wie auf einer Leiter zum Ruhm hinauf. „Wenn ich längst nicht mehr da bin," sagte die Alte, „bann wird 3hr Stern immer noch herunterstrahlen. Aber Sie werden von der Hand dessen sterben, den Sie lieben."
Franziska verfärbte sich.
Jedesmal, wenn sie tarn, hatte sie Franziskas große Lebenslinie durchforscht, und jedesmal wiederholte die Alte dasselbe. 3n ihren
anschaulichen Vortrag über seine Erlebnisse bei der Enthüllung des Gefallenendenkmals des Kaiserin- Augusta-Regiments am 11. Oktober dieses Jahres. Interessant war die Mitteilung, daß das Denkmal aus Fichtelgebirgsgranit von Prof. Dörrenbach hergestellt worden ist. Der dazu benötgte Block, Der etwa 5 0 0 Zentner wog, konnte nur unter großen Schwierigkeiten vom Ochsenkopf in Die Werkstätte transportiert roerDen.
pb. Vutzbach, 29. Nov. Anläßlich der 20. Wiederkehs der Neugrünbung veranstaltete der Musikverein „Gemischter Chor'^ heute abend im großen Saal des Hessischen Hofs ein Konzert. Er führte dabei das Chorwerk „Die Kreuzfahrer" auf. Als Einleitung hierzu wurde die Hebriden-Ouvertüre, sowie das Finale und Ave Maria aus der Loreley gespielt. Das Konzert war gut besucht und nahm einen guten, allseits befriedigenden Lauf. Herr Albert Kasten aus Gießen leitete das Konzert. — Am 1. Dezember sind es 75 3ahre, daß die Bahnstrecke Friedberg —Butzbach der Main- Weier-Dahn eröffnet wurde. Nach dem am 26. November 1850 veröffentlichten Fahrplan verkehrten damals 4 Züge täglich in jede «.-^Richtung.
pb. Butzbach, 28. Nvv. Heute abend gegen 10 Uhr ertönte plötzlich Die Feuersirene. Es brannte im Fabrikgebäude der Firma Sarnes- reuther & Go. Die Freiwillige und auch die Bc- rufsfeuerwehr waren sehr rasch zur Stelle und griffen den Brandherd mit allen Schlauchlinien an. Dank diesem raschen Vorgehen gelang es in etwa einer Stunde, das Feuer auf feinen Herd, den Dachstuhl, zu beschränken. Dem Vernehmen nach ist die Entstehung des Brandes auf Kurzschluß des Kranlaufmotors zurückzuführen.
*** Gambach, 30. Nov. Jetzt begann auch in unserer Gemeinde der Koch- und haus- wirtschaftliche Unterricht in der Mäd- chenfortbildungsschule. der von Frl. 2111 d a t e r = Butzbach erteilt wird. Um den Mädchen den Weg nach dem 5 Kilometer entfernten Butzbach zu ersparen, hat der Gemeinderat die Mittel zum Ankauf des Herdes, Schrankes usw. bewilligt. Die Sachen sind vorläufig im großen Rat- haussaale untergebracht, wo auch vorläufig Die UnterrichtsstunDen gehalten roerDen. Nach Frei- roerDen Des kleinen Rathaussaales unD des angrenzenden Zimmers sollen diese Räume als Unterrichtsräume benützt werden. Den Unterricht in Der Knabenfortbildungsschule erteilt ein hauptamtlicher Fortbildungsschullehrer, der auch in Den Gemeinden Pohk-Göns, Kirch-Göns, Griedel, Münzenberg und Treis-Münzenberg sämtlichen Fortbildungsschulunterricht zu halten hat.
Kreis Büdingen.
!! Bübingen, 30. Nov. 3m August kommenden Jahres findet hier eine Zusammenkunft aller ehemaligen Schüler des Wolfgang-Ern st-Gymnasiums statt, zu der jetzt schon eifrige Vorarbeiten eingeleitet sind. Linker anderem soll M dieser Gelegenheit eine künstlerische Gedenktafel für die im Weltkriege gefallenen Lehrer und Schüler der Anstalt enthüllt werden. — Die E r - werbslosenzahl in unserem Kreis ist im stetigen Steig en begriffen Während vor 5 Wochen der Kreis noch vollständig frei von Erwerbslosen war, ist jetzt deren Zahl bereits auf 100 gestiegen. Die nächsten Tage werden noch mehr Arbeitslose bringen, da viele Arbeiter aus den Gemeinden zwischen Stockheim und Vilbel, die in Frankfurt a. M schaffen, gekündigt bekommen haben. Die Hirzenhainer c sen- werke arbeiten bis jetzt noch unverkürzt, während die Stockheimer 3ndustriewelcke bereits seit einigen Wochen Kurzarbeit eingeführt haben, die jetzt sogar auf zwei Arbeitstage zurück- gegangen ist.
nd. Nidda, 30. Nov. Auch hier wurden die Reformations-Festspiele „Luther" von Dr. Hans Herrig" und „Luthers Hochzeitstag" von Otto Steinbach im Gambrinussaale mehrmals aufgeführt und hatten sich eines sehr guten Besuchs zu erfreuen, namentlich auch aus den umliegenden Ortschaften. Von einigen Abschnitten der beiden Stücke waren alle Zuschauer tief ergriffen. Die Darstellungen ernteten großen Beifall.
- — Ortenberg, 30. Nov. llnfer F r a uenv erein, der in diesem 3ahr fein lOjähriges Bestehen feiern konnte, nimmt in dieser Woche seine Wintertätigkeit mit einem Vortragsabend auf. Pfarrer Bliedner
glücklichsten ersten Frühling hatte es die Alte prophezeit, in ihrem gefestigten guten Einvernehmen des zweiten Jahres, und heut abend versicherte sie es mit ihrer eintönigen Stimme von neuem.
„Und wenn ich mich von ihm trenne?" warf Franziska ein. „Das wird in 3hrer Lebenslinie nichts ändern. Wir müssen alle sterben, einerlei, was wir tun“, murmelte die Alte.
Die Mieze, die über Den Tisch gebeugt dabeifaß, warf ein: „Du brauchst keine schlaflose Nacht deswegen zu haben."
„Wenn ich von einem sterben soll, der mich jetzt liebt, dann überleben Sie mich noch", sagte Franziska, mit Anstrengung lächelnd. Die Alte wiegte den verstrobelten kleinen Kopf. „Noch einen Sommer hab' ich vor mir", sagte sie und wies auf ihre eigene Handinnenfläche, wo eine unendlich lange Lebenslinie allerdings plötzlich abbrach.
Der Mieze prophezeite die Alte viele Verehrer, viel Geld, eine glückliche Heirat und Kinder, womit sie der männerfeinDlichen Mieze keinen sehr großen Gefallen tat. Von Ruhm sagte sie nichts und auch nichts von dem Ende.
Franziska war wie von einem Bann befallen, als Die Alte Die Tür hinter sich schloß. „3ck weiß nicht, ob ich wiederkomme . . ." sagte Ii-.
Hasse hatte feine Mappe bet Franziska liegen lassen. Er kam gegen Mittag von einem auswärtigen Gerichtstermin und fuhr sofort, nachdem er Den Verlust entdeckte, mit einem Wagen herauf nach dem Gartenhaus auf Dem Berg. Er fand die Flurtür, wie gewöhnlich, offen. Franziska ließ sie offen, um nicht aufstehen zu müssen, wenn das Mädchen schellte. Wie oft hatte er sie gebeten, schließe die Türen ab. Es war ihr neulich erst das Portemonnaie vom Tisch weg gestohlen worden, Unverbesserlich, dachte er, er trat ins Eßzimmer, fand Die Mappe nicht und wollte eben im Salon nachsuchen, als er Stimmen im angrenzenden Schlafzimmer vernahm. 3m Badezimmer^ plätscherte das Wasser. Er zog die Vorhänge auseinander und sah in das unordentliche Durcheinander des breiten Bettes, in dem Die Mieze, aufgestützt in Den Kissen, einen Apfel aß.
(Fortjetzung folgt.)


