Dienstag. 1. Dezember 1925
Gießener Anzeiger (Seneral-AnzeigerfürGderhesjech
Nr. 281 Zweites Blatt
ginnt, daß eben jeder sein Wissen mmt gege anderen, und selbst die Eltern es an ihren K
Indern
So-
die
treffen, so leuchten diese, meinte Vegard, in grün-, liebem Fluoreszenzlicht auf.
3n Leyden (Holland), wo pd) das vollkommenste Laboratorium für Untersuchungen bei den niedrigsten Temperaturen befindet und die Kältetechnik bis zur Vollkommenheit entwickelt ist, unternahm Vegard im Januar 1924 eine experimentelle Nachprüfung seiner Hypothese. Bei einer Tieftemperatur von 23b Grad wurde StickstossdaMpf in feste ,Zvrm gebracht: wie eine Eisplatte stand er im Apparat. Unter größter Spannung aller Anwesenden begann nun das Experiment: die feste Platte wurde von Kaihodenstrahlen von wechselnder Stärke bestrahlt. Plötzlich beginnt die Platte in grünlichem Licht zu leuchten. Und als der Strom ausgeschaltet wird, leuchtet die Fläche in abnehmender Stärke noch fünf Minuten fort, eine durchaus gleiche Erscheinung, wie beim Nördlich!, dessen grüne Farbe noch sunf Minuten sortleuchtet, wenn alle anderen Farben bereits erloschen sind. Damit war die Hypochcse Vegards glänzend bestätigt und erwiesen, daß unsere Erde von einer feinen Hülle aus kristallinischem Stickstoffstaub umgeben ist.
Vegard kam durch weiteres Ueberlegen noch zu anderen bedeutungsvollen Erkenntnissen. Er stellte fest, daß der Luftmantel nicht in Kugelform die Erde umlagert, sondern daß die Staubmassem am Pol in etwa 350 Kilometern, in der geographischen Breite von 60 Grad dagegen in 800 Kilometer Höhe auftreten (was aus der Messung der höchsten Nordlichtstrahlen einwandfrei sich ergab). Die größte Höhe erreicht die Staubatmosphäre am Aeguator, womit das Rätsel des Zobiakallichtes (oder Tierkreislichtes) eine klare und einwandfreie Lösung findet, da es als eine reflektorische Erscheinung anzusehen ist.
Noch ein anderes Probleni konnte geklärt ^werden, nämlich die Frage, weshalb die drahtlose Telegraphie auf weite Strecken (z. B. von Europa nach Amerika) nachts wesentlich erleichtert, am Tage dagegen schwieriger ist. Der Grund ist die kristallinische Staudhülle, die am Tage infolge der Sonnenwirkungen sich in Gasform auflöst, in der Nacht dagegen neu bildet und die drahtlosen Wellen aus- ge-eichnet reflektiert. Die gleiche Erklärung gilt für die Tatsache, daß der Schall (}. B. Geschützdonner) auf weite Strecken besser zu hören ist als auf kürzere. Die Schallwellen werden von der Staudhülle wie
von einer Wölbung zurückgeworfen und werden wegen der Höhe dieser Kuppel auf sehr große Entfernungen weitergeleitet.
Die Feststellungen Vegards gehören unbestritten zu den bedeutsamsten physikalischen Erkenntnissen des letzten Jahrzehnts und bilden die Grundlage neuer wissenschaftlicher Forschungen. Die Erforschung der höheren Luftschichten ist in letzter Zeit mit besonderem Eifer beirieben worden. Im April d. I. wurden u. a. auf dem Flugplatz Fuhlsbüttel bei Hamburg durch die wissenschaftliche Flugstelle der deutschen Seewarte Höhenaufstiege ausgeführt, wobei einer der Flieger die beträchtliche Höhe von 7200 Meter erreichte. Dabei wurde eine Temperatur von 44,6 Grad Kälte festgestellt. Auf Java, wo die Witterungsverhältnisse für Luftforschungen besonders günstig sind, erreichte ein Registrierballon die Höhe von 22 000 Metern. Das Registrier-Instrument, das durch einen Fallschirm unbeschädigt zur Erde kam, verzeichnete in 11000 Meter Höhe 55 Grad, in 17 000 Meter Höhe 85 Grad unter Null. Es konnte sogar ein Weltrekord von 91 Grad unter Null erreicht werden. In noch größeren Höhen nimmt die Temperatur wieder zu. Bei einigen anderen Ballonaufstiegen auf Java wurden Rekordhöhen von 32 000 Metern erreicht.
Auch über die Windverhältnisse in den größten Höhen hat man in letzter Zeit bemerkenswerte Aufschlüsse erhalten können. Der bekannte deutsche Luft- schisfer Professor Hergesell hat sich um die Erforschung der Winde in Höhen bis zu 20 Kilometern besondere Verdienste erworben. Er stellte fest, daß in der Höhe von 2 Kilometern die Windstärke 7 Meter in der Sekunde betrug, bei 4 .Km. 9 Metersekunden, bei 6 Km. 13 M.-S., bei 8 Km. 16 M.-S., bei 10 Km. 18 M.-S., bei 12 Km. 17 M.-S.. bei 14 Km. 14 M.-S., bei ILKrn. 12 M.-S., bei 18 Km. 11 M.-S. und bei 20 Km. Höhe 11 M.-S. Die Ziffern zeigen, daß die Windstärke bis zu Höhen von 10 Kilometer zunimmt, in den noch höheren Schichten dagegen wieder nachläßt. Nicht ohne Interesse dürfte sein, daß die Windrichtung über Europa fast ausschließlich west-östlich ist und daß im Winter eine'schwache südliche Ablenluna sich beobachten läßt.
Alle diese Forschungen, deren Ergebnisse auf so verschiedenartige Weise gewonnen wurden, zeigen die ungewöhnliche Erweiterung unserer Kenntnisse
Die Lufthülle der Erde.
Ilm Lauf der letzten Jahre sind auf dem Gebiet der Luftfvrschung bedeutende Ergebnisse erzielt worden. Während man m fru- Heren Zeiten allgemein annahm, daß Der Luft- mantel der Erde nur einige Laufend Meter in die Höhe reicht, ist man neuerdings zu der Erkenntnis gekommen, daß die Lufthülle mehrere 100 Kilometer Höhe aufweifen muffe. Aber schon, bevor diese letzte große Entdeckung gemacht wurde, hatte man durch das Phänomen der Sternschnuppen auf eine weit größere Höhe der Luftschicht, als früher angenommen wurde Schlüsse ziehen können, und zwar deshalb 'weil die Höhe der Sternschnuppen mit 50—100 Kilometer über der Erdoberfläche bestimmt werden konnte und das Aufleuchten dieser kosmischen Splitter auf die Reibung mit der Lust zurückzuführen ist.
Die neuen Erkenntnisse über die Hohe, sowie über die Zusammensetzung der höchsten*lt- mospharenschichten sind dem norwegischen^ Phv° fiter am Geophysikalischen Institut in «Lromfo, Lars Vegard, zu danken, der bei der^Untersuchung des Aordlicht-Spektrums das Geheim- nis der grünen Farbe entdeckte und durch kühne Schlüffe das Rätsel der Atmosphäre loste. Wie das Licht unserer Sonne im Prismenglas sich in ein Regenbogenfarbenband (Spektrum) zerlegen läßt, aus dem man die Grundstoffe zu erfennen vermag, aus denen die Sonne besteht, so hat jede Lichtquelle ein solches Spektrum. Im Spektrum des Rordlichts hatte man über breifeig Linien (blaue, violette und rote) festgestellt, von denen man wußte, dafe sie vom Stickstoff herrührten. Rätselhaft blieb nur der Ursprung der grünen Linie. Vegard kam auf den genialen Einfall, anzunehmen, daß in einer gewissen Höhe die Stick- stoffdümpfe in eine feste Form übergehen, d. h. daß die höheren Luftschichten aus feinem kristallmlschem Stickstoftsiaub bestehen, dessen Gewicht das Gewicht • von Eis nicht ganz erreicht und infolge seiner elektrischen Ladung hi der Atmospare zu schweben vermag. Wenn nun in dem luftbunnen Raum die Ka- thodenstrahlen von der Sonne diese Stickstoffkristalle
die Schule der christlich religiösen Weltanschauung nicht nehmen zu lassen, ist es nicht unangebracht, auch auf diese Schulart andere Länder einmal die Blicke zu lenken, zumal es z. B. gar nicht der Art des Preußen entspricht, unrentabel zu wirtschaften.
Jene alte Schule der christlichen Weltanschauung wollte die Menschen vor allem 'zur Ehrfurcht er- ziehen. Ihr Ziel ist nicht eine protzenhafte Diel- wisserei nach dem System: „Wissen ist Macht", das nun in Familien und Gemeinden, ja im Volks- ganzen so verhängnisvoll sich auszuwirken beginnt, daß eben jeder sein Wissen nutzt gegen den
Irn Reuen Theater ging eine mödie in Szene, die als Stück ganz und gar nebensächlich ist „Frau Lohengrin" — die aber einer Künstlerin von ergreifender Innerlichkeit und einer tiefen Melancholie der Komik, nämlich Gisela Werbezirk zum ersten Male Geleghenheit gab, sich dem Frankfurter Publikum bekannt zu machen. 41nd das war ein Erlebnis. Das Stück spielt in dem allerdings humorreichen, travestierenden Iaraonmilieu von Czernowitz: es erinnert hier und da an die Herrnselds, für Leute, die im Theater das Massive und Grobschlächtige als positive Kunst emp- sinden, die sich gern an die Tränendrüsen und das Zwerchfell rühren lassen, mag es eine recht unterhaltende Komödie sein. Riveau bekommt die Geschichte von her ältlichen, häßlichen Rebekka Lieblich, die iyren jungen Ehemann zum Tenor ausbilden läßt, ihn an eine hochstaplerische Gräfin verliert und chn nach 3afjren als stimmlos gewordenes Lebenswrack wieder als Portier ihres neuen Hotels aufnimmt durch die große Kunst der Gisela Werbezirk. Diese Frau ist nicht bloß ein famoser weiblicher Komiker, sie ist eine feinfühlige Menschendarstellerin: sie besitzt Töne und Uebergänge, die ergreifend wirken, und in denen der ganze älnverstand der Schicksale, das Leid mißhandelter Persönlichkeiten, der resignierende Schmerz heißer Liebe schluchzt. So erlebt man durch die von wahrer Kunst geadelte Persönlichkeik einer feinfühligen Darstellerin etwas rein Künstlerisches, etwas Tragisches in der Komödie: man erblickt vermittels des Mediums dieser Frau den Abstand zwischen konventioneller Theaterhandwerkerei im Schau- spielertum und abseits der schmissigen Schablone des Virtuosentums die Künstlerin, die aus den sentimentaleii S.tuationen wie aus der drastischen Komik der Situation das Menschliche in einer ungewöhnlichen Form herausholt. Daß sich dieses Können zu einem glänzenden Erfolg gestaltete, ist selbstverständlich. L. W.
Hier heißt es für uns Evangelische: Klare Wett- anfchauung, klares Btbelwort: Das Wort, sie sollen lassen stahnl
Bei alledem haben wir damit noch keinen An- lafe, uns für ein Schulgesetz einzusefeen, das möglicherweise in seiner praktischen Auswirkung einer Zerreißung und Zersplitterung nichtkatholischer Volksteile Tür und Tor öffnet. Die Frage ist bloß, ob sich bei einer evangelischen Formung und Fas- jung des Gesetzes nicht ein brauchbarer Entwurf her stellen ließe, der alle jene Bedenken beseitigt. Und das erscheint durchaus möglich, wenn einmal in deutschen Landen der Terror der Draanifationen ge brachen ist, und unser deutsches Volk wieder zu sich kommt.
Wie der Staat, dessen prominente Vertreter z. 4.. religionslos sind, nicht das Recht hat, Kinderseelen zu vergewaltigen, so kann man unmöglich dem Staate die Verpslichtzing zuweisen, für jeden eine Extraschule zu schassen. Für den Staat gilt als oberstes Gesetz: Gleiches Recht für alle. Das heißt in die Tat umgesetzt: Es hat keiner das Recht, zur religiösen Erziehung eines Kindes den Staat finanziell höher zu belasten als der andere. Es wird leider ein frommer Wunsch bleiben müßen, daß jeder, der deutsche Jugend unterrichtet, auf christlichem Stand punkt stehe; aber der Staat, der beim Eid, in sozialer, zivil- und strafrechtlicher Beziehung durchaus christliche Gedanken zur Auswirkung bringt, müßte von jedem Deutschen verlangen, daß er einmal in seiner Jugend erfahren hat, was Christentum ist. Später kann er es ja dann halten, wie c rwill. Zum mindesten muß er aber auch als Gegner des Christen- tums wissen, was es ist, worüber er schimpft. Das, was der Staat verlangen kann, wird — sehen wir vorn Judentum ab — innerhalb der beiden großen Religionsgemeinschasten geleistet. Wer außerhalb dieser Religionsgemeinschasten etwas Besonderes erstrebt, kann es tun nach eigenem Belieben. So wird es auch in vielen Staaten gehalten, die in ihren Finanzen außerordentlich sparsam wirtschaften. Unter diesen Voraussetzungen ließe sich sicher ein brauchbarer Gesetzentwurf ermöglichen, der auch in Hessen an vielen Orten die Einführung der jedenfalls idealen Bekenntnisschule, d. h. der freien Schule der christlichen Weltanschauung ermöglichte.
Einst hat trotz aller feindlichen Gegenwehr der römische Staat sich davon überzeugen müssen, daß er die besten durch das Christentum in seinem Volk entwickelten Kräfte, die er selber doch nicht schaffen konnte, nicht zu entbehren vermochte, und machte darob die Religion zu einer Sache des Staates, ohne zu merken, daß er damit dem Christentum seinen ursprünglichen Charakter nahm und seinem eigenen Unheil etwa so den Todesstoß versetzte. Die Folge war, daß unter dem staatlichen „Schutze" das lebendige Christentum erstarrte und die religiös-sittlichen Kräfte erlahmten, bis dann ein deutscher Held es aus jahrhundertelangem Schlafe wieder wecken mußte. Gleicherweise wird der heutige Staat sich klar werden müssen, daß auch heute hier wieder Kräfte sind, auf die er in der Zeit der sittlichen Not erst recht nicht verzichten darf, daß aber heute wie einst jede staatliche Reglementierung der Religion ihm selbst, wie der Jugend und dem Elternhaus zum Unheil geraten muß. Ober sollte das Land der Reformation das einzige sein, wo die Heranwachsende Jugend in der wichtigsten Zeit ihres Lebens durch staatlichen Zwang größtenteils von der religiösen Gemeinschaft abgeschnitten ist, der sie doch die Eltern schon in frühester Jugend feierlich an- oertraut? .
Angesichts der verzweifelten sittlich-religiösen Verfassung unseres deutschen Volkes, die sich schon in der Ueberfüllung der Anstalten und Rettungs Häuser sowie dem rapiden Geburtenrückgang kund tut, wäre es geradezu verhängnisvoll, wenn man eine Lösung dieser Frage vom Standpunkt der äußeren Macht und Gewalt oder nach Rücksichten einem Stande gegenüber versuchen wollte, statt daß beide. Schule und Kirche, sie zu lösen suchen nach dem Maße der Kräfte, die jedem verliehen sind. Hier muß sieb ein Weg finden, der nach dem Maße der Kräfte jedem sein Recht gibt und ein reibungsloses Zusammenarbeiten möglich macht, oder die religiösen Gemeinschaften müssen den Terror des Staates brechen und wie in anderen Staaten, Amerika, Frankreich, Belgien u. dgl. selber für die Erziehung ihrer Jugend sorgen. Eine Lösung aus diesem Konflikte, der durch die Trennung von Kirche und Staat entstanden ist, ist nur möglich durch die freie Schule der christlichen Weltanschauung. Sie gibt dem Lehrer der höheren Atmosphäre und Hilden ein gutes Fundament für die Bestrebungen, diese Slrbeiten mit ermutigtem Fleiß fortzufetzen.
Frankfurter Theater.
Körper durchpulst. Das Kind lernt auch in den anderen Stunden wie Geschichte, Deutsch, Natur- lehre und dgl. die Welt mit den Augen des Christen schauen, und eine Stunde nimmt nicht, was die andere gegeben hat. Hier ist die Schule erweiterte Erziehung des religiösen Elternhauses und gibt den Eltern in ganz anderer Weise die Möglichkeit, mit Lehrern, die ihnen schon religiös nahe stehen, sich zu besprechen.
Die Schule der christlichen Weltanschauung fördert und vertieft jede besondere Art und wirkt darum gemeinschafts- und volkstumbildend. Während die staatliche Zwangsgemeinschaftsschule eine Uniformierung erstrebt, indem sie nur das Gemeinschaftliche pflegt und fördert, bewirkt sie ein Los- reißen von Art und Wesen, von alten Sitten und Gebräuchen der religiösen Gemeinschaften, in denen das Volkstum wurzelt, ja löst auch die zarten Wurzeln des Glaubens, in denen das deutsche Volksleben haftet, ohne etwas anderes dafür zu geben. Träger des Volkstums ist darum in erster Linie die religiöse Gemeinschaft, deren lebendig^ Zelle die Familie ist, nicht aber der Staat. Wo der Staat von sich aus die Volksgemeinschaft bilden wollte, hat er wie in Polen, Lothringen immer Unheil angerichtet, und im Grenzlandkampf des Deutschtums gegen Dänemark wird sogar die staatliche Unterstützung als ein Hindernis empfunden. Aus dem gleichen Grunde wirken unsere Auslandschulen auf dem Balkan keineswegs volkstumfördernd wie z. B. die französischen, weil es bloß Lernschulen sind, hinter denen keine Weltanschauung steht, wie ein Kenner des Balkans mir bestätigte.
Wenn die neue pädagogsche Religionswissenschaft etwas Brauchbares gezeitigt hat, dann ist es: Veranschaulichung des Stoffes und Illustrierung in der Betätigung. Diese Erkenntnis kommt nur allein in der christlichen Weltanschauungsschule zur vollgültigen Auswertung, weil hier jeder Lehrer in jeder Stunde bei der Betrachtung des gesamten Stosses die religiöse Bildung des Kindes fördern muß.
Die ftaatliche Zwangsgemeinjchaftsschule, die kein Volk der Erde hat, muß nach den Gesetzen der Schwerkraft mit der Zeit zu einer Gemeinschafts- und Einheitsreligion führen, nach dem Rezept: „Christ, Jud' und Hottentott, sie glauben all an einen Gott." Sie kann auch direkt den Uebergang zur weltlichen Schule bilden, mit welcher man heute schon zu drohen beginnt. Es ist jedenfalls nicht Zufall, daß in Hessen nach fünfzigjährigem Bestehen der Simultanschule eine von gewisser Seite erfundene Einheits- ober Deutschreligion, in der die deutschen Dichter als die neuen Propheten gelten sollen, schon vor Jahren unliebsames Aufsehen erregte, und viele dieser Gefahr erlagen.
Hier ist eben die Religion zu einem erstarrten Dogma geworden, zu einem Ragout, das sich jeder einzelne nach dem Maß seines Erkennens und feiner Belesenheit, wie es ihm am besten schmeckt, selber macht. Nur ist die Frage, warum man das nicht auch jedem Kinde selber überläßt, wenn man so jeden feine eigene Religion sich machen läßt. Geistige Inflation, Infusion und Konfusion'.
Welch ein Irrtum zu meinen, es fei die Konfession überwunden! Man übersieht hierbei völlia, daß der Unterrichtende, der ein Stück seiner Seele gibt, niemals seine Weltanschauung auf die Dauer verleugnen kann, falls er eine solche hat, sodann daß Weltanschauungen sich nicht vermengen lassen, und drittens, was noch die Hauptsache ist, daß Religion etwas lebendig Wachsendes, nicht aber etwas Totes ist. So möchte man einen religiösen Unterbau schassen, auf den sich dann später der konfessionelle Ausbau nach Belieben setzen lasse. Die Behandlung der Reformationsgeschichte, der gewaltigsten Epoche deutschen Geisteslebens, die für die Simultanschule schon sowieso eine heikle Sache ist, würde dann bei dieser schemenhaften Religionsbetrachtung überhaupt Blut und Farbe überflüssig werden.
Der Gedanke dieser konfessionslosen Einheitsreligion hat in der Tat etwas Bestechendes! Er verkennt nur ganz, daß es bei einer Religion nicht ist wie bei totem Gestein, sondern daß es hier ist wie bei einer Pflanze, in der sich das Leben von der Wurzel bis zur Spitze regt, und der Strom des Lebens alle Zellen gleicherweise durchdringt. Es ist wie bei echtem Wem, bei dem es sich nun einmal nicht machen läßt, daß man erst eine Art Einheitswein fabriziert und dann durch die nötig erscheinenden Zutaten und Etiketten die verschiedenen Sorten nach Verlangen herstellt. Das gäbe auch im geistigen Heben eine ganz üble Panischeres sondergleichen.
Die freie Schule der christlichen Weltanschauung.
Bon Pfarrer Weck- Steinfurth.
Nachdem vor kurzem Herr Kreisschulrat Fischer-Gießen hier zur Simultanschule Stellung genommen hat, geben wir im folgenden einem Anhänger der Konfessionsschule das Wort, ohne uns mit den Darlegungen beider Herren zu identifizieren. D. Red.
Wer heute die vielen von gewisser Seite oeschriebenen Artikel lieft über das Thema: Konfessionsschule oder Simultan- schule, der muß den Eindruck bekommen, daß die Konfessionsschule geradezu einen Zustand überlebter Barbarei darstellt, und es ist für die, welche es eigentlich zunächst angeht, nämlich die Eltern, eine schwere Sache, sich in einer Zeit Gehör zu verschaffen, in der die wogende Leidenschaft eine sachliche Betrachtung kaum aufkommen läßt. Wenn man in gewissen Blattern lesen kann, daß die 'Einführung der im neuen Schulgesetz vorgesehenen Konfessionsschule oder Weltanschauungs chule uns 50 Jahre zurückwerfe, dann wird man ich auf einmal erst klar, auf welcher Höhe unsere Schulen in Hessen, Baden und Nassau eigentlich stehen, und wie sehr doch in dieser Beziehung alle anderen Staaten Deutschlands, ja der. christlichen Welt gegen uns rückständig sind.
lur wenn man zuweilen mal die Jugend betrachtet, die leider alles ach nur zu gut weiß, ja besser weiß, und seine eigenen allen Lehrer und Ettern sich vergegenwärtigt, dann kommt einem in nachdenklichen Stunden cm gewissen Besinnen, war denn eine Zeit, vor 50 Jahren, nein, sagen wir einmal 100 Jahren, da man Ehrfurcht als das höchste Ziel aller Erziehung lehne, wirklich qualitativ so sehr im Rückstand gegenüber einer Zeit, die in so vielen wechselnden Methoden, Experimenten und Spielereien sich verliert, ja eigentlich gar kein festes ideales Ziel hat ? Denn was soll z. B. heißen: „Erziehung zum Staat", vor der man so viel Heft?
Schon die Uebcrfefeung Bekenntnisschule gibt einen Begriff der Enge und erinnert an das Wort „Dogma", das auf viele Menschen die Wirkung hat, die ein rotes Tuch auf ein gewisses Tier ausübt, und das Wort Gemeinschaftsschule hat etwas so überaus Einschmeichelndes.
Sollte die Benennung: Freie Schule der christliche.! Weltanschauung und staatliche Fwangsge- meinschaftsschule nicht ganz anderes den Kern der Sache treffen? Ich gehöre nicht zu denen, die die alle Simultanschule prinzipiell verwerfen und gebe zu, daß sie in manchen konfessionell gemischten Gegenden unseres Landes unter Umständen angebracht ist, aber will man klar sehen, dann muß man sich erst mal das Blickfeld frei machen von^all den Dingen rein äußerlicher Art, bei denen die Fragen: Was kostet's? Wer soll das bezahlen? Woher sollen die Lehrer kommen? Was will Rom? u. dgl., und man muß vor allen Dingen sich hüten, diese Frage« al- eine Standessrage anzusehen, die zum Wohl unseres Volkes vom Gesichtspunkt einer Organisation zu lösen wäre. Denn die Beantwortung aller dieser Fragen hat man schon qar oft ganz anders gelesen, wenn man etwa von den vielen abgebauten Lehrern schrieb, die, mit 80 Prvz. abgebaut, nun zur Untätigkeit verdammt fein sollen ober für die unbeschäftigten Tausende von Junglehrern staatliche Subventionen zu erlangen sucht, ober wenn man die zum Ueberdruß gebrauchten schönen Worte immer wieder hören mußte: Für unsere Jugend ist das Beste gerade gut genug.
Ebenso vermag die Berufung aus die Reichsver- fafjung, deren Entstehen uns in die wunderbaren Zeiten eines A. Hofmann zurückführt, kaum zu überzeugen, denn es gibt gar viele Eltern, denen nun einmal die Reichsverfassung nicht der Weisheit letzter Schluß ist, und wenn die |o ort als unfehlbar hingestellten Methoden der Schule wie die Moden wechseln, dann darf man sich ja mit Recht fragen, warum denn gerade die Reichsverfassung ewig rückständig bleiben solle.
einer Zeit, ba so mancherlei Niedergangser- scheinungen in unserem Volke unb besonders in unserer Jugend sich bemerkbar machen, die Schule ihre Verbindung mit Eltern, Staat unb Kirche mehr als je verloren hat — bie Eltern haben lediglich die Kinder zu liefern, der Staat für Gehalt und gehobene Stellungen zu sorgen, alle aber nichts zu sagen —ja in einer Zeit, in der man in den großen Staaten Deutschlands sich in Etternkreifen rusiet, sich
verspüren. Auch.will diese Schule nicht zum Staate, dem toten Schema, das nach der Stärke der Parteien wechselt, zu dem Vielerlei der Parteien erziehen, von denen natürlich jede es besser weiß wie die andere, sondern sie hat ein überparteiliches, überweltliches Ziel, das niemals in der Parteien Hader hinunterzusinken vermag: Ehrfurcht und das, was sie voraussetzt, Pflicht, Treue, Gehorsam bzw. staunendes Achten ober achtenbes Staunen vor dem, was um uns, unter uns und über uns, ja zuletzt, was in uns ist, wie einmal ein Großer es fo fein gejagt hat. Es ist schwer zu sagen, was heute unsere Zeit nötiger braucht.
Diese Schule der religiösen Weltanschauung gibt den Ettern doch noch einigermaßen Gewißheit, daß ihre Kinder doch wenigstens von christlichen Persönlichkeiten erzogen werden, leben wir doch in einer Zeit, da Tausende und Abertausende sich von der Christusreligion abgewendet haben und sich Geheimreligionen menschlicher Erkenntnis und mystischen Wahns zuwenden ober aus dem Gottmenschen sich Menschengötter machen, bzw. dem religiösen Nihilismus verfallen: unb dabei gibt es kaum eine beamtete Arbeit, die in ihrer Gesamtheit si chdermaßen dem öffentlichen Urteil entzieht als der Unterricht unmündiger Kinder durch gar oft selbst noch nicht fertige Menschen.
Wenn man ein Kind Musiker werden lassen will, dann sorgt man, daß das Kind in seinen Lernstunden mit Menschen zusammenkommt, die mit Lust unb Liebe baranhängen, die Sache verstehen und treiben. Ja selbst der Dogelliebhaber wacht ängstlich darüber, daß seine mehr ober minber gelehrigen Lieblinge nur zu guten Sängern kommen, damit sie nicht verdorben werden. Ist Religion überhaupt lehrbar, dann kann es hier doch nicht anders sein, zumal man heute doch allgemein den Grundsatz anerkennt, daß nicht bloß der Unterricht, sondern auch Vorbild. Beispiel und Anschauung erziehen. Es muß doch gerade als eine Versündigung an der Kindesseele erscheinen, wenn man Eltern, die ein Kind zur Schule senden, zwingen will, ihr Kind dauernd und zwangsweise mit Menschen zu- sammenzutun, die über bas, was der Kindesseele heilig ist, anders denken, oder gar darüber spotten. Gerade die der Kindesseele geschlagenen Wunden brennen tief unb schwer. Wie schützt man doch bie Tiere gegen alle möglichen Krankheitskeime, nur die Kindesseele setzt man schutzlos allen möglichen Bakterien aus, statt die Zeit abzuwarten, bis die junge Seele sich gefestet.
Die Schule der religiösen Weltanschauung erzieht zur religiösen Gemeinschaft. Etwas vom Schlimmsten, was uns bie Lernschule vielerorts gebracht hat unb auch offen in Zeitschriften zugegeben wirb, ist, daß man bas Kind lehrt, Religion unb Kirche seien zwei verschiedene Dinge. Man könne Religion haben, ohne in die Kirche zu gehen. Das wird den Kindern nicht bloß gesagt — man will sie doch von der Kirche weg zum Staat erziehen — sondern das wird auch den Kindern vielerorts von Männern vorgelebt, die dem Kinde unbedingt ein Vorbild und Beispiel sein sollten. Nichts aber ist schlimmer als halbe Wahrheit. So wird das Kind vom Mutterboden seines Glaubens entwurzelt, es verliert das, was ihm für das Leben einen Halt gibt, und sein Glaube stirbt in der Külte des Lebens. Wo aber der Erzieher weiß, daß er nicht bloß Kenntnisse zu vermitteln hat, sondern auch über der Kinder Seele zu wachen, sie zu erziehen, da wird er, schon innerem Zwange gehorchend, wissen, was für ein Vorbild er schuldig ist. Die Schule der religiösen Weltanschauung bietet den religiösen Anschauungsunterricht in der erreichbar bestmöglichen Form. Hier ist Religion md)t em tfaa) neben andern Fächern, das man wie die «chuolade im Krämer laden auf Wunsch zieht oder drinnen läßt, sondern hier erscheint Religion als tue Sonne, bie bie ganze Welt des Kinbes, Unterricht und Leben durchwärmt und durchsonnt, der. Herzichlag all seines Schauens und Denkens, der den ganzen


